Das Brünnlein zu Bickensohl

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Textdaten
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Autor: August Schnezler
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Titel: Das Brünnlein zu Bickensohl
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 282–284
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons und Google
Kurzbeschreibung:
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[282]
Das Brünnlein zu Bickensohl.

Bei Bickensohl ist eine Quelle, die nur spärliches Wasser gibt und blos zu gewissen Perioden, oft nach viel jahrelangen Pausen, in reichlicher Fülle strömt.

[283] Diese Quelle war vor alten Zeiten, erzählt man sich im Volke, die wasserreichste und frischerquickendste auf weit und breit. In den heißesten Sommern, wenn alle andern Brunnen im Kaiserstuhle versiegten, sprudelte sie hell und lustig hervor. Sie befand sich hinter dem Hause eines reichen Gutsbesitzer und gehörte zu seinem Eigenthume. Dieser Mann war aber eben so geizig als er reich war und mit seinem Gelde mehrte sich nur seine häßliche Eigenschaft. – Einst war mehrere Wochen lang kein Tropfen Regen gefallen; Felder und Wiesen schmachteten unter den sengenden Sonnenstrahlen, Menschen und Thiere lechzten nach Erquickung und alle Quellen in der Umgegend fingen an zu versiegen. Nur das Brünnlein des geizigen Reichen sandte in unverringerter Fülle sein belebendes Silber zu Tage. Darum drängten sich auch alle Leute aus der Gegend vom frühesten Morgen bis in die späte Nacht zu dem Platze hin mit Kübeln und Krügen, um zu trinken und ihren Wasservorrath für Haus und Gärten zu holen. Da fiel es dem Geizigen auf einmal ein, daß hier eine gute Spekulation zu machen wäre, wenn er von Jedem, der bei ihm Wasser holte, eine bestimmte Taxe an Geld dafür erhübe. Gedacht, gethan. Vom nächsten Morgen an durfte Niemand mehr an die Quelle gehen und sie benützen, der nicht ein Eintrittsgeld von ein bis drei Kreuzer, je nachdem sein Wasserbedarf kleiner oder größer war, hinterlegte. Die Armen, die diesen Betrag nicht erschwingen konnten, wurden mit groben oder spöttischen Worten zurückgewiesen. Alles fluchte diesem herzlosen Verfahren und der Unwille des Volkes stieg auf’s Höchste, als die Leute eines Morgens den Brunnen, zu dem sie sich mit Gewalt gedrängt, indem sie den grausamen Besitzer mit Steinwurfen in sein Haus zuruckgescheucht hatten, mit Holzstämmen, Schutt und Erde verschüttet fanden – ein Werk des Geizigen, das er nächtlicher Weile vollbracht hatte nach dem Grundsatze: „Wer nicht zahlen kann, soll auch nicht genießen.“

Aber der Fluch gedrückter Armen tönt nicht vergebens in das Ohr des himmlischen Rächers aller gewaltsamen Unbill. Die folgende Nacht, als der Geizhals, wie gewöhnlich, schlaflos auf seinem Lager sich wälzte und über neuen Plänen brütete, Geld an sich zu raffen, vernahm er plötzlich hinter dem Hause, wo [284] der Brunnen stand, ein dumpfes Tosen und ein Geroll, wie unterirdischer Donner. Erschrocken fuhr er auf und lauschte mit hörbar klopfendem Herzen. Nicht lange, so ging das Getöse in ein furchtbares Krachen über; Boden, Wand und Decke seiner Stube fingen an zu wanken – er stürzt auf die Kniee, er will Hülfe schreien, will beten, aber die entsetzliche Angst schnürt ihm die Kehle zu – plötzlich schmettert ein Schlag, als berste das Gewölbe des Himmels auseinander, die Erde spaltet sich und Haus und Geizhals verschlingt der Abgrund in ewige Nacht.

Das Brünnlein wurde freilich wieder aus seiner Verschüttung befreit und neu gefaßt, seit jener Zeit aber sprudelt es, wie oben erwähnt, nur dann in reichlicher Fülle, wenn eine Theurung oder ein Mißjahr bevorsteht.

A. Schzlr.