Correspondenz-Nachrichten, Dresden, Anfang September 1828
Ziemlich lange erzählte ich Ihnen nichts aus unsrer freundlichen Elbstadt, und ich eile nun, das Versäumte nachzuholen. Daß sich Dresden von Jahr zu Jahr verschönert, ist unläugbar; die vielen heitern Anlagen und neuen Häuser und Gärten vor der Neustadt machen von dieser Seite her die Residenz für Jeden, der sie einige Jahre nicht sah, fast ganz unkenntlich, und geben ihr ein weit anmuthigeres Ansehen, als sie ehemals hatte. Das neue Wachhaus und das neue Zollgebäude, welche jetzt einander gegenüber auf dem Platze des Japanischen Palais im edelsten römischen Styl erbaut werden, nehmen sich trefflich aus, und wenn dieser Bau vollendet seyn, und der schöne große Platz von allen übrigen kleinen Baraken befreyt seyn wird, so kann er gewiß mit den herrlichsten Plätzen, selbst weit größerer Städte, wetteifern. Eine sehr wohlthuende Einrichtung wurde jetzt getroffen, indem neben dem Haupteingang der Stadt von der Brücke aus durch das Schloßthor noch zwey Nebengänge dicht dabey für die Fußgänger eingerichtet wurden, man legte Trottoirs von ihnen aus bis zur Brücke, und baute einen Quai mit eisernem Geländer von der Brücke rechts herab; nicht allein verschönert dieß den Schloßplatz, sondern es verhütet auch manches mögliche Unglück, und verdient daher sehr dankbar erkannt zu werden. So ist es auch recht interessant, die Säle im Palais des großen Gartens, welche dem Verein der Flora durch königliche Huld eingeräumt wurden, jetzt erneuern und einrichten zu sehen; da diese Säle mit aller Pracht des vorigen Jahrhunderts gebaut, und phantastisch, üppig reich ausgeschmückt und mit Stuckaturornamenten sowohl als Frescogemälden verziert sind, so bilden sie nun, frisch erneuert, einen wahrhaft imposanten Anblick, der besonders durch die herrliche Aussicht auf beyden Seiten eben so reizend als großartig erscheint. Der kleinere, zu den Sitzungen bestimmte Saal ist vollendet, an dem großen aber wird noch eifrig gearbeitet. Solche Denkmähler des Geschmackes voriger Zeit haben, besonders in Hinsicht auf Culturgeschichte, etwas höchst Interessantes für jeden Denker.
Die dießjährige Kunstausstellung ist mit keiner Industrieausstellung verbunden, dieß ist für den ästhetischen Sinn unstreitig angenehmer, denn obschon Gewerbfleiß und Kunstgenius gewiß gleich ehrwürdig sind, so gehen sie doch ungern Hand in Hand. Indeß vermindert es die Zahl der Besuchenden, da zumal die meisten Einheimischen alles, was Industrie und Gewerbe betrifft, mit weit wärmerer Theilnahme betrachten. Hingegen ist es bey der armen Kunst zum allgemeinen Ton geworden, ihre Werke nur als Zielscheiben [995] des Spottes, Witzelns und Krittelns zu betrachten, nie sich über das Gelungene zu freuen, nie das Gute zu bewundern, sondern einzig das Mangelhafte aufzusuchen! Da dieser Ton von den Künstlern selbst ausgeht, und unter ihnen bis zu den jüngsten Anfängern herab herrscht, so muß man wahrlich mit Rührung die innere Wärme des Kunsteifers bewundern, durch deren himmlische Kraft doch noch, trotz aller sie umwehenden, scharfen Eisesluft, so manches wahrhaft Schöne erblüht! Doch man fühlt es deutlich, sie muß endlich, verschüchtert, vollends erkalten; – schmerzlich sieht man diese Winterszeit nahen, die wohl, einmal eingetreten, für Generationen dauern kann – gewiß aber um nachher desto ersehnter und frischer zu erblühen! diesem Zeitenwechsel ist nun einmal Alles auf Erden unterworfen!
[1002] Lassen Sie uns indeß dasjenige, was jetzt noch freundlich geboten wurde, mit unbefangenem Auge betrachten. Der beschränkte Raum dieser Blätter erlaubt mir nicht, auf Alles aufmerksam zu machen, sondern nur einzig das Ausgezeichnetste zu erwähnen. Daß kein historisches Gemälde im größern Styl da ist, muß wohl entschuldigt werden, da wir erst voriges Jahr zwey bedeutende Werke dieser Art hier sahen; selbst an weit größern Orten sind nicht alle Jahr Kunstausstellungen. An Landschaften, Tableaux de genre und Porträts ist kein Mangel. Wenn wir zuerst die Landschaften betrachten, so verweilen wir freudig vor den mannigfaltigen schönen Werken unsers braven Professor Dahl. Mit besonderer Liebe stellt er Gegenden seiner Heimat dar. Großartig und herrlich ist der Wasserfall bey Kongsberg in Norwegen ausgeführt, die schäumenden Fluten, die fortgerissenen Baumstämme, die fernen düstern Tannenwälder, der ernste Ton des Ganzen stimmt zu tiefer Betrachtung, das kleine Bildchen von ihm, welches den Dom zu Roelskilde, diese Begräbnißkirche der Könige von Dänemark, an einem Wintermorgen darstellt, wo sanfte Purpurglut über den Schnee hin schimmert, ist überaus anziehend und meisterhaft gemalt. Noch ein Norweger Bildchen, eine Ansicht von Dresden von einer Blumenterrasse aus, ein zwischen Büschen und Wiesen liegendes Schloß bey Wurzen und eine treffliche Copie einer großen italienischen Landschaft von Both, bezeugen den rastlosen Fleiß des wackern Meisters. Unter den jüngern Künstlern erwähne ich zuerst Goldstein. In seinen Landschaften herrscht eine schöne Wahrheit und Wärme des Farbentones, ein treues Studium der Natur und besonders eine treffliche Sicherheit und Bestimmtheit in Darstellungen von Gebäuden; sein Dom zu Mayland im Mondlicht unter sternenklarem Nachthimmel, und seine Münsterkirche zu Straßburg, sind gerade dadurch anziehend, daß sie den Reiz landschaftlicher Gemälde mit der Bestimmtheit der Architectur vereinen; sehr schön stellte er die Gegend bey Eslingen, Baden-Baden in der Pfalz, die Ruinen zu Heidelberg und einen Schweizersee vor; der warme Hauch des süddeutschen Sommers weht um diese Berge und athmet in den frischen lieblichen Thälern. Einen Anflug sanfter Schwermuth findet man dagegen fast in allen Arbeiten von Ernst Öhme, welcher ihnen aber einen sinnigen, ächt poetischen Reiz gibt, ohne je in leere mystische Phantasterey auszuarten. Sein Begräbnißzug [1003] einer frommen Brüderschaft durch den ganz dichten Morgennebel hin im Spätherbst ist ausgezeichnet schön. Es ist, indem man dieß Bild betrachtet, als läse man das Wort: „Leben“ rückwärts und sähe es so sich in Nebel auflösen! Je länger man hinsieht, desto bestimmter schimmert alles durch, am hellsten am Ziel das Kreuz des Glaubens! – Auch die Herbstesfrische des Thales bey Colditz ist recht brav aufgefaßt in seinem andern größern Gemälde, doch besonders reizend sind zwey kleine Bildchen dieses Künstlers, dessen schönes Talent jede Ermunterung verdient: der köstlich klare See mit seinen rieselnden Wellen bey Roveredo, und die Alpengegend bey Finstermünz in Tyrol mit rosiger Abendglut auf den Gletscherspitzen. Der brave Landschafter Richter weiß seinen Werken besondern Reiz zu geben durch die Leichtigkeit und Grazie der Gestalten, womit er sie belebt. Reichen Stoff hiezu sammelte er in Italien; sein Zug römischer Landleute, die nach Civitella hinauf steigen, seine schöpfenden Mädchen am Brunnen, sind die lieblichsten Idyllen; – damit vereint er liebevolles Studium der Natur, jeder Baum, jede Pflanze, jeder Stein ist mit porträtartiger Treue nachgebildet und das Ganze doch leicht und harmonisch dargestellt.
Vom Professor Friedrich ist ein treffliches kleines Bild hier: ein düstrer Fichtenwald, auf den die ersten Schneeflocken fielen; von Traugott Faber mehrere hiesige treu dargestellte Weinbergsgegenden, und von Eusebius Faber einige en gouache gemalte recht gute Landschaften. Der Schiffzug auf der Donau, von Klein aus Nürnberg, die kleinen Landschaften von Leypold, so wie die Viehstücke von Gauermann sind anziehend und befriedigend. Doch es ist Zeit, uns zu den Porträts zu wenden. Die beyden Kniestücke des Professor Vogel, unsern regierenden König und unsre verklärte Königinn vorstellend, beschrieb ich schon ausführlich voriges Jahr. Besonders rührend ist die glückliche Auffassung des Geistes und Ausdrucks bey dem Porträt der höchstseligen Königinn. Professor Hartmann malte eine reizende Pohlinn und hatte die glückliche und zugleich so charakteristische Idee, einen Spiegel so neben die Gestalt zu stellen, daß wir in ihm das noch interessantere Profilbild derselben erblicken, welches jedoch so leise in gebrochenen Tönen zurückweicht, daß es nicht im mindesten den Totaleindruck und die edle ruhige Haltung des Ganzen stört, welches sich trefflich von dem Grund der Purpur-Drapperie heraus hebt; es gehört gewiß zu den gelungensten Porträts dieses braven Meisters. Ausgezeichnet schön in ihrer Wahrheit und Wärme sind die Brustbilder von dem Inspector Arnold; – sie sind so treu und gemüthlich aufgefaßt und mit einem Farbenschmelz wiedergegeben, der nur durch das gründlichste Studium großer niederländischer Meister zu erwerben ist; die Ähnlichkeit ist sprechend, und der anspruchslose Künstler zeigt, wie sehr er verdient, unter unsre besten Porträtmaler gerechnet zu werden. Äußerst fleißig, zart behandelt und treu ist auch das männliche Porträt von Rensch gemalt. Von demselben Künstler ist ein kleines anmuthiges Bild, eine Hagar, die dem kleinen Ismael die labende Schale reicht; – es ist edel und rein gezeichnet, sehr zart gemalt und fleißig ausgeführt. Derselbe Künstler stellte ein reizendes Tableau d’Intérieur auf, in einem einfachen netten Stübchen sitzt ein holdes Mädchen fleißig nähend am Fenster, welches mit Blumenstöckchen geziert ist, über ihrem Arbeitstisch hängt der Vogelbauer mit ihrem Canarienvogel; das Bild des Vaters über dem Sofa, die altmodische Stutzuhr, die bald auf 8 Uhr zeigt, die Seitenthüre, die stille Abenddämmerung, die Aussicht auf die obern Etagen der Häuser gegenüber, die klaren Mousselinvorhänge vor den niedrigen Fenstern, alles ist so treu und mit solcher Wahrheit dargestellt, daß man mit besonderer Liebe vor diesem Bilde stiller Häuslichkeit verweilt. Man darf wohl diesem Künstler ein ausgezeichnetes Gelingen in diesem Fach verheißen, wenn er sich demselben ausschließend widmet. Ein ganz kleines Madonnenbildchen des Professor Näke zeichnet sich durch wundersamen Farbenglanz und zarte Ausführung aus, die Innigkeit des Ausdrucks ist schön, aber die sehr verdrehte Stellung stört das einfach Fromme, wonach doch der Künstler strebte. Ganz allerliebst ist ein Gemälde von Georgi aus Leipzig, eine Winterlandschaft darstellend, wo drey sächsische Landmädchen um einen Handschlitten versammelt sind, auf dem sie Lebensmittel nach der Stadt bringen. Der höchst naive, gutmüthig schalkhafte Ausdruck dieser Mädchen, die Wahrheit in Tracht und Stellung, der kleine Knabe, der sich auf dem Schlitten [1004] frierend zusammen schmiegt, Alles ist vortrefflich an diesem allgemein ansprechenden Bildchen. Zwey kleine Bilder von dem jungen, jetzt in Italien studierenden Hennig sind gleichfalls höchst anziehend: das eine bildet zufällig ein wahres südliches Gegenstück zu jenen durch den Schnee uns zulächelnden deutschen Mädchen, denn hier sehen wir italienische Landleute tanzend, scherzend und trinkend die Landstraße hinziehen, und auf dem andern eine Frau aus den Lateiner Gebirgen, welche ihr jüngstes Kind im wohlverhüllten Korb auf dem Kopf trägt, während der ältere Knabe, sich vor einem Hund fürchtend, ängstlich der Mutter Knie umklammert; Leben und Wahrheit sind in diesen beyden kleinen Gemälden. Äußerst ansprechend ist auch das Bildchen von Simon Wagner, wo ein alter Invalide vor der Hütte sitzt und seinen kleinen Enkel mit der Krücke exerciren läßt. Von einem jungen Künstler Joh. Gruß aus Böhmen sind zwey Gemälde hier, die durch Gefühl und Kraft sich auszeichnen: eine Madonna mit dem schlafenden Jesuskinde, um welches her der kleine Johannes und zwey liebliche Engel bethend knien, und eine Madonna, welche mit dem Jesusknaben über eine weiße Lilie spricht, die er ihr darreichte. Die Werke des sinnigen und braven Dilettanten, Hrn. Professor Carus sind, wie immer, anziehend und poetisch, besonders bemerke ich darunter die schroffe Alpenspitze, welche ein Gemsjäger am frühsten Morgen erklimmt, wo die klare Mondsichel und der helle Morgenstern noch am wolkenlosen Himmel glänzen, eben verschwimmend in das Licht des Tages, und den Wintermorgen auf den Oybin. Welch’ eine reiche Sammlung köstlicher Skizzen wird dieser vielverdiente Mann jetzt von seiner Reise nach Italien, wohin er unsern geliebten Prinz Friedrich begleitete, mitgebracht haben!
Der eben aus Rom zurückgekehrte Ernst Stölzel zierte die Ausstellung durch eine unvergleichliche Handzeichnung mit Bleystift in höchster Zartheit ausgeführt nach Raphaels himmlisch schönem Gemälde, welches die Apostel darstellt, wie sie um den leeren Sarg der Madonna stehen, aus dem Blumen empor sprießen. Sie blicken fromm begeistert hinauf, wo über den Wolken die heilige Jungfrau, von Engeln umgeben, gekrönt wird. Dieß wundersam schöne Bild, welches sich jetzt im Vatican befindet, wurde von Raphael noch unter Perugino’s Leitung gemalt; unser fleißiger junger Landsmann hat die ganze Eigenthümlichkeit trefflich aufgefaßt und alle Charaktere mit bewunderungswürdiger Treue wiedergegeben; er ist jetzt damit beschäftigt, dieß schöne Blatt in Kupfer zu stechen. Eine andere Bleystiftzeichnung von ihm stellt die Marter des heil. Stephan, nach Fra Angelico da Fiesole vor. Noch ein paar Zeichnungen von Schülern des Professors Vogel, Cartons zu größern Gemälden, sind recht brav. So verdienen auch viele der Porträts nach der Natur von den jungen hier studierenden Künstlern wahre Achtung, denn sie sind mit Fleiß, Kraft und Wahrheit ausgeführt. Die academischen Studienblätter sind recht interessant für Jeden, der mit Theilnahme es betrachtet, welchen sichern und richtigen Weg die Kunstjünger hier geleitet werden. Zimmermann aus Rom schickte zwey sonderbare Gemälde her: einen Christus, der das Kreuz trägt, und eine Flucht aus Ägypten; er scheint sich ganz der alt-byzantinischen Schule anzuschließen. In diesem Style haben diese beyden Werke etwas wahrhaft Ergreifendes, aber solchen Styl jetzt einführen und befolgen zu wollen, wäre ein mißlicher Rückschritt.
Die Porzellanmalereyen sind keineswegs vorzüglich oder ansprechend. Durch das Streben, zu hohe Meisterwerke aus diesem zerbrechlichen Stoff ausführen zu wollen, die doch mißlingen, sinkt das Ganze mehr, als es gewinnt.
[1009] Von dem Theater will ich dießmal nicht viel sprechen, nur zweyer sehr ausgezeichneter Aufführungen bey der italienischen Oper muß ich gedenken. Die liebliche Oper von Paer: „Sargino,“ welche hier, seitdem sie der Schwanengesang unsers Cantù war, nie wieder gegeben wurde, war diesen Sommer neu einstudiert, und wurde mit lebhaftem Beyfall aufgeführt. In der schwierigen Rolle des Sargino zeichnete sich Mad. Schröder-Devrient sehr vortheilhaft aus. Ihre schöne, reine, zum Herzen sprechende Bruststimme ist für Paer’s Musikstyl besonders geeignet; ihr Vortrag und ihr Spiel war so ausdrucksvoll, so warm und leidenschaftlich, daß sie alle Zuhörer rührte und bezauberte; nur eine solche Darstellung kann damit versöhnen, diese Rolle von einer Sopranstimme ausführen zu hören, denn nicht allein in musicalischer Hinsicht greift bey allem, was Sargino zu singen hat, die Tenorstimme weit schöner ins Ganze, welches durch den Sopran aus dem richtigen Verhältniß tritt, sondern auch in Hinsicht auf den Charakter macht es sich weit besser, hier die etwas scheue, schroffe Unbeholfenheit des halb knabenhaften Jünglings zu sehen, als eine mädchenartige Weichheit. Wie gesagt, nur der treffliche, glühende Vortrag einer Schröder-Devrient konnte dafür entschädigen. Das erste herrliche Duett gefiel so sehr, dass es jedes Mal wiederholt werden mußte; unstreitig ist diese Musik aber auch einzig schön, eine ächte, süße Herzenssprache, die nie verklingen, nie veralten kann. Beyde Künstlerinnen führten sie trefflich aus, Sigra. Schiasetti gab die Sophia; diesen einen Glanzpunct abgerechnet, schien diese brave Künstlerinn hier aber weniger an ihrer Stelle sich zu fühlen, der Vortrag von Paer’s Musik paßt nicht so zu ihrem Styl, wie der von Rossini’s und Meyerbeer’s Werken. Sie ließ die schöne große Arie weg. Diese Rolle wurde in [1010] frühern Zeiten von Mad. Sandrini unübertrefflich gegeben. Es war auch Schade, daß Mlle. Schiasetti sich durch einen höchst bizarren Kopfputz und Anzug so sehr entstellt hatte; sie schien dieß Costume aus einem alten Turnierbuch gewählt zu haben, aber nicht jede richtige Tracht ist schön, und hier heischt nichts das Opfer sich so unkleidsam zu zeigen. Sign. Zezi sang die Rolle von Sargino’s Vater mit seiner herrlich klangvollen Stimme wohl recht brav, doch blieb auch hiebey denen, die früher diese Oper hier hörten, der wärmere Vortrag unvergeßlich, womit damals Sign. Benincasa diese Rolle sang. Da war es das gekränkte, tief fühlende Vaterherz, was sich aussprach, jetzt nur der strenge, stolze Krieger. Dafür hatte die Rolle des alten Pietro sehr gewonnen, welche nun von unserm wackern Benincasa mit ächter Laune vorgetragen wurde. Das Publicum war so empfänglich, daß es sogar das schöne Chor bey der Feuer- und Kriegsscene mit verdientem lauten Beyfall aufnahm.
Eine zweyte sehr brave Aufführung war am 6. September die der „Semiramide,“ von Rossini als Beneficevorstellung für Sigra. Matilde Palazzesi; diese hatte zum ersten Mal die so schwere Rolle der Semiramis übernommen, und obschon sie im Spiel, Gestalt und edler Haltung freylich ihrer Vorgängerinn, Mlle. Funk, nicht gleich kam, so übertraf sie solche als Sängerinn doch ganz, und die Oper gewann dadurch an Leben und Reiz unglaublich viel; sie überwand siegreich alle Schwierigkeiten, und wir werden sie stets mit neuer Freude in dieser vorzüglich schönen Oper hören. Ihr Costum war, besonders im ersten Act, eben so pracht- als geschmackvoll. Der neue Baßsänger Sign. Vestri debutirte als Assur, er gefiel allgemein durch Kraft und Feuer seines Vortrags; wohl hätte man sehr gewünscht, die herrliche große Arie Assur’s mit Chor nun auch zu hören, doch diese blieb leider wieder weg, und dafür, daß wir das charaktervolle treffliche Duett von Semiramis und Assur endlich einmal zu hören bekamen, büßten wir die schöne Scene des Arsace ganz ein, welche so wesentlich zum Zusammenhang des Ganzen gehört, daß man sie schmerzlich vermißte, da man zumal aus frühern Aufführungen recht gut weiß, wie herrlich unsre Schiasetti als Arsace sie vorträgt! Es ist für ächte Musikkenner äußerst unangenehm, daß gerade die schönsten Opern, wie z. B. auch der „Crociato in Egitto,“ bey uns so grausam verkürzt werden; unläugbar hat freylich die Gegenpartey auch Recht, wenn sie behauptet, daß ein so still aufmerksames Publicum wie das unsre, es nicht aushalten könne, so lange ernste Opern mit ununterbrochner Ruhe anzuhören. Möchte es indeß lieber einmal bey solchen Werken versucht werden, sie vollständig, aber in zwey Abenden nach einander aufzuführen. Füllte ein einzelner Act nicht völlig einen Abend aus, so könnte gern noch ein Instrumentalsatz darauf folgen, oder ein kleines Tanz-Divertissement; dann lernte man das Werk vollständig kennen, und es wäre hoher Genuß ohne abspannende Ermüdung. Sehr hatte dießmal die Rolle des Oroe dadurch gewonnen, daß Sign. Zezi sie übernahm; er sang sie trefflich, sein Erscheinen und Spiel war würdevoll und sein Costum sehr malerisch.
Hr. Morlacchi ist am 13. September endlich aus Italien, wo er neue Lorbern erntete, zu uns zurückgekehrt. Man spricht davon, daß der vielverdiente Meister von den Mitgliedern der Oper und des Orchesters im Theater festlich empfangen werden wird; wir erwarten nun durch seine Rückkehr neues Leben für unsre italienische Oper.