Das öffentliche Elend

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Das öffentliche Elend
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aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 26–28
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das öffentliche Elend.
Ein Beitrag zur Vagabundenfrage von Friedrich Hofmann.

Ja, das öffentlichste: es läuft am hellen Tage auf Straßen und Gassen herum, und Jedermann kennt es, aber nur von außen und unter einer Firma, die nach und nach einen ganzen, an sich ehrenwerthen Stand verdächtigt hat, den der ehemaligen wandernden Handwerksbursche. Wenn ehedem ein solcher Wandergeselle, mit dem Wachstuch überm Hut, dem festen Knotenstock in der Hand und dem Felleisen auf dem Rücken die Straße daher kam und als „armer Reisender“ um einen Zehrpfennig bat, so ward ihm selten die Gabe versagt, auch wenn sein Aeußeres verrieth, daß die landübliche dreijährige Wanderzeit schon längst von ihm überschritten sein müsse. Man wußte, daß die damals noch herrschenden Zunfteinrichtungen, um den „goldenen Boden“ des Handwerks nach Möglichkeit zu schützen, oft an Bestimmungen fest hielten, die man nicht anders als sehr hartherzig und selbstsüchtig nennen konnte. Da von jeher die Zahl der arbeitsuchenden Wandergesellen in den meisten Gewerben größer war als die der arbeitgebenden Meister, so mußte bei lange vergeblicher Wanderung selbst für den ordentlichsten Handwerksburschen die Zeit kommen, wo der letzte Mutterpfennig aus dem ledernen Geldbeutelchen verschwand und der Mangel den Burschen zum „Fechten“ zwang. Das konnte auch dem Sohne wohlhabender Eltern widerfahren, um wie viel eher dem Armen! Nun gab es aber auch Städte, in welchen die Zunft gewisser Handwerke nur eine bestimmte Anzahl von Meistern duldete, oder wo der junge Handwerker gezwungen war, wenn er das Meisterrecht erwerben wollte, eines der bestehenden Geschäfte einem alten Meister oder einer Wittwe um möglichst theuren Preis abzukaufen. Wer nun nicht am Orte als Geselle weiter arbeiten mochte oder konnte, dem blieb nichts Anderes übrig, als wieder „in die Fremde“, das heißt auf die Wanderschaft zu gehen. Noch Schlimmeres erzählt man von einer Kammmacherzunft: wenn einer ihrer Heimathgesellen aus der Fremde zurückkam und binnen vierzehn Tagen am Orte keine Arbeit bekam, so gebot das Zunftgesetz, daß derselbe entweder sofort dem Handwerk entsage oder wieder auf die Wanderschaft gehe. Es lag also ganz in der Willkür der Meister, welches Schicksal sie über den Gesellen verhängen wollten. Nimmt man dazu, daß trotz dieser Zunfthärten doch jeder Geselle mit Stolz an seinem Handwerk hing und daß in jener Zeit das „Umsatteln“ ein Wagstück war, dem immer etwas Anrüchigkeit anhaftete, so war’s natürlich, daß junge Handwerker, namentlich wenn ihnen auch zum Auswandern die Mittel nicht zu Gebote standen, die Wanderschaft eben weiter fortsetzten und daß man dann leicht Handwerksburschen auf der Landstraße begegnen konnte, die das Mannesalter längst erreicht hatten.

Langandauernde Arbeitslosigkeit konnte jedoch auch einen von Haus braven Gesellen erst äußerlich und dann innerlich herunterbringen; die Noth drückt in die Tiefe; aus der verschmähten Arbeitslust erwächst die Arbeitsunlust, und es bedarf wohl kaum noch besonderer Verführung, um den ehrlichen Wandergesellen von Stufe zu Stufe sinken zu lassen, erst zu dem arbeitsscheuen, das Fechten als Gewerbe treibenden Stromer und Landstreicher und, wenn die Verlockung auf empfänglichen Boden fällt, zur wüsten Sorte der Gauner und Verbrecher, die aus allen Ständen ihre Rekruten ziehen; – und diese alle gebrauchen nur den einen Bettlergruß auf der Landstraße wie vor der Wohnungsthür: „Ein armer Reisender!“

Das Gaunerwesen ist älter als das Zunftwesen, das zuerst den Handwerksgesellen auf die Wanderschaft sandte, und eben so hat die Gaunersprache sicherlich nicht in den Zunftherbergen ihren Ursprung zu suchen. Daß aber in unserem Vaterlande Stromer und Gauner sich förmlich organisiren, mit einem besonderen Kastengeist ausrüsten und sogar einen eigenen Jargon als Gesellschaftssprache ausbilden konnten, das hängt mit dem deutschen Schicksal von den ältesten Zeiten her zusammen. Nicht bloß für die Kämpfe der deutschen Stämme unter sich, sondern für die größten europäische Kriege ist Deutschland das Schlachtfeld gewesen, und jeder fremde Heereszug ließ einen Bodensatz von verlottertem Volke zurück, das die Scharen der an sich schon zahlreichen „fahrenden Leute“ vermehrte. Letztere sind von den Gaunern und Strolchen wohl zu unterscheiden, denn die „Fahrenden“ suchten durch Leistungen aller Art ihr Brot zu verdienen. Ihr erstes Auftreten führt uns bis zur Völkerwanderung zurück, wo römische Fechter, Taschenspieler, Tänzerinnen und dergleichen vagirende Künstler in Deutschland eindrangen. Einen starken Zuwachs erhielt sowohl das fahrende wie das Gaunervolk durch die Kreuzzüge, und sie alle hatten während des ganzen Mittelalters, wo von Staatswegen für die öffentliche Sicherheit noch so wenig oder gar nicht gesorgt war, die beste Zeit zur üppigsten Entwickelung. Zu den Sängern, Schauspielern, Spielleuten und Gauklern, die an den Höfen der Fürsten und Herren, in Schlössern und Burgen, gleichwie bei den Lustbarkeiten des Volks in Städten und Dörfern willkommene Freudenspender waren, gesellten sich nun noch neben Quacksalbern, Geheimmittelkrämern und Raritätenbesitzern Scharen von Bettelmönchen, fahrenden Schülern und Frauen, dazu kamen bald auch die Zigeuner und die zerstreuten Haufen entlassener Söldner und Landsknechte, und sie alle lieferten für die Grundmasse der bettelnden und stehlenden Stromer und Strolche ihre Abfälle. Unter diesen günstigen Verhältnissen hatte das Gaunerwesen sich so fest geordnet, daß es schon am Ende des Mittelalters seine besondere Sprache besaß.

Im Jahre 1520 erschien in Frankfurt am Main ein Büchlein: „Liber Vagatorum, der Bettlerorden“, welches in zwei Abschnitten das damalige Unwesen der Bettler schildert und in einem dritten Abschnitt eine Sammlung von zweihundert Diebsausdrücken mittheilt. Dieses erste Wörterbuch der deutschen Gaunersprache war zugleich ein erschreckendes Zeichen für die ausgebildete Organisation des Vagabundenthums. Die Reformation ging demselben scharf zu Leibe, schrieb doch Dr. Martin Luther selbst zu einer neuen Auflage des Liber Vagatorum von 1527 eine geharnischte Vorrede. In der That wurde in den folgenden Jahren eine Verringerung des fahrenden Volks bemerkbar. Aber der Friede in und um Deutschland dauerte ja nie lange, und Alles, was die aufstrebende Reformationszeit Gutes geschaffen, warf das fürchterlichste Schicksal unseres Vaterlandes, der Dreißigjährige Krieg, über den Haufen. In welchem Zustand die deutsche Nation aus diesem Völkergemetzel und den Mord- und Raubzügen aller Nachbarn hervorging, ist bekannt; Ruinen und „Wüstungen“ zeugen noch heute davon.

Die Gaunerschaft war zur Landplage angewachsen, das fahrende Volk aber hauptsächlich von Italien her vermehrt worden. Da kamen einzeln und in Gruppen die Goldsucher und Goldmacher, die Schatzgräber und Geisterbanner, Wunderdoktoren und Komödianten, Kameel-, Affen- und Bärenführer und deßgleichen, und alle bettelten und gaunerten sich von Ort zu Ort bis hoch in den Norden hinauf. Ein Bild jener Zustände schildert uns die „Wunderliche und wahrhaftige Geschichte Phylanders von Sittenwald, das ist Straff-Schriften Hans Michael Moscherosch von Wilstädt etc.“, Straßburg 1650. Die neue vermehrte Auflage eines „Spitzbuben-Lexikons“ wurde 1753 in Hildburghausen gedruckt, und 1755 erschien in Frankfurt am Main eine „Rothwälsche Grammatic oder Sprachkunst, das ist Anweisung, wie man diese Sprache in wenig Stunden reden und verstehen möge“; vieler anderer Flugschriften und Beiträge zur Kenntniß des Bettel- und Gaunerwesens in einzelnen deutschen Landstrichen nicht zu gedenken.

Die höchste Ausbildung erlangten Gaunerwesen und Gaunersprache in unserem Jahrhundert, und zwar durch die enge Verbindung des jüdischen Elements mit demselben. Und abermals war es ein Kriegszug, der diesen Zuwachs brachte. Als nämlich in Folge des „zweiten Bündnisses“ von Oesterreich und Rußland gegen Frankreich, im Jahre 1799, Suworow ein russisches Heer gegen die Franzosen in Italien durch Deutschland führte, schlossen sich demselben Schwärme von israelitischem Volke als Marketender an. Auch unter ihnen befanden sich geriebene Gauner, und diese gerade blieben überall hängen, wo sie für ihr Treiben Boden fanden. Durch sie wurde das deutsche Diebsgesindel nicht bloß vermehrt, sondern noch fester verbündet und die Gaunersprache außerordentlich bereichert. An die französischen Revolutionskriege schlossen sich die Napoleonischen unmittelbar an und [27] leisteten für Verarmung, Verödung und Entsittlichung mancher Landstriche fast nicht weniger als der Dreißigjährige Krieg. So weit und so lange die französische Herrschaft in Deutschland dauerte, war von einer Sorge für öffentliche Sicherheit kaum die Rede. Kam es doch vor, daß französische Generale die Insassen von Zuchthäusern und Festungsgefängnissen frei laufen ließen, wenn ihrer Habsucht ein Gewinn daraus erwuchs. Es war in jeder Beziehung ein „Befreiungskrieg“, welcher die deutschen Länder wieder in den Stand setzte, im eigenen Hause Herr zu sein und reine Wirthschaft zu machen, wo es Noth that. Und wo that es damals nicht Noth? Vor Allem aber galt es, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, namentlich waren Räuber- und Diebsgesellschaften überall in Deutschland zur Landplage geworden. Damals lernten die Polizei- und Kriminalbehörden den eigentlichen Organismus des Gaunerwesens erst gründlich kennen; jetzt erst vermochte man die Gefahr zu ermessen, welche der öffentlichen Sicherheit und Sittlichkeit durch dieselbe drohte. Was war der Einzelne, welcher auf eigene Faust Bettelei, Diebstahl und Raub trieb, gegen diese feste innere Verbindung, das gegenseitige Schutzbündniß, durch welches Bettelei und Dieberei zum Lebensberuf umgewandelt und den Genossen dieses öffentlichsten Bundes ihre Geheimsprache zur zweiten Muttersprache werden konnte!

Die Nothwendigkeit für Polizei- und Justizbeamte, mit dieser Sprache vertraut zu sein, rief eine ganze Litteratur derselben ins Leben. Sie zerfällt in zwei Arten, das Rothwälsch, das in Buchstaben- oder Silbenversetzung besteht, und die eigentliche Gauner-, jenische oder Kochemer Sprache oder Loschen, die wieder in die jüdische und die christliche sich scheidet. Eine der jüngsten Bearbeitungen derselben lieferte der Lübecker Polizeibeamte F. C. B. Avé-Lallemant in seinem Werke „Das deutsche Gaunerthum, 1858 bis 1862, 4 Bände, mit Nachtrag 1879“. Jedenfalls höchst charakteristisch für diese Sprache ist es, daß sie mit einem Worte mit „wittisch“ die Doppelbedeutung von dumm und ehrlich bezeichnet.

Jetzt heißt diese Sprache im Munde Aller, die sie gebrauchen, die Kunden-Sprache, und Kunde ist Jeder, auch der Handwerksbursch, der zum Vagabundenthum hinabgesunken ist. Ueber das Wesen und die Mittel zur Abwehr desselben hat im Jahrgang 1883 unseres Blattes Fr. Helbig in dem Artikel „Der arme Reisende“ (S. 459 und 471) Belehrung und Anregung gegeben. Wenn wir heute diesen Gegenstand noch einmal aufnehmen, so geschieht es, weil ein neuestes Werk uns mitten in das entsetzliche Leben und Treiben dieser verlorenen Söhne des Vaterlandes in einer Weise einführt, welche bis in die höchsten Kreise hinauf den Wunsch und den Willen anregen muß, einem solchen Elend mit allen Mitteln gemeinsamer That ein Ende zu machen.

„Dunkle Bilder aus dem Wanderleben. Aufzeichnungen eines Handwerkers. Von D. Rocholl. 2. Auflage, Bremen, Verlag von F. A. Wiegand.“ Das ist der vollständige Titel dieses Buches.

Wenn wir namentlich in der winterlichen Jahreszeit, die aller Armuth schlimmster Feind ist, die Gestalten beobachten, wie sie in der großen Mehrzahl jetzt als „arme Reisende“ an die Thüren pochen; diese in Kleidung und Fußwerk herabgekommenen Menschen, deren Wäschefetzen oft noch die bessere Herkunft verrathen und die nun arbeits- und obdachlos von Ort zu Ort sich durchbetteln, – so fragt man sich wohl: wie müssen solche „arme Reisende“ die Tage verleben und die Nächte hinbringen? – Das obige Buch versetzt uns mitten in diese Gesellschaft hinein. Wir lesen keine bloße Schilderung von tiefster menschlicher Versunkenheit, sondern wir leben das Elend mit, in das wir mit dem ersten Aufschlagen des Buchs eingetreten sind, und folgen jedem Einzelnen und jeder Gruppe auf den Bettel- und Gaunerzügen.

Dies geschieht zunächst, indem wir das Erwachen des Tages in der geräumigen Gaststube einer „Centralpenne auf dem Lande“ erleben, einer einsam gelegenen Herberge „für Fechtbrüder, Gaukler mit und ohne Roß und Wagen, für Besenbinder, Hausirer, Regenschirmmacher, Topf- und Kesselflicker, Slovaken, Zigeuner, Spitzbuben und alles fahrende, heimath- und arbeitslose männliche und weibliche Volk überhaupt“. – „Der junge Tag wirft seinen matten Schein durch die dick angelaufenen Fenster. – – Welch ein Anblick! Schwarz geräucherte Wände, alte Tische und Bänke, ein umfangreicher Kachelofen und eine an der Decke hängende, im Erlöschen begriffene, dickqualmende Oellampe bilden die ganze Einrichtung. Der Fußboden ist dicht mit Stroh bedeckt, darauf liegen sie reihenweise Mann an Mann gedrängt. Die Tische sind in einer Ecke zusammengeschoben und wie die rings an den Wänden hinlaufenden Bänke belegt mit echt Bassermann’schen Gestalten jeden Lebensalters. Zerlumpt sind sie alle zusammen, der Eine mehr, der Andere weniger. Der in der einen Ecke stehende, besonders dicht umlagerte Ofen ist von oben bis unten mit Fußlappen, einigen Strümpfen, Tüchern und etlichen Röcken zum Trocknen behangen. Der Fuseldunst, die Ausdünstung von 50 bis 60 Menschen, der Geruch der trocknenden Kleider, die qualmende Lampe – welch eine grauenhafte Atmosphäre! Die Schläfer liegen sämmtlich ohne Schuhwerk, die Füße meist wund gerieben und mit Lappen und Binden umwickelt; mit dem ausgezogenen Rock haben sie sich meist bis über den Kopf zugedeckt; das Schuhwerk (und was nennt sich alles noch Schuhwerk!) liegt unterm Kopf. In demselben wird Abends als in dem verhältnißmäßig sichersten Platz für die Dauer der Nacht erstens die vor dem Schlafengehen, wenn irgend möglich, noch einmal gefüllte Schnapsflasche und dann, wenn noch vorhanden, Messer, Kamm, Geldbeutel und Schnupftuch aufgehoben. Noch liegen die Meisten im schweren Schlaf des Fuselrausches.“

Da öffnet der Hausknecht die während der Nacht verschlossenen Fensterläden und kommandirt zum Aufstehen. Und nun fahren die Köpfe über den Röcken hervor und stieren sich gegenseitig mit unbeschreiblichen Jammermienen an: Katzenjammer und Oedigkeit in Leib und Seele! Beim ersten Blick auf das Schneewirbeln draußen am Fenster schleunigste Untersuchung der Taschen und Flaschen – bei der Mehrzahl vergebliches Bemühen, gestern Abend ist der ganze schöne „Draht“ (das erbettelte Geld) in „Saroff“ (nicht „Sauf“, Schnaps) „verschmort“ (vertrunken) worden. Es hilft nichts, sie müssen sich, trotz des Unwetters, zur Fahrt rüsten. Kredit giebt’s nicht in der Penne. Mit Fluchen und Jammern werden die wunden Füße in das hartgewordene Schuhwerk gezwängt; ein Reisebündel („Berliner“) besitzen die Wenigsten; den Meisten genügt der Vagabundenbeutel oder ein unterm Rock am festen Strick getragener Leinwandsack für Brot und etwaige „Fettigkeiten“ (Wurst, Fleisch oder Speck). Den „Stenz“ (Stock) in der zitternden Hand, den sie so notwendig gegen die Dorfhunde brauchen, die geschworenen Feinde des Stromers (ob dieser Widerwille durch den Pennenfuselgeruch erzeugt wird? –): so stehen sie einzeln und in Gruppen, nach anderer Hilfe durch etwa besser situirte Kunden lungernd, bis sie endlich doch, nichts Wärmendes in und auf dem Leibe, in das Sturmwetter hinaus müssen.

Auch eine Bettlerfamilie rüstet sich zur Fahrt. Der Mann bleibt da, um den Platz am Ofen zu hüten, die Frau mit dem Korb auf dem Rücken und zwei Kinder, die Mitleidserreger, zur Seite, wandert ab. Sie bettelt natürlich als Wittwe, deren Mann verunglückt ist.

Aber auch andere, noch nicht so herabgekommene Gestalten beleben das Bild. „Drei gesunde Jungen“ nennt sie unser Buch, die nicht auf Bettel ausgehen, sondern durch Singen, Deklamiren und allerlei Schnurrpfeifereien die Dorfbewohner erfreuen und sich die Säcke und Säckel füllen. Ein Berliner, ehedem Musiker, spielt den Kapellmeister dieser „Brandenburgschen Gebirgskapelle“ und singt zweiten, ein Kölner ersten Tenor und ein königlicher Sachse und Schuster den Baß. Mit Brummstimmen einen lustigen Marsch blasend, ziehen die lustigen Brüder davon. Diese Art Kunden weckt immer noch heitere Erinnerungen in alten Handwerksmeistern auf, die auch in ihrer Jugend erfahren haben, was „tippeln“ (wandern), „talfen“ (betteln) ist und auch aus dem „Dalles“ (Herabgekommenheit) sich glücklich wieder herausarbeiteten.

Ganz leer wird die Penne nicht, aber was von der Kundschaft zurückbleibt, gewährt nur einen trüben Anblick. Es sind theils solche Kunden, welche von der gestrigen Bettelbeute noch genug übrig haben, um heute feiern zu können, theils Marode und Faule, die auf frische Ankömmlinge lauern, bei denen sie ihre Erfahrungen verwerten, theils auch noch Schlimmere, welche die Sicherheit des Ortes benutzen, um sich durch Anfertigung von falschen Legitimationspapieren („Flebben“, nicht „Flappen“) ihren Taglohn zu erwerben. [28] Karten spielen oder Erlebnisse erzählen, Bettel- und Gaunerpläne schmieden, der Flasche zusprechen oder schlafen, – damit verstreicht den Pennegästen die Zeit; es geht Mittag vorüber und kommt der Abend herbei, – der Hausknecht (als rechte Hand des Boos, Herbergvaters, auch Viceboos titulirt) schließt die Fensterläden und zündet die Hängelampe an, die den ganzen Raum erleuchten muß, – „und jetzt, jetzt strömt es langsam heran, das Heer der Vagabunden, der Bejammernswerthesten des ganzen Volks. – Stundenweit sind sie heute den ganzen Tag durchs Land unmhergestrichen, um ihren Lebensbedarf sich ‚bischenweise‘ zusammenzuholen. Alle ohne Ausnahme sind fast steifgefroren – und ihre Füße? Daß Gott erbarm! Unempfindliche Eisklumpen! – – Der einzige Trost ist dem Kunden, wenn der Brotbeutel gefüllt ist mit allerhand Eßwaaren. Diese lassen sich, wenn Etwas übrig bleibt, verkaufen und für das Geld giebt’s so wieder einen festen Schluck in die Flasche.“

Wie nun der Abend in der Penne die Nacht einleitet, wie die Einzelnen, die Paare, die Gruppen der früh Ausgezogenen, so weit sie nicht von der Polizei eingesteckt oder durch die Flucht vor derselben anderswohin verstreut worden sind, sich an den Tischen, in den Winkeln und um den Ofen herum wieder einrichten, wie der Hunger gestillt und die Bulle gefüllt und in der bunten, entsetzlich gemischten Gesellschaft getrunken und gesungen, getanzt und geprügelt wird, bis Boos und Viceboos die nächtliche Ordnung durch Zusammenrücken der Tische und Auslegung der Schlafstreu herstellen: dieses scenenreiche Stück des Pennetreibens muß der Leser in Rocholl’s Buch sich selbst vor Augen führen. Selbstverständlich beherbergt die Penne in ihren anderweitigen Räumen noch eine „besser situirte Minderheit“ von „armen Reisenden“, deren Fechtgewinn täglich zum Betrage von mehreren Mark aufsteigt und die Nachts in Betten schlafen, früh Kaffee trinken und dann sich auch am Abend etwas Besseres gestatten dürfen, als Pellkartoffeln und „Schwimmlinge“ (Heringe), den höchsten Luxus der auf dem „Rauscher“ (Stroh oder Heu) oder dem „Knacker“ (Tisch oder Bank) nächtigenden armen Kunden. Nur die Schnapsflasche ist Allen gemeinsam das höchste Gut.

Endlich ist die Nachtordnung hergestellt. „Nun ist’s still in dem großen Gebäude, welches so viel Jammer und Elend in sich schließt. Da liegen sie reihenweis – meist vom Fusel übermannt, von der Lampe trüb beleuchtet, die ‚Sklaven des Branntweins‘. – Wie viel hoffnungsvolle Blüthen sind in ihnen auf immer geknickt! Wie viele Mütter haben jahrelang auf ein paar Zeilen von ihrem Liebling geharrt, bis ihr Haar grau, ja – weiß wurde und sie ohne Nachricht, ohne Trost hinübergingen! Oder war’s vielleicht besser, daß sie nicht erfuhren, ob ihr Sohn todt sei, als wenn sie ihn hier gewußt hätten? Arme Menschen, Ihr selbst könnt Euch nicht mehr helfen, Ihr Tausende von Genossen, Ihr selbst nicht! Mögen es denn Andere versuchen, Euch zu helfen!“ [28] Wer das Buch zu Ende gelesen, hat in der That „eine Welt des Mangels, eine Fülle von Kummer und Elend“ kennen gelernt, deren Größe in erschreckenden Zahlen vor uns steht:

„Welche Branntweinfluthen,“ sagt Rocholl, „werden von den etwa 200 000 Wanderbettlern, die sich im Deutschen Reiche umhertreiben, täglich, jährlich – durch die Kehle gejagt! Ein einfaches Rechenexempel! Der Wanderbettler verbraucht im Durchschnitt, wie von Seiten einer Autorität auf diesem socialpolitischen Gebiete neuerdings angegeben wurde, täglich etwa zwei Mark. Gering angeschlagen werden davon täglich 50 Pfennig für Schnaps ausgegeben; also legen 200 000 Vaganten zusammen täglich 100 000 Mark in Branntwein an. Das macht im Jahr, zu 360 Tagen gerechnet, für die 200 000 Menschen – 36 Millionen Mark für Branntwein!

Und wäre diese Rechnung auch zu hoch gesteigert, betrüge sie die Hälfte oder weniger – daß es gerade der Branntwein ist, an welchem so Viele zu Grunde gehen, macht die Rettung derselben um so schwerer, weil der „Branntweingenuß nicht die Ursache, sondern eine Folge der Noth“ ist, wie Liebig uns belehrt. In seinen „Chemischen Briefen“ sagt er:

„Es ist eine Ausnahme von der Regel, wenn ein gutgenährter Mann zum Branntweintrinker wird. Wenn hingegen ein Mensch durch seine Arbeit weniger verdient, als er zur Erwerbung der ihm nothwendigen Menge von Speise bedarf, durch welche seine Arbeitskraft völlig wieder hergestellt wird, so zwingt ihn eine starre unerbittliche Naturnothwendigkeit, seine Zuflucht zum Branntwein zu nehmen. Der Branntwein, durch seine Wirkung auf die Nerven, gestattet ihm, die fehlende Kraft auf Kosten seines Körpers zu ergänzen; es ist ein Wechsel, ausgestellt auf die Gesundheit, welcher immer prolongirt werden muß, weil er aus Mangel an Mitteln nicht eingelöst werden kann. Der Branntweintrinker verzehrt das Kapital anstatt der Zinsen, daher denn der unvermeidliche Bankerott seines Körpers.“

Wie aber die Unglücklichen von dem sie ruinirenden Genusse abhalten, zu welchem sie „eine unerbittliche Naturnothwendigkeit zwingt“? Es muß ein Ersatz für den Verlust gesichert werden. Viele Versuche sind gemacht und Anstalten gegründet worden, welche darauf hinzielen und zu deren Darlegung uns wohl eine andere Gelegenheit geboten wird. Wenn trotz dieser edelsten und eifrigsten Bemühungen es noch nicht gelungen ist, die Zahl der bettelnden „Kunden“ wesentlich zu verringern, so liegt wohl die Hauptschuld an der Zersplitterung derselben. Ein Zusammenfassen dieser Kräfte ist zunächst zu erstreben. Wenn ferner unsere Kolonien erst einmal dem Fleiße ein sicheres Heim gewähren, so wird es auch leichter werden, diese verlorenen Söhne des Vaterlandes für dieses und für sich selber zu retten.