Das Schmerzenskind der Breslauer

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Textdaten
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Autor: Franz Schlegel
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Titel: Das Schmerzenskind der Breslauer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 216–218
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das Schmerzenskind der Breslauer.


„London hat seinen Theodor von Abessinien, einen großmächtigen Elephanten, als Beutestück des bekannten afrikanischen Feldzugs – warum sollten wir in Breslau, einem der Krystallisationspunkte des deutschen Reichs, nicht auch unseren Theodor haben? Unserem zoologischen Garten fehlt ein Elephant – also schafft auch uns einen Theodor!“ heischten die Breslauer, und mit dem hochzuverehrenden Publicum ist bekanntlich nicht zu spaßen. Ein Elephant ist aber ein kostbares Schaustück, kostbar an sich schon, noch kostbarer sein Haus, am kostbarsten sein Unterhalt. Und dann vor allen Dingen – wo einen Elephanten hernehmen? Er fand sich wider Vermuthen schnell. Unser Theodor stand im Londoner zoologischen Garten um den Preis von dreitausend Thalern feil, zwölf Jahre alt, acht Fuß hoch, kerngesund, zugeritten. Nunmehr drängte die nackte Frage: „Wie das Heidengeld zu beschaffen?“ Man verfiel auf den nicht mehr ungewöhnlichen Weg, das Geld durch eine Lotterie aufzubringen. Die Idee wirkte elektrisirend, zündend. Von allen Seiten strömten Gewinne herbei, und in wenigen Wochen schon baute sich ein Bazar auf, bunt und reich. Auch für den Futteretat des Elephanten war gesorgt. Ich schiffte mich nach London ein, um das Thier zu mustern, erreichte aber mein Ziel, in Folge einer höchst unerquicklichen Verzögerung durch Sturm und Wetter, sehr verspätet.

In London angekommen, fand ich den Elephanten schön, fromm und sogar zugeritten. Natürlich konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mich auf seinem Rücken durch den Garten tragen zu lassen, und bedauerte dabei nur, endlich doch wieder absteigen zu müssen. Am liebsten, wenn nicht ein Stückchen Ocean dazwischen gelegen, würde ich meinen Weg gen Breslau fortgesetzt haben. Bis dahin hatte ich niemals Gelegenheit zu einem Elephantenritte gehabt. Einmal nur versuchte ich neben einem Elephantenreiter einherzuschreiten, mußte aber wirklich traben, um nur dem gemächlichen Schritte des allerdings kolossalen Thieres folgen zu können. Bischof Heber schildert die Bewegung des Thieres als gar nicht so unangenehm, obschon von der eines Pferdes sehr verschieden. Beide Beine einer Seite heben sich nämlich gleichzeitig, und so entsteht das Gefühl, als ob man auf den Schultern eines Mannes getragen würde. Ein anderer englischer Reisender, Williamson, dagegen fand die Arbeit auf einem Elephanten zu reiten höchst unbehaglich, widerlich, sogar peinlich und schier ermüdend, zumal wenn es Tagereisen gilt. Gerade die größten Elephanten schienen ihm die schlechtesten Reitthiere. Ich für meinen Theil fand die Schenkelbewegung recht angenehm, doch will ich nicht in Abrede stellen, daß bei größerer Schnelligkeit und längerer Dauer schließlich doch eine Anwandelung wie Seekrankheit hätte erfolgen können.

Kleine Elephanten kann man mit Sattel und Steigbügel reiten. Gewöhnlich bedeckt man den Rücken des Thieres mit einem Kissen oder sicherer mit einem Armsessel, in London sogar zweiseitig zur Aufnahme mehrerer, vier bis sechs Personen. Beim Aufsteigen wird das Thier knieend oder mittelst Leiter bemannt. Ebenso wird das Absteigen ermöglicht, falls man nicht vorzieht, nach Art der Eingeborenen, sich mittelst Tau herunterzulassen. Sämmtliche Elephanten des Londoner Thiergartens – damals deren vier – sind zugeritten und an großen Tagen sämmtlich in Thätigkeit. In keinem anderen Thiergarten Europas kennt man dieses Vergnügen, obgleich einige derselben mehr als einen Elephanten besitzen. So ohne Weiteres läßt sich das Thier freilich nicht besteigen. Auch ihm muß das angelernt werden. Beim indischen Elephanten, dessen Ahnen seit Jahrtausenden schon im Dienste des Menschen stehen, mag das etwas leichter sein. Der Afrikaner, der uns sein Lebenlang nur als Elfenbeinjäger kennen gelernt hat, gebehrdet sich etwas widerwilliger, nimmt aber schließlich doch Lehre an, ganz der vielgerühmten Intelligenz seines Geschlechtes entsprechend. Die indischen Elephanten gelten obendrein als begabter, und unter ihnen werden die Ceyloneser wieder als besonders brauchbar zu Menschendiensten geschätzt. Unser Theodor rühmt sich, seine Heimstätte auf jener Insel zu haben. Möglich wohl, daß die größere Entwickelung der geistigen Fähigkeiten lediglich durch den langdauernden anregenden Verkehr mit Menschen bedingt worden ist, möglich auch, daß der indische Elephant in seinem Abhängigkeitsgefühle gleichsam sich ohne Mißtrauen ganz in der Weise giebt, wie er es von Natur aus ist, friedlich, zuthulich, anstellig. Jung ist das Thier natürlich leichter zu gewinnen und zu gewöhnen. Doch in Indien werden selbst erwachsene Elephanten unschwer gezähmt, zumal sie unter bereits gesittete Genossen gerathen. Immerhin aber rechnet man fünf bis sechs Monate recht sorgfältige Arbeit, bis daß der Wildling auf den Wink parirt. In Europa zieht man indische Elephanten zur Abrichtung vor und zwar weibliche Thiere, weil diese für gelehriger gelten als die männlichen. Im Londoner Thiergarten werden die Elephanten ohne Unterschied der Nationalität zum Reiten benutzt, und aus neuester Zeit sei nur an den prächtig dressirten Elephanten Broeckman’s erinnert, der von Afrika stammt.

Unser Theodor hatte die beste Schule in London genossen, und bei der Aussicht in unserem Garten Gelegenheit zu einem Elephantenritte zu haben jubelte unsere Jugend laut auf. Jeder gelobte sich, fernerhin nie mehr unsere Reitesel, ja kaum die prächtigen bis dahin so sehr beliebten Shetlands-Ponies zu beachten. Schließlich mußte ein Machtspruch gethan und solch romantischer Ritt nur als Belohnung für recht artige, recht fleißige Kinder in Aussicht gestellt werden. Censur Nr. 3 reitet Esel (unter 3 aber rücklings den Schwanz in der Hand), Nr. 2 trabt auf dem Pony und Nr. 1 schaukelt sich als mongolischer Khan auf dem Rücken unseres Elephanten. Der Anblick des imposanten Thieres, hochbeladen mit sechs bis acht Kindern, klein und groß, einem wandelnden Berge, oder wie Aelian sagt, einer Wetterwolke gleich, gelassen an uns vorüberziehend, wirkt geradezu elektrisirend. Dicht neben ihm schrumpft der Beschauer zum Zwerge zusammen. Wirksamer kann keines der Thiere unserer zoologischen Gärten zur Geltung gebracht werden als ein frei sich bewegender, zwischen dem Publicum durchschwankender Elephant.

Der Wärter des Londoner Gartens, der das Thier zu begleiten hatte, war gewonnen, auch wegen Ueberfahrt und Unterkunft des Elephanten mit der Dampfschiffs-Gesellschaft verhandelt worden. Alles in Ordnung. Da kam ein Hinderniß von unerwarteter Seite. Die englische Hausfrau ließ ihren Gatten nicht ziehen, und anderen Tages erklärte mir der Mann ganz entschieden, daß er dem nicht zuwiderhandeln könnte, außer auf Befehl des Directoriums. Die verlockendsten Versprechungen fruchteten nicht. Gezwungen konnte er zu dem immerhin bedenklichen, wenigstens ganz unberechenbaren Transporte keinesfalls werden, und der directe Befehl dazu schloß selbstverständlich ein, daß im Falle eines den Mann treffenden Ungemachs für die ganze Familie zu sorgen sei und zwar nach englischem Pfundfuße. Jedenfalls war aber auch der Mann auf Einflüsterung seiner Collegen und seiner wohl rechnenden Ehehälfte zu der Ueberzeugung gekommen, daß es der allerdümmste Streich gewesen wäre, den er sich jemals zu Schulden kommen lassen konnte, zur Entfernung dieses um seiner Intelligenz willen bei dem Publicum äußerst beliebten und darum für des Kornaks Tasche höchst einträglichen Thieres seinerseits bereite Hand zu bieten. Neben dem Wärter hatte ja auch unser Theodor Sitz und Stimme, und der war schlechterdings nicht von seiner altgewohnten Heimstätte wegzubringen, nicht einmal mit Hülfe des Kornaks, unbedingt aber ganz und gar nicht ohne denselben.

Nachdem das Thier zehn Jahre seines Lebens im dortigen Garten und zwar stets in Gesellschaft mehrerer Genossen zugebracht [217] hatte, schien es mit dem Boden gleichsam verwurzelt. Schließlich reifte die Ueberzeugung, das Thier nicht anders als in geschlossenem und zwar elephantenfestem Behälter der Verschiffung aussetzen zu können, wollte man nicht leichtsinnig in den Kauf nehmen, daß hier der Elephant, zwischen Bergen von Kisten, Möbeln und Fässern, einer ganzen Reihe von Rindvieh hinstürmend, Schaden erleidet wie das jüngst erst mit einem dem Thierhändler Hagenbeck in Hamburg gehörigen weit kleineren Elephanten geschehen ist, daß das Thier über Bord gehe oder auf Ordre des Schiffstyrannen im Oceane unschädlich gemacht werde. Das waren vielleicht die geringsten Bedenken; aber daß an Schiff und Ladung so und so viel Schaden angerichtet, Menschenleben gefährdet werden konnten, daran dachte man freilich in meiner Heimath nicht, wenigstens nicht ernstlich und nicht allerwegen. Man ließ eben einfach den gewichtigsten Factor, den Elephanten selbst, gerade das unbekannte X, außer Rechnung. Freilich mit solchen Größen zu rechnen, ist nicht Jedermanns Sache. Und nicht allein darum handelte es sich, das Thier zur Stelle zu schaffen, was Nichtkennern vielfach Hauptaufgabe dünken mochte; denn ein erwachsener Elephant ohne vertrauten oder doch geschulten Wärter ist unbrauchbar, wenigstens dann, wenn er ein handlicher Bewohner des Gartens sein und bleiben soll.

Ganz unbekümmert um die sich überstürzenden Urtheile der Menge Ungeduldiger, lediglich gestützt auf den Beirath der anerkanntesten Sachverständigen, zog ich, wiewohl schweren Herzens, von London ab, beschaffte in Hamburg einen Elephantenwagen und einen Mann dazu, dem die Aufgabe gestellt wurde, sich auf englischem Boden mit unserem Theodor vertraut zu machen und dann dessen Transport nach Breslau zu leiten. Alles Das ging aber nicht schnell genug, wenigstens nicht nach Wunsch schnell genug. Da – es war gerade an dem Tage, wo der Verabredung gemäß der Elephant in London eingeschifft werden sollte – erreichte uns ein Schreiben der Verwaltung des dortigen Gartens mit der Anzeige, daß der von Hamburg angelangte Wärter von dem Thiere an die Wand gerannt worden, nicht unerheblich beschädigt, doch wiederum auf dem Wege der Besserung, daß aber bei dem Widerwillen, den das Thier gegen den Mann gefaßt, es gerathen sei, an Ersatz zu denken. Solches Hinderniß fehlte eben noch. Die Ungeduldigsten wurden geradezu unwillig und darum ungerecht. Ich selbst wußte mir kaum Rath; von allen Seiten stürmten Vorschläge in so großer Menge, wohlgemeint, aber wohlfeil, auf uns ein, daß, um endlich über das Stadium der Redensarten hinauszukommen, ein Aufgebot sich nothwendig machte.

„Freiwillige vor, die Klügsten voran!“ hieß es; Niemand aber meldete sich, und so waren wir wieder auf uns selbst angewiesen. Wir gehen einen Schritt weiter. Der Wagen wird durch den Elephanten erprobt; unter seinen Füßen prasselt der Boden; derselbe muß erneuert werden. Auch das noch! Nunmehr wird von den dortigen Sachverständigen ein zweiter Begleiter gewünscht, und dieser wird von hier aus nachgesandt. Endlich ist Alles zur Abfahrt bereit, da weigert sich das Dampfschiff, den Passagier mitzunehmen, weil er sich durch seinen Eigensinn in den Geruch der Bösartigkeit gebracht hatte. Durch nochmalige Vorstellung bei der Gesellschaft gelang es, deren Zusage zu gewinnen. Wieder ist Alles in Vorbereitung, da stellt sich heraus, daß der am Ladeplatze des Dampfschiffes arbeitende Krahn nicht Kraft genug hat, um den hundertvierzig Centner schweren Elephanten nebst Wagen an Bord zu heben, und weil ein anderer passender in der Nähe nicht zu haben war, hieß es wiederum auf Verladung des Thieres verzichten. So langte ein Schiff nach dem andern an, immer aber ohne unsern Elephanten. Endlich verhandelte man mit dem Stettiner Dampfer, und auf diesem ging nunmehr die Verschiffung glücklich von Statten.

Nach ziemlich stürmischer Ueberfahrt und darum etwas verspätet traf der Dampfer „Norman“ in Stettin ein. Endlich, am 14. September, standen wir voller Erwartung auf dem Perron des Posener Bahnhofes. Das Signal ertönt, da erscheint am Ende des langen Zuges hoch emporragend ein Bau, der sofort sehr richtig als der Salonwagen unseres Gastes gedeutet wurde. Wir begrüßten denselben unwillkürlich mit einem herzhaften Hurrah. Der Schah von Persien hatte unser Breslau verschmäht, dafür empfingen wir heute eine andere asiatische Größe und zwar nicht zum Besuche blos, vielmehr als hoffentlich recht ständigen Gast.

Jetzt hält der Zug; der Adjutant öffnet die Thür eben weit genug, daß der hohe Herr seine allerdings mehr als landesüblich lange Nase den auf dem Perron Versammelten entgegenstrecken kann. Ehrfurchtsvoll treten wir in gemessene Ferne abseit, weniger jedoch um der wunderbarlichen Begrüßung mittelst der Nase willen, die uns ja von anderen Asiaten her nicht ganz fremd ist, als vielmehr wegen des unerwarteten Trompetenwillkommens in Antwort auf unser Hurrah. Alsbald zog sich der hohe Reisende zurück, und hinter ihm schloß sich der Salon. Schon warten acht Pferde, mit Laub und Kränzen geschmückt, der Abfahrt. Der Reisewagen rückt zur Rampe; die Pferde werden vorgelegt. Der Uebergang des ungewöhnlich hohen Gebäudes auf die abschüssige und obendrein einseitig abfallende Rampe war ein sehr bedenklicher Augenblick, vor dem, ohne daß der theure Gast eine Ahnung davon hatte, uns Umstehenden recht bangte. Jetzt – die Pferde ziehen an – ein kräftiger Ruck – wir halten den Athem an – der Koloß setzt sich in Bewegung – uns versagt der Puls – eben gleitet Theodor die schiefe Ebene abwärts, glücklich, ohne Unfall – da erst athmen wir auf. Die Tour nach dem zoologischen Garten, unter Begleitung Tausender von Menschen zum Triumphzuge werdend, wurde ohne Störung und Hemmniß zurückgelegt. Die Häuser der vom Zuge berührten Straßen waren dicht belagert, und hätte man überhaupt dem seit vielen Monaten bereits und leider allzu säumigen Freunde solch überraschende Eile zu guter Letzt noch zugetraut, die Ziegel auf den Dächern würden sicher nicht verschont geblieben sein.

Sofort nach Einfahrt in den Garten mußten die Thore gegen die anstürmende Menge geschlossen werden. Im Trabe eilte man mit dem für unsere Gartenwege ungewohnt schweren Gefährte bis nahe dem zur Aufnahme des Gastes bestimmten Palais neuindischen Stils. Hier aber strebte die Last sinkend dem Mittelpunkte der Erde zu. Der Wagen stand, wo er stand, und, wohl oder übel, Theodor mußte sich zum Aussteigen bequemen. Die Thür öffnete sich; Kenner aber nur gewahrten, wie dabei Theodor’s Hinterfront zum Vorscheine kam, und mancherseits wurde deren Anhängsel als vermeintlicher Rüssel, seiner Unansehnlichkeit wegen, stark bemängelt. Rückwärts nämlich mußte er und blindlings den ihm gänzlich fremden Boden betreten; an ein Umdrehen im Wagen war nicht zu denken. Obwohl der Abstand von den niedrigen Hinterrädern bis zum festen Grunde nicht übermäßig groß war, so trug der wohlbeleibte Herr doch Bedenken, in’s Ungewisse hinauszutappen. Mehrmals versuchend, zog er immer wieder sein gewichtiges Pedal aus Mangel an Vertrauen zurück. Der Aufenthalt in dem Reisewagen mag für Theodor, wiewohl er aus den Tropen gebürtig, wegen der Enge des Raumes und der dadurch bedingten Hitze und Stickluft recht beschwerlich gewesen sein. Durch die offene Hinterpforte herein fühlte er sich von kühlenden Lüften angenehm umweht; er vernahm des Kornaks ermunternden Ruf, der Peitsche knallende Mahnung – da entschloß er sich endlich, nochmals einen herzhaften Tritt zu wagen, und siehe der Boden widersteht seiner Wucht; der andere Fuß folgt nach, der Rumpf, die Vorderfüße auch; jetzt erscheint der Kopf. Zu beiden Seiten werden Balken parallel gehalten, um ihm den Weg zu bezeichnen, den er zu gehen hat. Geschickt sich wendend, schreitet er dem Kornak innerhalb eines enggeschlossenen Menschenspaliers nach, geruhig, wahrhaft grandios in seinen Park hinein und von da weiter in seinen Wohnraum.

Ein Hurrah der Anwesenden schloß das hochinteressante Schauspiel. Zunächst schien dem Thiere Ruhe unerläßliches Bedürfniß; denn neun volle Tage hatte es in der engen Zelle auf schwankem Schiffe und polternder Eisenbahn verbracht. Nach und nach erst überwand es die furchtbaren Strapazen der Reise.

Noch geraume Zeit beherrschte ihn eine heimwehartige Stimmung; die Sprache, in der wir mit ihm verkehrten, war ihm fremd. Genossen suchte er auch vergebens; unser Heu mundete ihm nicht, unser Brod nicht. Jetzt hat er sich bereits in der neuen Welt eingelebt und Tag um Tag die Besucher mit immer neuen Belegen seiner Intelligenz überrascht, bis wir schließlich ganz und voll das Thier wiedererkannten, welches er im Regentspark [218] gewesen, welches er Dank seiner vorzüglichen Begabung, Dank seiner vortrefflichen Schule im Laufe eines Jahrzehnts geworden.

Unseres Elephanten Lebensgeschichte betreffend, sei mir gestattet, noch beizufügen, daß er im Jahre 1863 als zweijähriger Bursche von Ceylon in London anlangte. Man erzählt sich, daß der dortige Garten durch Ungefähr in Besitz des Thieres kam. Ein englischer Lord verabschiedete sich nach Indien. Seine schöne Freundin band ihm auf Herz und Seele, ihrer auch in der Ferne zu gedenken, und das rückständige „Vielliebchen“ auszulösen. Tage, Wochen und Monate vergingen; der Lord mußte bereits am Reiseziele sein; wieder verstrich Monat zu Monat, da langt in London die telegraphische Nachricht an, daß am Bord des eingetroffenen Indienfahrers ein Elephant für Mistreß X. gelandet worden. Diese allerdings große Aufmerksamkeit hatte sie ihrem fernen Freunde zu verdanken. Unmöglich ließ sich diese indische Curiosität unter den Nippsachen im Boudoir der Dame unterbringen, und der Londoner zoologische Garten war so freundlich – übrigens unsere continentalen Gärten werden vorkommenden Falles in Galanterie sicher nicht nachstehen – das Geschenk an- und aufzunehmen. So kam man dort leichten Kaufes zu dem Thiere; desto schwerer kamen wir aber dazu. Die Leidensgeschichte des Elephanten oder vielmehr derer, die monatelang Alles aufgeboten hatten, den Unhold für hier zu gewinnen, zu eignem größtem Leidwesen aber nicht so schnell wie erwünscht zum Ziele kommen konnten, nebenbei noch womöglich jedwede Verzögerung auf ihr Conto nehmen mußten, ist heute noch im frischesten Angedenken; kein Wunder also, daß wir unseren Elephanten lieben, gleichwie Mütter Schmerzenskinder in Liebe bevorzugen. Aber nicht allein für uns, für das gesammte Breslau ist er das Schmerzenskind; ein Jeder liebt ihn mit Schmerzen, von Herzen.

Den Schlußstein des endlich doch noch zu allseitiger Zufriedenheit abgeschlossenen Werkes bildete naturgemäß ein Festessen des „Elephanten-Comité’s“, dem noch andere Gönner des Institutes sich anschlossen. Bei diesem „Elephanten-Souper“ fand gleichzeitig die officielle Uebergabe des Thieres statt, nebst feierlicher Taufe. Sein Name „Peter“, den er bislang in London geführt, wurde nämlich umgewandelt in „Theodor“, zu dankbarer Erinnerung an den Erfinder unserer Elephanten-Lotterie.

Was wir aber noch ungleich höher anschlagen, als diese immerhin kostbare Bereicherung unseres Thierbestandes, das ist die durch jenes Unternehmen angefachte Belebung des Interesses für unseren Thiergarten. Jeder fühlte sich gedrungen, zu dem Gelingen nach Kräften beizutragen. Jeder hatte somit Theil an der glücklichen Ausführung. Monatelang, ob der Verzögerung fast ein halbes Jahr lang, war unser Elephant das Tagesgespräch; hoffend und fürchtend, tadelnd und klagend erging man sich nach Herzenslust. Immer weitere Kreise, selbst da, wo man sonst ziemlich theilnahmlos ach gezeigt, wurden von dem Elephantenfieber ergriffen; die Reclame bemächtigte sich der Sache mit bestem Erfolge; ein Elephant als Vignette gebot unwiderstehlich Halt in Zeitungen wie an Straßenecken, und selbst das Theater glaubte mit einem flugs erzeugten Localschwank, betitelt: „Der Elephant“, die Tagesfrage zu Capital schlagen zu müssen. Vivat sequens!

Breslau.

Dr. Schlegel.