Das Leben und Treiben auf dem Meeresgrunde (2)

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Textdaten
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Autor: Georg Heinrich Schneider
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Titel: Das Leben und Treiben auf dem Meeresgrunde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 700–703
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Teil 1 in Heft 41
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[700]
Das Leben und Treiben auf dem Meeresgrunde.
Bilder aus dem Aquarium zu Neapel.
Von G. H. Schneider.
II.
Lauernde Grundfische. – Mütterliche Fürsorge des Katzenhais. – Väterliche Wachsamkeit der Schwarzgrundel. – Liebeswerbung und Eifersucht des Lippfisches.

Am häufigsten und bekanntesten von den Grundlaurern unter den Fischen sind die auf dem Tische sehr geschätzten Flachfische, also die Schollen, Butten und Zungen. Sie geben eines der schönsten Beispiele, wie die Natur die Form und Farbe der Thiere der Umgebung, das heißt dem gewöhnlichen Aufenthaltsorte derselben angepaßt, sodaß man erstere nur schwer dort zu bemerken vermag, wodurch sowohl die Angriffe auf nichtsahnende Beutethiere erleichtert sind, als auch zugleich ein Schutz gegen hungrige Feinde gegeben ist, also eine doppelte Zweckmäßigkeit für die Thiere. An der plattgedrückten Form wird der Laie, wenn die Fische auf dem Teller servirt werden, zunächst nichts Auffälliges finden; beobachtet man dieselben aber in ihrem Elemente, in ihrem Leben und Treiben auf dem Seegrunde, dann sieht man zu seiner Ueberraschung, daß gerade diese Form das beste Schutzmittel für diese Thiere ist, ohne welches sie bald zu Grunde gehen würden. Sie bewegen sich wie ein Band dicht am Boden hin, legen sich dann flach auf, und ihr Rand schmiegt sich so vollkommen an alle Unebenheiten des Grundes an, daß der Fisch mit denselben vollkommen eins zu sein scheint. Dazu kommt, daß die obere Flachseite immer genau so gefärbt ist, wie der Aufenthaltsort des Fisches, sodaß man das Thier nur mit der größten Aufmerksamkeit von seiner Umgebung zu unterscheiden vermag.

Sobald der Flachfisch sich vor Verfolgern noch nicht ganz sicher fühlt, macht er eine eigenthümliche schüttelnde Bewegung, durch welche er sich ganz mit Sand bedeckt; er scheint dann verschwunden zu sein. Giebt man aber weiter auf ihn Acht, so bemerkt man bald, wie die Augen, die allein noch bloß liegen, und die sich beide auf der einen Seite des Fisches befinden, sich nicht nur nach allen Seiten drehen, sondern sich auch unheimlich langsam emporheben, sodaß sie zuletzt auf einem Stiele zu sitzen scheinen und einen ganz freien Ueberblick über die nächste Umgebung haben. Dabei bewegen sie sich beide unabhängig von einander, wie beim Chamäleon. – In den zoologischen Werken ist gewöhnlich angegeben, daß außer dem Chamäleon nur die Flachfische dieses Vermögen haben, das ist aber ganz unrichtig. Ich habe die unabhängigen Augenbewegungen fast bei allen Fischen des Neapolitaner Aquarium sehr deutlich beobachtet.

Erscheint irgend ein Feind in der Nähe des Flachfisches, so werden die Augen schnell wieder eingezogen und bleiben unbewegt, sodaß nichts Lebendes mehr dort zu vermuthen ist; hat sich der Gefürchtete entfernt, so heben sie sich wieder langsam empor, drehen sich hin und her, fast im Kreise herum, und spähen nach Beute. Kommen nun kleine Fische, Krebse oder andere Leckerbissen in die Nähe, dann schießt der lauernde Räuber wie ein Blitz aus und packt die Opfer. Er würde diese nicht erlangt haben, hätte er es nicht verstanden, sich ganz unsichtbar zu machen, und hätte er als Mitgift zu seinem Dasein nicht die dazu so äußerst zweckmäßige Form und Farbe erhalten.

Die nach oben gekehrte Flachseite des Thieres hat hellere und dunklere Flecken, die von weitem ganz wie verschieden gefärbte Steinchen und Muschelschalenstückchen aussehen. Diese Flecken sind größer bei den Thieren, welche sich auf einem Grunde mit grobem Sande und größeren Steinchen aufhalten, kleiner bei solchen, welche auf feinerem Sande leben, und die Färbung ist ein eintöniges Grau oder Braun bei den Thieren, welche mehr Schlammgegenden bewohnen, ganz als hätte die Natur Alles überdacht, um die Thiere so gut wie möglich vor den Blicken Anderer zu verbergen. Diese Täuschung wird noch vollkommener durch die Eigenschaft dieser Fische, die Farbe oder Lichtstärke verändern und sie einer anderen Umgebung anpassen zu können. Läßt sich der Fisch auf hellerem Grunde nieder, so wird nach wenig Augenblicken auch seine Färbung heller, schwimmt er wieder nach einem dunkleren Gebiete, so nimmt er die vorherige dunklere Farbe wieder an.

Für den Beobachter hat es zuerst den Anschein, als ob dieser Farbenwechsel ein willkürlicher wäre, wer aber diese so häufig im Thierreiche vorkommende, für das Thier höchst zweckmäßige Erscheinung kennt und studirt, kommt bald zu der Ansicht, daß dieser Lichtwechsel nicht Wirkung des Willens, sondern eine rein physiologische Folge der äußeren Beeinflussung, der Lichteinwirkung ist, wovon das Thier jedenfalls eben so wenig merkt, als es uns zum Bewußtsein kommt, wenn sich die Pupille unseres Auges verengert oder erweitert, je nachdem wir in eine lichtvolle oder lichtarme Umgebung treten.

Bei anderen Thieren, bei vielen Eidechsenarten, dann bei fast allen Baumfröschen, ferner bei den Kopffüßlern (Cephalopoden) also beim Polypen (Kraken), bei der Sepia (den Tintenfisch) und auch bei anderen Fischen, insbesondere bei der Bachforelle findet dieser Wechsel der Farben- und Lichtwirkungskraft in viel auffälligerer Weise statt, ist viel mannigfacher und erfolgt weit rascher, so daß er bei diesen Thieren weit mehr den Eindruck der willkürlichen Thätigkeit macht als bei den Flachfischen. Und dennoch geht aus den neueren Untersuchungen über den Farbenwechsel des Chamäleons hervor, daß derselbe unwillkürlich und ein einfacher Lebensvorgang in Thierkörper ist. Man müßte im andern Falle auch bei diesen Thieren eine Licht- und Farbenunterscheidung annehmen, wie wir solche nur bei höheren Wirbelthieren, den Vögeln und Säugethieren kennen lernen.

Derartige an sich zweckmäßige Eigenschaften, wie wir sie an der Scholle kennen lernen, sind aber nicht vereinzelt. Alle Thiere, die wir kennen, sind zu ihrer Erhaltung und Fortpflanzung zweckmäßig gebaut; sonst wären sie eben nicht vorhanden. Wir können diese individuelle Zweckmäßigkeit gleich noch mehr bewundern. Im Aquarium zu Neapel giebt es immer ein oder mehrere lebende Exemplare von dem Sterngucker (Uranoscopus). Dieser Fisch hat sein Maul nicht vorn, sondern oben; es ist nicht horizontal, sondern vertical, und seine Augen stehen nicht seitlich, sondern ebenfalls oben, sind ihm auf den Rücken gewachsen. Die Lebensweise dieses Fisches erklärt seine Organisation. Er lauert in Sand und Schlamm auf Beute und vergräbt sich dazu so tief, daß nur die Augen noch über dem Boden hervorragen und der verticale Mund nun, wenn er etwas geöffnet ist, eine senkrechte Spalte bildet, die im Schlamme zu sein, aber keinem lebenden Wesen anzugehören scheint. Das Thier ist in dieser Lage vor feindlichen Spähern und Angriffen vollständig gesichert; das ist für ihn selbst zweckmäßig, für seine Verfolger unzweckmäßig. Seine Augen können trotz dieses Versteckes das Gebiet überschauen und nach Beute suchen, und sein eigenthümlich gestalteter Mund ist auch in dieser Lage, wenn der Fisch ganz im Sand vergraben ist, befähigt, die armen Opfer zu packen; das ist wieder eine Zweckmäßigkeit für ihn und zugleich eine Unzweckmäßigkeit für Andere.

Liegt nun der Fisch auf der Lauer und verspürt Hunger, und es zeigen sich in der Nähe kleinere Fische, so scheint es plötzlich, als kröche ein Wurm langsam aus der Erde heraus und krümme sich hin und her; die kleinen Fische, denselben bemerkend, umschwimmen ihn mit gierigen Blicken; bald nähert sich dieser, bald jener, endlich schnappt einer zu, und was geschieht? Fisch und Wurm verschwinden zu gleicher Zeit in den Grund, und zwar in die vermeintliche Schlammspalte, das heißt in den Rachen des Räubers. Dieser scheinbare Wurm ist ein langer walzenrunder Hautlappen im Munde des Sternguckers, ist seine Angel und sein Köder für die Beute, womit er dieselbe durch wurmförmige Bewegungen anlockt und, sobald sie anbeißt, verschlingt.

Ganz ähnlich wie der Sterngucker treibt es der Seeteufel, ein Fisch, der bei schmutzig brauner Schlammfarbe nur aus einem großen platten Kopf mit einem riesigen mit Zähnen reich besetzten Maule zu bestehen scheint, und dieses letztere hat bei der Länge von fünf Fuß, welche der Fisch erreicht, dann mindestens anderthalb bis zwei Fuß Breite. Das ganze Thier [702] macht den Eindruck eines Teufelswerkes, eines fürchterlichen Fangapparates zum Vernichten alles Lebens, das in seine Nähe kommt. Auch der Seeteufel wühlt sich bis auf die hervorstehenden Augen in den Schlamm ein, schaut mit seinen großen Argusaugen rings umher und späht nach Beute. Hat er solche entdeckt, so beginnt er zu angeln; er erhebt langsam eine lange Flossenstrahle, die am Ende einen Fleischzipfel hat und bewegt diesen Lockapparat hin und her; die armen hungrigen und nichts Böses ahnenden jungen Fischchen können nicht widerstehen; sie schwimmen auf den gefährlichen Bissen zu, umkreisen ihn erst ein wenig, und beißen endlich an, und in demselben Momente sind sie auch in dem fürchterlichen Rachen des Grundräubers verschwunden.

Die Italiener nennen den Seeteufel dieser seiner Gewohnheit halber pescatrice (Fischerin). Je nach Umständen fischt er auch in anderer Weise zu gleicher Zeit. Das Riesenmaul ist an beiden Lippen mit Bärteln, das heißt kleinen Hautlappen reich besetzt, die er ebenfalls zum Anlocken der Beute hin- und herbewegt oder die schon durch das Einathmen des Wassers bewegt werden. Die kurze, am Kopfe sehr verbreiterte Körperform, das unverhältnißmäßig große Maul, das mit feinen hechelförmigen Zähnen einer teuflischen Foltermaschine des Mittelalters gleich, die Hautfetzen, welche dasselbe umgeben, die mächtigen Augen, welche, obgleich sie sie in einer weiten Höhle liegen, doch weit hervorstehen und unregelmäßig von Höckern und Gruben umgeben sind, und endlich die schmutzige Schlammfarbe geben dem Thiere das Gepräge der abschreckendsten Häßlichkeit. –

Diesen Beispielen des Nahrungserwerbes durch Ueberwindung Anderer will ich einige interessante Beobachtungen über mütterliche Fürsorge und zärtliche Liebe gewisser Fische beifügen. Der Katzenhai legt große länglich viereckige Eier, welche an den vier Zipfeln in vier lange Fäden auslaufen; und an diesen Fäden findet man die Eier immer zwischen Korallenstauden, zuweilen auch zwischen frei aufgehängt und gut befestigt. Wenn nämlich das Ei heraustreten will, so sucht der Hai nach einem passenden Orte, etwa nach einer Korallenstaude, umher. Es erscheinen zuerst zwei dieser Fäden; das unverhältnißmäßig große Ei sieht man in der Oeffnung. Hat das Thier passende Stauden oder kalkige Korallenstücke gefunden, so umschwimmt es sie einige Male langsam zur Musterung und Ueberlegung über die zweckmäßigste Anlage, zu welcher es zwei dicht beisammen stehende Stauden oder Zweige braucht. Plötzlich dreht sich der Hai rasch im Kreise um eine Staude herum, sodaß die beiden Fäden an derselben aufgewickelt werden. Indem er nun eine Schwimmanstrengung nach vorn macht, zieht er das Ei an den aufgewickelten Fäden vollends heraus. Nur die beiden anderen Fäden befinden sich noch im Leibe; jetzt dreht er sich auch rasch um die daneben stehende Staude oder um den andern Zweig herum, und wickelt dei beiden anderen Fäden ebenfalls auf. Das Ei hängt nun fest angewickelt zwischen den Korallen, sodaß es kein Meerbewohner abzulösen vermag und nach zwei bis drei Wochen sieht man durch die Schale hindurch den jungen Haifisch, wie er, noch mit Dotter verbunden, unaufhörlich die Bewegungen des Schwimmens macht. Nach einigen Monaten schlüpft das junge Thier auf der einen Seite, wo sich das Ei von innen leicht öffnet, aus demselben heraus, tummelt sich frei im Wasser herum und beginnt bald das räuberische Handwerk seiner Eltern. Findet der Hai nicht zwei beisammen stehende Stauden, sodaß er das Ei horizontal zwischen denselben aufhängen kann, sondern nur eine einzelne, dann wickelt er zwei Fäden oben und zwei unten an und giebt dem Ei eine senkrechte Stellung. Fräulein Johanna Schmidt hat in der neuen Auflage von Brehm’s „Thierleben“ eine sehr hübsche- und naturgetreue Abbildung von einem horizontal aufgewickelten Haifischei geliefert. Im Neapolitaner Aquarium findet man immer mehrere solcher Eier mit dem unermüdlich sich hin- und herkrümmenden Embryo zwischen den Korallenstöcken aufgehängt. An diesen Eiern kann man mit bloßen Augen das Keimesleben eines Thieres beobachten.

Was hat nun die Fürsorge der Haimutter für einen Zweck? Sie bedingt das Leben des Kindes. Alle Fische des Meeres haben ein großes Bedürfniß nach sauerstoffreichem Wasser. Alle anderen Fisch-Eier schwimmen entweder frei im Wasser umher oder werden an Felsen angeklebt, wo die Wassercirculation niemals mangelt. Der größte Theil derselben wird dabei, da sie aller anderen Nahrung vorgezogen werden, von anderen Fischen wieder gefressen. Der junge Haifisch ist durch die sehr feste Eischale und dadurch, daß Andere das Ei nicht loszulösen vermögen, vor dieser Vertilgung geschützt. Fiele das Ei nun zu Boden, so würde es, wenn nicht von hungrigen Räubern verschlungen, doch leicht in den Schlamm einsinken, von diesem bedeckt werden, und der Mangel einer guten Wassercirculation würde gar bald den Tod des Embryo zur Folge haben. Frei aufgehängt, hat dasselbe immer frisches Wasser, denn das Ei hat zum Durchlaß desselben besondere spaltförmige Oeffnungen, und der junge Embryo erzeugt durch seine Schwimmbewegungen einen immerwährenden Strom, der ganze und einzige Zweck, wie es scheint, seiner embryonalen Turnübungen. Warum ist es für die Haifamilie aber nothwendig, daß dei Eier so gepflegt werden, während andere Fischfamilien, von deren Eiern neunzig und mehr Procent gefressen werden, doch ganz gut bestehen? Antwort: Weil diese Fische eine Unzahl von Eiern in’s Wasser fallen lassen, sodaß es zur Erhaltung der Art schon genügt, wenn ein ganz geringer Procentsatz derselben erhalten bleibt, während dagegen die Haie nur sehr wenig Eier, nur eines auf einmal, legen, von denen kein großer Procentsatz zu Grunde gehen darf, wenn die Art noch weiter existiren soll. Darum hat sich bei anderen Fischen, welche wenig Eier legen, die Gewohnheit ausgebildet, dieselben an Felsen zu kleben und zu bewachen, wie es die Schwarzgrundel macht.

Nach früheren Berichten soll dieser Fisch, das heißt das Männchen, ähnlich wie der Stichling, der Panzerwels und andere, ein förmliches Nest und zwar aus Algen machen, das Weibchen zur Eierablage dort hineintreiben und die Eier dann bewachen. Obgleich man nun im Aquarium zur Grundel Algen in das Bassin gesetzt hatte, habe ich doch nie beobachten können, daß sie versucht hätte, ein Nest zu machen, allein nachdem das Weibchen die Eier an den Felsen angeklebt hatte, legte sich das Männchen tagelang daneben und schoß mit Wuth auf jeden Fisch los, der irgendwie räuberische Absichten zeigte. Zuweilen versteckte es sich unter den Algen; das benutzten dann die kleinen Seejunker, welche sich in demselben Bassin befanden, aber sich immerhin respektvoller Entfernung gehalten hatten, sofort und versuchten die Eier aufzufressen. Sobald das die Grundel bemerkte, erschien sie wieder bei den Eiern und verjagte die Räuber, die dann, so lange erstere wachte, sich immer an der entgegengesetzten Seite des Bassins auf hielten; dabei wurde das Grundelmännchen stets zwar nicht roth, aber schwarz vor Zorn, wie denn überhaupt Fische und Kopffüßler bei Erregung dunkler, bei Beruhigung blasser werden.

Auch die Meergrundel legt verhältnißmäßig wenig Eier, und soll diese Art erhalten bleiben, so müssen die wenigen mindestens bewacht werden, damit sie nicht umkommen. Um sie aber bewachen zu können, dürfen sie nicht einfach in’s Wasser gelegt werden, um dort frei herumschwimmen zu können, wie das bei den meisten anderen Fischen der Fall ist, sondern sie müssen irgendwo zusammen gehalten werden, was das Weibchen auch ganz gut besorgt. Wie man sieht, geht alle sogenannte Zweckmäßigkeit auf die Erhaltung der Art hinaus, und irgend eine Einrichtung oder Handlung kann auch nur in Rücksicht auf diese Erhaltung zweckmäßig genannt werden; die Erhaltung der Art bestimmt den Zweckmäßigkeitsbegriff, ohne jene wäre der Begriff gar nicht vorhanden. –

Zärtliche Liebe und grenzenlose Eifersucht, wie ich sie bei Fischen nie vermuthet hätte, habe ich bei dem Lippfisch (Labsus) beobachtet. Das Männchen folgte seiner Geliebten tagelang nach jedem Winkel, nöthigte sie dann in ein Bassin und suchte sie am Herausschwimmen aus demselben zu verhindern. Aber in demselben Bassin befanden sich noch andere schöne Werber, die der Angebeteten ebenfalls gefolgt waren; diese verfolgte der Eifersüchtige unaufhörlich und trieb sie schließlich alle zum Bassin hinaus. Dann nahm er der Verbindungsthür gegenüber lange Zeit Posto, und sobald sich ein Nebenbuhler an derselben blicken ließ, schoß er wüthend auf ihn zu und jagte ihn in die Flucht. Dabei unterschied der Fisch zwischen solchen Gesellschaftern, welche seiner Liebe gefährlich waren, und denen, welche es nicht waren, verjagte nur die Männchen seiner Art und ließ andere, wie die Meerbrassen, welche in der Nähe seiner Geliebten herumschwammen, ganz in Ruhe; andererseits wußten diese auch ganz gut, wem die Zornesausbrüche des Verliebten galten, und erschraken nach einiger Zeit nicht im mindesten mehr, wenn dieser aus seinem Wachtwinkel hervorschoß. Fühlte sich das Männchen sicher, dann [703] schwamm es zur Geliebten hin, umschwamm sie und liebkoste sie. Solches Liebesspiel dauerte über acht Tage, während welcher Zeit sich dieses Männchen als unumschränkter Herrscher im Bassin behauptete.

Es ist interessant zu beobachten, wie bei sämmtlichen Wirbelthieren, von den Fischen bis zum Menschen herauf, die Liebeswerbungen immer in derselben Weise erfolgen. „Erröthend folgt er ihren Spuren,“ das könnten dichtende Fische von ihres Gleichen ebenso gut singen, wenn sie die Sprache hätten, wie Schiller. Das Aufsuchen und Nachfolgen der Geliebten, das Werben durch allerlei Bewegungsspiele und Liebkosungen, die Eifersucht auf Nebenbuhler, die Vertreibung derselben und die Kämpfe dabei: all diese Scenen sind schon bei den Fischen, Lurchen, Reptilien, insbesondere aber bei den Vögeln und Säugethieren ganz allgemein, und der Mensch macht keine Ausnahme von dieser Regel.