Das linguistische Ei des Columbus

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ottomar Beta
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das linguistische Ei des Columbus
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 438–439
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[438]
Das linguistische Ei des Columbus.


Man hört oft davon reden, daß Jemand wohl diese oder jene fremde Sprache verstehe, sie aber trotz des besten Verständnisses nicht sprechen könne. Wie mißlich eine solche Lage ist, erfährt man erst im Auslande, zumal wenn man sich dort heimisch einrichten will, und wie schwer es ist, den Lautcharakter einer fremden Sprache zu bewältigen, geht daraus hervor, daß es Tausende giebt, die Jahrzehnte hindurch sich im Auslande bewegt haben und dennoch nur den Mund aufzuthun brauchen, um sofort als Fremde erkannt und demgemäß leider nicht immer vorurtheilslos behandelt zu werden. Unter den Flüchtlingen, welche ein zu fernsichtiger, in manchen Fällen vielleicht zu kurzsichtiger Eifer Ende der vierziger Jahre über das Meer vertrieb, nach Albions oder Amerikas Gestaden, waren nicht wenige, die mit der Sprache ihres neuen Vaterlandes vollständig vertraut zu sein glaubten und sich nachträglich auf das Grausamste enttäuscht sahen, als ihr auf Schulen, durch Privatfleiß und Lectüre erworbenes Englisch drüben nicht verstanden wurde. Auch mein Vater befand sich in dieser Lage, und es brachte ihn manchmal fast zur Verzweiflung, wenn er noch nach langjährigem Aufenthalte im volkreichen London selbst von dem sonst so höflichen City-Policeman nicht einmal einen einfachen Straßennamen wie Church-Street oder George-Street erfragen, noch vom Gärtner nebenan die gewöhnlichste Blume erhalten konnte. Oft genug bekam er nach längerem Zuhören, kopfschüttelnd gegeben, die Antwort: „Sir, I dont speak German. (Mein Herr, ich spreche nicht deutsch.)“ Ja, je langsamer er sprach, je mehr er sich quälte und mit seinem dicken Stocke aufstieß, um so weniger wollte es gehen.

Als ich während des Krimkrieges ebenfalls nach England kam, wurde ich ohne Umstände in die Parforceanstalt einer englischen Privatschule geschickt, wo ich, wegen meiner Ausländerschaft viel angefeindet, alsbald im Boxen eine gewisse Routine erlangte, mit der Sprache aber ging es auch bei mir sehr schwer von Statten, obwohl ich als Stettiner Junge Verständniß für das Plattdeutsche besaß, welches dem Englischen im Lautcharakter viel näher steht als das binnenländische Hochdeutsch meines Vaters. Der häusliche Verkehr vollzog sich in dem liebenswürdigen hallenser Idiom; meine Gedanken und Träume folgten der deutschen Syntax, und so kam es dahin, daß, obwohl ich für englische Essays einen mühselig errungenen Preis erhielt, doch mein mündlicher Vortrag nach wie vor Gegenstand der Erheiterung blieb.

Die ganz irrige Ansicht, daß der Engländer anders spreche, als er schreibt, fleischte sich bei mir ein, und wenn ich am väterlichen Heerde mein Herz in Klagen hierüber ausschüttete, so wurde ich zwar belehrt, daß die englischen Lautzeichen andere Werthe hätten als die deutschen, aber worin, abgesehen vom Oberflächlichen, der durchgehende Unterschied bestehe, das blieb uns ein stets dunkler werdendes Geheimniß. Wenn wir über das Wesen auch nur des einfachsten englischen Buchstabens uns verständigen wollten, geriethen wir hoffnungslos auseinander. Das Th erklärte mein Vater für einen F-artigen Laut, ich für ein verschrobenes Z. Und so irrlichterirten wir auf dürrer Haide, auf der kein Wörtchen von wahrem Englisch wuchs. Mit uns theilten dieses Loos Tausende unserer Landsleute, wie Hans Breitmann, der deutsche „Philosopedist“ in Philadelphia, dessen verdrehtes Englisch ich als weltberühmt geworden bezeichnen muß.

Des Räthsels Lösung kam mir unerwartet, als ich mich längst wieder auf deutschem Boden befand und an der Saale kühlem Strande den akademischen Honig sog; es kam mir durch einen deutschen Mimen, der, obwohl er kein Wort Englisch verstand, es dennoch richtiger sprach als ich, der preisgekrönte englische Essayist.

Dieser Mime nämlich, ein oberflächlicher und deshalb um so besserer Copist, erschien mir als rettender Engel in der Rolle des Gibbon, in welcher er zur besonderen Bequemlichkeit eines geehrten Publici sich vornimmt, nur deutsch zu sprechen, dies aber auf englische Weise thun muß, wie solche durch Ueberlieferung beim Völkchen der Schauspieler fest steht. Und seine Weise war denn auch in der That so sehr englisch, daß kein Mensch ein Wort seines Deutsch verstand, aber aus dem Lachen nicht herauskam. Die Lösung lag nun auf der Hand. Wir hatten es in London ebenso gemacht, nur umgekehrt. Mit größter Virtuosität hatten wir drüben Englisch auf deutsche Weise gesprochen und mit dem nämlichen Erfolg.

Die Sache scheint komisch, und doch ist es wahr, daß man sich nur durch einen Aufwand von Schauspielerei, oder treffender von Mimik aus der Lage eines mißverstandenen Ausländers herausreißen kann. Wie Demosthenes erst von dem Komödianten Satyrus einigermaßen reden lernte, wie selbst ein Cicero es nicht verschmähte, von dem Tragöden Aesopus und dem Komiker Roscius das sich anzueignen, was seiner gelehrten akademischen Redeweise fehlte, um ihn unbefangen vor der Volksmasse erscheinen zu lassen, so sollte man auch ein wenig mimischer Bemühung nicht scheuen, wo es sich um einen so tiefgreifenden Zweck handelt, wie der ist, der Rede ihren Charakter, der fremden Sprache ihr Lebenselement zu geben, ja, überhaupt verständlich zu werden.

Die Rede ist nach Kant eine Ausgleichung zwischen den [439] Redenden und erfüllt diesen Zweck um so besser, je weniger sie befremdet. Wie man Jemanden zum Sitzen nöthigt und ihm eine Cigarre anbietet, um sich auf die Basis des Ausgleichs mit ihm zu begeben, so ist es ein alter Gebrauch von erprobter Wirksamkeit, die Sprechweise seiner Umgebung zu beobachten mit der man auf ebener Erde verkehren will und muß. Das Loos des Heimathlosen ist nicht zum Mindesten deshalb so bitter, weil ihm seine Umgebung, wie die Erfahrung lehrt, auch nach langen Jahren noch den Fremdling anhört, der gewöhnliche Mann ihm unhöflicher, der Gebildete ihm mit oft unerträglicher Zurückhaltung begegnet.

Jener Mime und ich wurden bald gute Freunde. Ich lernte von ihm Englisch auf englische Weise sprechen und habe seitdem das Glück gehabt, schon oft, namentlich im „English & American Club“ in Leipzig, für einen geborenen Engländer gehalten zu werden. Wie ich nach Abzug der bühnenmäßigen Uebertreibungen ersah, beruht der Unterschied des Lautcharakters zweier Sprachen oder Dialecte in einer angeborenen oder habituellen Mundstellung; es liegt hierbei meist eine der Race oder denn Volksschlage eigenthümliche Bildung der Sprachorgane zu Grunde.

Die Engländer sind nach Creasby, dem Herausgeber eines isländisch-englischen Dictionärs, ihrer Sprache und ihrem Blute nach weit mehr den skandinavischen als den angelsächsischen oder gar den alemannischen Völkern verwandt. Die binnenländisch-sächsischen Elemente sind in England hinter den seefahrenden normännischen zurückgeblieben: die bequemen Athelstanes in Scott’s „Ivanhoe“ sind fast ausgestorben, und so ist bei den Engländern wie in Skandinavien der Langschädel vorherrschend. Dem langen Schädel entspricht aber eine lange Nase, ein langes Kinn, eine lange Zunge. Dazu kommt, daß das englische Leben durchweg eine gewisse Bestimmtheit des Zweckes, eine rücksichtslose Energie im Menschen zeitigt, welche, ebenso wie das lange Kinn, ein physiognomisches Merkmal der eingeborenen Energie bildet, auch ihrerseits mimisch durch ein vorgeschobenes Kinn zum Ausdrucke kommt. – Und diese Gebärde, so zu sagen, tritt namentlich beim Reden in die Erscheinung. Denn es gilt von der Sprache wie vom Charakter das Wort des Sokrates: „Rede, damit ich Dich sehe!“ Erst beim Sprechen erhält die Sprache ein Gesicht, welches der Sprachlernende in erster Linie beobachten müßte, weil dasselbe aus den Lautcharakter von bestimmendem Einflusse ist.

Der Engländer hat nämlich nicht nur von Natur eine weichere, flüssigere Sprache, ähnlich dem Element, auf welchem er so groß ist, und entsprechend den niedersächsischen Idiomen Deutschlands, Hollands, Skandinaviens, sondern diese Weichheit wird von ihn gewohnheitsmäßig bis zur scheinbaren Schlaffheit getrieben. Die rollenden, schnarrenden, heulenden Consonanten des Deutschen sind dem aalglatten, an Schleifungen, Vocalen, stummen Consonanten und Diphthongen so reichen Englisch fast unbekannt Selbst die gesteigerte Nachlässigkeit unsrer lallenden Gecken kommt dagegen nicht an. Sie bleibt ein Bastard; die englische ist Vollblut.

Trotzdem ist es nicht schwer, sie bis zur Vollendung nachzuahmen, wenn man die Vorsicht gebraucht, beim Englischsprechen einfach den Unterkiefer vorzuschieben. Sofort tritt auch die gewünschte Lautverschiebung ein. Wie mit einem Zauberschlage verwandelt sich dann der deutsche Consonant W in den englischen Vocal Doppel-U. unser sprödes Th wird zu dem unsäglich zarten Lispellaut des Briten und jede Härte zur Unmöglichkeit, selbst das geschnarrte R. welches im Englischen nicht vorhanden ist, verschwindet von selbst. Es ist bei vorgeschobenen Kinn nicht mehr möglich, mit deutscher Entschiedenheit, Deutlichkeit und consonantischer Langsamkeit an Gaumen zu arbeiten, sondern man ist gezwungen, die Zunge vorn an und meist sogar unter den Zähnen des Oberkiefers spielen zu lassen. Sie hat statt langer Wege nur noch kurze zu machen, statt schroffer „Alls“, „Alks“, „Aws“ erscheint der englische Halbdiphthong „Aoh“, aus Knie wird Nie etc.

Es würde wohl zu weit führen, wolle ich diese Beobachtungen hier im Hinblick auf andere Sprachen zu einem Gesetze entwickeln. Dem Praktiker genügt die Andeutung; die Nutzanwendung muß man ihm überlassen. Abgesehen von mimischen Merkmalen, z. B. dem schlaffen oder straffen Gaumensegel der musikalischen und unmusikalischen Idiome, spielt das Kinn die Hauptrolle. Und zwar ist der Regel nach die Zunge und die untere Nase proportionirt. Die Nase steht in einem Rapport mit der Zunge, nicht bloß in Betreff der Geschmacks- und Geruchsempfindungen, welchen beiden der gemeinsame Nerv des vierten Schädelwirbels, der Sensorius, dient, sondern auch in Bezug auf ihre Dimensionen. Eine lange, schmale Nase bedingt eine lauge schmale Zunge und diese eine gelispelte Zahnsprache. Und solche ist die englische. Bei den Celten, Iren und Franzosen herrscht die breite, kurze Nase und Zunge vor; ihre Sprache ist demgemäß eine consonantische, geheulte oder doch eine Gaumensprache. Bei den kleinbenasten Chinesen und Mongolen geht die Heulerei so weit, daß sie lauter einsilbige Wörter haben und ein Wort wie „Christus“ in „Chi-li-si-tu-si“ auseinanderlegen. Sie hoben kein R, und es scheut, daß auch hierin die Extreme sich berühren, da die lispelnden Engländer und die näselnden Chinesen beide dieses Lauts entbehren. Immerhin dürfte der angeregte Gedanke fruchtbar sein, und es sollte den Verfasser freuen, wenn, abgesehen von dem praktischen Werthe, den der gegebene Wink für den Deutschen im Auslande vielleicht hat, aus diesem „linguistischen Ei des Columbus“ etwas sich entwickelte, das dem Grimm’schen Gesetze der Lautverschiebung zur Erklärung diente.

Ott. B.