Der Geisterseher - Teil 2

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Textdaten
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Autor: Friedrich Schiller
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Titel: Der Geisterseher.
Untertitel: Fortsetzung
aus: Thalia - Zweiter Band,
Heft 5 (1788), S. 67–132
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1788
Verlag: G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Von Anfang 1787 bis Ende 1789 in fünf Lieferungen in Schillers Zeitschrift „Thalia“ erschienenes Romanfragment.
Fortsetzung: Der Geisterseher – Teil 3
Text auch als E-Book (EPUB, MobiPocket) erhältlich
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[67]

II.

Der Geisterseher.

Fortsetzung.

(S. das vierte Heft der Thalia.)



Jetzt sahen wir alle auf einmal den vermeintlichen Russen an. Der Prinz erkannte in ihm ohne Mühe die Züge seines Armeniers wieder, und das Wort, das er eben hervorstottern wollte, erstarb aus seinem Munde. Schrecken und Ueberraschung hatten uns wie versteinert. Lautlos und unbeweglich starrten wir dieses geheimnißvolle Wesen an, das uns mit einem Blicke stiller Gewalt und Größe durchschaute. Eine Minute dauerte dieß Schweigen - und wieder eine. Kein Odem war in der ganzen Versammlung.

Einige kräftige Schläge an die Thüre brachten uns endlich wieder zu uns selbst. Die Thüre fiel zertrümmert in den Saal und herein drangen Gerichtsdiener mit Wache. „Hier finden wir sie ja beisammen! rief der Anführer und wandte sich zu seinen Begleitern. Im Nahmen der Regierung! rief er uns zu. Ich verhafte euch.“ Wir hatten nicht so viel Zeit uns zu besinnen; in wenigen Augenblicken waren wir umringt. Der russische Offizier, den ich jetzt wieder den Armenier [68] nenne, zog den Anführer der Häscher auf die Seite und, so viel mir die Verwirrung zuließ, bemerkte ich, daß er ihm einige Worte heimlich in’s Ohr sagte, und etwas schriftliches vorzeigte. Sogleich verließ ihn der Häscher mit einer stummen und ehrerbietigen Verbeugen, wandte sich darauf zu uns und nahm seinen Hut ab. „Vergeben Sie meine Herrn, sagte er, daß ich Sie mit diesem Betrüger vermengen konnte. Ich will nicht fragen, wer Sie sind - aber dieser Herr versichert mir, daß ich Männer von Ehre vor mir habe.“ Zugleich winkte er seinen Begleitern, von uns abzulassen. Den Sicilianer befahl er wohl zu bewachen und zubinden. „Der Bursche da ist überreif, setzte er hinzu. Wir haben schon sieben Monate auf ihn gelauert.“

Dieser elende Mensch war wirklich ein Gegenstand des Jammers. Das doppelte Schrecken der zwoten Geistererscheinung und dieses unerwarteten Ueberfalls hatte seine Besinnungskraft überwältigt. Er ließ sich binden wie ein Kind; die Augen lagen weit aufgesperrt und stier in einem todtenähnlichen Gesichte, und seine Lippen bebten in stillen Zuckungen, ohne einen Laut auszustoßen. Jeden Augenblick erwarteten wir einen Ausbruch von Convulsionen. Der Prinz fühlte Mitleid mit seinem Zustand und unternahm es, seine Loslassung bei dem Gerichtsdiener auszuwirken, dem er sich zu erkennen gab. „Gnädigster Herr, sagte dieser, wissen Sie auch, wer der Mensch ist, für welchen [69] Sie sich so großmütig verwenden? Der Betrug, den er Ihnen zu spielen gedachte, ist sein geringstes Verbrechen. Wir haben seine Helfershelfer. Sie sagen abscheuliche Dinge von ihm aus. Er mag sich noch glücklich preisen, wenn er mit der Galeere davon kommt.“

Unterdessen sahen wir auch den Wirth nebst seinen Hausgenossen mit Stricken gebunden über den Hof führen. - „Auch dieser? rief der Prinz. Was hat denn dieser verschuldet?“ – „Er war sein Mitschuldiger und Hehler, antwortete der Anführer der Häscher, der ihm zu seinen Taschenspielerstückchen und Diebereien behülflich gewesen und seinen Raub mit ihm geteilt hat. Gleich sollen Sie überzeugt sein, gnädigster Herr (indem er sich zu seinen Begleitern kehrte.) Man durchsuche das ganze Haus und bringe mir sogleich Nachricht, was man gefunden hat.“

Jetzt sahe sich der Prinz nach dem Armenier um - aber er war nicht mehr vorhanden. In der allgemeinen Verwirrung, welche die Ueberfall anrichtete, hatte er Mittel gefunden, unbemerkt zu entkommen. Der Prinz war untröstlich; gleich wollte er ihm alle seine Leute nachschicken, er selbst wollte ihn aufsuchen und mich mit sich fortreißen. Ich eilte an’s Fenster; das ganze Haus war von Neugierigen umringt, die das Gerücht dieser Begebenheit herbei geführt hatte. Unmöglich war’s durch das Gedränge zu kommen. Ich stellte dem Prinzen dieses vor. „Wenn es diesem Armenier ein [70] Ernst ist, sich vor uns zu verbergen, so weiß er ohnfehlbar die Schliche besser als wir, und alle unsre Nachforschungen werden vergebens sein. Lieber lassen Sie uns noch hier bleiben, gnädigster Prinz. Vielleicht kann uns dieser Gerichtsdiener etwas näheres von ihm sagen, dem er sich, wenn ich anders recht gesehen, entdeckt hat.“

Jetzt erinnerten wir uns, daß wir noch ausgekleidet waren. Wir eilten nach unserm Zimmer, uns in der Geschwindigkeit in unsre Kleider zu werfen. Als wir zurückkamen, war die Haussuchung geschehen.

Nachdem man den Altar weggeräumt und die Dielen des Saals aufgebrochen, entdeckte man ein geräumiges Gewölbe, worinn ein Mensch gemächlich aufrecht sitzen konnte, mit einer Thüre versehen, die durch eine schmale Treppe nach dem Keller führte. In diesem Gewölbe fand man eine Elektrisiermaschine, eine Uhr und eine kleine silberne Glocke, welche letztere so wie die Elektrisiermaschine mit dem Altar und dem darauf bevestigten Crucifixe Communication hatte. Ein Fensterladen, der dem Kamine gegenüber stand, war durchbrochen und mit einem Schieber versehen, um, wie wir nachher erfuhren, eine magische Laterne in seine Oeffnung einzupassen, aus welcher die verlangte Gestalt auf die Wand über dem Kamine gefallen war. Vom Dachboden und aus dem Keller brachte man verschiedne Trommeln, woran große bleierne Kugeln an Schnuren bevestigt hingen, wahrscheinlich um das [71] Geräusche des Donners hervorzubringen, das wir gehört hatten.

Als man die Kleider des Sicilianers durchsuchte, fand man in einem Etui verschiedene Pulver, wie auch lebendigen Merkur, in Phiolen und Büchsen, Phosphorus in einer gläsernen Flasche, einen Ring, den wir gleich für einen magnetischen erkannten, weil er an einem stählernen Knopfe hängen blieb, dem er von ohngefähr nahe gebracht worden, in den Rocktaschen ein Paternoster, einen Judenbart, Terzerolen und einen Dolch. „Laß doch sehen, ob sie geladen sind,“ sagte einer von den Häschern, indem er eines von den Trezerolen nahm und in’s Kamin abschoß. „Jesus Maria!“ rief eine hohle menschliche Stimme, eben die, welche wir vor der ersten Erscheinung gehört hatten - und in demselben Augenblick sahen wir einen blutenden Körper aus dem Schlot herunter stürzen. - „Noch nicht zur Ruhe, armer Geist?“ rief der Engländer, während daß wir andern mit Schrecken zurückfuhren. „Gehe heim zu deinem Grabe. Du hast geschienen, was du nicht warst; jetzt wirst du sein, was du schienest.“

„Jesus Maria! Ich bin verwundet,“ wiederholte der Mensch im Kamine. Die Kugel hatte ihm das rechte Bein zerschmettert. Sogleich besorgte man, daß die Wunde verbunden wurde.

[72] „Aber wer bist du denn, und was für ein böser Dämon muß dich hieher führen?“

„Ein armer Barfüßer, antwortete der Verwundete, ein fremder Herr hier hat mir eine Zechine geboten, daß ich -“

„Eine Formel hersagen sollte. Und warum hast du dich denn nicht gleich wieder davon gemacht?“

„Er wollte mir ein Zeichen geben, wenn ich fortfahren sollte; aber das Zeichen blieb aus, und wie ich hinaussteigen wollte, war die Leiter weggezogen.“

„Und wie heißt denn die Formel, die er dir eingelernt hat?“

Der Mensch bekam hier eine Ohnmacht, daß nichts weiter aus ihm herauszubringen war. Unterdessen hatte sich der Prinz zu dem Anführer der Häscher gewendet.

„Sie haben uns, sagte er ihm, indem er ihm zugleich einige Goldstücke in die Hand drückte, Sie haben uns aus den Händen eines Betrügers gerettet, und uns, ohne uns noch zu kennen, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wollen Sie nun unsre Verbindlichkeit vollkommen machen, und uns entdecken, wer der Unbekannte war, dem es nur ein paar Worte kostete, uns in Freiheit zu setzen?“

[73] „Wen meinen Sie?“ fragte der Anführer der Häscher mit einer Miene, die deutlich zeigte, wie unnöthig diese Frage war.

„Den Herrn in russischer Uniform meine ich, der Sie vorhin beiseite zog, Ihnen etwas schriftliches vorwies und einige Worte in’s Ohr sagte, worauf Sie uns sogleich wieder losgaben.“

„Sie kennen diesen Herrn also nicht? fragte der Häscher wieder. Er war nicht von Ihrer Gesellschaft?“

„Nein, sagte der Prinz – und aus sehr wichtigen Ursachen wünschte ich, näher mit ihm bekannt zu werden.“

„Näher, antwortete der Häscher, kenn’ ich ihn auch nicht. Sein Name selbst ist mir unbekannt, und heute hab ich ihn zum erstenmal in meinem Leben gesehen.“

„Wie? und in so kurzer Zeit, durch ein paar Worte konnte er so viel über Sie vermögen, daß Sie Ihn selbst und uns alle für unschuldig erklärten?“

„Allerdings durch ein einziges Wort.“

„Und dieses war? – Ich gestehe, daß ich es wissen möchte.“

„Dieser Unbekannte, gnädigster Herr – indem er die Zechinen in seiner Hand wog – Sie sind zu großmüthig gegen mich gewesen, um Ihnen länger ein Geheimniß daraus zu machen – dieser Unbekannte war – ein Offizier der Staatsinquisition.“

[74] „Der Staatsinquisition! – Dieser! –“

„Nicht anders, gnädigster Herr – und davon überzeugte mich das Papier, welches er mir vorzeigte.“

„Dieser Mensch, sagten Sie? Es ist nicht möglich.“

„Ich will Ihnen noch mehr sagen, gnädigster Herr. Eben dieser war es, auf dessen Denunciation ich hieher geschickt worden bin, den Geisterbeschwörer zu verhaften.“

Wir sahen uns mit noch größerm Erstaunen an.

„Da hätten wir es ja heraus, rief endlich der Engländer, warum der arme Teufel von Beschwörer so erschrocken zusammenfuhr, als er ihm näher in’s Gesicht sah. Er erkannte ihn für einen Spion und nur darum –“

„Nimmermehr, rief der Prinz. Dieser Mensch ist alles, was er sein will, und alles, was der Augenblick will, daß er sein soll. Was er wirklich ist, hat keines Menschen Sohn erfahren. Sahen Sie den Sicilianer zusammensinken, als er ihm die Worte ins Ohr schrie: Du wirst keinen Geist mehr rufen! Dahinter ist mehr. Daß man vor etwas menschlichen so zu erschrecken pflegt, soll mir niemand überreden.“

„Darüber wird uns der Magier selbst wohl am besten zurechtweisen können, sagte der Lord, wenn uns dieser Herr (sich zu dem Anführer der Gerichtsdiener wendend) Gelegenheit verschaffen will, seinen Gefangenen zu sprechen.“

[75] Der Anführer der Häscher versprach es uns, und wir redeten mit dem Engländer ab, daß wir ihn gleich den andern Morgen aufsuchen wollten. Jetzt begaben wir uns nach Venedig zurück. [1]

Mit dem frühesten Morgen war Lord Seymour da, (dieß war der Nahme des Engländers) und bald nach ihm erschien eine vertraute Person, die der Gerichtsdiener abgeschickt, uns nach dem Gefängniß zu führen. Ich habe vergessen zu erzählen, daß der Prinz schon seit etlichen Tagen einen seiner Jäger vermißte, einen Bremer von Geburt, der ihm viele Jahre redlich gedient und sein ganzes Vertrauen besessen hatte. Ob er verunglückt oder gestohlen oder auch entlaufen war, wußte niemand. Zu dem letztern war gar kein wahrscheinlicher Grund vorhanden, weil er jederzeit ein stiller und ordentlicher Mensch gewesen und nie ein Tadel [76] an ihm gefunden war. Alles, worauf seine Kameraden sich besinnen konnten, war, daß er in der letzten Zeit sehr schwermüthig gewesen, und, wo er nur einen Augenblick erhaschen konnte, ein gewisses Minoritenkloster in der Giudecca besucht habe, wo er auch mit einigen Brüdern öfters Umgang gepflegt. Dieß brachte uns auf die Vermuthung, daß er vielleicht in die Hände der Pfaffen gerathen sein möchte, und sich katholisch gemacht hätte; und weil der Prinz über diesen Artikel damals noch sehr tolerant oder sehr gleichgültig dachte, so ließ er’s nach einigen fruchtlosen Nachforschungen dabei bewenden. Doch schmerzte ihn der Verlust dieses Menschen, der ihm auf seinen Feldzügen immer zur Seite gewesen, immer treu an ihm gehangen, und in einem fremden Lande so leicht nicht wieder zu ersetzen war. Heute nun, als wir eben im Begriff standen auszugehen, ließ sich der Banquier des Prinzen melden, an den der Auftrag ergangen war, für einen neuen Bedienten zu sorgen: dieser stellte dem Prinzen einen gutgebildeten und wohl gekleideten Menschen in mittlern Jahren vor, der lange Zeit in Diensten eines Prokurators als Sekretär gestanden, französisch und auch etwas deutsch sprach, übrigens mit den besten Zeugnissen versehen war. Seine Physionomie gefiel, und da er sich übrigens erklärte, daß sein Gehalt von der Zufriedenheit des Prinzen mit seinen Diensten abhängen sollte, so ließ er ihn ohne Verzug eintreten.

[77] Wir fanden den Sicilianer in einem Privatgefängniß, wohin er, dem Prinzen zu Gefallen, wie der Gerichtsdiener sagte, einstweilen gebracht worden war, ehe er unter die Bleidächer gesetzt wurde, zu denen kein Zugang mehr offen steht. Diese Bleidächer sind das fürchterlichste Gefängniß in Venedig, unter dem Dach des S. Markus-Palastes, worinn die unglücklichen Verbrecher von der dörrenden Sonnenhitze, die sich auf der Bleifläche sammelt, oft bis zum Wahnwitze leiden. Der Sicilianer hatte sich von dem gestrigen Zufalle wieder erholt, und stand ehrerbietig auf, als er den Prinzen ansichtig wurde. Ein Bein und eine Hand waren gefesselt, sonst aber konnte er frei durch das Zimmer gehen. Bei unserem Eintritt entfernte sich die Wache vor die Thüre.

„Ich komme, sagte der Prinz, über zwey Punkte eine Erklärung von Ihnen zu verlangen. Die eine sind Sie mir schuldig, und es wird Ihr Schade nicht sein, wenn Sie mich über den andern befriedigen.“

„Meine Rolle ist ausgespielt, versetzte der Sicilianer. Mein Schicksal steht in Ihren Händen.“

„Ihre Aufrichtigkeit allein ist es, was es erleichtern kann.“

„Fragen Sie, gnädigster Herr. Ich bin bereit zu antworten, denn ich habe nichts mehr zu verlieren.“

[78] „Sie haben mich das Gesicht des Armeniers in Ihrem Spiegel sehen lassen. Wodurch bewirkten Sie dieses?“

„Es war kein Spiegel, was Sie gesehen haben. Ein bloßes Pastellgemälde hinter einem Glas, das einen Mann in armenischer Kleidung vorstellte, hat Sie getäuscht. Meine Geschwindigkeit, die Dämmerung, Ihr Erstaunen, unterstützten diesen Betrug. Das Bild wird sich unter den übrigen Sachen finden, die man in dem Gasthof in Beschlag genommen hat.“

„Aber wie konnten Sie meine Gedanken so gut wissen und gerade auf den Armenier rathen?“

„Dieses war gar nicht schwer, gnädigster Herr. Ohne Zweifel haben Sie Sich bei Tische in Gegenwart Ihrer Bedienten über die Begebenheit öfters herausgelassen, die sich zwischen Ihnen und diesem Armenier ereignet hat. Einer von meinen Leuten machte mit einem Jäger zufälliger Weise in der Giudecca Bekanntschaft, aus welchem er nach und nach so viel zu ziehen wußte, als mir zu wissen nöthig war. Auf diesem Wege erhielt ich überhaupt auch die erste Nachricht von Ihrem Aufenthalt und Ihren Begebenheiten in Venedig, und sogleich entschloß ich mich, sie zu nützen. Sie sehen, gnädigster Herr, daß ich aufrichtig bin. Ich wußte von Ihrer vorhabenden Spazierfahrt auf der Brenta; ich hatte mich darauf versehen, und ein Schlüssel, der Ihnen von Ohngefähr entfiel, [79] gab mir die erste Gelegenheit, meine Kunst an Ihnen zu versuchen.“

„Wie? So hätte ich mich also geirret? Das Stückchen mit dem Schlüssel war Ihr Werk, und nicht des Armeniers? Der Schlüssel, sagen Sie, wäre mir entfallen?“

„Als Sie die Börse zogen – und ich nahm den Augenblick wahr, da mich niemand beobachtete, ihn schnell mit dem Fuße zu verdecken. Die Person, bei der Sie die Lotterieloose nahmen, war im Verständniß mit mir. Sie ließ Sie aus einem Gefäße ziehen, wo keine Niete zu holen war; und der Schlüssel lag längst in der Dose, ehe sie von Ihnen gewonnen wurde.“

„Nunmehr begreif’ ich’s. Und der Barfüßermönch, der sich mir in den Weg warf, und mich so feierlich anredete?“

„War der nehmliche, den man, wie ich höre, verwundet aus dem Kamine gezogen. Es ist einer von meinen Kameraden, der mir unter dieser Verhüllung schon manche gute Dienste geleistet.“

„Aber zu welchem Ende stellten Sie dieses an?“

„Um Sie nachdenkend zu machen – um einen Gemüthszustand in Ihnen vorzubereiten, der Sie für das Wunderbare, das ich mit Ihnen im Sinne hatte, empfänglich machen sollte.“

[80] „Aber der pantomimische Tanz, der eine so überraschende seltsame Wendung nahm – dieser war doch wenigstens nicht von Ihrer Erfindung?“

„Das Mädchen, welches die Königinn vorstellte, war von mir unterrichtet, und ihre ganze Rolle mein Werk. Ich vermuthete, daß es Eure Durchlaucht nicht wenig befremden würde, an diesem Orte gekannt zu sein, und (verzeihen Sie mir, gnädigster Herr) das Abentheuer mit dem Armenier ließ mich hoffen, daß Sie bereits schon geneigt sein würden, natürliche Auslegungen zu verschmähen, und nach höhern Quellen des Außerordentlichen zu spüren.“

„In der That, rief der Prinz mit einer Miene zugleich des Verdrusses und der Verwunderung, indem er mir besonders einen bedeutenten Blick gab, in der That, rief er aus, das habe ich nicht erwartet.“ [2]

[81] „Aber, fuhr der Prinz nach einem langen Stillschweigen wieder fort, wie brachten Sie die Gestalt hervor, die an der Wand über dem Kamin erschien?“

„Durch die Zauberlaterne, welche an dem gegenüberstehenden Fensterladen angebracht war, wo Sie auch die Oeffnung dazu bemerkt haben werden.“

„Aber wie kam es denn, daß kein einziger unter uns sie gewahr wurde?“ fragte Lord Seymour.

„Sie erinnern Sich, gnädigster Herr, daß ein dicker Rauch von Olibanum den ganzen Saal verfinsterte, als Sie zurückgekommen waren. Zugleich hatte ich die Vorsicht gebraucht, die Dielen, welche man weggehoben, neben demjenigen Fenster anlehnen zu lassen, wo die Laterna magica eingefügt war; dadurch verhinderte ich, daß Ihnen dieser Fensterladen nicht [82] sogleich in’s Gesicht fiel. Uebrigens blieb die Laterne auch so lange durch einen Schieber verdeckt, bis Sie alle Ihre Plätze genommen hatten und keine Untersuchung im Zimmer mehr von Ihnen zu fürchten war.“

„Mir kam vor, fiel ich ein, als hörte ich in der Nähe dieses Saals eine Leiter anlegen, als ich in dem andern Pavillon aus dem Fenster sah. War dem wirklich so?“

„Ganz recht. Eben diese Leiter, auf welcher mein Gehülfe zu dem bewußten Fenster emporkletterte, um die Zauberlaterne zu dirigieren.“

„Die Gestalt, fuhr der Prinz fort, schien wirklich eine flüchtige Aehnlichkeit mit meinem verstorbenen Freunde zu haben; besonders traf es ein, daß sie sehr blond war. War dieses bloßer Zufall, oder woher schöpften Sie dieselbe?“

„Eure Durchlaucht erinnern Sich, daß Sie über Tische eine Dose neben sich hatten liegen gehabt, auf welcher das Portrait eines Offiziers in ***scher Uniform in Emaille war. Ich fragte Sie, ob Sie von Ihrem Freunde nicht irgend ein Andenken bei sich führten, worauf Sie mit Ja antworteten; daraus schloß ich, daß es vielleicht die Dose sein möchte. Ich hatte das Bild über Tische gut in’s Auge gefaßt, und weil ich im Zeichnen sehr geübt, auch im Treffen [83] sehr glücklich bin, so war es mir ein leichtes, dem Bilde diese flüchtige Aehnlichkeit zu geben, die Sie wahrgenommen haben; und um so mehr, da die Gesichtszüge des Marquis sehr in’s Auge fallen.“

„Aber die Gestalt schien sich doch zu bewegen –“

„So schien es – aber es war nicht die Gestalt, sondern der Rauch, der von ihrem Scheine beleuchtet war.“

„Und der Mensch, welcher aus dem Schlot herabstürzte, antwortete also für die Erscheinung?“

„Eben dieser.“

„Aber er konnte ja die Fragen nicht wohl hören.“

„Dieses brauchte er auch nicht. Sie besinnen Sich, gnädigster Prinz, daß ich Ihnen allen auf das strengste verbot, selbst eine Frage an das Gespenst zu richten. Was ich ihn fragen würde und er mir antworten sollte, war abgeredet; und damit ja kein Versehen vorfiele, ließ ich ihm große Pausen beobachten, die er an den Schlägen einer Uhr abzählen mußte.“

„Sie gaben dem Wirthe Befehl, alle Feuer im Hause sorgfältig mit Wasser löschen zu lassen; dies geschah ohne Zweifel –“

„Um meinen Mann im Kamine außer Gefahr des Erstickens zu setzen, weil die Schornsteine im Hause in einander laufen und ich vor Ihrer Suite nicht so recht sicher zu sein glaubte.“

[84] „Wie kam es aber, fragte Lord Seymour, daß Ihr Geist weder früher noch später da war, als Sie ihn brauchten?“

„Mein Geist war schon eine gute Weile im Zimmer, ehe ich ihn citirte; aber solange der Spiritus brannte, konnte man diesen matten Schein nicht sehen. Als meine Beschwörungsformel geendigt war, ließ ich das Gefäß, worinn der Spiritus flammte, zusammenfallen, es wurde Nacht im Saal, und jetzt erst wurde man die Figur an der Wand gewahr, die sich schon längst darauf reflektirt hatte.“

„Aber in eben dem Moment, als der Geist erschien, empfanden wir alle einen elektrischen Schlag. Wie bewirkten Sie diesen?“

„Die Maschine unter dem Altar haben Sie entdeckt. Sie sahen auch, daß ich auf einem seidnen Fußteppich stand. Ich ließ Sie in einem halben Mond um mich herumstehen und einander die Hände reichen; als es nahe dabei war, winkte ich einem von Ihnen, mich bei den Haaren zu faßen. Das silberne Crucifix war der Conductor, und Sie empfingen den Schlag, als ich es mit der Hand berührte.“

„Sie befahlen uns, dem Grafen von O*** und mir, sagte Lord Seymour, zwei bloße Degen kreuzweise über Ihrem Scheitel zu halten, so lange die Beschwörung dauern würde. Wozu nun dieses?“

[85] „Zu nichts weiter, als um Sie beide, denen ich am wenigsten traute, während des ganzen Actus zu beschäftigen. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen ausdrücklich einen Zoll hoch bestimmte; dadurch, daß Sie diese Entfernung immer in Acht nehmen mußten, waren Sie verhindert, Ihre Blicke dahin zu richten, wo ich sie nicht gerne haben wollte. Meinen schlimmsten Feind hatte ich damals noch gar nicht in’s Auge gefaßt.“

„Ich gestehe, rief Lord Seymour, daß dieß vorsichtig gehandelt heißt – aber warum mußten wir ausgekleidet sein?“

„Bloß um der Handlung eine Feierlichkeit mehr zu geben, und durch das Ungewöhnliche Ihre Einbildungskraft zu spannen.“

„Die zwote Erscheinung ließ Ihren Geist nicht zum Worte kommen, sagte der Prinz. Was hätten wir eigentlich von ihm erfahren sollen?“

„Beinahe dasselbe, was Sie nachher gehört haben. Ich fragte Eure Durchlaucht nicht ohne Absicht, ob Sie mir auch alles gesagt, was Ihnen der Sterbende aufgetragen, und ob Sie keine weitere Nachfragen wegen ihm in seinem Vaterlande gethan; dieses fand ich nöthig, um nicht gegen Thatsachen anzustoßen, die der Aussage meines Geistes hätten widersprechen können. Ich fragte gewisser Jugendsünden wegen, ob [86] der Verstorbene untadelhaft gelebt; und auf die Antwort, welche Sie mir gaben, gründete ich alsdann meine Erfindung.“

„Ueber diese Sache, fing der Prinz nach einigem Stillschweigen an, haben Sie mir einen befriedigenden Aufschluß gegeben. Aber ein Hauptumstand ist noch zurück, worüber ich Licht von Ihnen verlange.“

„Wenn es in meiner Gewalt steht, und –“

„Keine Bedingungen. Die Gerechtigkeit, in deren Händen Sie sind, dürfte so bescheiden nicht fragen. Wer war dieser Unbekannte, vor dem wir Sie niederstürzen sahen? Was wissen Sie von ihm? Woher kennen Sie ihn? Und was hat es für eine Bewandtniß mit dieser zwoten Erscheinung?“

„Prinz –“

„Als Sie ihm genauer in’s Gesicht sahen, stießen Sie einen lauten Schrei aus und stürzten nieder. Warum das? Was bedeutete das?“

„Dieser Unbekannte, Prinz“ – – – Er hielt inne, wurde sichtbarlich unruhiger, und sah uns alle in der Reihe herum mit verlegnen Blicken an. – „Ja bei Gott, Prinz! dieser Unbekannte ist ein schreckliches Wesen.“

„Was wissen Sie von ihm? wie steht er mit Ihnen in Verbindung? Hoffen Sie nicht, uns die Wahrheit zu verhehlen. –“

[87] „Dafür werd’ ich mich wohl hüten – denn wer steht mir dafür, daß er nicht in diesem Augenblick mitten unter uns steht?“

„Wo? Wer? riefen wir alle zugleich, und schauten uns erschrocken im Zimmer um. – Das ist ja nicht möglich!“

„O! diesem Menschen – oder wer er sein mag – sind Dinge möglich, die noch weit weniger zu begreifen sind.“

„Aber wer ist er denn? Woher stammt er? Armenier oder Russe? Was ist das Wahre an dem, wofür er sich ausgiebt?“

„Keines von allem, was er scheint. Es wird wenige Stände und Nationen geben, davon er nicht schon die Maske getragen. Wer er sei? Woher er gekommen? Wohin er gehe? weiß niemand. Daß er lang’ in Aegypten gewesen, wie viele behaupten, und dort aus einer Katakombe seine verborgene Weisheit geholt habe, will ich weder bejahen noch verneinen. Bei uns kennt man ihn nur unter dem Namen des Unergründlichen. Wie alt, zum Beispiel, schätzen Sie ihn?“

„Nach dem äußern Anschein zu urtheilen, kann er kaum vierzig zurückgelegt haben.“

„Und wie alt denken Sie, daß ich sei?“

„Nicht weit von funfzig.“

[88] „Ganz recht – und wenn ich Ihnen nun sage, daß ich ein Bursche von siebenzehn Jahren war, als mir mein Großvater von diesem Wundermann erzählte, der ihn ohngefähr in eben dem Alter, worinn er jetzt zu sein scheint, in Famagusta gesehen hat. –“

„Das ist lächerlich, unglaublich und übertrieben.“

„Nicht um einen Zug. Hielten mich diese Fesseln nicht ab, ich wollte Ihnen Bürgen stellen, deren ehrwürdiges Ansehen Ihnen keinen Zweifel mehr übrig lassen sollte. Es giebt glaubwürdige Leute, die sich erinnern, ihn in verschiedenen Weltgegenden zu gleicher Zeit gesehen zu haben. Keines Degens Spitze kann ihn durchbohren, kein Gift ihm etwas anhaben, kein Feuer sengt ihn, kein Schiff geht unter, worauf er sich befindet. Die Zeit selbst scheint an ihm ihre Macht zu verlieren, die Jahre trocknen seine Säfte nicht aus, und das Alter kann seine Haare nicht bleichen. Niemand ist, der ihn Speise nehmen sah, nie ist ein Weib von ihm berührt worden, kein Schlaf besucht seine Augen; von allen Stunden des Tages weiß man nur eine einzige, über die er nicht Herr ist, in welcher niemand ihn gesehen, in welcher er kein irdisches Geschäft verrichtet hat.“

„So? sagte der Prinz. Und was ist dieß für eine Stunde?“

[89] „Die zwölfte in der Nacht. Sobald die Glocke den zwölften Streich thut, gehört er den Lebendigen nicht mehr. Wo er auch sein mag, er muß fort, welches Geschäft er auch verrichtet, er muß es abbrechen. Dieser schreckliche Glockenschlag reißt ihn aus den Armen der Freundschaft, reißt ihn selbst vom Altar, und würde ihn auch aus dem Todeskampf abrufen. Niemand weiß, wo er dann hingeht, noch was er da verrichtet. Niemand wagt es, ihn darum zu befragen, noch weniger ihm zu folgen, denn seine Gesichtszüge ziehen sich auf einmal, sobald diese gefürchtete Stunde schlägt, in einen so finstern und schreckhaften Ernst zusammen, daß jedem der Muth entfällt, ihm in’s Gesicht zu blicken oder ihn anzureden. Eine tiefe Todesstille endigt dann plötzlich das lebhafteste Gespräch, und alle, die um ihn sind, erwarten mit ehrerbietigem Schaudern seine Wiederkunft, ohne es nur zu wagen, sich von der Stelle zu heben oder die Thüre zu öfnen, durch die er gegangen ist.“

„Aber, bemerkt man nichts außerordentliches an ihm bei seiner Zurückkunft?“

„Nichts als daß er bleich und abgemattet aussieht, ohngefähr wie ein Mensch, der eine schmerzhafte Operation ausgestanden, oder eine schreckliche Zeitung erhält. Einige wollen Blutstropfen auf seinem Hemde gesehen haben; dieses aber lasse ich dahin gestellt sein.“

[90] „Und man hat es zum wenigsten nie versucht, ihm diese Stunde zu verbergen, oder ihn so in Zerstreuung zu verwickeln, daß er sie übersehen mußte?“

„Ein einzigesmal, sagt man, überschritt er den Termin. Die Gesellschaft war zahlreich, man verspätete sich bis tief in die Nacht, alle Uhren waren mit Fleiß falsch gerichtet, und das Feuer der Unterredung riß ihn dahin. Als die gesetzte Stunde da war, verstummte er plötzlich und wurde starr, alle seine Gliedmaßen verharrten in derselben Richtung, worinn dieser Zufall sie überraschte, seine Augen standen, sein Puls schlug nicht mehr, alle Mittel, die man anwendete, ihn wieder zu erwecken, waren fruchtlos; und dieser Zustand hielt an, bis die Stunde verstrichen war. Dann belebte er sich plötzlich von selbst wieder, schlug die Augen auf, und fuhr in der nehmlichen Silbe fort, worinn er war unterbrochen worden. Die allgemeine Bestürzung verrieth ihm, was geschehen war, und da erklärte er mit einem fürchterlichen Ernst, daß man sich glücklich preisen dürfte, mit dem bloßen Schrecken davon gekommen zu sein. Aber die Stadt, worinn ihm dieses begegnet war, verließ er noch an demselben Abend auf immer. Der allgemeine Glaube ist, daß er in dieser geheimnißvollen Stunde Unterredungen mit seinem Genius halte. Einige meinen gar, er sei ein Verstorbener, dem es verstattet sei, drei und zwanzig Stunden vom Tage unter den Lebenden zu wandeln; [91] in der letzten aber müsse seine Seele zur Unterwelt heimkehren, um dort ihr Gericht auszuhalten. Viele halten ihn auch für den berühmten Apollonius von Thyana, und andre gar für den Jünger Johannes, von dem es heißt, daß er bleiben würde bis zum letzten Gericht.“

„Ueber einen so außerordentlichen Mann kann es freilich nicht an abentheuerlichen Muthmaßungen fehlen. Alles bisherige haben Sie bloß von Hörensagen; und doch schien mir sein Benehmen gegen Sie und das Ihrige gegen ihn auf eine genauere Bekanntschaft zu deuten. Liegt hier nicht irgend eine besondere Geschichte zum Grunde, bei der Sie selbst mit verwickelt gewesen? Verhehlen Sie uns nichts.“

Der Mann schwieg mit einem zweifelhaften Blick.

„Wenn es eine Sache betrift, fuhr der Prinz fort, die Sie nicht gerne laut machen wollen, so versichere ich Sie im Nahmen dieser beiden Herren der unverbrüchlichsten Verschwiegenheit. Aber reden Sie aufrichtig und unverhohlen.“

„Wenn ich hoffen kann, fing der Mann endlich an, daß Sie solche nicht gegen mich zeugen lassen wollen, so will ich Ihnen eine merkwürdige Begebenheit mit diesem Armenier erzählen, von der ich Augenzeuge war, und die Ihnen über die verborgene Gewalt dieses Menschen keinen Zweifel übrig lassen wird. Aber es [92] muß mir erlaubt sein, einige Nahmen dabei zu verschweigen.“

„Kann es nicht ohne diese Bedingung geschehen?“

„Nein, gnädigster Herr. Es ist eine Familie darein verwickelt, die ich Ursache habe, zu ehren.“

„Lassen Sie uns hören,“ sagte der Prinz.

„Es mögen nun fünf Jahre sein, fing der Sicilianer an, daß ich in Neapel, wo ich mit ziemlichem Glück meine Künste trieb, mit einem gewissen Lorenzo del M**nte, Chevalier des Ordens von S. Stephan, Bekanntschaft machte, einem jungen und reichen Kavalier aus einem der ersten Häuser des Königreichs, der mich mit Verbindlichkeiten überhäufte und für meine Geheimnisse große Achtung zu tragen schien. Er entdeckte mir, daß der Marchese del M**nte, sein Vater, ein eifriger Verehrer der Kabbala wäre, und sich glücklich schätzen würde, einen Weltweisen (wie er mich zu nennen beliebte) unter seinem Dache zu wissen. Der Greis wohnte auf einem seiner Landgüter an der See, ohngefähr sieben Meilen von Neapel, wo er beinahe in gänzlicher Abgeschiedenheit von Menschen das Andenken eines theuern Sohnes beweinte, der ihm durch ein schreckliches Schicksal entrissen ward. Der Chevalier ließ mich merken, daß er und seine Familie in einer sehr ernsthaften Angelegenheit meiner wohl gar einmal [93] bedürfen könnten, um von meiner geheimen Wissenschaft vielleicht einen Aufschluß über etwas zu erhalten, wobei alle natürlichen Mittel fruchtlos erschöpft worden wären. Er ins besondere, setzte er sehr bedeutungsvoll hinzu, würde einst vielleicht Ursache haben mich als den Schöpfer seiner Ruhe und seines ganzen irrdischen Glücks zu betrachten. Die Sache selbst aber verhielt sich folgender Gestalt. Dieser Lorenzo war der jüngere Sohn des Marchese, weßwegen er auch zu dem geistlichen Stand bestimmt war; die Güter der Familie sollten an seinen ältern Bruder fallen. Jeronymo, so hieß dieser ältere Bruder, hatte mehrere Jahre auf Reisen zugebracht, und kam ohngefähr sieben Jahre vor der Begebenheit, die jetzt erzählt wird, in sein Vaterland zurück, um eine Heirath mit der einzigen Tochter eines benachbarten gräflichen Hauses von C***tti zu vollziehen, worüber beide Familien schon seit der Geburt dieser Kinder übereingekommen waren, um ihre ansehnlichen Güter dadurch zu vereinigen. Ohngeachtet diese Verbindung bloß das Werk der elterlichen Konvenienz war, und die Herzen beider Verlobten bei der Wahl nicht um Rath gefragt wurden, so hatten sie sie doch stillschweigend schon beschworen. Jeronymo del M**nte und Antonie C***tti waren mit einander auferzogen worden, und der wenige Zwang, den man dem Umgang zweier Kinder auflegte, die man schon damals gewohnt war, als ein Paar zu betrachten, hatte frühzeitig ein zärtliches Verständniß zwischen beiden entstehen lassen, [94] das durch die Harmonie ihrer Karaktere noch mehr bevestigt ward, und sich in reifern Jahren leicht zur Liebe erhöhte. Eine vierjährige Entfernung hatte es vielmehr angefeuert als erkältet, und Jeronymo kehrte eben so treu und eben so feurig in die Arme seiner Braut zurück, als wenn er sich niemals daraus gerissen hätte.“

„Die Entzückungen des Wiedersehens waren noch nicht vorüber, und die Anstalten zur Vermählung wurden auf das lebhafteste betrieben, als der Bräutigam – verschwand. Er pflegte öfters ganze Abende auf einem Landhause zuzubringen, das die Aussicht auf’s Meer hatte, und sich da zuweilen mit einer Wasserfahrt zu vergnügen. Nach einem solchen Abende geschah es, daß er ungewöhnlich lang ausblieb. Man schickte Boten nach ihm aus, Fahrzeuge suchten ihn auf der See, niemand wollte ihn gesehen haben; von seinen Bedienten wurde keiner vermißt, daß ihn also keiner begleitet haben konnte. Es wurde Nacht, und er erschien nicht. Es wurde Morgen – es wurde Mittag und Abend, und noch kein Jeronymo. Schon fing man an, den schrecklichsten Muthmaßungen Raum zu geben, als die Nachricht einlief, ein algierischer Korsar habe vorigen Tages an dieser Küste gelandet, und verschiedene von den Einwohnern seien gefangen weggeführt worden. Sogleich werden zwei Galeeren bemannt, die eben segelfertig liegen; der alte Marchese besteigt selbst die erste, entschlossen, seinen Sohn mit Gefahr seines eigenen [95] Lebens zu befreien. Am dritten Morgen erblicken sie den Korsaren, vor welchem sie den Vortheil des Windes voraus haben; sie haben ihn bald erreicht, sie kommen ihm so nahe, daß Lorenzo, der sich auf der zweiten Galeere befindet, das Zeichen seines Bruders auf dem feindlichen Verdeck zu erkennen glaubt, als plötzlich ein Sturm sie wieder von einander trennt. Mit Mühe stehen ihn die beschädigten Schiffe aus; aber die Prise ist verschwunden und die Noth zwingt sie, auf Maltha zu landen. Der Schmerz der Familie ist ohne Grenzen; trostlos rauft sich der alte Marchese die eisgrauen Haare aus, man fürchtet für das Leben der jungen Gräfinn.“

„Funf Jahre gehen in fruchtlosen Erkundigungen hin. Nachfragen geschehen längs der ganzen barbarischen Küste; ungeheure Preise werden für die Freiheit des jungen Marchese geboten, aber niemand meldet sich, sie zu verdienen. Endlich bleibt es bei der wahrscheinlichen Vermuthung, daß jener Sturm, welcher beide Fahrzeuge trennte, das Räuberschiff zu Grunde gerichtet habe, und daß seine ganze Mannschaft in den Fluthen umgekommen sei.“

„So scheinbar diese Vermuthung war, so fehlte ihr dennoch noch viel zur Gewißheit und nichts berechtigte, die Hoffnung ganz aufzugeben, daß der Verlorene nicht einmal wieder sichtbar werden könnte. Aber gesetzt nun, er würde es nicht mehr, so erlosch mit [96] ihm zugleich die Familie, oder der zweite Bruder mußte dem geistlichen Stande entsagen und in die Rechte des Erstgebornen eintreten. So wenig dieses die Gerechtigkeit gegen den letzten zu erlauben schien, so wenig durfte auf der andern Seite die Familie durch eine zu weit getriebene Gewissenhaftigkeit der Gefahr des Aussterbens ausgesetzt werden. Gram und Alter näherten den alten Marchese dem Grabe; mit jedem neu vereitelten Versuch sank die Hoffnung, den Verschwundenen wieder zu finden; er sah den Untergang seines Hauses, der durch eine kleine Ungerechtigkeit zu verhüten war, wenn er sich nehmlich nur entschließen wollte, den jüngern Bruder auf Unkosten des ältern zu begünstigen. Um seine Verbindungen mit dem gräflichen Hause von C***tti zu erfüllen, brauchte nur ein Nahme geändert zu werden; der Zweck beider Familien war auf gleiche Art erreicht, Gräfinn Antonie mochte nun Lorenzos oder Jeronymos Gattinn heißen. Die schwache Möglichkeit einer Wiedererscheinung des letztern kam gegen das gewisse und dringende Uebel, den gänzlichen Untergang der Familie, in keine Betrachtung, und der alte Marchese, der die Annäherung des Todes mit jedem Tage stärker fühlte, wünschte mit Ungeduld, von dieser Unruhe wenigstens frei zu sterben.“

„Wer diesen Schritt allein verzögerte und am hartnäckigsten bekämpfte, war derjenige, der das meiste dabei gewann – Lorenzo. Ungerührt von dem Reitz [97] unermeßlicher Güter, unempfindlich selbst gegen den Besitz des liebenswürdigsten Geschöpfs, das seinen Armen überliefert werden sollte, weigerte er sich mit der edelmüthigsten Gewissenhaftigkeit, einen Bruder zu berauben, der vielleicht noch am Leben wäre und sein Eigenthum zurückfodern könnte. Ist das Schicksal meines theuern Jeronymo, sagte er, durch diese lange Gefangenschaft nicht schon schrecklich genug, daß ich es noch durch einen Diebstahl verbittern sollte, der ihn um alles bringt, was ihm das theuerste war? Mit welchem Herzen würde ich den Himmel um seine Wiederkunft anflehen, wenn sein Weib in meinen Armen liegt? Mit welcher Stirne ihm, wenn endlich ein Wunder ihn uns zurückbringt, entgegen eilen? Und gesetzt, er ist uns auf ewig entrissen, wodurch können wir sein Andenken besser ehren, als wenn wir die Lücke ewig unausgefüllt lassen, die sein Tod in unsern Zirkel gerissen hat? als wenn wir alle unsre Hoffnungen auf seinem Grabe opfern und das, was sein war, gleich einem Heiligthum unberührt lassen?“

„Aber alle Gründe, welche die brüderliche Delikatesse ausfand, waren nicht vermögend, den alten Marchese mit der Idee auszusöhnen, einen Stamm erlöschen zu sehen, der bereits neun Jahrhunderte geblüht. Alles, was Lorenzo ihm abgewann, war noch eine Frist von zwei Jahren, ehe er die Braut seines Bruders zum Altar führte. Während dieses Zeitraums wurden die [98] Nachforschungen auf’s eifrigste fortgesetzt. Lorenzo selbst that verschiedene Seereisen, setzte seine Person manchen Gefahren aus; keine Mühe, keine Kosten wurden gespart, den Verschwundenen wieder zu finden. Aber auch diese zwei Jahre verstrichen fruchtlos, wie alle vorigen.“

„Und Gräfinn Antonie? fragte der Prinz. Von ihrem Zustande sagen Sie uns nichts. Sollte sie sich so gelassen in ihr Schicksal ergeben haben? Ich kann es nicht glauben.“

„Antoniens Zustand war der schrecklichste Kampf zwischen Pflicht und Neigung, Haß und Bewunderung. Die uneigennützige Großmuth der brüderlichen Liebe rührte sie; sie fühlte sich hingerissen, den Mann zu verehren, den sie nimmermehr lieben konnte; zerrissen von widersprechenden Gefühlen, blutete ihr Herz. Aber ihr Widerwille gegen den Chevalier schien in eben dem Grade zu wachsen, wie sich seine Ansprüche auf ihre Achtung vermehrten. Mit tiefem Leiden bemerkte er den stillen Gram, der ihre Jugend verzehrte. Ein zärtliches Mitleid trat unvermerkt an die Stelle der Gleichgültigkeit, mit der er sie bisher betrachtet hatte; aber diese verrätherische Empfindung hinterging ihn, und eine wüthende Leidenschaft fing an ihm die Ausübung einer Tugend zu erschweren, die bis jetzt ohne Beispiel gewesen war. Doch selbst noch auf Unkosten der Liebe gab er den Eingebungen seines Edelmuths Gehör: er [99] allein war es, der das unglückliche Opfer gegen die Willkühr der Familie in Schutz nahm. Aber alle seine Bemühungen mißlangen; jeder Sieg, den er über seine Leidenschaft davon trug, machte ihn Ihrer nur um so würdiger, und die Großmuth, mit der er sie ausschlug, diente nur dazu, ihre Widersetzlichkeit jeder Entschuldigung zu rauben.“

„So standen die Sachen, als der Chevalier mich beredete, ihn auf seinem Landgute zu besuchen. Die warme Empfehlung meines Gönners bereitete mir da einen Empfang, der alle meine Wünsche übertraf. Ich darf nicht vergessen hier noch anzuführen, daß es mir durch einige merkwürdige Operationen gelungen war, meinen Nahmen unter den dortigen Logen berühmt zu machen, welches mit dazu beitragen mochte, das Vertrauen des alten Marchese zu vermehren und seine Erwartungen von mir zu erhöhen. Wie weit ich es mit ihm gebracht, und welche Wege ich dabei gegangen, erlassen Sie mir zu erzählen; aus den Geständnissen, die ich Ihnen bereits gethan, können Sie auf alles übrige schließen. Da ich mir alle mystische Bücher zu nutze machte, die sich in der sehr ansehnlichen Bibliothek des Marchese befanden, so gelang es mir bald, in seiner Sprache mit ihm zu reden und mein System von der unsichtbaren Welt mit den abentheuerlichsten Erfindungen aufzustutzen. In kurzem glaubte er, was ich wollte, und hätte eben so zuversichtlich auf die Begattungen der [100] Philosophen mit Salamandrinnen und Sylphiden, als auf einen Artikel des Kanons geschworen. Da er überdieß sehr religiös war und seine Anlage zum Glauben in dieser Schule zu einem hohen Grade ausgebildet hatte, so fanden meine Mährchen bei ihm desto leichter Eingang, und zuletzt hatte ich ihn mit Mystizität so umstrickt und umwunden, daß nichts mehr bei ihm Credit hatte, sobald es natürlich war. In kurzem war ich der angebetete Apostel des Hauses. Der gewöhnliche Inhalt meiner Vorlesungen war die Exaltation der menschlichen Natur, und der Umgang mit höhern Wesen; mein Gewährsmann der untrügliche Graf von Gabalis. Die junge Gräfinn, die seit dem Verlust ihres Geliebten ohnehin mehr in der Geisterwelt als in der wirklichen lebte, und überdieß eine große Mischung von Melancholie in ihrem Karakter hatte, fing meine hingeworfenen Winke mit schauderndem Wohlbehagen auf; ja sogar die Bedienten des Hauses suchten sich im Zimmer zu thun zu machen, wenn ich redete, um hie und da eins meiner Worte aufzuhaschen, welche Bruchstücke sie alsdann nach ihrer Art an einander reihten.“

„Ohngefähr zwei Monate mochte ich so auf diesem Rittersitze zugebracht haben, als eines Morgens der Chevalier auf mein Zimmer trat. Tiefer Gram mahlte sich auf seinem Gesichte, alle seine Züge waren zerstört, er warf sich in einen Stuhl mit allen Geberden der Verzweiflung.“

[101] „Kapitain, sagte er, mit mir ist es vorbei. Ich muß fort. Ich kann es länger nicht aushalten.“

„Was ist Ihnen Chevalier? Was haben Sie?“

„O diese fürchterliche Leidenschaft! (Hier fuhr er mit Heftigkeit von dem Stuhle auf, und warf sich in meine Arme) – Ich habe sie bekämpft wie ein Mann. – Jetzt kann ich nicht mehr.“

„Aber an wem liegt es denn, liebster Freund, als an Ihnen? Steht nicht alles in Ihrer Gewalt? Vater, Familie –“

„Vater! Familie! Was ist mir das? – Will ich eine erzwungene Hand, oder eine freiwillige Neigung? – Hab’ ich nicht einen Nebenbuhler? – Ach! Und welchen? – Einen Nebenbuhler vielleicht unter den Todten? – O lassen Sie mich! Ging es auch bis an's Ende der Welt. Ich muß meinen Bruder finden.“

„Wie? Nach so viel fehlgeschlagenen Versuchen können Sie noch Hoffnung –“

„Hoffnung! – In meinem Herzen starb sie längst. Aber auch in Jenem? – Was liegt daran, ob ich hoffe? - Bin ich glücklich, so lange noch ein Schimmer dieser Hoffnung in Antoniens Herzen glimmt? – Zwei Worte, Freund, könnten meine Marter enden – Aber umsonst! Mein Schicksal wird elend bleiben, bis die Ewigkeit ihr langes Schweigen bricht und Gräber für mich zeugen.“

[102] „Ist es diese Gewißheit also, die Sie glücklich machen kann?“

„Glücklich? O ich zweifle, ob ich es je wieder sein kann! - Aber Ungewißheit ist die schrecklichste Verdammniß! (Nach einigem Stillschweigen mäßigte er sich, und fuhr mit Wehmuth fort) Daß er meine Leiden sähe! – Kann sie ihn glücklich machen diese Treue, die das Elend seines Bruders macht? Soll ein Lebendiger eines Todten wegen schmachten, der nicht mehr genießen kann? – Wüßte er meine Qual – (hier fing er an, heftig zu weinen, und drückte sein Gesicht auf meine Brust) vielleicht – ja vielleicht würde er sie selbst in meine Arme führen.“

„Aber sollte dieser Wunsch so ganz unerfüllbar sein?“

„Freund! Was sagen Sie? – Er sah mich erschrocken an.“

„Weit geringere Anlässe, fuhr ich fort, haben die Abgeschiedenen in das Schicksal der Lebenden verflochten. Sollte das ganze zeitliche Glück eines Menschen – eines Bruders –“

„Das ganze zeitliche Glück! O das fühl’ ich! Wie wahr haben Sie gesagt! Meine ganze Glückseligkeit!“

[103] „Und die Ruhe einer trauernden Familie keine würdige Aufforderung sein? Gewiß! wenn je eine irrdische Angelegenheit dazu berechtigen kann, die Ruhe der Seligen zu stören – von einer Gewalt Gebrauch zu machen –“

„Um Gottes willen, Freund! (unterbrach er mich) Nichts mehr davon. Ehmals wohl, ich gesteh’ es, hegte ich einen solchen Gedanken – mir däucht, ich sagte Ihnen davon – aber ich hab’ ihn längst als ruchlos und abscheulich verworfen.“

„Sie sehen nun schon, fuhr der Sicilianer fort, wohin uns dieses führte. Ich bemühte mich, die Bedenklichkeiten des Ritters zu zerstreuen, welches mir endlich auch gelang. Es ward beschlossen, den Geist des Verstorbenen zu zitieren, wobei ich mir nur vierzehn Tage Frist ausbedingte, um mich, wie ich vorgab, würdig darauf vorzubereiten. Nachdem dieser Zeitraum verstrichen und meine Maschinen gehörig gerichtet waren, benutzte ich einen schauerlichen Abend, wo die Familie auf die gewöhnliche Art um mich versammelt war, ihr die Einwilligung dazu abzulocken, oder sie vielmehr unvermerkt dahin zu leiten, daß sie selbst diese Bitte an mich that. Den schwersten Stand hatte man bei der jungen Gräfinn, deren Gegenwart doch so wesentlich war; aber hier kam uns der schwärmerische Flug ihrer Leidenschaft zu Hülfe, und vielleicht mehr noch ein schwacher Schimmer von Hoffnung, [104] daß der Todtgeglaubte noch lebe und auf den Ruf nicht erscheinen würde. Mißtrauen in die Sache selbst war das einzige Hinderniß, welches ich nicht zu bekämpfen hatte.“

„Sobald die Einwilligung der Familie da war, wurde der dritte Tag zu dem Werke angesetzt. Gebete, die bis in die Mitternacht verlängert werden mußten, Fasten, Wachen, Einsamkeit und mystischer Unterricht waren, verbunden mit dem Gebrauch eines gewissen noch unbekannten musikalischen Instruments, das ich in ähnlichen Fällen sehr wirksam fand,[3] die Vorbereitungen zu diesem feierlichen Akt, welche auch so sehr nach Wunsch einschlugen, daß die fanatische Begeisterung meiner Zuhörer meine eigne Phantasie erhitzte, und die Illusion nicht wenig vermehrte, zu der ich mich bei dieser Gelegenheit anstrengen mußte. Endlich kam die erwartete Stunde –“

„Ich errathe, rief der Prinz, wen Sie uns jetzt aufführen werden. – Aber fahren Sie nur fort – fahren Sie fort –“

„Nein, gnädigster Herr. Die Beschwörung ging nach Wunsche vorüber.“

„Aber wie? Wo bleibt denn der Armenier?

[105] „Fürchten Sie nicht, antwortete der Sicilianer, der Armenier wird nur zu zeitig erscheinen.“

„Ich lasse mich in keine Beschreibung des Gaukelspiels ein, die mich ohnehin auch zu weit führen würde. Genug es erfüllte alle meine Erwartungen. Der alte Marchese, die junge Gräfinn nebst ihrer Mutter, der Chevalier und noch jemand aus der Verwandtschaft waren zugegen. Sie können leicht denken, daß es mir in der langen Zeit, die ich in diesem Hause zugebracht, nicht an Gelegenheit werde gemangelt haben, von allem, was den Verstorbenen anbetraf, die genaueste Erkundigung einzuziehen. Verschiedne Gemählde, die ich da von ihm vorfand, setzten mich in den Stand, der Erscheinung die täuschendste Ähnlichkeit zu geben, und weil ich den Geist nur durch Zeichen sprechen ließ, so konnte auch seine Stimme keinen Verdacht erwecken. Der Todte selbst erschien in barbarischem Sklavenkleid, eine tiefe Wunde am Halse. (Sie bemerken, sagte der Sicilianer, daß ich hierinn von der allgemeinen Muthmaßung abging, die ihn in den Wellen umkommen lassen, weil ich Ursache hatte zu hoffen, daß gerade das Unerwartete dieser Wendung die Glaubwürdigkeit der Vision selbst nicht wenig vermehren würde; so wie mir im Gegentheil nichts gefährlicher schien, als eine zu gewissenhafte Annäherung an das Natürliche.“

[106] „Ich glaube, daß dieß sehr richtig geurtheilt war, sagte der Prinz. In einer Reihe außerordentlichen Erscheinungen müßte, däucht mir, just die wahrscheinlichere stören; die Leichtigkeit, die erhaltene Entdeckung zu begreifen, würde hier nur das Mittel, durch welches man dazu gelangt war, herabgewürdigt haben; die Leichtigkeit, sie zu erfinden, dieses wohl gar verdächtig gemacht haben; denn wozu einen Geist bemühen, wenn man nichts weiteres von ihm erfahren soll, als was auch ohne ihn, mit Hülfe der bloß gewöhnlichen Vernunft herauszubringen war? Aber die überraschende Neuheit und Schwürigkeit der Entdeckung ist hier gleichsam eine Gewährleistung: des Wunders, wodurch sie erhalten wird – denn wer wird nun das Uebernatürliche einer Operation in Zweifel ziehen, wenn das, was sie leistete, durch natürliche Kräfte nicht geleistet werden kann? – Ich habe Sie unterbrochen, setzte der Prinz hinzu. Fahren Sie fort Ihrer Erzählung.“

„Ich ließ die Frage an den Geist ergehen, ob er nichts mehr sein nenne auf dieser Welt, und nichts darauf hinterlassen habe, was ihm theuer wäre? Der Geist schüttelte dreimal das Haupt und streckte eine seiner Hände gen Himmel. Ehe er wegging, streifte er noch einen Ring vom Finger, den man nach seiner Verschwindung auf dem Fußboden liegend fand. Als die Gräfinn ihn genauer in’s Gesicht faßte, war es ihr Trauring.“

[107] „Ihr Trauring! rief der Prinz mit Befremdung. Ihr Trauring! Aber wie gelangten Sie zu diesem?“

„Ich – – – Es war nicht der rechte, gnädigster Prinz – – – Ich hatte ihn – – – Es war nur ein nachgemachter.“

„Ein nachgemachter! wiederhohlte der Prinz. Zum Nachmachen brauchten Sie ja den rechten, und wie kamen Sie zu diesem, da ihn der Verstorbene gewiß nie vom Finger brachte?“

„Das ist wohl wahr, sagte der Sicilianer, nicht ohne Zeichen der Verwirrung – aber aus einer Beschreibung, die man mir von dem wirklichen Trauring gemacht hatte –“

„Die Ihnen wer gemacht hatte?“

„Schon vor langer Zeit, sagte der Sicilianer. Es war ein ganz einfacher goldner Ring mit dem Nahmen der jungen Gräfinn, glaub’ ich, – aber Sie haben mich ganz aus der Ordnung gebracht –“

„Wie erging es weiter? sagte der Prinz mit sehr unbefriedigter und zweideutiger Miene.“

„Jetzt hielt man sich für überzeugt, daß Jeronymo nicht mehr am Leben sei. Die Familie machte von diesem Tag an seinen Tod öffentlich bekannt und legte förmlich die Trauer um ihn an. Der Umstand mit dem Ringe erlaubte auch Antonien keinen Zweifel mehr und [108] gab den Bewerbungen des Chevalier einen größern Nachdruck. Aber der heftige Eindruck, den diese Erscheinung auf sie gemacht, stürzte sie in eine gefährliche Krankheit, welche die Hoffnungen ihres Liebhabers bald auf ewig vereitelt hätte; als sie wieder genesen war, bestand sie darauf, den Schleier zu nehmen, wovon sie nur durch die nachdrücklichsten Gegenvorstellungen ihres Beichtvaters, in den sie ein unumschränktes Vertrauen setzte, abzubringen war. Endlich gelang es den vereinigten Bemühungen dieses Mannes und der Familie, ihr das Jawort abzuängstigen. Der letzte Tag der Trauer sollte der glückliche Tag sein, den der alte Marchese durch Abtretung aller seiner Güter an den rechtmäßigen Erben noch festlicher zu machen gesonnen war.“

„Es erschien dieser Tag, und Lorenzo empfing seine bebende Braut am Altare. Der Tag ging unter, ein prächtiges Mahl erwartete die frohen Gäste im hellerleuchteten Hochzeitsaal, und eine lermende Musik begleitete die ausgelassene Freude. Der glückliche Greis hatte gewollt, daß alle Welt seine Fröhlichkeit theilte; alle Zugänge zum Pallaste waren geöffnet, und willkommen war jeder, der ihn glücklich pries. Unter diesem Gedränge nun –“

Der Sicilianer hielt hier inne, und ein Schauer der Erwartung hemmte unsern Odem –

[109] „Unter diesem Gedränge also, fuhr er fort, ließ mich derjenige, welcher zunächst an mir saß, einen Franziskanermönch bemerken, der unbeweglich wie eine Säule stand, langer hagrer Statur und aschbleichen Angesichts, einen ernsten und traurigen Blick auf das Brautpaar geheftet. Die Freude, welche rings herum auf allen Gesichtern lachte, schien an diesem einzigen vorüber zu gehen, seine Miene blieb unwandelbar dieselbe, wie eine Büste unter lebenden Figuren. Das Außerordentliche dieses Anblicks, der, weil er mich mitten in der Lust überraschte, und gegen alles, was mich in diesem Augenblick umgab, auf eine so grelle Art abstach, um so tiefer auf mich wirkte, ließ einen unauslöschlichen Eindruck in meiner Seele, daß ich dadurch allein in den Stand gesetzt worden bin, die Gesichtszüge dieses Mönchs in der Physionomie des Russen (denn Sie begreifen wohl schon, daß er mit diesem und Ihrem Armenier eine Person war) wieder zu erkennen, welches sonst schlechterdings unmöglich würde gewesen sein. Oft versucht’ ich’s, die Augen von dieser Gestalt abzuwenden, aber unfreiwillig fielen sie wieder darauf, und fanden sie jedesmal unverändert. Ich stieß meinen Nachbar an, dieser den seinigen; dieselbe Neugierde, dieselbe Befremdung durchlief die ganze Tafel, das Gespräch stockte, eine allgemeine plötzliche Stille, den Mönch störte sie nicht. Der Mönch stand unbeweglich und immer derselbe, einen ernsten und traurigen Blick auf das Brautpaar geheftet. [110] Einen jeden entsetzte diese Erscheinung, die junge Gräfinn allein fand ihren eigenen Kummer im Gesicht dieses Fremdlings wieder und hing mit stiller Wollust an dem einzigen Gegenstand in der Versammlung, der ihren Gram zu verstehen schien. Allgemach verlief sich das Gedränge, Mitternacht war vorüber, die Musik fing an stiller und verlohrner zu tönen, die Kerzen dunkler und endlich nur einzeln zu brennen, das Gespräch leiser und immer leiser zu flüstern – und öder ward es, und immer öder im trüberleuchteten Hochzeitsaal; der Mönch stand unbeweglich und immer derselbe, einen stillen und traurigen Blick auf das Brautpaar geheftet. Die Tafel wird aufgehoben, die Gäste zerstreuen sich dahin und dorthin, die Familie tritt in einen engeren Kreis zusammen; der Mönch bleibt ungeladen in diesem engeren Kreis. Ich weiß nicht, woher es kam, daß niemand ihn anreden wollte; niemand redete ihn an. Schon drängen sich ihre weibliche Bekannte um die zitternde Braut herum, die einen bittenden Hülfe suchenden Blick auf den ehrwürdigen Fremdling richtet; der Fremdling erwiedert ihn nicht. Die Männer sammeln sich auf gleiche Art um den Bräutigam – Eine gepreßte erwartungsvolle Stille – „Daß wir untereinander da so glücklich sind“ hub endlich der Greis an, der allein unter uns allen den Unbekannten nicht zu bemerken, oder sich doch nicht über ihn zu verwundern schien: „Daß wir so glücklich sind, sagte er, und mein Sohn Jeronymo muß fehlen!“

[111] „Hast du ihn denn geladen und er ist ausgeblieben? fragte der Mönch. Es war das erstemal, daß er den Mund öffnete. Mit Schrecken sahen wir ihn an.“

„Ach! er ist hingegangen, wo man auf ewig ausbleibt, versetzte der Alte. Ehrwürdiger Herr, ihr versteht mich unrecht. Mein Sohn Jeronymo ist todt.“

„Vielleicht fürchtet er sich auch nur, sich in solcher Gesellschaft zu zeigen, fuhr der Mönch fort – Wer weiß, wie er aussehen mag, dein Sohn Jeronymo! – Laß ihn die Stimme hören, die er zum letzten Mal hörte! – Bitte deinen Sohn Lorenzo, daß er ihn rufe.“

„Was soll das bedeuten? murmelte alles. Lorenzo veränderte die Farbe. Ich läugne nicht, daß mir das Haar anfing zu steigen.“

„Der Mönch war unterdessen zum Schenktisch getreten, wo er ein volles Weinglas ergriff, und an die Lippen setzte – „Das Andenken unsers theuern Jeronymo!“ rief er. „Wer den Verstorbenen lieb hatte, thue mir’s nach.“

„Woher ihr auch sein mögt, ehrwürdiger Herr, rief endlich der Marchese. Ihr habt einen theuern Nahmen genannt. Seid mir willkommen! – Kommt meine Freunde! (indem er sich gegen uns kehrte und [112] die Gläser herum gehen ließ) laßt einen Fremdling uns nicht beschämen! – Dem Andenken meines Sohnes Jeronymo!“

„Nie, glaube ich, ward eine Gesundheit mit so schlimmem Muthe getrunken.“

„Ein Glas steht noch voll da – Warum weigert sich mein Sohn Lorenzo, auf diesen freundlichen Trunk Bescheid zu thun?“

„Bebend empfing Lorenzo das Glas aus des Franziskaners Hand – bebend brachte er es an den Mund – „Meinem vielgeliebten Bruder Jeronymo!“ stammelte er, und schauernd setzte er’s nieder.“

Das ist meines Mörders Stimme, rief eine fürchterliche Gestalt, die auf einmal in unsrer Mitte stand, mit bluttriefendem Kleide und entstellt von gräßlichen Wunden.“

„Aber um das weitere frage man mich nicht mehr, sagte der Sicilianer, alle Zeichen des Entsetzens in seinem Angesicht. Meine Sinne hatten mich von dem Augenblicke an verlassen, als ich die Augen auf die Gestalt warf, so wie jeden, der zugegen war. Da wir wieder zu uns selber kamen, rang Lorenzo mit dem Tode; Mönch und Erscheinung waren verschwunden. Den Ritter brachte man unter schrecklichen Zuckungen zu Bette; niemand als der Geistliche war um den [113] Sterbenden und der jammervolle Greis, der ihm, wenige Wochen nachher, im Tode folgte. Seine Geständnisse liegen in der Brust des Paters versenkt, der seine letzte Beichte hörte, und kein lebendiger Mensch hat sie erfahren. Nicht lange nach dieser Begebenheit geschah es, daß man einen Brunnen auszuräumen hatte, der im Hinterhofe des Landhauses unter wildem Gesträuche versteckt und viele Jahre lang verschüttet war; da man den Schutt durch einander störte, entdeckte man ein Todtengerippe. Das Haus, wo sich dieses zutrug, steht nicht mehr; die Familie del M**nte ist erloschen, und in einem Kloster, ohnweit Salerno, zeigt man Ihnen Antoniens Grab.“

„Sie sehen nun, fuhr der Sicilianer fort, als er sah, daß wir noch alle stumm und betreten standen und niemand das Wort nehmen wollte, Sie sehen nun, worauf sich meine Bekanntschaft mit diesem Russischen Offizier, oder diesem Franziskanermönch, oder diesem Armenier gründet. Urtheilen Sie jetzt, ob ich Ursache gehabt, vor einem Wesen zu zittern, das sich mir zweimal auf eine so schreckliche Art in den Weg warf.“

„Beantworten Sie mir noch eine einzige Frage, sagte der Prinz und stand auf. Sind Sie in Ihrer Erzählung über alles, was den Ritter betraf, immer aufrichtig gewesen?“

[114] „Ich weiß nicht anders, versetzte der Sicilianer.“

„Sie haben ihn also wirklich für einen rechtschaffenen Mann gehalten?“

„Das hab’ ich, bei Gott, das hab’ ich,“ antwortete jener.

„Auch da noch, als er Ihnen den bewußten Ring gab?“

„Wie? – Er gab mir keinen Ring – Ich habe ja nicht gesagt, daß er mir den Ring gegeben.“

„Gut, sagte der Prinz, an der Glocke ziehend und im Begriff wegzugehen. Und den Geist des Marquis von Lanoy, (fragte er, indem er noch einmal zurückkam) den dieser Russe gestern auf den Ihrigen folgen ließ, halten Sie also für einen wahren und wirklichen Geist?“

– – – „Ich kann ihn für nichts anders halten.“

„Kommen Sie, sagte der Prinz zu uns. Der Schließer trat herein. Wir sind fertig, sagte er zu diesem. Sie, mein Herr, sollen weiter von mir hören.“

Die Frage, gnädigster Herr welche Sie zuletzt an den Gaukler gethan haben, möchte ich an Sie selbst thun, sagte ich zu dem Prinzen, als wir wieder allein [115] waren. Halten Sie diesen zweiten Geist für den wahren und ächten?

„Ich? Nein, wahrhaftig, das thue ich nicht mehr.“

Nicht mehr? Also haben Sie es doch gethan?

„Ich läugne nicht, daß ich mich einen Augenblick habe hinreißen lassen, dieses Blendwerk für etwas mehr zu halten.“

Und ich will den sehen, rief ich aus, der sich unter diesen ähnlichen Umständen einer ähnlichen Vermuthung erwehren kann. Aber was für Gründe haben Sie nun, diese Meinung zurückzunehmen? Nach dem, was man uns eben von diesem Armenier erzählt hat, sollte sich der Glaube an seine Wundergewalt eher vermehrt als vermindert haben.

„Was ein Nichtswürdiger uns von ihm erzählt hat? fiel mir der Prinz mit Ernsthaftigkeit in’s Wort. Denn hoffentlich zweifeln Sie nun nicht mehr, daß wir mit einem solchen zu thun gehabt haben?“

Nein, sagte ich. Aber sollte deßwegen sein Zeugniß –

„Das Zeugniß eines Nichtswürdigen – gesetzt, ich hätte auch weiter keinen Grund, es in Zweifel zu ziehen – kann gegen Wahrheit und gesunde Vernunft [116] nicht in Anschlag kommen. Verdient ein Mensch, der mich mehrmal betrogen, der den Betrug zu seinem Handwerk gemacht hat, in einer Sache gehört zu werden, wo die aufrichtigste Wahrheitsliebe selbst sich erst reinigen muß? Verdient ein solcher Mensch, der vielleicht nie eine Wahrheit um ihrer selbst willen gesagt hat, da Glauben, wo er als Zeuge gegen Menschenvernunft und ewige Naturordnung auftritt? Das klingt eben so, als wenn ich einen gebrandmarkten Bösewicht bevollmächtigen wollte, gegen die nie befleckte und nie bescholtene Unschuld zu klagen.“

Aber was für Gründe sollte er haben, einem Manne, den er so viele Ursachen hat zu hassen, ein so glorreiches Zeugniß zu geben?

„Wenn ich diese Gründe auch nicht einsehe, soll er sie deßwegen weniger haben? Weiß ich, in wessen Solde er mich belog? Ich gestehe, daß ich das ganze Gewebe seines Betrugs noch nicht ganz durchschaue; aber er hat der Sache, für die er streitet, einen sehr schlechten Dienst gethan, daß er sich mir als einen Betrüger – und vielleicht als etwas noch schlimm’res – entlarvte.“

Der Umstand mit dem Ringe scheint mir freilich etwas verdächtig.

„Er ist mehr als das, sagte der Prinz, er ist entscheidend. Diesen Ring empfing er von dem Mörder [117] und er mußte in demselben Augenblick gewiß sein, daß es der Mörder war. Wer als der Mörder konnte dem Verstorbenen einen Ring abgezogen haben, den dieser gewiß nie vom Finger ließ? Uns suchte er die ganze Erzählung hindurch zu überreden, als ob er selbst von dem Ritter getäuscht worden und als ob er geglaubt hätte ihn zu täuschen. Wozu diesen Winkelzug, wenn er nicht selbst bei sich fühlte, wie viel er verloren gab, wenn er sein Verständniß mit dem Mörder einräumte? Seine ganze Erzählung ist offenbar nichts, als eine Reihe von Erfindungen, um die wenigen Wahrheiten an einander zu hängen, die er uns preis zu geben für gut fand. Und ich sollte größeres Bedenken tragen, einen Nichtswürdigen, den ich auf zehn Lügen ertappte, lieber auch noch der eilften zu beschuldigen, als die Grundordnung der Natur unterbrechen zu lassen, die ich noch auf keinem Mißklang betrat?“

Ich kann Ihnen darauf nichts antworten, sagte ich. Aber die Erscheinung, die wir gestern sahen, bleibt mir darum nicht weniger unbegreiflich.

„Auch mir, versetzte der Prinz, ob ich gleich in Versuchung gerathen bin, einen Schlüssel dazu ausfindig zu machen.“

Wie? sagte ich.

[118] „Erinnern Sie sich nicht, daß die zwote Gestalt, sobald sie herein war, auf den Altar zuging, das Crucifix in die Hand faßte, und auf den Teppich trat?“

So schien mir’s. Ja.

„Und das Crucifix, sagt uns der Sicilianer, war ein Conductor. Daraus sehen Sie also, daß sie eilte, sich elektrisch zu machen. Der Streich, den Lord Seymour mit dem Degen nach ihr that, konnte also nicht anders als unwirksam bleiben, weil der elektrische Schlag seinen Arm lähmte.“

Mit dem Degen hätte dieses seine Richtigkeit. Aber die Kugel, die der Sicilianer auf sie abschoß, und welche wir langsam auf den Altar rollen hörten?

„Wissen Sie auch gewiß, daß es die abgeschossene Kugel war, die wir rollen hörten? – Davon will ich gar nicht einmal reden, daß die Marionette oder der Mensch, der den Geist vorstellte, so gut umpanzert sein konnte, daß er schuß- und degenvest war. – Aber denken Sie doch ein wenig nach, wer es war, der die Pistolen geladen.“

Es ist wahr, sagte ich, – und ein plötzliches Licht ging mir auf – Der Russe hatte sie geladen. Aber dieses geschah vor unsern Augen, wie hätte da ein Betrug vorgehen können?

[119] „Und warum hätte er nicht sollen vorgehen können? Setzten Sie denn schon damals ein Mißtrauen in diesen Menschen, daß Sie es für nöthig befunden hätten, ihn zu beobachten? Untersuchten Sie die Kugel, eh’ er sie in den Lauf brachte, die eben so gut eine quecksilberne oder auch nur eine bemahlte Thonkugel sein konnte? Gaben Sie Acht, ob er sie auch wirklich in den Lauf der Pistole, oder nicht nebenbei in seine Hand fallen ließ? Was überzeugt Sie – gesetzt er hätte sie auch wirklich scharf geladen – daß er gerade die geladenen in den andern Pavillon mit hinübernahm, und nicht vielmehr ein andres Paar unterschob, welches so leicht anging, da es niemand einfiel, ihn zu beobachten, und wir überdieß mit dem Auskleiden beschäftigt waren? Und konnte die Gestalt nicht in dem Augenblicke, da der Pulverrauch sie uns entzog, eine andre Kugel, womit sie auf den Nothfall versehen war, auf den Altar fallen lassen? Welcher von allen diesen Fällen ist der unmögliche?“

Sie haben Recht. Aber diese treffende Aehnlichkeit der Gestalt mit Ihrem verstorbenen Freunde – Ich habe ihn ja auch sehr oft bei Ihnen gesehen, und in dem Geiste hab’ ich ihn auf der Stelle wieder erkannt.

„Auch ich – und ich kann nicht anders sagen, als daß die Täuschung auf’s höchste getrieben war. Wenn aber nun dieser Sicilianer, nach einigen wenigen verstohlen Blicken, die er auf meine Tabatiere warf, auch in sein Gemählde eine Aehnlichkeit zu bringen wußte, [120] die Sie und mich hinterging, warum nicht um so viel mehr der Russe, der während der ganzen Tafel den freien Gebrauch meiner Tabatiere hatte, der den Vortheil genoß, immer und durchaus unbeobachtet zu bleiben, und dem ich noch außerdem im Vertrauen entdeckt hatte, wer mit dem Bilde auf der Dose gemeint sei? – Setzen Sie hinzu – was auch der Sicilianer anmerkte – daß das Karakteristische des Marquis in lauter solchen Gesichtszügen liegt, die sich auch im Groben nachahmen lassen – wo bleibt dann das Unerklärbare in dieser ganzen Erscheinung?“

Aber der Inhalt seiner Worte? Der Aufschluß über Ihren Freund?

„Wie? Sagte uns denn der Sicilianer nicht, daß er aus dem wenigen, was er mir abfragte, eine ähnliche Geschichte zusammengesetzt habe? Beweis’t dieses nicht, wie natürlich gerade auf diese Erfindung zu fallen war? Ueberdieß klangen die Antworten des Geists so orakelmäßig dunkel, daß er gar nicht Gefahr laufen konnte, auf einem Widerspruch betreten zu werden. Setzen Sie, daß die Kreatur des Gauklers, die den Geist machte, Scharfsinn und Besonnenheit besaß und von den Umständen nur ein wenig unterrichtet war – wie weit hätte diese Gaukelei nicht noch geführt werden können?“

[121] Aber überlegen Sie, gnädigster Herr, wie weitläuftig die Anstalten zu einem so zusammengesetzten Betrug von Seiten des Armeniers hätten sein müssen! Wie viele Zeit dazu gehört haben würde! Wie viele Zeit nur, einen menschlichen Kopf einem andern so getreu nachzumahlen, als hier vorausgesetzt wird! Wie viele Zeit, diesen unterschobenen Geist so gut zu unterrichten, daß man vor einem groben Irrthum gesichert war! Wie viele Aufmerksamkeit die kleinen unnennbaren Nebendinge würden erfodert haben, welche entweder mithelfen, oder denen, weil sie stören konnten, auf irgend eine Art doch begegnet werden mußte! Und nun erwägen Sie, daß der Russe nicht über eine halbe Stunde abwesend war. Konnte wohl in nicht mehr als einer halben Stunde alles angeordnet werden, was hier nur das unentbehrlichste war? – Wahrlich, gnädigster Herr, selbst nicht einmal ein dramatischer Schriftsteller, der um die unerbittlichen drei Einheiten seines Aristoteles verlegen war, würde einem Zwischenakt so viel Handlung aufgelastet, noch seinem Parterre einen so starken Glauben zugemuthet haben.

„Wie, Sie halten es also schlechterdings für unmöglich, daß in dieser kleinen halben Stunde alle diese Anstalten hätten getroffen werden können?“

In der That, rief ich, für so gut als unmöglich.

[122] „Diese Redensart verstehe ich nicht. Widerspricht es allen Gesetzen der Zeit, des Raums und der physischen Wirkungen, daß ein so gewandter Kopf, wie doch unwidersprechlich dieser Armenier ist, mit Hülfe seiner vielleicht eben so gewandten Kreaturen, in der Hülle der Nacht, von niemand beobachtet, mit allen Hülfsmitteln ausgerüstet, von denen sich ein Mann dieses Handwerks ohnehin niemals trennen wird, daß ein solcher Mensch, von solchen Umständen begünstigt, in so weniger Zeit so viel zu Stand bringen könne? Ist es geradezu undenkbar und abgeschmackt zu glauben, daß er mit Hülfe weniger Worte, Befehle oder Winke seinen Helfershelfern weitläuftige Aufträge geben, weitläuftige und zusammengesetzte Operationen mit wenigem Wortaufwande bezeichnen könne? – Und darf etwas andres, als eine hell eingesehene Unmöglichkeit gegen die ewigen Gesetze der Natur aufgestellt werden? Wollen Sie lieber ein Wunder glauben, als eine Unwahrscheinlichkeit zugeben? Lieber die Kräfte der Natur umstürzen, als eine künstliche und weniger gewöhnliche Combination dieser Kräfte sich gefallen lassen?“

Wenn die Sache auch eine so kühne Folgerung nicht rechtfertigt, so müssen Sie mir doch eingestehen, daß sie weit über unsre Begriffe geht.

[123] „Beinahe hätte ich Lust, Ihnen auch dieses abzustreiten, sagte der Prinz mit schalkhafter Munterkeit. Wie, lieber Graf? Wenn es sich, zum Beispiel, ergäbe, daß nicht bloß während und nach dieser halben Stunde, nicht bloß in der Eile und nebenher, sondern den ganzen Abend und die ganze Nacht für diesen Armenier gearbeitet worden? Denken Sie nach, daß der Sicilianer beinahe drei volle Stunden zu seinen Zurüstungen verbrauchte.“

Der Sicilianer, gnädigster Herr!

„Und womit beweisen Sie mir denn, daß der Sicilianer an dem zweiten Gespenste nicht eben so vielen Antheil gehabt habe, als an dem ersten?“

Wie, gnädigster Herr?

„Daß er nicht der vornehmste Helfershelfer des Armeniers war – kurz – daß beide nicht mit einander unter einer Decke liegen?“

Das möchte schwer zu erweisen sein, rief ich mit nicht geringer Verwunderung.

„Nicht so schwer, lieber Graf, als Sie wohl meinen. Wie? Es wäre Zufall, daß sich diese beiden Menschen in einem so seltsamen, so verwickelten Anschlag auf dieselbe Person, zu derselben Zeit und an demselben Orte begegneten, daß sich unter ihren beiderseitigen [124] Operationen eine so einstimmige Harmonie, ein so durchdachtes Einverständniß fände, daß einer dem andern gleichsam in die Hände arbeitete? Setzen Sie, er habe sich des gröbern Gaukelspiels bedient, um dem feinern eine Folie unterzulegen. Er schuf sich sich einen Hektor, um sein Achilles zu sein. Setzen Sie, er habe jenes vorausgeschickt, um den Grad von Glauben auszufinden, worauf er bei mir zu rechnen hätte; um die Zugänge zu meinem Vertrauen auszuspähen; um sich durch diesen Versuch, der unbeschadet seines übrigen Planes verunglücken konnte, mit seinem Subjekte zu familiarisiren; kurz, um sein Instrument damit anzuspielen. Setzen Sie, er habe es gethan, um eben dadurch, daß er meine Aufmerksamkeit auf einer Seite vorsetzlich aufforderte und wach erhielt, sie auf einer andern, die ihm wichtiger war, einschlummern zu lassen. Setzen Sie, er habe einige Erkundigungen einzuziehen gehabt, von denen er wünschte, daß sie auf Rechnung des Taschenspielers geschrieben würden, um den Argwohn von der wahren Spur zu entfernen.“

Wie meinen Sie das?

„Lassen Sie uns annehmen, er habe einen meiner Leute bestochen, um durch ihn gewisse geheime Nachrichten – vielleicht gar Dokumente – zu erhalten, [125] die zu seinem Zwecke dienen. Ich vermisse meinen Jäger. Was hindert mich, zu glauben, daß der Armenier bei der Entweichung dieses Menschen mit im Spiele sei? Aber der Zufall kann es fügen, daß ich hinter diese Schliche komme; ein Brief kann aufgefangen werden, ein Bedienter plaudern. Sein ganzes Ansehen scheitert, wenn ich die Quellen seiner Allwissenheit entdecke. Er schiebt also diesen Taschenspieler ein, der diesen oder jenen Anschlag auf mich haben muß. Von dem Dasein und den Absichten dieses Menschen unterläßt er nicht, mir frühzeitig einen Wink zu geben. Was ich also auch entdecken mag, so wird mein Verdacht auf niemand anders als diesen Gaukler fallen; und zu den Nachforschungen, welche ihm zu gute kommen, wird der Sicilianer seinen Nahmen geben. Dieses war die Puppe, mit der er mich spielen läßt, während daß er selbst, unbeobachtet und unverdächtig, mit unsichtbaren Seilen mich umwindet.“

Sehr gut! Aber wie läßt es sich mit diesen Absichten reimen, daß er selbst diese Täuschung zerstören hilft und die Geheimnisse seiner Kunst profanen Augen preis giebt?

„Was sind es für Geheimnisse, die er mir preis giebt? Keines von denen zuverlässig, die er Lust hat, bei mir in Ausübung zu bringen. Er hat also durch [126] ihre Profanation nichts verloren – aber wie viel hat er im Gegentheil gewonnen, wenn dieser vermeintliche Triumph über Betrug und Taschenspielerei mich sicher und zuversichtlich macht, wenn es ihm dadurch gelang, meine Wachsamkeit nach einer entgegengesetzten Richtung zu lenken, meinen noch unbestimmt umher schweifenden Argwohn auf Gegenständen zu fixiren, die von dem eigentlichen Ort des Angriffs am weitesten entlegen sind? – Er konnte erwarten, daß ich, früher oder später, aus eignem Mißtrauen oder fremdem Antrieb, den Schlüssel zu seinen Wundern in der Taschenspielerkunst aufsuchen würde. – Was konnte er beßres thun, als daß er sie selbst neben einander stellte, daß er mir gleichsam den Maßstab dazu in die Hand gab, und, indem er der letztern eine künstliche Grenze setzte, meine Begriffe von den erstern desto mehr erhöhete oder verwirrte? Wie viele Muthmaßungen hat er durch diesen Kunstgriff auf einmal abgeschnitten! Wie viele Erklärungsarten im voraus widerlegt, auf die ich in der Folge vielleicht hätte fallen mögen!“

So hat er wenigstens sehr gegen sich selbst gehandelt, daß er die Augen derer, die er täuschen wollte, schärfte, und ihren Glauben an Wunderkraft durch Entzifferung eines so künstlichen Betrugs überhaupt sinken machte. Sie selbst, gnädigster Herr, sind die beste Widerlegung seines Plans, wenn er ja einen gehabt hat.

[127] „Er hat sich in mir vielleicht geirret – aber er hat darum nicht weniger scharfsinnig raisonniret. Konnte er voraus sehen, daß mir gerade dasjenige im Gedächtniß bleiben würde, welches der Schlüssel zu dem Wunder werden könnte? Lag es in seinem Plan, daß mir die Kreatur, deren er sich bediente, solche Blößen geben sollte? Wissen wir, ob dieser Sicilianer seine Vollmacht nicht weit überschritten hat? – Mit dem Ringe gewiß – und doch ist es hauptsächlich dieser einzige Umstand, der mein Mißtrauen gegen diesen Menschen entschieden hat. Wie leicht kann ein so zugespitzter feiner Plan durch ein gröberes Organ verunstaltet werden? Sicherlich war es seine Meinung nicht, daß uns der Taschenspieler seinen Ruhm im Marktschreiertone vorposaunen sollte – daß er uns jene Mährchen aufschüsseln sollte, die sich beim leichtesten Nachdenken widerlegen. So, zum Beispiel – mit welcher Stirne kann dieser Charlatan behaupten, daß sein Wunderthäter auf den Glockenschlag Zwölfe in der Nacht jeden Umgang mit Menschen aufheben müsse? Haben wir ihn nicht selbst um diese Zeit in unserer Mitte gesehen?"

Das ist wahr, rief ich. Das muß er vergessen haben!

„Aber es liegt im Karakter dieser Art Leute, daß sie solche Aufträge übertreiben, und durch das Zuviel [128] alles verschlimmern, was ein bescheidener und mäßiger Betrug vortrefflich gemacht hätte.“

Ich kann es dem ohngeachtet noch nicht über mich gewinnen, gnädigster Herr, diese ganze Sache für nichts mehr, als ein angestelltes Spiel zu halten. Wie? Der Schrecken des Sicilianers, die Zuckungen, die Ohnmacht, der ganze klägliche Zustand dieses Menschen, der uns selbst Erbarmen einflößte – alles dieses wäre nur eine eingelernte Rolle gewesen? Zugegeben, daß sich das theatralische Gaukelspiel auch noch so weit treiben lasse, so kann die Kunst des Akteurs doch nicht über die Organe seines Lebens gebieten.

„Was das anbetrifft, Freund – Ich habe Richard den Dritten von Garrick gesehen – Und waren wir in diesem Augenblick kalt und müßig genug, um unbefangene Beobachter abzugeben? Konnten wir den Affekt dieses Menschen prüfen, da uns der unsrige übermeisterte? Ueberdieß ist die entscheidende Krise, auch sogar eines Betrugs, für den Betrüger selbst eine so wichtige Angelegenheit, daß bei ihm die Erwartung gar leicht so gewaltsame Symptome erzeugen kann, als die Ueberraschung bei dem Betrogenen. Rechnen Sie dazu noch die unvermuthete Erscheinung der Häscher –“

[129] Eben diese, gnädigster Herr – Gut, daß Sie mich daran erinnern – Würde er es wohl gewagt haben, einen so gefährlichen Plan dem Auge der Gerechtigkeit bloß zu stellen? Die Treue seiner Kreatur auf eine so bedenkliche Probe zu bringen? – Und zu welchem Ende?

„Dafür lassen Sie ihn sorgen, der seine Leute kennen muß. Wissen wir, was für geheime Verbrechen ihm für die Verschwiegenheit dieses Menschen haften? – Sie haben gehört, welches Amt er in Venedig bekleidet – Wie viel wird es ihm wohl kosten, diesem Kerl durchzuhelfen, der keinen andern Ankläger hat als ihn?“ Und in der That hat der Ausgang den Verdacht des Prinzen in diesem Stück nur zu sehr gerechtfertigt. Als wir uns einige Tage darauf nach unserm Gefangenen erkundigen ließen, erhielten wir zur Antwort, daß er unsichtbar geworden sey.

„Und zu welchem Ende fragen Sie? Auf welchem andern Weg, als auf diesem gewaltsamen, konnte er dem Sicilianer eine so unwahrscheinliche und schimpfliche Beichte abfodern lassen, worauf es doch so wesentlich ankam? Wer als ein verzweifelter Mensch, der nichts mehr zu verlieren hat, wird sich entschließen können, so erniedrigende Aufschlüsse über sich selbst zu geben? Unter welchen andern Umständen hätten wir sie ihm geglaubt?“

[130] Alles zugegeben, Prinz, sagte ich endlich. Beide Erscheinungen sollen Gaukelspiele gewesen sein, dieser Sicilianer soll uns meinethalben nur ein Mährchen aufgeheftet haben, das ihm sein Principal einlernen ließ, beide sollen zu einem Zweck, mit einander einverstanden, wirken, und aus diesem Einverständniß sollen alle jene wunderbaren Zufälle sich erklären lassen, die uns im Laufe dieser Begebenheit in Erstaunen gesetzt haben. Jene Prophezeiung auf dem Markusplatz, das erste Wunder, welches alle übrigen eröffnet hat, bleibt nichts desto weniger unerklärt; und was hilft uns der Schlüssel zu allen übrigen, wenn wir an der Auflösung dieses einzigen verzweifeln?

„Kehren Sie es vielmehr um, lieber Graf, gab mir der Prinz hierauf zur Antwort. Sagen Sie, was beweisen alle jene Wunder, wenn ich herausbringe, daß auch nur ein einziges Taschenspiel darunter war? Jene Prophezeiung – ich bekenn’ es Ihnen – geht über alle meine Fassungskraft. Stünde sie einzeln da, hätte der Armenier seine Rolle mit ihr beschlossen, wie er sie damit eröffnete – ich gestehe Ihnen, ich weiß nicht, wie weit sie mich noch hätte führen können. In dieser niedrigen Gesellschaft ist sie mir ein klein wenig verdächtig. – Die Zeit wird sie aufklären, oder auch nicht aufklären – aber glauben Sie mir, Freund, [131] (indem er seine Hand auf die meinige legte, und eine sehr ernsthafte Miene annahm) ein Mensch, dem höhere Kräfte zu Gebote stehen, wird keines Gaukelspiels bedürfen, oder er wird es verachten.“

So endigte sich eine Unterredung, die ich darum ganz hieher gesetzt habe, weil sie die Schwierigkeiten zeigt, die bei dem Prinzen zu besiegen waren; und weil sie, wie ich hoffe, sein Andenken von dem Vorwurfe reinigen wird, daß er sich blind und unbesonnen in die Schlinge gestürzt habe, die eine unerhörte Teufelei ihm bereitete. Nicht alle – fährt der Graf von O*** fort – die in dem Augenblicke, wo ich dieses schreibe, vielleicht mit Hohngelächter auf seine Schwachheit herabsehen und im stolzen Dünkel ihrer nie angefochtenen Vernunft sich für berechtigt halten, den Stab der Verdammung über ihn zu brechen, nicht alle, fürchte ich, würden diese erste Probe so männlich bestanden haben. Wenn man ihn nunmehr auch nach dieser glücklichen Vorbereitung demohngeachtet fallen sieht, wenn man den schwarzen Anschlag, vor dessen entferntester Annäherung ihn sein guter Genius warnte, nichts desto weniger an ihm in Erfüllung gegangen findet, so wird man weniger über seine Thorheit spotten, als über die Größe des Bubenstücks erstaunen, dem eine so wohlvertheidigte Vernunft erlag. Weltliche Rücksichten können an meinem Zeugnisse keinen Antheil haben, denn er, der [132] es mir danken soll, ist nicht mehr. Sein schreckliches Schicksal ist geendigt, längst hat sich seine Seele am Thron der Wahrheit gereinigt, vor den auch die meinige treten wird – aber – man verzeihe mir die Thräne, die dem Andenken meines theuersten Freunds unfreiwillig fällt – aber zur Steuer der Gerechtigkeit schreib’ ich es nieder: Er war ein edler Mensch, und gewiß wär’ er eine Zierde des Thrones geworden, den er durch ein Verbrechen ersteigen zu wollen, sich bethören ließ.



  1. Der Graf von O***, dessen Worten ich bis jetzt buchstäblich gefolgt bin, verbreitet sich mit vieler Umständlichkeit über die verschiedenen Wirkungen, welche diese Begebenheit auf das Gemüth des Prinzen und seiner übrigen Reisegefährten gehabt hat, und die Geistererzählungen, wozu sie die Veranlassung gewesen. Ich erlasse sie dem Leser, dem es vermuthlich gehen wird wie mir, um lieber zur Sache selbst zu eilen, und diese Wirkungen aus den Handlungen des Prinzen erkennen zu lassen; und begnüge mich nur, zu sagen, daß der Prinz in der darauf folgenden Nacht kein Auge schloß und dem Tage mit Ungeduld entgegensah, der dieses unbegreifliche Geheimniß entwickeln sollte. S.
  2. Und wahrscheinlich auch die wenigsten meiner Leser. Diese zu den Füßen des Prinzen so unerwartet und so feierlich niedergelegte Krone mit der vorhergehenden Prophezeihung des Armeniers zusammen genommen, scheint so natürlich und ungezwungen auf einen gewissen Zweck zu zielen, daß mir beim ersten Lesen dieser Memoires sogleich die verfängliche Anrede der Zauberschwestern im Macbeth: Heil dir Than von Glamis, der einst König sein wird! dabei eingefallen ist; und vermuthlich ist es mehreren so ergangen. Wenn eine gewisse Vorstellung auf eine feierliche und ungewöhnliche Art in die Seele gebracht worden, so kann es nicht fehlen, das alle darauf folgende, welche nur der geringsten Beziehung auf sie fähig sind, sich an dieselbige anschließen und in einen gewissen Rapport mit ihr setzen. Der Sicilianer, der, wie es scheint, mit der ganzen Sache nicht mehr und nicht weniger gewollt hat, als den Prinzen dadurch zu überraschen, daß er ihn merken läßt, sein Stand sei entdeckt, hat dem Armenier, ohne daran zu denken, in die Hand gearbeitet: aber so sehr die Sache auch an Interesse verliert, wenn man den höhern Zweck zurücknimmt, auf welchen sie anfangs angelegt schien, so wenig darf ich doch der historischen Wahrheit zu nahe treten, und ich erzähle das Factum, wie ich es gefunden. S.
  3. Vielleicht meint er damit die Harmonika.