Der Kurmärker und die Picarde (H. H.)

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Autor: H. H.
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Titel: Der Kurmärker und die Picarde (H. H.)
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 718–720
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Louis Schneider’s Stück, aufgeführt in Preßburg
Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege Nr. 10
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Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege.
Nr. 10. Der Kurmärker und die Picarde.


Wir lagen bei Preßburg, in dem Gräflich Palffy’schen Flecken Malaczka. Es war am 25. Juli, als sich plötzlich im ganzen Orte die wunderbare Mähr verbreitete, daß selbigen Abend von einer hier durchreisenden Theatergesellschaft „der Kurmärker und die Picarde“ gegeben werden sollte.

Als ich am Morgen in dienstlichen Angelegenheiten mein Quartier verließ und in die Hauptstraße Malaczkas einbog, erblickte ich denn auch wirklich an der Ecke ein Placat, welches von Soldaten und Einwohnern dicht umstanden wurde. Ich trat näher heran und, ja in der That, da auf dem kleinen beschriebenen Zettel an der Wand stand es deutlich, wenn auch etwas unorthographisch zu lesen, daß heute Abend präcis sechs Uhr auf dem Hofe des Pifko, mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung, zum ersten Male:

Die Unglücklichen.
Lustspiel in einem Acte von Kotzebue.

und zum Schluß auf vielseitiges Verlangen:

Der Kurmärker und die Picarde.
Genrebild mit Gesang und Tanz in einem Acte von L. Schneider.
aufgeführt werden sollten, wozu einen hohen Adel und ein sehr verehrtes Publicum hochachtungsvoll ergebenst die Ehre hatte einzuladen
Bläule, Director.

Ich glaube, wenn man es mir Schwarz auf Weiß gezeigt hätte, daß die Lucca heute Abend hier singen würde, es hätte mich nicht angenehmer überraschen können, als daß ich hier in Malaczka „O Tannebaum, o Tannebaum“ singen hören sollte, und schneller war ich wohl nie in meinem Leben entschlossen, in’s Theater zu gehen, als heute. Ein Blick nach dem Himmel, ob der uns keinen Strich durch die Rechnung zu machen drohte – aber nein, der helle Morgen versprach einen heißen, beständigen Tag.

Nach einigem Suchen und Fragen fanden wir das Gut des Pifko. Wir gingen durch die Thür und traten auf einen großen länglichen Hof, der ziemlich wüst aussah und schlecht genug zu einer Vorhalle des Allerheiligsten paßte. Links lag ein langes einstöckiges Gebäude, sehr baufällig und ziemlich entblößt von Kalk und Farbe, mit morschen Thüren und blinden Fensterscheiben, geradezu befanden sich einige Kuh- und Schweineställe, welche die Umgegend mit einem kräftigen Aroma überströmten, zur Rechten endlich zwischen zwei mächtige Birnbäume eingeklemmt, die derselben zugleich als Eckpfeiler dienten, war die Bühne, der Tempel der Kunst. Ein stark geflicktes ehemaliges Segeltuch oder Saatlaken mit den verwegensten Arabesken und einer wahrhaft großartigen Verschwendung von Roth und Gelb diente als Vorhang, und als ich neugierig diesen etwas lüftete, um ein bischen hinter die Coulissen zu schauen, gab ich einer ganzen Flucht Hühner die Freiheit wieder, die wahrscheinlich ein tückischer Zufall hier eingesperrt hatte. Vor Ueberraschung ließ ich schnell den Vorhang wieder fallen und stolperte über den ersten Rang, der aus vier bis fünf kunstlosen hölzernen Bänken bestand. Lachend wandten wir unsere Schritte nun zur zweiten Thüre links. Eine starre Hand und die bedeutungsvollen Worte waren hier aufgepinselt:

[WS 1]„Hier!!! Bläule, Director.“

die jeden Zweifel ausschlossen.

Neben der alten rissigen Thür mit einem wackligen Schlosse daran war ein elendes kleines Fenster, welches, anstatt durch eine Gardine, vermittels eines Frauenkleides verhangen war, doch nur so nothdürftig, daß man von Außen einen kleinen Goldrahmenspiegel und einige Schachteln und Fläschchen auf der Fensterbank erblickte, hinter denen sich ein paar Arme tactmäßig bewegten, wie wenn Jemand im Begriffe ist, sich die Haare zu machen. Wir klopften an.

„Was jiebt’s? Wer ist da?“ rief inwendig eine weibliche Stimme in echt Berliner Dialekt.

„Ist der Director zu Hause?“ frugen wir.

Der weibliche Unterrock bewegte sich ein wenig: „Jleich!“

„Wir möchten gern zu heute Abend Billets haben!“

„Nur einen Oogenblick Geduld, Ihr Herren, ich werde Ihnen gleich h’rinn lassen,“ antwortete jetzt dieselben Stimme, wie es schien, dicht an der Thür.

Gleich darauf knarrte diese und eine sehr magere und stark geschminkte Dame kam zum Vorschein, welche ihr etwas tiefes Negligé durch einen schnell übergeworfenen Shawl verdeckt hatte. Sie verneigte sich und stellte sich dann auf der Thürschwelle majestätisch in die dritte Position.

„Ick bitte, meine Herren, einen Oogenblick Geduld, mein Jatte wird gleich erscheinen, ich freue mich sehr, Sie so zahlreich zu sehen, Ihr Anblick ist mir jute Vorbedeutung!“

Mit tiefer, leiser Stimme hatte sie diese Worte gesprochen, dann aber plötzlich zog die Dame ein neues Register ihres, wie es schien, sehr umfangreichen Organes auf. „Fritze! Fritze!“ rief sie zwei Mal hinter einander mit einem so gellenden Falset und einem so durchdringenden FFF, daß wir alle unwillkürlich nach unsern beleidigten Hörorganen griffen.

„Was is denn schon wieder los?“ antwortete ein dünnes, fadenscheiniges Stimmchen aus der Gegend des Kuhstalles ärgerlich herüber, „kann mer denn och nich emal eenen Oogenblick ungestört sein!“ und dabei kam ein kleines Kerlchen, mit einer ungeheuren Weiberschürze vor, einen Farbentopf in der einen, einen Pinsel in der andern Hand, um die Ecke.

„Sie sind also der Director Bläule?“ fragte ich lächelnd.

„Aufzuwarten, der bin ich, nehmen S’ es nur nicht ungütig – – ich bin gerade bei der Mauer und dem Gebüsche für heit Abend – –“

„Sie geben den Kurmärker und die Picarde?“

„Ja – ich bin so frei. Seh’n Se, liebes Herrchen, ich dachte mer nämlich so, weil jetzt de Breißen hierher gekommen sind, wenn mer da emal en Bischen was Nationales, was Batriotisches gäben, das würde sich am Ende nicht übel ausnehmen, un die Herrn Breißen machten mir ein volles Haus.“

„Hm, das läßt sich hören.“

„Ja, seh’n Se, un wegen der Costüme, das ließe sich auch ganz leichte machen, das heißt, wenn Sie nämlich die Gewogenheit hätten un lieh’n mer blos eene Mütze un eenen Dornister un dann noch eene Uniform un een Säbel und een Gewehr, das Andere könnte ich mir denn schon selber besorgen – ja!“

„Wie,“ entgegnete ich lachend, „Sie wollen doch nicht etwa den Landwehrmann von Anno 13 mit einem Zündnadelgewehr geben?“

„Ei Du Donnerlittchen, mein gutes Herrchen, da haben Sie aber Recht!“ rief ganz erschrocken der Director, „na, da sitze ich nu emal in ’ner schönen Patsche! Seh’n Se die Mauer, die habe ich alleweile schon zum Trocknen auf de Leine gehängt und mit dem Bischen Gebüsche wäre ich och gleich fertig, aber so ’ne sackermentsche Flinte – da weeß ich werklich nich –“

„Na, lassen Sie das man gut sein, Männeken,“ tröstete ich lachend, „verschaffen Sie uns nur eine recht nette Picarde zu heute Abend, dann verhelfe ich Ihnen auch zu einem ordentlichen Kuhfuße. Aber apropos, wer macht denn den Landwehrmann Schulze?“

„Ja, liebes Herrechen, den werde ich selber die Ehre haben,“ sprach sich räuspernd der kleine Mann und warf sich in die Brust.

„Sie?“ platzte ich unwillkürlich heraus, „in der That, nicht übel; dann schnell die Billets, Herr Bläule, das wird ja ein ganz besonderer Kunstgenuß werden. Erster Rang oder Sperrsitz, ist mir ganz egal.“ –

Als wir am Abend gegen halb sechs Uhr in den Hof des Herrn Pifko traten, konnten wird uns kaum hindurchdrängen zu [719] unseren numerirten Plätzen durch die Masse der Schaulustigen. Der ganze Hof war bereits vollgepfropft und an der Casse saß Madame Bläule in großer Toilette, strahlend von Glückseligkeit, denn in der That, der Kurmärker zog viel mehr, als der kleine Director geahnt haben mochte. Er hatte damit hinein in’s preußische Herz getroffen und die „Breißen“ machten ihm nicht nur ein volles Haus, auch der ganze Hof war angefüllt von ihnen und die Einnahme überstieg alle Erwartung. Guldenzettel, Zwanziger und Kupferkreuzer, ja selbst harte preußische Thaler in Menge barg bereits die Höhlung des irdenen Gefäßes, welches der Dame als Casse diente, und immer noch strömten Neugierige herzu ohne Ende – eine wahre Völkerwanderung.

Hinter dem ersten Range hatte man Stühle und Bänke aufgestellt, dann kam ein breiter Stehplatz, das Parterre, und längs der Mauer hatte man mit Tischen, Fässern und Brettern bereits ein „Paradies“ geschaffen, welches einige Pioniere und Artilleristen noch zu vergrößern bestrebt waren. Eine andere erste Rangloge oder Olymp etablirte sich eben in den beiden hohen Birnbäumen, und selbst damit hatte man noch nicht genug, denn mit der Zeit bevölkerte sich auch das ganze Dach des niedrigen Hauses drüben, so daß es ein Wunder war, daß die morschen Sparren nicht unter der Last zusammenbrachen. Später fanden sich auch einige Damen ein, ein Marketender etablirte sich in der Nähe des Kuhstalls, – es fehlten in der That nur noch die landesübliche „Weiße“ und die „Schinkenstullen“, um sich ganz wie „bei Muttern“ zu fühlen.

„Musik, Musik!“ rief es nun von allen Seiten, und ein kleines Orchester von sechs Mann begann einen lustigen Marsch.

„Pst, ruhig! – nicht schupfen!“ hieß es hier, und „Ruhe im Olymp!“ antworteten Andere, ein wahres Pelotonfeuer von schlechten Witzen und lustigen Erwiderungen gab Zeugniß von der trefflichen Laune des Publicums. Es war bereits sechs Uhr durch, die Musik hatte schon drei Stücke gespielt und noch immer ging der Vorhang nicht in die Höhe.

„Anfangen, anfangen!“ riefen da einige ungeduldige Stimmen und „Anfangen!“ brüllte der Chor nach, und nun brach ein wahrhaft ohrenzerreißender Lärm los; man schrie wie wahnsinnig und trampelte mit den Füßen, bis endlich die Klingel des Regisseurs ertönte und mit einem Male plötzliche Stille eintrat. Jetzt klingelte es wieder, der Vorhang bewegte sich, schwebte langsam und etwas schief empor, – ein allgemeines „Ah!“ entrang sich Aller Kehlen. „Die Unglücklichen“ begannen, nahmen ihren natürlichen Verlauf und erlitten weiter keine Störung, als daß einmal mitten drin ein Theil der „Bullerloge“ hinten einbrach, was aber nur eine momentane Unterbrechung verursachte.

Nun kam der Zwischenact. Er war stürmisch und lang, die Hitze groß, das Gedränge noch größer, am größten aber der allgemeine kolossale Durst. Ein Königreich, ganz Ungarn für eine Weiße! Endlich, endlich klingelt es hinter der Scene – zum ersten – zum zweiten Male, das Saatlaken rauscht langsam empor, der Glanzpunkt des Abends beginnt, alle Herzen schlagen voll Erwartung, tiefe Stille! – da ist in der That der kleine Meierhof in der Picardie.

Auf eine Waschleine gespannt hängt im Hintergrunde, quer über die Bühne, die heute früh erst entstandene Mauer mit einer Oeffnung in der Mitte, welche die Thür vorstellt. Die eigentliche Scene, welche ursprünglich einen griechischen Tempel vorstellt, ist durch einige Versatzstücke, Tannenbüsche und Baumzweige mit einem genialen Griffe zu dem kleinen Hofe der niedlichen Marie Fermière umgewandelt worden. Rechts guckt die trauliche Hütte aus der zweiten Coulisse hervor mit zwei rabenschwarzen Fenstern und einer winzig kleinen Thür, davor stehen Tisch und Stühle. Ein paar blaugefärbte Leinwandstreifen bilden den heiteren Himmel Frankreichs, der sich fast unheimlich tief über dem Erdboden aufspannt und in Folge dessen auch bereits einige Löcher und Risse bekommen hat. Es war so still rings umher, man hätte ein Mäuschen laufen hören, trotzdem hier Hunderte von Menschen Kopf an Kopf dicht zusammengepfercht standen.

Jetzt öffnet sich die niedrige Thür der Hütte, herein hüpft die kleine französische Bäuerin, – ein allgemeines, langgezogenes „Ah!“ empfängt dieselbe. Schüchtern schaut sie auf, – in der That, die Picarde ist nicht übel, wirklich ein hübsches, stattliches Mädchen und das Costüm der Bäuerin kleidet sie zum Entzücken. Etwas befangen noch tritt sie vor und erzählt dem Publicum, daß ihre Mutter krank, ihr Vater aber fortgefahren sei und sie nun ganz allein Haus halten müsse; was sie nun anfangen solle, wenn die Einquartierung käme? und das Alles sprach sie hübsch und correct, und da sie eine Ungarin war, kleidete sie der fremdklingende Jargon ganz vortrefflich und paßte sehr gut zu ihrer Rolle. Da plötzlich vernimmt man einen Höllenlärm hinter der Scene, ein Poltern und Stampfen, als wenn die ganze Bühne einfiele, und „Heda – Wirthshaus!“ bricht dazwischen eine dünne, singende Stimme und die Mauer fängt bedenklich an zu schwanken, – es ist der Kurmärker Bläule, der so sein Kommen ankündigt. „Halloh! Aufgemacht, die Breißen kommen!“ extemporirt derselbe, und nachdem Marie Fermière „Gleich, gleich“ erwidert hatte und dem Publicum erzählte, das wäre jedenfalls ein Preuße, denn die riefen immer gleich „Heda, Wirthshaus!“, kam er selbst mit Sack und Pack durch die Mauerlücke hereingeschritten. War schon die dünne Stimme, der unverkennbare Meißner Dialekt des Kurmärkers allgemein aufgefallen, so ging jetzt mit einem Male durch die ganze Versammlung eine unruhige Bewegung, als derselbe vor die Lampen hintrat, – die Enttäuschung war aber auch geradezu abscheulich.

Man denke sich den kleinen Director in einer etwas zu knappen Feldmütze ohne Schirm und Landwehrkreuz, unter welcher seine langen Haare, pomadisirt und à la Rebhuhn frisirt, herabflossen, als wollte er eben einen modischen Handlungsreisenden darstellen. Sein kleines, vertrocknetes Gesicht zierten ein schmales, kohlschwarzes Schnauzbärtchen und ein ebensolch stutzerhafter Henri Quatre, die beide ihre Entstehung einem angebrannten Korkstöpsel verdankten. Außerdem aber war derselbe in einen Waffenrock und weißleinene Hosen ohne Gamaschen gekleidet, die ihm um eine ganze Welt zu weit waren; kurzum, er bildete mit dem großen Tornister und dem „gerullten“ Mantel darüber eine ganz tolle, fratzenhafte Caricatur auf einen preußischen Soldaten. Eine bedenkliche Unruhe machte sich einen Augenblick lang fühlbar, ein Murmeln, welches wie ferner Donner durch die Menge grollte – dann wurde es allmählich wieder still.

„Heda – Bisang – ich komme hier in’s Quartier! – Nu – werd’s balde?“ begann der Pseudo-Kurmärker und stampfte mit dem Gewehrkolben einige Male drohend auf die wackeligen Dielen. „Hier hast de erst ä mal das Pillet,“ fuhr er fort zu krächzen und zu fisteln, „aber nu bringste mer erst emal oogenblicklich was pour mancher und nachher e pischen was pour pufer – hörste nicht, allons, paschol! –“

Ein allgemeines Gelächter ließ in diesem Augenblicke die kleine Picarde ängstlich aufschauen, während der Director, thöricht genug, dasselbe für ein Zeichen des Beifalls hielt und sich geschmeichelt verneigte. „Höre, Bisang,“ fuhr er mit seiner zwirnsfadendünnen Stimme dann fort und rollte schrecklich mit den Augen, „alleweile besorgste mir aber vor allen Dingen emal e pischen la viande de Kükerüküh,“ dies krähte er so natürlich, wie ein wirklicher Haushahn, „un eene gehörige Schuhsuppe, – verstehste mich?!“ und dabei brachte er die kleine Marie ganz aus der Contenance, indem er Beider Rollen durcheinander mengte und keine Stichwörter hielt. –

Jetzt aber brach mit einem Male der Sturm, der lange genug schon gegrollt hatte, mit seiner ganzen Gewalt los; das Gelächter verwandelte sich in Rufen, Pfeifen, Zischen und Stampfen, ein wahrer Orkan des Unwillens und der Entrüstung brauste über den armen Director Bläule dahin, jeder einzelne Soldat fühlte sich in der Person des mißhandelten Kurmärkers im tiefsten Herzen verletzt und beleidigt.

„’Raus mit dem Kerl! – Schmeißt ihn ’raus, – abtreten!“ riefen einige Stimmen, „nicht weiter spielen, – Maul halten!“ andere, und wer weiß, was daraus geworden wäre, welche Dimensionen dieser Tumult noch angenommen hätte, wenn nicht jetzt urplötzlich eine kräftige Faust den ganz sprachlos vor Schrecken und Enttäuschung dastehenden Director beim Arme erfaßt und blitzschnell zwischen die Coulissen gezogen hätte. Die kleine Marie befand sich so auf einmal allein auf der Bühne; ganz bleich und rathlos sah sie sich um, ungewiß, was sie thun sollte, blieb aber dann ruhig, die Hand auf dem Herzen, der aufgeregten Menge gegenüber stehen. Das überraschte Publicum beruhigte sich nun augenblicklich, es entstand eine kurze, ungewisse Pause, dann erfolgte erst einzeln, schnell aber von allen Seiten ein donnernder Applaus, [720] – er galt der niedlichen Marie, die erröthete und sich verbeugte. Und wieder wird es still. Alles ist in peinlicher Erwartung. „Wird der Vorhang fallen? – wird man weiter spielen?“ so fragt man sich; da, – welche Ueberraschung! ganz unerwartet hört man noch einmal den Ruf: „Heda – Wirthshaus!“ hinter der Scene, aber dieses Mal von einer kräftigen Baßstimme im unverfälschten Dialekte der Mark Brandenburg.

Die kleine Picarde horcht erstaunt, sie stutzt, aber schnell hat sie begriffen, was hier vorgeht. „Ah, ce sont des Prussiens,“ beginnt sie von Neuem das Spiel. Und herein kommt ein zweiter Kurmärker, ein großer, stattlicher Soldat, das Landwehrkreuz an der Schirmmütze, mit sonnenverbranntem, bärtigem Gesicht, das Urbild eines preußischen Landwehrmannes. Der donnernde Jubel und Applaus, der nun unaufhaltsam losbrach, machte das Haus und die Erde erbeben und spottete jeder Beschreibung. Er kam mitten aus den Herzen der Zuschauer, und selbst die anwesenden Einwohner von Malaczka begriffen, was hier vorging, und applaudirten mit.

Immer von Neuem ertönte das Beifallsgeklatsch, das stürmische Bravorufen. Der Vulcan wollte sich austoben, und währenddem stand der neue Kurmärker fest wie eine Statue auf der Bühne, ohne mit der Wimper zu zucken. Endlich legten sich die Wogen, die Gemüther hatten sich beruhigt, das Spiel begann.

Schulze überreicht sein Quartierbillet an der Bajonnetspitze, macht sich’s bequem und verlangt zu essen. Jetzt schneidet er sich die landesübliche „Stulle um’s ganze Brod herum“, dann erzählt er der Kleinen die Geschichte von dem Souffleur. – Welch’ ein Spiel! Wie treu, wie naturwüchsig, nicht zu viel und nicht zu wenig, so wie es alle Tage her gewesen war. Auch das niedliche Bauernmädchen, gestützt durch ihren Partner, fängt Feuer und leistet Vorzügliches; schier athemlos horchten wir Alle, das war in der That ein seltener Kunstgenuß. Und jetzt setzt die Musik ein und Schulze singt: „O Tannebaum, o Tannebaum, wie grün sind deine Blätter.“ – – Und wie singt er! So ganz schlicht, mit voller, kräftiger Mannesstimme, daß alle Seelen erzittern und in allen Herzen die Echos rege werden. „O Tannebaum, o Tannebaum,“ so braust es mit einem Male los aus tausend Kehlen, wie wenn Orgelton und Posaunenklang sich mischen, alle Herzen springen thürenweit auf! Man mußte das durchgemacht haben, was wir in jenen kurzen drei Wochen durchgemacht hatten, um diese tiefe Bewegung, dies allgemeine Ergriffensein zu verstehen; es war feierlich – ist es keine Sünde, es zu sagen? – wie in der Kirche. Und nun beginnt die Kleine ihre Lection, sie tanzt den Contretanz ganz allerliebst, – jetzt ist Schulze an der Reihe und nun, „Mädchen, halt’ die Röcke fest!“, kommt der Zweitritt, bis die Kleine, in Ermangelung der Rasenbank links, rechts erschöpft auf einen Stuhl sinkt; Aller Augen strahlen vor Freude.

Da plötzlich trommelt es, Schulze springt auf und hängt seinen Tornister und Säbel um; „stehen die Kerle auch wohl nur einen Augenblick!“ ruft er ingrimmig, und nun kommt die allerliebste Scene mit dem Kuß. Jetzt erhält er ihn (und ich glaube aus vollem Herzen). Der Vorhang fällt, das Stück ist aus.

Und wiederum bricht der Beifallssturm los. Drei Mal geht der Vorhang noch auf und nieder, ehe die Menge sich beruhigt; dann erst beginnt sich dieselbe zu verlaufen.

Als ich eine Viertelstunde später mit noch einigen Cameraden in dem nun ziemlich leer gewordenen Hofe stand und mit jenen über die Ereignisse des Abends plauderte, zupfte mich leise Jemand hinten am Rocke.

„Hören Se – bestes Herrchen – eenen eenzigen Ogenblick nur!“ Es war der kleine herausgeschmissene Director, noch ganz zerknirscht von seinem Fiasco. Mit Thränen in den Augen klagte er mir sein Leid. Am meisten wurmte es dabei seinen verletzten Künstlerstolz, daß er von einem „gemeinen Soldaten“ so in den Schatten gestellt worden war.

„Trösten Sie sich, Freundchen,“ beschwichtigte ich ihn, „der Mann, dem Sie weichen mußten, ist ein College von Ruf, der Schauspieler H. aus Berlin.“

„Wie? was? – Hören Se, das ist ja aber ganz unmöglich!“ schrie er auf, „wie käme denn der hierher?“

„Nun, wie wir Alle!“ erwiderte ich, „in Reih und Glied als gemeiner Soldat.“

„Na, das globe en Anderer, ich nicht,“ sprach kopfschüttelnd der Kleine und schaute mich ungläubig an.

„Nun, dann sagen Sie mir einmal, was glauben Sie denn, was ich eigentlich bin?“ frug ich belustigt.

„Na – ein Unterofficier – oder am Ende gar ein Sergeant, nehmen Se’s nicht übel.“

„Fehlgeschossen, ein Schulmeister bin ich!“

„Aber nu gar!“

„Auf mein Wort!“

„Hören Se mal, Herr Schullehrer,“ sprach da auf einmal der Director ganz nachdenklich und trat dicht an mich heran, „ich will Ihnen emal was sagen, dann ist es och keen Wunder, daß die Oesterreicher haben retiriren müssen. Aber, sagen Sie emal,“ fuhr er plötzlich fort, „am Ende könnte ich mer den Herrn H. für ’ne Weile hier engagiren! Was meinen Se wohl?“

„Heute nun nicht, Director,“ erwiderte ich lachend, „über’s Jahr vielleicht! – Aber noch Eins, Herr Bläule, Sie haben heute eine vortreffliche Einnahme gehabt, daß Sie mir die kleine Picarde nicht vergessen, das Mädchen hat sehr brav gespielt. Gute Nacht!“

Und wie ich nachträglich erfahren, ist der brave Mann, aber schlechte Schauspieler meiner Befürwortung in der anständigsten Weise nachgekommen. Er hat die nicht unbeträchtliche Einnahme mit der ‚Picarde‘ redlich getheilt, „weil sie mit seinem ‚breißischen‘ Collegen ein so ganz vortreffliches Zusammenspiel möglich gemacht.“

H. H.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Abbildung einer nach rechts zeigenden Hand.