Das Lick-Observatorium

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Titel: Das Lick-Observatorium
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 254
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[254] Das Lick-Observatorium auf dem Hamilton-Berge in Kalifornien. Das ferne Kalifornien wird demnächst den Ruhm haben, das größte und mächtigste Fernrohr der Welt zu besitzen, und zwar gleichzeitig mit einer Sternwarte, welche die besteingerichtete und bestgelegene auf dem ganzen Erdballe ist. Alles dies auf Kosten eines einzigen Mannes, des inzwischen verstorbenen James Lick, der für die Errichtung dieser Sternwarte die ungeheure Summe von 700000 Dollars, also fast 3 Millionen Mark spendete. Lick war von Herkunft ein Deutscher, da er 1796 in Pennsylvanien von deutschen Eltern geboren wurde. Als armer Junge kam er nach Philadelphia zu einem Klaviermacher in die Lehre. Das Glück war ihm hier jedoch nicht günstig, er wandte sich deßhalb nach Buenos Ayres, wo es ihm durch Fleiß und Tüchtigkeit gelang, im Laufe vieler Jahre etwa 45000 Dollars zu erwerben. Mit dieser Summe zog er 1847 nach Kalifornien, kaufte sich auf dem Grund und Boden der heutigen Stadt San-Francisko an und wurde durch die riesenhafte Entwickelung der letzteren und das ungeheure Steigen der Bodenpreise rasch zu einem der reichsten Leute am Pacific. Sein Interesse für die Sternkunde datirt von vielen Jahren her, und er wußte sehr genau, daß es für die Weiterentwickelung dieser Wissenschaft wichtig sei, eine Sternwarte auf hohem Berge zu besitzen, wo die Luft so ruhig und klar ist, daß die größten Fernrohre ihre volle optische Kraft bewähren können. Es dauerte lange, ehe man einen solchen Berg, der dazu von menschlichen Ansiedlungen nicht allzuweit entfernt lag, auffand. Zuletzt entschied man sich für den Mount Hamilton, 4500 Fuß hoch, 50 englische Meilen südöstlich von San-Francisko gelegen und 13 Meilen von San José. Die Luft ist hier ebenso klar und durchsichtig wie in der benachbarten Sierra Nevada, wo einst Professor Davidson ein im Sonnenlicht blinkendes Spiegelchen von 5 Zoll Durchmesser aus einer Entfernung von 175 englischen Meilen mit bloßem Auge zu sehen vermochte. Nachdem der Berg zur Errichtung der Sternwarte gefunden war, handelte es sich um Beschaffung eines großen Fernrohrs, nach der Bestimmung von Lick des größten Refraktors, der überhaupt hergestellt werden könne. Es zeigte sich bald, daß der Platz für das Observatorium und selbst das Geld dafür leichter beschafft waren, als das Fernrohr, ja als die Rohglasscheiben dazu. Nach sehr langen Bemühungen gelang es endlich, zwei geeignete Glasscheiben von 38 Zoll Durchmesser herzustellen, und der berühmte Optiker Alvan Clark in Cambridgeport erklärte sie für tauglich, um daraus ein Objectiv zu schneiden und zu schleifen, lehnte jedoch im Voraus eine Verantwortung für das Gelingen der Arbeit ab. Den neuesten Nachrichten zufolge ist jedoch das Unternehmen völlig gelungen, und die Sternwarte auf Mount Hamilton wird demnächst in den Besitz eines Riesenrefraktors von 3 Fuß Durchmesser der Linse und 50 Fuß Länge treten. Dieses Instrument, dessen Gesammtkosten sich auf etwa eine halbe Million Mark berechnen, wird nun das mächtigste Sehwerkzeug sein, welches jemals aus Menschenhand hervorging. Niemand vermag vorauszusagen, welche neue Entdeckungen damit in der reinen Luft jener Höhen, auf denen es Platz findet, gemacht werden. Nur so viel weiß man, daß an der Stelle, wo es aufgerichtet wird, kleinere Instrumente so starke Vergrößerungen anzuwenden erlauben, wie nirgendwo an andern Orten.

Nach David Todd’s Meinung ist es wahrscheinlich, daß jenes neue Riesenteleskop in besonders günstigen Nächten die Anwendung einer 3500-fachen Vergrößerung gestatten wird. Diese übertrifft so sehr alle bis jetzt gebräuchlichen, daß man sich von ihrer Wirkung keine rechte Vorstellung machen kann. Die nächste Frage ist immer: Wie wird sich bei einer solchen Vergrößerung der Mond darstellen? Was wird man dann auf dessen Oberfläche sehen? Todd sagt, daß der Mond, der sich nahezu 50000 Meilen von uns entfernt befindet, durch dieses Fernrohr bei jener Vergrößerung bis auf 20 Meilen unserm Gesichtskreise nahe gerückt werde. Wenn man einen Punkt seiner Oberfläche, der gut von der Sonne beleuchtet wird, betrachtet, so wird man alsdann genügend deutlich Objekte derselben erkennen können, welche unsre größten irdischen Gebäude nicht an Ausdehnung übertreffen. Diese Erwartungen sind durchaus nicht zu groß, denn mit schon viel kleineren Instrumenten kann man bei sonst günstigen Umständen Gegenstände auf der Mondoberfläche wenigstens als schwirrende Pünktchen erkennen, die 500 Fuß Durchmesser haben. Man mag hiernach ermessen, was nach dieser Richtung hin noch zu hoffen ist. Nur muß man nicht wähnen, der Beobachter brauche bloß sein Auge ans Fernrohr zu bringen, um dann ohne weiteres Großartiges zu entdecken, vielmehr gilt auch hier

der Satz: „Ohne Fleiß und Schweiß kein Preis!“
K.