Der Dichter und der Maler des deutschen Philisters

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Textdaten
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Autor: K.
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Titel: Der Dichter und der Maler des deutschen Philisters
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 91–92
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Dichter und der Maler des deutschen Philisters.

Vor beinahe hundert Jahren saß die gewöhnliche Abendgesellschaft der „Honoratioren“ des westphälischen Städtchens Bochum trübselig um die trüben Kerzen gruppirt in sichtlicher Verstimmung; Der schneuzte unaufhörlich die Lichter, Jener purrte in der irdenen Pfeife, ein Dritter blies Ringe, ein Vierter stand vor dem winzigen rauchbeschlagenen Spiegel und drehte an seiner Frisur, just als ob’s ihm zu Herzen ging, daß ihm der Zopf so hinten hing. Wo bleibt der Doctor? hatte Jeder schon mehrmals gefragt, bis zuletzt der Wirth mit der Nachricht kam, ein Bergknappe, vom schlagenden Wetter gefährlich erkrankt, nehme des Arztes Hülfe noch zu später Stunde in Anspruch. Wenn der Doctor fehlte, dann stockte die ganze Conversation. Er war der Hecht im Karpfenteich, als solchen hatte ihn jedes Mitglied der Gesellschaft längst kennen und – fürchten gelernt. Wie persiflirte er die Gäste, wie unbarmherzig nahm er heute Diesen und morgen Jenen zum Stichblatt, und wen ließ er überhaupt ungeschoren? Das wußten Alle und dennoch konnten sie die Zeit seiner Ankunft nicht erwarten.

Die neunte Stunde war nahe, da hörte man den Wirth auf dem Flur sagen: „Gott sei Dank, daß Sie kommen!“ Und er kam; die breiten, dicknasigen, runden Gesichter des Stübchens schauten alle nach der Thür, als jetzt ein Mann mit feinem, spitzen Profil und blitzenden Augen über die Schwelle trat. Nun war Alles gut. Zwar erkaltete zu Hause das Abendessen, zwar erwartete die „Schwärmer“, wenn sie nicht prompt neun Uhr am Familientisch saßen, eine Gardinenpredigt – aber heute ging es nicht anders, denn wer konnte Neues nach Hause bringen, ohne den Doctor gesprochen zu haben!

Und der Doctor hatte Neues und diesmal ganz besonders Interessantes. Er zog ein kleines Zeitungsblatt hervor und verlas einen Aufsatz über Lavater’s Physiognomik, erklärte dann auch ausführlich die neue Erfindung des berühmten Gelehrten, „die Kunst, aus den Zügen des Antlitzes den Charakter des Menschen zu erkennen“, und als er mit schelmischem Blicke die Gesichter, welche sehr wenig boten, was man Physiognomie hätte nennen können, musterte, kam er zu dem Schluß: „Wir, wie wir hier sitzen, könnten dem Lavater einen interessanten Stoff bieten und zugleich die Probe machen, ob er etwas versteht. Lassen wir dem Manne alle unsere Silhouetten schicken, er mag danach unsere Charaktere beurtheilen. Ich will ihm dazu schreiben, er wohnt in Zürich, in vier Wochen können wir Antwort haben.“

Daß die bloße Linie des Profils, wie sie eine Silhouette bot, für den Beurtheiler der Gesichtszuge schwerlich ausreichen würde, diesen naheliegenden Zweifel äußerte Niemand, Jeder war von der Wichtigkeit seiner Person so überzeugt, daß er annahm, der Züricher Gelehrte werde nach dem Schattenriß unzweifelhaft schon den ganzen Geist des Antlitzes erkennen. Und hatten sie denn nicht Recht gehabt, so zu denken? Erschien nicht nach Monatsfrist der Doctor jubelnd in ihrem Kreise mit der Antwort? Lavater hatte ein Meisterstück gemacht! Der mehrere Bogen dicke Brief enthielt die ausführliche Schilderung des Charakters eines jeden Einzelnen, bis auf die Knochen waren der Pastor wie der Apotheker, der Berggeschworene wie der Materialhändler secirt und mit grausamer Treue geschildert. Von der Erlaubnis des Doctors, wonach Jeder seine Charakteristik mitnehmen könne für seine Frau, hat nicht ein Einziger Gebrauch gemacht.

Der Doctor hieß C. A. Kortum, und wenn wir nun noch hinzufügen, daß es derselbe ist, dessen Heldengedicht

„Leben, Meinungen und Thaten
Von Hieronymus Jobs, dem Candidaten,“

jenes unübertroffene Meisterstück des Knittelverses, heute ganz Deutschland kennt, so ist es wohl überflüssig zu bemerken, daß Lavater von dem ganzen Streich nie etwas erfuhr und daß Kortum dessen Namen nur benutzte, um an einer Gruppe von Philister-Originalen seinen sprudelnden Witz zu erproben und Studien für sein Epos zu machen.

Von seinem engen, kleinstädtischen Gesichtspunkte aus war der Mann im Stande, die Menschen so treffend darzustellen, daß man [92] sie noch hundert Jahre später im Süden wie im Norden des ganzen deutschen Vaterlandes als die Typen der sehr großen und nie austerbenden Race erkennt, der von den Studenten später, lange nach Kortum’s Tode, mit dem Namen „Philister“ gekennzeichneten deutschen Spießbürger. Wir haben erzählt, wie der Autor der Jobsiade es anfing: er studirte und schrieb nach dem Leben, und hat nur dadurch Unsterbliches an das Lichte gefördert. Er selbst ist im Jahre 1824 gestorben; aber ein Menschenalter nach seinem Tode folgte dem Dichter des Philisters der Maler nach, der nicht minder bedeutend wurde, weil er gerade so wie sein Vorgänger verfuhr: der bekannte Johann Peter Hasenclever, der geniale Schöpfer des vielfach nachgebildeten und verbreiteten „Examens“ (aus der Jobsiade), der „Weinprobe“, der „Spielbank“ und des „Lesecabinets“.

Hasenclever’s Gesichtskreis war von Haus aus noch enger, als der Kortum’s. Seine Heimath, das auf hohem Bergrücken gelegene Remscheid, ist so zerstreut gebaut, daß ein geselliger Verkehr der Bewohner kaum herzustellen ist, und wie die Zustände vor fünfzig Jahren, als der Sohn des Grobschmieds Hasenclever seine Jugend verlebte, gewesen, hat er uns oft erzählt: „Wir gelangten in die Schule ebenso bequem durch die Wand, wie durch die Thür.“ Mit hausbackenem Schulunterricht rüstete ihn später die Bürgerschule in Ronsdorf aus; daß er aber unter solchen Umständen nicht sogleich ein Genie wurde, wird ihm Niemand verdenken. Als er auf der Düsseldorfer Akademie schon den Antikensaal und die Malclasse hinter sich hatte, sagte ihm der Director Schadow: „Sie hätten lieber Schuster werden sollen, als Maler.“ Freilich quälte sich der arme Kunstjünger damals noch mit biblischen und Historienbildern. Erst, als die Jobsiade ihm so gut gefiel, daß er eine Nachahmung der Knittelverse zu schreiben versuchte, kam er auf die rechte Fährte und wurde der Apelles des deutschen Philisters.

„Wenn ich meine Originale nicht stehle, so kriege ich die richtigen nicht,“ sagte er mir eines Tages im Kaffeehause, als er, hinter einer Zeitung verschanzt, den charakteristischen Kopf eines damals in Düsseldorf neuangestellten Landgerichtsrathes skizzirte. Ich fand es recht philisterhaft, seine Physiognomie einem Künstler zu verweigern, und citirte das Beispiel eines Freundes, dessen Antlitz Schadow zu einem Christuskopf und Hildebrandt zum Mörder Tyrrell in den ‚Söhnen Eduard’s’ benutzt habe. „Ja, wenn man aus einem Kopfe was machen kann! Aber wenn ich Modell male, so weiß Jeder, daß er auf dem Bilde ein dummer Kerl wird. Du, zum Beispiel, hast einen prächtigen Kopf für den Jobs; was würdest Du sagen, wenn Du mir’ sitzen solltest?“

„Daß ich auf der Stelle dazu bereit bin,“ lautete mein Entschluß, und so kam ich zu der Ehre, die mir heute noch eine zweifelhafte Eloge Seitens meiner Kinder einbringt, wenn sie den großen Kupferstich ,das Examen’ betrachten und in der Hauptfigur den Papa erkennen.

Hasenclever wollte mich mit seinem Vorschlage nicht beleidigen, er glaubte nicht so streng an Lavater, daß er eine Uebereinstimmung des Geistes mit dem oberflächlichen Gesichtsausdruck angenommen hätte, und der feinere Ausdruck, der Charakter des Gesichtes blieb seinen Künstlertalente vorbehalten; ihn copirte er nicht von dem Modell. Aber wie hat jener nun längst in Gott ruhende Landgerichtsrath es ihm verdacht, daß er leibhaftig einen Platz erhielt auf dem großen Bilde aus 1848: ‚Stadtverordnete empfangen eine Arbeiter-Deputation’! Die Figur, zu welcher er damals im Café unbewußt gesessen, schlich sich nämlich vor der drohenden Gefahr leise aus der Sitzung fort. Hatte der Maler dies Motiv etwa nicht dem Leben entnommen? Waren nicht in Köln vier ‚Väter der Stadt’ so tapfer gewesen, daß sie in die sogenannte Löwengrube des alten Rathhauses hineinsprangen und Einer von ihnen sich das Bein brach?

Die Feigheit des Philisters zu charakterisiren, konnte er also nicht ohne Hindernisse unternehmen; viel besser ging es dagegen mit der Tapferkeit des Philisters, die sich bekanntlich nur hinter der Flasche zeigt. Zu seinen ,Weinproben’ fand er überall willige Modelle, obgleich er hier[WS 1] die Satire ebenso vorwalten ließ, wie in seinen Jobsiade-Bildern, und es ihm gar nicht einfiel, elegante und geniesprühende Zecher darzustellen.

„Für die meisten Ihrer Consumenten ist dieser Tropfen viel zu gut, der Geist, das edle Feuer ist an der Mehrzahl der Zecher zugleich verloren,“ sagte Hasenclever lachend, als wir in seiner Werkstatt eine Achtzehnhundertsechsundvierziger in Gesellschaft eines liebenswürdigen Weinbergbesitzers von der Mosel genossen.

„Du darfst mit solchem Weine Deine Philister nicht in Verbindung bringen, der ist für ideale Zecher gewachsen,“ bemerkte ich. Wir setzten fest, daß er sein eigenes Portrait zum Modell nehmen solle für das Bild eines Zechers, der mit dem Römer in der Hand eine Dithyrambe anstimmt. In übersprudelnder Laune sagte er dem Weinlieferanten die Skizze dieses neuen Bildes als Geschenk zu.

Im „Examen“ hatte Hasenclever die Gelehrten, in dem „Stadtrath“ die amtlichen Würdenträger, in den „Weinproben“ das Haus des Mittelstandes gegeißelt, jetzt kam die „elegante Gesellschaft“ an die Reihe. Er malte eine „Theevisite“. Und weiter auf diesem Gebiete sich zu bewegen, componirte er eine „Spielbank“-Gesellschaft. „Du gehst aus Deiner Sphäre heraus,“ sagte ein Freund beim Anblick der Skizze, „das sind keine Philister mehr.“

„In der Skizze vielleicht nicht, aber in der Ausführung ganz „gewiß,“ vertheidigte sich der Maler. „Es giebt auch Leute, die in den Gelehrten des Examens keine eigentlichen Philister erkennen wollen. Wer steht dem idealen Streben der Jugend feindlicher gegenüber als der Pedant? Wer ist dem politischen Fortschritt mehr abhold, als der dünkelhafte Schulfuchs oder gar der orthodoxe Pfaff? Der Erstere schwört nur auf Plato und Lykurg, der Letztere nur auf die Bibel. Sind meine Stadträthe keine Philister, weil ich Richter und Beamte, Aerzte und Männer der haute finance, alte Krieger und junge Kaufleute in dem Collegium vereinte? Sieht man nicht allen diesen Kerlen an, daß sie die öffentlichen Interessen nach ihrem Privatvortheil bemessen, und hat Einer derselben den Muth, für die Petenten, die nichts weiter als Arbeit verlangen, einzutreten? Meine Zecher lachen wohl auch und freuen sich des Lebens, aber daß ihnen der schnöde Materialismus die Hauptsache im Leben bleibt, bezweifelt wohl Keiner, der die Bilder ansieht, und, o wenn ich nur ihre Konversation malen könnte! Und diese Spieler? Ist nicht Habsucht und Gewinnsucht eine der hervortretendsten Eigenschaften jener Menschenclasse, die ich auf’s Korn genommen habe?“

Wir hatten zu der Zeit, als Hasenclever sein Programm vertheidigte, eben die Wahlen von 1849 und die Zusammensetzung der Landrathskammer erlebt. „Ich will Dir noch mehr sagen, lieber Has,“ (so kürzten wir seinen viersilbigen Namen ab) „die Erfinder des passiven Widerstandes, die, statt zu einer energischen That überzugehen, sich hinter den Vorwand vorn ‚verletzten Princip der correcten Gesetzgebung’ zurückzogen und jetzt müßig zuschauen, wie die Verfassung von den Landräthen verhackstückt wird, sind nichts weiter als echte deutsche Philister. Es sind genau dieselben Leute, wie sie ihr westphälischer Homer schon zur Zopfzeit in der Jobsiade geschildert, Materialisten, Egoisten, Pedanten, engherzig und muthlos, und es kommt das deutsche Volk zu keiner Freiheit, so lange seine Herrscher diese großen Grundübel für ihre Zwecke auszubeuten verstehen.“

Wenn er nun erst die neue Zeit erlebt hätte, der gute wackere Hasenclever! Wenn er die Rechnungträger, die Erfolganbeter, die Streber und die Einheitsfanatiker um jeden Preis gesehen, was hätte er noch Alles aus der Naturgeschichte des deutschen Philisters dargestellt! Aber – –

Es war im Winter 1853. Behufs einiger Weihnachtseinkäufe befand sich der Moseler Weinhändler in Düsseldorf, er suchte Hasenclever und mich im „Malkasten“ auf.

„Unser liebenswürdiger Freund ist zu Hause,“ gab ich ihm Auskunft, „denn er ist Reconvalescent und muß sich in Acht nehmen, weil er ein Nervenfieber überstanden. Aber unser Bild ist fertig und Sie werden sich freuen; an der Weinprobe malend, sitzt Hasenclever lebensgroß und lebensvoll vor der Staffelei, schwingt den funkelnden Römer und scheint zu rufen: ‚Dieses Glas der ganzen Welt!’“

Am andern Tage sahen wir das herrliche Bild, das Monogramm darunter war nicht ausgeschrieben, der Maler befand sich im Nebenzimmer – als Leiche!

K.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: her