Daniel Sanders (Die Gartenlaube 1889/46)

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Textdaten
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Titel: Daniel Sanders
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 787
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Würdigung des Sprachforschers Daniel Sanders zu dessen 70. Geburtstag
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[787] Daniel Sanders. Am 12. November feierte ein deutscher Gelehrter, dessen Arbeiten unserem ganzen Volke zugute kommen und der auch den Lesern der „Gartenlaube“ wohl bekannt ist, seinen siebzigsten Geburtstag. Daniel Sanders hat mit einem bewundernswerthen Fleiße und einer rühmenswerthen Ausdauer an der Erfüllung seiner Lebensaufgabe gearbeitet, das Verständniß der deutschen Muttersprache unserem Volke zu erschließen, in großen wissenschaftlichen Arbeiten den Geist derselben zu erforschen und ihren Reichthum darzulegen, den sie in ihrer neuesten Entwickelung bietet.

Er ist am 12. November 1819 zu Altstrelitz geboren, studierte seit 1839 zu Berlin und Halle und erhielt 1843 die Direktion der Schule in Altstrelitz, die unter seiner Leitung zur Blüthe gelangte, aber wegen ungünstiger Verhältnisse im Jahre 1852 einging. Seitdem lebt er als Privatgelehrter und entfaltete auf dem von ihm beherrschten Gebiete eine lebhafte Thätigkeit, welche ihm eine einflußreiche Stellung sicherte und ihn mit der Zeit zu einem der ersten Vertreter der Sprachgelehrsamkeit machte. Mit den Grundsätzen, nach denen das große Grimmsche Wörterbuch ausgearbeitet wurde, war er nicht einverstanden und er verfaßte mehrere Schriften, in denen er seine abweichenden Ansichten aussprach. Doch dieser kritische Standpunkt genügte ihm nicht; er warf selbst eine wissenschaftliche That in die andere Wagschale und verfaßte das große „Wörterbuch der deutschen Sprache“ (1859 bis 1865, drei Quartbände). An dem Grimmschen Lexikon arbeitet bekanntlich eine größere Zahl deutscher Gelehrter mit. Sanders nahm die Riesenarbeit ganz allein auf sich und führte sie in einer Weise durch, welche auch seinen Gegnern Achtung abnöthigte. Von Luther bis auf die jüngste Zeit stellte er zusammen, was der Sprachgenius durch seine begnadeten Jünger geschaffen hat, und erwarb sich dadurch ein nicht geringes Verdienst, daß er gerade die neueste Litteratur in ihren Hauptvertretern, welche die deutsche Sprache wesentlich fortentwickelt haben, mitberücksichtigte. Ergänzungen dieses großen Wörterbuchs waren das „Wörterbuch deutscher Synonymen“ (1871) und das „kurzgefaßte Wörterbuch der Hauptschwierigkeiten in der deutschen Sprache“ (18. Aufl. 1888); das letztere, auch in erweiterter Gestalt unter dem Titel „Wörterbuch der Hauptschwierigkeiten in der deutschen Sprache“ erschienen, ist ein vorzügliches Hilfsbuch für alle, welche hier und dort rathlos dem schwankenden Sprachgebranch gegenüberstehen. Ein Auszug aus dem großen Wörterbuche, das „Handwörterbuch der deutschen Sprache“ (1869; 4. Aufl. 1888), erweist sich ebenfalls als ein sehr volkstümlicher Rathgeber; jenem aber, seinem großen Hauptwerke, hat er später sein „Ergänzungswörterbuch der deutschen Sprache“ als Abschluß hinzugefügt.

In zwei wichtigen Fragen, welche gegenwärtig die deutschen Sprachmeister und Sprachjünger in zwei getrennte Heerlager theilen, hat der Fleiß von Daniel Sanders wesentlich vorgearbeitet. Die eine dieser Fragen ist diejenige der Fremdwörter: das „Fremdwörterbuch“ unseres Gelehrten (1871, 2 Bände), mit großem Fleiß ausgeführt, giebt genaue Auskunft über die Bedeutung der mehr oder weniger bei uns eingebürgerten Eindringlinge; in seinem „deutschen Sprachschatz, geordnet nach Begriffen“ (1874–1876) hat er auch dem Fremdwort, soweit es in den Werken unserer großen Schriftsteller heimisch geworden ist, die gleichberechtigte Stelle neben dem urdeutschen Sprachschatze eingeräumt. Die zweite Frage betrifft die deutsche Rechtschreibung: als es sich um eine Neugestaltung derselben handelte, wurde er von den preußischen Behörden als Sachverständiger mit zu Rathe gezogen. Seinem „Katechismus der deutschen Orthographie“ (4. Aufl. 1878) ließ er seine „Vorschläge zur Feststellung einer einheitlichen Rechtschreibung für Alldeutschland“ (1873–1874) und sein „Orthographisches Wörterbuch“ (2. Aufl. 1876) folgen.

Wir können hier nicht auf alle seine andern zahlreichen Veröffentlichungen, nicht auf seine „Deutschen Sprachbriefe“ in der Form der Toussaint-Langenscheidtschen Methode, auf seine „Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur“, auf seine Schriften über das Neugriechische, auf seine eigenen Gedichte, in denen zum Theil eine satirische Ader sich geltend macht, eingehen. Die Summe seiner wissenschaftlichen Leistungen ist eine so bedeutende, so unmittelbar in die Gegenwart eingreifende, daß das deutsche Volk wohl die Pflicht hat, den Ehrentag des deutschen Gelehrten nicht unbeachtet vorübergehen zu lassen.