Das Reh

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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Das Reh
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 441, 443–444
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 5
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Die Gartenlaube (1858) b 441.jpg

Das Reh.
Wild-, Wald- und Waidmanns-Bilder Nr. 5.

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Wild-, Wald- und Waidmanns-Bilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 5. Das Reh.[1]
(Mit Abbildung.)


Unter allen Hirschgattungen der Welt ist der europäische Hirsch entschieden der edelste, stolzeste Vertreter derselben, obgleich er an Mächtigkeit durch das Elen und durch den amerikanischen großen Elkhirsch weit übertroffen wird. Man hat ihm deshalb auch mit vollem Rechte ausschließlich die Benennung: „Edelhirsch“ beigelegt. Mit gleichem Recht stellt sich unstreitig das Rehgeschlecht als das zierlichste, liebenswürdigste unter diesen Gattungen dar, selbst noch dem niedlichsten von allen, dem Moschushirschchen, gegenüber.

Ohne unsere Lieblinge jagen oder nur stören zu wollen, stehen wir einmal an einem schönen Morgen Ende Mai oder Anfang Juni recht frühzeitig auf und durchstreifen den frischgrünen, duftigen Wald, um unsere harmlosen Lieblinge zu beobachten. Auch wenn wir keine zu Gesicht bekommen sollten (was aber bei einem halbwege guten Rehstande nicht zu erwarten steht), würde uns unser Gang sicher nicht gereuen, so wunderbar erquickend für Seele und Leib ist’s früh im Walde. Ja, hier jauchzt das Herz auf und nirgends kann sich ein innigeres Morgengebet zum Himmel erheben, als in diesem heiligen Dome. Nicht blos bittend wird sich hier der Mensch seinem Schöpfer nahen, sondern zu allererst dankend, daß er ihn so unaussprechlich Schönes genießen läßt, und dann erst wird er bittend flehen, daß er ihn dieser vollkommenen, liebeathmenden, heiligen Natur würdig machen, daß er ihn mehr und mehr zum Einklange mit ihr führen möge. Wenden wir uns jetzt jenem Gründchen zu, über das sich die Buchen mit ihrem smaragdgrünen Laubdache wölben. Schon leuchtet der Aether über ihnen wie eine Glorie; die noch vor Kurzem schimmernden Sterne sind mit ihrem silbernen Glanze verschwunden, als hätten sie sich aus Demuth vor der strahlenden Wohlthäterin, der Sonne, zurückgezogen. In voller Pracht steigt diese, die Erde küssend, empor; das geblendete Auge muß sich abwenden und mit Erstaunen fällt der Blick auf die im himmlischen Lichte zitternden Wipfel all’ der thauerfrischten Bäume und streift von da an den dicht umwobenen Stämmen nieder auf die nach und nach in goldigem Schein erglänzenden Gräser, an denen die frischen Tropfen des krystallreinen Thaues perlen. Wie spielend dringt der goldige Lichtstrom in einzelnen Streifen in das dämmerreiche Gründchen und schießt über ein murmelndes Bächlein und dessen lebendige Wellen hinweg, die, wie von selbst leuchtend, im Dahinfliehen blauäugiges Vergißmeinnicht und zierlich geformte Farrenkräuter netzen. Der Kuckuck ruft uns zu, als wolle er uns zum Aufschauen der Herrlichkeiten ermuntern; wilde Tauben girren in den alten Buchenwipfeln, der Pirol pfeift mit seinem vollen und doch so schmelzend flötenden Tone seine weithin schallende Weise und all’ die andern Vögel des Waldes singen und jubeln, schmettern und jauchzen dem entzückenden Morgen in dieser entzückenden Natur ihre Freude entgegen.

Da, wo sich das Gründchen einmal verflacht und breiter wird, durchschneidet das Bächlein ein blumiges Wiesenplätzchen, und siehe, welch’ reizender Anblick! – ein Reh mit seinen beiden Kälbchen steht am Bachesrand, hin und wieder das niedliche Köpfchen bewegend und mit den unschuldsvollen, klaren, dunkeln und doch so milden Augen[2] umherschauend, dann sich niederbeugend und äßend oder ein schmeichelnd sich anschmiegendes Kälbchen leckend, das hierauf seinem dahinspringenden Brüderchen folgt. Beide setzen muthwillig über Bach und Stauden, einander haschend und überschießend. Kaum ist etwas Anmuthigeres zu denken, als diese niedlich geformten Rehkitzchen in ihren weißgefleckten Jugendkleidchen; dazu die feuchten tiefschwarzen Näschen und die sammetschwarzen und weißen Ränder der Oberlippe, beides noch gehoben durch das weiße Unterlippchen und die weißen Punkte vorn zwischen dem Näschen und den schwarzen Lippenrändern. Mit gleicher Zeichnung am Kopfe ist das alte Reh ausgestattet, während es ungefleckt in seinem aalglatten, gelbrothen, an den Läuften und nach dem Bauche zu heller werdenden und bis in’s Weiße übergehenden Fell von nicht minder reizendem Aussehen ist. Jetzt schreitet es mit elastischem Schritt durch die thauigen Halme und Blumen, um an einer andern Stelle süße Gräser zu naschen, während die Kitzchen im tollen Spiel mit graziösen Sätzen das Bächlein überspringen, in dessen durchsichtigem Gewässer die Forellen pfeilschnell dahin schießen. Der mütterlich lockende Ton des Rehes läßt die Kälbchen inne halten und sich zur Mutter wenden, die sie nun, das eine an ihr saugend, und das andere sie neckend, umdrängen oder umkreisen. So geht es noch ein Weilchen fort, bis die höher steigende Sonne die Gräser trocknet und das alte Reh weiterzieht. Doch jetzt muß dieses etwas in Wind bekommen haben, denn laut schmälend[3] setzt es mit federleichten Sprüngen dahin und alle drei eilen jetzt den dannen, daß die weißen Spiegel[4] im lichten Grün weithin leuchten, bis sie unserem Auge in der Waldestiefe verschwinden. Auch ein Schmalreh, was unbemerkt hinter einem Erlenbüschchen sich geäßt hat, folgt dem Warnungsrufe und eilt den andern nach. Entweder ist dasselbe ein vorjähriges Kälbchen von dem alten Reh oder es hat sich ihm nur angeschlossen, als seine eigene Mutter durch irgend einen Umstand, vielleicht durch die Schlinge eines Wilddiebes oder den Schuß eines sogenannten Jagdliebhabers, um’s Leben gekommen sein mag.

Benutzen wir die falsche Brunft (s. weiter unten) und suchen wir dieselbe Familie im August einmal gegen Abend auf einem Gehau auf, wo sich das alte Reh, seit die Kälbchen erwachsener sind, seinen Stand gewählt hat, so finden wir einen Bock dabei, der dem jugendlichen, braunäugigen Schmalreh, wie es scheint, zu tief in das glänzende, trauliche Augenpaar gesehen hat, so liebebrünstig folgt er ihm auf Schritt und Tritt. Märchenhaft, vielleicht auch etwas kokett, entflieht es zwar seinen Bewerbungen, feuert ihn aber doch wieder durch einen Lockton an, ihm zu folgen. Wo es sich äßt, da verweilt auch er; zieht es weiter, so zieht er mit. Eine kleine Strecke davon übersieht willig die liebende Mutter mit ihren Kälbchen, von denen das eine, vom Springen müde, sich niedergethan hat, während das andere schmeichelnd zur Alten aufblickt, diese kleinen Liebesabenteuer in der Familie; ist sie doch ganz von ihren neuesten Mutterpflichten erfüllt und lebt froh nur ihren Kitzchen. So waltet die allumfassende Liebe der Natur in ihren verschiedenen Ergüssen auch in unserer kleinen Rehfamilie, und wahrlich, kaum dürfte irgend ein Geschöpf in seiner ganzen Erscheinung mehr im Einklange mit so friedlichem Gebahren stehen, als eben das Reh.

Eine eigenthümliche Erscheinung beim Rehwildpret ist die Ende Juli eintretende und nur ungefähr acht bis zehn Tage dauernde so genannte „falsche Brunft“,[WS 1] im Gegensatz zu der wahren Brunft, die erst Ende November und Anfang December eintritt. Jene hat früher zu unendlich vielen Streitfragen Veranlassung gegeben, bis die Wissenschaft, durch sorgfältige Beobachtungen unterstützt, festgestellt hat, daß die wirkliche Begattung erst in den letztgenannten Monaten geschieht. Merkwürdig aber bleibt es immer, daß bei der falschen Brunft der Bock es nur auf Schmalrehe abgesehen zu haben scheint, indem er, sobald er den Ruf einer solchen jugendlichen Schönen hört, im Fluge herbeieilt, um mit der Schmachtenden zu kosen. Wird nun dieser Ton, am besten mit einem Buchenblatt, einem breiten Grashalme oder nur mit den zusammengekniffenen Lippen, oder auch, und zwar am bequemsten, auf einem dazu gefertigten Instrument, dem sogenannten Rehblatt, welches man in den Mund nimmt, gut nachgeahmt, so kann sich der Täuschende darauf verlassen, daß ein etwa in der Nähe stehender Bock, falls dieser nicht schon wirklich ein Schmalreh treibt[5], augenblicklich flüchtig auf ihn zukommt, glaubend, es sei eine Eroberung zu machen, während er auf diese Weise in den Tod läuft. Es ist dies für den Jäger die liebste Art, einen Rehbock zu schießen, und diese wenigen Tage im Jahre, in denen der Rehbock auf’s Blatt springt[6], werden nicht [444] minder sehnsüchtig erwartet, als die gleichfalls nur kurze und heiß ersehnte Zeit, wenn die Schnepfe zieht. Derselbe Ton, nur feiner gehalten, führt auch oft das alte Reh in der Einbildung, das Kälbchen rufe, herbei; doch kann natürlich hier von Schießen keine Rede sein. Wiederholt sich nun Ende November diese Brunft, diesmal, wie bemerkt, die wirkliche, so verliert sonderbarer Weise gerade um diese Zeit der Rehbock das Gehörn,[7] das erst im Mai wieder ausgewachsen ist, ein gewiß sehr auffallender Umstand, da jedes Thier zur Zeit der Begattung nicht nur sein schönstes Kleid, sondern auch alle Zeichen der Mannheit entwickelt besitzt, das Gehörn beim Rehbock aber eben so entschieden seine männliche Zierde, als seine Wehre gegen Nebenbuhler und Neider ist, gegen welche er sie in der falschen Brunft recht gut zu gebrauchen versteht. Dieser Punkt wurde denn auch von der Partei, welche die Augustbrunft für die wahre hielt, stets in die Wagschale geworfen, und allerdings war er nicht ungewichtig. Dennoch ist die von ihm hergeleitete Meinung eine irrige. Wer vermag die Zwecke der geheimnißvoll waltenden Natur zu ergründen, die hier eine Ausnahme von der Regel macht? Bei der wahren Brunft vergißt auch das Mutterreh die Gattenpflicht nicht über der Mutterliebe; sind ihre Kälbchen doch nun schon selbstständiger. Gleicher Weise bleibt nun der Bock den ganzen Winter über bei seiner Auserwählten, von der er sich erst wieder trennt, wenn das Reh instinctartig mehr die Nähe des Menschen aufsucht, um unter dessen mittelbarem Schutze sein Wochenbett zu halten, und dabei von Raubthieren, die ja stets Ursache haben, den Herrn der Schöpfung zu fliehen, weniger gefährdet zu sein.[8]

So leben diese friedfertigen, harmlosen Thiere in Wald und Flur, Abends aus den Dickichten und Stangenhölzern, in welchen letzteren sie sich den Tag über gern aufhalten, herausziehend, um auf die Gehaue und Wiesen, oder, ist’s im Frühjahr, auf die Saaten zu treten. Im Hochsommer bleiben sie am liebsten in den wogenden Saatfeldern, welche sie mehr vor Ungeziefer schützen, als der Wald. Freilich bringen sie da dem Landmanne durch Niedertreten nicht unerheblichen Schaden. Aber nicht das ganze Jahr feiern sie blos ein Dolce far niente; denn auch sie werden von September bis Ende Februar, in vielen Gegenden das ganze Jahr, theils auf dem Anstande, auf dem Pirschgange oder beim Blatten geschossen, theils mit dem Dachshunde aufgestöbert und im Winter getrieben und dabei erlegt. Nach echter Waidmannsart gilt dies allerdings nur dem Bock oder doch nur einem gelten Reh;[9] allein seit dem Jahre 1848 ist ein wahrer Vertilgungskrieg auch gegen diese, allerdings sehr schmackhafte Wildgattung eingetreten und wer irgend zu jagen berechtigt ist, schießt Reh, Schmalreh und Kälbchen ohne Schonung todt, sich mit dem Grundsatze tröstend: „Wenn ich selbst es nicht schieße, so schießt’s der Nachbar.“

Wir gönnen dem Jäger von Herzen die Freude einer vernünftigen Jagd auf Rehe, wie auf jedes andere Wild; denn wollte man aus lauter Zärtlichkeit für so reizende Geschöpfe niemals eins derselben tödten, so würden sie bald zur unerträglichen Plage werden. Darum, lieber Leser, bist Du nicht Jäger, erfreue Dich am schönen Anblicke des Wildes und Waldes, ohne dem Waidmanne die berechtigte Lust am Jagen zu verargen; bist Du aber selbst Jäger, so bewahre Dir die Fähigkeit des Genusses sinniger und denkender Anschauung der Natur mit ihrer lebendigen Schöpfung und bedenke, daß auch das Schönste auf Erden – warum sollte Dein Lieblingsvergnügen ausgenommen sein? – seine Beschränkung haben muß. Dir bleibt außer der Jagd noch viel Schönes übrig, und dies erkennend wirst Du ein waidgerechter und vortrefflicher Jäger sein können, ohne, wie man oft nicht mit Unrecht sagt, zum „rohen Handwerk“ zu gehören.




  1. Die ganze Wildgattung heißt Reh, das Männchen: der Rehbock; das Weibchen: Ricke, Reh; das einjährige männliche Junge: Spießbock; das einjährige weibliche: Schmalreh; die Jungen unter einem Jahre: Kälbchen oder Kitzchen.
  2. Bei allem Wild heißen die Augen eigentlich Lichter.
  3. schmälen, beim Bock schrecken, ist ein Warnungsruf bei geahnter Gefahr und klingt beim Bock wie ein tiefes kurzes Bö, Bö, Bö, das beim Reh weniger tief und voll klingt.
  4. Spiegel: eine Spanne im Durchmesser haltende, herzförmige, weiße Zeichnung am Hintertheile des Rehes, die es namentlich im Springen noch mehr entfaltet.
  5. treiben: verfolgen.
  6. auf’s Blatt springen: dem auf dem Blatte nachgeahmten Tone des Schmalrehes folgen.
  7. Gehörn: Geweih.
  8. Zur Satzzeit, das ist: zur Zeit, wenn das Wild, sowohl Hoch- als auch Rehwild, Junge bekommt, sucht es gern Dickichte, die an Wegen in der Nähe von Kohlenmeilern, Forsthäusern u. s. w. liegen, auf, weil an solchen von Raubthieren gemiedenen Stellen weniger Gefahr für das Junge droht.
  9. Geltes Reh: ein Reh, welches keine Jungen mehr bekommt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche zur „falschen Brunft“ die Berichtigung im Artikel: Das Damwild, Fußnote Nr. 2.