Das Geheimnis des Meeres

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Autor: Max Schraut
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Titel: Das Geheimnis des Meeres
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Erscheinungsdatum: 1930
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Band 2 der Romanreihe Olaf K. Abelsen. Abenteuer abseits vom Alltagswege.
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[2]

[3]
Olaf K. Abelsen
Abenteuer
abseits vom
Alltagswege
Das Geheimnis des Meeres
Einzig berechtigte
Bearbeitung a. d.
Schwedischen von
M. Schraut
– Band 2 –



Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.
Berlin SO 16


[4]
Nachdruck verboten. – Alle Rechte, einschließlich das Verfilmungsrecht, vorbehalten. – Copyright 1930 by Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin SO 16.
Buchdruckerei: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin SO 16.


[5]
1. Kapitel.[1]

Als ich als Junge die phantastischen Romano Jules Vernes las, imponierten sie mir außerordentlich. Wem könnten sie heute noch etwas Romantisch-Sensationelles zu sagen haben?! Der vierzehnjährige moderne Bengel, der sich seinen Vierröhren-Ultradyne selbst zusammenbaut, lächelt erhaben über die veralteten Mätzchen, mit denen der Franzose ehemals Weltruhm gewann.

Heute – – nichts Unmögliches, nichts!

Sogar Coy Cala, mein brauner Freund, der doch nur ein armer indianischer Fischer ist, hat bereits von Radio, Luftdroschken und Verjüngungskur eine erhebliche Ahnung. Seine Verjüngungskur freilich besteht vorläufig noch in dem reichlichen Genuß von Kognak, Rum, Whisky und – im Notfalle – denaturiertem Sprit. Gegen die Würmer und die bösen Krankheitsgeister, sagt er. Coy Cala sagt manches. Er lügt mit der Virtuosität eines beglaubigten Vertreters beim Völkerbund, er stiehlt mit der Gerissenheit eines Operetten-Komponisten und begaunert mich mit der vornehmen Ruhe eines Bankdirektors, der genau weiß, daß für seine Börsentransaktionen im Strafgesetzbuch noch ein Loch vorhanden – zum Durchschlüpfen. Trotzdem ist Coy Cala mein Freund.

[6] Damals, als ich ihn auf der Jacht „Skansen“ kennenlernte, ahnte ich nichts von seiner unglaublichen Vielseitigkeit. Noch weniger davon, daß mein halb unfreiwilliger Verzicht auf Kultur und Kulturmenschen mir das zweite große Erlebnis meines Vagabundendaseins bescheren sollte.

Die Magelhaens benahm sich recht anständig, als wir den Freunden ein letztes Lebewohl zuwinkten. Ausnahmsweise anständig. Zumeist ist sie Szylla und Charybdis in hundertster Potenz. Unser hochbordiger Kahn, der wie ein Tranfaß stank und der vor Tagen noch einigen armen Teufeln von Feuerländern gehört hatte, die nun die Haifische fütterten, tanzte unter dem Druck dreier Ruderpaare über die triefgrünen Wogenkämme, glitt in die Wellentäler pfeilschnell hinab, was mich stets an eine Fahrt auf einer Berg- und Talbahn erinnerte, – wurde wieder emporgehoben, mit Tropfenregen besprüht und abermals in die Wasserschluchten hinabgeschickt – ein wundervolles Spiel, wenn drei Kerle wie Coy Cala, Chico und Chubur auf den Ruderbanken sitzen und selbst ohne Rollsitze all ihre prächtigen Muskeln arbeiten lassen.

Ich am Steuer, und als Schlagmann dicht vor mir Coy Cala mit seinem kühnen braunen Gesicht und den schwarzen übermütigen Augen. Schon da gefiel er mir. Hatte mir schon auf der „Skansen“ gefallen, gewiß. Sonst hätte ich mich den dreien nicht zugesellt. Aber nun, als ich beobachten konnte, wie Coy Cala die schweren langen Ruder wie Löffel handhabte, mit denen ein Kind im Wasser pantscht, da erst merkte ich, daß dieses Araukaners Kräfte etwas Göttliches an sich hatten. Kraft, vereint mit natürlicher Grazie und [7] der Freude, dieses Göttergeschenk betätigen zu können, ist ein Genuß für den Zuschauer. So war Coy, der braune Athlet. –

Als die Jacht „Skansen“, die von dem Kutter „Torstensen“ geschleppt wurde, hinter irgendeinem der Felseneilande der Magelhaens verschwunden war, hatte mein eigener Wille gleichsam den Faden zwischen der Zivilisation und mir, dem Ingenieur und steckbrieflich verfolgten Totschlager Olaf Karl Abelsen, für alle Zeit zerschnitten. Gerhard Dorner, mein lieber Kamerad, dazu seine Gattin und der prächtige Kapitän Holger Jörnsen: die drei strich ich aus meinem Gedächtnis! Es mußte sein. Erinnerungen solcher Art taugen nichts. Und wenn ich hier überhaupt darüber spreche, so geschieht’s nur, weil ich inzwischen auf der Stufenleiter zum Herrenmenschen entschieden einige Schritte höher geklommen bin und das Gewesene nur noch als angenehme Fata Morgana empfinde, die meiner Seele Mollsaiten nur ganz, ganz schwach zum Klingen bringt. Dies erkläre ich für diejenigen Herrschaften, die leichtfertig genug gewesen sind, sich eines Weltentramps erstes Buch zu kaufen und zu verschlingen. Das ist kein stinkendes Eigenlob, dieses Verschlingen. Vier Briefe haben mich aus meiner schwedischen Heimat erreicht – ein Wunder! – und in jedem dieser Briefe kommt der Ausdruck Verschlingen vor. Immerhin eine Anerkennung für das, was ich in einer richtigen Trallstimmung einem Verleger einschickte. Honorar habe ich nie gesehen. Was sollte ich auch damit?! Geld?! Lächerlich …! Ich – – Geld?!

Ja – und dann war das Malheur schon geschehen. Nie vergesse ich Coy Calas nachsichtiges Lächeln, als ich, die Landratte, in dem Kanal [8] zwischen den Santa Ines-Inseln unseren Robbenkahn glücklich auf eins der sensenscharfen granitenen Riffe gesteuert hatte.

Die Spitze hatte genau die Mitte des Bodens unseres Fahrzeugs getroffen, hatte sich armlang durch die festen Planken hindurchgebohrt, und alle Kraft der drei Araukaner half hier nichts mehr – nichts. Wir saßen fest, waren aufgespießt, und Coy Cala grinste voller Nachsicht und meinte nur:

„Mistre, Mistre, nasse Füße … nasse Füße …“

Er hatte recht. Zugleich mit dem Splittern der Planken waren auch beträchtliche Wassermengen eingedrungen, und da ich leider nicht so praktische lange Seehundsstiefel trug wie meine drei Begleiter, sondern nur derbe Schnürschuhe und blaue Seemannshosen, war ich im Nu bis zur halben Wade naß … Saß da wie ein Häuflein Unglück und schaute hilfeheischend rundum. Aber dieser Blick war nur eine grobe Zerstreutheit meinerseits, denn daß es hier im Kanallabyrinth der Südspitze Südamerikas keine helfende Wasserpolizei, keinen Wasserschutz, keine Sportsegler, kein Radio, keinen Kulturknecht, keine Siedlung auf viele hunderte von Kilometer gab, fiel mir schon im nächsten Moment ein, als ich um uns her nichts als himmelhohe Steilküsten von einer berauschenden Nacktheit bemerkte, – ein gewohntes Bild im übrigen.

Ich hob also meine Beine und legte sie vertrauensvoll Freund Coy in den Schoß.

Der handelt als Mann, der gute Coy, – als Mann, dem solch ein Zwischenfall nichts ausmacht, drehte sich nach seinen Stammesgenossen um und sprach mit ihnen in dem harten Kauderwelch der [9] halb zivilisierten Araukaner des südlichsten Patagoniens.

Ich war gespannt, was sie nun unternehmen würden, damit wir wieder frei kämen. Ohne ein Vollbad, sagte mir mein Ingenieurverstand, würde es für uns kaum abgehen, denn mittlerweile war das Granitnäschen noch kecker geworden. Das Wasser bespülte bereits meine Sitzpolster, und im Nachen schwamm so allerlei umher, was besser trocken geblieben wäre: Wollene Decken, Kisten, Blechkisten … und so weiter.

Die Beratung der drei braunen Herrschaften war beendet. Coy Cala wandte mir seine Vorderansicht wieder zu und holte eine der Geschenkzigarren Holger Jörnsens aus der Innentasche seiner Seehundsjacke hervor, warf einen flüchtigen Blick auf die nächste Granitwand, biß die Spitze der Zigarre ab, und sein Luntenfeuerzeug verhalf ihm zu dem Genuß der ersten, tief in die Lunge eingesogenen Rauchwölkchen. Dann hielt er es doch für angemessen, meinen fragenden, scharf auf sein leicht ins Gelbliche spielendes Antlitz gerichteten Augen Rechnung zu tragen und beiläufig zu erklären:

„Mistre, dort am Steilufer Flutmarke … Wasser sinkt … Ebbe kommt … Noch Stunde, dann Boot trocken auf Riff hängen. Wir verstopfen Leck und ans Ufer fahren.“

Flutmarke … – stimmte. Es war genau zu erkennen, wie hoch der Ozean an den Felsmauern emporleckte. Und dieser grünliche Streifen lag bereits frei.

„Mistre, auch rauchen …“ schlug Coy mir anschließend vor. „Zeit schneller laufen so … [10] Auch trinken …“ Und er deutete auf die Kiste mit den Kognakflaschen.

„Das „Mistre“ war dem guten Coy nicht abzugewöhnen. Möglich, daß er auf der amerikanischen Missionsstation, wo er als Junge zwei Jahre Unfug getrieben und von wo er dann ausgekniffen war, irgendwie etwas von Maestro hatte läuten hören. Jedenfalls – „Mistre“ war unausrottbar, und genauso fest eingewurzelt war bei ihm der hypochondrische Gedanke, er leide an Spulwürmern, die sich nur durch Sprit in irgendeiner Form vertreiben ließen.

Ich war so roh, die zarte Anspielung auf einen Schluck gebrannten Wassers zu überhören, befolgte jedoch im übrigen Coys Mahnung und rauchte gleichfalls.

Unsere Strandung auf der einzelnen Klippe hier in den Kanälen wäre nun ja fraglos weit weniger harmlos gewesen, wenn das Wetter kalt, windig und regnerisch gewesen wäre, was ja eigentlich hier im Magelhaens-Archipel die Norm ist. So jedoch konnten wir eben getrost abwarten, bis die Ebbe das Riff freilegte und wir das Boot wahrscheinlich trockenen Fußes von dem merkwürdigen Anker herabheben könnten.

Coy rauchte wie ein Fabrikschlot. Und seine Freunde Chico und Chubur desgleichen. Es war ein Jammer, wie Jörnsens tadellose Zigarren hier geradezu gefressen wurden.

Coy erzählte … Er war ein unglaublicher Schwätzer und Aufschneider. Er meinte wohl, ich hätte von den Dingen und Verhältnissen hier unten am Ende der Welt keine Ahnung.

„Du lügst, Coy,“ warf ich ein, als er mir genau schilderte, wie ein Walfisch mal weiter [11] südlich bei den Clarence-Inseln an Land geworfen sei und, da es eine Walmama gewesen, auf dem Trockenen ein Junges geboren habe, das er, Coy, dann gezähmt habe, so daß es sein Fischerboot wie ein Schleppdampfer zog … „Du mußt mich nicht für zu dumm halten, Coy … Das würde dir Enttäuschungen einbringen und …“

Er lächelte mild …

„Mistre, wenn ich nun sagen, es kommt feines kleines Boot mit feinen Mistre angerudert – he, was Sie dann antworten, he?!“

Da sowohl er als auch die beiden anderen Araukaner starr an mir vorbei nach Süden schauten, fürchtete ich nicht, daß der kecke Coy sich etwa mit mir einen Spaß erlauben wollte. Ich drehte den Kopf. Wahrhaftig, aus einer der drei noch schmaleren Gabelungen unseres Kanals nahte ein kleines, hellgelb gestrichenes Boot. Darin saß ein Gentleman in einem weißen Flanellanzug, blauem Sporthemd mit weichem Kragen, weißem Binder, dessen lange Enden im Luftzuge lustig flatterten, und mit einer weißen Mütze auf dem rotblonden Schädel, einer Mütze, wie sie die Köche auf manchen Dampferlinien zu tragen pflegen.

Der Gent hatte sich halb umgewandt, beäugte uns offenbar mißtrauisch aus dreißig Meter Entfernung, ließ die tadellosen Blattriemen seines Diggys schleifen und zog sie dann ein, bückte sich, ergriff einen kurzen Karabiner, legte ihn über die Knie und wartete, bis die Strömung sein Boot noch näher herangeführt hatte.

Es war jetzt fünf Uhr nachmittags. Vorhin hatte ich nach der Uhr gesehen. Ein wichtiger Tag, eine wichtige Stunde. Denn sie vermittelte mir die Bekanntschaft mit einem Manne, im Vergleich [12] zu dem die rätselhafte Persönlichkeit meines Kameraden Boche Boche (Gerhard Dorner) ein alltägliches Männlein gewesen.

Als das Boot auf zehn Meter heran war, faßte der weiße, bartlose, sonngebräunte Gent in die Tasche seines Sportgürtels.

Sollte man’s für möglich halten: er brachte ein Monokel ohne Rand zum Vorschein, klemmte es mit ungeheuer lässiger Selbstverständlichkeit ein und rief mir dann zu:

„Gestatten: Näsler ist mein Name, Joachim Näsler, zurzeit Vergnügungsreisender auf meiner Miniaturluxusjacht „Alexandra“ …“

Englisch rief er’s. Aber mit so ausgesprochen deutschem Beiklang, daß ich, dessen Mutter Berlinerin war, sofort deutsch erwiderte, indem ich auf seinen humoristischen Ton einging:

„Gestatten: Abelsen mein Name, Olaf Karl Abelsen, zurzeit Vergnügungsreisender auf meiner Miniaturjacht „Feuerland“ …“

Aber dieser halbe Landsmann von mir, dessen abschreckend mageres Gesicht trotzdem so etwas wie aristokratische Linien zeigte, schien die Situation noch nicht für genügend geklärt zu halten und meinte jetzt gleichfalls in deutscher Sprache, wobei er mit erstaunlicher Fertigkeit in den mir von meiner Charlottenburger Studienzeit her so wohlvertrauten Berlinschen Jargon verfiel:

„Weshalb liejen Se denn da am selben Lokus wie verankert fest, Herr Abelsen? Fischen Sie Perlmuscheln?! Oder sind Se etwa aufjelaufen?“

„Perlmuscheln gibt es hier nicht, Herr Näsler. Also aufjelaufen …“

„So … so! Pech!!“

Er war nun mit seiner „Alexandra“ dicht [13] neben uns, sah die Felsnase, das Wasser in unserem Nachen und fügte kopfschüttelnd hinzu:

„Ihre Jacht hat ’n unbejabten Kapitän, Herr Abelsen … Und Ihre Besatzung, – was sind denn det for Erfindungen? Einjeborene? – Entschuldijen Se schon, Herr Abelsen, aber ick stehe auf dem Standpunkt, man soll in diesen jottverlassenen Jewässern doppelt Porzellanladen sein – vorsichtig, Sie verstehen woll …“

„Natürlich begreife ich das vollkommen, Herr Näsler … Sie können Ihren Porzellanladen aber getrost aufgeben … Wir vier hier im lecken Boot sind weder Menschenfresser noch Großfinanziers … Was dasselbe ist … Ich beabsichtige diese Inseln zu erforschen. Vielleicht finde ich Kohlenlager, Erz, Gold, Silber, Diamanten. Ich bin auf alles vorbereitet. Im übrigen haben wir vor rund vier Stunden von unseren Freunden Abschied genommen, die weiter östlich nach Punta Arenas gedampft sind.“

Er hatte sein Boot mit einem kurzen Bootshaken Bord an Bord mit unserem Kahn gebracht. Sein Mißtrauen war offensichtlich geschwunden.

„Woher kommen Sie denn, Herr Näsler?“ fragte ich, da er nur noch Interesse für meine drei Gefährten hatte, besonders für Coy Calas wildes, kühnes, verschmitztes Gesicht.

„Prächtiger Bursche, der da …“ sagte er und schaute mich wieder an. „Alle drei nicht schlecht … Und Sie, Herr Abelsen, jefallen mir desjleichen … Ick bin so ’n bißchen Menschenkenner … Ihre Augen verraten deutsche Treue, Ihr Name Vetternschaft mit Sven Hedin, dem größten Schweden aller Zeiten, noch berühmter als die schwedischen Streichhölzer … – Also: [14] mein Dampfer liegt an der Westspitze der Clarence-Insel, und ich selbst lieje hier neben Ihnen …“

„Hm, da haben Sie sich etwas sehr weit von Ihrem Schiffe entfernt, Herr Näsler …“

„Stimmt … Kann nicht mehr an Bord … Paddele seit drei Tagen hier in der Jejend rum und suche Männer …“

„Männer?“

„Ja – Männer, richtig jehende Männer, etwa wie euch vier …“

„Entschuldigen Sie, Ihre Angaben sind etwas verworren. Weshalb können Sie nicht mehr an Bord?“

„Weil ich meine Stellung als Koch jekündigt habe und weil ich keinen Taucheranzug nebst Zubehör nich besitzen tun tue, Herr Abelsen?“

„Taucheranzug?“

„Ja … Det Schiff liejt nämlich in zwanzig Meter Tiefe zwischen den Klippen auf dem Meeresjrund, und mehr Jrund wie icke hat wohl noch keen Schiffskoch jehabt, von eenem Dampfkahn heimlich abzumustern. Es jab nämlich erstens keene Seele mehr zum Bekochen, und zweetens und drittens – na, davon später …“

„Der Dampfer ist also gestrandet?“

„Nee – explodiert … Hatte eene Höllenmaschine im Bauch …“

„Unmöglich!“

„Jestatten Se – das weeß ich nu zufällig wirklich besser, denn ick sah den „Starost“, so hieß das Schiff, wegsacken, und von den fünfzehn Leuten bin ick der allereenzigste, der mit dem Leben davonkam … Das heeßt, andere hatten sich noch früher als ick jedrückt …“

[15] „Wie – und Sie haben die Besatzung nicht gewarnt?!“

Er blickte mich merkwürdig an …

„Besoffene lassen sich nich warnen, Herr Abelsen … Waren alle besoffen, vom Kapitän herab bis zum schwarzen Kajütboy … – Aber ich denke, Sie klettern nu mal erst hier in meine „Alexandra“ rüber, und wir machen Ihre Barke flott … Nachher reden wir eingehender, Herr Abelsen. Ich habe Ihnen etwas anzuvertrauen, was wie ein tolles Märchen klingt …“ Er sprach plötzlich in ganz anderem Tone. „Nein – Märchen ist nicht der richtige Ausdruck … Es handelt sich um eins der ungeheuerlichsten Geschehnisse … Auch das besagt zu wenig. Es ist mir da eine Reihe von Erlebnissen aufgedrängt worden, die in ihrer Gesamtheit fraglos für jeden Durchschnittsverstand ein außerordentliches Geheimnis darstellen. So, nun bitte … Rüber zu mir, und dann an Land … Ich habe seit zwei Tagen nichts gegessen und getrunken, und Ihre Konservenbüchsen und Ihr Trinkwasserfaß dort bereiten mir Pein … Vorwärts!“

Eine halbe Stunde drauf lagen Joachim Näsler und ich an einem lustig knatternden Feuer am Ufer einer kleinen Bucht. Die drei Araukaner flickten unseren Nachen aus. Näsler aß … Aß mit dem beherrschten Anstand des Gebildeten und erzählte … Er war unser fünfter Mann geworden.




[16]
2. Kapitel.
Was Joachim erzählte …

Ob diese schmale gewundene Bucht, in der wir den lecken Kahn ohne große Mühe hineinbugsiert hatten, bereits zur Hauptinsel Santa Ines gehörte, konnten wir vorläufig nicht feststellen. Es gab hier nur eine einzige flache Uferstelle, die sich in drei Terrassen weiter emporzog. Sonst war alles ringsum glatte Granitwand. Die Terrassen, deren Gestein durch die ewigen Nebel, Regen und Schneefälle dieses gottverlassenen Erdenwinkels längst zermürbt und durch Seevögel kräftig gedüngt war, hatten eine fast üppig zu nennende Vegetation aufzuweisen, hohes Gras, Krüppelbuchen, dünne Birken, zahllose Dornendickichte und – das Schönste – ganze Teppiche prächtiger bunter kleiner Orchideen: eine Oase in dieser Steinwildnis!

Wir beide lagen auf der obersten Terrasse, und über dem Feuer hing am Eisenstock der dampfende Aluminiumkessel: Teewasser! Wir lagen auf weichen Gräsern, und der Duft der Orchideen, der Qualm des Feuers und der Rauch unserer Zigarren gaben ein köstliches Gemisch von unverfälschter Natur und grandioser Weltenferne. Die untergehende Sonne bestrahlte nur noch den oberen Teil der Felswände jenseits des Wasserstreifens. Zwölf Meter unter uns hämmerten die drei Araukaner an den Bodenplanken herum, und Coy Calas rauhe schrille Stimme war unermüdlich im Kommandieren, [17] Schimpfen und Mahnen. Er fühlte sich als Vorgesetzter seiner Freunde Chico und Chubur. Letzterer ordnete sich ihm auch willig unter, war ein stiller, melancholischer Mensch – ganz entsprechend seinem milden Namen Chubur, der einen Vogel bezeichnet ähnlich der Schwarzdrossel, nur größer. Chico dagegen, eine lange dürre Latte von ganz dunkler Hautfarbe und verdächtig gekräuseltem Haar (Negerblut hatte er bestimmt in den Adern, wenn auch nur in Tropfen noch) machte sich zumeist über Coy lustig und … gehorchte schließlich doch.

Joachim Näsler erzählte … Mal in Berliner Dialekt, mal in tadellosem Hochdeutsch, mal in sehr drastischen Ausdrücken, mal in gewähltester Form.

Erzählte über sich selbst nichts. Und ihn hierüber auszufragen, das ging nicht an, weil er mich schon dreimal abgeblitzt hatte. „Meine eigene Person ist bei alledem so unwichtig, Herr Abelsen …“ – so und so ähnlich hatte er sein Ich gegen meine Angriffe verschanzt. Und als ich einstreute, wir sollten doch das lächerliche „Herr“ weglassen, erklärte er kühl: „Wir wissen voneinander noch zu wenig, Herr Abelsen … Wollen auch gar nicht die Masken lüften … Wozu?! Ich halte Sie für einen anständigen Menschen, und ich – ich habe nur ein einziges Mal in meinem Leben eine große Lumperei begangen, für die ich bitter genug bestraft worden bin. Heimat, Familie, Freunde – alles habe ich verloren. Ich heiße nicht Näsler, um es Ihnen gleich zu sagen. Ich nenne mich so, weil es zu mir paßt.“

„Stimmt – Sie näseln wie ein Gardeleutnant in einem Lustspiel von ehedem …“ und ich blickte ihn forschend an.

Ein pfeilscharfer Blick traf mich aus graubraunen [18] Augen. „Die meisten näselten, Herr Abelsen … Und trotzdem starben sie vor dem Feinde mit jener großen Selbstverständlichkeit, die Erbteil vieler Ahnen ist. Auch das Sterben will gelernt sein. Leute, die im Zivilberuf Leuchten der sogenannten Wissenschaft waren, benahmen sich wie Kinder vor dem Rohrstock …“ Dann verstummte er jäh, machte ein unzufriedenes Gesicht und blinzelte in das Feuer. Er hatte für seinen Geschmack wohl schon zu viel verraten. – Ich dachte an meine tote Mutter, an die vergnügte Berlinerin – vergnügt vor der Ehe, als sie noch im Hause des Erbgrafen von Schleitz Erzieherin gewesen, als sie meinen Vater noch nicht kennengelernt hatte. Näslers letzte Sätze erinnerten mich so sehr an meiner Mutter Ansichten über alte Familien, Tradition und Vererbung. Auch wir Schweden haben unsere berühmten Geschlechter, und wenn bei uns auch das Volk, die Sozialisten, regieren, so wird es doch niemandem einfallen, Schwedens große Vergangenheit aus den Zeiten Gustav Adolfs, wo unsere Heere Berlin bedrohten und Pommern noch unser war, in den Schmutz zu ziehen. –

Näsler nahm sein Monokel aus dem Auge und sprach weiter … „In Valparaiso kam ich auf den „Starost“. Das war ein jämmerlicher Rattenkasten aus Holz mit einer Maschine aus Olims Zeiten. Gehörte einem Sennor Garzia Turido, dieser „Starost“. Hatte Rohrteile für ein Wasserkraftwerk jeladen, Stücke von vier Meter Länge und drei Meter Durchmesser, Stahl, innen noch Patentbetonring, sehr druckfest. Im ganzen waren’s zehn solche Rohrstücke. Fünf waren oben an Deck festgezurrt. Hatten unten keenen Platz mehr. Die Besatzung alles Farbige außer mir [19] und Turido und dessen Familie, – Frau, Sohn, zwei Töchter, alle erwachsen. Wollten Spanier sein, die Familie. Stimmte nicht. Was sie waren, mag der Deibel wissen. Aber jebildete Leute, Herr Abelsen, ohne Frage … Sehr jebildet und mal janz obenan jewesen – abjerutscht irgendwie … Nun hatten sie den „Starost“ und machten Frachtfahrten, anjeblich. – Der alte Turido war ein unheimlicher Kerl. Der Sohn Leon noch mehr, und die Sennora ein Hochmutswrack. Auch mit Olga Turido war nicht warm zu werden. Die jüngste Tochter, Tatjana, hatte noch das beste Herz. – Nach Puerto de Corro sollten die Rohrteile – angeblich. Corro kennen Sie wohl, Herr Abelsen.“

„Ja … Bei Valdivia …“ und ich brühte den Tee auf.

„Angeblich Corro … Alles angeblich, Herr Abelsen. Die Turidos logen wie gedruckt. Alle. Der Tatjana fiel’s am schwersten. Als der Äppelkahn, südwärts kriechend, die Höhe von Corro erreicht hatte, dachte der Kapitän nicht daran, die Bai von Valdivia anzulaufen. Dieser famose Kapitän war ein kleiner dicker Mestize, der der Signorita Olga auf Tod und Leben den Hof machte … Und sie spielte mit ihm wie die Katze mit der Maus. Nun liegt der gelobe Fettwanst gleichfalls ersoffen bei der Clarence-Insel, – erst besoffen, dann ersoffen. Ja – es jab überreichlich Alkohol auf dem „Starost“, und Freund Coy Cala wäre dort all seine Spulwürmer bestimmt losgeworden, hätte sich freilich auch das schöne Delirium Tremens geholt, genau wie der Niggerboy, der Kajütjunge, der … – doch davon später. – Bitte, füllen Sie mir den Becher, Herr Abelsen … Und bitte nur halb. Oben nauf dann Rum. Ich [20] bin nämlich aus jener Jejend, wo der Mops die Kenigsbarjer Klops nich fressen wollte. Kennen Sie den ostpreußischen Vortragskünstler Robert Johannes? – So, vom Namen nach … War ein Verwandter von mir, das heißt: jeistig – auf dem Jebiet der Untugenden. Er trank und jeute, und ich hab’ beides auch mal aus dem ff gekonnt, besonders das Jeuen. In Monte verjuckste ich auf die Art mal ’n halbet Ritterjut … – So, der Maitrank schmeckt … Ihr Wohl, Herr Abelsen … Ick bin jetzt wahrhaftich wieder ick selbst jeworden. Was doch so ’n bißken Essen und Trinken macht! Übrijens – die Zijarren Ihres Freundes Holger Jörnsen sind rauchbar. An Bord des „Starost“ jab’s pro Tag und Kopp dreißig Zijaretten, alle mit Opium präpariert … Ich sage Ihnen, als diese Zijarettenspende auf der Höhe von Valdivia bejann und als dazu noch die Rumration verdoppelt wurde, kamen die farbigen Halunken – es war das reinste Korps der Rache! – überhaupt nich mehr zu Verstand. Schon damals merkte ick wat, Herr Abelsen … Und von da an hielt ich die Augen doppelt gut offen, zumal meine kleine Freundin Tatjana gleichzeitig angeblich erkrankte – alles angeblich! – und nich mehr an Deck erschien …“

Joachim Näslers Art zu erzählen machte mich langsam nervös. Er näselte tatsächlich, dieser Näsler, der nicht Näsler hieß, und ich hätte ihn bestimmt für einen verkrachten deutschen Offizier gehalten, wenn sein Benehmen nicht so ungeheuer widerspruchsvoll gewesen wäre. Jedenfalls: wenn er zu jener Sorte von internationalen Abenteurern gehörte, die jederzeit bereit sind, auch als Hochstapler sich zu betätigen, so war dieser talentierte [21] Komödiant ohne Zweifel ein Meister seiner Zunft. Ihm das, was er mir hier jetzt als Erlebnis auftischte, ohne weiteres zu glauben, war von mir nicht gut zu verlangen. Ich wollte erst den Knalleffekt seiner Geschichte abwarten.

„Weiter!“ mahnte ich ungeduldig, denn wie sein Aufenthalt auf dem „Starost“ ausgehen würde, interessierte mich tatsächlich, mochte er nun schwindeln oder nicht.

„Jeduld, Herr Abelsen, Jeduld …“ Und er schaute träumerisch zu den östlichen Uferhöhen hinüber, die jetzt im Abendrot wie blankes Kupfer leuchteten. „Ich könnte ja stundenlang reden, Herr Abelsen, wenn ich mich auf Einzelheiten einlassen wollte. Aber diese Einzelheiten fördere ich besser allmählich zutage. Der Gesamteindruck entscheidet. Ich weiß, daß Sie über meine Person noch nicht im klaren sind. Recht so von Ihnen. Allzu vertrauensselig ist dumm. Anderseits: Sie haben mir offen erklärt, daß die sogenannte Kulturwelt hauptsächlich wejen des hinter Ihnen erlassenen Steckbriefes für Sie erledigt ist … – Wenn der Coy dort unten nur nicht so brüllen wollte, der Prachtkerl! Das lenkt mich ab … – Coy, etwas piano, mein Sohn!“ rief er dem Araukaner mit heller Stimme auf englisch zu …

Coy verstand, winkte uns zu und schlug einen neuen Nagel ein …

„… Daß der alte Garzia seine Jüngste zu Stubenarrest verurteilt hatte, gab eigentlich den Ausschlag, Herr Abelsen. Ich hütete mich vor den verdammten Zigaretten genau so wie vor dem Rum, und so kam’s denn, daß ich außer den Turidos auf dem „Starost“ der einzige blieb, der seine fünf Jroschen beisammen behielt … Jroschen [22] gleich Sinne, Herr Abelsen … – Der Äppelkahn schaukelte also immer weiter südlich, mied die Schiffsroute, blieb auf hoher See und nahm erst am siebenten Tage dieser allgemeinen Besoffenheit und dieses dauernden halben Opiumrausches Kurs auf die Steilküste von Santa Ines, südlichster Teil, dort, wo die Clarence-Insel ein unbenanntes Vorgebirge mit wüsten Klippenmassen in das ohnedies oberfaule Fahrwasser hineinschiebt. Natürlich hatte ick Jrips jenuch im Schädel, nich etwa den alleenigen Nüchternen zu spielen. Ins Jejenteil …! Ick markierte eene richtige unauffällige Durchschnittsbesäuseltheit, ließ jeden Tag den Fraß anbrennen, kochte Kaffee mit Teezusatz und machte ähnliche Scherze. So kam denn also der Abend heran, an dem der „Starost“ dem Clarence-Vorgebirge sich näherte. Als wir dicht vor den Klippen waren, ließ der alte Turido die olle Kaffeemühle von Maschine stoppen, und nachdem das Großboot ausjesetzt war, wurde der „Starost“ vorsichtig über den riffreichen Meeresarm bis zur äußersten Südspitze von Santa Ines geschleppt. Darüber ward es finstere Nacht, und ohne den Scheinwerfer hätten wir nachher kaum die zehn Riesenrohrteile so glatt mit der Dampfwinde auf die Felsen bekommen. Der „Starost“ hatte nämlich an einer Art natürlichem Bollwerk anjelegt, Herr Abelsen, – eine ähnliche Felsterrasse wie hier. Und bei diesem Entladen der Fracht des Äppelkahns stieß mir nun abermals so allerlei auf. Zunächst aber jeben Sie mir bitte noch ein Jlas Maitrank … Ich habe seit Monaten nich so viel jeredet wie heute, denn wenn ich mal mit der aschblonden Tatjana an der Reling so ein bißchen Konversation machte, war immer gleich [23] der lange Bengel, der Leon, zur Stelle und jagte mich in die Kombüse zurück. – Danke … Etwas mehr Rum … So, Ihr Wohl, Herr Abelsen … Ihnen werden noch die Ohren klingen, was ich noch so zu berichten weiß …“

Er trank, und sein Gesicht war düster wie eine Gewitterwolke …

„… Allerlei fiel mir auf … Zum Beispiel: die Olga bediente den Scheinwerfer, beleuchtete aber immer nur die nächste Uferpartie, und da es regnete und pechfinster war, konnte ich mir leider von der Umgebung dieser Steinmole wenig einprägen. – Dann: der Leon, der Bengel, suchte mich dauernd in der Kombüse zu beschäftigen. Ich sollte nicht an Deck. Man hatte Angst vor mir. Drittens: außer den zehn Rohrstücken wurden noch fünfzehn große Kisten an Land geschafft und hier mit einer Ölplane bedeckt. – Dann befahl der alte Garzia dem Mestizen-Kapitän, den „Starost“ wieder über den Meeresarm nach dem Clarence-Vorgebirge zu bringen und dort den Morgen im Schutz der Klippen abzuwarten. Morgens um acht sollte der Dampfer sich hier an der Naturmole wieder einfinden. – Ich stand dabei, als der Alte diese Befehle erteilte, und selbst Leons Anschnauzer, ich solle mich um das Nachtessen der Besatzung kümmern, entlockte mir nur ein Grunzen. Ich war scheinbar besoffen wie ein Schwein. Hierauf gingen die sämtlichen Turidos, auch die angeblich kranke Tatjana, an Land. Letztere freilich nicht ohne besonders gearteten Abschiedsgruß für mich. Ich lehnte neben der Relingpforte, als die Herrschaften den „Starost“ verließen. Der Regen hatte gerade ein wenig abgeflaut. Wie Tatjana so dicht an mir vorüberschritt, raunte sie mir hastig zu: [24] „Fliehen Sie sofort – – Höllenmaschine!“ – Sie sprach nämlich leidlich deutsch, Herr Abelsen. Hm – klingt Ihnen dies zu romanhaft?! Tut mir leid … Ist die Wahrheit … – Sie können sich wohl unschwer vorstellen, wie diese Warnung auf mich wirkte …“

„Allerdings … Weiter!“

„Der „Starost“ wurde also von dem Großboot wieder abgeschleppt, und mit aller Vorsicht ließ der jelbe dicke Fettwanst nachher auch die Kaffeemühle arbeiten. – – Höllenmaschine …!! Nun – sie konnte nur unten im Laderaum versteckt sein, und ich kroch denn auch hinab und suchte, beleuchtete mit der Laterne die noch vorhandenen Kisten und roch mit einem Male den Jestank einer schwelenden Lunte. Aber wo diese Lunte steckte, war nicht festzustellen. Ich also nach oben. Inzwischen hatte der „Starost“ schon innerhalb des Klippengürtels Anker geworfen. Ich hielt es für meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das besoffene Jesindel zu warnen, erzählte dem Kapitän das Nötige und wurde ausgelacht. Der Lump war eben bis oben voll. Aber bei den anderen Leuten hatte ich mehr Glück. Einzelne waren recht helle, und so gingen wir denn zu Vieren nochmals in den Laderaum hinab und – – da war’s, daß der Niggerboy plötzlich das heulende Elend und Alkoholkrämpfe bekam, seine Petroleumlampe hinschmiß und beinahe einen Brand entfacht hätte. Natürlich war jetzt keine Möglichkeit mehr, den Gestank der Lunte zu riechen. Der ganze Raum war verqualmt, und als noch das gelbe Mastschwein erschien und uns wegjagte, war meine Rolle als Warner ausgespielt. Ich packte rasch meine Schiffskiste, etwas Proviant und Wasser in das [25] Dinghy[2], das letztens frisch gestrichen worden war, und stieß vom „Starost“ ab, während die Kerle in der Back zu einer Ziehharmonika Niggerlieder gröhlten und weitersoffen. Ich ruderte dicht am Vorgebirge entlang und bog dann in eine kleine Bucht ein, zog das Boot aufs Trockene und konnte von der Uferhöhe aus gerade noch die Topplaterne des „Starost“ als winziges Pünktchen erkennen. Es war jetzt drei Uhr morgens. Und genau fünf Minuten später sah ich den Dampfer versinken, – das heißt, ich sah es weniger als ich es hörte. Der Knall machte alle Robben ringsum wild. Als es um fünf leidlich hell wurde, war von dem „Starost“ nichts mehr zu sehen – nichts, Herr Abelsen! – Was hätten Sie nun getan?“

„Ich?! – Was taten Sie denn?“

„Ich hatte mir das Fernrohr des Fettwanstes entliehen, – seien wir ehrlich: ich hatte es gestohlen und mitgenommen. Sie haben es ja gesehen. Es ist ein vorzügliches Glas. Das Wetter hatte sich aufgeklärt, und mit Hilfe des Glases schaute ich drüben an der Küste von Santa Ines nach den Turidos und den zehn Rohrstücken aus. Da diese zum Schutz gegen Rost hellrot gestrichen waren, hätte ich sie gegen den dunklen Hintergrund der Felsen unbedingt erkennen müssen, obwohl ich ja nicht genau die Richtung wußte. – Wissen Sie, was ich sah?! Raten Sie mal …“

„Gar nichts …!“

„Sie irren, Herr Abelsen … Ich sah einen kleinen Dampfer, mehr eine Jacht, und auf deren Achterdeck waren die zehn Rohrstücke aufgetürmt. Die Jacht verschwand gerade nach Westen zu um das Santa Ines-Vorgebirge herum. – Und hiermit [26] ist meine Geschichte zu Ende. – Wenn Sie jetzt etwa sagen, sie sei alltäglich und ohne Belang, so sind Sie ein Mensch ohne jede Phantasie, ohne jede Spur von Fähigkeit, das Unfaßbare dieses meines Erlebnisses richtig einzuschätzen. Im übrigen versichere ich Ihnen, das all dies Wort für Wort wahr ist.“

Ich drückte ihm nur stumm die Hand.

Coy und die beiden anderen Araukaner kamen und ließen sich am Feuer nieder.




[27]
3. Kapitel.
Mammi – – Mammi …!!

Coy hatte nur Augen für die Rumflasche – nur. Und ich hatte Erbarmen mit ihm.

Chico litt auch an Spulwürmern. Der stille Chubur offensichtlich ebenfalls. Meinen Tee mieden sie, und es mußte eine zweite Flasche entkorkt werden.

Es war nacht, und von Osten nahte drohendes Gewölk. Coy holte aus dem wieder heilen Nachen das Zelt aus Robbenfellen, dessen Stangen die Riemen des Nachens bildeten. Kaum fertig, goß es auch schon in Strömen. Wir hockten nun zu fünfen im stinkenden Zelt um das qualmende Feuer, und Coy und Genossen halfen stinken, denn ihre Fellkleidung war mit Tran reichlich imprägniert.

Joachim Näsler begann Coy auszufragen.

Ob er Santa Ines genau kenne?

„Ja, ganz genau, Mistre … Viel Robben dort an Westküste …“

Und Chico bestätigte: „Sehr gute Weiden dort im Innern, Mister … Sehr viel Berge … Schnee oben … Eis …“

„Das habe ich gesehen,“ nickte Näsler. „Ist Santa Ines bewohnt?“

Coy zuckte die Achseln. „War, Mistre … Chilenische Sennor dort hatte drei Schaffarmen bis letzten Winter. Da kam Krankheit. Alle Tiere weg, alle … Keiner Krankheit kannte. Kam Arzt [28] aus Calbico. Wußte nichts. Schafe starben. Mistre nur fragen Chubur. Der damals war Hirt bei Sennor.“

Der braune Melancholiker sagte maulfaul:

„Doktor aus Calbico dumm sein … Ich wissen – Gift!“

„Wie?! Gift?!“

Chubur tauchte seinen Zeigefinger in den Rumbecher und holte eine Spinne heraus. „Gift, Mister. Bestimmt Gift. Ich nicht darüber reden. Wozu?! Schafe tot …“

„Bist ein Gemütsmensch …! – Also ist Santa Ines jetzt unbewohnt?“

„Nein, Mister,“ erklärte Chubur widerwillig.

Coy fuhr auf. „Unsinn, nicht bewohnt!! Woher du anders sagen, he?!“

„Weil wissen …“

Näsler warf mir einen Blick zu. Auch ich merkte: hier stimmte etwas nicht!

„Was du schon weißt!“ höhnte Coy geringschätzig. „Dreckige Feuerländer dort Zelte haben, wenn Robben sich paaren … Feuerländer nachher wieder weg …“

„Weiße,“ brummte Chubur und warf die Spinne ins Feuer.

„Also Europäer hausen dort irgendwo?“ forschte Näsler weiter.

„Ja, Mister … In Westbucht. Haben Jacht, haben Haus, haben Pferde …“

Näsler zog die Augenbrauen gespannt hoch. Coy lachte …

„Lügner, Chubur …! Du dich schämen …!“

„Ich kein Schwätzer … Mich keiner fragen bis jetzt. Europäer vergiften Schafe … Streuten nachts über Gräser weißes Pulver …“

[29] Wieder schaute Näsler mich an. Ich nickte ihm zu. Wir verstanden uns. Es konnten die Turidos sein. Die Jacht gab den Ausschlag.

„Beschreibe mir die Jacht, Chubur,“ verlangte Näsler kurz.

„Kleine Jacht, ganz grau gestrichen, zwei Masten, dicken Schornstein … – Ich zufällig mal an Bucht kommen, als Schafe tot. Ich suchten Reiter, die weißes Pulver streuten. Da sahen ich Jacht und Haus … Bald dann ich kehrten heim. Mehr nicht wissen.“

„Gemütsathlet!“ murmelte Näsler. Und laut: „Würdest du die Bucht finden, Chubur?“

„Vielleicht, Mister … Küste dort Bucht an Bucht. Alle gleich … alle … Schwer finden. War nacht damals, Mister …“

„Hm – waren die Reiter denn nur Männer?“

„Zwei und eine Sennorita … Gute Pferde, Mister … Gute Büchsen …“

Näsler lächelte hoffnungsfroh.

Aber Coy Cala höhnte wieder: „Er ja lügen, Mistre … Bestimmt lügen … Chubur immer still. Wenn reden – Unsinn …“

Chubur zog langsam sein langes Messer aus dem mit Muscheln besetzten Ledergürtel und hielt sich die Spitze an die Kehle …

Feierlich erklärte er: „Chubur nie lügen … Coy größte Schwindler … Ich finden Bucht … Amen!“ Und dieses Amen war auch Coys größter Schwur. Coy meinte ernst:

„Gut, er reden Wahrheit … – Weshalb Mistre Näsler fragen nach Europäer?“

„Weil … weil …“

Er verstummte.

Chubur hatte sein Messer blitzschnell und haarscharf [30] an Näslers Kopf vorüber auf das im Winde leicht flatternde Fell geschleudert, das den niederen Zelteingang bildete …

Ein gellender Aufschrei draußen … Dann fiel das Zelt plötzlich in sich zusammen. Wir lagen unter den Rudern, den zusammengenähten Häuten. Das Feuer qualmte stärker, und hustend und mit tränenden Augen arbeiteten wir uns schließlich ins Freie – hinein in den rauschenden Regen und die Finsternis …

Coy war verschwunden. Und erst als wir das von fremder Hand umgestürzte Zelt wieder aufgerichtet hatten und Chubur uns längst erzählt hatte, daß er draußen vor dem Eingang ein menschliches Auge habe blinken sehen, tauchte mein Freund Coy wieder auf.

„Nachen und Boot weg,“ keuchte er … „Alles weg … alles … Rum- und Kognakkiste, Proviant … Alles …“

Wir fachten das Feuer von neuem an.

„Nette Bescherung!“ meinte Joachim Näsler zu mir. „Natürlich die Turidos! Sie müssen mir gefolgt sein. Na – wenn der Bengel Leon nicht Chuburs Messer ins Auge gekriegt hat, will ich nie mehr Maitrank saufen! Die Stimme Leons kenne ich! Er war’s!“ – Er hatte deutsch gesprochen. Und ich erwiderte ebenfalls deutsch, was die Araukaner nicht verstanden: „Dann sind es Verbrecher schlimmster Sorte, Herr Näsler!“

„Und ob!!“ – Aber meine Person galt ihm jetzt wenig. Er wandte sich an Coy.

„Falls wir uns hier auf einer Insel befinden, – wie kommen wir weiter, Coy?“

Freund Coy Cala grinste erhaben … „Boot bauen, Mistre, sehr einfach … Draußen kleine [31] Bäume … Machen Gestell, darüber Zelthaut – fertig!“

So war Coy: Fertig!! – Und wenn er’s sagte, klappte es auch. Er war ein Schwätzer, aber kein Prahlhans.

„Dann bin ich beruhigt …“ Und Joachim Näsler überlegte. „Coy, ihr werdet das Boot sofort bauen. Wie lange dauert das?“

„Paar Stunden, Mistre … Mit Rum noch kürzer …“

„Gut, dann fangt an … Abelsen und ich werden Vorrat schlafen. Hier habt ihr eine noch volle Flasche …“

Coy strahlte. „Kommt,“ forderte er seine Stammesgenossen auf. Und mit der Rumbuddel traten sie in Regen und Finsternis hinaus, Naturmenschen, deren Augen wie die von Katzen waren.

Und Näsler und ich waren allein. Redeten ein langes und breites über die mysteriöse Familie Turido, ohne auch nur im entferntesten irgendwie erraten zu können, was diese Leute auf Santa Ines trieben.

Bis ich plötzlich an das dachte, was mich dorthin hatte locken wollen.

„Herr Näsler …“

„Hören Sie mal zu … Ich will Ihnen etwas anvertrauen. Käpten Holger Jörnsen hatte mir gegenüber zugegeben, daß er als Rutengänger einst auf Santa Ines Gold gefunden hat – ungeheure Reichtümer, die er nie ausgebeutet hat. Ich wollte nun die Insel durchstreifen, nicht etwa, weil ich Gold graben möchte, nein, sondern nur um mir diese Ader anzusehen, die geradezu phantastisch ergiebig sein soll. Wo sie zu suchen – keine [32] Ahnung! Aber ich habe ja Zeit, sagte ich mir. Wenn nun etwa die Turidos irgendwie von Jörnsens Geheimnis Kunde erhalten hätten!!“

„Mann – und das sagen Sie mir erst jetzt!“ – und Joachim Näsler funkelte mich durch sein Monokel empört an. „Das ist des Rätsels Lösung! Die Schufte haben die Schafe vergiftet, weil sie allein sein wollen. Die Schufte wollen die gewaltigen Rohrstücke zusammensetzen und das Gold durch eine Quelle auswaschen und …“

„Stopp, Mann …! Stopp!! Genau demselben Irrtum fielen mein lieber Kamerad Boche Boche und ich vor Wochen zum Opfer, glaubten damals auch an Gold, Goldsucher … Und Jörnsen suchte etwas ganz anderes, wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe. Wollen nicht denselben Fehler begehen, Herr Näsler. Mit Rohren von drei Meter Durchmesser wäscht man kein Gold aus. Ich bin Ingenieur. Ausgeschlossen. Nein – die Leute treiben etwas anderes. Was – wir werden es erfahren, und wir werden, wir fünf, diesen Fremden dort nötigenfalls mit Gewalt entlocken, was sie nicht freiwillig beichten. Mörder sind’s, und …“

„Stopp, Herr Abelsen, – stopp!! Niemals gewöhnliche Mörder …! Ich habe die Familie studiert. Ich kenne sie … Der Alte und Leon, – unheimliche Kerle, gewiß, aber Männer wie wir, Herr Abelsen, – Männer wie ich, abgerutscht vom Höhenpfade des Daseins … wie auch Sie, – Weltentramps, Abenteurer, brutal, aber – – vornehm, Kavaliere, gutes Blut, Abelsen …! Darauf Verstehe ich mich! Der alte Garzia sah wie ein fünfzigjähriger Herzog aus einem Courths-Mahlerschen[ws 1] Roman aus. Der Leon hätte in jedem [33] Salon der alten Schule Figur gemacht, und die Sennora nicht minder, dann noch die Mädels: Rasse – – Rasse!! – Niemals Verbrecher gewöhnlichen Schlages, wiederhole ich! Wer so kaltblütig dreizehn Leute in die Luft sprengt, wer mit solchem Raffinement …“

„Verbrecher bleibt Verbrecher,“ unterbrach ich ihn …

„Gestatten Sie: dann sind auch die Diplomaten, die den Weltkrieg zusammengebraut haben, Massenmörder – – Verbrecher!“

„Hier Politik, Näsler?! Hier am Ende der Welt?! Hier, wo …“

„Gut – – schlafen wir … Gute Nacht, Abelsen … Ich bin weiß Gott müde genug.“

Und er schob sich sein Graspolster unter den Kopf und streckte sich lang.

Beneidenswerter Mensch: in wenigen Minuten war er eingeschlafen. Ich hatte doch auch einen Tag hinter mir, der mir ein vollgeschüttelt Maß Aufregungen und Anstrengungen gebracht hatte. Und doch war ich so munter, daß vorläufig an Schlafen gar nicht zu denken war, besonders da mir zu vieles durch den Kopf ging, was sich nicht so ohne weiteres ausschalten ließ. Das Schicksal, sagte ich mir in sanftem Hindämmern der Gedanken, meinte es im Grunde doch gut mit mir. Nach alledem, was ich mit Kamerad Boche Boche erlebt hatte, wäre der von mir geplante Ausflug ins Innere von Santa Ines ein sehr schales Vergnügen gewesen. Da war Joachim Näsler erschienen, ein Mensch, der mich schon jetzt anzog, ein Mann ohne Frage, ein Tramp des Lebens wie ich. Kein bösartiger Abenteurer, – nein, den Argwohn hatte ich fallen lassen. Jeder [34] Zweifel, die Geschichte des „Starost“ und der Familie Turido konnte erfunden sein, war geschwunden. Ich stand mit meinen beiden muskulösen Beinen, die schon über so manches Erdteils wechselnde Kruste dahingesetzt waren, wieder mitten in einem neuen aussichtsvollen Geschehnis, mitten auf der endlos breiten Straße, die für alle, deren Sinn dem Spießerdasein abgekehrt ist, neben dem Alltagspfade voller Dornen, Blumen und seltsamer Gestalten dahinläuft.

Sanftes Hindämmern der Gedanken …! Vortrefflich angepaßt der ganzen Umgebung, der Musik des Regens, der auf das Felldach trommelte, dem Säuseln des Windes, den vereinzelten Lauten, die die Arbeit der wackeren drei braunen Gefährten dort draußen begleiteten: das Splittern von Ästen, dröhnende Hiebe der Handbeile der Araukaner, und natürlich Coys Stimme, scheltend, fluchend, mahnend, befehlend. Das Feuer knisterte, und der Qualm zog träge nach oben zum Zeltdach hinaus. Einzelne Regentropfen fielen durch die Öffnung in die Glut, zischten und erzeugten neue Qualmflöckchen.

Coy hatte vorhin Joachim so mitleidig – erhaben angeschaut, als der ihn fragte, ob denn nicht Spuren zu finden gewesen seien … Spuren des Mannes, der Chuburs Messer ins Gesicht bekommen und mitgenommen hatte. Chuburs Messer war auf diese Weise verloren gegangen, und Coy hatte nur erwidert: „Spuren, Mistre?! Es regnet! Aber es waren mindestens zwei Leute, Mistre … Der mit dem Messer im Gesicht würde wohl kaum zum Boot zurückgefunden haben, Mistre … Zwei Schufte, – – der schöne Rum und Kognak!“

Daß wir belauscht worden, war gewiß. Daß [35] wir fernerhin vorsichtig sein mußten, noch gewisser. Und daß wir nun Regenwasser saufen und Robbenfleisch fressen mußten, war peinlich. Ein Glück, daß wir wenigstens Waffen und Munition mit ins Zelt genommen hatten. Die Turidos sollten uns kennenlernen! Daß Joachim für sie eintrat und diese Mörderbande noch zu entschuldigen suchte, – ich ahnte, weshalb: Tatjana!! Natürlich ein Weib!! Für mich ein erledigtes Kapitel nach der letzten Enttäuschung … Gerda Dorner und ich!! Man bleibt ein Unterrocknarr, bis man eben … – weg damit!

Das Eingangsfell wurde gehoben. Coy blickte herein, schaute auf den leise schnarchenden Näsler und flüsterte, indem er von seinen Händen das rinnende Blut abstrich:

„Ja, drei Robben töten. Gute Felle, gute Riemen …“ Dann griff er in die Tasche und holte einen halb Meter langen Wurm hervor. „Da, Mistre, – Sie nicht glauben … Alle Araukaner leiden an Spulwürmer … Da – – Rum schon geholfen … Noch mehr Rum … Arbeit schneller gehen!“

„O du Lump!“ feixte ich ihn an. „Dein Wurm ist ein Regenwurm, und da wir nur noch eine Flasche Rum besitzen, wirst du wohl verzichten müssen.“

Er schleuderte betrübt den Regenwurm in die Finsternis und meinte mit der Diplomatie des ganz gerissenen Säufers:

„Mistre, Chubur noch mehr erzählen …“

„Sehr nett von ihm. Aber vorläufig wissen wir genug, lieber Coy …“

Er ließ nicht locker. „Wichtig sein, Mistre Abelsen, sehr wichtig … Ich versprechen Chubur [36] Becher Rum, sonst nicht reden. Ich Wort halten. Mistre also geben Rum …“

„Scher’ dich zum Teufel, Gauner!!“ – Da fiel das Fell herab und Coy verduftete schwer enttäuscht.

Aber seine Andeutungen, daß Chubur, der große Melancholiker, noch mehr aus dem bunten Inhalt seiner Erinnerungskiste hervorgekramt habe, ließen mir doch keine Ruhe. Es konnte sich ja in der Tat um etwas Wichtiges handeln, und es konnte viel davon abhängen, daß Joachim und ich recht bald darüber genau unterrichtet würden.

Joachim Näsler … Der Anstoß zu dieser neuen Wanderung ins Land des Ungewissen. Da meldete er sich schon, lag jetzt, den Kopf in die Linke gestützt, auf seinem bescheidenen Lager und meinte: „Abelsen, ick habe allens jehört … Rufen Sie Chubur.“

Seine nachlässig-selbstsichere Art, mit der er mir nun zum zweiten Male zu verstehen gab, daß er sich mir überlegen fühle (das erste Mal war’s sein kurzes Abbrechen unseres Gesprächs über die Mörderfamilie gewesen), ärgerte mich nur wieder einen Augenblick. Weiß Gott, er hatte bei all seiner … ja, Schnoddrigkeit war hier die treffende Bezeichnung, doch etwas Unnennbares an sich, das ich mehr fühlte als genau definieren konnte und dem ich mich widerstandslos beugte.

Ich trat in den prasselnden Regen hinaus.

„Chubur …!! Chubur …!“ – Die Büchse hatte ich im Arm …

Keine Antwort …

Die volle Mondscheibe schwamm über mir als verwaschener Fleck in der Finsternis. Meine Augen [37] gewöhnten sich schnell an das Dunkel, und bald unterschied ich drüben die niederen Buchen, wo die drei Araukaner soeben noch gearbeitet hatten. Ich tappte durch feuchte Gräser und über Steingeröll und zähe Dornenranken hinweg, bis mein Fuß gegen ein fast fertiges Bootsgerippe stieß. Ich bückte mich und betastete das Kunstwerk, dessen Teile mit frischen Hautstreifen armer Robben gut vereinigt waren. Ich als Ingenieur hätte Tage zu diesem Bootsskelett gebraucht, und die drei Indianer hatten’s in knapp zwei Stunden geschafft.

„Chubur!!“ brüllte ich von neuem und richtete mich auf …

Meine Augen suchten. Die Patagonier waren nicht da. Wo waren sie?!

So kletterte ich denn tiefer hinab, bis zum Buchtstrande. Der Regen war kalt, und die eisigen Tropfen waren mir unangenehm.

Keine Menschenseele …

Wo steckten die drei?!

Ich kehrte um, klomm die Terrassen wieder aufwärts, hob das Eingangsfell des Zeltes und schlüpfte in die dunstige, stinkende, aber warme Hütte …

„Chubur ist …“

Da stockte ich schon.

Näslers Lager war leer.

Eine dumpfe Ahnung befiel mich, daß hier Dinge vorgegangen waren, die ich in ihrer ernsten Bedeutung noch nicht voll überschaute. Ich ging abermals ins Freie, nachdem ich noch festgestellt hatte, daß der Karabiner Näslers und die Flinten der Araukaner noch vorhanden waren.

Ich stand vor dem Zelt … rief … rief.

[38] „Hallo, Näsler, – – hallo!!“

Meine Stimme ist nie schwach gewesen. Freilich fehlte ihr der eherne Klang des harten Organs Joachims.

Aus der dumpfen Ahnung unklarer Zwischenfälle ward das Empfinden völligen Verlassenseins. Die große, von Geräuschen mannigfacher Art erfüllte Einsamkeit dieses granitnen Erdenflecks inmitten zahlloser Kanäle und Inselchen bedrückte mich. Ich hatte die Büchse für alle Fälle gespannt. Wenn die Turidos erst die drei Araukaner und dann auch Näsler mir weggeschnappt hatten, – natürlich mit Hilfe ihrer Verbündeten, denn diese mußten sie ja den ganzen Umständen nach zur Verfügung haben, dann sollten sie mich jedenfalls nicht so leichten Kaufes abfangen. Der seelische Druck schwand, und Olaf Karl Abelsen bohrte argwöhnische Blicke ringsum in die lästige Düsterheit, – ohne Grund, ohne Zweck, wie sich nach geraumer Zeit ergab, da nichts geschah, absolut nichts, und das war das, was ich am wenigsten erwartet hatte und was mich außerordentlich verwirrte.

Ich begann zu frieren. Meine blaue Seemannskluft, ein Andenken an den Kutter „Torstensen“, war längst durchnäßt. Der Wind war noch weiter nach Süden herumgegangen, und was das für diese Gegenden um Kap Horn bedeutet, weiß jeder Seemann. Mit dem Begriff Südwind verbindet man unwillkürlich stets etwas Laues, Weiches, Mildes, Frühlingshaftes. Hier ist’s gerade umgekehrt. Aus dem Regen wurde Schnee, Hagel. Der Wind eisig … Meine Jacke, meine Hosen wurden hart, gefroren. Meine Hände büßten jedes Gefühl ein. Mein Gesicht brannte dagegen. Also zurück in das Zelt. Diese Temperaturstürze im [39] Magelhaens-Archipel haben schon manchem Jan Maat, dessen Schlund und Lunge gegen alles gefeit schienen, im Handumdrehen vierzig Grad Fieber und mehr gebracht.

Ich zitterte vor Frost. Ich warf die letzten Holzscheite in das Feuer, hockte mich dicht neben die Glut und griff nach der letzten Rumflasche. Teufel – saß der Korken fest …! Ich zog, keuchte, stand wieder auf, klemmte die Flasche zwischen die Schenkel …

Endlich …

Und soff drei lange Schlucke reinen Rum. Hustete … Aber Feuer kroch mir vom Magen in mein durchkältetes Fleisch … Und der Sprit rumorte in meinem Hirn, feuerte mein Denken an …

Knatternd schlug der Hagel gegen die straff gespannten Felle, deren wasserdichte Nähte auch nicht ein noch so winziges Tröpfchen durchließen.

Dann plötzlich Stille …

Nur der Wind fauchte noch in dem Kessel der Bucht … Irgendwoher kam das bellende Heulen brünstiger Robben … Noch etwas kam – seltsame Laute …

War ich etwa betrunken?!

Ich reckte den Kopf näher zum Eingang … Das Fell flatterte träge …

Dann riß ich die Büchse hoch … Hinaus … Klares Mondlicht … Sternenschein … Die Gräser glashart gefroren …

Da – wieder die helle Kinderstimme …

„Mammi – – Mammi!!“

Kläglich, verzweifelt das dünne Stimmchen.

Bei Gott, dort am Fuße der einen Buche, die wir vorhin aller Äste beraubt hatten, kauerte [40] ein kleines Wesen … gehüllt in eine helle Wolldecke, auf dem Kopf eine dicke Flauschmütze mit Ohrklappen …

Ich hin …

Der Mond beleuchtet das runde, rotwangige, tränenfeuchte Gesicht eines blonden Bürschchens von vielleicht acht Jahren. Große, verängstigte Augen starrten mich an …

„Junge, wie kommst du denn hierher? Wer bist du?!“ – Ich hatte mich meiner Heimatsprache bedient …

Keine Antwort … Wiederhole dasselbe auf englisch …

Da leuchten die tränentrüben Sterne des Knaben auf.

„Allan Mangrove,“ erwiderte er halb schluchzend … „Ich … fürchte mich so, Mister … Ich fürchte mich so …“

Ich nahm ihn und trug ihn ins Zelt.

Vier Kameraden hatte ich in dieser Nacht verloren, hatte dafür – – ein Kind gefunden. Ein Bürschlein, das in einem tadellosen blauen Samtanzug von Matrosenschnitt steckte, Schuhe trug, die ebenso fein waren. Alles an Allan Mangrove war fein. Ein kleiner Prinz in seidener Wäsche. Und – hier ausgesetzt im wilden, unberechenbaren Magelhaens-Archipel …!!

Als der Morgen heraufdämmerte, hatte mir der kleine Allan erzählt, was er erzählen konnte. Es war wenig, sehr wenig. Es war ein neues dunkles Ereignis wie ein Felsblock in meinen breiten Pfad der Abenteuer gerollt, kein Hindernis, aber etwas, das Beachtung verlangte.




[41]
4. Kapitel.
Magelhaens-Nebel.

Dann wickelte ich den armen kleinen Kerl in seine Wolldecke ein und bewachte seinen festen Schlummer.

Der eiskalte Wind blies durch die Ritzen des Eingangs, und draußen lauerte die ungewisse Dämmerung des neuen Tages, des ersten, den ich in Wahrheit als Robinson verbringen sollte. Manches war mir schon widerfahren, manches Außergewöhnliche hatten mir meine Berufsreisen eingetragen, als ich noch Kulturmensch, Ingenieur war und die neuesten Errungenschaften der Zivilisation durch Eisenbahnbauten, durch Hafenanlagen und romantische Serpentinenstraßen in bisher öden Gebirgsgegenden weiter verbreiten half. Nichts Menschliches war mir fremd geblieben. Das Leben hatte mich reich beschenkt, denn Erleben ist Leben. Und jetzt – ein Ausgestoßener, ein Außenseiter, ein Menschenverächter, ein Flüchtling vor alledem, das ich einst selbst gefördert hatte: Kultur! Zivilisation, Fortentwicklung des Menschengeschlechts! – Dieses Geschlecht war’s nicht wert, seinetwegen auch nur noch einen Finger zu rühren. Kläglich war das Ende meiner hoffnungsfrohen Laufbahn gewesen: Jeder hatte mir eine große Zukunft prophezeit. Und – gestrauchelt war ich über den Meineid eines Weibes … Olaf Karl Abelsen, Weltentramp: das war das [42] Ende und der Anfang! Nun – kein schlechter Anfang! Wenn ich an Kamerad Boche Boche denke, der diesen Anfang mitmachte, wird mir das Herz weit und leicht.

Ein Mann war’s …

Mann!

Und Joachim Näsler desgleichen, nicht minder Coy Cala und die beiden anderen Braunen. In keine Schablone hineinpassen, mit dem Tode spielen, mit dem Tode scherzen – das heißt Mann! Ihr, die ihr in weichen Sesseln vor dem rollenden Bildstreifen sitzt – der Film heißt vielleicht „Die Insel der Begrabenen“ oder so ähnlich –, euch hämmert das Herz, so lange Sensation nach Sensation sich jagt … Und ihr ahnt dunkel, daß es jenseits eures Eselstrotts des Alltags ein wundervolles Land der Verheißung geben mag, – daß auch ihr euch danach sehnt. Aber eine Stunde später sitzt ihr, elende Spießer, ihr alle, hinter einem Glase Wein oder Bier und sagt zu der treuen Gattin: „Verrückt war der Film eigentlich!“

Eigentlich … eigentlich! – Oh, man kann viel anfangen mit diesem eigentümlichen Eigentlich[3].

Eigentlich war ich ganz froh, daß ich nun wieder einmal ganz allein auf mich angewiesen war und mir die Eselskrücken kühner Begleiter fehlten. Nur so, auf sich selbst angewiesen, rollt das Abenteurerblut sprühend bis in die Fingerspitzen. Man fühlt sich Herr über jeglichen Entschluß. Rücksichten fallen fort. Es gibt keinen Meinungsaustausch … Man berät nur mit sich selbst. Und handelt, was einem gereifte Überzeugung eingibt. –

Draußen der neue Tag. Wenn mein kleiner [43] Allan – und der rechnete wahrlich als Mann nicht mit – erwachte, mußte er etwas Eßbares vorfinden. Und das mußte erst beschafft werden. Joachims Riesenappetit hatte mit den Vorräten, die wir aus dem Nachen ins Zelt geschafft hatten, gründlich aufgeräumt. Nicht einmal ein einziger Zwieback war mehr vorhanden. Und Boot und Nachen und vier Gefährten ebenso gründlich dahin! Falls sie nur durch irgend welche Umstände von den Terrassen weggelockt worden wären, – längst hätten sie zurück sein müssen! Nein – sie waren geschnappt. Vielleicht nicht von den Turidos nebst Anhang, vielleicht von[4] [… …][5] und ausgesetzt hatten.

Essen … Auch mein Magen meldete sich. Ich nahm die Büchse, verließ das Zelt, kletterte zum steinigen Strande hinab. Der Himmel leicht dunstig, unheildrohend, das gefrorene Gras knirschte wie Frostschnee. Die Felsen zeigten gefrorene Regenlachen. Die Szenerie ringsum fast winterlich. Dunkel das stille Wasser der hochumrandeten Bucht. Granitwände – – eine Felsenschüssel …

Das Zwielicht zeigte mir unten zwischen zwei Riffen ein bleiches, entstelltes Gesicht, eine Leiche, die sich in den Felsnadeln festgeklemmt hatte. Aus der linken Augenhöhle ragte ein Messer hervor. Also Chuburs Opfer.

Die Riffe waren vier Meter vom Strandstreifen entfernt. Kleinere Klippen bildeten einen Steig bis dorthin. Ich balancierte von Stein zu Stein, zog den Toten ans Ufer, einen jüngeren Europäer mit bartlosem Gesicht in einem derben Touristenanzug, braunen Schuhen und Wickelgamaschen.

[44] In den Taschen fand ich einiges, was ich brauchen konnte, nur keine Papiere, nichts, wodurch ich über die Person dieses Schwarzhaarigen Aufschluß erhalten hätte.

Tote brauchen keinen tadellos neuen praktischen Anzug und so gutes Schuhzeug. In Unterkleidern versenkte ich den mit Steinen beschwerten Toten.

Das Wasser der Bucht zog leichte Wellenkreise, als ob es sich vor Abscheu schüttelte, diesen Menschen beherbergen zu müssen. Und ich stand noch auf dem einen Riff, neben mir die Büchse auf der flachen Kuppe. Spielend zog ein armlanger Lachs seinen Weg durch die grünen Algen, die am Gestein hafteten. Lachse gibt es in allen Weltteilen, – ein internationales Fischgeschlecht, und dieser fette Vertreter kam mir gerade recht. Ein Pistolenschuß genügte, und mit dem Büchsenkolben angelte ich den Burschen in Greifnähe. Die Magenfrage war gelöst.

Als mein kleiner Allan um elf Uhr vormittags erwachte, konnte ich ihm ein derbes Stück Kochfleisch vorsetzen.

Er aß, und der Schlaf hatte ihn völlig umgemodelt. Sein klägliches Weinen nach Mammi lebte nicht wieder auf, und er, der in Texas sein eigenes Ponny gehabt hatte, der durch die endlosen Weidegründe gestreift war und die Romantik der weiten Einsamkeit schon kannte, lächelte mich an …

„Ja, Robinson, Mister Abelsen …! Und dann fahren wir zu Mammi zurück …“

„Natürlich, wenn ich das Fellboot fertig habe.“

Er aß, und dann kam er mit ins Freie, beschaute das Bootsgerippe, half mir, es zu vollenden. – Zu vollenden …! Das hatte gute Wege. Diese [45] Arbeit sollte mir wieder einmal beweisen, wie unendlich den noch so praktisch veranlagten und noch so weitsichtigen Kulturmenschen diese halbzivilisierten[6] Wilden, meine Araukaner, überlegen waren.

Allan lebte mehr auf. Ich habe ja schon immer Glück bei Kindern gehabt. Als wir in Siam den Viadukt von Tillabonga bauten, war meine Baracke der Treffpunkt der gesamten splitternackten Jugend des entlegenen Gebirgsdorfes Tillabonga. In meinen Mußestunden spielte ich Lehrer, und als der Viadukt fertig, konnten die kleinen Rangen mit den kugelrunden schwarzen Augen und den zarten und doch so sehnigen Gliedern englisch schreiben und lesen. Beim Abschied überreichte mir Sawimaka, der Dorfgewaltige, als Dank einen Elefantenstoßzahn von sechzig Pfund Gewicht. Dieser Zahn wurde zusammen mit meinem sonstigen Besitz versteigert, als die Kosten meines Strafprozesses nach meiner Verurteilung gedeckt werden sollten.

Allan war zutraulich, anschmiegend, redselig und in allem ein echter kleiner Yankee, der in der freien Luft des Rinderlandes Texas auf einer Großfarm aufgewachsen ist. Daß seine Mutter – seinen Vater hatte er nie gekannt – ihn nicht verweichlicht hatte, rettete ihm fraglos hier an der Wetterecke Südamerikas fraglos das Leben, denn uns drohten noch Tage, die den widerstandsfähigsten Mann böse mitgenommen hätten. Dabei war mein kleiner Freund so arbeitseifrig, anstellig und geschickt, daß ich ihn als Handlanger nicht hätte missen mögen.

An diesem ersten Tage unseres Robinsondaseins machte der Bootsbau nur geringe Fortschritte. Ich [46] mußte erst noch ein paar Robben erlegen, abhäuten und Riemen schneiden, denn nur diese frischen Lederriemen zogen sich nachher, wenn sie trocken waren, so kräftig zusammen, daß sie die Holzteile wie Schrauben aneinanderhielten. Hinzu kam noch die Pflicht, für die Küche zu sorgen. Der eine Lachs war so gut wie nichts für zwei Menschen gewesen, die sich dauernd im Freien in der scharfen Luft des Grenzgebietes des Atlantik und des Pazifik bewegten. Gekochtes oder gebratenes Robbenfleisch – – eine tranige Wildente ist ein Genuß dagegen. Schließlich kochte ich die Stücke nur an und hängte sie in den dichtesten Qualm des Feuers. Das half.

Das Wetter blieb kalt, stürmisch und unfreundlich. Am Abend versuchte ich es, einen der Sandberge der Bucht zu erklettern, um mir Gewißheit zu verschaffen, ob wir uns auf einer Insel befänden. Gänzlich erschöpft, mit zerschundenen Händen und Knien und zitternden Muskeln erreichte ich den Gipfel. Der Rest des Tageslichts genügte: es war eine kleine Insel, und weiter nach Westen zu erblickte ich die grandiosen Steilküsten der Hauptinsel Santa Ines. Ich war befriedigt und wollte umkehren. Aber die ungeheure körperliche Anstrengung dieser Bergtour hatte meinen Willen gelähmt. Ich saß auf einer Felsplatte und starrte in wohliger Erschlaffung über dieses wunderbare Land hin, das nur Granit ist, nur Kanäle, nur Klippen und Riffe und Inseln und Eilande. Der eisige Südwind kühlte mein Gesicht, und des Fremden derber Sportanzug, jenes schwarzhaarigen Menschen mit Chuburs Messer im Auge, schützte meinen schweißnassen Körper besser als meine bisherige Seemannskluft. Ich saß und döste … Und wenn ich den Kopf wandte, sah ich in der Tiefe [47] am Buchtrande den kleinen Allan, der aus Buchenzweigen Bodenplatten für unser Fahrzeug flocht, das uns … zur Mammi bringen sollte …

Eine Mammi, die mein kleiner Freund nicht liebte, nach der er sich nur sehnte, weil sie eben seine Mutter war und weil ihr die Großfarm gehörte, wo das scheckige Ponny und die Hunde weilten. Die liebte Allan.

Es wurde dunkler und dunkler, wurde höchste Zeit, das Leben und die gesunden Knochen nochmals beim Abstieg zu riskieren.

Noch ein Blick gen Westen …

Dort Santa Ines … Dort fand ich vielleicht die vier Kameraden, die mir ans Herz gewachsen.

Ein Blick – und ich duckte mich …

Ein graugelbes schlankes Schiff mit zwei dicken Schloten schlängelte sich durch die Kanäle … Chilenischer kleiner Kreuzer. Die Flagge flatterte am Heck, dunkle Geschützrohre ragten wie Striche über die Reling aus gewölbten Panzerschwalbennestern.

Mein Herz pochte rascher.

Sollte ich winken, mich aufrichten?!

Niemals!! Meinetwegen wahrhaftig nicht! Und Allan?! Ich würde ihn auch ohne fremde Hilfe der Frau Ellinor Mangrove zurückbringen, – ich hatte hier Pflichten, vor denen das Kind zurücktrat: vier verschwundene Kameraden!!

Duckte mich tiefer, kroch davon.

Als ich bei Allan anlangte, verschwieg ich den Kreuzer.

„Also wirklich eine Insel, Mister Abelsen!“ jubelte er. „Also richtige Robinsons!! – Hier – ist das Flechtwerk gut?“

[48] „Tadellos, mein Junge … – Jetzt aber das Abendessen und dann schlafen …“

So endete dieser erste Tag. –

Ich erwachte. Das Feuer war fast erloschen. Ich warf Späne hinein, sah nach der Uhr. Wahrhaftig – schon acht. Merkwürdig, daß es draußen noch so finster war. Ich lüftete das Eingangsfell.

Nebel– – Magelhaensnebel …

Graue Mauern überall … Kein Luftzug … Unheimliche Stille …

Londoner Nebel, – ich kenne auch ihn. Londoner Nebel ist drei viertel Fabrikqualm und ein viertel echter Nebel.

Dies hier nur echter Nebel. Mit jedem Atemzug sog man die eisigen winzigen Tröpfchen ein. Mir klapperten die Zähne vor Frost. Meine Lunge schien einem Äthergebläse ausgesetzt zu sein.

Rasch zurück ins Zelt. Das Feuer lohte höher, wärmte. Über dem Feuer hing der Aluminiumtopf. Allan schlief … schlief …

Tee war noch vorhanden. Und so bestand unser Frühstück denn aus heißem Tee und Streifen Rauchfleisch.

Allan war vorhin draußen gewesen, nachdem ich ihn geweckt hatte.

„Man sieht keine zwei Schritt weit, Mister Abelsen …! So was von Nebel ist mir neu.“

Aber er war vergnügt und hungrig und ahnte nicht, daß wir hungern müßten, wenn der Nebel längere Zeit anhielt. Wie sollte ich bei dem Wetter Robben erlegen?!

Mein Gewissen redete sehr eindringlich mit mir. Der chilenische Kreuzer … – nun, daran ließ sich nichts mehr ändern.

Nach dem Frühstück zerkleinerte ich Brennholz, [49] und dicht bei unserer Bootswerft flackerten und knallten dann die Scheite, spendeten trübes Licht.

Das Bootsskelett war mittags fertig. Nun hätten wir das Zeltdach zum Überziehen des Gerippes benutzen müssen. Aber ohne Zelt bei dieser Witterung?! Ausgeschlossen!! Ich wollte auf Sonnenschein warten.

Allans kindlicher Eifer war hiermit nicht einverstanden. Der kleine Kerl freute sich offenbar auf die Bootsfahrt und hielt sie für eine harmlose Ruderpartie wie daheim auf dem Rio Branco.

Wir hockten untätig im Zelte. Allan langweilte sich. Und das war schlimm. Da kam die Sehnsucht nach dem Ponny und den Hunden und der freien sonnigen Prärie mit ihren Blumenteppichen, Rinderherden, Buschinseln und Baumstreifen. Allan wurde stiller und stiller. Ich mußte ihn beschäftigen, ablenken. Vatersorgen …! – Ich versuchte es mit Märchen. Erzählte die wunderschönen Geschichten von Andersen: Schneekönigin, die sieben Schwäne. Allan sagte plötzlich: „Das ist ja alles nicht wahr, Mister Abelsen. Wir Jungens in Texas lesen keine Märchen, und mein Hauslehrer Mr. Bodlin meinte, Märchen seien gut für Schwachsinnige.“ – So altklug war Allan.

Da erklärte ich ihm denn die Konstruktion meiner Sniders-Büchse, nahm das Schloß auseinander, ließ ihn die Einzelteile ölen und putzen. Nachher kamen die Pistolen heran. Jetzt war ich auf dem richtigen Geleise. Mein kleiner Freund vergaß Ponny und Hunde und Mammi und plapperte und putzte …

„… Die Jungens bei uns in Texas können schon mit acht Jahren schießen … Und ich bin beinahe neun. Aber Mammi litt es nicht, daß ich [50] eine kleine Flinte bekam. Mammi sagte mal zu Mister Bodlin: „Das muß bei Allan niedergehalten werden!“ Ich hörte es, aber verstand es nicht. – Mammi hat nie über meinen Pappi gesprochen. Nein, der ist tot, und wir hatten nicht ein einziges Bild von ihm …“

„Hieß er denn auch Mangrove wie dein Großvater mütterlicherseits?“

Allan schaute auf. „Das weiß ich nicht … Und das ist doch ordentlich komisch, Mister Abelsen … Ich denke immer, daß Mammi den Pappi nicht hat leiden mögen und mich deshalb auch nicht, denn Großvater und Mammi haben dunkles Haar, und ich bin blond und habe auch eine ganz andere Nase, keine Mangrove-Nase …“

Nachdenklich strich er mit dem öligen schwarzen Zeigefinger seine schmale Nase entlang und zog so über den Nasenrücken einen schwarzen Strich …

„Eigentlich ist das doch sehr komisch,“ wiederholte er … „Ich … – – was war das, Mister Abelsen?!“

Auch ich war hochgefahren …

Der schrille Schrei konnte von keiner Möwe[7] herrühren …

Da – wieder …

Und da wußte ich: einer der Patagonier!!

Schon war ich draußen …

Brüllte …

„Hallo – – hallo!!“

Vom Ufer her Antwort …

„Hallo – hier Coy Cala!“

Ich stolperte die Terrassen hinab … Hinein in die graue Flut des Nebels … Coy war wieder da, Coy, der Schwätzer, der Athlet … Stolperte, fiel, schlug mir die Stirn blutig … Wieder empor, [51] – Coy war da!! Und meine Sehnsucht, einmal auf mich allein angewiesen zu sein, war dahin.

Aus dem düsteren schwebenden Gebräu hob sich ein dunklerer Strich ab: Coy!

Der Strich schrumpfte zusammen, und Coy zog eine Art Floß ans Ufer … Die Steine knirschten, Bretter polterten …

„Coy, wo warst du?“

„O Mistre, lange Geschichte …“

Er drehte mir sein Gesicht zu. Von der linken Schläfe lief ein klaffender Schnitt bis zum Kinn herab.

„Verwundet, Coy?!“

„Zwei Schüsse, ein Messer, Mistre … Macht nichts …! – Feine Bretter hier. Ganzes Kajütendach Dampfer „Starost“ … Feines Floß … – Helfen, Mistre … Bald Flut kommen. Sonst Flut mitnehmen Bretter … Feine Bretter …“

Ich half. – Davon, daß Coy noch zwei Schußwunden hatte, war ihm wirklich nichts anzumerken. Pferdenaturen haben diese Patagonier und dazu Raubtiersinne und Kinderherzen.

Wir stiegen zum Zelte empor.




[52]
5. Kapitel.
Eine Nacht im Magelhaens.

Aber selbst eine Pferdenatur wie die Coys streikte jetzt, als wir kaum das Zelt betreten hatten und als Coy staunend meinen kleinen Freund Allan betrachtete, der am Feuer saß und meine Mauserpistole säuberte – so recht stolz und würdevoll, ganz nach Jungenart.

Der Araukaner griff plötzlich in die Luft, ich fing den Umsinkenden auf und schleppte ihn auf mein Lager. Er kam erst nach drei Stunden wieder zu sich, nachdem ich ihm den Hüft- und den Schulterschuß gesäubert und verbunden und den Riesenriß im Gesicht mit weißem, ausgekochtem Zwirn vernäht hatte. Auch hierbei hatte Allan mir geholfen. Ein Segen, daß der Junge so wenig zimperlich war.

Coy erwachte …

„Gut geschlafen …“ nickte er mir zu. „Wieder ganz frisch, Mistre Abelsen. Nur hier – – die Würmer, Mistre!“ – und er streichelte seinen Leib.

Ihm Rum zu geben wäre Wahnsinn gewesen. Nur Tee bekam er. Dazu ein wenig Rauchfleisch. Er war sichtlich empört, weil ich ihm das Labsal des Sprits vorenthielt. Ich blieb hart. Dann schlief er wieder ein. Nach Allan hatte er sich nur mit wenigen Worten erkundigt. Es genügte ihm vollauf zu wissen, daß der schlanke hübsche Junge [53] während eines kurzen Besuchs bei seinem Großvater Francois Mangrove in New Orleans vom Hafenkai auf ein Schiff gelockt worden und dann von den Entführern, die er nicht kannte, hier wieder ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen worden war. – Mehr wußte ich ja auch nicht. –

Der Nebel blieb. Er klebte bis zum Abend an den Inseln wie graue Watte. Es war unmöglich, irgend etwas zu unternehmen. Allan putzte jetzt die übrigen Waffen und hatte Hände und Gesicht wie ein Schornsteinfeger beschmiert. Aber er war wenigstens beschäftigt und quälte mich nicht mit unerfüllbaren Wünschen, was die Vollendung des Fellbootes betraf.

Gegen acht Uhr abends merkte ich, daß der Nebel rasch zerflatterte. Ein scharfer Wind kam vom Pazifik her, riß die Watte auseinander und wehte die Fetzen gen Osten davon. Mit einem Male schien sogar die Sonne, – knallrot ihr Untergang, wunderbar ihre Kunst als Dekorationsmalerin. Ganz andächtig standen Allan und ich draußen und staunten die vergoldeten, flammenden Höhenränder an. Aber mich rief die Pflicht nur zu schnell nach dem Buchtausgang, wo in dem gewundenen Kanal fraglos wieder Robben zu finden waren. Der Junge wollte mit. „Geht nicht, Allan. Du mußt Krankenpfleger spielen. Wenn Coy Cala erwacht, reiche ihm Tee, aber keinen Rum.“

Ich kletterte mit der Büchse von dannen. Allan hatte meine Ablehnung ruhig hingenommen, denn Coys Person interessierte ihn außerordentlich. „Bei uns in Texas gibt es keine richtigen Indianer mehr, Mister Abelsen,“ hatte er geringschätzig erklärt. „Aber Coy ist noch echt … Und das [54] gefällt mir!“ – „Echt“ war ein Lieblingsausdruck von ihm.

Hier im großen Magelhaens-Archipel findet man Robben aller Art. Am gesuchtesten sind die Mähnenrobben. Hat man das Glück ein junges Tier zu schießen, das noch nicht lange den Mutterspitzen entwöhnt ist, so gibt das einen leidlichen Braten. Und ich hatte Glück, erlegte zwei Robbensäuglinge und war gegen zehn Uhr wieder daheim. – Mit Recht „daheim“, denn meine Heimat ist jeder Fleck geworden, wo ich mein Haupt mal für längere Zeit irgendeinem harten oder weichen Pfühl anvertraute.

Ich sah schon von weitem Allan und Coy vor dem Zelte sitzen. Der Westwind bringt hier stets Wärme mit, und trotz der Abendstunde schätze ich die Temperatur auf achtzehn Grad.

Coy grinste mir vergnügt entgegen. Seine Augen funkelten, und Allan – – machte ein verlegenes Gesicht. Ich warf die Jagdbeute ins Gras.

„Coy, du hast gerumt!“ meinte ich aufgebracht. „Du bist halb betrunken! Du wirst Wundfieber bekommen und …“

„Gesund bin ich!“ lachte er mit gutmütiger Überlegenheit. „Ganz gesund, Mistre … Tee für Kinder … Rum für Männer und Wunden.“

Bei Gott – er erhob sich ganz elastisch und reckte und dehnte sich. „Schüsse und Schnitt ein Dreck, Mistre … Morgen Boot fertig machen … Falls …“ – und er schaute zum Himmel empor, wo lange dünne Wolkenfetzen mit dem Winde dahinzogen – „falls morgen nicht böses Wetter. Wolken da gefallen mir nicht … Kann Sturm [55] und Regen geben, großen Sturm … Das kenne ich …“

Mein Zorn war verraucht.

Coy hatte wirklich eine Pferdenatur. Im Nu hatte er die Robben zerlegt, abgehäutet und die besten Stücke in Streifen geschnitten. Dann sammelte er gelbe Dornblüten und eine besondere Art kleiner krauser Gräser. Suppe wollte er kochen. Und – sie schmeckte nachher tadellos.

Wir drei saßen im Zelt und Coy erstattete Bericht, nachdem ich ihm noch einen viertel Becher Wurmmittel gespendet hatte. Allan hörte mit blanken Augen zu. Coy war für ihn fortan der Inbegriff wahren Mannestums. Ich blieb sein Freund, aber Coy wurde sein Lehrer.

„… Mistre, alles sehr schnell gehen … Waren zwei Kerle, die mich niederschlugen … Waren noch mehr da. Sechs im ganzen. Hatten Lappen mit Löchern vor Gesichtern, trugen Matrosenanzüge. War dann wieder wach, Mistre, und lag in Schiffskammer. Stricke nichts taugten … Zu lose … Streifte Schlingen ab und brach Kammertür auf, schlich nach oben … War Dampfer, Jacht … War Jacht, wie Mistre Näsler sehen. Sprang in Kanal, fand Wrackstücke, ruderte mit Brett zurück. Alles sein, Mistre …“

„Etwas kurz, lieber Coy … Wo sind Näsler, Chico und Chubur?“

„Nicht wissen, nichts sehen und hören … Werden auch auf Dampfjacht sein von Turidos …“

„Deine Flucht wurde bemerkt … Du wurdest doch verwundet …“

„Stimmen das, Mistre … War Matrose auf Vorschiff … Sah mich, stach … schoß … War dummer Kerl … Ich tauchen, und … weg!“

[56] „Das ist ein Indianer,“ rief Allan begeistert. „Auf der Branco-Farm schossen unsere Cowboys nur aufeinander, wenn sie betrunken waren. – Oh, Coy, du bist ein Held!“

Der Held schielte nach der letzten halb geleerten Rumflasche. Aber sein Augenklappern nützte nichts. Ich schob die Buddel unter mein Graskopfpolster, und dann legten wir uns nieder. Coy und Allan waren sehr bald eingeschlafen. Mir ging zu vieles durch den Kopf, als daß ich sofort ins unwirkliche Traumland hätte hinübergleiten können.

Also doch die Turidos! Mich hatten sie wohl verschont, weil ich bewaffnet gewesen. Ob sie mich nun für erledigt hielten? Ob sie hofften, daß Coy als Leiche in den Kanälen treibe, und mich als einzelnen Gegner ohne Brot und Lebensmittel nicht mehr berücksichtigten?!

Und wenn sie in dieser Nacht wiederkehrten?!

Ein einziger Gedanke dieser Art genügt, alle Lebensgeister zu wecken.

Ich richtete mich auf. Das Feuer flackerte bescheiden. Meine Hand tastete nach der Büchse. Im selben Moment hörte ich draußen in den zerklüfteten Randhöhen den ersten tiefen Orgelton des von Coy angesagten Sturmes. Ich lauschte. Ein hohles Pfeifen folgte. Und in fünf Minuten rüttelte der in den Buchtkessel herabstoßende Winddruck derart an dem Fellzelt, daß die Ruder, die Zeltstöcke, sich knarrend aneinander rieben.

Coy erwachte, schaute mich an. Sein bepflastertes Gesicht war ernst.

„Schlechte Platz für Zelt, Mistre …“ flüsterte er mit einem Blick auf den schlummernden Knaben. [57] „Große Orkan kommen, Mistre … – Da – – Hagel …!!“

Und was für ein Hagel …

Gewehrfeuer fast … Und Allan schreckte empor …

Dann ein Sturmstoß, der die eine Seite des Zeltes tief eindrückte … Die beiden Ruder bogen sich nach innen wie Rohrstengel …

Ein zweiter … begleitet von einem sausenden Heulen …

Urplötzlich schlug mir die eine Zeltstange gegen das Kinn …

Urplötzlich saßen wir ohne Dach über dem Kopfe da …

Regenfluten …

Gießbäche …

Das ganze Zelt wurde als Flugzeug davongetragen …

Urplötzlich waren wir naß bis auf die Haut …

Und um uns her, die wir uns eng an den Boden geschmiegt hatten, um nicht dem Zelte zu folgen, war Finsternis und ein wildes Kreisen von Grashalmen, Aststücken und kleinen Steinen. Wir befanden uns hier eben gerade an einer Stelle, wo der Orkan in diesem Felsenloch einen Wirbel hervorrief.

Traute Philister, die ihr vielleicht einmal im Klubsessel im warmen Zimmer diese meine undichterischen kalten Tatsachen lest: Seid ihr schon einmal bei einem Regen von etwa zwei Grad bis auf die Haut durchgeweicht worden, habt ihr schon einmal flach wie breitgetretene Frösche dagelegen und hat euch schon einmal ein kreisender Strom scharfkantiger Steine die Haut vom Genick, Händen, [58] Ohren weggekratzt wie grobes Sandpapier? Kennt ihr Minuten wie jene, wo jede Sekunde die saugende Kraft des Wirbels uns emporreißen und in die Bucht zu schleudern drohte?! – Geht nach der Magelhaens, ihr Kulturmenschen, und werdet Männer! Dann braucht ihr weder Diplomaten noch Völkerbund noch Zeitungsgewäsch über den Kuhhandel der Politik! Dann werdet ihr eure Seelchen nachher gründlich gesäubert finden! Das sage ich euch, der damals den kleinen Allan an den Beinen festhielt, während Coy seinen Hals umschlang … Der Junge wäre sonst wie ein Blättlein weggefegt worden. Und wenn ihr dies alles nicht glaubt, so kommt hierher, wo ich jetzt mit einem Stückchen Bleistift in Coys Hütte leichten Herzens niederschreibe, was das wahre Leben mir bescherte. – Kommt und seht die Runen in meiner Haut von jener Nacht … Ihr habt Narben von Karbunkeln im fetten Genick … Ich Narben von Steinen von Santa Ines. Ein kleiner Unterschied.

Vielleicht hättet ihr geheult vor Angst um euer bißchen Leben. Allan heulte nicht. Allan schrie nur mit schriller Kinderstimme: „Das Bootsgerippe – das Bootsgerippe!“ So sehr lag ihm das unfertige Boot am Herzen.

Ob es noch da war, ob der Orkan es bereits ebenfalls irgendwohin gewirbelt hatte, – man konnte ja keine vier Schritt weit sehen! Wahrscheinlich war’s verloren, zerschellt, oder lag irgendwo hoch oben auf einer unzugänglichen Felszacke oder schwamm in der Bucht umher. War ja alles gleichgültig jetzt – alles … Hier galt’s, das nackte bißchen Leben vor dieser eisigen Sintflut zu retten …

Und bald – – bald, bevor die Kälte uns [59] völlig die Glieder lähmte und die Nässe uns das Fieber ins Blut trieb, … bald mußte es geschehen. Aber wie?! Sich aufrichten, oder weiterkriechen? Wohin?! Wenn die Terrassenrückwand wenigstens eine Einbuchtung, die Andeutung einer Höhle gehabt hätte!

Zuweilen schien ja der rasend schnell kreisende Wirbel einschlafen zu wollen. Schien … Und dann prasselte all das auf uns herab, was der Lufttrichter emporgesogen hatte: Steine, Äste, Gras, Wolldecken …

Nicht lange – und das ganze Zeug gehorchte wieder dem stärkeren Gesetz der Schraubendrehung des Orkanes.

Aber – wir hatten Coy Cala, und Coy kannte dieses schöne, wilde Spiel der Sturmgesellen. Coy brüllte … Packte Allan, trug ihn davon – gerade in einer längeren Ruhepause des Unwetters. Ich stolperte hinterdrein … bis zum äußersten südlichen Terrassenwinkel, der in eine enge Bucht überging. Wir krochen hinein – immer tiefer, tiefer … Finsternis, aber trockener Boden. Die Felsspalte wölbte sich schräg, und wir hatten wieder ein Dach überm Kopf.

Coy brüllte von neuem …

Und ich war mit Allan allein.

Coy kam mit Decken, Waffen, Patronenkästen, Kesseln, Flaschen. Dreimal machte er den Weg. Wie er dann ein Feuer in Brand bekam: nur ein Kerl wie er konnte es!

Aus dem schwelenden Feuerchen wurde ein prasselnder qualmender Holzstoß. Wärme, Licht … Über uns die Orgelmusik des Pazifik … Pferdenatur, dieser Coy!! Seine Lederkluft hatte dem Regen am besten getrotzt. Splitternackt zog er [60] sich aus, splitternackt zog er Allan aus, hüllte ihn in seine transtinkenden Hosen und die duftende Jacke …

Lachte, schwatzte …

Nicht als einer, der sich wichtig tun will, nicht als einer, der sich in der Art der Ungebildeten als Retter aufspielen will, redete er von dem Orkan und dem Wirbel wie von etwas gänzlich Belanglosem. Das Unheil, das uns betroffen, würde in kurzem wieder ausgeglichen sein … Zeltdach, Ruder – alles würden wir wiederfinden …

Und wenn ich auch sehr wohl weiß, daß in der Rumflasche, die von Coy natürlich zunächst in Sicherheit gebracht worden war, abermals zwei Fingerbreit fehlte, so nahm ich davon doch keine Notiz. Coy Cala war unser Retter.

Und als er nun noch zwei Decken in Ritzen des Gesteins straff gespannt so festgekeilt hatte, daß die Windstoße in die Kluft nicht mehr hinabreichten, da hatten wir es recht warm und gemütlich in unserem Felsenloch. – Ich schaute nach der Uhr. Es war jetzt drei Uhr morgens, und der Orkan hatte seinen Höhepunkt erreicht. Über die vorgewölbte Granitwand prasselten Steinlawinen herab, und das Krachen einiger Donnerschläge eines schnell wieder abziehenden Gewitters waren so laut, als ob in der Bucht ein Schlachtschiff Schießübungen abhielt.

Coy hockte am Feuer und trocknete Allans Kleider. Nackt saß er da … Der rote Flammenschein umspielte seinen muskelstrotzenden braunen Leib, dessen wundervolles Ebenmaß mich geradezu entzückte. Allan kauerte in der windgeschütztesten Ecke, den Kopf auf die Brust gesunken, schlief. [61] In Coys Ledertracht sah er wie ein kleiner Strolch aus. Ich selbst ließ ebenfalls meine durchweichten Kleidungsstücke nacheinander vor der Glut dampfen und nahm mir vor, Coy niemals mehr irgend etwas von seinen kleinen Frechheiten nachzutragen.

Seltsame Nacht damals. An Schlafen war für uns beide nicht zu denken. Wir hatten mit einem raschen Abflauen des Sturmes gerechnet. Das betrog uns. Das Wetter narrte uns bis zum Morgengrauen, indem es ein wenig nachließ. Dann kam der düstere Morgen und mit ihm neues wildestes Toben der Elemente, Schnee, Hagel, Regen, – der reine Weltuntergang.

Coy weckte den Knaben, zog ihm die trockenen Sachen an, schlüpfte in seine eigenen und meinte kühl: „Jetzt noch zwei Tage so wehen, Mistre Abelsen. Ich werden suchen Zelt und Bootsgerippe. Muß finden … Sonst nur Arbeit, und keine Robben mehr … Robben bei Weststurm wandern ab nach Osten, wo ruhig Wasser und Fische.“

„Du bleibst!“ befahl ich. Und ich zeigte nach oben, wo gerade wieder eine Steinlawine niederging.

Coy zog seine hohen Seehundsstiefel an, tat, als ob er gar nichts gehört habe. Dann kroch er unter der einen Decke hindurch und zwang mich so, ihm zu folgen. Sollte ich ihm alle Arbeit allein überlassen?! – Allan war nach dem Kleiderwechsel gleich wieder eingeschlafen, und die frischen dicken Buchenscheite im Feuer würden wohl eine Stunde vorhalten.

Coy hatte meine Begleitung als selbstverständlich[8] hingenommen. Wir kletterten durch den Schlund aufwärts, und dann lag die Bucht im fahlen Zwielicht eines leichten Schneetreibens vor uns.

[62] Mit raschen Sprüngen brachten wir uns aus der deutlich erkennbaren Bahn der Steinlawine in Sicherheit und standen nun hinter einer hohen Klippe dicht am Ufer unter Wind. Es war eisig kalt. Der Regen hatte sich auf dem Gestein in dünne Eisglasur verwandelt, und wenn die jagenden Wolkenmassen einmal etwas mehr Licht durchließen, glänzte die Umgebung der Bucht wie lackiert. Vergebens schauten wir jedoch nach den Dingen aus, die uns so wertvoll. Coy meinte: „Müssen rund um Bucht klettern … Irgendwo finden … Jetzt Flut sein …“

Klettern!

Ich hatte die Büchse umgehängt, und in Coys Muschelgürtel hingen Messer, Pistole und Handbeil.

Klettern! – Wenn nicht das eherne Muß uns angetrieben hätte, ich glaube, auch Freund Coy wäre bald umgekehrt. Vereiste Felsen rutschten wir hinab, vereiste Felsen erklommen wir, halfen einander. Jede Muskel spielte. Und – unsere Hände waren schon wund von vorhin, unsere Gesichter zerkratzt, zerschunden. Hagel prasselte uns in die Augen, Schnee durchweichte meine kaum getrockneten Sachen, gefror von neuem, taute im Regen wieder auf, gefror wieder …

Um acht Uhr morgens hatten wir das halb zerstörte Bootsgerippe und um neun das Zelt und die fehlende Decke geborgen.

Wir hatten gesiegt, aber wir fielen dann auch wie die Klötze neben dem Feuer nieder und … schliefen ein, total ausgepumpt. Wir hatten unsere letzte Kraft hergegeben.




[63]
6. Kapitel.
Das Nachbareiland.

Zwei Tage Unwetter, dann Sonne, Licht, Wärme. Wir drei ausgehungert wie die Wölfe … Coy fing sechs Lachse mit einer rasch hergestellten Harpune, briet sie in der Asche, und Allan aß allein ein armlanges Fischlein, das in einem Speisesaal für sechs gereicht hätte. Mittags war die Sonne gekommen, und nachmittags schon kamen die Robben wieder. Da durfte Allan denn mit der Pistole sein erstes Wild erlegen. Acht große Tiere und zwei Junge schleppten wir zur Bootswerft.

Coy sang und schnitt Riemen. Abends hatten wir das Bootsgerippe bereits bespannt. Und nachts arbeiteten wir beim Scheine zweier Feuer und bei feierlichem Mondlicht weiter. Nur unser „Kind“ war zu Bett geschickt worden, unser Kind, das jetzt ganz Coys Liebling geworden.

Eine köstliche milde Nacht … Coy und ich redeten über mancherlei. Auch über Allan. Wir erörterten die Frage, weshalb man ihn geraubt und hier so brutal dem sicheren Tode – ohne uns wäre der Junge umgekommen – überantwortet hatte. Eine Frage, die keine Lösung fand. Und von dieser Frage zweigten zahllose andere ab … Wir gaben das nutzlose Reden auf und sprachen von Dingen, die wir besser kannten: von der Familie Turido und ihrem Anhang, von den drei Kameraden, von Joachim besonders. Coy [64] meinte, die Turidos würden sich wohl ganz sicher fühlen in ihrer Westbucht von Santa Ines. „Sie tot sein, Mistre, so glauben … Ich tot sein, so glauben … Werden merken, wie Kugeln schmecken!!“ Und sein bepflastertes Gesicht, das ich von neuem verbunden hatte, ward rachgierige Fratze.

Wir brachten jetzt Dollen aus Astgabeln an. Erstaunlich war, daß Coy so sehr darauf hielt, alles auch recht sauber und schön herzustellen. Dieses Fellboot war in der Tat ein Kunstwerk – sein Kunstwerk, und fraglos für die Kanäle auch seetüchtig.

„Was hat dir Chubur denn noch über die Turidos erzählt?“ fragte ich, als Coy gerade eine der Holzdollen mit den geschmeidigen frischen Robbenriemen festknotete.

Er zauderte mit der Antwort. Ein merkwürdig prüfender Blick traf mich, ein Blick, als ob er mich nochmals gründlich einschätzen wollte.

„Viele Männer bei Haus an Bucht,“ sagte er dann. „Chubur meinen mindestens zwanzig … Große Menge Feinde, Mistre Abelsen … für uns!“

Da verstand ich seinen Blick. Er hatte wohl gefürchtet, ich könnte die Absicht, die drei Kameraden zu befreien, wieder aufgeben, wenn ich hörte, gegen welche Übermacht wir zu Felde ziehen wollten.

„Schafskopf!“ sagte ich grob.

Er lachte. Auch er hatte mich verstanden.

Dann erklärte er mit der naiven Logik des Naturkindes:

„Große Geheimnis dort, Mistre … Werden sein Piraten, Mistre … Viel Schiffe hier verschwinden [65] um Kap Horn. Piraten versenken Schiffe, töten alle Besatzung … Niemand erfahren was.“

„Hm – und die zehn Rohrstücke aus Stahl mit Betoneinlage?! – Piraten?! Nein, mein lieber Coy …!“

Er grunzte irgend etwas. Er blieb bei seinen Piraten. Diese Vermutung entsprach so ganz den Legenden seines Volkes, die früher selbst hier in den Inseln geseeräubert hatten.

Um fünf Uhr morgens war das Boot fertig. Es hatte eine Länge von etwa fünf Meter, eine Breite von fast zwei und sehr hohe Bordwände. Trotzdem wog es keinen Zentner. Wir trugen es spielend leicht im ersten Morgengrauen die Terrassen hinab und probierten, ob es leckte. Einige Fellnähte waren nicht ganz dicht. Coy kochte Harz aus den wenigen Krüppelkiefern. Und gerade als er die Nähte verschmierte, hörten wir irgendwo einen Schuß – fraglos in einem der Seitentäler der Bucht. Wir beide starrten uns an. Dann meinte Coy: „Mistre, rasch einschiffen … Weg von hier … schnell! Nicht gut sein hier … Kann chilenischer Kreuzer wieder nahe sein … Rasch!!“

Ich weckte Allan. Unser Hab und Gut war bald im Boote verstaut. Dann ging’s der Einfahrt zu. Coy und ich, – vier feine Blattriemen, – oh, das Fellboot schoß nur so dahin! Allan saß am Steuer. Es war Ebbezeit, und die Riffe lagen frei. Wir konnten so leicht nirgends aufrennen.

Der gewundene Buchteneingang erforderte größere Vorsicht. Ich setzte mich ans Steuer. Allan kauerte vor mir. Sein leicht gebräuntes Gesicht strahlte. Sein größter Wunsch war nun ja erfüllt: wir waren unterwegs.

Die letzte scharfe Biegung. Links ein Vorgebirge … [66] Und auf einem Felsen, dem letzten, ein Mann in der prallen Sonne, mit den Beinen schlenkernd, in den Händen einen dicken Ast, daran einen dünnen Riemen: eine Angel!

Der Mann war in einen plumpen Fellanzug gekleidet, Robbenfell, Haar nach außen … Aber unter der Fellmütze in Form eines Südwesters ein so unverkennbares Profil, daß ich sofort hinüberrief:

„Hallo, Näsler!! Mensch, was treiben Sie hier?!“

Coy hatte sich umgedreht, und Allan war aufgesprungen.

Unser Boot wurde von der Strömung bis dicht unterhalb des steil abfallenden Felsens mitgenommen.

Ja – es war Joachim Näsler! Und seine Antwort war auch er:

„Ich angele, Abelsen … Und außerdem wartete ich hier auf Sie …“

Coy hielt den einen Riemen hoch, und Näsler griff danach. Unser Boot stand.

„Sie warten auf uns?“ fragte ich ungläubig.

„Natürlich. Dachten Sie, ich wollte hier allein zurückbleiben?! Die verflossenen vier Tage Einsamkeit genügten meinem zuweilen erwachenden Bedürfnis nach Einsiedlertum durchaus …“

„Also … hatte man Sie gar nicht entführt?“

Sein Monokel glitzerte Ironie …

„Ich lasse mich nicht so leicht entführen, lieber Abelsen. – Wenn Sie jetzt so freundlich sein wollen, Ihr Boot dorthin zu dirigieren, damit ich einsteigen kann …“

„Haben Sie vor zwanzig Minuten einen Schuß abgefeuert?“

[67] „Ja … Mir fehlte noch ein Robbenfell für meinen Südwester … – Machen Sie doch kein so verdutztes Gesicht, Abelsen …! Ich bin tatsächlich die ganzen vier Tage hier auf der Insel gewesen und zwar an der Nordseite in einer Höhle und an einer kleinen, malerischen, bewaldeten Bucht. Dort habe ich mir diesen Anzug genäht, denn mein Flanellkostüm war doch dem hiesigen Klima nicht recht anjemessen … Na, anjemessen is der Neue auch man sehr mäßig … Sitz mangelhaft, Schnitt vormärzliche Mode, Fuscherarbeit … Nähte mit Lederriemchen geheftet … Coy, mein Sohn, du verstehst dich auf die Kunst besser. – So, nun haltet bitte mal den Kahn fest … Danke. Und ade kleine Insel … Ich weine dir keine Träne nach …! Du hast mir viel Ärger gebracht.“

Coy stieß ab, und unser Boot verschwand im nächsten Kanal.

Daß ich mich bei diesen knappen Angaben Näslers nicht beruhigen konnte, war den ganzen Umständen nach eigentlich selbstverständlich. Ich will nicht gerade sagen, daß ich ihm nicht glaubte, – daß er aber mancherlei verschwieg, war kaum anzuzweifeln. Vier Tage Einsiedlerleben – – nur aus einer Seelenstimmung heraus?! Und uns so plötzlich verlassen?! Nein, beim besten Willen, das war ziemlich unglaubwürdig.

Zunächst hatten wir jedoch anderes zu tun, als diese Dinge zu erörtern. Und zwar war es wieder Joachim, der uns viel zu denken gab. Kaum hatte er auf der einen Ruderbank Platz genommen und die Riemen ergriffen, als er auch schon unseren kleinen Allan, der ihn bisher neugierig angestarrt hatte (was dem Bürschchen doch wahrlich nicht zu verargen war), grob anschnauzte:

[68] „Bin ich ein Clown, Junge?! Was beglotzst du mich derart unverschämt! – Wo haben Sie den kleinen Bengel aufgegabelt, Abelsen?!“

Allan wurde blutrot und wandte den Kopf zur Seite.

Ich aber schlug zum ersten Male Näsler gegenüber einen sehr scharfen Ton an. „Ich möchte Sie doch dringend bitten, den Knaben anständiger zu behandeln!! Wüßten Sie, was der Ärmste hinter sich hat, so …“

„Interessiert mich absolut nicht, lieber Abelsen. Kinder sind mir stets ein Jreuel jewesen, stets … Vielleicht deshalb, weil ich selbst mal so ’ne infame Rübe war und weil dann später meine Beziehungen zum Vormundschaftsjericht meerschtendeels in Alimentensachen bestanden … – Nee, Abelsen, lieber zehn Hunde als een Kind! So ’n Hund is treu … Kinder?! Na – Ihr wütendes Jesicht mag sich wieder jlätten. Ick höre schon auf … Und im übrigen und besonderen haben wir auch wirklich Besseres vor als derartige Fragen durchzukauen … Steuern Sie dort hinein, Abelsen … Weshalb? Weil ich Ihnen und Coy etwas auf dieser Nachbarinsel unseres Robinsoneilandes zeigen will … Ja – rinn in die Bucht …!! So, Sie werden schon die Augen aufreißen, mein Lieber … Dort rechts können wir anlegen … Los, Coy!! Noch zwei Schläge … Stopp – – Riemen ein!“

Es gab Augenblicke, in denen dieser Joachim Näsler, von dem ich bisher doch im Grunde gar nichts wußte, geradezu unsympathisch wirkte. Unter der beabsichtigten Tünche seiner hundeschnäuzigen Schnoddrigkeit kam dann eben, so schien’s, der wahre Wesenskern winzig ans Tageslicht: Hochmut, anmaßender Kommandoton, Selbstbewußtsein ohne [69] rechten Grund und Ansichten über Leben und Dinge, die ebenso sehr verblüfften wie abstießen oder nach bewußter Effekthascherei schmeckten.

Augenblicke, gleichsam Entgleisungen …

Wer Näsler dieses „Stopp, Riemen ein!!“ rufen hörte, hätte unbedingt geschworen: Geübte Kommandostimme, leicht schnarrend, trotzdem hart wie Stahl: Offizier von ehedem!

Unser Boot wurde vorsichtig an die niedere Felsbarriere gezogen und mit zwei dicken Lederriemen gut befestigt. Wir stiegen aus. Ich half Allan an Land. Er war noch ganz verschüchtert.

„Der Junge bleibt hier am Ufer!“ befahl Näsler in demselben Ton.

„Er kommt mit,“ erklärte ich, und mein Blick, der sich mit dem Joachims kreuzte, war genau so unbeugsam wie der seine.

„Er bleibt!! Das, was Sie sehen werden, ist nichts für Kinder!“ erklärte er weniger scharf. „Und wenn Sie fürchten sollten, daß dem Bürschchen hier allein etwas zustoßen könnte, so werde ich bei ihm bleiben. Erklettern Sie mit Coy jene östliche Anhöhe, deren flache Kuppe gelb von Dornblüten leuchtet. Der Berg da liegt nur etwa hundert Meter von unserer Robinsoninsel entfernt, die wir soeben verlassen haben. Meine lange Coldpistole schießt aber in meiner Hand noch auf größere Entfernung absolut sicher, selbst wenn lediglich das Aufflammen von Blitzen das nötige Licht spendet …“

Diese Andeutungen verwirrten mich. War’s möglich, daß Joachim während des kurzen Gewitters, das wir drei in der Felshöhle nur am tobenden Donner gespürt hatten, irgend jemand erschossen haben sollte – von Insel zu Insel?!

[70] Aber gleichzeitig regte sich in mir auch ein ungewisses Mißtrauen. Sollten wir Näsler hier mit dem Knaben bei unserem kostbaren Boote allein lassen?! Konnte er nicht vielleicht dunkle Pläne hinter seiner hohen, eckigen, trotzigen Stirn wälzen?

Sekunden nur, denn Gedanken sind schnell wie die Lichtstrahlen, – und ich hatte einen Entschluß gefaßt.

„Gut, bleiben Sie … – Vorwärts, Coy!“

Wir nahmen unsere Waffen mit. Allan stand abseits und schaute uns enttäuscht nach. Nein, er sollte nichts zu fürchten haben.

Als wir in eine Schlucht einbogen, die uns den Blicken der Zurückbleibenden entzog, sagte ich zu Coy, dem Treuen:

„Coy, du wirst dich hier verbergen und Näsler beobachten!“

Seine Antwort überraschte mich.

„Mistre, ich das tun auch von selber … Mistre Näsler mir nicht gefallen … Geben mir bitte Repetierbüchse, Mistre Abelsen. Meine Flinte gut für Robben, sonst nichts taugen …“

Er bekam die Sniders-Büchse, und ich schleppte seine schwere doppelläufige Flinte bergan.

Diese Insel hier war im Gegensatz zu dem östlich gelegenen nahen Eiland ein wahres Chaos von Felsmassen, Abgründen, steilen Zacken und schroffen Wänden. Ich brauchte fast eine halbe Stunde, bis ich jene Anhöhe erreichte – einen Berg, der nur aus Felsschutt zu bestehen schien. Auch die Kuppe, deren Geröll überall mit dicken Schichten von Vogeldünger durchsetzt war, bot mit ihren zahllosen üppigen Dornbüschen dem Vordringen schier unüberwindliche Hindernisse. Mit dem Flintenkolben bahnte ich mir notdürftig einen [71] Weg durch die stachligen Massen, gelangte auch schließlich an den Ostrand, der senkrecht wie eine Mauer in den Kanal abfiel. Mir war heiß geworden. Aber die reichliche Schweißabsonderung tat mir wohl. Ich schaute mich um. Von dem Boote, von Allan und Näsler war nichts zu sehen. Ein scharfer Höhenrücken versperrte die Aussicht dorthin. Nichts zu sehen auch von irgendeinem Toten hier – nichts. Möwenschwärme schossen über mir hinweg, kreischten, beschenkten mich mit Unrat, wütend darüber, daß ich ihre Nistplätze störte. In flachen Nestern lagen zwischen dem Gestrüpp die verschiedenartig gefärbten und gesprenkelten Eier der graziösen Vögel, deren Familie so außerordentlich vielgestaltig ist.

Ich schritt am Rande dahin, erst nach Süden, dann nach Norden. Und die nördlichste Ecke der Kuppe glich einer Turmruine. Es fehlte nur der Efeu. Dornen waren genug da, die diese scheinbaren Mauerreste gelb gefärbt hatten. Hier fand ich etwas: ein kleines braunes Leinenzelt, sehr geschickt in die Felsmassen eingebaut, aber leer. In dem Zelt eine Menge komfortabler Einrichtungsgegenstände: zwei Schlafmatratzen, ein Spirituskocher, Aluminiumgeschirr, Konserven und anderes.

Zwei Bewohner also … Wo waren sie?!

Ich drang weiter vor. Ein dichter Busch dann, am Rande der Steilwand, halb überhängend. Dahinter auf dem Bauche liegend zwei Tote. Ein Mulatte und ein Europäer. Beide jung, etwa dreißig, beide mit Kopfschüssen, neben sich tadellose Karabiner. Die fahlen Leichengesichter lagen im Steinschutt, und die in das Geröll gekrampften Hände bewiesen das blitzartige Ende.

[72] Der Weiße war bartlos und trug einen derben Sportanzug. Ich drehte ihn um. Die Kugel Joachims war ihm über der Stirn durch die Mütze in den Kopf gedrungen. Durch den halb offenen Mund blinkten Goldplomben. Das linke Ohr war von den Möwen[9] bereits weggefressen worden, und auch die Hände zeigten die Spuren von Schnabelhieben.

Ich untersuchte seine Taschen. Er hatte etwa dreihundert Dollar bei sich, und seine Papiere lauteten auf den Namen eines Advokaten Gerald Mangrove aus New Orleans, U. S. A.

Dieser Name klarte die Dinge etwas. Etwas … Also ein Mangrove … Vielleicht der Entführer Allans.

Der Mulatte hatte nichts bei sich, was über seine Person Aufschluß geben konnte.

Aber neben den Toten sah ich fünf Patronenhülsen liegen. Das war wichtig. Ich reimte mir die Vorgänge etwa so zusammen. Damals während des Gewitters mußte Näsler drüben auf der anderen Insel von diesen beiden beschossen worden sein. Er hatte ebenfalls gefeuert und … getroffen, nur mit der langen Coldpistole. Welch’ ein Schütze mußte er sein! – Aber, weshalb dieses Feuergefecht?! Weshalb hatte dieser Advokat hier sein Zelt aufgeschlagen und dann morden wollen?! – Nun, Joachim würde ja alles erklären.

Ich steckte die Papiere zu mir und machte mich auf den Rückweg.

Als ich bei Coy in der Schlucht anlangte, saß er auf einem Stein und starrte vor sich hin.

„Mistre,“ meinte er kopfschüttelnd, nachdem ich ihm kurz meinen Fund auf der Kuppe geschildert hatte, „hier noch viel Wunderbareres … [73] Mistre Näsler gute Kamerad. Gar nicht daran denken Boot zu stehlen. Nein, mit kleinen Freund sich setzen hinter Geröllwand. Ich kriechen hin, Mistre. Und – was sehen?! Nicht werden glauben, Mistre Abelsen!! Sehen, wie Mistre Näsler kleinen Allan sitzen lassen auf Schoß und sein Kopf streicheln und ihn anlachen und reden und scherzen und Allan auch vergnügt sein … – Coy nicht verstehen das. Mistre Näsler nur so tun, als ob Kinderfeind. Alles Lüge … Lieben Kinder. Hartes Herz nach außen, innen weich wie faulender Robbenspeck …“

Allerdings, auf alles andere war ich vorbereitet gewesen, nicht hierauf.

„Und was tun die beiden jetzt, Coy?“

„Jetzt angeln, Mistre … Neugierig sein, was Mistre Näsler uns sagen werden, über neue Freundschaft mit Allan … sehr neugierig …“

„Ich auch, lieber Coy … Und noch neugieriger, was er über die Schießerei mit den beiden oben angeben wird. – Ein merkwürdiger Mensch …“ – und dies Letzte war mehr für mich selbst gesprochen.

Als wir uns den Anglern näherten, rief der Junge freudestrahlend:

„Oh – zwei Lachse schon …!! Und der Onkel Joachim, – den habe ich mindestens so lieb wie euch!“

Näsler schmunzelte. „Die kleine Range hat mich wahrhaftig bekehrt, Abelsen … Ick scheine die besten Anlagen zur Jouvernanten-Tante zu haben … Komisch, det wir uns selber immer am wenigsten kennen … – Na – und droben auf der Kuppe?!“

„Darüber reden wir später … – Allan, mein [74] Junge, hast du einen Onkel namens Gerald Mangrove?“

„Ja, Mister Abelsen … Advokat in New Orleans ist er, aber kein richtiger Onkel. Nur ein Vetter von Mammi von der anderen Mangrove-Linie. Großvater nennt sie immer die armen Mangroves. Denn Großvater ist sehr reich. – Wie kommen Sie auf Onkel Gerald, den ich übrigens gar nicht leiden mag, Mister Abelsen?“

„Nun, ich kenne ihn flüchtig … – Näsler, kommen Sie mal abseits …“

Er erhob sich, und wir und Coy standen zehn Schritt von Allan entfernt und flüsterten nun miteinander. Allan war viel zu erpicht auf die Fische, als daß er sich um uns gekümmert hätte.

„Stimmt jenau wie Sie sagen,“ nickte Joachim mir zu und putzte sein Monokel. „Die beiden Halunken schossen auf mich, als ich drüben während des Gewitters Möweneier[10] suchte. Nun – ick pflege mir zu revanchieren. Meine Pillen saßen besser …“

Seine Pomadigkeit ärgerte mich. „Näsler, der eine, der Advokat, hat doch sicherlich den Knaben verschleppt …!“

„Wird wohl so sind, Abelsen …“

„Donner noch eins – reden Sie doch vernünftig! Das alles kann Ihnen doch unmöglich so vollkommen schnuppe sein!!“

„Reden?! Was ist da zu reden?! Raten könnten wir nur. Raten, weshalb die beiden sich hier häuslich eingerichtet hatten … Weiß ich nicht. Ist mir im Grunde auch egal. Der Junge lebt, und der Rest wird später schon geklärt werden.“

Er hatte nicht ganz unrecht.

[75] „Wir müssen die Toten doch begraben,“ schlug ich vor.

„Selbstredend … Coy mag das tun und mag auch das Zelt und alles andere mitbringen.“

Coy war sofort bereit. Er hatte es auf einen der Karabiner abgesehen, und sicherlich würde er ja auch im Zelte droben Sprit finden.

Als er nach einer Stunde schwer bepackt am Buchtrande wieder erschien, schwankte er verdächtig und seine Augen schimmerten feucht und sein Mund war ein Fuselblasebalg. Er war dreiviertel betrunken. Ich schwieg dazu. Nur Näsler meinte: „Mein lieber Sohn Coy, du bist besoffen … Daß du dir beim Abstieg nicht den Hals gebrochen hast, ist wirklich ein Wunder Gottes. Aber Besoffene und Kinder haben ja ihre besonderen Schutzengel, du brauner Bengel!!“

Das war die Episode auf dem Nachbareiland. Nur ein Zwischenspiel – nur … die Hauptakte folgten später.

Wir täuten das Boot los und fuhren davon.

Wege abseits vom Alltag …

Heute sonnige Wasserwege …

Coy schlief im Boot seinen Rausch aus. Neben ihm lagen seine Flinte und einer der erbeuteten Karabiner. Ich ruderte als Schlagmann, hinter mir Joachim. Am Steuer saß Allan und pfiff einen Marsch …




[76]
7. Kapitel.
Das ferne Feuer.

Unsere Holzdollen knarrten taktmäßig, und wie eine Schaukel wiegte sich das vorwärtsschießende Boot auf den kleinen Wellen der Kanäle.

Joachim hatte seinen Lederanzug längst abgelegt. Was darunter zum Vorschein gekommen war, seine Flanellkluft, konnte niemandem mehr imponieren. Sie war ein dreckiges zerknittertes Stromerhabit geworden.

In Hemdsärmeln ruderten wir drei Stunden lang, schwitzten, bekamen Blasen an den Händen und freuten uns am Spiel unserer Muskeln. Allan pfiff, Coy schnarchte, die Sonne brannte heiß und der Himmel war eine lichtblaue Glasglocke.

Herrliches Land hier am Magelhaens … Land für Männer, die sich den Teufel was um die sogenannten Errungenschaften der Kultur bekümmern! Herrliches Land, Granitinseln, schäumende Kanäle, weiße Vogelschwärme, bellende Robben, – und keine Polizei, kein strenger Gerichtshof, keine staatliche Ordnung. Dem Namen nach den Republiken Chile und Argentinien gehörig – dem Namen nach …

Wunderliches Land. Launig wie ein verwöhntes Weib das Wetter, tückisch wie ein blutrünstiger Tyrann die Wasserwege mit heimlichen Riffen und unheimlichen, unberechenbaren Strömungen. Köstlich die durch keinen Fabrikschlot, [77] kein Auto verpestete Luft. Gefährlich die jähen Witterungsumschläge … Nie Vorauszuahnen, was die nächste Stunde bringt. Land, das Männer zwingt, stets auf der Hut zu sein, nie faul dahinzudösen gestattet, – Land das Kinder reifen läßt zu kraftvollen Jünglingen. Und dies erlebten wir an Allan, unserem Kinde. Drei Väter hatte Allan nun. Aber Allan machte feine Unterschiede. Jeden behandelte er anders. Coy blieb für ihn der erfüllte Kindertraum des echten Indianers. Coy war für ihn die Romantik, die Sensation, das Wunder. Ich der Führer unserer kleinen Schar, die Respektsperson. Joachim aber der „Onkel Joachim“, der dem Kinderherzen am nächsten stand, der Zärtlichkeiten gab und hinnahm, der mit liebenden Blicken gestreichelt wurde, der insofern in Allans Herzen den ersten Platz einnahm.

Allan pfiff und schaute nach den Schaumstreifen verborgener Riffe aus.

Westwärts ging’s, immer westwärts, wo Santa Ines lag, die Hauptinsel, ein Land für sich, ein Gebiet, das in Deutschland für eine Republik ausgereicht hätte. Drei Stunden mit kurzen Pausen. Durch Kanäle, die uns zuweilen zur Umkehr, zu Umwegen zwangen, wenn die Strömung uns entgegenkam. Da hätten unsere Muskeln nicht ausgereicht. – So wurde es nachmittag, und der warme Wind schlief ein. Im Süden ballte sich Gewölk zusammen. Aber wir wußten, daß wir noch rechtzeitig vor dem Wettersturz Santa Ines erreichen würden. Wir mußten ihr ganz nahe sein.

Dann erwachte Coy Cala. Rieb sich die Augen, warf die Fellkleider ab und … sprang über Bord, schwamm nebenher, stieß den schrillen Jagdruf seines vielgestaltigen Volkes aus, turnte geschickt [78] wieder ins Boot und schlüpfte in seine Hosen, Stiefel, Wams.

Seine schwarzen Augen musterten den südlichen Himmel, wo das dunkle Gewölk sich höher und höher schob.

„Mich rudern lassen,“ sagte er kurz. „Bald Regen, Kälte … Dort Santa Ines …“

Wir waren auf einem breiten Kanal. Vor uns himmelhohe Granitmauern, in der Ferne düstere Gebirge.

Joachim und ich hockten am Boden und beschauten unsere Hände. Blase an Blase … Und die Muskeln hart und überanstrengt, aber im ganzen Leibe das Glühen wundervollen Kraftbewußtseins.

Coy ruderte. Er schaffte mehr als wir zwei.

Näher kamen die grauschwarzen Mauern, näher auch der tiefe Einschnitt in die Küste … In diese breite, meilenweite Bucht liefen wir ein, landeten an flacher Stelle kurz vor dem Fallen der ersten Tropfen. Die lichtblaue Himmelsglocke war verschwunden. Wolken zogen tief hängend über uns dahin, und die ersten Orgeltöne des Sturmes brachten den Eishauch der Südpolargebiete mit. Joachim zog sein Robbenhabit über, und dann wurde das Boot hoch an Land geschleppt, wurde, Boden nach oben, mit einer Steinmauer umgeben, die Ritzen mit Moos und Gräsern verstopft.

Kaum war diese Bootshütte fertig, als auch schon der erste Hagel herabgeschossen kam. Wir lagen im Trockenen auf trockenen Graslagern, und über dem knisternden Feuer klaffte in dem Fellüberzug des Bootes ein durch Hölzer gesperrtes Loch als Rauchfang. Drei Lachse und einen Robbensäugling vertilgten wir damals, tranken [79] Tee mit Zucker und Rum, – Rum aus dem Zelte Gerald Mangroves, der nun dort gen Osten auf der Kuppe im Geröll neben dem Mulatten sein Grab gefunden hatte. Draußen jaulte der Sturm wie ein brünstiger Köter, draußen lag handhoch weißer Schnee, wurden meterhohe Schanzen aufgetürmt …

Magelhaens-Land!!

Dann wickelten wir uns in die Decken und die vier Zeltbahnen Gerald Mangroves. Allan lag dicht neben Joachim, und Coy wieder als Wache an dem Eingang, das durch zwei Robbenfelle verschlossen war.

Diese erste Nacht auf Santa Ines schliefen wir wie die Murmeltiere. Als ich erwachte, kam Coy gerade von draußen herein – wie ein Schneemann … Lachte, streifte die Flocken ab …

„Mittags wieder gut Wetter, Mistre Abelsen. Dann Boot auseinandernehmen, Schleifen bauen für Fellpakete und anderes.“

Wir tranken Tee, aßen angeräuchertes Robbenfleisch, Zwieback (von Gerald Mangrove) und anderes, rauchten, berieten. Coy meinte, wir würden fünf Tage zum Durchqueren der Insel gebrauchen.

„Und die Gebirge!“ warf Joachim ein.

„Chubur mir Weg beschreiben, Mistre Näsler, genügen …“

Joachim schwieg …

Nach dem Frühstück baute er für Allan einen schönen großen Schneemann. Aber die Herrlichkeit war nur von kurzem Bestand. Coy behielt recht, der Wind ging nach Westen herum und um halb zwölf hatte die Sonne auch den Schneemann erledigt. Das Gestein dampfte und feine Nebel [80] lagen über der großen Bucht, auf deren zahllosen Inselchen die Robben sich tummelten.

Coy und Allan nahmen das Boot und besorgten Fleisch. Mit acht Jungtieren kehrten sie zurück. Coy und Joachim weideten die Tiere aus, während ich den Fellbezug des Bootes löste und ihn in drei Stücke zertrennte.

Es wurde vier Uhr, bevor wir aufbrechen konnten. Das Bootsgerippe hatte das Holz zu den Schleifen geliefert. Die Last, die jeder von uns drei Männern zu ziehen hatte, war nicht gering, da wir nichts zurücklassen mochten.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit folgten wir dem Strande der Bucht, schlugen dann im äußersten westlichen Buchtwinkel unser Fellzelt auf und benutzten den Rest des Tageslichtes für einen abermaligen Jagdzug. Coy baute aus Steinen einen Räucherofen, und bis zum Morgen hingen die Fleischstreifen im beizenden Qualm.

Und nun ging’s hinein in die große Einsamkeit dieser Insel, die auch heute noch zum geringsten Teil erforscht ist – hinein in die Steinwildnis, die erhabene Stille und Ruhe und Unberührtheit.

Wir konnten mit dem ersten Tagesmarsch zufrieden sein. Fünfzig Kilometer, schätzte ich. Das Wetter war tadellos, beinahe zu warm. Und dann die angenehme Enttäuschung: Was wir bisher von Santa Ines gewußt hatten, was Chubur wortkarg angedeutet hatte, traf nicht zu. Nein, diese Insel besaß prachtvolle Steppen, Buchenwälder, lichte Gehölze des Spindelbaumes, ganze Teppiche von Magnolien, Thujas, Fuchsien und stellenweise halb mannshohes Tussokgras. Besonders die zart rosa Magnolien wirkten aus der Entfernung wie seltsame Gemälde.

[81] In einem bewaldeten Tale schlugen wir das Lager auf. Joachim hatte drüben in den Bergen ein kleines Rudel Guanacos bemerkt, und seine Jagdleidenschaft verhieß uns einen willkommenen Braten tranlosen Fleisches. Aber nach zwei Stunden kehrte er ohne jede Beute zurück, müde, verärgert und wütend auf Coy, der ihn grinsend empfing, der ihm von vornherein abgeraten hatte, sich zwecklos anzustrengen.

„Guanacos zu schlau … Coy kennen Guanacos …!“

Bei der Abendmahlzeit flocht Coy dann einen langen dünnen Lasso. Unsere Fragen, was er damit beabsichtige, überhörte er. Wollte er wirklich ein paar Tiere einfangen?

Ich war dann erst halb eingeschlummert, als Coy sich leise von seinem Lager erhob, seinen Karabiner und den Lasso nahm und aus dem Zelte in den hellen Mondschein hinauskroch. Ich folgte ihm ebenso leise …

„Coy, ich begleite dich …!“

Er drehte sich um …

Winkte mir hastig zu, schaute wieder das Tal hinab, dessen bewaldete Hänge im Nachtwinde säuselnd rauschten …

„Coy, was gibt’s?“

„Menschen … drei … Männer … Dort! – Kommen, Mistre … Können sein Alacaluf, Feuerländer hier von Westseite … Diebisches Pack, Mistre … – Kommen …!“

Er entsicherte seinen Karabiner. Aber trotz des fast taghellen Mondlichts entdeckten wir keine Spuren. Coy blieb bei seiner Behauptung, drei Gestalten bemerkt zu haben. Wir kehrten schließlich [82] um, weckten Joachim und legten ihm nahe, bis zu unserer Rückkehr zu wachen.

„Wenn’s sein muß … gut …“ – Und er setzte sich vor das Zelt, rauchte und legte den Karabiner neben sich. – Coy hatte jetzt zugegeben, daß er zwei Guanacos als Lasttiere für uns einfangen wolle. „Dann wir nichts brauchen ziehen, Mistre …“ hatte er stolz erklärt, und Joachim hatte ironisch gemeint: „Mein Sohn, die Viecher werden dir kaum den Gefallen tun, sofort Packesel zu spielen … Wilde Guanacos und Packesel – lächerlich!!“

Coy lächelte sehr von oben herab. „Sie schon mal haben gefangen Guanacos, Mistre, – he?! Sie sehen werden, wie Guanacos[11] zahm in eine Stunde … Coy das kennen!“ Und wenn er diese Redensart gebrauchte, so war das gleichsam sein Eid: Es wird so sein wie ich es sage!

Joachim blieb hierauf stumm.

Und Coy und ich schlenderten nach Norden zu davon, erkletterten die Talwand, gelangten auf die Hochebene und bald auch in die Berge. Wie Coy hier nachts die Tiere zu finden gedachte, war mir schleierhaft, zumal doch Näsler das Rudel aus der Nähe verscheucht hatte. Aber ich hütete mich zu fragen. Coy sollte nicht auch an mir den Triumph auskosten, uns Europäern seine Überlegenheit zu beweisen.

Wir kletterten eine Schlucht hinan, aus der ein dünnes Rinnsal hervorkam. Coy stets zehn Schritt voran. Wenn ich einmal einen Stein ins Rollen brachte, und das ließ sich kaum vermeiden, blieb Coy stehen und drohte mir unzweideutig mit der Faust. Wir erreichten ein sanft nach Süden geneigtes, sehr grasreiches Plateau. Wir waren [83] hier etwa in achthundert Meter Höhe, und die dünne Luft erleichterte uns jede Bewegung. Als ich mich zufällig einmal umwandte, gewahrte ich etwas links von der Stelle, wo unser Lager etwa liegen mußte, ein flackerndes Pünktchen, fraglos ein offenes Feuer. Sofort dachte ich an die drei Gestalten, die Coy gesehen haben wollte.

„Coy!“

„Mistre?!“

„Dort – ein Feuer!“

Er stand neben mir … Schaute minutenlang hinüber …

„Lagerfeuer!“ entschied er. „Nachher sehen aus Nähe, Mistre … Erst Guanacos … Hierbleiben … Dort Quelle von kleinen Bach, frisches Gras … Er zeigte auf eine ferne Buchengruppe. „Tiere dort sein, bestimmt … Quellen lieben … Kennen das!“

Er gab mir seinen Karabiner und schlich davon. Sehr bald begann er zu kriechen und entschwand meinen Blicken.

Ich setzte mich ins Gras und holte Joachims Fernrohr hervor, das ich mir auf dem Rücken befestigt hatte. Das tadellose Glas brachte mir das ferne Lagerfeuer so nahe, daß ich leidlich drei Gestalten unterscheiden konnte. Coy hatte sich also nicht geirrt. Nur in einem Punkte war ich anderer Meinung: Keine Feuerländer, keine Alacalufs! Nein, meine mißtrauische Natur witterte andere Verfolger. Ich hatte ja bereits mit Joachim über die Wahrscheinlichkeit gesprochen, daß die Jacht, auf die man den kleinen Allan hier in das Insel-Chaos der Magelhaens-Straße verschleppt hatte, doch in der Nähe geblieben sein müsse. Es war ja ausgeschlossen, daß Gerald Mangrove [84] und der Mulatte ihr Zelt auf der Nachbarinsel aufgeschlagen haben würden, wenn sie nicht jederzeit an Bord ihres Fahrzeugs hätten zurückkehren können. Für längeren Aufenthalt waren die im Zelte vorgefundenen Vorräte viel zu gering. War’s also nicht immerhin möglich, daß Leute der Jacht uns beobachtet hatten und nun aus irgend welchen Gründen hinter uns her blieben?! – Überhaupt, wenn man dieses Zwischenspiel „Allan“ kritisch betrachtete, so stieß man da auf unzählige ungelöste Fragen. Ich hatte mir diese Dinge schon genügsam durch den Kopf gehen lassen. Aber das, was dunkel, war mit sogenannten logischen Schlußfolgerungen nicht zu lichten.

Jedenfalls: das Lagerfeuer dort drüben war mir weit wichtiger als die Guanacos, und wenn Coy mit seiner Lassojagd nicht gleich auf den ersten Anhieb Glück hatte, mußte er mich begleiten, ob er wollte oder nicht.

Ich legte das Fernrohr ins Gras.

Ich war allein, und die Einsamkeit weckte andere Gedanken …

Flüchtig stiegen in mir Erinnerungsbilder aus jüngster Zeit auf … Ganz flüchtig … Ich wies sie von mir. Sehnsucht nach Kamerad Boche Boche, nach Holger Jörnsen und der blonden Frau Gerda war Sehnsucht nach der großen Welt … Und ich hatte ihr entsagt, für immer …

Abseits vom Wege der Alltagsmenschen – das war mein Pfad! Und hier … hier saß ich abseits von allem, was Kultur, was Krämerdurchschnitt hieß … Auf Santa Ines saß ich … Und stille Freude verdrängte vollends die geringen Gedanken an das, was ich aufgegeben hatte, was ich aufgeben mußte …

[85] Neben mir saß mein Ebenbild, mein Mondschatten … Ich nickte ihm zu. Er nickte. Und wir waren zufrieden.

Mein Denken glitt in die Zukunft. Das war weiser als rückwärts zu schauen! Was vor mir lag, waren neue Abenteuer, neues Erleben, neues Auskosten eigener Kräfte. Familie Turido … Dampfer „Starost“, Höllenmaschine … Oh – die Turidos würden uns schon in Atem halten …!

Ich zog eine Zigarre aus der Tasche, bückte mich … Das Feuerzeug schlug Fünkchen, der Docht qualmte stinkend, und die Zigarre brannte.

Mein Nachbar rauchte auch, mein Schatten. Und ich nickte ihm wieder zu, er auch, und wir waren noch zufriedener hier in der köstlichen frischen Luft der Berge von Santa Ines.

Der Mond als runde Scheibe inmitten der blinkenden Sterne – lieber Gefährte so mancher Stunden, als wir, auf dem Kutter „Torstensen“ mit Boche Boche gen Süden dampften …

Weg damit!! Boche Boche, Kamerad ohnegleichen, war Vergangenheit … Im Herzen blieb er mir … Sonst – – gestrichen, Episode. Es mußte sein.

Ich sah nach der Uhr …

Mitternacht … Und heute, heute vor einem Jahr, fiel mir ein, hatte ich um dieselbe Zeit in der schwedischen Heimat, fern, so fern, das Weib als Braut in den Armen gehalten, das mich nachher verriet … Verlobung, Frack, Lackschuhe, strahlende Lichterfülle, reich geschmückte Tafel … – alles dahin, dahin, alles – – es war einmal!! Märchen, böse, lächerliche Märchen … Olaf Karl Abelsen würde nie mehr Frack tragen, nie mehr ein Narr [86] werden … Narrheit war das Leben dort in den Steinkästen von Städten …

Und Sven Hedins, meines großen Landsmannes Schlußworte seines „Transhymalaja“ fielen mir ein … Von der Sehnsucht nach den Schneehäuptern des Daches der Welt, der Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Tibet.

Meine Sehnsucht war erfüllt. Ich war Weltentramp geworden. Es genügte mir. Ich war frei. Noch nie hatte das Blut in meinen Adern so jugendlich pulsiert wie jetzt. Noch nie spürte ich so deutlich das Übermaß unverbrauchter Kräfte in mir.

Unverbrauchte Kräfte, Wagemut ohne Leichtsinn … Ich hatte vieles zugelernt seit jener Nacht, als ich dem Zuchthaus entrann.

Was saß ich hier und wartete vielleicht noch stundenlang auf Coy, der meine jagdlichen Erfahrungen mit Recht so tief eingeschätzt hatte, daß er mich von dem Guanacofang ausschloß! Mit Recht! Ich bin nie Jäger gewesen, nur Schießer, habe in Indien, um die Sache mitzumachen, einen armen Tiger mit einem Explosivgeschoß feige niedergeknallt, auf Sumatra zwei Leoparden mit der Repetierspritze erlegt und ähnliche … Heldentaten verrichtet. Was saß ich hier, wo doch drüben das ferne Lagerfeuer noch immer lockend herüberwinkte! Coy brauchte mich nicht. Die Guanacos konnte ich mir auch nachher ansehen, falls er welche fing.

Der neue Gedanke pulverte mich noch mehr auf. Hatte ich Coy nötig, um jenes Feuer zu beschleichen?! Sollte ich dauernd an seinem Schürzenzipfel hängen?! Sein eigener Lehrmeister in der Wildnis sein, das ist Mannestum!!

[87] Ich schnitt von einer nahen Krüppelbuche einen längeren Ast und eine Astgabel ab. Den Ast spitzte ich an, so daß die helle, rindenlose Stelle auffallen mußte. Die Astgabel bohrte ich in die Erde, diente als Stütze für den Ast, den ich mit dem anderen Ende zwischen Steine geklemmt hatte. Der Ast wies genau in Richtung des Feuers, es war ein Wegweiser für Coy. Den Karabiner legte ich neben dieses eindeutige Zeichen, schulterte die Büchse, merkte mir genau einige Wegmarken bis zum fernen Feuer und schritt munter davon.

Entschluß und Ausführung waren genau überlegt worden. Der Erfolg entsprach nachher auch der besonnenen Tat. Freilich ein verblüffender Erfolg …




[88]
8. Kapitel.
Die tote Farm.

Links an unserem Lager kam ich vorüber. Hügel überstieg ich, verlor den glimmenden Punkt aus den Augen, aber die Wegmarken halfen.

Eine flache, buschwerkreiche Kuppe war’s, in deren Nähe ich – ich glaube zum ersten Male in meinem Leben – auf allen Vieren dem kaum mehr fünfhundert Meter entfernten Ziele zustrebte. Meine blasenreichen Handflächen schmerzten durch den Druck auf scharfkantigem Geröll. Hartes breites Gras ritzte mir die Haut. Doch da vorn schimmerte durch die Sträucher ein Pünktchen wie eine glimmende Zigarre, und das war der kräftige Magnet, der mich vorwärtstrieb.

Gut gewählt war dieser Lagerplatz der Fremden. Die Büsche standen dicht, und die Kuppe hatte dazu noch einen breiten Kranz von Felsstücken. Wahrscheinlich war das Feuer nur von jener Stelle so deutlich zu sehen gewesen, wo ich es bemerkt hatte.

Jetzt den Hügel hinab … Langsame, bedächtig, immer wieder halt machend, immer wieder. Die mondhelle Umgebung beäugte ich mißtrauisch. Ich hatte keine Lust, mir eine Ladung Blei in den Kadaver schießen zu lassen oder als Ziel für einen Pfeil eines Alacaluf zu dienen. Diese Feuerlandwilden von der Westseite sind nur zum Teil halb zivilisiert. Chilenische Untertanen zwar … Aber [89] selbst Chile vermag nicht anzugeben, wie groß ihre Zahl. Manche schätzen die Alacaluf auf tausend Köpfe, andere nur auf die Hälfte. Volkszählung ist im Magelhaens nicht gut möglich, und die kleinen Horden der echten Wilden befinden sich dazu noch auf ständiger Wanderschaft, je nachdem die Robben und Lachsschwärme ihren Standort wechseln.

Meine Sniders hatte ich entsichert. Neun Schuß – und nur abdrücken … Das beruhigt ruhige Nerven noch mehr. Und, wenn auch nicht Jäger: vorbeischießen gab’s nicht!

Nun hinein in die Büsche, zwischen Felsen hindurch …

Ein kahler Platz vor mir … Ein nur noch glimmendes Feuer. Daneben drei Gestalten … Keine vier Meter entfernt.

Wahrhaftig: Europäer – zwei Männer, ein Weib …

Sie lagen und schliefen auf Graspolstern, unter den Köpfen gerollte Decken. Ihre Waffen griffbereit neben sich. Im Hintergrunde Gepäck, pralle Rucksäcke aus braunem Segelleinen.

Die Männer sportmäßig gekleidet, bartlose Gesichter, jung, dunkelhaarig, die Frau, vom Monde klar beschienen, mit reichem aschblonden Haar, ein frisches, feines Gesicht …

Aschblond … Tatjana Turido! Sofort dachte ich an Tatjana, sofort …

Also die Turidos waren hinter uns her?! Nicht Leute von dem Kinderräuberschiff, nicht Alacalufs! Turidos!

Nun, die drei sollten uns nicht mehr lange lästig fallen! Ob Joachim diese Tatjana liebte, das sprach hier nicht mit. Die Turidos hatten [90] gemordet, und daß die Jüngste der Familie scheinbar anders geartet, blieb sich gleich. Ihre Anwesenheit hier zeugte gegen sie. Wenn sie und ihre Begleiter nichts Arges gegen uns im Schilde führten, hätten sie offen zu uns kommen können.

Meine Gedankenkette wurde jäh gesprengt. Eine Hand hatte meinen Schenkel berührt.

Natürlich Coy …

Und daher wandte ich ganz gemächlich den Kopf …

Nicht Coy …

Joachim Näsler …!! Er winkte, zerrte an meinen Füßen. Ich kroch rückwärts. Als ich aus den Sträuchern heraus war, richtete ich mich auf.

Joachim war sehr bleich. Die Blässe seines Gesichts erschreckte mich. Zudem hatten seine fahlen Züge einen Ausdruck, der mir nicht gefiel.

„Kommen Sie, Abelsen!“ Er flüsterte nur, aber es war dennoch Kommandoton.

Nun, hier in der Nähe der Gegner konnten wir nicht gut besprechen, was zu besprechen war. Joachim schritt voran. In einer Felsmulde zweihundert Meter zurück standen wir uns dann gegenüber. Nicht als Kameraden, spürte ich, bevor er noch zu reden begann.

Herr Abelsen, was beabsichtigen Sie?“ fragte er keuchend, und seine Rechte fingerte am Pistolenfutteral herum …

Merkwürdige Frage, noch merkwürdiger der Ton …

„Was die Umstände erfordern, Herr Näsler.“ – Mit einem Male war das „Herr“ zwischen uns wieder aufgelebt.

„Und das wäre?“

„Die drei gefangen zu nehmen. Was sonst?! [91] Sie wissen doch recht gut, daß es ein Teil der Turidos ist, und meine Meinung über diese Leute kennen Sie! Sollen wir diesen Verfolgern, diesen Spionen etwa Gelegenheit geben, uns zu guter Stunde niederzuknallen?!“

Er blickte mich scharf an …

„Abelsen, und wenn ich nun an Ihre Freundschaft appellierte … Wenn ich bitten würde, sofort aufzubrechen und jede Spur hinter uns zu verwischen, was doch Coy ein leichtes sein würde!“ Er hatte mir die Hand auf die Schulter gelegt. Diese Hand zitterte. „Abelsen, glauben Sie mir, – für mich hängt unendlich viel davon ab, daß wir diese drei unbehelligt lassen – – glauben Sie mir!“

Jetzt bat er … Und in seiner vibrierenden Stimme war etwas, das mir nahe ging.

„Abelsen, es gibt Dinge, über die ich nicht sprechen mag,“ fuhr er noch eindringlicher fort, und das Blut schoß ihm plötzlich in die Wangen. „Abelsen, Sie sind ein anständiger Mensch … Man hatte Sie zu unrecht eingesperrt. Ich bin ein Lump – vor mir selbst … Was ich getan, war nichts, das die Strafgesetze irgendeines Landes ahnden würden. Aber das paragraphenreichste Gesetz tragen wir selbst in uns. Wir sind die schärfsten Richter über uns, wenn wir eben Männer sind. Und das sind wir. Das war ich stets. Und mein eigenes Gesetz, mein eigenes Gericht hat mich verurteilt, Abelsen. Deshalb wurde ich wie Sie: Abenteurer im guten Sinne, Kulturflüchtling, – deshalb verkroch ich mich hinter dem Namen Näsler …“

Pause …

[92] Seine Hand glitt an meinem Arm entlang, umklammerte die meine …

„Abelsen, das Bitten fällt mir verflucht schwer. Ich durfte von Jugend an befehlen … Ein Wink – und man sprang … Verflucht schwer, dennoch tue ich’s … Lassen Sie uns aufbrechen, Abelsen, lassen Sie uns jede Begegnung mit den dreien vermeiden … Wir werden sie abschütteln. Und sie werden uns nicht mehr finden … Seien Sie barmherzig, Abelsen!“

Und ich forschte nun in seinen Zügen …

„Näsler – die Wahrheit!! Ist es Tatjana Turido?“ – Die Frage war berechtigt. Wie konnte das Mädchen und deren Begleiter mit Joachims sogenannter „Schuld“ etwas zu schaffen haben?! Joachim hatte doch diese Leute erst auf dem „Starost“ vor wenigen Wochen kennengelernt. Und daß er mich in dieser Beziehung nicht belogen hatte, war mir gewiß.

Er hatte den Kopf gesenkt.

Schwieg … Seine Hand gab die meine frei. Dann sagte er schweren Tones: „Ich darf Ihnen nicht antworten … Glauben Sie, was Sie wollen. Unsere Wege trennen sich, sobald Sie Miene machen, die drei dort zu überfallen. Und Allan nehme ich mit mir. Er wird mir folgen. Ich bin ihm mehr als Sie und Coy …“

„Näsler, das wäre …“

„… Pflicht, Abelsen, – nur Pflicht! – Sie können das alles nicht verstehen … Glaube ich gern … Und – glauben Sie, was Ihnen beliebt … – Leben Sie wohl … Allan und mich werden Sie nicht wiedersehen. Und die drei dort können Sie foltern, und sie werden ebensowenig den Mund aufmachen …

[93] Ein Schatten fiel über uns hinweg …

Steinchen rieselten. Coy stand vor uns.

Grinsend, erhaben, triumphierend …

„Dumme Kerle dort am Feuer,“ sagte er mit unendlicher Verachtung. „Schlafen ohne Wache. Werden Büchsen holen … Dann: „Hände hoch!“ Dann wir sie haben, die drei … Coy holen Waffen von Dummköpfe – gleich … Alles schnell gehen … Wie mit Guanacoweibchen und Lämmer … Coy das kennen …“

Näsler blickte den Araukaner[12] finster an …

„Ja, mein Sohn, – – das kennen! Alles kannst du!! Nur keine Rücksichtnahme auf das, was andere als Gewissenslast mit sich herumschleppen, – keine Rücksicht wie Abelsen … – Lebt wohl.“ Und urplötzlich verfiel er wieder in den anderen Ton … „Allan und ick verzichten auf fernere Kameradschaft!! Alles Dreck, Redensarten … Kameradschaft!!“

Er drehte sich kurz um und wollte davon.

„Bleiben Sie, Näsler!“

Er wandte nur halb den Kopf.

„Coy,“ befahl ich energisch, „wir werden sofort weitermarschieren … Die drei dort gehen uns nichts an … – Sind Sie zufrieden, Näsler.“

Er war mit einem Satz vor mir …

„Abelsen, Sie werden’s nicht bereuen – bei Gott, Sie werden’s nicht bereuen!!“

Er preßte meine Hand …

Coy stand mit einem übermäßig dummen Gesicht dabei, schlackerte mit dem Kopf …

„Mistre, Mistre, – das sein Dummheit! Das da sein Turido-Leute … Und …“

„… und du wirst dafür sorgen, daß sie uns nicht mehr finden, Coy … Du wirst unsere [94] Fährten unsichtbar machen … Du kannst es. Gehen wir …“

Nicht ein Wort mehr sprachen wir bis zu unserem Zelte unter den Buchen im schmalen Tale.

Und vor dem Zelte, festgebunden mit Riemen, die Beine kurz gefesselt, zwei rotbraune langhaarige Guanacos, daneben zwei Lämmer … Muttertiere mit ihren Jungen.

Coy war stolz. „Da sind sie …! Coy kennen das … Wenn Lämmer haben, Muttertiere folgen, Mistre Abelsen, nur müssen sein Riemen am Fuß, daß nur können gehen …“

Allan schlief. Aber die Guanacos und die Lämmer machten ihn rasch munter, als Coy ihm zurief, was er vor dem Zelte finden würde.

So brachen wir denn um drei Uhr morgens mit unseren Lasttieren auf. Zuerst wollten die Guanacos, die zur Lama-Familie gehören und auch deren Eigentümlichkeiten besitzen, nicht viel von den Traglasten wissen, versuchten auszukeilen, bissen, spuckten und wurden erst willig, als Coy und ich je eins der Lämmer am Strick hinter uns her zogen. Die Tierchen blökten kläglich, und der Mutterinstinkt der beiden Guanacos und die Stockhiebe, von Joachim und Allan ohne Roheit ausgeteilt, taten das übrige. Nach einer halben Stunde ging’s schon recht flott voran. Unsere kleine Karawane vermied alle grasreichen Stellen, und als wir dann noch in einem Bergbach eine Strecke abwärts in ein kahles Tal gestiegen waren, schwor Coy tausend Eide, daß nicht einmal ein Schweißhund uns finden würde. Er behielt recht. Wir merkten nichts mehr von den Verfolgern.

Vier Tage folgten, die ich hier übergehen kann. Dann zwang uns ein Sturm, der uns auf einer [95] Hochebene dicht an der Westküste überraschte, zu unerwünschtem Aufenthalt. Eine flache Höhle nahm uns und die Tiere auf. Es regnete, schneite, hagelte, und dennoch kehrte Coy nach drei Stunden mit einem erlegten Guanaco zurück. Es war das vierte, das wir inzwischen geschossen hatten. Die drei ersten kamen auf Joachims Konto. Das war noch mitten im Hochgebirge gewesen. Hochgebirge – denn Santa Ines ist im Grunde nur ein abgetrennter Teil der Kordilleren.

Unsere Lasttiere und die Lämmer waren jetzt völlig zahm. Wir behandelten sie gut, und kein Tier verschließt sich gegen die Freundlichkeit seines Erzfeindes Mensch. Allan hatte unsere vierbeinigen Gefährten längst getauft. Die Lämmer hießen Strupp und Rupp, und die Alten Mary und Fanny. Coy hatte eins der Lämmer schon am dritten Tag schlachten wollen. Aber da war Allan zur Wildkatze geworden. Coy hatte gelacht, und die Tierchen blieben leben, leben wohl heute noch als freie Guanacos auf den Plateaus von Santa Ines.

Vier Tage flotten Marsches, und jetzt zwei Tage Ruhe. Coy gerbte die Guanacofelle. Und am Feuer saßen wir und langweilten uns. Draußen war die Hölle los …

Joachim und Allan spielten Rätselraten. Joachim erfand Knittelverse mit wunderbaren Pointen, und unser Junge lachte fröhlich, wenn er früher als ich die Lösung fand. Mammi und Ponny und Hunde waren vergessen …

Im Hintergrund lagen die Tiere auf Grasstreu, kauten, rülpsten, stanken … Das Feuer qualmte, und die vor den Eingang gespannten Felle knallten im Winddruck.

Aber auch das war Leben, Erleben.

[96] Dann sprang der Wind um, und die Sonne kam und Licht und Wärme. Mittags ging’s weiter.

Eine Hochebene, endlos, grasreich, voller Waldflecken, trennte uns noch von der Küste. Daß Freund Coy die Richtung tadellos eingehalten hatte, daß es seinem Ortssinn vollauf genügt hatte, was Chubur über die Lage jener Bucht der Familie Turido und über die verlassene Schaffarm ihm angegeben hatte, das merkten wir nachmittags gegen fünf Uhr, nachdem wir an einer Unmenge von Tierschädeln und Skeletteilen vorübergekommen waren. In einem dichten Buchenwalde entdeckten wir neben einem klaren Bache auf einer idyllischen Lichtung die Ruinen von Gebäuden – alles bereits von Unkraut überwuchert, besonders von jener besonderen Dornenart, die hier im Magelhaens-Archipel eine immergrüne Form angenommen hat.

Hier lagerten wir auch, denn Coy schätzte die Entfernung bis zur Ostbucht drüben auf knapp drei Meilen, und diesen Rest des Weges mußten wir, um nicht vorzeitig unsere Anwesenheit zu verraten, bei Nacht zurücklegen.

Das ehemalige Wohnhaus des Farmverwalters, ein plumper Steinkasten, war noch am besten erhalten. Coy und ich säuberten die eine Vorderstube, während Joachim und Allan, die jetzt Unzertrennlichen, draußen für die Tiere sorgten. Es war für mich ein merkwürdiges Gefühl, seit Monaten wieder einmal ein richtiges Gebäude zu betreten und ein richtiges Hausdach überm Kopfe zu haben. Ich besinne mich genau, daß ich nachher, als wir uns zur Ruhe niedergelegt hatten und nur Joachim, der die erste Wache hatte, draußen im Mondschein hin und her ging und sein Schatten dabei in regelmäßigen Pausen über die scheibenlosen [97] Fenster glitt, der Schlaf mich lange Zeit floh, weil ich eben nur noch an ein Nachtlager im Freien oder an eine leicht schwankende Schiffskoje gewöhnt war. Außerdem störte mich auch Coys rasselndes Atmen und die ewige Unruhe hin und her huschender Ratten unter den halb verfaulten Dielen. Die Feuerland-Ratten sind leider noch üblere Viecher als die europäischen, da sie zu einer Spielart der Moschusratten gehören und sehr intensiv riechen. So auch die Stube trotz der leeren Fensteröffnungen. Nein, damals wollte der Schlaf sich durchaus nicht einstellen, und als ich schließlich einschlummerte, war es nur jener Halbschlummer, der niemals erquickt und der unsere Sinne für alle äußeren Eindrücke fast ebenso empfindlich bleiben läßt wie im wachen Zustande.

Ich hatte so kaum eine halbe Stunde da gelegen, als eine dieser langschwänzigen graugrünen Biester dicht neben mir an unserem letzten Paket Zwieback (aus dem Zelte Gerald Mangroves stammend) zu knabbern begann. Ein Fausthieb, ein Quieken – und die Ratte flog gegen die Wand. Das Mondlicht fiel auf das zuckende Tier, dem ich das Rückgrat gebrochen hatte. Um es nicht unnötig leiden zu lassen, nahm ich mein Messer und schlug der Ratte mit der großen Klinge das Genick durch. Der Schlag war allzu kräftig, das verfaulte Fußbodenstück brach durch, die Ratte fiel nach unten und mein Messer glitt mir aus den Fingern … – Kleine Ursachen, große Wirkungen … Ich mußte das Messer wiederhaben, beugte mich zur Seite und fühlte mit der Hand in das Loch hinein. Aber selbst mein Arm war nicht lang genug, den Grund dieser Öffnung zu berühren. – Wir hatten von einer Unterkellerung [98] dieser Stube bisher nichts gemerkt. Wie kam es also, daß sich hier eine solche Vertiefung befand?! Ich rieb ein Zündholz an, leuchtete hinab. Wirklich – ein ausgemauertes, viereckiges tiefes Loch, ein Schacht. Was mir sofort auffiel, waren die hellen Streifen des Mörtels zwischen den Steinen. Nicht etwa Ziegel, nein, Feldsteine … Felsstücke. Der Mörtel war frisch.

Die Sache begann mich zu interessieren. Unwillkürlich dachte ich an die Turidos, die hier diese Farm ruiniert hatten – auf gemeinste Weise, durch Gift. Gift, gegen Menschen oder Tiere benutzt, ganz gleich, gilt mir als elendeste Feigheit. Auf den Plantagen in Sumatra hatte man seinerzeit die Affenherden durch vergiftete kleine Brötchen, die stark gesüßt waren, von den Pflanzungen vertreiben wollen. Eines Morgens hatten wir fünfzig tote Affen gefunden. Abends verließ ich das sonst sehr gastliche Haus. Ich hatte aus meiner Empörung kein Hehl gemacht, und – man hatte mich ausgelacht.

Ich denke, jeder hätte wohl beim Anblick des frischen Mörtels (es war ein Gemisch von Muschelkies, Lehm und Vogeldünger, wie wir nachher feststellten) die Turidos und ihren Anhang für die Hersteller dieses Schachtes gehalten, denn andere Leute lebten hier nicht in der Nähe.

Mein Zündholz erlosch, und ich nahm ein zweites.

Jetzt machte ich eine neue Wahrnehmung, die noch eigenartiger war. Der Schacht mochte zwei Meter im Quadrat messen und drei Meter tief sein. In der einen Wandung war eine kleine dunkel gestrichene Tür zu erkennen.

Das zweite Zündholz erlosch. Ich überlegte. [99] Hier oben im Fußboden war bestimmt keine Falltür vorhanden. Sie hätte Coys Augen nie entgehen können, den meinen auch nicht. Wozu also der Schacht?! Wozu die kleine Tür unten?!

Ich mußte Näsler erzählen, was ich entdeckt hatte. Leise schlich ich aus der Stube ins Freie. Wir hatten die ebenfalls schon halb verfaulten Türen weit offen gelassen. Ich trat in den Mondschein der Waldlichtung hinaus. Die Nacht war klar, aber kühl …

Ich schaute mich nach Joachim um. Rechts weideten unsere Guanacos, nur leicht angeseilt, die Lämmer frei. Und diese kamen mir sofort entgegengesprungen. Unseren Stückenzuckervorrat hatten wir fast ganz an die Tierchen verfüttert, und ich war dabei neben Allan der Hauptspender gewesen. Die Lämmer schoben mir ihre kalten Mäulchen suchend in die Hand. Ich kraute ihnen den Kopf, faßte in die Tasche … Es waren ausgerechnet die beiden letzten Stückchen Zucker.

Joachim war nirgends zu sehen. Das überraschte mich. Ich schritt nach Osten zu, wo die Grassteppe nur durch eine dünne Baumreihe von der Lichtung getrennt war. Um Mitternacht hatte ich Näsler ablösen sollen. Jetzt war es erst elf. Und er?! Wo steckte er?! Coy hatte doch so eindringlich zur Vorsicht gemahnt.

Ich war im Baumschatten. Mein Fuß versank in nassem, totem Laub. All diese Bauminseln und Wälder am Magelhaens haben die Eigentümlichkeit einer sehr dicken Schicht faulenden Laubes. Ich ging wie auf einem Gummistoff, und so überraschte ich denn an einer einzeln stehenden Buche, an der Coy ein heute geschossenes und ausgeweidetes Guanaco aufgehängt hatte, drei diebische Wildhunde, [100] eine Spezialität dieser südlichsten Region, ähnlich den nordamerikanischen Coyoten[13], nur größer und dunkler gefärbt. Die Tiere hatten die Vorderläufe und den Hals des Guanacos bereits vertilgt, ein Beweis, daß Freund Joachim sehr schlecht aufgepaßt hatte.

Ich trat auf die Steppe hinaus.

Steppe im Mondenschein, glitzernder Tau an hohen Halmen, leichter Nebeldunst in langen Streifen – dahinschwebend wie Gespenster, ewig die Form wechselnd … Erlkönig fiel mir ein. Dieses Gedicht hatte stets den größten Eindruck auf mich als Kind gemacht, wenn meine deutsche Mutter es mir vortrug. Obwohl sie eine heitere, lebensfrohe Berlinerin war, besaß sie doch einen starken Hang zum Mystischen, Übersinnlichen.

Kein Joachim …

Zum Teufel – wo war er?!

Und mit einem Male ward mir’s bewußt, daß ich leichtsinnigerweise ohne jede Waffe die Hausruine verlassen hatte. Wenn nun etwa Näsler von denen, die wir auf sehr energische Art nach dem Verbleib von Chico und Chubur fragen wollten, etwa hinterrücks niedergeschlagen und weggeschleppt worden war?!

Konnte mir nicht jeden Moment dasselbe zustoßen? Wußte ich, ob wir nicht bereits eingekreist waren?

Mißtrauisch schaute ich zu den Baumschatten zurück … Mein Leichtsinn konnte die übelsten Folgen haben …

Anderseits – wenn Feinde in der Nähe, dann würden die drei Wildhunde nicht so kühn bis hierher vorgedrungen sein und die bequeme Nachtmahlzeit begonnen haben.

[101] Ich eilte rasch durch den Waldstreifen, machte aber einen Bogen, wollte dieselbe Richtung vermeiden, kam so an die rechte Ecke des gänzlich eingestürzten Wohnhauses der Schafhüter der einstigen Farm, – – und hörte Stimmen.

Von der Mauerecke hingen Dornenranken in dicken Bündeln herab, hatten einen natürlichen stachligen Vorhang gebildet, der in der Tat wie ein grün und gelb gesprenkelter Teppich aussah, da die Blätter und die Blüten scharf gegeneinander kontrastierten. Hinter diesem Vorhang erklangen die gedämpften Stimmen …

Nein – nur eine jetzt. Die Joachim Näslers. Und ich merkte an dem Tonfall, daß er sich in außerordentlicher Erregung befand. Jedes Wort konnte ich verstehen. Näslers Stimme war in allen Tonlagen klar und deutlich, ein geschultes Organ – trotz des leisen Schnarrens, trotz des nachlässig-blasierten Leutnantsjargons von ehedem. Was ich hörte, war so unbegreiflich, daß ich schon nach den ersten Sätzen Joachims ohne Rücksicht auf die Dornen und meine Finger die Ranken auseinanderbog …

Drüben lag vor Joachim ein Weib mit aschblondem reichem Haar auf den Knien, hatte die Hände in seine Ärmel eingekrallt, hielt ihn fest – ihn, der den Oberkörper weit zurückgebogen hatte, als ob von der Frau ein Pesthauch ausginge …

Es war dieselbe Frau, die ich damals schlafend am Lagerfeuer gesehen hatte. Nicht Tatjana Turido. Das wußte ich längst, obwohl Joachim die Frau nie mehr erwähnt hatte nach jener Szene, als er mit Allan uns hatte verlassen wollen.

Wer war’s?!




[102]
9. Kapitel.
Der Anden-Wirbel.

Ich bin kein Dichter. Ich schreibe zu meinem eigenen Vergnügen Selbsterlebtes nieder. Lyrische Ausführungen liegen mir nicht. Was mir liegt, ist die brutale Kraft aufrechter Männlichkeit eindringlich zu schildern, dazu die köstliche Natur, ob’s nun die Tropen sind oder die unwirtlichen Gefilde Feuerlands. Kein Dichter, nur Ingenieur einst – einst …

Und ich: das Bild drüben jenseits des grüngelben Vorhangs erschütterte mich. Das vom Monde zart bestrahlte Frauenantlitz zeigte einen Ausdruck so tiefer Verzweiflung, daß ich Joachims grausame Worte nicht begriff. Wie mußte er dieses Weib hassen und verachten, um so völlig sich selbst untreu zu werden – er, der bei all seiner selbstbewußten Nachlässigkeit niemals rüde oder unfein geworden.

Ich selbst kam mir als Horcher unendlich erbärmlich vor. Aber – ich wich nicht vom Platze.

„… Und wenn du um die halbe Erde auf den Knien mir nachkriechst, – – niemals – – niemals!! Weißt du denn noch immer nicht, du geile Dirne mit den Künsten einer Pariser Montmartre-Hure, – noch immer nicht, was du aus mir gemacht hast, was du mir raubtest …! Alles nahmst du mir mit diesen Nächten wahnsinniger Lust … Erbärmlicher wurde ich als der erbärmlichste [103] Niggersklave von einst …! Belogen, getäuscht, hintergangen hast du mich, abgesperrt von der Welt mit tausend Mitteln, die nur dein verruchtes Hirn ersinnen konnte …! Und jetzt – – neue Komödie, neuer Lug, neues Locken und Girren …! Geh’ – geh’ – niemals – – ich schwör’s dir, niemals …!! Geh’ …!“

Und er stieß sie zurück, riß sich los, daß sie hintenüber fiel …

Aber sie schnellte hoch … Sie weinte … Ihre Worte waren kaum verständlich …

„Achim – ich werde mich töten … Achim, ich kann nicht ohne dich leben …!“

Sie hatte sich wieder vor ihm niedergeworfen.

„Achim, – was tat ich denn?! War nicht alles nur Liebe – – Liebe …!“

Ein böses Lachen übertönte ihr Flehen …

„Geilheit, – – Liebe schaut anders aus! Geh’ – oder soll ich dein phantastisches Gaukelspiel meinen Gefährten enthüllen, soll ich ihnen sagen, daß die …“

„Achim!!“

Wieder schleuderte er sie von sich, hob die geballte Faust … „Schlagen könnte ich dich, dein Gesicht zerschmettern, das mich ins Dunkel dieses Vagabundenlebens hinabgestoßen hat … Schlagen – – daß nichts von dir übrigbliebe – schlagen, um endlich einmal die gärende Wut sich austoben zu lassen …“

„Tu’s!!“

Da spie er ihr vor die Füße. Urplötzlich ward er ein anderer. Eisig, hochmütig …

„Bedauere … Noch bin ich zum größeren Teil, was ich war … Geh’ …! Und wenn du wünschest, daß meine Verachtung nicht noch größer [104] wird, so verschwinde unauffällig aus diesen Gewässern. Erfinde irgendein Märchen, wo Allan geblieben … Bestich deine Getreuen mit Geld – wie du mich einst kauftest!“

Da wandte sie sich langsam um und schritt davon … fast stolz, mit elastischen, kraftvollen Bewegungen … durch den Wald nach der Steppe zu …

Joachim stand da …

Regungslos … Schob dann seinen Lederhut tief ins Genick, wischte mit der Hand den Schweiß von der Stirn …

Ich konnte nicht anders. Ich hatte gehorcht. Es mußte Klarheit werden …

„Näsler!!“

Und ich drückte die Ranken vollends auseinander …

Er drehte sich müde um. Ein trauriger Blick traf mich.

„Haben Sie alles gehört, Abelsen?“ fragte er dumpf.

„Wer war die Frau?! Ihre Geliebte?“

„Ah – nicht alles!“ Wieder ging ein jäher Wechsel mit ihm vor. „Ja, meine Geliebte, Abelsen … Eine reiche elegante Dirne, der ich einst in Monte Carlo in die Finger geriet – meine Verderberin, der Unstern meines Daseins … Und Allan, damit Sie es wissen, Allan ist mein und jenes Weibes Kind. Der Junge soll’s jedoch nie erfahren, was für eine Mutter er hat. Nun wird Ihnen so manches klar sein, lieber Abelsen. Freund Coy kann sich übrijens mit seinen Indianerkünsten bejraben lassen – jänzlich! Das Weib und ihre Begleiter sind uns doch auf den Hacken jeblieben, Verehrtester … Coy hat sich bis auf die Knochen [105] blamoren … Na – Schwamm drüber! Reden wir nich mehr davon … Schlußstrich – – vergessen!!“

„Nein! So entgehen Sie mir nicht diesmal, lieber Näsler … So nicht! Ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse einschleichen, will Ihnen nur sagen, daß die Frau fraglos Ihre Gattin ist, von der Sie sich …“

„… vor der ich flüchtete, nun gut! Und die ihre ungezählten Millionen …“

„… keine Dirne, Näsler!“

„Gut, keine Dirne … Aber ihre Millionen verschaffen ihr die Möglichkeit, mich dauernd beobachten zu lassen … – Oh – Sie kennen diese Frau nicht!! Wissen Sie, daß sie Allan zum Schein entführte, daß sie mit auf derselben Jacht, ihrer Jacht hierher kam, daß sie Allan auf die Robinsoninsel brachte, um … mich weich zu kriegen!! Durch den Jungen wollte sie wieder das Einst in mir aufleben lassen … Sie hat Phantasie, Abelsen! Sie nahm ihren Vetter Gerald mit, der – mich haßte, weil er sie heimlich liebte – oder ihr Geld! Gerald und der Mulatte sollten uns von der Nachbarinsel aus beobachten. Gerald suchte mich zu erschießen … Natürlich gegen ihren Willen. Natürlich! – Verlangen Sie noch mehr Einzelheiten?“

„Nein … Denn Ihre Gattin imponiert mir auch so! Wie sehr muß sie an Ihnen hängen, wenn sie hier die Wildnis von Santa Ines durchquert und …“

Er schnitt mir durch eine brüske Handbewegung das Wort ab …

„Gattin?! Gattin?! Wollen Sie mich beleidigen! Gehen wir …“ – Jetzt war er wieder der [106] unnahbarste Hochmut … Und erst als wir mitten auf der Lichtung im Mondschein vor „unserem“ Hause standen, streckte er mir die Hand hin …

„Vergessen, Abelsen! Unsere Schicksale gleichen einander. Sie und ich – und Weiber, die uns aus der geordneten Bahn warfen!“

„Bedauern Sie das so sehr …?!“

„Ja … Denn Sie sind ein Ehrenmann, ich wurde ein Lump … Und das ist der Unterschied, Abelsen! Außerdem – Sie wissen nicht, wer und was ich einst war, was ich verloren habe, sogar mein Vaterland – verloren, nicht freiwillig aufgegeben wie Sie! – Vergessen wir, Abelsen …!“

Noch ein Händedruck. Dann sagte er in anderem Tone: „Was führte Sie hier ins Freie?! Die Zeit der Ablösung ist doch noch nicht da.“

„Eine tote Ratte …“ Ich erzählte von dem gemauerten Schacht. Aber ich war zerstreut. Ich konnte die aschblonde Frau, die Mammi, nicht vergessen. Ich bedauerte sie. Inwieweit sie schuldig, wußte ich nicht. Nur eins fühlte ich unklar: daß Joachim seines Weibes jüngste Handlungsweise, diese abenteuerliche Fahrt hier nach dem letzten Lande der Welt, nach Ultima Thule, falsch und ungerecht beurteilte. Die Frau liebte ihn ohne Zweifel mit verzehrender Leidenschaft. Er hatte sie verlassen, und sie hatte sich an ihn geklammert mit unsichtbaren Banden, bis sich ihr die Gelegenheit bot, einen in Wahrheit selten romantischen Plan durchzuführen und das Kind als Fürsprecher auftreten zu lassen.

Seltsame Menschen, seltsame Lebenswege … – Und – Joachim ein Lump?! Nein – das konnte nicht sein! Auch in dieser Beziehung traute ich [107] seinem eigenen Urteil nicht. Vielleicht war er in einer Umgebung aufgewachsen, in der ein krankhaftes Ehrempfinden in ihm geweckt worden war. Die Ehrgesetze, die er in seiner eigenen Brust trug, konnten vielleicht nur die durch Standesvorurteile eingeengten Normen eines nach jeder Richtung hin überzüchteten engen Kreises von Menschen sein, – Normen, die noch aus der Rumpelkammer altüberlieferter Tradition stammten, die nichts mit dem modernen Tempo des Lebens, nichts mit dem neuen Rhythmus der neuen Zeit zu schaffen hatten. Es war wohl so.

Und ich war zerstreut … Erzählte, war nur halb bei der Sache, schaute an Joachim vorbei und sah vor mir noch immer das rührende Bild jener Frau, der Mammi …

Ich war mit dem knappen Bericht des Rattentotschlags und seiner ungeahnten Folgen fertig, erwartete nun von Joachim eine Gegenäußerung. Sein Schweigen lenkte meinen Blick wieder auf sein Gesicht. Da sagte er schon: „Haben Sie etwas derartiges schon gesehen, Abelsen?“

Und ich, eingesponnen in Gedanken, die einem fremden Weibe galten, folgte seinen gen Nordwest über die Buchenwipfel hinweg auf den Nachthimmel gerichteten Augen …

Der Mond, die Lämplein des Firmaments: feine Dunstschleier lagen darüber. Ich hatte auf das veränderte Aussehen des Himmels bisher nicht geachtet. Jetzt konzentrierte sich mein von so vielen widerspruchsvollen und eigenartigen Dingen erfüllter Geist mit all seiner durch Naturliebe gesteigerten Beobachtungsgabe auf das außergewöhnliche Phänomen, das dort am nordwestlichen Horizont sichtbar war. Hätten wir uns in Polargegenden [108] oder in den nördlichsten Gegenden meines nordischen Vaterlandes befunden, so würde ich jene Lichterscheinung, die einem verschwommenen, gelbrötlichen und mit der Spitze nach der Erde zu gerichteten Riesenkeil glich, etwa für ein Nordlicht gehalten haben. Hier von Nordlichtern zu sprechen, war verfehlt. Der leuchtende Keil schien aus wallenden, kreisenden, strahlenden Nebeln zu bestehen und verbreiterte sich ganz allmählich, ohne seine Form zu verändern. Er wuchs in die Breite und Länge. Dabei war das gelbrote Leuchten von einer beklemmenden fahlen … Farblosigkeit – ja, Farblosigkeit, – verwaschen, stellenweise klarer, anderswo unklar, aber beständig in Unruhe. Wie einem gigantischen Scheinwerfer entströmend, der farbige bewegliche Linsen hat.

Wir standen still da und beobachteten.

„Spüren Sie die drückende Schwüle?“ fragte Joachim dann leise – so, als ob die Naturerscheinung starken Eindruck auf ihn machte.

Ich nickte nur … Und nach einer Weile:

„Wir wollen doch lieber Coy wecken. Das Ding da hat peinliche Ähnlichkeit mit einem Tornado …“

Aber Joachim wollte von Tornado nichts wissen. „Ich treibe mich seit Jahren auf See herum … Wirbelstürme künden sich anders an. Wecken wir unseren Sachverständigen.“

Coy trat gähnend ins Freie, reckte sich …

Dann schaute er empor, sah den gelbroten Riesenkeil, fuhr merklich zusammen …

„Matti Roco!!“ rief er … „Mistre Abelsen, rasch Tiere in Stube bringen … rasch …“

Ich hatte ihn noch nie so erregt gesehen.

„Mein lieber Sohn Coy,“ meinte Näsler pomadig, [109] „du könntest uns immerhin erklären, was Matti Roco ist. So viel Zeit werden wir wohl noch haben …“

Coy lächelte verzerrt. „Sein selten, der Matti Roco … Sein „Große Windung“, Mistre … Sturm aller Stürme. Wirbelsturm, wo kommt von Kordillerenzipfel her … Ich das kennen nur zweimal bisher … Furchtbar sein … Vor acht Jahren sein mögen, da letzte Mal … Große fremde Kriegsschiff flogen auf Klippen bei Clarence-Insel … Auf Feuerland tausende Schafe flogen durch Luft in Magelhaens-Straße wie tote Blätter … Hafen von Punta Arenas halb wegrasiert … – Schnell, Tiere in Stube … Steinhaus gut … Flache Balkendach … Und alte Bäume ringsum … Haus niedrig, sehr gut …“

Er war nervös, voller Angst … Und er steckte uns an mit seiner Fahrigkeit. Oder war’s die mit Elektrizität übersättigte Luft, die uns so zu schaffen machte?!

Seltsam auch das Gebahren der Guanacos. Sie hatten sich niedergetan, hatten den langen Hals eng ins Gras geschmiegt und Strupp und Rupp, die Lämmer, zwischen sich genommen, wollten durchaus nicht aufstehen, waren störrisch, bissen, schlugen, spuckten, bis wir die Zugtiere einfach zuerst ins Haus zerrten. Da folgten sie. Allan hatte sich den drohenden Riesenkeil nun auch angeschaut und hatte ihn „prächtig“ gefunden. Wenn ich seine harmlose Munterkeit beobachtete, gab es mir einen Stich durchs Herz. Er hätte ahnen sollen, daß seine Mutter ihm so nahe war!

Coy war jetzt fieberhaft tätig. Wir mußten Steine zusammentragen, die Fensteröffnungen verbarrikadieren. Wir schwitzten, und die Unrast in [110] unserem Blut war wie ein unbeschreibliches Gefühl matter Trunkenheit.

Dabei wuchs der matte, fahle Keil immer mehr. Jeder Luftzug hatte aufgehört. Coy schimpfte wie ein Rohrspatz, wurde grob. Nichts machten wir ihm gut. Die Barrikaden vor den Fenstern sollten glatt sein, möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Steine mußten wir auf das Balkendach ziehen, wahre Felsblöcke. Es war eine Hundearbeit.

So verging eine halbe Stunde.

Der Keil war inzwischen gewandert, nach Westen zu, bog aber wieder nach Süden ab.

Wir waren mit den Vorbereitungen zum Empfang des Matti Roco fertig, und Coy lief uns voran zum nördlichen Waldrand. Links die fernen Felsgestade. Links wanderte der Keil dahin …

Über das Meer, näherte sich wieder dem Ufer – immer schneller … Das wechselnde Farbenspiel der Luftwirbel war lebhafter geworden. Der Himmel noch dunstiger. Am Rande des Kegels zuckten Blitze hin – ohne jeden Donner. Totenstille ringsum. Nur unsere Herzen hämmerten, und in den Gliedern hatte ich ein bis dahin unbekanntes Kribbeln. Joachim hatte sich auf einen Stein gesetzt und Allan auf den Schoß genommen. Der Junge war blaß und hatte verängstigte Augen.

Der Keil zog jetzt vielleicht fünf Meilen vor uns über die Steppe entlang. Seine Spitze war schwarz gefärbt. Das Fernrohr enthüllte uns das Rätsel dieser Schwärze: es waren emporgerissene Steine, Gräser, Felsen, Bäume, Büsche …

„Der Herr Matti Roco macht’s gnädig mit uns,“ versuchte Näsler zu scherzen. „Er verschont uns … Er hat keinen rechten Hunger auf vier Menschen und vier Viecher.“

[111] Coy Cala lachte schrill. „Warten, Mistre … warten! Schlimmste kommen … Er wandern im Kreise – immer größerer Kreis … Er kommen …“

Wir starrten hinüber … Der Kegel schwenkte nach Norden ab, wieder nach Westen dann, nach Süden, nach Osten, glitt zum zweiten Male über die Ebene, jetzt nur noch zwei Meilen entfernt.

Ich habe später in einem chilenischen Buche diesen Wirbelsturm der südlichsten Anden, denn er steigt tatsächlich von den Gletschermassen zu Tale, beschrieben gefunden. Er zieht in immer weiteren Spiralen dahin. Was zwischen diesen Spiralenringen liegt, bleibt unberührt. Wo er seine Krallen aber über die Erde gleiten läßt, wird nichts verschont. Ein Tornado – ein harmloser Spaß im Vergleich zu ihm. Zum Glück ist er selten. Und dennoch richtet er ungeheuren Schaden an. Ich besinne mich, daß ein chilenisches Vermessungsschiff bei der Wellington-Insel aus dem Wasser gehoben und auf die Steilküste geworfen wurde – ein breiter Fladen verbogenen Eisens.

Die Geschwindigkeit des Keiles nahm zu. Wieder näherte er sich von Westen her der Steppe.

„Ins Haus!“ brüllte Coy …

Joachim blieb sitzen … Ich hörte ihn etwas murmeln. Es klang wie „Mein Gott – Ellinor!!“ Allan hatte den Kopf an seine Brust gedrückt, und er hielt den Jungen mit beiden Armen umschlungen.

„Vorwärts!“ mahnte Coy. „Genug sehen … Nun trinken … Vielleicht nach kurzem nicht mehr leben …“

Er zerrte Näsler empor …

Wir eilten in die stickige Stube, in der es nach [112] Guanacos, Moschus und faulendem Holze stank. Meine Beine zitterten …

Coy entkorkte eine Kognakflasche, noch eine …

Wir tranken … Er soff – drei Becher. Jeder andere wäre daran krepiert. Coys Würmer vertrugen das.

Wir saßen auf den morschen Dielen und zwischen uns stand die Karbidlampe aus Gerald Mangroves Zelt. Joachim war völlig geistesabwesend. Nochmals hörte ich ihn murmeln …: „Und Ellinor … da draußen im Freien?“

Dann legte er plötzlich den Jungen, der zum Glück eingeschlafen war, in meinen Schoß und rannte hinaus …

Coy fluchte, schimpfte … rannte hinterdrein …

Ob Näsler sich doch um sein Weib sorgte, das da draußen in der Steppe dem Unheil schutzlos preisgegeben?!

Fieber kochte mir in den Adern. Die Tiere waren unruhig, die Lämmer blökten kläglich … Und draußen?

Ich horchte … Ein fernes Brummen, Sausen …

Die Tür flog auf … Coy schob Joachim herein, zog die Tür wieder zu …

„Mistre Näsler verrückt …!“ schrie er in seiner wilden Trunkenheit. „Wollen Matti Roco beobachten … Wahnsinn!! Gleich da sein … Hören … hören …!“

Und ob wir hörten!

Brummen, Sausen, Heulen …

Heulen wie von tausend Sirenen …

Dann kam’s …

[113] Eine unheimliche Gewalt riß das flache Dach davon …

Steine polterten auf uns herab …

Baumstämme fegten über das Haus … krachten gegen die Mauern … Und in diesem Augenblick erst dachte ich an die tote Ratte, mein Messer, das unten im Schacht lag …

Taumelte in jene Ecke …

Ein Steinhagel fuhr mir ins Genick …

Aber meine Stiefel zerstampften die morschen Dielen … schufen ein Loch …

Näsler reichte mir Allan … Ich ließ den weinenden Jungen hinabgleiten, sprang hinterdrein … Dann Joachim, dann Coy mit der Laterne …

Oben barsten die Mauern, polterten übereinander … Ich hatte die kleine Tür des Schachtes aufgerissen, hatte Allan in das Dunkel hineingedrängt.

In das Dunkel einer schmalen Felsenhöhle … Lichtschein glitt über schwärzlichen Granit …

Über uns die Hölle …

Aber wir in Sicherheit, wenn auch blutend, zerschunden, halb von Sinnen …

Coy hockte am Boden, lachte breit, streichelte Allan …

„Gut sein hier, sehr gut … Allan nicht weinen … Alles vorüber …“

Aus den Taschen seines Fellrockes ragten die Hälse zweier Flaschen hervor … An die Laterne und an sein Wurmmittel hatte er doch noch gedacht.




[114]
10. Kapitel.
Arme Tatjana!

Coys blanke Alkoholaugen verrieten weder über den Schacht noch über diese Höhle das geringste Erstaunen. Er war ein primitiver Mensch, der jederzeit mit allerlei Überraschungen rechnete. Das brachte sein Leben als Küstenfischer und Jäger mit sich. Nachdem er nun Allan, an dem er offenbar mit größter, aber versteckter Zärtlichkeit hing, wieder der Obhut Näslers überlassen hatte, richtete er den Lichtstrahl der Laterne auf die kleine Tür, die ich wieder in das einfache Schnappschloß gedrückt hatte. Der in diesen Höhlenwinkel eingemauerte Türrahmen bestand aus alten eichenen Schiffsplanken, die Tür selbst aus dunklem zerkratzten Mahagoniholz – fraglos von einem Dampfer oder dergleichen.

Dann stellte Coy die Laterne auf einen Felsvorsprung, sog die Luft hörbar durch die Nase ein und meinte: „Höhle bis Küste gehen … Das kennen. Viele Höhlen hier … Seeluft riechen.“

Nun, das erschien mir denn doch ein wenig zu viel für eine menschliche Nase …

„Hm – was riechst du denn?“ fragte ich merklich ironisch.

Coy zeigte sein überlegendstes Gesicht. „Ich riechen faulende Seetangmassen draußen vor Höhleneingang … Stinken sehr … Ich riechen auch faulenden Kadaver von Walfisch, Mistre Abelsen. [115] Coy gute Nase. Bestimmt so sein. Ich das kennen …“

„Amen!!“ meinte Joachim. „Schrei’ nicht so, mein lieber Coy, denn erstens ist Allan zum Glück fest eingeschlafen, und dann duftet dein Odem ebenso unangenehm wie die anderen Herrlichkeiten, von denen du soeben gesprochen hast. – Ob der Herr Matti Roco, der „große Windung“, schon vorübergezogen ist?“

„Noch warten etwas … Erst reden über Schacht und kleine Tür … Wie denken Mistre Abelsen davon?“

„Denken, mein alter Coy?! Der Schacht ist neu. Ich habe hier soeben ein Stück Mörtel zerbröckelt: Lehm, Vogeldünger und feiner Muschelkies! Ich schätze, die Familie Turido hat diesen Schacht angelegt.“

„Stimmt!“ meinte Joachim. „Jenau dasselbe schätze ich … Als Notausgang vielleicht … Wozu sonst?! Die Dielen oben in der Stube hatten keine Falltür, waren aber im Nu zu zerstören, wie Abelsen bewiesen hat. Notausgang – bleiben wir dabei, bis wir etwas Passenderes ausgeknobelt haben.“ – Der schnoddrige Ton kam ihm nicht von Herzen. Man merkte es. In seinen Augen war das Dämmern trüber Gedanken. Ob sie Frau Ellinor galten, die sich Ellinor Mangrove nannte und doch Ellinor Näsler oder Ellinor ??? heißen mußte …?!

Coy beschaute seine blutrünstigen Hände und riß ein loses Stück Haut ab. Wir alle sahen aus, als ob wir mit Stahlbesen gebürstet waren. Allan war am besten weggekommen.

„Turidos haben Haus und Jacht und Boote,“ [116] sagte Coy nachdenklich. „Was brauchen Höhle und Notausgang, he?! Ich das nicht verstehen.“

„Ich auch nicht, mein lieber Säufer Coy,“ nickte Joachim achselzuckend. „Kommt Zeit, kommt Rat … – Aber nun dürfte der Anden-Tornado wohl ausjetobt haben. Ich jedenfalls steije eine Etage höher, um mal zu sehen, was aus unserer Villa jeworden is.“

Auch diesmal gelang ihm der Ton eines Mannes, der sein Sach’ auf nichts gestellt, gründlich vorbei. Immer mehr befestigte sich in mir die Überzeugung, daß Näsler tatsächlich für die Frau, die er zu hassen und zu verachten vorgab, die ernstesten Befürchtungen hegte.

Allan wurde leise und sanft auf Coys Lederjacke gelegt. Der Araukaner gab sie freiwillig her. „Mir sehr heiß,“ meinte er gutmütig grinsend. Diese Hitze nach den drei Bechern Wurmmittel war weiter kein Wunder. – Wir drei Männer kletterten nach oben. Joachim verlangte den Vortritt, stieg auf Coys Schultern und zog dann diesen und mich in die Stube empor. – Stube? Haus? – Ach nein, von beiden war so gut wie nichts mehr übrig. Die Stube vier Mauerreste, angefüllt mit Baumkronen – ein wüstes Chaos von Ästen, Zweigen, Steinen, Brettern, Balkenstücken. Coys Laterne beleuchtete dieses Feld der Verwüstung. Ich traute meinen Augen nicht: drei dicke Buchenstämme waren in unseren Salon hineingeweht worden! Und aus diesem undurchdringlichen Gewirr von Baumteilen erscholl klägliches Blöken, während über uns, wo auch nicht mehr die Spur von Dach vorhanden, so recht friedlich und freundlich Vater Mond und seine Flimmerschäfchen glänzten. Der [117] Wirbelsturm war endgültig vorbei, das Firmament klar, die Luft kühl und rein.

Coy zog wortlos sein langes Messer und bahnte sich durch kraftvolle Hiebe einen Weg zu den armen Tieren, die wir zerquetscht, halbtot vorzufinden fürchteten. Ein Irrtum. Sie lebten. Und kaum hatten wir ihnen eine Gasse freigemacht, als sie auch schon, ehe wir’s noch hindern konnten, Reißaus nahmen – hinaus ins Freie …

Von dem Walde, der die ehemaligen Farmgebäude umgeben hatte, war fast nichts mehr übrig, und draußen in der Steppe konnten wir die Bahn, die der Riesenkegel genommen, genau verfolgen. Dieser Weg war schätzungsweise dreitausend Meter breit, war eine Tenne ohne jeden losen Stein, ohne jeden Grashalm, ohne Strauch und Baum. Alles hatte die Gewalt des Anden-Wirbels wegrasiert. Bäume waren nicht umgeknickt, sondern mit dem größten Teil des Wurzelstocks herausgedreht. Wo die Wurzeln zu fest verankert, hatte der Drehsturm die Stämme richtig losgekurbelt, so daß die Stümpfe und die zerfaserten Enden deutlich zeigten, nach welcher Seite hin der Luftwirbel gewirkt hatte.

Joachim hatte sein Fernrohr mit sich und tat so, als ob er nach den ausgekniffenen Guanacos Ausschau hielte. Tat so …!! Ich wußte es besser, und ich fügte zu dem, was mir an ihm bisher widerspruchsvoll und rätselhaft gewesen, ein Neues hinzu: Sklave eines Weibes – noch immer Sklave trotz der häßlichen brutalen Szene hinter dem Rankenvorhang!

Coy hatte uns verlassen und war wieder in die Reste der Villa zurückgekehrt, um unsere Waffen und unser sonstiges Hab und Gut zusammenzusuchen. [118] Wir waren bereits darüber einig, daß wir durch die Höhle den Marsch zur Küste fortsetzen wollten.

Ich war mit Näsler allein.

„Gestatten Sie eine Frage …“ begann ich etwas zögernd. „Sind Sie Ihrer Gattin wegen in Sorge?“

Aber damit kam ich schlecht an bei ihm.

„Lieber Abelsen, wenn Sie nochmals den Ausdruck Gattin gebrauchen, kündige ich Ihnen allen Ernstes die Freundschaft! Sie scheinen immer noch nicht daran zu glauben, daß dieses Weib aus mir einen Lumpen gemacht hat! Es ist so! Leider! – Und nun wollen wir Coy helfen …“

„Einen Augenblick noch. – Und Tatjana Turido?!“

„Freundschaft auf meiner Seite, bei ihr Schwärmerei eines halben Kindes. – Weshalb fragen Sie, Abelsen?“

„Weil wir dem Ziele nahe sind und weil ich klar sehen möchte, ob Sie ohne jede Rücksicht Coy und mir helfen werden. Sie verstehen mich. Die Turidos sind Verbrecher. Sie haben Chubur und Chico vielleicht ermordet. Wenn ich mich nun auch keineswegs als Richter aufspielen will, so werde ich doch auf jeden Fall den Verbleib der beiden Araukaner, die mir mehr wert sind als hundert sogenannte Gentlemen im Frack, sowie das geheimnisvolle Tun und Treiben dieser Giftmischer klären.“

Joachim hatte sein Fernrohr unter den linken Arm geklemmt, putzte umständlich mit seinem fragwürdig sauberen Taschentuch sein Monokel und blinzelte mich mit zurückgebogenem Kopf unverschämt-hochmütig an. „Wofür halten Sie mich eigentlich – he?!“ Er näselte, schnarrte … [119] „Genieren Sie sich nich – raus mit der Sprache, Herr Abelsen!“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage,“ meinte ich gereizt, denn zuweilen konnte er selbst den Kaltschnäuzigsten in Harnisch bringen.

„Eine andere Antwort?! – Mann, wir treiben uns nun zwölf Tage miteinander in dieser jottverlassenen Jejend umher, haben einen janzen Hut voll miteinander erlebt, – und da denken Sie, daß ich eines halbwüchsigen, wenn auch lieben Mädels wegen Überläufer werden könnte! Mann, ich bin ja genauso sehr wie Sie darauf versessen, den Turidos in den zujedeckten Topp zu kieken!! Zum Kuckuck, – jerade ich, ich, der Letzte vom „Starost“! Vergessen Sie das nicht!“

Er klemmte das Monokel ein. Meine Hand, die ich ihm warm entgegengestreckt hatte, übersah er. Er war verletzt, drehte sich um und schritt der Hausruine zu, in der immer wieder der Lichtkegel von Coys Laterne aufblitzte.

„Joachim!!“

Da blieb er doch stehen …

„Entschuldigen Sie, Joachim …“

Er stand vor mir … In seinen braunen, mageren Zügen arbeitete es seltsam.

„Olaf, der da oben, der Mond, – der war so manche Nacht im Internierten-Lager von Rock-Springs mein einziger Trost, mein Beichtvater … Vielleicht beichte ich auch Ihnen einmal … – Jetzt …“ – und er lächelte bitter, „jetzt wollen wir dieser Gefühlseselei schleunigst ein Ende machen. Das paßt nicht hinein in diese harte Umgebung … Wir stehen hier auf einem Wege, der bei Gott kein alltäglicher! Der Wirbelsturm hat ihn glatt gefegt … Und ich fege hinweg, was noch … [120] weich in mir, – auch das da …!!“ Und er machte eine unbestimmte Handbewegung in die Ferne, über die Steppe. Diese Geste galt Frau Ellinor. –

Dann halfen wir Coy. Es war nötig. Denn Coy hatte unsere Abwesenheit zu einer überreichlichen neuen Wurmkur benutzt. Ein Skandal war’s, wie betrunken er war! Und dabei frech, fidel, sicher auf den Beinen, nur die Hände wollten nicht recht mit.

Joachim fauchte ihn denn auch ganz gehörig an. Coy grinste …

„Auch saufen, Mistre … Dann nicht merken, daß Coy besoffen …“

Wir lachten – mußten lachen …

So packten wir die Rucksäcke, verteilten die Lasten, schafften alles nach unten, wo unser Kind noch immer den glückseligen Schlaf der Jugend schlief.

Die Arbeit hatte den braven Coy doch wieder ein wenig ernüchtert. Und abermals zeigte er sich nun als der umsichtige, an alles denkende Sohn der Wildnis. Er schleppte Holzscheite zusammen, Grasbündel, schuftete für drei, nur um uns wieder zu versöhnen.

Draußen graute der Morgen, als wir der Oberwelt für drei Stunden Lebewohl sagten. Allan wurde geweckt. Der Marsch begann. Coy zwanzig Schritt voraus, wir mit qualmenden Buchenfackeln hinterdrein. Ein Weg durch Schlünde der Erde, ein unbequemer, aber klar gekennzeichneter Weg: überall an Stellen, wo Nebenhöhlen abzweigten, waren Kalkstriche, Kalkpfeile an die Granitwände gemalt. – Dieses weitverzweigte System von Grotten bot im übrigen kaum etwas Neues – uns [121] allen nicht. Ich kannte Höhlen in allen Teilen der Welt, hatte auf Madagaskar die berüchtigten Gasgrotten von Kaukier besucht. Joachim kannte die Karsthöhlen, Allan die Newada-Grotten und Coy – nun, Coy war hier ja zu Hause!

Drei Stunden Marsch ohne jeden Zwischenfall. Einmal kurze Rast, Frühstück. Und am Ende dieser drei Stunden immer stärker der Gestank faulender Tangmassen und übler Verwesungsdunst. Wie richtig doch Coys Nase diese Düfte vorausgesagt hatte!

Dann Tagesschimmer … Eine breite zackige Öffnung … Im Sonnenschein flimmerndes Wasser … Vögel, Möwen, stolze Albatrosse … Und Robben … Robben an den Gestaden der Bucht – in Scharen …

Bild des Friedens …

Desto ekler der Gestank der faulenden, braunen Pflanzenberge und des toten Wales, auf dem Hunderte von Möwen saßen und fraßen. –

Wir hielten uns zunächst vorsichtig im Dunkel des Höhlenganges, der lediglich durch die Tanghügel vom Wasser getrennt war.

„Ausgeschlossen, daß dies die Bucht der Turidos ist!“ meinte Achim ärgerlich. „Mein lieber Coy, dein Freund Chubur hat dir miserabel Bescheid gesagt … Würden hier wohl die Robben so ruhig sich sonnen und ihre Liebesspiele treiben, wenn hier Menschen dauernd hausen?!“

Coy hob den Arm.

Vor uns, sechshundert Meter entfernt, lagen die Vorgebirge, die den breiten Buchtausgang umsäumten. Klippenreihen nach dem offenen Meere hin, das in nimmermüder gewaltiger Brandung [122] Klippen und Felsen umschäumte und mit weißen sprühenden Kränzen schmückte.

In der Klippenreihe eine Lücke, gut achtzig Meter … Und durch diese Öffnung rollten die Wogen ungehindert in die Bucht hinein, bis ihnen kahle niedere Inselchen Halt geboten. Dort aber, wo die anrollenden Wasserberge des Pazifik das Klippentor passierten, dort, wo die grüne wogende Flut nie zur Ruhe kam, wo die leuchtenden Kämme tiefen Tälern wichen – Tälern, die in der nächsten Sekunde zu gleißenden Bergen anschwollen, – dort an der Grenze des Ozeans sahen wir drei, der Richtung Coys Arm folgend, rasch ein Weib in flatternden hellen Kleidern aufrecht versinken …

Aufrecht … stehend … versinken …

Nichts mehr …

Leer die Stelle …

Nur die wogenden Wasser noch …

„Tatjana!“ rief Joachim gepreßt. „Bei Gott – – Tatjana Turido!“

Wir anderen achteten kaum darauf. Mit angehaltenem Atem stierten wir auf die Stelle in der Mitte des Klippentores …

Nichts mehr …

Coy sagte kühl: „Stand auf kleinem Kahn, sackte weg, der Kahn … Werden Leiche finden, Mistre Näsler. Sein dies bestimmt richtige Bucht … Coy das kennen. Wenn Chubur sagen, Bucht rund und sehr hohe Ufer und Vorgebirge am Ausgang steil und spitz mit Zacken oben, und wenn dort draußen all dies sein, dann stimmen … Ist Bucht, bestimmt …

„Ich glaube es jetzt selbst, mein lieber Coy,“ erklärte Näsler traurig. „Arme Tatjana! Sie hat uns ja den Beweis gebracht, daß die Turidos hier [123] in der Nähe, und für uns bedeutet dies Vorsicht und nochmals Vorsicht.“

Ich für meine Person hielt es schon für überaus leichtsinnig, daß wir hier so nahe dem Höhlenausgang uns aufgepflanzt hatten. Es brauchte nur einer der Bande Turidos hierher kommen, und unsere Anwesenheit war verraten und die Folgen davon gar nicht abzusehen.

„Kehrt!“ befahl ich …

Wir lagerten dann fünfzig Meter zurück hinter der Biegung, so daß wir den Eingang stets bequem im Auge behalten und doch jeden Eindringling unbemerkt abfangen konnten. Coy, der wieder total nüchtern, spielte Koch. Der kleine Spirituskocher aus Gerald Mangroves reichhaltiger Zeltausrüstung verhalf uns zu Tee und einer Brühe aus Guanacofleisch. Achim behauptete, die Bouillon schmecke nach Ziegenbock. Aber das war übertrieben. Schön schmeckte sie nicht. Die Ursache des Beigeschmacks fand sich erst auf dem Grunde des Tiegels: ein … Zigarrenstummel!! – Nie werde ich Allans Gesicht vergessen, als er, dem die Bouillon wundervoll gemundet hatte, beim Füllen des dritten Bechers das gänzlich verquollene kleine schwarze Nudelchen herausfischte! Und – wie hat unser Junge gelacht!! Besonders über Onkel Joachims Grimassen und Coys geistreiche Bemerkung: „Also da sein mir Stummel hineingefallen – da!!“

Armer Coy!! Achim schnauzte ihn an – und wie!! Schwein war noch das harmloseste Wort, das Coy an den Kopf bekam. Und da Näsler es verteufelt ehrlich mit seiner Empörung meinte, erklärte Coy nachher demütig und wehmütig, daß er freiwillig die erste Wache übernehmen wolle.

[124] So streckten wir drei uns denn im Halbdunkel auf den Decken und Fellen aus. Müde genug waren wir. Ich schlief ein, ohne bis zehn zählen zu brauchen. Jede Sorge um unsere Sicherheit war überflüssig. Coy als Wächter war unbedingt zuverlässig, zumal ich die Spritflaschen unter meinem Kopfpolster hatte. Eins nur störte hier: der Gestank der angeschwemmten faulenden Seepflanzen und der noch ärgere des toten, halb aufgefressenen Walfisches, dazu der Lärm der draußen in Walspeck schwelgenden Möwen, denen sich jetzt noch ganze Rabenschwärme zugesellt hatten. Und wie randalierte die geflügelte Bande!! Der in den Höhleneingang hineinstoßende Wind trug uns den Lärm und den Duft aufs kräftigste zu. Die erste Müdigkeit freilich war zu groß, als daß diese äußeren Eindrücke mich hätten wecken können. Dann aber berührte jemand leise meine Nasenspitze, und eine Hand legte sich leicht auf meinen Mund, eine Stimme raunte mir ins Ohr:

„Leise!!“

Ich war sofort munter …

Coy kniete neben mir …

„Mistre, mitkommen … Coy Robben fertig. Müssen kommen … – – Da – – hören!!“

Ich hörte …

Und mir gerann das Blut zu Eis …

Ein Schrei mischte sich in das Lärmen der Vögel … Ein Schrei, wie ihn nur ein Mensch ausstößt, der nahe am Verscheiden ist, der unglaubliches erleidet …

Ich hatte einmal einen vom Auto überfahrenen schönen großen Schäferhund in der Kungsgatan in Stockholm heulen hören – immer kläglicher, immer leiser … Und die letzten Töne, die er ausstieß, [125] hatten wie eine Anklage gegen alle die geklungen, die gefühllos um ihn herumstanden – Neugierige. Es war ja nur ein Tier … Und sein Herr, ein dicker Kerl mit dem widerlichen Gehabe eines Neureichen (von der Sorte gibt’s auch in Schweden nach dem Kriege übergenug!) meinte wütend: „So ein dämliches Vieh!! Dreimal prämiiert war es, tausend Kronen hat es gekostet – – rennt in das Auto rein!“ Und da hatte ich, damals noch ein Narr, der sich in alles einmischte, was ihn im Grunde nichts anging, dieses Vieh von Mensch am Kragen genommen und durchgeschüttelt … Und hatte nachher nur Scherereien deshalb gehabt: Körperverletzung, Beleidigung …! – Trotzdem: Jenes Sterbegewinsel des prächtigen Hundes mit den treuen, hilflosen, qualvollen Augen hat mich gelehrt, die Tiere noch mehr zu lieben, als ich es schon von jeher getan … – Menschen?! Du lieber Gott! Wenn zum Beispiel Chubur und Chico nur „Menschen“ gewesen wären, ich hätte ihretwegen wahrhaftig nicht auf mich genommen, was mir noch bevorstand. Aber die beiden waren Männer … Und wenn’s nur armselige verhungerte Köter, ausgesetzt von ihren Besitzern, der Steuerersparnis halber, gewesen wären: ich hätte den Weg gewagt, der ein Weg in die Hölle war …

Wieder der klägliche, ersterbende Schrei von draußen …

„Schnell!“ mahnte Coy … „Ich allein nicht retten können … Ich waren schon als Robbe bei Walfisch … – Kommen – sein Chubur … Kommen … leise!“

Ich schlich hinter ihm drein …

Chubur?! Hatte ich richtig verstanden?

[126] „… Nicht fragen, Mistre … Da liegen Robbenfell … Ausziehen …!“

Coy war splitternackt. Um die Schultern hing ihm an zwei Riemen ebenfalls ein Robbenfell, dem er sehr geschickt eine Art Kopf aus Robbenhaut angesetzt, ebenso anstelle der Seitenflossen zwei beutelähnliche Gebilde, in die man die Ellbogen stecken konnte. – Die Eskimos von Labrador nennen diese Jagdanzüge, in denen sie sich wie Robben kriechend fortbewegen, nur die Ellbogen und die Knie benutzend, sehr poetisch Wan-Maschi-Skula: Fell des Jägerglücks!

Coy war kein Eskimo, aber seine Wan-Maschi-Skula waren entschieden besser als die auf Labrador.

Ich warf die Kleider ab. Er half mir in die Tierverkleidung, schnürte die Riemen zu, schob mir mein Messer in die rechte und meine Pistole in die linke Flossentasche.

Bis zum Ausgang gingen wir halb aufrecht … Dann spielte ich Robbe …

Und das immer leisere klägliche Schreien des armen Chubur trieb zur Eile.




[127]
11. Kapitel.
Der tote Wal.

Sollte diese meine kunstlose Niederschrift meiner Abenteuer, sollten diese schriftstellerischen Versuche eines Nichtschriftstellers, die keinerlei Anspruch auf „inneren Gehalt“ erheben, jemals Leser finden – sollte also die Geschichte des Loches im Ozean, auf den Titel bin ich äußerst stolz, obwohl Coy dazu den Schädel geschlackert hat, jemals von anderen als Coy, Chico, Chubur und noch ein paar Araukanern gelesen oder beim Vorlesen „verdaut“ werden, so werden diese anderen, falls sie nicht gerade eine der Walfangstationen im äußersten Norden Skandinaviens kennen, kaum eine ungefähre Vorstellung aus meinem Geschreibsel darüber gewinnen, was Coy und ich an diesem Vormittag auszuhalten hatten.

Ich erwähne die Walfangstationen absichtlich. Man riecht sie schon, wenn der Wind dem nahenden Schiffe entgegenweht, von weitem, auf Meilen. Von den erlegten Walen, man benutzt heute nur noch das Harpunengeschütz mit Sprengladung, wird ja nur die dicke Speckschicht abgeschält, um zu Tran ausgeschmolzen zu werden. Die Überreste, also eigentlich der ganze „magere“ Riesenfisch, wird dem Spiel der Wellen überlassen, treibt oft in der Nähe der Station an Land, verwest, stinkt … von diesem Gestank und dem ekelhaften Anblick eines solchen Kadavers von sieben bis [128] fünfzehn Meter Länge, den die Seevögel dauernd in Arbeit haben, könnte nur der sich ein zutreffendes Bild machen, der es mit eigenen Augen gesehen und mit eigener Nase gerochen hat. Jedenfalls ist jener Vormittag in meinen Erinnerungen der scheußlichste Punkt. Nur ein Punkt, nur ein Intermezzo. Und doch möchte ich’s nicht missen. Es gehört eben mit zu dem großen Kapitel „Mann sein“, das heißt, sich durch nichts unterkriegen lassen, selbst wenn sich der Magen umkrempelt und man nachher stundenlang Schnaps säuft, nur um die empörten inneren Organe zu beruhigen. –

Robbe spielen …

Ich machte es genau wie Coy, der vor mir herkroch. Also nur die Ellenbogen als Stütze und Fortbewegungsmittel und die Knie nur ganz wenig als Nachhilfe. – Die Fellkapuze, die den Robbenkopf darstellte, hatte natürlich Augenlöcher. So konnte ich dann, nachdem wir den faulenden Tangberg erreicht hatten, auch die Teile der Bucht überblicken, die mir bisher von der Höhle aus nicht sichtbar gewesen. Von einem Gebäude nirgends eine Spur, ebensowenig von einer Jacht oder auch nur einem Boote. Die Buchtufer zeigten mir nur tierische Bewohner. Doch halt, dort rechts nach Norden zu lag auf einer breiten Terrasse, die einigen Baumwuchs und ein paar Sträucher aufwies, ein Haufen Steine und verkohlte Balken. Ja – die Reste eines Hauses! Es stimmte. Das war aber auch alles. Im übrigen hatte ich auch gar keine Zeit, mich um andere Dinge zu kümmern, denn die wimmernden Rufe Chuburs, von dem ich bisher nichts sah, waren eine Ablenkung, die mich vollkommen in Atem hielten.

Der Tangberg war weich wie Butter und [129] ebenso glitschig. Meine Ellenbogen sanken tief ein. Ich kam nur langsam vorwärts. Besonders bergan – eine ungeheure Quälerei. Und dann noch der pestilenzialische Gestank!!

Nachdem die Höhe des stinkenden Hügels überwunden war, sah ich den Kopf des Wales vor mir. Das tote, verwesende Meeressäugetier lag mit dem Schwanze im Wasser. Der Leib auf dem Tanghaufen, etwas zur Seite geneigt, so daß der Bauch zum Teil zu sehen war. Es war ein Walfisch von etwa vierzehn Meter Länge, daß er harpuniert worden, dann krepiert und hier angetrieben, bewies das Riesenloch auf dem Rücken, aus dem bereits gebleichte Knochenteile herausragten.

Und sonst?! Der Kadaver war wie eine Gallertmasse. Die Haut bereits verwest … Gelbgrüner Speck trat überall hervor. Aus dem Bauche hingen Eingeweide, Lunge und Leber hervor, nur noch Fetzen, denn gerade auf diese Leckerbissen hatten die Möwen[14] und die großen Feuerlandraben es abgesehen.

Gestank?! – Nein, es gibt keinen Ausdruck, diese Düfte zu kennzeichnen, die dem Kadaver entströmten und die ich einatmen mußte.

Und dann, während mir das Wasser schon im Munde zusammenlief und der Magen zu revoltieren begann, – dann das Entsetzliche, Unfaßbare, unnennbar Grauenhafte: Aus dem Bauchgallert, wo die Rippen schon freilagen, ragten zwei menschliche Köpfe hervor, triefend von Tran, halb bedeckt mit Hautfetzen, Stücken von Eingeweiden … Schwarze Haare, braune Gesichter … graubraun: Chubur und Chico, festgebunden an den Rippen, hineingestoßen in die Bauchhöhle, daß eben nur die Köpfe hervorschauten.

[130] Chico regte sich nicht mehr. Sein Kopf hing tief im verwesenden grüngelben Speck. Chubur bewegte den Kopf zuweilen, stöhnte, schrie … wimmerte …

Ich fühlte, wie ich erbleichte, wie meine Glieder eisig vor Entsetzen wurden. So gräßlich war dieser Anblick, daß mir einen Moment die Sinne zu schwinden drohten. Alles drehte sich um mich her im Kreise … Aber ich biß die Zähne knirschend aufeinander, biß mir absichtlich in die Zunge, damit der Schmerz die Nerven meisterte.

Acht Meter vor mir dieses Bild. Coy rutschte schon den Tangberg neben dem Kadaver hinab. Die gefräßigen Vogelscharen kümmerten sich nicht um uns. Genau so wenig Scheu zeigten sie vor den beiden Köpfen, ein Beweis, daß Chubur und Chico schon längere Zeit in dieser unbeschreiblichen Lage sich befanden.

Ungezählte Kulturmenschen gibt’s, die das Tier in lächerlicher Anmaßung oder aus „sittlichen“ Gründen hinter den Homo Sapiens, hinter das weiseste Geschöpf Gottes (angeblich!) rangieren. Nun, kein Tier wäre fähig, seinesgleichen derart zu foltern, wie es hier Mensch mit Mensch getan! Kein Tier tötet aus reiner Mordgier, aus angeborener Grausamkeit. Hunger ist die Triebfeder. Niemals dürfte man sagen, ein Tier mordet. Es tötet oft im Übermaß, säuft[15] nur das Blut der Opfer, frißt nur Innenteile wie zum Beispiel Leopard und Panther, wenn sie reichlich Beute finden. Quälen, foltern, peinigen, – nein, – nur ein Geschöpf tut’s außer dem Ebenbild Gottes, dem Menschen: die Hauskatze! Nur die! Sie ist grausam. Ist sie’s geworden durch den Umgang mit [131] dem Menschen? Ich möchte dieser Frage nicht nähertreten.

Und hier hatten menschliche Bestien zwei Wehrlose hinabgestaucht in verfaulte Eingeweide, hatten nur die Köpfe freigelassen, – auch aus teuflischer Berechnung: damit die Vögel die Mordarbeit aufs fürchterlichste vollenden.

Und – sie waren an der Arbeit gewesen, die weißen und grünschwarzen geflügelten Scharen. Chubur linkes Auge fehlte, – nein, hing heraus … Chuburs Ohren waren blutige fettige Fetzen … von Chico ganz zu schweigen, dessen Schädel wie skalpiert aussah: Schnabelhiebe!!

Coy war jetzt unterhalb des Kopfes Chuburs. Ich rutschte neben ihn. Da wir damit rechnen mußten, beobachtet zu werden, konnten wir uns nicht ohne weiteres aufrichten, Chubur losschneiden und ihn in die Höhle bringen.

Coy rief mir durch die Mundspalte der Kapuze hastig zu:

„Messer …! Bauch zerschneiden … Ich da hinein …

Ich zog den rechten Arm aus dem Flossenbeutel, schob ihn durch die verschnürte Naht. Nun merkten die Vögel doch, daß wir keine echten Robben. Sie flatterten hoch, lärmten noch toller. Und das konnte uns verraten. Steckten die Turidos nebst Anhang irgendwo in den Uferwänden, so genügten zwei Kugeln, und wir waren erledigt. Trotzdem – hier gab’s kein Zögern … Ich nahm das Messer, schnitt, säbelte, kratzte …

Der faulende Speck floß mir den Arm lang, über den Körper … Speckstücke gerieten mir in die Kapuzenlöcher. Ich wurde seekrank … Mein Frühstück ging über Bord … Wenn wir nur [132] Sprit mitgenommen hätten!! Zwei Becher Kognak und alles wäre leichter zu ertragen gewesen!

Europäer, der du vielleicht mal diese Zeilen überfliegst, – ahnst du, daß wir Männer waren, als wir in den Walfischbauch ein Loch säbelten und mitten in Gestank und Verwesung für einen Mitmenschen uns mühten – dazu noch fürchten mußten, jäh einen Schuß durch den eigenen Kadaver zu erhalten!! Kannst du dir die Szene ausmalen, fetter Spießer, wie wir, über uns die kreisenden Schwärme, vor uns faulende Eingeweide, vor uns einen winselnden, stöhnenden Menschenkopf, wie die Verrückten drauf los schnitten!! Nein, du kannst dir das nie richtig vorstellen! Du wirst vielleicht mit deiner gepflegten Hand diese Seite umblättern und denken: „Ekelhaft!“ Oho – ekelhaft!! Und die Drahtverhaue an der Westfront mit Starkstrom geladen, mit Leichen gespickt: So las ich’s in den Kriegsberichten! Oho – – nicht auch ekelhaft?! Und doch Menschenwerk! – Genug davon …

Coy zwängte sich in das Loch hinein, mein prächtiger Freund Coy, der hundert Frackgentlemen aufwiegt – ach was, tausend, zehntausend!!

Coy verschwand in Dreck und Gallert und Fett …

Und ich wartete, spuckte …

Mir war zumute wie damals, als ich zum ersten Male schwer seekrank geworden … Eisiger Schweiß auf dem Leibe … Kein Atemzug reiner Luft … Nur Gestank …

Dann wackelte Chuburs Kopf hin und her, wurde zurückgezogen. In dem Loche erschienen Füße. Ich packte zu, zerrte Chubur ans Tageslicht … Er war nackt. Und wo die Stricke gesessen [133] hatten, da waren blutige Furchen an Armen, Beinen, Brust und Nacken …

Menschen hatten das getan – – Menschen!!

Coy kam zum Vorschein. Wir nahmen den winselnden Chubur in die Mitte, bedeckten ihn mit Seetang, zogen ihn den Berg hinan …

Zuweilen schrie er gellend auf.

Aber – so retteten wir ihn, trugen ihn zum Lager, weckten Achim und Allan, ließen uns nicht Zeit zu langen Erklärungen. Achim sollte den Ärmsten säubern, verbinden … einen Sterbenden.

„Kognak!“ sagte Coy …

Und ich entkorkte eine Flasche …

Coy dachte nicht an seine Würmer, nur an Chubur.

Der trank, schluckte, hustete … Und das an den Sehnen heraushängende Auge pendelte grauenvoll hin und her.

Dann tranken wir.

Soffen … soffen …

Coy nahm eine Zigarre, biß ein Stück ab – als Prim. Ein guter Gedanke. Ich machte es ihm nach. Dann spielten wir wieder Robben. Vielleicht lebte der skalpierte Chico noch … vielleicht.

Wir krochen dorthin, wo das Grauen war. Und das Säbeln, Schneiden, Reißen begann von neuem.

Aber jetzt hatten wir Sprit im Blute, jetzt wurde ich nicht seekrank …

Es ging fix mit Chico …

Auch ihn schleiften wir unter einer Seetanghülle in die Grotte hinein. Einen Toten?!

Der Puls war nicht mehr zu fühlen …

Allan, lieber kleiner Kerl, – wie tapfer warst [134] du damals …! Wie hat er geholfen, hat mit Coy als Robbe Seewasser geholt, hat den Gang achtmal gemacht, während Achim und ich Ärzte spielten.

Nun, Mister Gerald Mangrove hatte auch eine Reiseapotheke mit sich geführt. Vorsichtiger Herr. Mörder. Lag nun drüben gen Osten unter Geröll ganz nach Verdienst, und seine Medikamente brachten Chico ins Leben zurück, seine Sublimatpillen säuberten vereiterte Wunden, sein Chinin schluckte Chubur.

Drei Stunden hatten wir mit den halbtoten Kameraden zu tun. Dann hatten wir getan, was wir tun konnten. Ob wir die schwach flackernden Lebensflämmchen würden erhalten können, – wir zweifelten daran.

Coy saß und kochte Guanacobrühe – diesmal ohne Zigarrenstummel, für unsere Patienten. Achim fütterte Chubur mit zerkautem Zwieback. Chico war noch immer bewußtlos …

Und wir drei Männer?

Wir redeten wenig …

Aber auch ohne Worte wußten wir, daß von diesen Turido-Bestien nur die Frauen am Leben bleiben würden.

Coys düstere Miene sagte genug, und Achim hatte nur gemeint: „Wartet, Satansbrut!!“

Wieder holten Coy und Allan Wasser – zum Waschen. Meldeten, daß in der Bucht alles wie bisher: keine Menschenseele!

Coy und ich, fettriefend, stinkend, standen nackt da, und Achim und Allan seiften uns ab. Es war feinste französische Seife des Mister Mangrove, von Roger und Gallett in Paris. Monsieur Gallett ahnt wohl kaum, daß sein parfümiertes Fabrikat [135] faulenden Gallert von muskelstrotzenden Gliedern entfernte.

Mit Seetang schrubberten sie uns ab, und wie!! Ich war nachher krebsrot und duftete wie die Pompadour, wie französisches Dirnengewächs von Klasse.

Coys Suppe war fertig.

Chubur schluckte. Mit seinem einen Auge dankte er uns. Reden konnte er nicht. Und nach dem Becher Brühe bekam er Sprit. Dann schlief er, schnarchte bald … Pferdenatur!!

Mit Chico stand’s schlimmer. Der machte uns die größten Sorgen. Sein erdfarbenes Gesicht, die eingefallenen Backen, die spitze Nase und der herabhängende Kiefer: mehr Leiche als lebend!

Er mußte schlucken. Und als auch er dann den Becher Brühe im Leibe hatte, da tat er mit einem Male einen tiefen Atemzug …

Coy lachte gutmütig …

„Wird durchkommen … Das kennen … Chico nur Sehnen und Knochen … Nicht so leicht krepieren.“

Wieder behielt er recht.

Sie krepierten nicht, die beiden. Abends verlangte Chubur schon fast von selbst einen Zwieback, und Chico schlief wie ein Murmeltier.

Abend war es geworden. Der Tag war dahingeflogen wie ein Nichts. Ein sonniger Tag, ein milder Abend hier am Rande des Stillen Ozeans.

Und draußen in der Bucht?!

Allan hatte als Robbe Wache gehalten auf dem Tangberg, hatte keine Menschenseele zu Gesicht bekommen.

Wir vier waren nun überzeugt, daß die Turidos auf und davon waren und daß nur Tatjana hier [136] zurückgeblieben und den Tod gefunden. Trotzdem wollten wir vorläufig noch in der Höhle bleiben und abwarten, vorsichtig sein …

Wir hatten das Nachtmahl hinter uns. Achim verband Chuburs leere Augenhöhle von neuem, und ich nahm das Fernrohr und kroch in einem neu gefertigten Robbenanzug als Robbe nach dem Tanghügel.

Wundervoller Sonnenuntergang. Rot die Randhöhen, rotviolett der Himmel. Die Brandung da vorn ein köstliches Farbenspiel.

Ich war allein, und ich dünkte mich Gott. Ich hatte ein Tagewerk hinter mir, das Männerarbeit gewesen. Ich fühlte mich stark, gesund, durchglüht von dem Wunsche, die Spur dieser Bestien wiederzufinden. Dort vor mir lag der Wal, Denkmal menschlicher Bestialität! Wartet, Halunken!!

Auch der Schwanz des Wales lag nun frei. Es war Ebbezeit. Der Wasserstand der Bucht um zwei Meter gesunken. Ich sah’s an den Flutmarken.

Aus Seetang hatte ich mir eine Deckung geschaffen, konnte nun das Fernrohr benutzen, beäugte die Buchtgestade ganz genau. Wenn wir auch vorhin so ziemlich einig darüber gewesen waren, daß die Turidos die Bucht verlassen hätten, so behauptete eine hartnäckige Stimme, die aus meinem Unterbewußtsein kam, doch das Gegenteil. Und wie ich so dalag, gehüllt in das Robbenfell, die Kapuze über dem Kopf und nur den rechten Arm frei, wie ich jede Kluft, jede Spalte, jeden Vorsprung, jeden Baum und Busch der Steilwände musterte, was ja eine ebenso ergebnislose wie langweilige Beschäftigung war, glitt mein Denken [137] so unversehens rückwärts in die junge, lebensvolle, bunte Vergangenheit.

Als ich die Freunde vom Kutter „Torstensen“ verlassen hatte, als ich mich Coy, Chico und Chubur anschloß, war es meine Absicht gewesen, nach Kapitän Holger Jörnsens Goldlager zu suchen, lediglich aus Fachinteresse. Ich wußte, daß man auf Feuerland verschiedentlich Gold entdeckt und daß ein Strom von Goldgräbern sich um das Jahr 1895 in die Einöden der großen Insel ergossen hatte. Sie alle waren bitter enttäuscht worden, und heute spricht niemand mehr von diesen Flüssen und Bächen, die wohl alle Gold mit sich führen, aber in so geringen Mengen, daß die Ausbeutung mit wenigen Ausnahmen nicht lohnte. Jörnsens Goldfunde dagegen hier auf Santa Ines mußten anderer Art gewesen sein. Er hatte einmal angedeutet, daß er im Urgestein eine richtige Goldader entdeckt habe, die frei zutage träte und die er trotzdem nicht abgebaut habe. Er verachtete das Gold wie ich. Nach dieser Goldader zu suchen, wie ich es beabsichtigt, wäre ein zeitraubendes Vergnügen geworden. Nun – der Kulturmensch, der mitten in der sogenannten Zivilisation lebt, kann sich wohl leicht etwas vornehmen und es auch durchführen. Ihn lenkt so leicht nichts ab. Er findet keine unerwarteten Hindernisse, ihm begegnet kein Joachim Näsler mit Monokel und Schiffskochmütze, der ihm von einem Dampfer „Starost“ und von einer Höllenmaschine und zehn Rohrstücken berichtet. Jörnsens Gold war für mich erledigt. Nur der Alltagsweg verläuft schnurgerade. Wege abseits vom Alltag sind Labyrinthe des Zufalls.

So lag ich denn nun hier, ließ Goldader Goldader [138] sein und suchte die, deren Bestialität bestraft werden mußte.

Mein Fernrohr schwenkte herum, dorthin, wo das Loch in den Klippen war, wo die See in die Bucht rollte und wo jetzt bei niedrigem Wasser zahllose heimtückische Riffe noch zum Vorschein gekommen waren. Ich wußte ungefähr, wo Tatjanas lecker, für uns unsichtbar gebliebener Kahn versunken war. Ich sah dort jetzt vier Riffe, die ein Viereck bildeten, stumpfe dicke schwarze Felsen, emporragend aus der Tiefe, bei Flut verschwunden – also nach ein paar Stunden wieder bedeckt von den schäumenden Wogen …

Vier Riffe … Vier von unzähligen anderen.

Kleinigkeiten sind’s, die den Anstoß zu lawinenartigem Anwachsen bisher nie geahnten Geschehens geben. Beispiel: Mein eigenes Leben! Wenn ich damals vor mehr denn einem Jahre nicht spät abends noch das Bedürfnis empfunden hätte, meinen von statistischen Berechnungen überhitzen Kopf in frischer Luft abzukühlen, wäre ich nie hinter den gemeinen Treubruch jenes Weibes gekommen, deren Liebhaber ich mit der Faust allzu kräftig niederschlug. Ein abendlicher Spaziergang also hat mich aus der geordneten Bahn geworfen, brachte mich ins Zuchthaus, aber – brachte mir auch die wahre Freiheit! – Eine Kleinigkeit. Zufall könnte man’s nennen … Zufällig hatte ich gerade zur rechten Zeit das Fernrohr den Außenklippen zugewandt, hatte die vier Riffe beäugt …

Zufall, daß ich jetzt über den dunklen, noch nassen Steingebilden, an denen die Wogen gierig hochleckten, den Kopf eines Mannes mit einer dunklen Mütze bemerkte … Das Gesicht war [139] zwischen Zacken der Riffe verborgen. Nur die Augen erkannte ich, nur Sekunden benutzte ich noch das Fernrohr, drückte es rasch in die Algen und Tangmassen hinein und verbarg auch meine bloße Hand, denn das Gesicht des Mannes hatte genau die Richtung nach mir hin.

Mein Erstaunen über das Auftauchen dieses Kopfes war trotz allem nicht allzu groß. Ich hatte in Wahrheit, das fühlte ich nun, nie an den Abzug des Gegners gedacht oder geglaubt, hatte nur den Freunden aus Bequemlichkeit recht gegeben, weil alle Mutmaßungen ja doch mäßiges Gerede gewesen wären.

Sie waren noch da, die Turidos. Und dort draußen, in den zum Teil haushohen Klippen steckten sie irgendwo. Dort konnten sie auch sehr gut ihre Jacht verborgen haben. Sie brauchten nur die Masten und den Schornstein umzulegen, dann ließ sich dort fraglos ein mittelgroßes Fahrzeug verbergen.

Sie waren da!!

Und alles, was dieser Tag mir beschert, wurde nun gekrönt durch diese Feststellung. Wir brauchten diese entmenschten Bestien nicht zu suchen. Wir würden sie sehr bald in größerer Zahl auftauchen sehen, denn ohne Zweifel mußte der Mann drüben, der jetzt mehr den Kopf hob und ein Fernglas benutzte (das sah ich auch mit bloßem Auge), das Verschwinden der beiden Köpfe am Walkadaver wahrnehmen.

Ich lag regungslos, beobachtete.

Daß der Mann mich für eine faulenzende Robbe halten würde, war gewiß. In dieser Beziehung hegte ich nicht die geringsten Befürchtungen.

Was würde er tun? Wie war er nach dem [140] Riffviereck gelangt, wie würde er es verlassen?

Er schaute vorläufig noch immer nach dem toten Wal hinüber.

Dann erhob er sich zu seiner vollen Größe, blickte wieder durch das Glas.

Er trug einen brauen Seemannsanzug mit goldenen Knöpfen an der Jacke, dazu weißen Kragen und offenbar kleine schwarze Schleife. Er war schlank, mittelgroß und bartlos. Einzelheiten seines Gesichts blieben mir verborgen. Die Entfernung war zu groß.

Er stand mit vorgestrecktem rechten Fuß, den Oberkörper vorgebeugt.

Die fehlenden Köpfe Chicos und Chuburs schienen ihn zu beunruhigen.

Er drehte sich mit einem Male um und bückte sich etwas in das Riffviereck hinab …

In diesem Felsenkasten, der mit Wasser gefüllt sein mußte, hatte, wie sich nun zeigte, noch ein zweiter Mann auf einem trockenen Vorsprung gehockt. Dieser zweite tauchte auf, stellte sich neben den andern und nahm ihm das Glas ab, beäugte den Wal, und … beide bückten sich darauf hastig zusammen und verschwanden wieder hinter der Riffwand. Ein paar Minuten später erschien hinter dem Riffviereck hervor ein kleines, scheinbar leeres Boot und glitt wie von einem unsichtbaren Motor getrieben der nächsten großen Klippe zu, wo es mit kurzer Wendung hinter den grauschwarzen, turmähnlichen Felskoloß schwenkte und von meinem Platze aus nicht mehr beobachtet werden konnte. – Ich wartete noch … Zum Glück … Wieder ein paar Minuten, und dasselbe Boot schoß jetzt mit vier Leuten besetzt in rascher Fahrt in die Bucht hinein …

[141] Vier Männer, bewaffnet …

Das Boot ein Motorboot …

Und ich, die faulenzende Robbe, kroch träge in die Höhle zurück, jede Bewegung schlau berechnend, damit nicht etwa meine Maske durchschaut würde.




[142]
12. Kapitel.
Coy Cala als Richter.

Alarm in unserem Lager …

Rasch werden die beiden Kranken in eine Nebenhöhle getragen, wo Allan auf sie achtgeben sollte. Wir drei, wahrhaftig kein Possenspiel, sondern blutigster Ernst, postierten uns in den Robbenfellen als harmlose dumme Viecher zwischen den Steinblöcken am Ausgang.

Coy lag am weitesten vorn und flüsterte uns seine Beobachtungen zu.

Das Boot hatte am Strande unterhalb der Brandruine des Hauses angelegt. Von dort konnte man, wie sich jetzt herausstellte, auf einem vorspringenden Felsgrat, der wie eine Galerie aus den Steilwänden sich vorbauschte, bis dicht an den Grotteneingang gelangen.

Einer der Leute, die übrigens sämtlich gleich gekleidet waren, blieb im Boote zurück, hatte sich eine Büchse über die Knie gelegt und musterte dauernd mit einem Glase die Randhöhen der Bucht: die Kerle waren also mißtrauisch, und auch die drei anderen näherten sich dem stinkenden Kadaver nur mit äußerster Vorsicht.

Jetzt standen sie auf dem Tanghaufen – keine zehn Schritt vor uns. Da die Möwen und Raben nun bei nahender Nacht verschwunden waren, konnte ich deutlich einige Worte hören, die die drei sichtlich erregt austauschten – hören, aber [143] nicht verstehen. Es war eine Sprache, die ich wohl kannte, aber nicht beherrschte: Russisch!!

Die Leute kehrten uns halb den Rücken zu …

Und dies benutzte Coy zu einem urplötzlichen Angriff, ohne uns vorher von dieser seiner Absicht zu verständigen.

Coy hatte sich vorwärtsgeschoben, vorher aber den Unterteil der Fellmaske aufgeknotet und auch die Arme freigemacht. In der Rechten hielt er eine unserer Mauserpistolen – aber als Schlagwaffe …

Bevor wir noch eingreifen konnten, schnellte er empor und schlug auch schon zu …

Noch nie habe ich bei einem Menschen so blitzartige Bewegungen gesehen … Blitzartig auch seine Hiebe und Stöße …

Die drei lagen reglos im glitschigen Tang, ehe Achim und ich noch recht zur Besinnung kamen … Da hatte der Gegner schon die Besinnung verloren …

Coy war mit drei Sprüngen wieder im Schutze des Grotteneingangs …

Der Mann im Boot hatte gefeuert, aber nicht getroffen …

Coy griff nach seinem Karabiner, kroch wieder vorwärts. Das Motorboot knatterte bereits davon. Am Steuer saß der vierte …

Coy schoß, fehlte …

Ich schoß, fehlte …

Aber Achim war jetzt der Kaltschnäuzigste von uns … Seine Kugel traf. Der Mann warf die Arme hoch und glitt nach vorn ins Boot. Dieses, jetzt sich selbst überlassen, beschrieb einen weiten Halbkreis und rannte gegen den Schwanz des toten [144] Wales, prallte zurück, bohrte sich in den Seetangberg ein und lag mit rasendem Motor still.

Was ich hier soeben in vielen Zeilen geschildert habe, spielte sich im Verlauf von kaum vier Minuten ab.

Achim lief nun zum Boote hinab … Brüllte dabei: „Leon Turido – – er ist’s!!“

Coy und ich banden die drei anderen, schleppten sie in die Höhle. Achim trug den jungen Turido herein, dessen Gesicht in tropfendem Blute schwamm. Die Kugel hatte ihm das halbe linke Ohr weggerissen und die Stirn stark gestreift.

Vier von der Bande hatten wir also. Und, was am wichtigsten, Leon Turido war darunter.

„Du könntest die Wache am Eingang übernehmen, mein lieber Coy,“ wandte sich Näsler an den Araukaner, der mit düsteren Blicken die noch bewußtlosen Gefangenen musterte.

Coy schüttelte den Kopf. „Ich haben anderes vor,“ erwiderte er kurz. „Chico und Chubur werden reden … Sind frisch … Dann ich Gericht halten … Sind meine Gefangenen …“

Coy, der Schwätzer, war zum feierlich-würdigen Staatsanwalt geworden. Seine Rechte ruhte leicht, ohne jede Theatralik, auf dem Griff seines im Muschelgürtel steckenden langen Messers.

Achim und ich tauschten einen Blick. Wir sahen harte Auseinandersetzungen mit Coy voraus.

„Hm – vier Gefangene, mein Sohn?!“ erklärte Näsler wohl absichtlich stark ironisch. „Davon weiß ich nichts. Drei hast du niedergeschlagen, drei. Leon Turido gehört mir, schätze ich. Aber darüber reden wir später … Gut, mag Allan die Wache übernehmen. Auf ihn ist Verlaß. Er hat so manches gelernt in diesen Tagen, unser Junge …“

[145] Und wenn er auch „unser Junge“ sagte, so galt die warme Zärtlichkeit, mit der er dies Wort aussprach, doch seinem Jungen, seinem Sohne, für den er noch immer „Onkel Joachim“ und die Hauptperson war.

Allan bezog seinen Posten, erhielt genaue Anweisungen und als Waffe eine Mauserpistole. Achim und Coy zogen das Motorboot vollends aufs Trockene und ketteten es an einer Felsnase fest. Ich verband Leons Stirnwunde. Die Gefangenen wurden dann in die Nebenhöhle gebracht, wo die Karbidlaterne die Krankenlager der beiden Araukaner beschien. Sie saßen halb aufrecht, Graspolster im Rücken. Als sie die vier erkannten, lief ein unbeschreiblicher Ausdruck über ihre verfallenen Gesichter hin. Ich gab für das Leben der drei, die Coy gehörten, keinen lumpigen Pfennig. Und wie es mit Leon Turido werden würde, ob es uns gelingen würde, Coy von einer vorschnellen Justiz abzuhalten, erschien mir recht fraglich. Coys unheimliches Schweigen, – man konnte es geradezu als feierliche Mordgier bezeichnen, würde sich durch unsere Einmischung kaum besänftigen lassen. Wenn ich ehrlich sein soll: Die noch so frische Erinnerung an die gräßlichen Szenen am Walkadaver würden mir kaum die nötige Energie geben, ernsthaft einzugreifen.

Coy setzte sich neben Chubur, der ebenso wie Chico vorhin von Allan abermals gefüttert worden war. Die Gefangenen lagen nebeneinander am Fußende der Graslager der Kranken.

„Chubur,“ begann Coy, „du nun erzählen, was auf Mörderjacht erleben … Nicht viel Worte. Weshalb Schufte euch in Walbauch stecken?“

[146] Chubur eines Auge starrte Leon Turido wie hypnotisiert an.

„Fuhren mit uns hier nach Bucht, verbrannten Haus, wollten wissen von uns, ob Mister Abelsen kennen Goldader …“

Achim und ich, die wir nebeneinander an einem Felsblock lehnten, hielten den Atem an …

Goldader! Also das!!

Chubur sprach weiter … „Ich merkten, Coy, daß Turidos fürchteten, Mister Abelsen hierher kommen … Ich schweigen und hoffen, auch Chico so … Der da“ – er zeigte auf Leon – „uns Pulver schütten auf nackte Brust und abbrennen … Wir schweigen immer, lächeln verächtlich … Der da nehmen Lunten, wickeln uns um Leib und anstecken … Lunten brennen, fressen Haut weg … Wir schweigen immer, lachen … Dann vor drei Tagen uns bringen von Jacht zu toten Wal … Binden uns fest in stinkenden Bauch … Möwen[16] kommen. Möwen und Hunger und Durst und Gestank. Er fragen jeden Morgen, ob wollen reden. Das sein alles, Coy, sein genug. Mir geben Messer, Coy … Müssen sterben …“

Ich fühlte kalte Schweißperlen auf der Stirn …

Coy dann: „Nachher sterben … Nicht Messer, Chubur. Messer zu wenig. – Wo sein Jacht, wo stecken andere Turidos?“

„Nichts wissen. Meist Augen verbunden, Coy. Ich denken, Jacht draußen in den Klippen. Nur denken …“

Da mischte sich Achim ein.

„Bekamst du mal die Frauen zu Gesicht, Chubur?“

„Nein … Waren nur immer der da bei uns und der da …“ Er zeigte auf den ältesten [147] der drei anderen Gefangenen. „Sind die schlimmsten, Mistre Näsler, die beiden … Waren vielleicht im ganzen zwölf Männer, keine Spanier, Lüge das, auch Turidos nicht Spanier …“

„Russen sind’s,“ meinte Achim sehr bestimmt. „Die Gesichtsbildung sagt genug. Als ich auf dem „Starost“ war, ließ ich mich täuschen. Die Namen Tatjana und Olga hätten mich schon stutzig machen müssen.“

„Sein gleich, ob Russen, ob anderes,“ sprach Coy und beobachtete seine drei Opfer, von denen zwei bereits die Augen offen hatten. „Mistre Näsler,“ fügte er ebenso kalt hinzu, „Coy sein gerecht … Ihnen der da, uns die drei, denn Coy sie fangen. Sie machen mit Leon Turido, was wollen, Mistre Näsler. Ich mit drei, was gerecht sein. Da – sind wach die drei …“

Die Leute hatten etwas die Köpfe gehoben. Die trüben Blicke wurden lebendiger, irrten umher, und langsam trat ein Ausdruck wilder Angst in diese ruhelosen, schuldvollen Augen.

„Mich hören!“ sagte Coy sehr laut zu ihnen. „Ihr sein Weiße, Europäer … Ihr auch ausdenken für meine Freunde, braune Araukaner, viele Qualen … Kein Araukaner so etwas tun, niemals … Sein friedliche Fischer und Jäger wir. Ihr Weiße sein Ungeheuer …“

Ich schämte mich … Tatsächlich, ich schämte mich damals, weil auch ich ein Weißer war.

„Araukaner friedlich … Chico und Chubur auch nichts tun …“ Seine Stimme wurde so schrill, daß meine Nerven vibrierten. „Ihr drei werden fühlen, wie sein in Walfischbauch … Gleich fühlen … Schon dunkel draußen … Du [148] zuerst!“ Und ein Haßblick traf den Ältesten mit den verwitterten Zügen.

Dieser war’s, der sich nun mit einem Ruck aufrecht setzte. Ich schätzte sein Alter auf fünfzig. Er trug das ergraute Haar ganz kurz geschnitten, und die slawische Stirnbildung und Backenpartie traten bei ihm außerordentlich stark hervor.

Coy beachtete er nicht weiter. Aus seinen Augen war die Angst geschwunden. Der Blick, der Achim und mich suchte, war unendlich geringschätzig und hohnvoll.

„Geben Sie uns sofort frei!“ – Ein Befehl einer herrischen Stimme … „Sofort! Wenn Ihnen an Ihrem Leben etwas liegt! Und dann – verschwinden Sie von hier auf Nimmerwiedersehen! Sie scheinen uns zu unterschätzen. Das Blättchen wird sich wenden!“

Näsler, unentwegt mit dem Monokel im Auge, erwiderte mit einer übertriebenen Verbeugung:

„Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, Sir … Lege freilich auch keinen Wert auf Ihren Namen. Weiß nur, daß Sie mit mir und meinem Abelsen nichts zu schaffen haben. Ihre Drohungen sind Gerede. Wenden Sie sich an Coy. Wir greifen nicht ein. Sie haben sich nicht als Tier, sondern als Mensch benommen. Tiere hätten die beiden Araukaner kaum so gefoltert wie Sie es taten.“

Der Mann wurde durch Achims verächtlichen Ton doch beunruhigt.

„Sir,“ rief er abermals in flüssigem, nur hart akzentiertem Englisch, „Sie werden als Europäer uns nicht …“

Achim hatte eine wegwerfende Handbewegung gemacht.

„Sie – – Europäer – – leider!! – Was [149] Ihnen geschehen wird, ist gerecht. Einen Mörder köpft man, einen Verbrecher wie Sie läßt man am eigenen Leibe erfahren, was ein Walfischbauch bedeutet.“

Coy hatte sich erhoben. „Still sein …!“ meinte er mit derselben unheimlichen Entschlossenheit wie bisher. Auch seine abgeklärte Würde behielt er bei. Es ist überhaupt so äußerst kennzeichnend für die Naturvölker, auch für die mit Halbzivilisation, daß sie bei bestimmten Anlässen ihre spielerische Leichtlebigkeit vollkommen ablegen und die streng-abgezirkelte Würde altrömischer Senatoren oder moderner Volksvertreter annehmen, die zum ersten Male mit der gewichtigen Aktentasche im Arm den Saal betreten, in dem der große Parteischacher um die Geschicke eines Volkes stattfindet. Man sollte als Europäer dieses Gebahren der Naturkinder bei Religionsfesten, bei Beratungen und so weiter nicht von oben herab belächeln. Diese primitiven farbigen Menschen haben nie das Bewußtsein oder die Absicht, eine bestimmte Rolle zu spielen und unterscheiden sich auch dadurch wohltuend von den Kulturgentlemen. So war auch Coy jetzt als Richter und Rächer lediglich vollständig von dem seelisch ausgefüllt, was ihn selbstverständliche Pflicht dünkte. Auch ohne unser Beisein hätte er sich genau so benommen.

Wortlos trat er jetzt auf den Mann zu, den ihm Chubur als die nächstgrößte Bestie neben Leon Turido bezeichnet hatte.

Wortlos hob er ihn wie eine Feder empor, legte den Gefesselten wie ein Bündel über den Nacken und wollte so mit ihm davonschreiten. Da begann der Mensch zu brüllen. Ein erbärmliches Angstgeheul hallte in der Grotte in mehrfachem [150] Echo wider[17]. Coy warf ihn brutal auf den Felsboden zurück, stellte aus einem blutigen Lappen, einem bereits benutzten Verband für Chuburs leere Augenhöhle, einen Knebel her und zwang den Mann mit dem Messer, den Mund zu öffnen.

Nicht anders erging es nachher den beiden, die nun gleichfalls den „Walbauch kennen lernten“, wie Coy gesagt hatte. Genau wie Chico und Chubur steckten die drei dann sorgfältig an die Rippen des Kadavers festgebunden bis zum Kinn in dem gelbgrünen stinkenden Gallert. Schreien konnten sie nicht. Und Achim und ich rührten keine Hand, ihr Geschick irgendwie zu beeinflussen. Wir waren Coy gefolgt, standen mit Allan am Grotteneingang hinter Steinen und beobachteten Coy bei seiner Henkersarbeit. Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß ich damals oder heute nach Monaten das geringste Mitleid mit den dreien empfunden hätte. Coy als Richter war gerecht.

Der Mond, die Sterne blinkten am blaßblauen klaren Sternenhimmel. Aus der Bauchseite des faulenden Kadavers ragten drei schweigende Köpfe hervor. Vom Feinde war nichts zu spüren. Allan hatte mit dem Fernrohr dauernd die Riffe draußen im Auge behalten und nichts Verdächtiges bemerkt. Ein Überfall auf uns war nur vom Buchteingang her oder, wenn die Gegner den Weg über die Steppe bis zu den Farmruinen nicht scheuten, durch die Höhlen möglich. Letzteren Weg wollten wir nachher sofort verrammeln. Es gab da eine ganz enge Stelle, die sich unschwer durch Steine, Felsbrocken und eine einfache Alarmvorrichtung in Gestalt eines Lederriemens, der einen gespannten Karabiner zum Abfeuern brachte, völlig zuverlässig verschließen ließ, eine Arbeit, die dann auch von [151] Achim und Coy in Angriff genommen wurde, während ich bei Allan und den Verwundeten blieb. –

Mitternacht war’s geworden, als dann auch Leon Turido erwachte. Wir hatten soeben zur Nacht gegessen, und Coy war als Posten draußen. Der Blutverlust dieses Elenden mußte doch recht stark gewesen sein. Seine Augen waren tief eingefallen, und der halbirre Blick, den er unter dem weißen Stirnverband hervor auf Joachim Näsler warf, verriet die tiefe Erschöpfung einer langen Ohnmacht. Achim rückte ihm das Graspolster zurecht, so daß der Kopf höher zu liegen kam, reichte ihm dann auch einen Becher Brühe und nachher einen kleinen Schluck Kognak.

In Leons Augen blieb der Ausdruck schuldbewußter Angst. Der Mensch hatte im ganzen recht sympathische[18] Züge, nur die Kinn- und Mundpartie verrieten dem Kenner eine zügellose unbeherrschte Seele, in der alle Triebe bis zum äußersten sich austobten, ohne jeden mildernden Einfluß moralischen Verantwortungsgefühls.

Ich beobachtete ihn still von meinem Platze aus. Eine wohlige Müdigkeit löste meine Glieder nach diesem Tage unerhörter Sensationen, und mein Hirn arbeitete mit jener klaren Bedächtigkeit, die gleichfalls eine Folge höchster körperlicher Entspannung nach schwersten Anstrengungen ist. Ich war in dieser Stunde wie selten bisher empfänglich für die intimen Reize dieser nächtlichen Szene, und wieder ging mir flüchtig der Gedanke durch den Kopf, daß des Schicksals mächtige Hand – oder die Hand einer Gottheit, die droben über den Sternen weise waltete, vielleicht doch mit mir, dem entsprungenen Zuchthäusler, kein willkürliches Spiel triebe, sondern mich für irgend etwas bestimmt [152] haben könnte – für eine besondere Mission, deren Kern noch im dunklen Schoße zukünftigen Erlebens verborgen lag. Wozu wohl sonst die Fülle von lebensstarken, brutal-wirklichen Geschehnissen, in deren Mitte ich seit Monaten stand? Wozu wohl, – wo doch andere Menschen ihren Daseinspfad stets mit sauberen Händen und sauberen Sohlen dahinwandern und nichts ahnen von dem, was die Wege abseits vom Alltag an seltsamen, grausigen Vorfällen bieten! Andere Menschen?! Nein, die meisten gehen ja die glatte Asphaltstraße des Lebens … Und bleiben allzeit dumpf vegetierende Geschöpfe mit dickem Blut, hohlen Köpfen und aufgeblasenem Froschtum, bis – – der Tod sie wie stinkende Wanzen zertritt.

Intime Reize …

Allan, der brave kleine Kerl, war eingenickt, lehnte an einem schrägen Felsstück, mit auf die Brust gesunkenem Kinderhaupt und den tief gebräunten Wangen. Oh – die Sonne im Magelhaens scheint selten, aber wenn sie scheint, färbt sie in Stunden zarteste Haut mit der edlen Patina der Natur. Sonne braucht nicht zu brennen, um zu bräunen. Das hatte ich in Labrador bei den Eskimos erlebt, wo bei sechs Grad Kälte mir Brandblasen die Backen zierten. Hochtouristen können ebenfalls ein Lied davon singen.

Und die granitne Umgebung hier – hart wie wir selbst … Spottend in ihrer Grauschwärze dem Lichtkegel des Karbids. Tiefe Schatten überall, merkwürdig geformte Felsen, kleine Spalten, aus denen vielleicht im nächsten Augenblick der graugrüne, schnauzbärtige Hundekopf einer Fischotter hervorlugte, denn diese Fischräuber gab’s hier im Anfang der Höhle in Menge.

[153] Näsler saß auf einem Stein, die Zigarre zwischen den Fingern seiner tadellos gepflegten schmalen Aristokratenhand. Wenn er den Kopf bewegte, leuchtete sein blankes Monokel jedesmal wie das Riesenauge eines Zyklopen auf.

Vor ihm auf einer Steinplatte der Spirituskocher, der dampfende Teetopf. Um diesen Stein herum griffbereit unsere Waffen, jetzt ein ganzes Arsenal, denn auch die Karabiner und Pistolen der vier Gefangenen waren hinzugekommen.

Und jenseits der bleiche Mensch, den Achim für die Triebfeder alles Schlechten hielt.

Achim blickte in die leckenden hellen Flammenzungen des Spiritus. Dann fragte er Leon, indem er ihn durchdringend ansah: „Was tun Sie hier?“

Ich merkte genau, daß Turido über diese Frage erstaunt war. Aber er war ein guter Komödiant …

„Das sollten Sie doch wissen, Näsler …!“ erwiderte er leise und matt.

„Vielleicht … vielleicht wissen wir es … Denn Chubur, der dort neben Chico im Schatten den Schlaf der Genesung schläft, hat bereits erzählt, weshalb Sie Scheusal diese Scheußlichkeiten an den beiden verübten. Es gehört nicht eben viel sogenannter Geist dazu, um aus Chuburs Angaben herauszufühlen, daß Sie und Ihre elende Sippe hier tatsächlich Gold ernten – fraglos in größtem Maßstabe. Nicht wahr, Abelsen?“

Ich nickte nur.

„Ja, Gold ernten … Und des elenden Edelmetalls wegen flog der „Starost“ in die Luft … Des Goldes wegen verlor Chubur ein Auge und wandelte Chico am Rande des Todes dahin. Sie leben, die beiden … – Wie fanden Sie die [154] Goldader hier? Aber bitte die Wahrheit, Turido. Vergessen Sie nicht, daß es hier auf Tausende von Kilometern keine Richter gibt, daß ich Richter sein werden wie Coy Cola, der prächtige Araukaner, es war. Ihre drei Freunde stecken bereits im Bauche des Kadavers bis zum Kinn, und wenn es hell wird, werden die Vogelschwärme kommen … Sie verstehen, Turido. Sie sind ja jeden Morgen bei Ihren Opfern gewesen, um die Schnabelhiebe zu zählen. Vergessen Sie das nicht. Lügen Sie nicht. Wie fanden Sie die Goldader oder wie erfuhren Sie von deren Existenz, was sollten die zehn Riesenröhren – und so weiter. Lassen Sie sich nicht jedes Wort herauskorkenziehern, Turido. Also bitte …“

Leon Turido verzog höhnisch die Mundwinkel.

„Also draußen im Kadaver stecken die drei, Näsler … Sehr gut … Sie haben’s verdient, ohne Frage … Nur …“

Ein schrilles Auflachen …

Draußen das ferne Geknatter von Schüssen, von zwei förmlichen Salven …

Wir fuhren empor, hatten schon die Waffen in der Hand …

Da – noch eine Salve …

Und abermals lachte Leon mit schrillem Hohn.

„Ja, Näsler, – das war sehr dumm von Ihnen … Mir war’s eine Beruhigung, daß die drei den Walgestank riechen mußten. Ich rechnete mit diesen Salven meiner Leute … Die drei werden nichts mehr verraten können, und ich bestimmt nicht … Tote reden nicht … Es war unglaublich dumm von Ihnen …“

Achim stürzte davon …

Als er nach fünf Minuten wiederkehrte, trat [155] er wortlos an Leons Lager und begann die Bandage der Stirnwunde abzuwickeln – bis dorthin, wo das geronnene Blut die Binde fest verklebt hatte.

„Wollen Sie reden, Leon Turido?“

„Nein!“

Da riß Joachim den Rest des Verbandes von Turidos Stirn, und die Arterie begann wieder Fontäne zu spielen. Ein dünner Blutstrahl spritzte schräg empor und troff in blanken Streifen am schwarzen Granit herab.

„Es stimmt – die drei sind tot,“ sagte Achim. „Aber ebenso bestimmt werde ich Sie verbluten lassen … Lange wird’s nicht dauern, bis Ihre Adern leer sind …“

Turido lag fahlen Antlitzes da …

Dennoch lächelte er hohnvoll …

Weiß Gott, ein Feigling war’s nicht …




[156]
13. Kapitel.
Das Loch im Ozean.

– Während ich soeben bei der Niederschrift dieses Abschnittes des „Loches im Ozean“ eine kurze Pause gemacht habe, weil Coy Cala in meine improvisierte Sommerlaube, mein Dichtergemach, eingetreten ist und mir das Fell eines frisch erlegten Pumas zeigt und geringschätzig meint, ich sei ein Narr, weil ich die Jagd versäumt habe, denke ich unwillkürlich an Ben Akibas wahres Wort: Alles schon dagewesen!

Coy läßt mich wieder allein, und ich schaue auf die freundliche Bucht hinaus, wo am Strande Coys braune Rangen splitternackt im Wasser pantschen. – Ja – alles schon dagewesen, alles! Erinnerungen kommen … Was tat doch mein lieber Kamerad Boche Boche auf dem „Torstensen“ mit einem Kerl ähnlichen Kalibers wie Leon? – Ich rieche plötzlich den Gestank verbrannten Menschenfleisches … – –

Und hier in der Grotte von Santa Ines spritzt der Blutfaden gegen das Gestein …

Unaufhörlich …

Turido hat die Augen geschlossen. Achim sitzt und raucht wieder …

Turido lächelt …

Etwas Unnennbares schleicht hier umher, etwas, das mehr als Grauen ist …

Jeder Herzschlag des Mannes dort treibt ihm [157] den Lebenssaft aus dem Körper. Der Mann wartet auf den Tod … Und wir darauf, daß er den Mund öffne …

Der Tod schleicht hier umher …

Chubur ist erwacht, kriecht näher heran, starrt auf den Verblutenden, kriecht wieder zurück auf sein Graslager, und seine Augen lodern …

Ich fülle mir den Aluminiumbecher halb mit Tee, halb mit Kognak … Die Flasche in meiner Hand zittert …

Wenn Turido stirbt, werden wir vielleicht nie die Wahrheit erfahren und die große Frage, ob es Holger Jörnsens Gold ist, das diese Russen stehlen, wird stets offen bleiben.

Ich trinke … trinke …

Näsler raucht …

Und die rote Fontäne spritzt gegen hartes Gestein, rote Krusten ziehen sich nach unten, versickern in einer Spalte.

Chubur sitzt aufrecht … starrt … wartet.

Chubur, der Einäugige …

Eine unerträgliche Spannung zerrt an meine Nerven …

Der Laternenschein macht Leons Gesicht zur leichenhaften grinsenden Fratze.

Ich halte es nicht mehr aus … Meine Nerven streiken …

Her mit dem Sprit … Her mit dem Mittel, das Menschen zu Vampyren macht und andere zu geistvollen Schwätzern … Mir soll’s nur die Nerven schmieren, daß sie wieder weich und gehorsam werden.

Achim stiert in den feinen Nebel des Teetopfes … Seine Finger zerblätterten die Zigarre. [158] Seine rechte Fußspitze ist in dauernder Bewegung.

Wir warten …

Das entsetzlichste Warten, das wir je durchgemacht – ich gewiß! Ob Achim schon Ähnliches erlebte – – ich weiß es nicht. Was weiß ich überhaupt von ihm?! – Er heißt nicht Näsler … Joachim heißt er … Und Ostpreußen muß seine Heimat sein … Verheiratet ist er mit Ellinor, geborener Mangrove aus New Orleans, beider Kind Allan, der da schläft – – schläft und rote braune Wangen hat, der den Onkel Joachim liebt …

Das weiß ich von ihm …

Und noch eins: daß er sich selbst Lump nennt und doch ein ganzer Kerl ist!

Er regt sich kaum. Seine Finger spielen nur, die Fußspitze wippt …

Dann wendet er ganz langsam wie im Traum den Kopf zu seinem Kinde hin, schaut den Knaben an …

Lange …

Und holt tief, tief Atem, dreht sich mir zu, flüstert nur:

„Abelsen – ich kann’s nicht vollbringen, ich kann’s nicht, des Kindes wegen, denn es ist letzten Endes kaltherziger Mord … Ich kann’s nicht!“

Meine Hand sucht die seine …

Dann verbinden wir die spritzende Arterie, binden sie kunstgerecht ab, säubern die Wunde von neuem …

Turido lächelt dazu …

„Feiglinge!!“ Lacht schrill hinterdrein …

Chubur kriecht wieder heran …

„Ah – weil Europäer sein!!“ keucht er und tastet nach einer der Pistolen …

[159] „Nein, sondern weil ich etwas Besseres weiß, Chubur!“ sagt Joachim halb verlegen …

Verlegen, weil er die eigene Schwäche fühlt, weil er doch keine Natur, die bis zum äußersten geht … „Besseres, Chubur. Wir werden mit ihm hinausfahren zu den Klippen, mit ihm als Kugelfang … Er wäre gestorben, und wir würden nichts erreicht haben. Vielleicht erreichen wir so etwas. – Abelsen, wenn Sie mit Coy das Boot herrichten wollten …“

Ich finde Coy hinter einem Stein hocken, rauchen. Der Mond bescheint gerade die Seite des Walkadavers, an dem die Köpfe im stinkenden Fett hängen, Köpfe dreier, die nicht reden sollten. Coy hört zu, nickt.

„Gut sein Plan, gut sein … Aber Steinplatten mit in Motorboot nehmen gegen Kugeln … Und vor Seitenhöhle, wo Lager, vorher noch Steinwall … Könnten kommen, die Schurken. Sind nur drei als Verteidiger: ich, Chubur, Allan. Vorsicht immer gut …“

Ich nehme das Fernrohr …

Ringsum nichts Verdächtiges.

„Woher kamen Salven, Coy?“

„Von Riffen dort, Mistre Abelsen …“

Er deutet auf den Buchtausgang …

„Haben Mut jetzt, Mistre … Ich sahen Schüsse genau aufblitzen … Dort sehen noch Spitzen von Viereckriff … Von dort kommen Kugeln, bestimmt … Riff bald verschwunden. Ich immer beobachten. Aber nichts erkennen. Kein Boot von Riff wegrudern. Sehr seltsam das sein, Mistre Abelsen …“

Ich blicke durch das Rohr.

[160] Die Wogenkämme gehen bereits über die höchsten Stellen des Vierecks hinweg.

Und als wir dann das Motorboot zu Wasser bringen, stört uns keine Kugel, nichts. –

Achim trägt Leon Turido über den faulenden Tangberg in das Motorboot, in unser Panzerschifflein. Coy hat die Steinplatten sauber abgestützt, und Leon Turido sitzt vor dem gepanzerten Heck an die Bank gebunden.

Der Motor springt an. Ich am Steuer, Achim mit zwei Karabinern und meiner Sniders kniend. Das Boot flitzt vorwärts durch silbernen Mondenglanz des Wasserspiegels.

Wir kommen so endlich aus der vergifteten Luftzone des Wales heraus, und unsere Lungen saugen mit Gier den frischen Salzhauch des nahen Pazifik … Unsere Brust weitet sich … Müdigkeit, Abspannung?! Oh – nichts mehr davon! Ein unerhörtes Kraftgefühl flutet mir durch den Körper. Ich fühle mich Gott auf dieser Fahrt zu den Klippen. Ich fühle das durch keine Worte wiederzugebende Hochgefühl köstlichen freien Abenteuertums … Vielleicht prasselt im nächsten Moment irgendwoher eine Salve auf uns herab. Vielleicht liegen wir im nächsten Moment mit einem Luftloch im Schädel auf den Bodenplanken … dann sind wir gestorben wie sich’s für uns geziemt.

Aber, nichts prasselt … Wellen rauschen, Wind säuselt in zerrissenen Klüften. Es ist die große Einsamkeit weltvergessener Gestade. Nichts gemahnt uns und dem dahinschießenden Boot an das, was hier irgendwo schlummert: Das Geheimnis des Goldes!

Leise Zweifel kommen mir. Schon einmal bin ich dem lächerlichen Worte Gold gleichsam auf [161] den Leim gegangen. Der Kutter „Torstensen“ und was ich auf ihm erlebte, hätte mich warnen sollen, warnt mich auch. Damals hatten Boche Boche und ich den alten Käpten Holger Jörnsen auch im Verdacht gehabt, Goldsucher spielen zu wollen. Und hier?! Konnte uns Leon Turido, der da vor uns zusammengesunken dasaß, an ein Stück Ruder als Rückstütze gebunden, – konnte er uns nicht auch lediglich genarrt haben?! Gings den Turidos wirklich um Gold?!

Unser Boot glitt über die Stelle hin, wo jetzt das Riffviereck tief unter den anrollenden Wogen lag.

Wir hielten auf die Klippen zu, die wie Mauern halb eingestürzter Paläste aus dem silbernen Gefunkel der ruhelosen Wassermassen sich hochreckten … Steinpfeiler, Steinsäulen, düstere Wände …

Mit halber Kraft tummelte das Boot sich zwischen den gefährlichen engen Kanälen dieses Granitwalles umher.

Bis Leon Turido den Kopf wandte und mir zurief:

„Wenn Sie unsere Jacht suchen – weiter links! Aber Sie werden nur noch ein versunkenes Wrack finden.“

Er hatte nicht gelogen. Inmitten eines Beckens, das wie von einem Steinzaun umgeben war, ragten lediglich noch die Masten, der Schornstein und das Heck aus dem Wasser hervor. Jetzt bei Flut. Bei Ebbe mochte noch ein Teil des Decks freiliegen. Aber trotzdem: dieses Wrack konnte unmöglich einen Menschen beherbergen.

Dennoch kreuzten wir noch volle zwei Stunden zwischen Klippen und Riffen …

[162] Fahrt ohne Ziel, Fahrt in den Tod vielleicht, Fahrt ohne Zweck …

Wir kehrten um. Legten neben dem Wal wieder an. Coy kam und meldete, daß alles in Ordnung.

Drei Uhr morgens war’s. Ich übernahm die Wache.

Und der Wind, der bisher genau von West geweht, drehte nach Süden. Ich merkte es zuerst daran, daß der Verwesungsgestank nachließ, daß die Brandung draußen schwächer wurde und der Himmel sich mit feinen Dunstschleiern überzog. Das Wetter würde umschlagen. Vielleicht hatten wir nach einer Stunde schon Regen, Schnee, Kälte. Im Magelhaens ist alles möglich. –

Nächtliche einsame Wache … Vielleicht sind in all jenen Stunden, wenn ich für die Gefährten die Augen und Ohren, alle Sinne in steter Bereitschaft halte, wenn der Zauber der Einsamkeit und der Reiz der unberührten, in dunkle Schleier gehüllten Natur zu mir redeten in Versen, die nur mein Ohr empfand – köstlicher als die lieblichsten Gesänge begnadeter Dichter, – vielleicht ist damals, und es war ja ein häufiges, wechselndes Damals, in meinen nüchternen Ingenieurverstand das Samenkorn der Phantasie gefallen, das mich nun als blühendes Gewächs mit lockenden Zweigen in Bann hält. Für mich schreibe ich nur – nur für mich. Und ich könnte, wenn ich wollte, hier noch zahllose Einzelheiten einflechten, die in meiner Erinnerung greifbar deutlich erstehen, sobald ich mit geschlossenen Augen an die großen Umrisse des Selbsterlebten zurückdenke. Ich weiß zum Beispiel genau, daß damals nachts an der Turido-Bucht zwei Wildhunde geschickt wie die Gemsen die Steilhänge herabkamen und auf den Wal [163] zuliefen, angelockt durch den Hauch der Verwesung. Sie kniffen wieder aus – vor den drei menschlichen Köpfen, und im Nu waren sie wieder verschwunden.

Das Fernrohr lag neben mir, und ich benutzte es fleißig. Ich sah, wie die Gezeiten der Bucht wiederkehrten, wie die Flutmarken hervortraten, wie die Ebbe allmählich die Riffe hervorzauberte und der Schwanz des Wales wieder trocken wurde.

Abermals hatte ich das Fernrohr am Auge. Jetzt lag auch das Riffviereck draußen frei …

Sinnestäuschung?

Was war das soeben gewesen?

Ein Lichtschein …?

Da – wieder …

Die Augen tränten mir, so angestrengt schaute ich hin.

Lichtschein über dem Riffviereck, ganz schwach, als käme das Leuchten aus den Tiefen hervor.

Nichts mehr jetzt …

War’s wirklich nur Augenblendwerk gewesen?!

Ein Geräusch hinter mir …: Achim!!

„Sie schlafen nicht?!“

Er gähnte herzhaft.

„Kann nicht, Abelsen, kann nicht!“

Merkwürdig sein Ton …

Setzt sich neben mich, bläst in die glimmende Spitze seiner Zigarre.

„Abelsen …“

„Ja – ich höre …“

„Abelsen, ich … ich möchte Sie was fragen.“

„Bitte …“ – Merkwürdig ist er. So ganz anders als sonst.

„Ehrliche Antwort, Abelsen … – Meinen Sie, daß Allans Mutter mit ihren beiden Begleitern [164] bei dem Anden-Wirbel umgekommen ist?“

Also doch – – also doch!! Meine Vermutung ist richtig gewesen: Er sorgt sich um Ellinor!

Und ich antworte – ehrlich: „Wenn der Wirbelsturm die drei auf offener Steppe überrascht hat, dann …“

„… Danke …! – – Abelsen, vielleicht ist es zweckdienlich, Ihnen nun den Schleier zu lüften. Sehen Sie, ich war vorhin eingeschlafen, träumte, daß ich … ertrank … Erwachte … Und da dachte ich: Du kannst wirklich plötzlich sterben, dann wird der Mann, den du schätzen gelernt hast, das sind Sie, Olaf, – dann wird er sich ja fraglos meines Kindes annehmen. Aber mein Sohn soll einst die Wahrheit erfahren. – Hören Sie nur zu … Nicht viele Worte, ganz kurz. Mein wahrer Name ist Joachim Graf zu ……burg, zweiter Sohn des Fürsten zu ……burg auf …… in Ostpreußen.“ (Sollten diese Zeilen je gedruckt werden, so habe ich durch die Punkte, die die Namen nur andeuten, jede allzu krasse Indiskretion vermieden. Achims nähere Bekannte werden ja freilich sofort wissen, wer hier mit „zu ……burg“ gemeint ist. Das dürfte jedoch meinen Freunden in keiner Weise Abbruch tun, denn so, wie ich ihn hier mit seinen guten Seiten, seinen Schwächen und Eigentümlichkeiten geschildert habe, so ist er: ein Mann!! Und was seine „Lumperei“ betrifft, da war er ebenfalls in einem ganzen groben Irrtum befangen, was ich stets schon geahnt hatte.) – „Ich war Offizier, Abelsen, – natürlich, und natürlich Garde. Mein Geschlecht ist im Mannesstamm mit wenigen Ausnahmen nicht im friedlichen Bett gestorben. Die Gebeine meiner Vorfahren ruhen in der Erde, über die ganze Welt verstreut: [165] in Frankreich, China, Ostafrika, Polen, Rußland. Wir waren Landsknechte. Das lag uns im Blute. Nur mir behagte der Soldatenberuf nicht. War mir zu öde, Olaf … Vier Jahre Leutnant, dann wurde ich Weltreisender. Geld hatte ich genug, wenn auch nicht im Übermaß. 1912 lernte ich Ellinor Mangrove in Monte kennen. Liebe auf den ersten Blick. Ihre zehn Millionen Mitgift waren mir schnuppe. Wir heirateten, siedelten auf die Großfarm in Texas über. Ich wollte arbeiten. Die großzügigen Verhältnisse drüben gefielen mir. Unsere Ehe war ein betäubender Rausch, ewige Flitterwochen. Wir lebten für uns allein, unser Kind und wir selbst genügten uns. So kam der Sommer 1914 heran. Mit einem Male begann Ellinor nervös zu werden. Sie bestellte alle Zeitungen ab, sie vermied jede Reise. Wir lebten vollkommen als Einsiedler. Sie … schloß mich mit raffiniertester Schlauheit von der Außenwelt ab, bestach unsere Leute, und ich – ahnte nichts von dem, was in Europa sich vorbereitete. Sie wußte genau, daß der Krieg mich aus ihren Armen gerissen hätte. Sie brachte es fertig, mich ein volles Jahr gleichsam einzusperren. Und ich – und das ist meine Schuld, Abelsen, ich blieb blinder, verliebter Gatte und Vater, ich merkte nichts! Schon daraus können Sie ersehen, wie schlau sie es angefangen hat, mich für sich zu … retten, wie sie sich später entschuldigte. Dann kam eines Tages der Krach … Ich ritt zu einem Vorwerk, unterwegs begegnete mir in der Steppe ein Nachbar, was man so Nachbar nennt, wo die Farmen acht Quadratmeilen messen. Er, Amerikaner, bereits verhetzt durch die Lügenpropaganda, wollte ohne Gruß vorüber. Ich stellte ihn. So erfuhr ich die Wahrheit. Nun [166] wollte ich weg, in den Krieg, in die Heimat. Ellinor flehte, weinte. Ich war wie ein Rasender. Und ging nach New Orleans, wollte als Heizer hinüber. Doch Ellinors Geld vereitelte alles. Ellinor kämpfte gegen mich. All meine Versuche, den Atlantik zu überqueren, schlugen fehl. – Einzelheiten könnte ich Ihnen geben – – ein Buch würden sie füllen. Ich haßte mein Weib, mein Kind. Jedenfalls: Amerika trat auf die Seite der Entente, und ich wurde interniert. Als der Krieg vorüber, schrieb ich den Meinen, weshalb ich nicht meine Pflicht hatte tun können. Damals arbeitete ich in Neuyork als Stauer. Jede Verbindung mit den Mangroves hatte ich abgebrochen. – Mein erster Brief nach daheim blieb ohne Antwort. Mein zweiter wurde durch ein paar Zeilen beantwortet: Ich sei aus dem Stammbaum der Meinen gestrichen, denn wer als Deutscher den Lüsten eines Weibes erlegen in jener Zeit, wo jeder an die Front gehörte, sei unseres Namens nicht mehr wert. – So etwa lautete meines Vaters Schreiben. Von da an blieb ich Joachim Näsler, ein Lump vor mir selbst! – Alles weitere wissen Sie, Olaf. Und werden nun auch verstehen, weshalb ich mich damals nachts auf der Robinsoninsel für vier Tage in die Einsamkeit verkroch. Ich hatte meinen Sohn wiedergesehen, erkannt, und ich glaubte ihn zu hassen. – Das ist meine Tragödie. Sie werden jetzt sagen, daß ich an krankhaftem Ehrgefühl leide, daß die Meinen mir bitter unrecht getan haben. Nein, Olaf, sagen Sie das nicht. Der fortgesetzte Sinnenrausch in den Armen einer Frau, die ich vergötterte, die mich vergötterte, hatte mein Hirn stumpf gemacht. Ich hätte merken müssen, daß sie mich einkerkerte, daß [167] mir etwas Großes, Welterschütterndes verschwiegen werden sollte. Ich war ein entnervter Schwächling geworden – und deshalb Lump, – daran ist nichts zu ändern. Bitte – widersprechen Sie nicht. Und wenn Sie mich hier mit noch so tönenden Worten verteidigen wollten: ich bleibe das, was ich vor mir selbst bin! – Sollte ich sterben, bevor ich Allan der Mutter habe wieder übergeben können, falls … diese Frau noch lebt …“ – er kämpfte sichtlich mit tiefer Rührung –, „so werden Sie, Olaf, tun, worum ich Sie bitte. Allan soll die Wahrheit erfahren, Allan soll den Namen tragen, der ihm gebührt, er soll nicht …“

Schwieg …

Seine Blicke ruhten draußen auf den Klippenmauern, den Riffen, der jetzt schwachen Brandung. Unversehends war das Dämmern des neuen Tages über das Meer geglitten. Und im geheimnisvollen düsteren Zwielicht der frühen Stunde sahen wir beide auf dem Riffviereck drüben eine einsame Gestalt stehen – einen Mann mit weiß verbundener Stirn …

Achim riß das Fernrohr an die Augen.

„Leon – – entflohen …!!“

Wie ein Blitz war er dann in der Grotte verschwunden …

Kehrte zurück.

„Entflohen, Abelsen …! Entflohen! Die Höhle muß noch einen Ausgang haben. Die Fesseln hat er zerrieben … Die Freunde schlafen …“

„Ins Boot …!“

Und der Motor knallte, knatterte …

Wie die Toren benahmen wir uns damals. Leon Turido, der da, – Bildsäule – mit verschränkten Armen auf dem Riff stand, das die [168] Wogen nun wieder freigegeben hatten, raubte uns die ruhige Überlegung.

Er schaute uns entgegen … Ohne Lächeln. Sein fahles Gesicht leuchtete durch den Morgen …

Wir wie Besessene getrieben von dem einen Wunsche, ihn wieder zu fangen …

Duckten uns wohl hinter die noch vorhandene Panzerung …

Besessene, Narren …

Näher rauschte das Boot …

Näher …

Turido blieb … Sein Totenkopf war der Magnet …

Achim nahm den Karabiner. Ich stoppte den Motor, griff zum Bootshaken.

„Wenn Sie zu fliehen suchen,“ brüllte Achim, „gibt’s eine Kugel …“

Er schaute uns nur starr an.

Das Boot schrammte gegen das Riff …

Ich warf die Kette über den Fels in das Wasser des steinumgrenzten Vierecks, hatte mich erhoben …

Sah …

Und meine Augen kamen nicht los von dem, was ich sah … Aus dem kleinen Wasserbecken ragte ein rundes breites Rohr hervor, oben mit zwei aufgeklappten Halbdeckeln aus dickem Eisen, mit Gummipolstern an den Rändern. Die Kette des Bootes war in dieses Rohr geglitten – in das Loch im Ozean …

„Es ist alles aus, meine Herren,“ sagte Turido dumpf. Fürchten Sie nichts. Ich bin allein übrig geblieben …“

„Die Rohrstücke!“ rief Achim …

„Ja – die Rohrstücke haben wir zusammengesetzt, [169] Näsler, haben hier ein Loch im Ozean geschaffen, ein unterirdisches Haus, eine Goldmine unter Wasser … – Fürchten Sie nichts! Ich bin ohne Waffen … Vater, Mutter, Schwestern, Gefährten – alles dahin … Ertrunken … Das Meer hat sich gerächt. Das Meer ließ es sich nicht gefallen, daß wir ihm diesen runden Schacht in den nassen Leib trieben, ihn leer pumpten und mit allen modernen technischen Hilfsmitteln die Goldader Kapitän Jörnsens ausbeuteten. Außerdem, meine Herren, – ich fühle es, daß es mit mir zu Ende geht. Mein Herz war nie in Ordnung, und der starke Blutverlust jetzt … Da, fühlen Sie meinen Puls, Näsler … Es ist aus mit mir.“

Achim und ich waren neben ihn auf den nassen Steinkranz getreten. –

Das Loch im Ozean …! – Deshalb schrieb ich als einleitende Sätze von Jules Verne, dem Veralteten.




[170]
14. Kapitel.
Tatjana schwimmt neben uns.

Wie muß dieser vollendete Komödiant damals heimlich triumphiert haben, als wir beide, die wir uns Männer mit der Reife eines welterfahrenen Verstandes dünkten, hinter ihm drein die steilen Eisenleitern in den runden Schacht hinabkletterten, von Leiter zu Leiter, von Absatz zu Absatz, wohl zwanzig Meter. Gewiß, wir hatten die Pistolen entsichert zwischen den Zähnen, – so töricht waren wir doch nicht! Wir hatten das Boot oben festgekettet, wir glaubten uns den Rücken gedeckt zu haben.

Vollendeter Komödiant – nur deshalb!

So gelangten wir schließlich in eine Art Grotte, die mit Schiffsmöbeln wohnlich ausgestattet war. Hier an der einen Seite allerhand blanke Apparate, Kurbeln, Hebel, Schaltbretter. Elektrische Birnen erhellten den Raum. Der Boden war sauber mit Schiffsplanken gedeckt.

Leon erklärte mit demselben müden, dumpfen Ton: „Hier haben wir das Rohr mit Beton in die Decke dieser Höhle eingebettet, ganz wasserdicht. Und dort die dicke große Glasscheibe im Eisenrahmen: der Zugang zu den anderen Grotten und zu der Goldader …“

Er deutete auf die gut zwanzig Zentimeter starken Scheiben, hinter denen grüne Dunkelheit lagerte: Wasser!

[171] Leon fuhr fort: „Die Beleuchtung der Nebengrotten, des ersoffenen Goldbergwerks, funktioniert noch. Sie haben ja gute Nerven, meine Herren.“

Er drehte an einem Hebel, und hinter der Glastür glühten verschwommene helle Flecke auf.

Achim und ich prallten zurück. Wir sahen hier dasselbe, was Taucher so und so oft geschildert haben, die in die Kajüte eines jäh versunkenen Schiffes hinabgestiegen waren.

Leichen schwammen im grünlichen Wasser in allen Stellungen, gedunsene Totengesichter grinsten aus glasigen Augen durch die durchsichtige Scheidewand. Eine Frau war darunter mit langen aufgelösten aschblonden Haaren, die wie ein Schleier um ihr Antlitz wogten.

„Tatjana!“ schrie Achim.

„Ja, Tatjana, die arme kleine Tatjana, – Ihre Freundin, Näsler.“

Er schaltete das Licht wieder aus, und der Chor der Toten wurde uns entzogen.

„Setzen wir uns, meine Herren …“

Leon wies auf die Korbstühle.

„So … – vielleicht ist Ihnen mit einer Zigarette gedient. Der Anblick ist nicht schön dort drüben …“

„Danke,“ sagte Achim hart. „Beichten Sie nun, Turido. Jetzt werden Sie ja kaum mehr lügen wollen …“

„Nein. Es hätte keinen Zweck mehr, Näsler. Wirklich keinen Zweck. Es ist ja alles aus. Wir hätten ungezählte Millionen erringen können, wir und unsere Leute. Das Meer wollte es anders … – Aber – alles der Reihe nach … Wer wir sind, wie wir in Wahrheit heißen, das wird niemand [172] je erfahren. Russen, gewiß. Man merkte es wohl unserer Sprache an. Aber – was besagt Russen?! Rußland ist unendlich groß. Ob Bolschewisten, ob Emigranten, ob Zarenanhänger, – wen geht’s was an! Für die Geschehnisse hier ist’s so unwichtig. Jedenfalls hatte einer von uns vor Jahren den Kapitän Jörnsen hier nach Santa Ines als Matrose begleitet, war ihm nachts nachgeschlichen, beobachtete ihn, wie er mit der Wünschelrute hier an den Gestaden der Bucht nach Metallagern suchte. Jörnsen fand Gold, fand eine Ader, die an der äußersten Spitze des südlichen Vorgebirges unter Geröll zutage trat und sich dann unter Wasser weiterzog. Jörnsen sprengte nur ein paar Klumpen von dem Golde los, holte von seinem Schiffe dann heimlich eine Dynamitpatrone und vernichtete den zutage tretenden Teil der Goldader. Eine breite Masse Gestein rutschte nach dem Sprengschuß in die Tiefe, und niemand hätte mehr ahnen können, welche Schätze an jener Stelle verborgen waren. Einer wußte es außer Jörnsen, unser Landsmann. Und so sind wir denn, um nicht vom Land aus beim Abbau der unterirdischen Goldader beobachtet zu werden, auf den heutigen Tags durchaus nicht mehr phantastischen Gedanken gekommen, uns ein Heim unterm Meere einzurichten. Die Arbeit ging schnell vonstatten[19], denn wir hatten genügend Fachleute unter uns. Ich selbst zum Beispiel bin Ingenieuroffizier in der alten russischen Armee gewesen …“

Leon Turido (wie er sich nannte) schwieg und starrte auf die dicke Glastür. Was er uns bisher mit überlegener Ruhe mitgeteilt hatte, trug unverkennbar den Stempel der Wahrheit. Es stimmte ja: Jörnsen war Rutengänger gewesen!

[173] Mit derselben kühlen Abgeklärtheit sprach der Russe weiter:

„Gewiß, wir haben den „Starost“ versenkt und die Besatzung außer Ihnen, Näsler, in die Hölle geschickt. Wir durften keine Mitwisser dulden. Das, was wir mit dem Golde vorhatten, war eine … heilige Pflicht, meine Herren. Es gibt Pflichten, vor denen alle sogenannten moralischen Grundsätze oder Bedenken zurücktreten müssen. Ich darf Ihnen leider nicht sagen, worin diese Pflicht oder dieser großzügige welterschütternde Plan bestand. Wir bildeten eine Gemeinschaft, die geschworen hatte, vor nichts zurückzuschrecken. Glauben Sie mir: die meisten von uns waren ganze Männer und auch meine Mutter und meine Schwester Olga rechneten mit dazu. Tatjanas Verrat, der Ihre Rettung, Näsler, zur Folge hatte, war die seelische Entgleisung eines halben Kindes, bei dem die erwachende Sinnlichkeit, die Liebe, selbst die Hemmungen eines Schwures ausschaltete. – Beurteilen Sie, meine Herren, unser Tun also nicht allzu hart. Niemals haben wir aus Selbstsucht Folterknechte und Mörder gespielt. Das Gold war nicht für uns bestimmt. Doch ich will mich nicht verteidigen …“

Er machte eine müde, gleichmütige Handbewegung.

Er log nicht. Aber trotzdem log er, heuchelte er, war scheinbar ein Todgeweihter, der nichts Arges mehr im Schilde führen könnte. Seine ganze Art, wie er seine Beichte vorgetragen hatte, war so sympathisch gewesen, daß mein Argwohn beinahe eingeschläfert wäre. Aber seit langem hatte ich mir ja vorgenommen, niemandem mehr [174] zu trauen. Mißtrauen ist stets eine gute Schutzwaffe.

„… Kommen wir zum Schluß, meine Herren. Wir wollten Sie, Näsler, wieder in unsere Gewalt bringen. Inzwischen hatten Sie aber Gefährten gefunden, und das Schicksal wollte nicht, daß Sie stürben. In jener Nacht, als wir die drei Araukaner von Ihrer Robinsoninsel entführten, kam uns eine fremde Jacht in die Quere. Ich weiß nicht, weshalb diese Jacht den Knaben dort an Land setzte. Jedenfalls mißlang unser Plan: Sie und Abelsen entgingen uns. Da sich außerdem ein chilenischer Kreuzer in den Kanälen umhertrieb, mußten wir verschwinden. So begann sich denn die Tragödie hier in der Goldbucht vorzubereiten. Ich und drei von uns gerieten in Ihre Hände. Ich entfloh nachher, weil Sie, Näsler, aus einem schönen Gefühl von Menschlichkeit heraus, meine Fesseln sehr lose geschlungen hatten. Die Höhle hat noch einen Ausgang nach der Terrasse hin, wo früher unser Wohnhaus stand. Ich schwamm hier nach dem Riff. Meine Kleider hatte ich als Bündel auf dem Kopfe. Es befindet sich nun oben in den Spalten der Riffelsen ein versteckter Hebelgriff, durch den man auch von außen die Deckeltür oben öffnen kann. Es war Ebbe. Das Riff lag frei. So konnte ich hier nach unten steigen …“

Wieder schwieg er …

Lehnte sich weiter zurück und bedeckte die Augen mit der Linken.

Oh – welch’ vollendeter Komödiant!!

„… Ich fand das Licht brennen – auch nebenan in den anderen Räumen, von denen jeder wasserdicht abgesperrt werden konnte. Ich trete an die Glastür dort, sehe, was Sie sahen: [175] Die Meinen tot, ertrunken!! Ich sank halb bewußtlos hier in diesen Sessel. – Wie die Katastrophe sich ereignet hat … ich weiß es nicht. Ich kann mir nur denken, daß der Wasserdruck für die Grottenwände, aus denen wir das Gold herausschlugen, an einer Stelle zu groß geworden ist, – die Wand zu dünn. So muß es gewesen sein. Und als das Meer sich mit ungeheurer Kraft hereingoß, mögen die anderen Sperrtüren nachgegeben haben. Nur die dort hielt …“

Er sprach so leise, daß wir unser Gehör aufs äußerste anstrengen mußten.

Sein Sessel stand den Hebeln und Schaltbrettern am nächsten.

Seine Rechte hing über die Sessellehne schlaff herab.

Aber – jetzt eben hatte er als Komödiant versagt.

Seine ersterbende Stimme erschien mir gekünstelt …

Ich war auf meiner Hut …

Meine Hand glitt in die Außentasche der Jacke. Mein Zeigefinger schob den Flügel der Sicherung zurück, während meine Augen Leon unablässig beobachteten, besonders seine Rechte, deren Finger halb zur Faust gekrampft waren …

„– – Ja, nur die dort hielt …“

Er hob den Kopf … Ein leerer Blick flog über uns hin.

„… Alle tot … Ich der letzte, meine Herren … Ertrunken – und drei dort im Walkadaver … Drei die vielleicht verraten hätten, daß der Ozean hier ein Loch hatte …“

So sagte er: Ein Loch hatte!

Und deshalb habe ich schon zu Anfang vom [176] Loch im Ozean gesprochen – als Titel für das, was über Jules Vernes mit wissenschaftlichen Phrasen gespickten Phantasien weit hinausgeht. Nein: Jules Verne ist abgetan! Ihm fehlt der rasende Rhythmus der modernen Zeit, des modernen Abenteuers. Vielleicht fehlt dieser Rhythmus all dem, was am Schreibtisch im warmen Zimmer bei guter Zigarre ausgeklügelt wird. Ich brauche nichts auszuklügeln, nur hineinzugreifen in die Überfülle des Erlebten, und wenn ich mich hineinversenke in all diese kostbaren bunten Schätze, darin wühle wie in farbenprächtigen Seidenstoffen, hole ich aus den Tiefen der Vorräte immer Neues hervor. Und nichts, nichts möchte ich missen von diesem Reichtum, auch das nicht, was mir jetzt, wo ich es zu Papier bringen werde, wieder das Blut in den Adern gefrieren läßt.

Ich besinne mich, daß mein unglückseliger Vater, ein moralverseuchter Mensch, seine Freude daran hatte, Mäuse in selbstgebauten Fallen von sehr komplizierter Konstruktion zu fangen. Einfache Fallen hätten es auch getan. Aber er konstruierte Fallen, die die Mäuse gleich in ein Wasserbecken hinabfallen ließen, in dem die armen Viecher dann ertranken, nachdem sie stundenlang vielleicht umhergeschwommen waren, immer im Kreise an der Wandung lang, die zu glatt war, selbst ihren Kletterzehen Halt zu gewähren. Wie vielen Mäusen habe ich heimlich das Leben gerettet, indem ich als Knabe ganz früh aus dem Bett schlich und die Fallen revidierte, die noch lebenden Mäuse mit der Hand herausnahm und laufen ließ. Eines Morgens erwischte mich mein Vater dabei, wollte mich schlagen. Meine Mutter trat dazwischen, und was sie meinem Vater bleichen Antlitzes zuflüsterte, [177] verstand ich nicht. Aber von da an verschwanden alle Fallen, und unser Haus wurde ein Mäuseparadies.

Mäuse im Blecheimer …

Achim und ich …

Mäuse im Blecheimer …

Und wie schnell das ging – in Sekunden …

Schneller als du, braver Philister, deine echte Sumatra köpfen kannst, nachdem du ihr das Köpfchen gebührend beleckt hast, sie geküßt hast … Und dann schneidest du Rohling ihr das Köpfchen ab … So seid ihr!

Mäuse im Blecheimer mit Deckel, verehrter Kulturbonze! Mit luftdicht schließendem Deckel!

Und das kam so …

Leon erhob sich schwerfällig …

„Es wird Zeit, daß wir nach oben gehen, meine Herren … Die Flut steigt. Bald würde sie oben in das Loch im Ozean eindringen. Gewiß, meine Herren, wir haben diesen runden Schacht so eingerichtet, daß die obersten drei Rohrteile sich emporschrauben lassen, und daß der Deckel dann über der Flutgrenze liegt … Mein Gott, mir … wird … so … sonderbar …!“ Er taumelte, griff mit den Armen in die Luft …

Oh – – alles war schlau berechnet, jede Bewegung …

Auch dies jetzt, als die Hände scheinbar absichtslos zwei Hebel umkrallten …

Ich riß die Pistole heraus …

„Halt, Turido …! Hände weg!!“

Zu spät …

Er lachte wie ein Wahnwitziger …

Meine Kugel klatschte ihm in den Hinterkopf.

Das Lachen erstarb …

[178] Aber – die Glastür war aufgeflogen …

Grüne Flut in hoher Welle, Leichen, schossen herein …

Achim sprang zur Leiter …

Riß mich hoch …

Wir kletterten ums Leben …

Aber das Meer war schneller. Das Meer rächte sich …

Über unseren Köpfen quoll’s weiter, das gierige Naß …

Und unter Wasser krochen wir höher, Sprosse um Sprosse …

Halb erstickt dann oben in dem Schacht – – oben, wo der Deckel geschlossen …

Oben, wo wir atmen konnten, wo noch ein halber Meter Luftraum war …

Japsend standen wir nebeneinander auf der Eisenleiter …

Unter uns glühten zwei elektrische Lampen.

Neben uns … schwamm die tote Tatjana …

Mäuse im Blecheimer mit Deckel.

Nur daß in diesem Eimer das Wasser im selben Maße stieg wie draußen die Flut …

Wir hörten schon die Wogenkämme klatschend auf den Eisendeckel schlagen …

Wir konnten genau berechnen, daß wir vielleicht noch zehn Minuten zu leben hatten.

Denn – das Wasser stieg …

Stieg …

Unter uns glommen die Lampen …

Und neben uns hatte Tatjana Gesellschaft erhalten: ihren Vater!

Nun – Kulturbonze, wie ist’s mit einem kleinen Abenteuer abseits vom Alltagswege? [179] Spürst du nicht das heiße Verlangen, auch einmal … Mann zu sein?!

Stelle dir diese Nachbarschaft – zwei Wasserleichen – vor … Stelle dir vor, daß du genau weißt: Ich muß hier ersaufen, ich werde Arm in Arm mit der jungen Tatjana langsam verfaulen – – in der grünen Flut …! Wie ist’s damit?! Wenn du einmal mitmachen willst, so komm’ nach dem Lausenest Skyring im südlichsten chilenischen Patagonien … Frage dort nach der Gallegos-Bucht, wo Coy Cala wohnt. Ich auch. Vorläufig. Und wenn du uns gefunden, will ich dich mitnehmen hinein in die patagonische Steppe. Vielleicht … erleben wir etwas. Aber ob du lebend heimkehrst, dafür kann ich dir nicht garantieren …

Und doch: ich lebe noch!

Wie das kam trotz des Eimers mit dem Deckel?




[180]
15. Kapitel.
Meine Dichterlaube.

Ein Jules Vernescher Held (oder ein Karl May-Trapper mit Boxerfaust – ich habe Karl May als Junge verschlungen, denn er ist auch ins Schwedische übersetzt worden) – solche Helden hätten zufällig eine Bohrmaschine, Meißel und Hammer oder Ähnliches bei sich gehabt.

Wir hatten auch etwas. Unsere Pistolen. Aber selbst Nickelmantelgeschosse vermögen gegen dicke Eisenplatten mit Betonauflage nichts auszurichten.

„Wenn’s nun ein Dichterwerk wäre, das ich hier in meiner Laube mit Bleistift auf schlechtestes, feuchtes Papier kritzele, dann würde ich den Kopf sinnend in die weiße, wohlgepflegte, nervöse Hand mit dem blauen Astwerk der Adern stützen (das heißt: meine Hand ist weder weiß noch nervös, sondern braun wie Nappaleder und muskulös wie die Pfote eines Klettermaki) – sinnend stützen und den effektvollen Schluß überlegen … Zum Beispiel könnte Coy Cala unser Verschwinden bemerkt haben und noch im letzten Moment mit seinen Bärenkräften einen zwei Zentner schweren Felsblock auf den Deckel des Loches im Ozean schleudern. Oder …

Aber nein, es gibt ja so viele Möglichkeiten …

Ich will lieber gleich nüchtern und kurz schildern, was in Wirklichkeit geschah.

[181] Achim hatte soeben zu mir gesagt:

„Mein lieber Olaf, nun wird mein Junge vielleicht nie erfahren, weshalb sein Vater ihn und die Mutter verließ. Denn daß Ellinor ihm einmal alles wahrheitsgetreu schildern wird, bezweifle ich. Unser Sarg wird dieser runde Eisenschacht werden …! Merkst du, daß der Sauerstoff der Luft immer geringer wird. Mein Schädel berührt auch schon den Deckel, und trotzdem reicht mir das Wasser bis zum Kinn. Es ist aus, Olaf. Dieses Ende – – pfui Teufel, ersaufen!! Nein, das paßt mir nicht. Noch kein Graf zu ……burg ist ersoffen. Eine Kugel, ein Degenstich, eine Granate – das hätte ich mir gefallen lassen! Aber so …!! – Hör’ nur, wie die Wogen droben rumoren … Jeder Wellenkamm geht schon über uns hinweg, und … – ja, weißt du, – was mag wohl aus dem Motorboot geworden sein, das wir droben vertäut haben?!“

Motorboot …!

Himmel – – das Motorboot!! Ich hatte es so fest angekettet …! Wenn Coy es bemerkte …! Es mußte droben ja schon heller Tag sein!

Lächerliche Hoffnung …!

Und als ob das unerbittliche Geschick uns die letzten Minuten noch durch Finsternis vergällen wollte, erloschen plötzlich die Lampen …

Und die tote Tatjana stieß mit dem haarumwallten Kopf gegen meine linke Hand, als ob sie sich als Gefährtin des Riesensarges melde …

Finsternis …

Achim meinte bitter: „Im Dunkeln ersaufen!! Nein, Olaf, niemals … Wenn’s so weit ist, knalle ich mir eins vor die Stirn … Ein Graf zu ……burg ersäuft nicht wie eine räudige …“

[182] „… Katze“ – hatte er sagen wollen … Vielleicht auch Wanze oder Laus, obwohl das zu „räudig“ nicht recht paßt …

Sagen wollen …

Vielleicht hatte er’s auch gesagt – Katze –, und ich hatte es nur nicht mehr gehört, denn mein Ohr war anderweit vollauf in Anspruch genommen …

Durch den runden Schacht ging eine Erschütterung, als ob er einen bösen Stoß erhalten, dazu ein Krachen, Splittern, Dröhnen wie ein Donnerschlag …

Und fast gleichzeitig riß dicht über unseren Köpfen eine ungeheure Kraft den Klappdeckel aus den Fugen … Drückte ihn beiseite. Licht flutete in die Finsternis, Wellen leckten herein, und über uns, die wir blitzschnell uns emporgeschwungen hatten, ragte der Bug eines hellen Fahrzeugs empor, einer Jacht mit wagerechtem, schnittigem Bugspriet …

Die Jacht war auf das Riff geraten – ein blöder Zufall …

Die Jacht hatte in die Bucht einlaufen wollen, der Kapitän hatte dem Riff ausweichen wollen, aber eine sehr schräge scharfe Strömung trieb das Luxusfahrzeug mit erheblicher Kraft gegen die Felsen, brach eine Seite des Vierecks ein, fegte den Deckel hinweg.

Zufall.

Die Jacht war die „Sonora“, Heimathafen New Orleans, Besitzerin Frau Ellinor Gräfin zu ……burg, geborene Mangrove.

Nun, zunächst saß die „Sonora“ fest.

Wir wurden an Deck gehißt. (Unser Motorboot [183] war längst abgetrieben, nachdem die Kette gerissen war.)

An Deck stand Ellinor Gräfin zu ……burg, und so, wie sie jetzt Achim anblickte, hätte dieser Achim nach diesen Minuten im Massensarge ein Mensch von der Bockbeinigkeit eines kompletten Esels sein müssen, wenn er nicht (er liebte sie ja immer noch) getan hätte, was auch ich an seiner Stelle getan haben würde.

Er ging auf sie zu, pudelnaß, triefend … Streckte ihr die Hand hin. Was er sagte, weiß ich nicht.

Was Ellinor tat, sah ich.

Sie legte ihm die Arme um den Hals, weinte, küßte ihn.

Dann sah ich nichts mehr, denn ich hatte mich umgedreht.

Der Kapitän trat näher.

„Choster,“ nannte er seinen Namen. „Sie sind Mr. Abelsen, schätze ich?“

„Schätzen richtig …“

„Wo kamen Sie her, Sie und Mr. ……burg?“

„Aus dem Wasser, schätze ich …“

„Hm – komisch … Wir hatten Sie beide gar nicht bemerkt … – Verfluchte Geschichte übrigens. Die „Sonora“ sitzt fest.“

„Scheint so …“

„Was ist da für ein eisernes Ding unten am Bug …?“

„Ein alter Schiffskessel von einem Wrack,“ log ich, denn von dem Golde sollte niemand etwas erfahren.

Achim und Frau Ellinor kamen heran.

„Olaf, einen Augenblick … – Hier meine Frau – hier mein Freund Olaf Karl Abelsen, [184] Ellinor …“ Und leiser, als ich schon der Gräfin Hände gedrückt hatte … „Olaf, das Gold muß verschwiegen werden …“

„Natürlich … Ein alter Schiffskessel – schon alles in Ordnung, Achim …“

„Gut so …“ –




[185]
16. Kapitel.

Du lieber Gott, was hätte ein mit allen Salben gesalbter Schriftsteller aus dieser Wiedervereinigung der Ehegatten machen können – einen lyrischen-rührenden Schmarren, gut für sechs nasse Taschentücher alter Jungfern, die noch an den Storch glauben oder es wieder gelernt haben …

Ich?!

Meine Dichterlaube an Coys Bucht, die eigentlich Gallegos-Bucht heißt, duftet nach köstlichen Rankengewächsen …

Aber der Duft nimmt mir nicht das kühle nüchterne Blut.

Was hätte ein moderner Seelenzerpflücker (gleich feingeistigem Dichter) hier aus der Szene machen können, als der kleine Allan dann in dem geliebten Onkel Joachim den Vater wiederfand!

Meine Dichterlaube hat keinen superfeinen Diplomatenschreibtisch mit reichen Schnitzereien, keinen Schreibsessel, kein feudales Riesenonyxtintenfaß, keine Dantebüste aus gelblichem Marmor …

Ach nein …

Und deshalb verzichte ich auf nasse Taschentücher und lyrische Schlußapotheose mit Klimbim und Orgelmusik … –

Die Jacht kam mit nur wenig beschädigtem [186] Bug von dem Riff wieder frei und ankerte gegen acht Uhr morgens in der Bucht. Ich hatte derweil meine drei indianischen Freunde bereits ins Vertrauen gezogen. Von den Turidos und der Goldader sollte, falls jemand der Besatzung der „Sonora“ meine rotbraunen Kameraden, die sich verborgen halten sollten, doch zufällig finden würde, nichts erwähnt werden. Mein braver Coy hatte aus sich selbst heraus den Vorschlag gemacht, für die Leute der Jacht unsichtbar zu bleiben. „Sonst viel fragen, Mistre Abelsen … Sehr viel fragen. Chubur und Chico sehen aus wie aus frischem Kampf. Woher Wunden, wie Auge verloren, Chubur?, – so würden reden. Matrosen sein neugierig …“

Da Coy außerdem auch die „Sonora“ noch rechtzeitig vor der Buchteinfahrt bemerkt hatte, waren von ihm die Köpfe der drei Erschossenen so tief in den verwesenden Blubber (so nennen die Fachleute den Walspeck) hineingedrückt worden, daß niemand in dem Kadaver menschliche Leichen vermuten konnte. –

Ein halber Tag Kulturbonze – ich …

Mußte es sein unter diesen Gentlemen der „Sonora“. Waren alles ausgesucht vorzügliche Leute. Die Schiffsoffiziere moderner Schlag, ebenso der Ingenieur, der Arzt: keine Spur mehr von früherem Seebärentum mit Priem in der Backe und Kernflüchen auf den Lippen.

Wurde mir verdammt schwer, mich in den Ton der Zivilisation hineinzufinden. Merkte, wie fremd mir schon all der lächerliche Kram des sogenannten guten Tons geworden. Als nachmittags drei Uhr zum ersten Male zum Diner geläutet [187] wurde, machte mir der Schiffsarzt allen Ernstes das Angebot, einen Smokinganzug von ihm anzuziehen … „Sie können doch nicht recht in Ihrer Kluft an der Tafel erscheinen, Mr. Abelsen …!“ Und er beschaute mich von Kopf zu Fuß, fügte hinzu: „Außerdem duften Sie auch so nachdrücklich nach Blubber, daß die Frau Gräfin kaum …“

Ich lachte ihm ins Gesicht – heiter, vergnügt, denn er hatte ja recht …

„Her mit dem Anzug …!!“

Und während ich noch schnell badete, mich rasierte und blendend saubere Wäsche anlegte, schalt ich mich einen Schwächling …

Nun, auch das Diner ging vorüber. Ich hatte mit Achim verabredet, daß die „Sonora“ um fünf die Heimfahrt antreten solle, damit die Besatzung keine Gelegenheit fände, hier eingehender umherzuschnüffeln.

Der Abschied von Achim und Allan fand in der Grotte bei den drei braunen Kameraden statt. Auch Frau Ellinor war dabei.

Coy benahm sich wie ein Oberpriester, der zu würdevoller Feierlichkeit erstarrt ist. Ich war froh, als alles vorbei. Ich hatte Allan noch einmal an die Brust gedrückt und geküßt. Achim kämpfte beim letzten Händedruck mit Tränen, und Frau Ellinor weinte …

Gott sei Dank, – – das war überstanden. Coy und ich verließen die Grotte erst gegen sechs Uhr. Die „Sonora“ war verschwunden. Auf dem Kadaver kreischten Möwen, Raben, kleine Geier …

Drüben auf der Terrasse lag all das, was [188] Achim uns zurückgelassen hatte: Kleider, Wäsche, Proviant, Benzin, Dynamitpatronen – vier große Kisten, ein ganzes Warenlager.

Noch an demselben Abend haben Coy und ich mit Hilfe des Motorbootes, das wir jetzt bei Ebbe unschwer wieder flott machen konnten, den Wal ins Meer geschleppt und mit drei Dynamitpatronen zerfetzt. Am nächsten Morgen beseitigten wir die Reste des Hauses auf der Terrasse, sprengten den Höhleneingang, von dem dann nur eine Geröllhalde übrigblieb. Genau so machten wir’s mit dem Viereckriff. Wer heute die Jörnsen-Bucht suchen wollte, um etwa dort hinter den Klippen nach Gold zu tauchen, würde sie niemals finden. Die Westküste von Santa Ines zählt ungefähr vierhundert Buchten, und die meisten gleichen einander derart, daß die Auswahl schwer ist.

Ja – wir machten ganz gründlich reinen Tisch mit allem, was an die Turidos erinnerte. Selbst die Farmruine haben wir eingeebnet, und heute hat der Wald und die Dornen dort alles gleich gemacht. Jörnsens Goldader wird nie entdeckt werden – nie … Auch die Besatzung der „Sonora“ würde jene Bucht nicht mehr mit Sicherheit bestimmen können, wo die Jacht damals den „alten Schiffskessel“ rammte …

Das Loch im Ozean ist[20] kein Loch mehr, ist ein nasses Massengrab. Fische werden neugierig in den Räumen an Toten und Glastüren und verrosteten Apparaten und Bergen von Goldkieseln vorüber schwimmen …

Arme junge Tatjana …! –

Vier Tage nach dem Abschied von Achim und Allan verließ unser hochbeladenes Motorboot [189] gleichfalls die Bucht. Chubur und Chico waren frisch und gesund, und Chubur meinte mal beiläufig, es ginge auch mit einem Auge ganz gut, zumal wenn man nun reich sei. – Sein Anteil an Achims Spenden bedeutete allerdings für ihn Reichtum.

So fuhren wir denn durch die Kanäle gen Norden nach der engeren Heimat meiner drei braunen Kameraden.

Ach Coy, du versoffener Lump, wie schön hätte diese Fahrt damals sein können, wenn Achim nicht auch an zwanzig Flaschen Rum gedacht hätte!! Fünf kamen auf Coys Anteil … Er wurde nicht nüchtern, er war immerfort bei der Wurmkur. Meine sanften Mahnungen halfen nichts. Und Coy schelten?!

Nur nachher fluchte ich, als er mir zwei Flaschen stahl, weil sein Part schon durch die Gurgel gejagt war.

Coy, du prächtiger Kerl, du grinst so unverschämt, als ich dir diese Zeilen in meiner Dichterlaube vorlese. Und dann sagst du zu mir: „Mistre Olaf Karl, Chubur sein gekommen … Er haben bei große Dickung an Huar-Berg frische Pumaspuren gespürt … Nachmittags wir reiten …“

Abgemacht – Pumajagd …

Dann kommen Coys braune Rangen und klettern mir auf den Schoß …

Frau Coy, die Rangen und mein Heim an der Gallegos-Bucht, – – ein Kapitel für sich …

Ich packe die Blätter meiner Schreiberei zusammen …

Mein Blick schweift nach rechts, wo die Schneehäupter [190] der Anden winken … Meine Dichterlaube duftet, und Coys Rangen stinken immer nach irgend etwas.

Das Leben ist schön, wenn man keinen Smoking zu tragen braucht …

Also – nachmittags Pumajagd …





Anmerkungen (Wikisource)

  1. Siehe hierzu bei Interesse den Wikipedia Artikel über Hedwig Courths-Mahler.

Errata (Wikisource)

  1. Vorlage: 1. Kapitel ergänzt
  2. Vorlage: Diggy
  3. Vorlage: Eigenlich
  4. Vorlage: Eine Zeile ist doppelt.
  5. Vorlage: Hier fehlt eine Textzeile. Sinngemäß wohl: den Leuten, die den kleinen Allan hergebracht
  6. Vorlage: halbzivilierten
  7. Vorlage: Möve; siehe S. 71 Möwenschwärme.
  8. Vorlage: selstverständlich
  9. Vorlage: Möven; siehe S. 71 Möwenschwärme.
  10. Vorlage: Möveneier; siehe S. 71 Möwenschwärme.
  11. Vorlage: Guanacas
  12. Vorlage: Arauganer
  13. Vorlage: Ceyoten
  14. Vorlage: Möven; siehe S. 71 Möwenschwärme.
  15. Vorlage: sauft
  16. Vorlage: Möven; siehe S. 71 Möwenschwärme.
  17. Vorlage: wieder
  18. Vorlage: symphatische
  19. Vorlage: vonstotten
  20. Vorlage: ich