Cornelia Bentivogli

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Autor: Johann von der Babenburg
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Titel: Cornelia Bentivogli.
Untertitel: Novelle
aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 14, S. 58/59 und Nr. 15, S. 60.
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
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[58]
Cornelia Bentivogli.
Novelle von Joh. v. d. Babenburg.




Zu Bologna hielten sich einsmals zwei spanische Studenten auf, Antonio de Iduna und Juan de Gambia, die, von edlen, sehr reichen Aeltern, und in der Blüthe der Jahre, keine Jugendlust unterweges ließen, und wohl mehr nach den schönen Mädchen und Frauen sich umsahen, denn nach ihren Büchern und Heften. Unter den vielen Schönen der Stadt aber war damals die Krone Cornelia Bentivogli, deren Vorfahren einst über Bologna geherrscht. Sie lebte seit dem Tode ihrer Aeltern unter dem Schutze ihres Bruders Lorentio, der sie in der strengsten Eingezogenheit hielt, wie ein schönes Gemälde, das leicht an der Luft verderben mag, so daß sie ausser bei ihrem Kirchgange kaum zu sehen war.

Einst begab es sich, daß Juan de Gambia, tief in der Nacht von einem lustigen Gelage eben nach Hause gehend, als er bei Cornelia’s Wohnung vorüber kam, sich zurufen hörte, er solle an die Hausthüre treten. Das gethan fragte ihn eine fremde Stimme, ob er Giovanni sey, worauf er, irgend ein ergözliches Abenteuer vermuthend, auf alle Gefahr hin Ja sagte. Sofort übergab man ihm ein Bündel mit dem Bedeuten, es wohl zu verwahren und dann wieder zu kommen, und schloß die Thüre hinter ihm ab. Wie er nun so allein auf der Straße, merkte er bald, er trage da ein neugeborenes Kind, und man habe ihn wohl für einen Andern angesehen. Nach kurzem Besinnen trug er jedoch diese Gabe nach Haus, und befahl sie seiner Wirthin auf das Sorglichste, um so mehr als er aus dem Wickelzeug des Kindes wohl sah, es stamme von reichen Leuten. Hierauf kehrte er wieder nach dem Hause zurück, wo er so beschenkt worden; da hörte er Einen um Hülfe rufen und sich gegen Viele, die auf den eindrangen, mühsam wehren. Sogleich zog er seinen Degen und stand dem Bedrängten bei, bis endlich Wachen dazu kamen, und die Meuchelmörder verjagten. - Beide, Juan und der Gerettete, waren leicht verwundet, auch hatte Juan im Gefechte seinen Hut verloren. Den nächsten besten jezt von der Straße aufhebend, sagte er noch seinem Schüzling auf Begehren seinen Namen, und begab sich, da mehrere Diener kamen jenen fortzuführen, nach seiner Wohnung.

Unterdessen war Antonio ausgegangen, seinen Landesgenossen zu suchen; da stürzte ihm ein Weib entgegen, das ihn um Gottes und aller Heiligen Willen bat, sie zu schützen und in Sicherheit zu bringen. Er war dazu gerne bereit, und führte sie sorgsam nach seinem Hause; aber mit Erstaunen bemerkte er da, wie sie von ungemeiner Schönheit und sehr reich gekleidet. Auf das Ehrerbietigste suchte er sie nun zu beruhigen, und ihre Begebenheit von ihr zu erfahren, aber sie sprach nichts als in höchster Angst, er möge sie verbergen, und dann nach der Straße eilen, unter denen, die sich dort ermorden wollten, Frieden zu stiften.

[59] Antonio gehorchte; bald aber begegnete ihm Juan, der sogleich das ganze Abenteuer, so er eben bestanden, ihm lachend erzählte. Zu Hause angelangt, wollte Antonio seinen Gefährten nicht in das Gemach lassen, wo er die Signora verborgen; aber indem er die Thüre aufschloß, schimmerte das Edelgestein auf Juan’s Hute so hell hinein, daß die schöne Gefangene, es erblickend, freudig erschrocken rief: „O lieber Herzog, tretet doch herein, und rettet mich selbst aus meinem Kerkern.“ Antonio versezte, es sey ja kein Herzog hier, sondern sein Freund und Stubengenoß, für den er nun Einlaß erbitte. Aengstlich und weinend fragte die Signora den Eintretenden: „woher habt ihr diesen Hut?“ Da erzählte ihr Juan die wunderliche Begebenheit, und nun erst trocknete sie die Thränen ihrer leuchtenden Augen, und wollte eben ihre Geschichte beginnen, als sie das Schreien eines Kindes vernahm. Freudig betroffen fragte sie die Jünglinge, wo das Kind sey und wem es angehöre, und bat dringend, es ihr zu bringen. Das geschah, und Juan berichtete, wie es ihm übergeben worden. Da drückte es die Signora in hoher Freude an ihre Brust, und nach langem Schweigen erst, während dem sie mit inbrünstigster Zärtlichkeit ihre Blicke und Lippen auf das Kind geheftet, sprach sie: „Ich bin Cornelia Bentivogli, und dies Kind ist die Frucht meiner geheimen Ehe mit dem Herzog von Ferrara, Alfonso von Este. Bei einer Freundin dessen genesen, wollte mich mein Gemahl eben insgeheim nach Ferrara entführen – denn mein Bruder ist sein heftigster Feind, - da entdeckte uns der, und fiel den Herzog meuchlings an, ich aber entfloh, den Tod fürchtend von meinem wüthenden Bruder, dem Geliebten Hülfe zu suchen und nach unserm Kinde zu eilen, das meine Kammerfrau einem vertrauten Diener des Herzogs übergeben sollte, euch aber, Don Juan, für diesen gehalten hat.“

Die Jünglinge überließen nun der Herzogin ihre Wohnung, und eilten, da die Morgenröthe schon zu nahen begann, an dem Orte, wo diese Nacht das Gefecht sich entsponnen, Nachricht über den Herzog einzuziehen. Aber jede Nachforschung blieb fruchtlos, und schon wollten sie trostesarm zur Herzogin zurück, als Lorentio ihnen auf der Straße entgegen kam. Schon früher mit den Spaniern bekannt, redete er sie an, und erzählte ihnen, was sie längst wußten, den Hergang der Nacht, und wie er nun sogleich nach Ferrara reiten und den Herzog ob der Entehrung seiner Schwester zum Zweikampf fordern wolle, aber in Verlegenheit sey, so früh und schnell würdige Begleiter zu finden. Sogleich erboten sich die Spanier dazu, im Stillen den glücklichen Zufall segnend, der ihrem Dienste für Cornelia so günstig war, und alsbald ritten die Drei, von mehreren Dienern begleitet, gen Ferrara.

[63] Die Herzogin harrte in schmerzlicher Bangigkeit der Rückkehr ihrer Beschützer; als es aber bald Mittag war, und sie noch immer nicht erschienen, faßt sie Argwohn, sie möchten sie ihrem Bruder verrathen haben, oder selbst von diesem verfolgt werden. Daher glaubte sie sich hier fürder nicht mehr sicher, und beschloß, in Kleidern der Hauswirthin mit ihrem Kinde sogleich aus Bologna gen Ferrara zu entfliehen. Die gutmüthige Hausfrau drang darauf, sie begleiten zu dürfen, erwähnend, der Pfarrer eines Dorfes an dieser Straße sey ihr verwandt, bei ihm könnten sie in jedem Falle freundliche Aufnahme finden. So zogen denn auch beide Frauen mit dem Kinde aus Bologna, und gelangten nach etlichen Stunden zu dem Pfarrer, wo Cornelia sich so ermattet fühlte, daß sie hier zu übernachten sich wohl mußte gefallen lassen.

Die drei jungen Ritter aber mochten eben ein Paar Stunden über dasselbe Dorf hinaus gekommen seyn, da sahen sie in der Ferne einen Reiterzug herantraben. Bald erkannte Juan den Herzog inmitten, und Lorentio sagend, er wolle dem sogleich die Ausforderung bringen, sprengte er auf ihn zu. Auch der Herzog hatte an seinem Hute in dem Nahenden sogleich seinen Retter wieder erblickt, und war nun doppelt freudig überrascht, als ihm dieser statt der Ausforderung auf das Umständlichste Nachricht gab von seiner Gemahlin und seinem Kinde, und zulezt erst von Lorentio’s Irrthum. Schnell ritt nun der Herzog mit ihm auf den feindlichen Schwager zu, und erklärte dem bei seiner Ehre, wie er seine Schwester und sein Geschlecht keineswegs beschimpft, sondern mit ihr längst heimlich verehlicht, auch gerne bereit sey, vor aller Welt sich nochmals feierlichst mit ihr einsegnen zu lassen. Da brach der Stolz, in der Schwester Ferrara’s Herzogin zu sehen, Lorentio’s Zorn, und alle Vier zogen jezt versöhnt und in vergnüglicher Eile, vereinten Gefolges, zurück gen Bologna.

Von dem Pfarrhofe hatte Cornelia’s Begleiterin indeß sorglich die Landstraße beobachtet zu der Herzogin Sicherheit; nun gewahrte sie mit Eins die vier Ritter fröhlich und schnell in das Dorf reiten, und lief ganz verwundert in das Haus, der Herzogin die seltsame Botschaft zu bringen. Aber die Spanier hatten sie gleichfalls noch erblickt, und, irgend etwas Besonderes ahnend, sprengten sie in den Hof und wollten, von den Rossen fliegend, eben in das Haus, als der Pfarrer ihnen den Weg vertrat, sie zweifelnd anschauend. In ihrer Fröhlichkeit aber schrieen sie nun so laut, Alles sey versöhnt, der Herzog sey da, daß es bis zu Cornelia drang. Die kam jezt, ihr Kind auf den Armen die Treppe herabgeeilt, dem Gemahl und Bruder entgegen. Eben waren die auf der Spanier Geschrei auch eingeritten, und der Herzog stürzte vom Pferde zu Cornelia’s Füßen und Lorentio reichte ihnen die Hand zur Versöhnung. – Weil sie nun aber eben hier bei dem Pfarrer so unverhofft sich wieder gefunden und vereint hatten, mußte der Cornelia und Alfonso noch denselben Abend in seiner Kirche feierlich einsegnen. Am andern Morgen zogen dann Alle nach Bologna, und bald nachher nach Ferrara zurück, wo der Herzog seine Vermählung mit große Pracht feierte.

Die beiden spanischen Studenten aber stiegen durch diesen Vorfall bei den Frauen und Mädchen Bologna’s in noch größere Gunst, und blieben auch von nun an in innigster Freundschaft mit dem herzoglichen Ehepaar, kamen auch später noch oft aus Spanien nach Ferrara, sich des Abenteuers jener Nacht in Bologna zu erfreuen.