Debarim Rabba/Parasche 11

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Inhalt Parasche 11

Abschnitt 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Auslegung von Dtn 32,3 - 32,4

Dazwischen Halachot: Halacha 26 - Halacha 27

[106]
.סדר וזאת הברכה Parascha XI.
[1] Halacha. Was hat ein Vorbeter, welcher sich geirrt hat, zu thun? Die Weisen haben so gelehrt: Hat der Vorbeter sich geirrt, so tritt ein anderer an seine Stelle. R. Jose bar Chanina sagte: Hat et sich in den ersten drei Benedictionen (des achtzehngliedrigen Gebetes) geirrt, so fängt er wieder beim Anfange des Magen (מָגֵן Schild) an (d.i. von der ersten Benediction, deren Schluss: מגן אברהם Schild Abrahams ist). R. Huna sagte: Hat er sich bei den drei mittleren Benedictionen geirrt, so fängt er wieder an nach האל הקדוש. Rab sagte: Hat er sich bei den drei letzten Benedictionen geirrt, so kehrt er wieder zum Anfange מודים zurück. Oder: Hat der Vorbeter sich[107] geirrt, so tritt ein anderer an seine Stelle. Und wo fängt dieser an? Bei dem Anfange der Benediction, bei der jener sich geirrt hat? Von wem hat man das gelernt? Von den Vätern der Welt (Altvätern). Warum? Weil jeder mit der Stelle anfängt, womit sein Vorgänger (Genosse) geendigt hatte. Wie so? Abraham segnete den Jizchak, wie es heisst Gen. 25, 5: „Und Abraham gab alles, was er hatte, dem Jizchak.“ Was gab er ihm? R. Jehuda und R. Nechemja sind darüber verschiedener Meinung, R. Jehuda sagte: Er gab ihm das Erstgeburtsrecht, weil es heisst das. V. 33: „Und er verkaufte seine Erstgeburt an Jacob.“ R. Nechemja dagegen sagte: Er gab ihm den Segen, wie es heisst das. 27, 28: „Es gebe dir Gott vom Thau des Himmels.“ Da stand Jizchak auf, um den Jacob zu segnen. Er dachte: Mit der Stelle, mit welcher mein Vater geschlossen hat, will ich anfangen. Mein Vater hat mit dem Worte „יתן er gebe“ geschlossen, mit demselben Worte יתן will ich anfangen, wie es heisst Gen. 27, 28: „Es gebe (יתן) dir Gott vom Thau des Himmels.“ Womit hat Jizchak den Segen geschlossen? Mit קרא rufen, wie es heisst das. 28, 1: „Jizchak rief den Jacob und segnete ihn.“ Darauf trat Jacob auf, die Stämme zu segnen. Er dachte, ich will mit dem Worte קרא anfangen, wie es heisst das. 49, 1: „Jacob rief seine Söhne.“ Womit hat Jacob geschlossen? Mit dem Worte „זאת dieses,“ wie es heisst das. 49, 28: „Und dies (וזאת) ist’s, was ihr Vater Jacob zu ihnen geredet.“ Nun trat Mose auf, die Israeliten zu segnen. Er sprach: Ich fange nur mit זאת an. Woher lässt sich das beweisen? Aus dem, was wir Deut. 33, 1 lesen: Und dies ist der Segen.
Oder: „Und dies ist der Segen.“ [2] Das sagt auch die Schrift Ps. 24, 3: „Wer darf den Berg des Ewigen besteigen?“ Die Rabbinen sagen: Dieser Vers redet von Mose. Wer darf den Berg des Ewigen besteigen? Das ist Mose, wie es heisst Ex. 19, 3: „Und Mose stieg hinauf zu Gott“ u. s. w.; „und wer stehn am Orte seiner Herrlichkeit?“ Das ist Mose, wie es heisst Ex. 3, 5: „Denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land.“ „Wer reiner Hände ist“ d. i. Mose, wie es heisst Num. 16, 15: „Nicht einen Esel habe ich von ihnen genommen.“ „Und reinen Herzens ist“ d. i. Mose. R. Jizchak sagte: Wenn ein Idiot (gemeiner Mann) so zu seinem Nächsten spräche, so würde es ihm zur Schande gereichen und Mose sprach: „Warum, Ewiger, entbrennt dein Zorn gegen dein Volk?“ Allein er hatte ein so klares Bewusstsein, dass er nicht sein eigenes Bedürfniss für sich begehrte, sondern das Bedürfniss für Israel. „Wer nicht zum Eitlen erhebt seine Seele“ d. i. die Seele des Aegypters, welche er nicht umsonst, sondern mit Recht genommen hat; „nicht zum Truge schwört“ d. i. Mose, wie es heisst Ex. 2, 21: „Und Mose willigte ein, bei dem Manne zu wohnen.“ „Der empfängt Segen vom Ewigen“ d. i. Mose. R. Tanchuma sagte: Lies nicht: ישׂא, sondern: ישׂיא, er lässt andere den Segen empfangen, (wie es heisst:) [3] „Dies ist der Segen.“[108] In Verbindung mit Prov. 31, 29: „Viele Töchter haben Wackres geleistet, du übertriffst sie aber alle.“ Was heisst das: „Da übertriffst sie aber alle?“ Der Vers redet von Mose, welcher sich über alle erhoben hat. Wie so? Der erste Mensch spricht zu Mose: ich bin grösser als du, denn ich bin im Ebenbilde Gottes erschaffen, wie es heisst Gen. 2, 27: „Und es schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde;“ da antwortete ihm Mose: Ich bin bevorzugter als du, dir ist die Ehre, welche dir gegeben, wieder genommen worden, wie es heisst Ps. 49, 13: „Und der Mensch in all seiner Würde weilt nicht lange,“ aber ich habe den göttlichen Glanz, den mir Gott verliehen, behalten, wie es heisst Deut. 34, 7: „Sein Auge war nicht dunkel geworden und seine Kraft nicht gewichen.“ Oder Noah sprach zu Mose: Ich bin grösser als du, denn ich bin allein aus dem Geschlechte der Fluth gerettet worden. Nein, entgegnete ihm Mose, ich bin bevorzugter als du. Du hast nur dich selbst gerettet, hattest aber nicht die Kraft, dein Geschlecht zu retten, aber ich habe mich und mein Geschlecht gerettet, das wegen des (goldenen) Kalbes sich der Vernichtung schuldig gemacht hatte, wie es heisst Ex. 32, 14: „Da reuete dem Ewigen das Böse, was er geredet, seinem Volke zu thun.“ Womit ist das zu vergleichen? Mit zwei Schiffen auf dem Meere, in welchen zwei Steuerleute (gubernatores) waren, der eine rettete wohl sich, aber nicht sein Schiff, der andere aber rettete sich und sein Schiff, welchen von beiden preiset man? Doch wohl den, welcher sich und sein Schiff gerettet hat. So hat auch Noah nur sich gerettet, aber Mose hat sich und sein Geschlecht gerettet. Das soll nun mit den Worten gesagt sein: „Du aber übertriffst sie alle.“ Abraham sprach zu Mose: Ich bin grösser als du, denn ich habe die Wanderer (eig. die Vorüberziehenden und Ankommenden) gespeist. Darauf entgegnete Mose: Ich bin bevorzugter als du. Du hast nur Unbeschnittene, ich aber habe Beschnittene gespeist, und nicht nur das, du hast nur auf bewohntem Boden gespeist, ich aber habe in der Wüste gespeist. Oder Jizchak sprach zu Mose: Ich bin grösser als du, denn ich habe meinen Hals auf den Altar hingestreckt und das Antlitz der Schechina gesehen. Mose entgegnete: Ich bin bezorzugter als du, du hast die Schechina gesehen und deine Augen sind erblindet, wie es heisst Gen. 27, 1: „Und es geschah, als Jizchak alt geworden und seine Augen blöde waren vom Sehen.“ Was heisst: מראות vom Sehen? Vom Sehen der Schechina. Ich habe mit der Schechina von Angesicht zu Angesicht geredet und meine Augen sind nicht dunkel geworden, wie es heisst Deut. 34, 7: „Sein Auge war nicht blöde geworden und seine Kraft nicht entflohen.“ (Es heisst Ex. 34, 29: „Mose wusste nicht, dass die Haut seines Antlitzes Strahlen warf.) Jacob sprach zu Mose: Ich bin grösser als du, ich habe mit dem Engel gekämpft und ihn überwunden. Mose entgegnete: Du hast nur mit dem Engel in deinem Kreise (Gebiete d. i. auf der Erde) gekämpft, ich aber stieg zu ihnen in ihr Gebiet[109] und sie haben sich vor mir gefürchtet, wie es heisst Ps. 68, 13: „Die Könige der Heerschaaren flohen, sie flohen.“ Darum sagte Salomo: „Viele Töchter haben Wackres gethan, du aber übertriffst alle.“ Gott sprach: Weil er von allen am höchsten gehalten ist, so soll er die Israeliten segnen. „Und dies ist der Segen.“ [4] Oder: „Und dies ist der Segen.“ R. Samuel bar Nachman sagte: Als Mose die Israeliten segnen wollte, kamen die Thora und Gott, um Israel zu segnen. „Und dies (וזאת) ist der Segen,“ d. i. die Thora, von der es heisst Deut. 4, 44: „Und das (וזאת) ist das Gesetz, welches Mose den Kindern Israels vorlegte.“ „Womit Mose segnete“ d. i. Mose, „der Mann Gottes“ d. i. Gott vgl. Ex. 15, 3: „Der Ewige ist der Mann des Krieges.“ Und das alles warum? Um zu erfüllen, was gesagt ist Koh. 4, 12: „Ein dreifach gedrehter Faden wird nicht so leicht zerrissen."[1] Oder: „Dies ist der Segen.“ R. Tanchuma fragte: Wenn es אלהים Gott heisst, wozu braucht noch אישׁ Mann, und wenn es אישׁ Mann heisst, wozu braucht noch אלהים Gott zu stehen?[2] Allein in der Stunde, wo Mose in den Fluss Aegyptens geworfen war, war er אישׁ, aber in der Stunde, wo das Wasser in Blut verwandelt worden war, war er אלהים (weil dies etwas Göttliches war). Oder in der Stunde, wo er vor Pharao floh, war er אישׁ, aber in der Stunde, wo er Pharao in’s Meer stürzte, war er אלהים. Oder in der Stunde, wo er in den Himmel stieg, war er אישׁ — was will אישׁ sagen? Er war ein Mann, den Engeln gegenüber, die nur von Feuer sind — aber in der Stunde, wo er vom Himmel herabstieg, war er אלהים. Woher lässt sich das beweisen? Aus Ex. 34, 30: „Und sie fürchteten sich ihm zu nahen.“ Oder in der Stunde, wo er sich zum Himmel erhob, war er אלהים, denn wie die Engel nicht essen und trinken, so ass und trank auch er nicht, wie es heisst Ex. 34, 28: „Und Mose war daselbst bei dem Ewigen vierzig Tage und vierzig Nächte.“ Oder was heisst: „Der Mann Gottes? R. Abin sagte: Von der Hälfte hinab. (Vom Herzen herab) war er אישׁ, von der Hälfte hinauf (vom Herzen hinauf) war er אלהים. Was heisst: [5] „Vor seinem Tode?“ Die Rabbinen sagen: Was that Mose? Er nahm den Todesengel, warf ihn vor sich hin und segnete dann die Stämme, jeden besonders, gemäss seines Segens.[3] R. Meïr sagte: Der Todesengel kam zu Mose und sprach zu ihm: Gott sendet mich zu dir, du sollst heute enthoben werden. Geh’ weg von hier! fuhr ihn Mose an, ich will Gott preisen, wie es heisst Ps. 118, 17: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und erzählen die Thaten Jahs.“ Was brüstest du dich? entgegnete ihm der Todesengel, er (Gott) hat einen, der ihn preist, Himmel und Erde preisen ihn in jeder[110] Stunde, wie es heisst Ps. 19, 2: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Mose sprach: Ich heisse sie schweigen und preise ihn, wie es heisst: „Horchet, ihr Himmel, ich will reden.“ Der Todesengel kam zum zweitenmal zu ihm. Was that Mose? Er sprach den ganzen Gottesnamen aus, und der Engel nahm die Flucht, wie es Deut. 32, 3 heisst: „Denn den Namen des Ewigen rufe ich an.“ Als derselbe zum drittenmale zu ihm kam, dachte er: Weil er von Gott gesandt ist, muss ich mich dem Rechte fügen. Woher lässt sich das beweisen? Weil es heisst das. V. 4: „Siehe der Fels, fehllos ist sein Wirken.“ R. Jizchak sagte: Die Seele Moses schied sich schwer, Mose unterhielt sich mit ihr und sprach: Denke, meine Seele, dass der Todesengel über dich Gewalt gewinnen will. Die Seele antwortete: Das wird Gott nicht thun s. Ps. 116, 8: „Denn du errettest meine Seele vom Tode.“ Dann sprach er: Hast du sie (die Israeliten) weinen sehen und hast du mit ihnen geweint? Sie antwortete s. das.: (Er rettet) „mein Auge vom Weinen.“ Er sprach zu ihr: Denkst du, dass man dich in die Hölle hinabstossen will? Sie antwortete: (Er rettet) „meinen Fuss vom Fall.“ Er sprach zu ihr: Und wohin wirst du einst gehen? Sie antwortete: „Ich werde vor dem Ewigen im Lande der Lebenden wandeln“ (s. das. V. 9). Als Mose das hörte, gab er ihr die Erlaubniss mit den Worten: „Kehre zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe“ (s. das. V. 7). R. Abin sagte: Bei seinem Verscheiden priesen die Unteren ihn mit den Worten: „Das Gesetz hat Mose uns befohlen,“ und die Oberen priesen ihn mit den Worten: „Gerechtigkeit des Ewigen hat er geübt“ und Gott pries ihn mit den Worten Deut. 34, 10: „Und nicht erstand wieder in Israel ein Prophet wie Mose.“ [6] „Dies ist der Segen.“ Halacha. Der Israelit, der hinaufsteigt, um in der Thora vorzulesen, darf nicht eher lesen, als bevor er den Segen gesprochen hat? Zuerst muss er den Segen sprechen und hernach darf er lesen. Denn in der Stunde, als Mose die Thora zu empfangen gewürdigt ward, sprach er zuerst den Segen und nachher trug er vor (קרא). R. Eleasar fragte: Welches war der Segen, den Mose über die Thora gesprochen hat? Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der dieses Gesetz erwählt, es heilig erklärt und Wohlgefallen hat an denen, die es befolgen. Es heisst nicht: an denen, die sich damit bemühen und nicht an denen, die darüber nachdenken, sondern: an denen, die es befolgen d. s. diejenigen, welche die Worte der Thora befolgen. Ein Mensch spricht: Ich habe Weisheit, aber nicht die Thora erlernt, was soll ich daselbst thun? Gott sprach zu den Israeliten: Bei eurem Leben! alle Weisheit und alle Thora ist eine einzige leichte Sache; jeder, der mich fürchtet und nach den Worten der Thora handelt, hat dann alle Weisheit und die ganze Thora in seinem Herzen. Woher lässt sich das beweisen? Es heisst Ps. 111, 10: „Der Weisheit Anfang ist Furcht des Ewigen, die beste Einsicht hat, wer darnach[111] thut,“ ferner das. 19, 10: „Die Furcht des Ewigen ist rein, bestehend für immer,“ ebenso Hi. 28, 28: „Die Furcht des Ewigen ist Weisheit.“ [7] Warum war Mose so glücklich, dass Gott sich mit ihm beschäftigte? Als er nach Aegypten hinabging und die Erlösung Israels herangekommen war, waren alle Israeliten mit Silber und Gold beschäftigt, Mose aber ging um die Stadt drei Tage und Nächte herum, um Josephs Sarg aufzufinden, denn sie konnten nur mit Josephs Sarg aus Aegypten ziehen. Warum? Weil sie Joseph vor seinem Tode beschworen hatte, wie es heisst Gen. 50, 25: „Und Joseph beschwor die Kinder Israels und sprach: Gott wird euch heimsuchen, dann führet meine Gebeine hinauf von hier.“ Als Mose sich so sehr bemühte, begegnete ihm Segulla.[4] Da sie sah, dass Mose von der Bemühung (Anstrengung) ermüdet war, fragte sie ihn: Mein Herr Mose! warum bist du so ermüdet? Er sprach zu ihr: Drei Tage und drei Nächte umgehe ich die Stadt, um den Sarg Josephs zu finden, und ich finde ihn nicht. Komm mit mir, sprach sie zu ihm, ich will dir ihn zeigen. Sie führte ihn an den Fluss und sprach zu ihm: An diesem Orte haben sie einen Sarg gemacht, 500 Centner schwer und ihn in den Fluss gesenkt. Und so sprachen auch die Bilderschriftkenner und Zauberer zu Pharao: Willst du, dass diese Nation nicht von hier wegziehe, so mache, dass sie nimmer die Gebeine Josephs finden, so können sie auch nicht fortziehen. Mose stand am Ufer des Flusses und rief: Joseph, Joseph! du weisst, was du den Israeliten geschworen hast s. Gen. 50, 25: „Gott wird euch heimsuchen,“ gieb dem Gotte Israels die Ehre und halte die Erlösung Israels nicht auf. Du hast gute Werke aufzuweisen, flehe um Erbarmen vor deinem Schöpfer, dass der Sarg aus der Tiefe emporsteige. Sofort fing sich Josephs Sarg zu bewegen an und er stieg wie ein Rohr aus der Tiefe, er nahm ihn, lud ihn auf seine Schulter, trug ihn und alle Israeliten folgten ihm. Die Israeliten trugen das Silber und Geld, was sie aus Aegypten mitgenommen hatten, Mose aber trug den Sarg Josephs. Mose! sprach Gott zu ihm, du denkst etwas Geringes vollbracht zu haben. Bei deinem Leben! dieses Liebeswerk, was du vollbracht hast, ist etwas Grosses. Du hast nicht an Silber und Gold gedacht, darum will ich auch dir die Liebe erweisen und mich mit dir beschäftigen. [8] Als die Tage herannahten, wo Mose aus der Welt scheiden sollte, sprach Gott zu ihm: Siehe, deine Tage sind herangekommen. Mose sprach vor ihm: Herr der Welt! nach all dieser Anstrengung (die ich gehabt), sagst du zu mir: „siehe, deine Tage sind herangekommen,“ nein, „ich will nicht sterben, sondern leben und die Thaten des Ewigen erzählen.“ Das kannst du nicht, erwiederte Gott, denn das ist aller Menschen Bestimmung. Herr der Welt! fuhr Mose fort, so erbitte ich mir etwas anderes von dir[112] vor meinem Tode, nämlich dass, wenn ich eingehe, alle Himmelspforten und Tiefen sich spalten (aufthun) mögen und sehen, dass es nicht deines Gleichen giebt. Woher lässt sich das beweisen? Weil es heisst Deut. 4, 39: „So erkenne heute und nimm es zu Herzen, dass der Ewige Gott im Himmel oben und auf der Erde unten und keiner mehr.“ Da antwortete ihm Gott: Du sagtest: ואין עוד keiner weiter, auch ich sage das. 34, 10: „Es wird kein Prophet weiter in Israel erstehen, wie Mose,“ (V. 11) „nach Ansehung aller der Zeichen und Wunder, welche ihn Gott beauftragt hatte zu thun,“ (V. 12) „und der grossen und furchtbaren Thaten, welche Mose that vor den Augen des ganzen Israel.“ [9]Siehe, es nahen sich deine Tage zu sterben.“ R. Ibo sagte: Mose sprach: Herr der Welt! mit dem Worte, mit welchem ich dich unter 60 Myriaden, die deinen Namen heiligen, gepriesen, willst du den Tod über mich verhängen, wie es heisst: „Siebe, es nahen sich deine Tage zu sterben?“ Alle deine Masse sind doch Mass gegen Mass (d. i. du bist doch gerecht, du vergiltst Mass gegen Mass), hier wäre ein schlechtes Mass gegen ein gutes, ein mangelhaftes gegen ein volles, ein beschränktes gegen ein weites. Auch dieses Mass, entgegnete Gott dem Mose, das ich dir mit הן angekündigt, ist ein gutes, nämlich Ex. 23, 20: „Siehe (הנה), ich sende einen Engel vor dir her,“ und Prov. 11, 31: „Siehe (הן), dem Gerechten wird schon auf Erden vergolten“ und Mal. 3, 23: „Siehe (הנה), ich sende euch den Propheten Elia.“ Und sowie du mich unter 60 Myriaden erhoben hast, so will ich dich einst auch unter 55 Myriaden vollkommener Gerechten erheben, wie es heisst: הן siehe. Das Wort הן hat so viel in der Zahl, ה ist 5 und ן ist 50. [10] R. Jochanan bemerkte: Zehnmal steht das Wort מת Tod über Mose geschrieben, nämlich Deut. 31, 14: „ Siehe, es nahen sich deine Tage zu sterben (למות),“ das. 32, 50: „Und stirb (ומות) auf dem Berge,“ das. 4, 22: „Denn ich muss sterben,“ das. 31, 29: „Denn ich weiss, dass ihr nach meinem Tode (מותי) übel handeln und vom Wege abweichen werdet,“ das. V. 27: „Siehe, während ich noch bei euch lebe, seid ihr widerspenstig gegen den Ewigen, und wieviel mehr nach meinem Tode (מותי),“ das. 33, 1: „Und das ist der Segen, womit Mose die Kinder Israels segnete vor seinem Tode (מותו),“ das. 34, 7: „Und Mose war 120 Jahre alt, als er starb (במותו),“ das. V. 5: „Und so starb (וימת) Mose daselbst, der Knecht des Ewigen,“ Jos. 1, 1: „Und es geschah nach dem Tode (אחרי מות) Moses“ u. s. w., das. V. 2: „Mose, mein Knecht, ist gestorben (מת).“ Daraus erheilt, dass sogar zehnmal über ihn beschlossen war, dass er nicht in das Land Israel kommen sollte, aber dieses harte Urtheil über ihn nicht besiegelt ward, bis endlich der grosse Gerichtshof über ihm erschien und ihm verkündete: Es ist von mir beschlossen, dass du nicht über den Jordan gehen sollst, wie es heisst: „Denn du sollst nicht über diesen Jordan gehen.“ Das war aber noch gering in Moses Augen, welcher vielemal gesagt hat: Israel hat oftmals grosse Sünden begangen und als ich[113] für sie flehte, nahm er das Gebet von mir an (fand ich Gehör), wie es heisst Deut. 9, 14: „Lass ab von mir, ich will sie vertilgen.“ Und was steht daselbst? Ex. 32, 14: „Gott bedachte sich des Bösen.“ Num. 14, 12 heisst es: „Ich will es schlagen mit Pest und es vertilgen.“ Was steht daselbst? V. 20: „Und der Ewige sprach: ich verzeihe,“ und ich, der ich von meiner Jugend an nicht gesündigt habe (mir nichts habe zu Schulden kommen lassen), um wie viel mehr, dass er, wenn ich für mich bete, es von mir annehmen wird (dass ich Gehör finden werde). Da Gott sah, dass die Sache in den Augen Moses so gering erschien und er nicht im Gebete stand, schwur er eilends bei seinem grossen Namen, dass er nicht in das Land Israel kommen sollte, wie es heisst Num. 20, 12: „Darum (לכן) sollt ihr dieses Volk nicht in das Land bringen, das ich ihnen geben will.“ Unter לכן ist nicht anderes als שבועה Schwur zu verstehen vgl. 1 Sam. 3, 14: „Darum schwöre ich dem Hause Elis.“ Als Mose sah, dass über ihn der Gerichtsbeschluss besiegelt war, legte er sich Fasten auf, zog einen kleinen Kreis um sich, und stellte sich hinein, und sprach: Ich weiche nicht eher von hier, bis der Beschluss aufgehoben ist. Was that Mose? Er kleidete sich in Sack und hüllte sich in Sack, bestreute sich mit Asche und stand in Gebet und Flehen vor Gott, so dass Himmel und Erde und die ganzen Ordnungen der Schöpfung erbebten. Sie dachten nämlich: Vielleicht ist der Wille Gottes gekommen, seine Welt zu erneuen (eine neue Welt zu erschaffen). Da erscholl eine Himmelsstimme und sprach: Der Wille Gottes ist noch nicht gekommen, seine Welt zu erneuen (eine neue Welt zu erschaffen), sondern wie es heisst Hi. 12, 10: „In dessen Hand die Seele alles Lebendigen ist und der Geist alles Fleisches des Mannes.“ Unter איש Mann ist kein anderer als Mose zu verstehen vgl. Num. 12, 2: „Und der Mann Mose war sehr demüthig, mehr denn alle Menschen auf dem ganzen Erdboden.“ Was that Gott? Er rief in jedes Thor der Veste (des Himmels) und in jeden Gerichtshof, dass sie das Gebet Mose nicht annehmen und es nicht vor ihm aufsteigen lassen sollten, weil der Beschluss über ihn besiegelt worden sei. Da rief Gott den Engel, welcher über das Ausrufen gesetzt war, mit dem Namen Achresiel (אכרזיאל, אכזריאל der Ausrufer) schnell herbei und er sprach zu den Dienstengeln: Steiget hinab und verschliesset alle Thore der Veste (des Himmels), denn stark ertönet die Stimme eines Gebetes nach der Höhe. Sie wollten aufsteigen zur Veste wegen der Stimme von Moses Gebet; denn das Gebet Mose glich einem Schwerte, welches zerreisst und zerschneidet und es hält nichts zurück; denn sein Gebet war von gleicher Bedeutung wie der unaussprechliche Gottesname, denn er hatte es gelernt von seinem Lehrer Sagsagel (זגזגאל, der Hellleuchtende Gottes), dem Schreiber der Kinder der Höhe. Ueber jene Stunde heisst es Ezech. 3, 12: „Und ich hörte hinter mir die Stimme eines grossen Getönes: Gepriesen sei die Herrlichkeit des Ewigen von[114] ihrem Orte.“ Unter רעש ist nichts anderes als זיע Beben und unter גדול gross niemand anders als Mose zu verstehen, wie es heisst Ex. 18, 3: „Auch der Mann Mose war sehr gross im Lande Aegypten, in den Augen der Diener Pharaos und in den Augen des Volkes.“ Was bedeutet das: „Gepriesen sei die Herrlichkeit des Ewigen von ihrem Orte?“ In der Stunde, als die Wagenräder und die Seraphim des flammenden Feuers sahen, dass Gott das Gebet Moses nicht annahm und auf ihn keine Rücksicht nahm und ihm nicht Leben spendete und ihn nicht in das Land Israel kommen liess, sprachen sie: „Gepriesen sei die Herrlichkeit des Ewigen von ihrem Orte,“ vor welchem kein Ansehen der Person ist, weder für den Kleinen, noch für den Grossen. Woher lässt sich beweisen, dass Mose in jenem Abschnitt (Momente) 515 mal betete? Aus Deut. 3, 23: „Und ich flehte (ואתחנן) zum Ewigen zu dieser Zeit also.“ Das Wort ואתחנן hat 515 in der Zahl. In dieser Stunde sprach Mose vor Gott: Herr der Welt! dir ist offenbar und bekannt, welche Mühen und Anstrengungen es mir in Bezug auf die Israeliten gekostet hat, bis sie an deinen Namen glaubten, wie sehr ich mich um die Vorschriften bemüht habe, bis ich ihnen Gesetz und die Vorschriften beibrachte; ich dachte: so wie ich sie in Bedrängniss gesehen, so würde ich sie einst in ihrem Glücke sehen, jetzt ist das Glück Israels gekommen und du sprichst zu mir Deut. 31, 2: „Du sollst nicht über diesen Jordan gehen.“ Siehe, dadurch machst du doch deine Thora ungiltig (trüglich), wie es heisst das. 24, 15: „An seinem (demselben) Tage sollst du ihm (dem Arbeiter) seinen Lohn geben, lass nicht die Sonne darüber untergehen, denn er ist arm und seine Seele schmachtet darnach, dass er nicht über dich schreie zum Ewigen und du eine Sünde auf dich ladest.“ Ist das eine Vergeltung für eine vierzigjährige Arbeit, welche ich geleistet habe, bis sie ein heiliges und treues Volk wurden, wie es heisst Hos. 12, 1: „Jehuda benimmt sich zügellos gegen Gott und gegen den treuen Heiligen.“ Der ruchlose Engel Samael, das Oberhaupt aller Satane, wartete in jener ganzen Stunde auf den Tod des Mose. Er sprach: Wenn naht das Ende oder der Augenblick, an welchem die Tage Moses um sind, dass ich hinabfahre und seine Seele von ihm hole? Auf ihn hat David gesagt Ps. 37, 32: „Es lauert der Frevler auf den Gerechten und sucht ihn zu tödten.“ Es giebt keinen ruchloseren unter den Satanen als Samael und es giebt keinen gerechteren unter allen Propheten als Mose, wie es heisst: „Nicht ersteht ferner ein Prophet in Israel wie Mose, den der Ewige kannte von Angesicht zu Angesicht.“ Womit ist das zu vergleichen? Mit einem Menschen, der zu einem Hochzeitsmahl (eig. zu einem Mahle von Bräutigam und Braut) eingeladen war und er harrt (konnte es nicht erwarten) und spricht: Wann naht ihnen ihre Freude, dass ich mich daran erfreue! Ebenso harrte der ruchlose Samael auf Moses Seele und sprach: Wann wird Michael weinen und ich aus vollem Munde lachen! bis Michael zu ihm sagte: Wie,[115] Frevler! ich weine und du lachst? s. Mich. 7, 8: „Freue dich nicht, meine Feindin, über mich! zwar fiel ich, doch stehe ich wieder auf, zwar sitz ich in Finsterniss, doch der Ewige ist mein Licht.“ „Zwar fiel ich“ durch Moses Hinscheiden, „doch stehe ich wieder auf“ durch Josuas Vorsteher- (Verpflegungs-) amt, wenn er die 31 Könige niederwerfen (überwinden) wird; zwar „sitze ich im Finstern“ bei der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels, „doch ist der Ewige mein Licht“ in den Tagen des Messias. Nun blieb dem Mose nur noch eine Stunde Frist. Da sprach er vor Gott: Herr der Welt! wenn du mich nicht in das Land Israel kommen lässest, so lasse mich hier in dieser Welt, dass ich lebe und nicht sterbe. Da antwortete ihm Gott: Wenn ich dich nicht sterben lasse in dieser Welt, wie soll ich dich beleben in jener Welt? Und nicht nur das, du machst auch mein Gesetz trüglich, denn es steht in meinem Gesetze durch dich geschrieben: „Aus meiner Hand rettet niemand (s. Deut. 32, 39). Herr der Welt! fuhr Mose vor Gott fort, wenn du mich nicht in das Land Israel kommen lassen willst, so lass mich sein wie die Thiere des Feldes, die Kraut essen und Wasser trinken und leben und die Welt sehen (geniessen). Es möge meine Seele wie eins von ihnen sein. Gott entgegnete: Es ist genug (d. i. sprich nicht weiter)! Mose aber fuhr fort: Herr der Welt! wenn nicht, so lass mich in dieser Welt wie dieser Vogel sein, der nach allen vier Himmelsgegenden fliegt, seine Nahrung täglich sammelt und zur Abendzeit zu seinem Neste zurückkehrt. Es möge meine Seele wie einer von ihnen sein! Es ist genug! sprach Gott. Was heisst das: Es ist genug? Gott sprach zu ihm: Es ist genug, was du geredet hast. Da Mose sah, dass ihn kein Geschöpf vom Wege des Todes erretten konnte, sprach er die Worte Deut. 32, 4: „Der Fels, fehllos ist sein Wirken; denn alle seine Wege sind Recht; ein Gott der Treue, ohne Falsch, gerecht und grade ist er.“ Was that Mose? Er nahm die Rolle und schrieb darauf den Gottesnamen und das Buch des Liedes (Deut. 32); er hatte aber noch nicht ganz zu Ende geschrieben, so war der Augenblick eingetreten, in welchem er sterben sollte. Da sprach Gott zu Gabriel: Gabriel geh und hole Moses Seele. Herr der Welt! entgegnete er vor ihm, wer so wichtig ist, wie 60 Myriaden, wie kann ich dessen Tod ansehen? Und wer solche Dinge (Eigenschaften) besitzt, wie kann ich den mit Zorn behandeln? Darauf sprach Gott zu Michael: Geh’ und bringe du Moses Seele! Er sprach vor ihm: Herr der Welt! ich war ihm ein Lehrer und er war mir ein Schüler, ich kann seinen Tod nicht sehen. Darauf sprach Gott zu dem ruchlosen Samael: Geh’ und bringe du Moses Seele. Sofort rüstete er sich mit Zorn und umgürtete sich mit seinem Schwerte und hüllte sich in Grausamkeit und ging zu Mose. Als er ihn sah, da sass er und schrieb den vollen Gottesnamen und der Glanz seines Ansehens glich der Sonne und er war einem Engel des Ewigen Zebaoth ähnlich. Da fürchtete sich Samael vor Mose und sprach: Führwar! keine Engel können[116] die Seele des Mose nehmen. Bevor aber Samael sich dem Mose zeigte, wusste Mose schon, dass er gekommen war. Als Samael den Mose erblickte, ergriff ihn Zittern und Beben, wie eine Gebärerin, und er fand keinen Anlass mit Mose zu reden, bis endlich Mose dem Samael zurief Jes. 57, 21: „Kein Friede, spricht der Ewige, den Frevlern!“ Was willst du hier? fragte er ihn. Samael antwortete: Um deine Seele zu holen, bin ich gekommen. Mose: Wer sendet dich? Samael: Der, welcher alle Geschöpfe erschaffen hat. Mose: Du wirst meine Seele nicht bekommen. Samael: Die Seelen aller Weltbewohner sind mir übergeben! Mose: Ich habe mehr Kraft als alle Weltbewohner. Samael: Worin besteht deine Kraft? Mose: Ich bin Amrams Sohn; ich bin von meiner Mutter Leibe beschnitten in die Welt gekommen, ich brauchte nicht beschnitten zu werden. Am Tage, da ich geboren wurde, konnte ich sofort reden, ich konnte gleich laufen, und ich redete mit meinem Vater und mit meiner Mutter und ich bin nicht mit Milch gesäugt worden. Als ich drei Monate alt war, weissagte ich, dass ich einst das Gesetz aus Feuerflammen empfangen werde, und als ich auf die Strasse ging, trat ich in den Palast des Königs und nahm die Krone von seinem Haupte. Als ich 80 Jahre alt war, that ich Zeichen und Wunder in Aegypten und führte 60 Myriaden vor den Augen aller Aegypter heraus, spaltete das Meer in zwölf Theile, verwandelte das bittere Wasser in süsses; ich stieg empor und betrat den Weg in den Himmel, führte Krieg gegen die Engel, und empfing das Gesetz von Feuer, ich wohnte unter dem Throne von Feuer, barg mich unter einer Feuersäule und sprach mit ihm (Gott) von Angesicht zu Angesicht, ich siegte in der oberen (himmlischen) Familie und entdeckte ihre Geheimnisse den Menschenkindern, ich empfing das Gesetz aus der Rechten Gottes und lehrte es den Israeliten, ich führte Krieg mit Sichon und Og, den beiden Heldenkönigen der Welt, welchen zur Zeit der Fluth die Wasser wegen ihrer Höhe nur bis zu ihren Knöcheln reichten, ich hiess Sonne und Mond in der Höhe der Welt still stehen, schlug sie mit dem Stabe in meiner Hand und erlegte sie. Wer ist unter den Weltbewohnern, der solches auszuführen vermag? Geh’ weg von hier, du Frevler, du hast kein Recht, so zu sprechen. Geh’, fliehe vor mir, ich gebe dir meine Seele nicht. Samael kehrte zurück und erstattete Bericht vor der Allmacht. Geh’ und bringe Moses Seele, sprach Gott wieder zu Samael, und sofort zog er sein Schwert aus der Scheide und stellte sich bei Mose ein. Dieser wurde zornig und nahm den Stab in seiner Hand, in welchem der Gottesname eingegraben war und schlug damit den Samael mit all seiner Kraft, bis dass er vor ihm floh und er lief ihm nach mit dem Gottesnamen, nahm den Strahl seiner Hoheit von seinen Augen, dass er erblindete. Nun war nur noch ein Augenblick dem Mose übrig, das Ende desselben verkündete eine Himmelsstimme mit den Worten: Das Ende deines Sterbens ist nun da! Mose sprach vor Gott: Herr[117] der Welt! gedenke des Tages, an welchem du mir im Dornenbusch erschienst und zu mir sagtest Ex. 3, 10: „Komm, ich will dich zu Pharao senden und führe mein Volk, die Kinder Israels, aus Aegypten;“ gedenke des Tages, an welchem ich auf dem Berge Sinai stand 40 Tage und 40 Nächte, ich bitte dich, gieb mich nicht in die Hand des Todesengels! Da liess eine Himmelsstimme die Worte vernehmen: Fürchte dich nicht, ich selbst werde mich mit dir und deinem Begräbniss beschäftigen. Nun erhob sich Mose, heiligte sich, wie die Seraphim, und Gott liess sich von den höchsten Himmeln herab, um Moses Seele aufzunehmen, die drei Dienstengel Michael, Gabriel und Sagsagel waren mit ihm. Michael machte die Lagerstätte für Mose zurecht, Gabriel breitete ein Gewand von Byssus aus zu seinen Häupten und Sagsagel zu seinen Füssen, Michael von der einen Seite und Gabriel von der andern Seite. Da sprach Gott zu Mose: Senke deine Augen, das eine auf das andere! Gott sprach ferner zu ihm: Lege deine Hände auf die Brust! und er legte seine Hände auf die Brust. Gott sprach abermals zu ihm: Lege deine Füsse einen auf den andern! Er legte seine Füsse einen auf den andern. In dieser Stunde rief Gott die Seele aus seinem Körper mit den Worten: Meine Tochter, 120 Jahre hatte ich dir bestimmt, dass du im Körper Moses seiest, jetzt ist nun dein Ende gekommen, dass du herausgehest, zögere nicht! Herr der Welt! sprach sie, ich weiss, dass du der Gott aller Geister und aller Seelen bist, dass auch die Seelen aller Lebenden und Todten in deine Hand gegeben sind; du hast mich erschaffen, du hast mich gebildet und du hast mich in den Körper Moses 120 Jahre gegeben (wohnen lassen) und jetzt, giebt es wohl einen reineren Körper in der Welt, als derjenige von Mose ist, in dem weder übler Geruch, noch Wurm, noch Fäulniss gesehen wird? Darum habe ich ihn auch lieb gewonnen und ich will jetzt nicht aus ihm herausgehen. Seele, fahre aus! sprach Gott wieder zu ihr, zögere nicht, ich lasse dich aufsteigen zu den obersten Himmeln und lasse dich wohnen unter dem Thron meiner Herrlichkeit neben den Cherubim, Seraphim und Schaaren (des Ewigen). Sie sprach vor ihm: Herr der Welt! von deiner Schechina von oben stiegen zwei Engel herab, Usa und Asasel, und hatten Wohlgefallen an den Töchtern der Erde und sie verderbten ihren Weg auf der Erde, bis du sie schweben liessest zwischen Himmel und Erde, allein Amrams Sohn liess sich von dem Tage an, wo du ihm im Dombusch erschienest, nicht mit seinem Weibe ein (eig. er kam nicht zu ihr), wie es heisst Num. 12, 1: „Und Mirjam und Aaron redeten wider Mose, um des äthiopischen Weibes willen, welches er genommen; denn ein äthiopisches Weib hatte er genommen.“ Ich bitte dich, lass mich im Körper Moses. Da küsste ihn Gott und nahm ihm mit dem Kuss des Mundes seine Seele. Gott weinte (und sprach) Ps. 94, 16: „Wer erhebt sich für mich gegen die Bösen? wer steht für mich gegen die Uebelthäter?“ Der heilige Geist sprach Deut. 34, 10: „Es steht[118] hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose.“ Die Himmel weinten und sprachen Mich. 7, 2: „Der Fromme ist dahin von der Erde.“ Die Erde weinte und sprach das.: „Einen Redlichen unter den Menschen giebt es nicht.“ Und als Josua seinen Lehrer suchte und ihn nicht fand, weinte er und sprach Ps. 12, 2: „Hilf, Ewiger, denn der Fromme hat vollendet, die Zahl der Redlichen unter den Menschen nimmt ab.“ Die Dienstengel sprachen: „Gerechtigkeit des Ewigen hat er geübt!“ Die Israeliten weinten und sprachen: „Und seine Rechte mit Israel.“ Diese und jene (alle zusammen) riefen Jes. 57, 2: „Er komme in Frieden und ruhe auf seinem Lager, der nach Recht wandelte.“ Prov. 10, 7 heisst es: „Das Andenken des Gerechten dauert zum Segen“ und seine Seele für das Leben der künftigen Welt.
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אכי״ר בילא״ו

d. i.

Amen, so geschehe sein Wille! gepriesen sei der Ewige in Ewigkeit!

Amen. Amen.

  1. Der Segen sollte dadurch Dauer bekommen.
  2. Beides geht auf Mose; überall da, wo er etwas Ausgezeichnetes geleistet hat, heisst er אלהים Gott, sonst heisst er אישׁ.
  3. Vor seinem Tode d. i. er segnete sie Angesichts desjenigen, der ihn tödten wollte.
  4. S. Sota fol. 13 und Midr. Schem. r. Par. 20.
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