Der Guano und seine Fundorte

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Autor: G. Hth.
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Titel: Der Guano und seine Fundorte
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Guano und seine Fundorte.

Hätte einer unseren biederen ackerbautreibenden Altvordern gesagt. „Es wird eine Zeit kommen, wo der Bauer den besten Mist vom entgegengesetzten Ende der Erde, viele, viele hundert Meilen über weite Meere her beziehen wird“ – sie hätten ihn ausgelacht und die Richtigkeit in seinem Oberstübchen in Zweifel gezogen. Und doch ist diese Zeit gekommen, kein einsichtsvoller Landwirth lacht mehr über die Zumuthung, seine Felder mit antipodischem Dünger zu durchsetzen; der nimmer rastende menschliche Unternehmungsgeist hat das ehemals Unmögliche und Lächerliche möglich und vernünftig gemacht, tagtäglich sind viele mit Dünger schwerbelastete Schiffe auf hoher See, während der europäische Landmann mit kluger Berechnung den Mehrbetrag erwägt, den ihm das kostbare Düngmittel bei der nächsten Ernte verschaffen soll.

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Die Gartenlaube (1863) b 261.jpg

Die Chincha – Inseln an der peruanischen Küste.
1. Aussicht von der nördlichen nach der mittleren Insel.     2. Guanobruch.     3. Brückenbau zur Verschiffung des Guano.     4. Ausschütten des Guano.     5. Mangueras (Schläuche) zur Verladung des Guano.

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So spielt denn seit einigen zwanzig Jahren der Guano (nach der Sprache der Quichua’s richtiger „Huanu“, d. i. Mist, Dünger) unter den Artikeln des überseeischen Handels eine bedeutende Rolle; ja das Neue und Eigenthümliche der Sache macht die Guanofrage zu einer der merkwürdigsten Erscheinungen der Neuzeit, und als solche hat sie die allgemeine Aufmerksamkeit zweier Welttheile auf sich gezogen. Greift sie doch in die verschiedensten Interessenkreise ein: Schiffer, große und kleine Kaufleute, Landwirthe und Gärtner, ja selbst Chemiker geht sie unmittelbar an, für die nächsten Betheiligten ist sie sogar eine Lebensfrage.

Der Gebrauch jenes starken Düngers, der meist aus den Excrementen von Seevögeln besteht und unter dem Namen Guano bekannt ist, ist übrigens thatsächlich viel älter, als allgemein angenommen wird. Die Araber[1] kannten schon im 12. Jahrhundert seine vorzüglichen Eigenschaften, und in Peru, dessen Küstengestade und Inseln weitaus die größten Guanolager aufzuweisen haben, kannte man seine Nutzanwendung lange vor der Ankunft der Europäer, jedenfalls vor dem Jahre 1200 nach Chr. Garcilasso de la Vega, der Vater der peruanischen Geschichte, theilt, indem er den Fleiß und die Sorgfalt lobt, womit die alten Peruaner den Boden bauten und den Ackerbau ehrten, Ausführliches über die Guanogewinnung mit. „Zur Zeit der Könige Incas war man so wachsam auf die Erhaltung der Vögel, welche den Guano bilden, daß es während ihrer Brütezeit bei Todesstrafe Jedermann verboten war, die Inseln zu besuchen, damit diese Thiere nicht erschreckt und von ihren Nestern verscheucht würden. Ebenso war es bei der nämlichen Strafe verboten, zu irgend einer Zeit auf den Inseln oder anderswo diese Vögel zu tödten.... Jede Insel war auf Befehl der Incas einer Provinz zugewiesen, und wenn jene groß war, zweien oder dreien zugleich. Es wurden daselbst Grenzsteine gesetzt, damit die Bewohner einer Provinz nicht in das Gebiet einer andern übergreifen konnten, und, noch genauer eintheilend, wiesen sie mit ähnlichen Grenzbezeichnungen jedem Dorfe, jedem Bürger seinen Theil an, indem sie ungefähr schätzten, wie viel ein jeder nöthig hatte. Bei Todesstrafe durfte kein Dorfbewohner von fremdem Gebiete wegnehmen, denn es war Diebstahl; sogar von seinem eigenen Platze durfte er nicht mehr Guano wegführen, als ihm nach dem Bedarf seiner Grundstücke zugeschätzt wurde; wer mehr nahm, wurde des Ungehorsams bestraft etc.“ Die spanischen Eroberer nahmen den Gebrauch der Urbewohner an, der sich bis heute erhalten hat.

Nach Europa und zwar nach Cadix kam der peruanische Guano zuerst zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in kleinen Proben, wurde aber damals, wie es scheint, nicht weiter beachtet. Chemisch untersucht wurde er zum ersten Male aus Veranlassung Alexander von Humboldt’s, der im Jahr 1804 einige Proben davon mit nach Paris brachte. Trotzdem durch diese wie die folgenden Analysen die Bedeutung und Wichtigkeit des Guanodüngers glänzend dargethan wurde, ließ doch die Einfuhr bedeutender Quantitäten noch lange auf sich warten. Bis zum Jahre 1840 waren nur wenige zaghafte Versuche gemacht worden; da endlich traf in England eine größere Ladung von zwanzig Fässern ein, welche eine Anwendung in größerem Maßstabe gestatteten. Vor dem glänzenden Erfolg, von dem auch die folgenden Versuche begleitet waren, verstummten alle kleinlichen Vorurtheile, so daß in kurzer Zeit die Guanoeinfuhr bis zu einer ungeahnten Höhe stieg.[2] Nach Deutschland, wo man ihn indirect über Großbritannien bezog, kam der erste Guano im Jahr 1841.

Aus der erhöhten Nachfrage nach dem kostbaren Vogeldünger entstand bald eine neue, vielverheißende Quelle des Schwindels. Hier wurde der echte Stoff verfälscht (von 20 Sorten fand der Chemiker Stöckhardt 14 gemischt, die besten darunter höchstens drei Viertel, die schlechtesten kaum mehr als ein Drittel so viel werth als guter, reiner peruanischer Guano!), dort wollte man neue, unerschöpfliche Guanolager aufgefunden haben, die sich aber in der Regel qualitativ und quantitativ als werthlos erwiesen, wie an den übrigen Westküsten Amerika’s, in Süd-Afrika, auf „Amerikanisch-Polynesien“ etc.; denn der Dünger liegt an den meisten dieser Orte dünn, ist häufig mit vegetabilischen Stoffen durchsetzt und kommt überhaupt nur selten dem Peru-Guano an Güte gleich.

Beachtenswert, da er an Güte dem peruanischen Vogeldünger am nächsten, als Frühjahrsdünger sogar gleichkömmt, ist der norwegische Fischguano. Schon im Jahr 1855 vereinigten sich in Norwegen mehrere intelligente Männer zur Gründung einer Gesellschaft unter dem Namen „det norske Fiske-Guano-Selskab“ mit einem Kapital von 150,000 Thaler, um auf Anregung des Professors Stöckhardt in Tharandt und anderer anerkannter Chemiker die großen Massen bisher nicht benutzter Abfälle, die sich beim Fang und der Zubereitung des Stockfisches namentlich in den großartigen Fischereien der Lofoden-Inseln ergeben, nutzbar zu machen. Jährlich werden nun über 20 Mill. Fischköpfe, Rücken etc. durch Maschinen zu einem gleichförmigen Product zu billigen Preisen verarbeitet, das sich jährlich auf 50,000 Centner belaufen soll.

Ueber die Bildung des Vogelguano haben neuere Forschungen das klarste Licht verbreitet. Unser Landsmann Tschudi hat die Species der Seevögel, von denen die massenhaften Excrementenanhäufungen an den Küsten von Peru herrühren, näher bestimmt; es sind nach ihm: Eine neue von Tschudi bestimmte Mövenart, der schwarze Scheerenschnabel, Schlangenvogel, Pelikan, Scharbe und vorzüglich aber der bunte Toelpel.[3] Diese Vögel nisten auf unbewohnten Inseln und auf windgeschützten steilen Vorgebirgen und bringen die Ruhezeit am Tage und die Nacht dort zu. Ihre Menge ist so außerordentlich groß, daß sie wörtlich große Flächen dicht bedecken und, wenn sie in Schwärmen auffliegen, Züge bilden, die Wolken gleichen und für Augenblicke die Sonne verdunkeln. Ihre Nahrung besteht ausschließlich aus Seethieren, besonders Fischen, die sich in endlosen Schaaren in dem fast ewig ruhenden Meere aufhalten. Bei der ungeheueren Gefräßigkeit dieser Vögel, denen überdies die Nahrung nie mangelt, und der damit in Verhältniß stehenden Excrementenabsonderung begreift man leicht, daß im Verlauf von Jahrhunderten auf den im Ganzen wenig umfangreichen Inseln so bedeutende Mistniederlagen („Huaneras“) gebildet wurden, daß sie zu den neueren geologischen Formationen gezählt werden können.

Alexander v. Humboldt hielt die Zeit von drei Jahrhunderten für kaum hinreichend zur Bildung einer auch nur wenige Linien hohen Guanoschicht. Dieser Annahme widersprechen die Versuche Tschudi’s. Ein bunter Toelpel, den er längere Zeit in Gefangenschaft hielt, lieferte ihm bei ziemlich spärlicher Nahrung täglich 3½ bis 5 Unzen Excremente. Im Zustande der Freiheit kann dieses Gewicht, bei der Leichtigkeit, mit der sich diese Thiere ihre Nahrung verschaffen, fast auf das Doppelte geschätzt werden. Angenommen nun, daß zwei Drittel des Gewichts durch Verflüchtigung verloren gehen, da bei den Excrementen der Urin mit inbegriffen ist, so bleiben von einem Vogel täglich 11/6–15/6 Unzen feste Substanz zurück. Dieser Gewichtsverlust ist gewiß nicht zu gering angegeben, wenn wir bedenken, daß die Excremente durch die brennende Tropensonne in kürzester Zeit mit einer festen Kruste überzogen werden, wodurch die Verdunstung der wässerigen und salzigen Theile bedeutend beschränkt wird. Auf diese schnell inkrustirte Masse, die bei dem gänzlichen Mangel an Regen an der peruanischen Küste nicht mehr aufgeweicht wird, häufen sich in kurzen Zwischenräumen immer wieder neue und lassen also einen nicht unbeträchtlichen Rückstand. Wenden wir diese Beobachtungen auf einen bestimmten Fall an: Die Insel Iquique hat 220,000 Fuß im Geviert und war mit einem jetzt abgetragenen, dreißig Fuß mächtigen Guanolager bedeckt. Wenn eine halbe Million Vögel (was bei dem dichten Nebeneinanderhocken derselben noch gering gerechnet ist) die Insel bewohnt und im Jahre, als Minimum angenommen, nur eine vier Linien hohe Schicht gebildet hätten, so wären elf Jahrhunderte mehr als hinreichend gewesen, dieses Lager anzuhäufen; in drei Jahrhunderten also eine fast neun Fuß hohe Schicht. Diesen Schluß zu bekräftigen, erinnert Tschudi beiläufig an die Quantitäten von Dünger, welchen etwa fünfzig Tauben in einem Schlage, der einige Monate lang nicht ausgefegt worden ist, erzeugt haben, und an die Excrementenmassen, welche eine gut gefütterte Gans in wenigen Tagen hervorbringt.

Die obersten Schichten, also die jüngsten Ablagerungen des [263] Guano haben eine weißlich-graue, zuweilen ganz weiße Färbung, so daß sie bei starkem Sonnenschein das Auge blenden und weithin in See sichtbar sind. Etwas tiefer ist der Guano mehr grau, in’s Gelblichbraune übergehend. Beide Schichten liefern den sehr geschätzten Huano blanco (weißen Guano). Weiter nach unten wird die Schichtenbildung immer dunkler, zuerst hellgelb und braungelb, dann gelbbraun und rothbraun und endlich ganz dunkelbraun und chocoladenfarbig.

Auch die Dichtigkeit und Festigkeit der Guanomasse ist in den verschiedenen Ablagerungen eine sehr verschiedene. Die obersten (jüngsten) Schichten sind meist weich und zähe, ähnlich frisch aufgetragener Lehmerde; weiter unten wird die Masse lockerer, pulverförmig, zuweilen zu großen Stücken zusammengeballt; die untersten Schichten endlich tragen ganz den Charakter des Gesteins, haben einen krystallinischen Bruch und sind ziemlich schwer zu bearbeiten.

Je nach den Fundorten, nach der Tiefe und dem Alter der Lagerung und nach klimatischen Einflüssen, denen die untersuchten Proben unterlegen waren, sind die chemischen Analysen des Guano außerordentlich verschieden ausgefallen. Im Allgemeinen sind (namentlich durch Denham Smith) im Guano folgende Bestandtheile nachgewiesen: Wasser, schwefelsaures Kali und schwefelsaures Natron, Chlorkalium, Chlornatrium, oxalsaures Ammoniak, oxalsaures Natron, phosphorsaures Natron, phosphorsaures Ammoniak, phosphorsaurer Kalk, phosphorsaure Ammoniak-Magnesia, phosphorsaure Harnsäure, harnsaure Ammoniak-Magnesia, oxalsaurer Kalk, Sand, Eisenoxyd, Thonerde, Humus und organische Stoffe, die letzteren um so mehr, je jünger die Schichten sind. In diesen jüngeren Schichten ist namentlich das harnsaure Ammonium stark vertreten, an dessen Stelle in der Tiefe bei ziemlicher Wassergehaltlosigkeit mehr schwefelsaures und oxalsaures Natron und Chlorkalium treten. Der Guano ist desto werthvoller, je größer sein Gehalt an Ammonium, Phosphorsäure und Alkalien ist.

Im Allgemeinen gedeiht der Guano nur gut, wo völlige Regenlosigkeit und mithin Mangel an Vegetation herrscht. Der Regen verwäscht und entsalzt den Dünger, nimmt ihm damit seine vorzüglichsten Eigenschaften und ist im Allgemeinen der Bildung mächtiger Lager hinderlich. Wir finden deshalb den besten und verhältnißmäßig meisten Guano auf den regenlosen Gestaden und Inseln Peru’s; fast an allen anderen Punkten der Erde, wo er in größeren oder kleineren Quantitäten gefunden wird, fehlen jene hauptsächlichsten Bedingungen zu seiner Güte.

Die Huaneras von Peru – zwischen 6–21° südlicher Breite – sind nach einem Regierungsbericht in drei große Sectionen abgetheilt. Die Guanolager des Südens (von Loa bis Acari) liegen größtentheils an der Küste der Provinz Tarapaca und befinden sich auf Felsenabhängen in mehr oder weniger breiten und tiefen Schluchten gegen das Meeresufer hin. Die Masse des hier noch lagernden Guano schätzt Rivero auf 8 Millionen (?) Tonnen. Die Lager des Nordens (von Callao bis Lambayeque) sind ausschließlich auf Inseln meist in nächster Nähe der Küsten; sie sollen im Ganzen 851,101 Tonnen Guano enthalten. Die Huaneras von Mittelperu (von Acari bis Callao) zählen unter sich die größten und wichtigsten, die überhaupt bekannt sind. Sie liegen auf den Chinchainseln, drei kleinen Eilanden unter 13° 52’ südlicher Breite, ungefähr zwölf englische Meilen westnordwestlich von der Hafenstadt Pisco. Schon die alten Peruaner holten von hier den größten Theil ihres Guanobedarfs, und noch heute ist auf diese Inseln das Hauptaugenmerk der peruanischen Regierung und der meisten Guanounternehmer gerichtet. Die Befürchtungen, die bedeutenden Vorräthe der Chincha-Inseln möchten in verhältnißmäßig kurzer Zeit erschöpft werden, riefen mehrere Untersuchungen an Ort und Stelle hervor, die freilich sehr verschiedene Resultate ergeben haben. Die Abschätzung Rivero’s (1847) lautete auf 10 Millionen Tonnen, eine Regierungscommission schlug im Jahre 1853 den Vorrath zu 12 Millionen Tonnen, Admiral Moresby, ebenfalls 1853, zu 8½ Millionen, der französische Ingenieur Taraguet 1854 nur zu 7 Millionen Tonnen an. Mit dieser Abschätzung stimmen die Ergebnisse einer unter M. D. Rucker im Sommer 1862 vorgenommenen Untersuchung überein. Der Werth des auf den Chincha-Inseln noch vorhandenen Guanos würde sich sonach (die Tonne mit 6 Pfd. Sterl. bezahlt) auf circa 42 Millionen Pfd. Sterl. belaufen. Die verschiedenen Bohrungen ergaben an einigen Stellen eine Mächtigkeit des Lagers von 105 engl. Fuß, während keine der Inseln sich mehr als 200 bis 250 Fuß über den Meeresspiegel erhebt. Noch ganz unversehrt liegen die Huaneras auf der südlichen Insel; am meisten wird auf der nördlichen Insel verladen, während die mittlere gegenwärtig verlassen ist. Im Jahre 1857 erreichte die Guanoausfuhr von den Chincha-Inseln die enorme Höhe von 490,657 Tonnen, im Sommer 1862 130,000, am 10. November 1862 allein 86,746 Tonnen. Nehmen wir nun, sehr gering gerechnet, eine jährliche Durchschnittsausfuhr von 300,000 Tonnen an, so würden die Guanolager der Chincha-Inseln von jetzt ab in circa 27 Jahren erschöpft sein!

Für die Peruaner ist der Guanohandel von größter Wichtigkeit. Die Regierung, in deren Auftrage mehrere Agenten in Lima die Ausfuhr des gesuchten Artikels vermitteln, zog im Jahre 1857 aus ihren Huaneras fünf Achtel der gesammten Staatseinnahmen. Im Jahre 1859 gewann sie aus dem Guanohandel nahe an sechzehn, im Jahre 1861 nahe an siebzehn Millionen Dollars.

Ueber das Ausgraben und die Einschiffung des Guano auf den Chincha-Inseln geben verschiedene Reisende, unter andern Tschudi und die Mitglieder der Novara-Expedition, ausführliche Berichte. Die Arbeiter verladen den Guano während der Nacht von 11 bis 6 Uhr in der Frühe und graben ihn da, wo es ihnen beliebt, begreiflicher Weise da, wo es ihnen am wenigsten Schwierigkeiten macht. Die Lager, welche unsere Abbildungen zeigen, werden in Zellen abgetheilt, in deren jeder ein Arbeiter mit dem stellenweis ziemlich beschwerlichen Losbrechen des Guano beschäftigt ist. Der abgebrochene Schutt wird dann auf Handkarren oder in Säcken zu den größeren, auf Schienenwegen rollenden Wagen gebracht, die ihn, 2½ Tonne auf einmal, den „Mangueras“ (Schläuchen) zuführen. Dicht am Meeresufer nämlich sind Wandungen von Rohrflechtwerk angebracht, zwischen die der Guano hingeschüttet wird (s. Abbildg.); von ihnen aus wird die Masse durch 25 bis 30 Ellen lange, aus grobem Segeltuch gefertigte Schläuche (ähnlich den Rettungssäcken unserer Feuerwehren) in die am Ufer haltenden Boote (Lanchas) geleitet. An mehreren Punkten der Küste sind die Mangueras an weit über den Uferrand vorspringende, durch Ketten und Taue oder durch Holzpfeiler getragene Brücken befestigt; ihre Stelle wird hier auch wohl durch lange Holztrichter ersetzt. Durch die Einrichtung solcher brückenartiger Vorbauten ist es möglich geworden, den Guano direct in die Schiffe zu leiten, was von großem Werthe ist, da durch das Umladen aus den Lanchas sowohl Zeit als Dünger verloren geht. Zu den unvermeidlichen Verlusten gehört z. B. der feine Staub, der beim Einschütten in die Schläuche entsteht und der von dem frischen, während des Tages und eines Theils der Nacht wehenden Winde in das Meer geführt wird. Viel größer jedoch ist der Verlust, der aus der schlechten Construction der Brücken an den Mangueras entsteht. Die großen, hier gegen schwache Böschungen gelehnten Lasten drücken oft die Rohrwände ein und bilden dann große Schlipfe, die in das Meer stürzen. Ebenso nachtheilig ist der schlechte Zustand vieler der zum Verschiffen gebrauchten Lanchas; monatlich müssen Ladungen von 20–30 Tonnen in’s Meer geworfen werden, um solche gebrechliche Fahrzeuge zu retten.

Als Dr. Scherzer vor ein paar Jahren die Chincha-Inseln besuchte, lebten auf der nördlichsten von ihnen 350 Menschen, nämlich 50 Fremde, meist Kaufleute, Speculanten, Wirthe etc., 50 Chinesen und 250 Peruaner und Neger. Im Jahre 1858 hatten die nördliche und mittlere Insel (von denen die letztere jetzt unbewohnt ist) noch zweitausend Einwohner. In früheren Jahren verwendete man zur Guanoausbeute fast ausschließlich Chinesen. Ein peruanischer Menschenhändler, Namens Domingo Elias, hatte mit Genehmigung der Landesregierung auf seine Kosten mehrere hundert Chinesen eingeführt und von diesen die Guanolager bearbeiten lassen. Während ein freier Arbeiter in der Regel 1–1½ Doll. täglichen Lohn erhält, bezahlte Elias den armen Teufeln 5 Doll. monatlich, sowie eine Reisration per Tag, und erzielte dadurch einen ungeheueren Gewinn. Gegenwärtig erhalten die Arbeiter, wie es scheint ohne Unterschied der Nationalität, für je zwanzig Säcke (fast ebenso viele Centner) 4 Realen (½ spanischen Thaler); einzelne Arbeiter fördern im Tage 60–80 Säcke. Die Huano-Compagnie in Lima hat mit einem Unternehmer von Pisco den Contract gemacht, den Guano zu 10 Realen (1¼ span. Thaler) per Tonne zu verladen, dabei muß er die Arbeiter bezahlen und verköstigen, indem er ihnen täglich zweimal zu essen und das nöthige Wasser, welches nach eigenem Uebereinkommen von den Schiffen (je zwei Gallonen auf ein Individuum) bezogen wird, verabreicht.

Daß für civilisirte menschliche Wesen der Aufentalt auf diesen [264] Misthaufen en gros – selbst die Ansiedlerhütten sind auf Guano gebaut – kein angenehmer, läßt sich denken. Die gebildete Nase liegt in einem fortwährenden Kampfe mit den ätherischen Entäußerungen der edlen Mistnatur, der man weit und breit auf den Chincha-Inseln nicht etwa so aus dem Wege gehen kann, wie in unseren großen Städten einem nächtlichen Geburtstag. Der üble Geruch des Guano wird bereits mehrere Meilen weit in See verspürt. Die Inselbewohner, namentlich die Arbeiter, sind mit dem feinsten „Poudre à la Guano“ parfümirt und über und über bedeckt und sehen braun wie die Lohgerber aus; doch soll ihr Gesundheitszustand ein äußerst günstiger sein. Das vorherrschende Uebel ist Leberleiden; dagegen sollen Lungenkranke im ersten Stadium sogar nach den Inseln kommen, um daselbst Heilung zu suchen, und in der That nach einem längeren Aufenthalte physisch wohler zurückkehren. Ein deutscher Arzt, Middendorf aus Altenburg, der seit mehreren Jahren in Arica gelebt und häufig mit Guanoarbeitern verkehrt hatte, versicherte Dr. Scherzer, daß diese das geringste Contingent seiner Patienten gestellt hätten, und schloß daraus, daß der getrocknete animalische Dünger trotz seines häßlichen penetranten Geruchs keine üblen Folgen auf den Gesundheitszustand derjenigen auszuüben scheine, welche seine Gewinnung und Verschiffung besorgen. Die Einathmung der mit Düngerstaub geschwängerten Luft ist zwar äußerst unangenehm, aber nicht schädlich.

Das gesellschaftliche Leben mag bei dem andauernden Verkehr fremder Schiffe, von denen oft hundert auf einmal ankern, ein erträgliches sein. Außer den circa hundert Holzhütten steht auf der Nordinsel ein großes Hotel, das jedoch nur als Schule, hie und da auch zu theatralischen und musikalischen Vorstellungen dient.

Noch heute nisten und brüten, ohne sich beirren zu lassen, Tausende und Abertausende von Seevögeln auf der südlichen und mittleren der Chincha-Inseln, gleichsam als wollten sie die Lücken ausfüllen, die der Mensch in ihr Düngerreich geschlagen hat.

 Was die Väter geräuschlos begonnen,
Die Enkel vollenden das Werk;
Geläutert von tropischen Sonnen
Schon thürmt es empor sich zum Berg.

Sie sehen im rosigsten Lichte
Die Zukunft und sprechen in Ruh:
Wir bauen im Lauf der Geschichte
Noch den ganzen Ocean zu.

Aber so viel sie sich auch abmühen, mit dem maßlosen Verwüster, dem Menschen, halten sie nicht gleichen Schritt: es wird eine Zeit kommen, wo man keinen Guano mehr von den Chincha-Inseln holt, wo die peruanische Regierung keinen Heller mehr aus ihren erschöpften Huaneras zieht. Wo bleibt da die weise Fürsorge der alten Incas?
G. Hth.

  1. Noch heute ist der „Rebsch“, wie die Araber den Vogeldünger nennen, an den Küsten des rothen Meeres ein gesuchter und nicht selten lohnender Handelsartikel; er wird, wenn auch in spärlichen Qantitäten, auf vielen kleinen Inseln des arabischen und persischen Golfs gefunden.
  2. In Großbritannien betrug die Einfuhr von 1814 bis mit 1857 2,373,508 Tonnen (à 20 Ctr.). Von diesem Betrag kam der meiste aus Peru, nämlich 1,664,662 Tonnen.
  3. Tschudi bezeichnet die Angabe mehrerer Autoren, daß auch Flamingos und Kraniche zu den Guano liefernden Vögeln gehören, als irrig.