Das Sanssouci der spanischen Königsfamilie

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Textdaten
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Autor: M. L.
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Titel: Das Sansouci der spanischen Königsfamilie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 397–399
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das Sanssouci der spanischen Königsfamilie.

„Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende“ – wer hätte nicht schon diese Worte des Paters Domingo in Schiller’s „Don Carlos“ bei passenden und unpassenden Gelegenheiten citirt! Heute läßt sich dieser Ausspruch sicher mit mehr Berechtigung auf das berühmte spanische Lustschloß anwenden, als zu den Zeiten Philipp’s des Zweiten, jenes fanatischen Despoten, dem die Geschichte das zweifelhafte Verdienst beimißt, das furchtbare Institut der Inquisition zur höchsten Entwickelung gebracht und dadurch den Grund zu der socialen und politischen Zerrüttung gelegt zu haben, die noch heute auf dem einst so blühenden Lande lastet. Dennoch verdankt Spanien diesem Fürsten, den seine Umgebung niemals scherzen, viel weniger lachen sah, manches Geschenk von bleibendem Werthen; viele der bedeutenden Kunstsammlungen der Hauptstadt wurden durch ihn in’s Leben gerufen, Bibliotheken und andere wissenschaftliche Institute begründet und unterstützt, vor Allem aber die architektonische Verschönerung seiner Residenzen mit Eifer und Erfolg betrieben – gewiß ein seltsamer Widerspruch in dem Charakter dieses finstern Zeloten, der dem starren, jede Volksaufklärung mit wahnwitziger Strenge bekämpfenden Katholicismus kaltblütig viele Tausende von Menschenleben zum Opfer brachte.

Die Gartenlaube (1876) b 397.jpg

Die Tritonenfontaine im Parke von Aranjuez.
Nach einer Photographie.

Eine der großartigsten Schöpfungen Philipp’s des Zweiten ist das königliche Lustschloß Aranjuez, dessen ausgedehnte Baulichkeiten und wunderbare Garten- und Parkanlagen ein wahrhaft fürstliches Besitzthum bilden. Es liegt siebenunddreißig Kilometer südlich von Madrid und ist mit der Hauptstadt, außer durch eine vortreffliche Straße, seit dem Jahre 1853 auch durch die nach Alicante führende Eisenbahn verbunden. Das Hauptgebäude des Schlosses hat an der Vorderfront eine Breite von einundzwanzig Fenstern und ist an jeder Ecke mit einem kleinen Thurme geziert. Die äußere Architektur bietet nichts Bemerkenswerthes; sie ist einfach, aber edel gehalten, und die späteren Erweiterungen sind deutlich unterscheidbar, ohne daß dieselben jedoch mit dem ursprünglichen Stile contrastiren. Ein großes, ebenfalls später ausgeführtes Nebengebäude diente den Infanten mit ihrem Hofstaate zum Aufenthalte, während das eigentliche Schloß ausschließlich von dem königlichen Paare selbst benutzt wurde.

Die innere Einrichtung entspricht ganz der äußeren Ausstattung; sie trägt den Charakter prunkloser Eleganz, solider Gediegenheit. Die Treppenaufgänge und Corridors sind mit Büsten und Statuetten geziert, die Wände zum Theil mit Marmor verkleidet und die Plafonds von Künstlerhand mit Ornamenten, Arabesken und allegorischen Darstellungen geschmückt. Ein Flügel des Schlosses enthält das Theater; die Deckenmalereien sind von Mengs. Das Amphitheater für die Stiergefechte ist nach altrömischer Weise mit einer Doppelreihe von Sitzplätzen angelegt und faßt nicht weniger als sechstausend Zuschauer. Hier war einst der Sammelpunkt der hohen spanischen Aristokratie, die, soweit sie nicht zur unmittelbaren Umgebung des Hofes gehörte, zu diesen nationalen Kampfspielen besondere Einladungen erhielt.

Die Schloßcapelle war, bevor sie durch spätere Veränderungen unverständiger Baumeister verunstaltet wurde, ein architektonisches Meisterwerk. Ihr größter Schmuck besteht in einer Anzahl von Gemälden von großem Kunstwerthe, von denen Tizian’s Schöpfung, „Die Verkündigung der Maria“, das bedeutendste ist. Der Maler schenkte das Bild Kaiser Karl dem Fünften, nachdem das sonst so kunstsinnige Venedig, für welches die Arbeit ursprüglich bestimmt war, darüber abfällig geurtheilt hatte. Den Hochaltar ziert ein Gemälde von Mengs, die heilige Familie darstellend; ein anderes großes Bild, „Der heilige Antonius [398] von Padua“, rührt ebenso, wie einige in der Sacristei befindliche Arbeiten, von dem Italiener Corrado Giaquinto her, welcher mehrere Jahre am Hofe Ferdinands des Sechsten zubrachte.

In den Sälen und Gemächern des Schlosses sind noch verschiedene Kunstwerke zerstreut, namentlich verdienen vier große Darstellungen aus der Geschichte Joseph’s nach dem Alten Testamente Beachtung, welche die Wände des Speisesaales zieren. Sie sind von Giordano gemalt, dem auch ein anderes Gemach, das sogenannte „alte Cabinet“, seine künstlerische Ausstattung verdankt. Das Ankleidezimmer des Königs, die Boudoirs der Königin, der Empfangssalon und andere Räume des Schlosses bergen ebenfalls eine bedeutende Anzahl werthvoller Gemälde, namentlich Familienportraits, mythologische Darstellungen und italienische Landschaften von Mengs, Bonito und Mazo. Besondere Aufmerksamkeit schenkten die spanischen Könige der Porcellansammlung, die sich, Dank dieser Fürsorge, im Laufe der Zeit zu einer der reichhaltigsten und werthvollsten dieser Art entwickelte, obgleich sie fast nur Arbeiten aus der königlichen Fabrik zu Buen Retiro enthält.

Der größte Schmuck von Aranjuez aber sind seine Gärten, die in dieser Ausdehnung und Pracht schwerlich ihres Gleichen finden. Breite Doppelalleen der herrlichsten Ulmen laufen nach einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte, auf diese Weise einen riesigen Stern bildend; prachtvolle Baumgruppen wechseln mit Rasenflächen und mächtigen Lilienbeeten; lange, in französischem Geschmacke angelegte Hecken und Laubgänge ziehen sich zwischen Blumenboskets dahin; purpurfarbige Blüthen der Cacteen und Aloen leuchten aus frischem Grün hervor, und blühende Orangen-, Citronen- und Mandelbäume erfüllen die Luft mit ihrem Wohlgeruch. Dazwischen senden prächtige Springbrunnen ihre Kühlung verbreitenden Strahlen in marmorne Becken; zahlreiche Statuen altrömischer Göttergestalten bevölkern den Park, und eine Menge gefiederter Sänger belebt die Wipfel der Bäume und schmettert ihre fröhlichen Melodieen hinaus in die milde Luft.

Die größte Fontaine ist die des Neptun, deren Wasserstrahl alle anderen überragt. Sie zeigt in der Mitte des Bassins den Meeresgott, auf einem Muschelwagen stehend, während den Rand des Wasserbeckens sieben bronzene Gruppen umgeben, von denen die bedeutendste Jupiter darstellt, wie er auf die himmelstürmenden Giganten Blitze schleudert. Die Statuen sind von dem berühmten italienischen Bildhauer Alessandro Algardi (gestorben 1654) gearbeitet und zeigen neben vielen Vorzügen doch auch wieder die Mängel, welche den Arbeiten dieses Künstlers anhaften, namentlich sind sie bei aller Genialität der Erfindung nicht frei von jenem hohlen Pathos, der den Werken der Sculptur etwas Kaltes, Affectirtes verleiht.

Eine zweite Fontaine erhielt ihren Namen von den Hauptfiguren des Werkes, drei Tritonengestalten, die auf niedrigem Sockel am Bassin angebracht sind. Sie steht an Umfang des Wasserbeckens dem Neptunsbrunnen bedeutend nach, übertrifft diesen aber an Kunstwerth der Gruppen und Mannichfaltigkeit der Wassereffecte. Die Arbeiten werden dem verdienstvollen spanischen Bildhauer Alonso Berriguete (starb 1561) zugeschrieben, demselben, der als Hofkünstler Karl’s des Fünften den berühmten königlichen Palast zu Granada, das prächtige Rathhaus zu Sevilla, vor Allem aber die Kathedrale zu Toledo mit Sculpturen schmückte, die dem Besten, was diese Kunst überhaupt hervorgebracht hat, zugezählt werden.

Zahlreiche andere Springbrunnen sind an Größe und Kunstwerth weniger bedeutend, obgleich auch sie, jeder für sich allein, manchem fürstlichen Garten zur hohen Zierde gereichen würden. Die Fontaine des mit der Hydra kämpfenden Hercules, die des Bacchus und die Dornenfontaine, letztere eine Nachbildung der bekannten Antike, würden für bedeutend gelten, wenn sie nicht gegen die Großartigkeit der erstgenannten beiden Wasserwerke zurücktreten müßten. Ein anderer Brunnen führt seltsamer Weise den Namen des Don Juan d’Austria, obgleich nichts an diesen Halbbruder Philipp’s des Zweiten erinnert, die Fontaine vielmehr einfach die Figur einer Venus zeigt. Die Mehrzahl aller dieser Bildhauerarbeiten ist von Marmor und nur einige wenige sind von Bronze; die meisten der Bassins sind aber mit zahlreichen Säulen, Figuren und Gruppen umgeben, die sämmtlich Motive aus der Mythologie zum Vorwurf haben.

Das Wasser zu allen diesen Springbrunnen liefert der eine halbe Stunde entfernte See Mar de Ontigala, der mit Aranjuez durch mehrere Leitungen in Verbindung steht. Das Dorf Ontigala, von welchem der See den Namen führt, war früher der Sommeraufenthalt der fremden Gesandten und wird noch jetzt wegen seiner angenehmen Lage vielfach von Madrider Familien besucht.

Der ganze große Garten ist im Laufe der Jahrhunderte nur wenig verändert worden und trägt in der Hauptsache noch denselben Charakter, wie zu den Zeiten seines Begründers. Er zerfällt in drei Abtheilungen, welche die Namen La Huerta Valenciana, los Deleitos und el Cortijo führen. Der eigentliche Lustgarten zunächst am Schlosse heißt auch Isla, die Insel, weil Philipp der Zweite rings um diesen Theil zur leichteren Bewässerung der Anlagen aus dem Tajo einen Canal führen ließ; die beiden Wasserfälle des Tajo, die so wesentlich zur Erfrischung des Gartens beitragen, sind ebenfalls ein Werk dieses Fürsten. Der Garten des Infanten Don Luis ist für sich abgeschlossen und zeichnet sich durch eine Reihe von Büsten spanischer Herrscher, sowie die Kolossalstatue König Philipp’s des Dritten und die Medaillonportraits Karl’s des Fünften und der Kaiserin Isabella, sämmtlich von Leoni modellirt, aus.

Die Stadt Aranjuez ist ein reinlicher, nach holländischer Art angelegter Ort von etwa zehntausend Einwohnern und besitzt breite, mit Bäumen bepflanzte Straßen, hellgetünchte Häuser mit grünen Fensterläden und Thüren, die der Stadt ein freundliches Ansehen verleihen. Es ist das Ara Iovis der Alten und gehörte nebst dem mehrere Geviertmeilen umfassenden Areal im Mittelalter dem reichen Ritterorden von Sanct Jago, dessen Mitglieder hier häufige Jagden abhielten. Karl der Fünfte lernte bei einer solchen Gelegenheit die Gegend kennen und erwarb sie von dem Orden, aber erst sein Sohn und Nachfolger ließ durch den Architekten Juan de Herrera das Schloß erbauen und mit Parkanlagen umgeben. Aranjuez war oft der Schauplatz glänzender Feste, seine Blüthezeit aber fällt in die Regierung König Ferdinands des Sechsten, wo der Sänger und spätere Minister Farinelli der Königin Maria Barbara zu Ehren eine Lustbarkeit nach der anderen veranstaltete. Das war die Zeit, in welcher das französische Sprüchwort entstand: „Ils sont passés les jours d'Aranjuez“, mit welchen Worten ein halbes Jahrhundert später Deutschlands größter Dichter eines seiner Meisterwerke begann und dadurch dem Namen Aranjuez für alle Zeiten den Glorienschein der Poesie verlieh. Freilich ist der Nimbus, den Schiller’s Muse um das Haupt des Don Carlos wob, mit den historischen Thatsachen nicht in Einklang zu bringen; denn dieser an Körper und Geist verkrüppelte, in tiefster moralischer Versunkenheit dahinlebende Mensch war einer dichterischen Verherrlichung durchaus unwerth.

Die Geschichte hat diesem Lustschlosse der spanischen Könige keine besonders hervorragende Rolle zuertheilt, und nur zweimal fand sie Veranlassung, den Namen desselben in ihre Annalen aufzunehmen. Am 12. April 1772 wurde hier zwischen Frankreich und Spanien der Vertrag abgeschlossen, nach welchem sich letzteres verpflichtete, dem ersteren in dem in Amerika ausgebrochenen Kampfe gegen England Hülfe und Unterstützung zu leihen, ein Uebereinkommen, das für Spanien ohne alle historische Bedeutung blieb. Wichtiger ist ein anderes geschichtliches Ereigniß: der Aufstand zu Aranjuez am 17. März 1808, der zunächst gegen den allmächtigen Minister Karl’s des Vierten, Don Godoy, den sogenannten Friedensfürsten, gerichtet war. Napoleon strebte längst nach dem Besitze der pyrenäischen Halbinsel, die spanische Regierung vermied aber sorgfältig jede Veranlassung, die dem französischen Kaiser hätte zum Vorwande militärischer Maßregeln dienen können. Erst durch eine Intrigue gelang es ihm, seinen Zweck zu erreichen; er hatte den ehrgeizigen und habsüchtigen Godoy durch das Versprechen einer selbstständigen Krone bewogen, an Portugal den Krieg zu erklären – für Napoleon die längst ersehnte Veranlassung, sich in die Angelegenheiten des spanischen Königshauses einzumischen. Sofort rückte er mit einer starken Armee über die Pyrenäen, angeblich um die Streitigkeiten zu schlichten, in Wahrheit aber um das Land zu besetzen und im geeigneten Momente sich des Thrones zu bemächtigen.

Als Godoy den Einmarsch der Franzosen erfuhr, veranlaßte er die königliche Familie, nach Mexico zu fliehen; der Infant [399] Don Ferdinand, Sohn Karl’s des Vierten und dessen Thronerbe, widersetzte sich aber diesem Vorhaben und suchte die Gelegenheit zu benutzen, den verhaßten Friedensfürsten zu stürzen. Während daher das Volk durch die Anstalten zur Abreise vor das Schloß zu Aranjuez gelockt worden war, begab sich der Prinz zu den die Bedeckung bildenden königlichen Garden und rief ihnen zu: „Der Friedensfürst ist ein Verräther; er will meinen Vater entführen. Hindert ihn an diesem Verbrechen!“ Sofort erklärten die Soldaten ihre Bereitwilligkeit, die Abreise des Königs zu verhindern, und kaum hatte das Volk die Absichten des Militärs erfahren, als es seiner Wuth gegen den Friedensfürsten freien Lauf ließ. Der Palast desselben wurde gestürmt, die innere Einrichtung zertrümmert, und Godoy selbst entging nur mit Mühe der Rache des Volkes, das ihn mit Recht im Verdacht hatte, mit Napoleon in geheimem Einverständniß zu sein. Als Karl der Vierte auf des Letzteren Drängen dem Throne endlich entsagte, folgte Godoy dem Könige nach Rom und kehrte erst im Jahre 1847 nach Spanien zurück, um Besitz von seinen ihm wieder zurückgegebenen Gütern zu ergreifen. Godoy starb am 28. September 1851 zu Paris.

Noch heute, wie vor Jahrhunderten, wälzt der Tajo seine trüben Wogen an den herrlichen Gärten des Lustschlosses vorbei, aber nicht mehr, wie damals, mischt sich in das Rauschen derselben der Klang schmetternder Fanfaren, die zu fröhlichen Festen rufen. Nur selten weilt der Hof noch hier, und dann bleibt es still in den weiten Räumen des Schlosses und Gartens; die Zeiten sind zu ernst für das unglückliche Land, um den Sinn für geräuschvolle Lustbarkeiten zu wecken, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß die schönen Tage von Aranjuez für immer vorüber sind.
M. L.