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Der Hundsfott

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Textdaten
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Autor: August Strindberg
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Titel: Der Hundsfott
Untertitel:
aus: Die Fackel Nr. 301–302, S. 28–30
Herausgeber: Karl Kraus
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 3. Mai 1910
Verlag: Die Fackel
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Erscheinungsort: Wien
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Quelle: Internet Archive, Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Hundsfott[1]
Von August Strindberg

Es gibt Menschen, die zur Welt kommen, um hundsfottiert zu werden.

Als jüngerer Bruder wurde er von den älteren hundsfottiert; wenn sie gefehlt hatten, beschuldigten sie ihn, und er kriegte Schläge.

Da, mit fünf Jahren, verfluchte er die Stunde seiner Geburt und wollte sterben. Aber er ging zuerst in die Küche und beklagte sich der Köchin gegenüber, die er für seine Freundin hielt. Sie verriet ihn sofort und erzählte es den Eltern, das Kind habe sein Geständnis zurückgenommen, das ihm eben unter Marter abgerungen war. Das angebliche Verbrechen sollte darin bestehen, daß er, der Fünfjährige, von dem Portwein der Alten getrunken habe. Ein fünfjähriges Kind sollte aus einer geöffneten[WS 1] Flasche so viel Portwein getrunken haben, daß es zu merken war, während man dem Kind keinen Rausch anmerkte. Das glaubten die Eltern!

Da wurde er wieder gemartert und gezwungen, zu bekennen, erstens daß er den Portwein getrunken, zweitens, daß er eben gelogen, als er leugnete.

Darauf mußte er um Verzeihung bitten, sowohl daß er den Wein ausgetrunken, wie daß er gelogen habe.

Wenn er darauf nicht ein Lügner fürs ganze Leben wurde, so zeigt es wohl, daß er diese Anlage nicht besaß.

Solche Marterszenen wiederholten sich mehrere Male.

Welchen Blick sollte dieses Kind auf Leben und Menschen bekommen? Zuerst wurde er ängstlich vor allem, War immer furchtsam, man würde ihn anklagen; [29] spähte nach den Fehlern der andern, um zu sehen, ob sie gerecht seien.

Dann kam er in die Schule. Gewissenhaft und eingeschüchtert, lernte er immer seine Aufgaben, konnte sie zu Hause, aber in der Schule konnte er sie nicht immer, weil die Lehrer an den Kindern etwas auszusetzen suchten. So schlugen sie ihn wieder.

Aufs Land in eine Pension geschickt, kam er in eine schlechte Gesellschaft, wurde von einem älteren Kameraden in die öffentlichen Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht; und als das unschuldige Opfer hätte er beinahe den Verstand verloren, als er zum Bewußtsein erwachte, von welcher Natur die Handlung sei und welche Folgen sie habe.

Dann bekam er eine Stiefmutter und geriet in Verhältnisse, die ihn unter religiösen Grübeleien dem Selbstmord und dem Wahnsinn nahe brachten.

Bei keinem Menschen konnte er sich beklagen, denn die Angehörigen gaben ihm immer unrecht, wenn er recht hatte und man ihm unrecht tat.

Er kam zur Universität und man hatte ihm ein- geredet, wenn er nur Student wäre, stünde die ganze Welt ihm offen. Jetzt fand er sie im Gegenteil verschlossen, denn er hatte kein Geld für Bücher.

Und als er sein Tentamen machte, erhielt er keine gute Zensur, obwohl seine Kenntnisse größer waren als die der anderen, die eine bessere Zensur bekamen.

Überall stieß er auf Widerstand. Da floh er die Wissenschaft und wurde Schriftsteller. Als er jetzt Menschen und Leben schilderte, wurden sie so, wie sie sich ihm gezeigt hatten. Er machte sein Gesellenstück und es wurde verworfen. Lehrling mußte er bleiben, obwohl sich sein Gesellenstück dann besser als das von andern erwies; Lehrling bis zum dreißigsten Jahr.

Da hörte er auf, an Gott zu glauben, und war überzeugt, daß der Teufel die Welt regiere; was mit [30] Christi Lehre »vom Fürsten dieser Welt« stimmt, denn er lief nicht weltlicher Ehre nach, kroch nicht vor den Oberen, schmeichelte nicht.

Je besser er schrieb, desto weniger bezahlte man ihm, und desto mehr Tadel bekam er,

Als er sich verheiratete, nahm man ihm Weib und Kind, und zwar drei Male.

Als er mit sechzig Jahren seine Meisterwerke schrieb, wurden die so geschmäht, wie keine Arbeiten vorher, und er mußte bezahlen, um sie zur Aufführung zu bringen.

Während andere für ihre Arbeit bezahlt wurden, mußte er bezahlen; und wenn er bezahlt wurde, erhielt er weniger als die, welche schlechter schrieben.

Sein ganzes Leben hundsfottiert! Und die Menschen verlangten doch, er solle schön von ihnen schreiben! Das tat er zuweilen, dann aber waren es seine eigenen schönen Gedanken über eine Traumwelt, die nicht existiert,

Zuweilen sprach er die Menschen frei, entschuldigte und erklärte ihre Schwächen; dann aber erhob sich ein Sturm von Vorwürfen, daß er die Moral lockere. Zuweilen schilderte er die menschliche Erbärmlichkeit mit Mißbilligung, dann erhob sich ein Sturm, daß er streng und ungerecht sei.

Mit einem Wort, wie er sich auch benahm, er wurde hundsfottiert!

Kann man ein solches Schicksal erklären?

Vielleicht fühlten es die Menschen in der Luft, daß er den Kompromiß der Gesellschaft und deren unwahre Natur entlarven würde. Aber als Kind konnte er doch nicht geahnt werden?

Es hatte wohl andere Ursachen, die wir nicht wissen, aber die Swedenborg geahnt hat!




  1. Aus dem schwedischen Manuskript. Die Buchausgabe der Bekenntnisse erscheint erst 1911.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: geöffnete