Das Todeslos

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Textdaten
Autor: Heinrich Morich
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Titel: Das Todeslos
Untertitel: Eine Episode aus dem Siebenjährigen Kriege
aus: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1921, S. 1921
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1920
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Erscheinungsort: Clausthal
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Quelle: Commons
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[19]
Das Todeslos.
Eine Episode aus dem Siebenjährigen Kriege.
Von Rektor H. Morich in Clausthal.


     „Wohlan, ich will Euren Bitten nachgeben. Dreien will ich das Leben schenken, aber einer muß sterben, das verlangt die militärische Zucht. Sie sollen darum losen!“ So rief in höchster Erregung der französische General St. Victor, der soeben in das Sitzungszimmer des Rathauses zu Clausthal eingetreten war. Vor ihm standen die Mitglieder des Magistrats und neben ihm vier Mann seiner eigenen Soldaten, die beschuldigt waren, in Altenau einen Raub ausgeführt zu haben. St. Victor, der [20] im Oktober 1761 an Stelle des zur Belagerung der Burg Scharzfels abkommandierten Generals Vaubecourt den Oberbefehl in Clausthal übernommen hatte, wurde nämlich von den Jägerabteilungen des hannoverschen Oberstleutnants Freytag, der sich vor der Übermacht der Franzosen vom Oberharze hatte zurückziehen müssen, beständig beunruhigt. Auch am 20. Oktober verbreitete sich in Clausthal das Gerücht, daß bei Altenau und Schulenberg verschiedene Abteilungen des Freytagschen Jägerkorps gesehen worden seien. Noch an demselben Abend ging daher eine französische Patrouille von etwa 30 Mann nach Altenau ab, um die feindlichen Jäger aufzusuchen und zu beobachten. Aber wie sehr sie sich auch bemühten, jeden Winkel auszuspähen, von den Freytagschen Jägern vermochten sie nichts zu entdecken, und so machten sie sich denn gegen Mitternacht auf den Heimweg.

     War es der Unmut über die Erfolglosigkeit ihrer Mission, waren es Hunger und Durst, oder wohl gar Raubgier und Mordlust, die sie in diesem Augenblick vergessen ließen, daß ihr General erst vor einigen Tagen strengen Befehl gegeben hatte, das Eigentum der Bewohner des Oberharzes zu respektieren? Hatte er nicht vor kurzer Zeit mehrere Soldaten wegen Ungehorsams auf dem Marktplatz zu Clausthal erschießen lassen? Ja, der General St. Victor war ein strenger Mann, der mit eiserner Hand Zucht und Ordnung in seinem Heere hielt. Ausschreitungen seiner Soldaten ließ er niemals durchgehen, namentlich pflegte er jeden Ungehorsam und jeden Unfug unerbittlich zu bestrafen. Und doch ließ sich die ausgesandte Patrouille, deren Rückgang bei der Altenauer Hütte vorbeiging, durch ihren Anführer verleiten, hier eine Tat zu begehen, die sie später bitter bereuen sollten.

     Die Nacht war dunkel und stürmisch, dazu kalt und regnerisch, der Ort einsam und abgelegen, die Gelegenheit somit günstig und verlockend. Wer sollte sie auch verraten? Waren sie nicht im Feindeslande, wo man es mit dem Mein und Dein nicht so genau zu nehmen braucht? Sie umstellen also das Haus des Hüttenwächters und drangen dann mit Kolbenstößen gegen die Tür, im Namen des französischen Generals Einlaß fordernd. Der so unsanft aus dem Schlafe gerüttelte Hüttenwächter öffnet und im nächsten Augenblick stürmen sie in das Zimmer, wo sie Bier und Branntwein begehren. Doch der Hüttenwächter setzt sich zur Wehr und ruft um Hilfe. Da verlassen die Räuber das Zimmer und durchsuchen die anderen Räume des Hauses, in denen sie dann auch eine Menge wertvoller Sachen, wie silberne Löffel und schöne Wäsche, sowie Bier und Branntwein entdecken. Aber der Hüttenwächter ist damit nicht einverstanden und schreit noch lauter um Hilfe. Dafür wird er gestoßen und mißhandelt, sodaß er schließlich froh ist, durch das Fenster aus den Händen seiner Peiniger entkommen zu können. Nachgesandte Schüsse machen ihm flinke Beine, und nun können die eingedrungenen Kriegshelden ungestört und nach Herzenslust schmausen und zechen. Als sie damit fertig sind und sich gütlich genug getan haben, nahmen sie unter anderen Gegenstände ein Dutzend silberne Eßlöffel Dutzend silberne Teelöffel, ein Dutzend Taschentücher, ein Dutzend Oberhemden, ein Dutzend Servietten und etwa 100 Mark bares Geld zu sich, um damit die Rückreise anzutreten.

     Aber je näher sie der Stadt Clausthal kommen, desto mehr Bedenken steigen in ihnen auf. Das Bild ihres gestrengen Kriegsherrn tritt immer deutlicher vor ihre Seele; sie sehen das ernste Gesicht des Generals und hören seine durchdringende Stimme und wie ein zweischneidiges Schwert geht es durch ihre Seele: „Ihr habt das Eigentum der Bewohner zu schonen!“ Vor ihren Augen flimmert es, und in ihren matten Gliedern liegt es wie Blei; die Füße wollen nicht vorwärts, und es ist ihnen, als wenn sie von unsichtbarer Macht zurückgezogen würden. Die Furcht wird immer größer, und die Unruhe ist kaum noch zu bemeistern. Da machen sie Halt. Noch ist es Zeit, dem nahen Verderben zu entrinnen. Ein rascher Entschluß, und der Anführer mit sechs Mann suchen das Weite, um zu den Feinden überzugehen.

     Kaum ist die übrige Mannschaft in Clausthal angekommen, werden sie auch schon auf den Marktplatz beordert und hier verhört. Der beraubte Hüttenwächter, der den Spitzbuben vorsichtig nachgefolgt war, hatte sich in Clausthal an seine Vorgesetzten vom Bergamt gewandt und diese waren bei St. Victor vorstellig geworden. Der General erschien selbst auf dem Marktplatz, um sich von der Sachlage zu überzeugen. Wie flammte sein Zorn, als er von den Deserteuren hörte! Die vor ihm Stehenden wollten alle unschuldig sein und der Hüttenwächter mußte auch zugeben, daß diese sich weniger an dem Raube beteiligt hätten und daß die Entflohenen die Haupträdelsführer gewesen seien. Aber damit gab sich der General nicht zufrieden, sondern ließ die Soldaten genau untersuchen, wobei schließlich mehrere silberne Löffel zum Vorschein kamen. Nun war es klar. daß auch sie nicht unschuldig waren, und vier von ihnen wanderten in das Arrestlokal.

[21]      Am anderen morgen übertrug St. Victor die weitere Untersuchung dem Magistrat, der auch umgehend den Scharfrichter von Osterode kommen lassen mußte. Schon waren auf dem Marktplatze mehrere Galgen aufgerichtet, als der General auf dem Rathause erschien, um sich nach dem Stande der Dinge zu erkundigen. Aus dem Protokoll, das ihm vorgelesen wurde, ging hervor, daß sich die vier Angeklagten an dem Raube beteiligt hatten. Zunächst befahl der General, von dem Protokoll drei Abschriften anfertigen zu lassen, eine für den Oberkommandanten der französischen Armee, den Herzog von Broglie, der damals sein Hauptquartier in Göttingen hatte, und je eine für den General Luckner und den Oberstleutnant Freytag, die als Befehlshaber der feindlichen Truppen in der Nähe standen. Letztere wurden ausßerdem ersucht, die wegen eines gemeinen Raubes flüchtig gewordenen Deserteure dem französischen Kommando in Clausthal wieder auszuliefern. Sodann verurteilte er die vier Schuldigen zum Tode und zwar sollten sie als gemeine Räuber und Diebe sofort am Galgen aufgeknüpft werden.

     Das schien selbst dem Hüttenwächter zu hart zu sein, und den vereinten Bitten des Magistrats und des Bestohlenen gelang es endlich, den General etwas milder zu stimmen. Doch einer, so meinte er, müsse sterben, die anderen sollten auf die Galeeren. Der Stadtschreiber mußte vier Zettel machen und einen mit dem Worte „la mort“ beschreiben. Wer diesen Zettel zöge, solle des Todes sein. Unter atemloser Spannung begann die Ziehung. Der erste zog einen weißen Zettel, sein Leben war gerettet; der zweite hatte dasselbe Glück, sein Blatt war weiß und leer. Da faßte der dritte zu und – starrte mit Entsetzen in das verhängnisvolle Wort „la mort“; er hatte das Todeslos gezogen. Bleich und zitternd taumelt er zurück und sinkt mit einem Schrei in die Knie. St. Victor aber hält ihm den Todeszettel vor die Augen und ruft: „Mort, Mort!“

     Eine Viertelstunde später hing der Unglückliche auf dem Marktplatze am Galgen, ein beredtes Zeugnis von der unerbittlichen Strenge, aber auch von der Gerechtigkeitsliebe dieses französischen Generals.