Der Eiertribut an der Oberspree

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Textdaten
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Autor: O. N.
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Titel: Der Eiertribut an der Oberspree
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 307
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[307] Der Eiertribut an der Oberspree. (Zu dem Bilde S. 301.) Unter den Städten, in denen der Rudersport zu höchster Blüte gelangt ist, nimmt die deutsche Reichshauptstadt gegenwärtig eine der ersten Stellen ein. Berlin ist ja für jede Art von Wassersport einer der bevorzugtesten Orte. Spree und Havel, die beiden an sich ja nicht sehr bedeutenden Wasserläufe, werden gerade in der näheren Umgebung der deutschen Kaiserstadt durch den Hang zur Seenbildung überaus stattliche Gewässer. Der zur Havel gehörige Wannsee im Westen, der zur Spree gehörige Müggelsee im Osten Berlins sind so ausgedehnte Wasserflächen, daß sie die Bethätigung jeder Art des Wassersports gestatten. Während die Havel, die von Spandau an, über Potsdam und Brandenburg hinweg, eine ununterbrochene Seenkette bildet und dadurch auf dieser ganzen großen Strecke sich als ein breiter majestätischer Strom darstellt, vornehmlich den verschiedenen Segelklubs als Schauplatz ihrer Uebungs- und Wettfahrten dient, haben sich die Berliner Rudervereine die Oberspree, jenen seenreichen Flußlauf zwischen Berlin und Köpenick, beziehungsweise Grünau und Friedrichshagen, hauptsächlich zu ihren Fahrten und Regatten erkoren. Bei Grünau an der Dahme oder Wendischen Spree, die sich bei Köpenick mit der Spree vereinigt, findet die große Frühlingsregatta statt, der neuerdings ja auch der deutsche Kaiser sein Interesse zugewendet hat, nachdem vor mehr als einem Jahrzehnt schon der damalige Kronprinz, nachmalige Kaiser Friedrich III., mit seiner Familie einer Grünauer Frühlingsregatta beigewohnt hatte. Seit jener Zeit hat der Berliner Rudersport den weltstädtischen Charakter angenommen, welchen er heute hat.

Der Rudersport nun giebt der Oberspree und den zahlreich an ihren Ufern gelegenen sommerlichen Vergnügungslokalen ein besonders charakteristisches Gepräge. Sobald das erste Birken- und Weidengrün sich schüchtern aus den Knospen hervorwagt, ja früher noch, wenn nach überstandenem Winterfrost die Wasser der Spree nur halbwegs eisfrei geworden sind, zieht der Berliner Ruderfreund sein Boot, das winterüber umgestülpt am geschützten Strande oder auch geborgen unter Dach und Fach gelegen, bereits in die Fluten. Zu derselben Zeit beginnt in den Restaurants und Sommergärten an der Oberspree, zu Treptow, Stralau-Rummelsburg, in den beiden „Eierhäuschen“ und weiter hinauf bis Köpenick, Grünau und Friedrichshagen ein gar geschäftiges Treiben, ein Großreinmachen und Erneuern dessen, was während des rauhen Winters in Verfall geraten. Die Lampen und Laternen in Garten, Halle und Saal blitzen frisch geputzt und frisch gefüllt, die Schilder glänzen neu gemalt, Zäune, Thore, Buden, Tische und Stühle desgleichen, die Gartenwege leuchten hell vom frisch gestreuten, mit Eierschalen untermischten Kies; der nächste schöne Sonntag soll ja die lange verödet gewesenen Sommerlokale wieder füllen; die Scharen der nach frischer freier Wald- und Wasserluft begierigen Residenzler werden von nun an wieder alltäglich sich hinaus ergießen zu jenen Orten „am grünen Strand der Spree“. Und der erste Gast, der erste Frühlingsbote, der den Restaurationswirten und Sommergartenbesitzern die fröhliche Kunde bringt, daß der Lenz und mit ihm die goldbringende Saison gekommen, ist nicht etwa der Storch oder die Lerche oder die Schwalbe, sondern ein Ruderboot, das sich vor den andern beeilt hat, hinauszukommen. Denn als ein besonderer Sport der Berliner Ruderfreunde hat es sich herausgebildet, als der Erste im Jahre auf dem Platze oder vielmehr den Plätzen zu sein, an denen sich während des Sommers die Klubboote zu tummeln pflegen. Und die Wirte jener Restaurants und Sommergärten, die so vielen guten Verdienst den durstigen Rudererkehlen verdanken, feiern die willkommenen Frühlingsboten in den Ruderkähnen auf eigentümliche sinnige Weise: sie überreichen ihnen eine Mandel Enteneier. Eier haben ja symbolische Bedeutung für das Osterfest, das Fest des beginnenden Lenzes. Möglichst viele solcher Eierspenden einzuheimsen, ist der Ehrgeiz jedes Berliner Ruderklubs. Wird doch der Name des betreffenden Klubs, dessen Boot als erstes im Frühjahr in einem der Restaurants an der Oberspree angekommen ist, nebst dem Namen des Bootes selbst und seiner Insassen an einer Saalwand jenes Restaurants verewigt. Da die so frühe Ruderfahrt wegen der zu dieser Zeit oft noch treibenden Eisschollen nicht ungefährlich ist, so gewinnt diese Eierspende allerdings die Bedeutung einer Anerkennung für eine wirkliche sportliche Leistung.

Unser Bild zeigt das Ueberreichen des Eiertributs – die Eier sind in der Regel in einem zierlichen Körbchen verpackt – vor einem solchen Restaurant bei Treptow. Hat das siegreiche Boot seinen Tribut in Empfang genommen, so eilt es weiter, von Restaurant zu Restaurant, oft von andern Klubbooten verfolgt, die ihm den Rang abzulaufen suchen, bis an dem Endziele eine solenne Kneiperei der vereinigten Ruderer dem Restaurateur an der Oberspree beweist, daß für ihn mit dem ersten, vor seinem Steg erscheinenden Klubboot thatsächlich die Zeit der guten Einnahmen, des stattlichen Sommerverdienstes hereingebrochen ist.
O. N.
[301]
Die Gartenlaube (1895) b 301.jpg

Der Eiertribut an der Oberspree.
Nach einer Originalzeichnung von C. H. Küchler.