Der Orlabach

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Textdaten
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Autor: Anton Wilhelm Christian Fink
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Titel: Der Orlabach
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1792, Zweyter Band,
S. 229–234
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
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[229]
III.
Der Orlabach.


Wohin, mein Geist, auf rascher Sehnsucht Flug?
Zu welches Strom’s umdonnertem Gestade?
Zu welchem Quell, den aus dem Marmorkrug
Die Nymphe gießt zum keuschen Götterbade?

5
Hin, wo des Rheines königliche Flut

Durch Seen wandelt und durch Felsenhallen?
Die Traubenleserinn am Ufer ruht
Und dir, o Bacchus, Jubelhymnen schallen?

Wie? oder eilest du zur hohen Rom,

10
Und ruhest unter schattenden Platanen?

Umschweben dich am alten Tiberstrom
Der Siebenhügel Stadt glorreiche Ahnen?

Bekränzest du, wo Peneus Welle fleust
In Tempens Blüthenwelt die Nektarschale?

15
Und sehnest dich zu Platons hohem Geist

Zum Silberborn in seinem stillen Thale?

Nein! Nicht zu dir, du königlicher Rhein,
Und wenn auch deine Flut durch Eden wallte;
Nicht hin zur hohen Rom, zu Tempens Hain

20
Und wenn mir Platons süße Lockung schallte.

[230]

Zu dir, zu dir, du stiller Orlabach!
Zu deinem Quell, zu deinen Blüthenbäumen!
Hier will ich bey der Frühlingssängrin Schlag
Der Vor- und Mitwelt Wunder gern verträumen.

25
Sey mir gegrüßt mit trautem Freundesgruß,

Du Silberfluth, sey herzlich mir gesegnet,
Wo, mild wie Abenroth, der Genius
Der frohen Vorzeit lächelnd mir begegnet.

An deinen Ufern windet – ewig jung –

30
Aus süßen Blumen mannichfacher Farben

Mit Lächeln sinnend die Erinnerung
Den Blüthenkranz um meiner Freude Garben.

Hier ruh’ ich, wie im Auferstehungsthal
Der Geister meiner längst gestorbnen Freuden;

35
Sie wachen auf! – Ein milder Mondenstral

Scheint ins Gewand der Sylfen sie zu kleiden;

Und, „Ida! Ida!“ rauscht der frohe Bach,
Und „Ida!“ wandelts in der hohen Eiche,
Und „Ida!“ ruft das Echo liebend nach,

40
Und „Ida!“ seufzt der Wind durch Haselsträuche.


O, gute Götter! Laßt mich ewig hier
In der Erinnrung Rosenlauben wohnen;
Euch soll mein stilles Abendlied von ihr,
Von ihr mein frohes Morgenlied Euch lohnen.

45
Hier will ich ruhn, wo ich im Abendschein

Der Wellen ew’ge Harmonie belausche:
Du, meine Freudenthräne stürze drein,
Damit der Bach noch lauter Ida! rausche.

[231]

Der wache Frühlingshain soll nie von ihr,

50
Von ihr des Felsen Tochter nimmer schweigen,

Daß seine alten Tannen sich zu mir
Entzückt mit ihren Sängern niederbeugen.

Erzählt’s, ihr Schatten, wie ihr säuselnd sie
In goldnen Schlaf der Kindheit eingerauschet.

55
Ihr Haine, singt’s, daß eurer Melodie

Am Mutterbusen schon ihr Herz gelauschet.

Hier wand sie um den leichten Sonnenhut,
Um Brust und Haar den Schmuck der Blumenhügel;
Sie sah gebeugt sich lächelnd in der Flut

60
Und zögernd stand der Wellen Silberspiegel.


Von ihr belauscht sang hier die Nachtigall
Dem längern Frühling sanftre Melodieen.
Vor ihrer Milde lernte selbst der Fall
Des Bachs harmonisch über Kiesel fliehen.

65
Da ward ihr heilger Tempel die Natur!

Im Morgenroth, in stiller Haine Hallen,
Im Sternenglanz, im Wehn der Aerndteflur
Sieht sie den Unsichtbaren sichtbar wallen.

Wie, sanft bewegt auf spiegelheller Flut,

70
Von leichten Wölkchen malerisch umwanket,

Der Abendhimmel blau und heiter ruht,
Und hie und da ein Stern in Wellen schwanket;

So ruht im Wiederschein der Gottheit Bild
Auf ihrer Seele, nie vom Sturm umdunkelt,

75
Von Erdensorgen leise nur umhüllt,

Durch die der frohe Stern des Glaubens funkelt.

[232]

Ein schöner Lenztag, wie Tahitis Flur
Ihn unter stillen Palmen feyernd seegnet,
War Ida’s Leben, dem auf jeder Spur

80
Die leichte Fröhlichkeit umkränzt begegnet. –


Doch ah! den düstern Schleyer wirft der Schmerz
Auf ihrer Jugend lachende Gebilde!
Der Tag erlischt! – ihr stillverblutend Herz
Steigt mit der Mutter in die Nachtgefilde.

85
Wer klagt ihr nach, der holden Dulderinn,

Mit Orpheus Tönen aus zerrißner Seele!
Dir, stille Nacht, goß sie ihr Leiden hin,
Du sangst in ihre Schmerzen Philomele!

Preiß dir, der du mit Thau die Fluren labst,

90
Wenn jeder Halm im matten Sterben schmachtet,

Preiß dir, daß du der Menschheit Thränen gabst,
Wenn Todesdürre ihren Geist umnachtet. –

Am trüben Himmel schwebt im matten Schein
Die Wehmuth sanft auf thauendem Gefieder –

95
Die Welt erwacht! Da stieg im Frühlingshain

Die Liebe mit der Tröstung Lispeln nieder.

Triumph! mein Lied! Triumph! Nein! sing’ es nicht,
Was schauernd mir durch jede Nerve bebet,
Mich unergreifbar, wie der Sonne Licht,

100
Und unsichtbar, wie Blumenduft, umschwebet.


Ein stummer Priester dir, Erinnerung,
Wall’ ich in deinem stillen Heiligthume!
Da suchet ihren Freund Begeisterung,
An jeder von ihm aufgepflegten Blume.

[233]
105
Sie säuselt mir aus jedem Blüthenzweig,

Sie spielt um mich in leichten Epheuranken,
Gebiert in jenem Thal, an Veilchen reich,
Wie Blumen zahllos, wonnige Gedanken.

Von dir sinkt sie herab, o Abendstern,

110
Der in verschwiegner Laube uns belauschte,

An dir, o Bach, weilt sie vor allen gern,
Der unsrer Seele Wallung sanfter rauschte.

Dich hüb’ ich gern, von Laurens Geist umweht
Wie jüngst Petrarch, zum Nachruhm von Vauklüse!

115
Dann feyerte die Enkelin noch spät

Der Liebe Bund in deinem Paradiese.

Laß hier, o Schicksal, meinen leichten Kahn
Des Lebens Wellen sanft hinunter gleiten.
Zufriedenheit schwebt leichten Flugs voran,

120
Und Freundschaft wird den Nachen glücklich leiten.


In niegesungnen Melodieen lebt
Ihr hohes Lob in jedem meiner Lieder;
Und wenn mein Geist in ihren Himmeln schwebt,
Hallt meine Harfe, Ida! Ida! wieder.

125
Ans Blumenufer winken holde Reihn

Umkränzter Schäferinnen uns zum Mahle;
Die heut, wie Hebe schön, uns süßen Wein,
Und jene opfert uns aus goldner Schaale.

[234]

Wie Ida’s Schwestern mild, umwinden mir

130
Drey Grazien mein Spiel mit Rosenschimmer;

Und leise singt die Lippe: „Duftet hier!
Der Freundschaft Kranz welkt ihrem Sänger nimmer!“

Und trunken von Begeistrung fordr’ ich dann
Mein Harfenspiel! Die goldnen Saiten beben!

135
Jetzt wallt mein Lied hoch auf der Sterne Bahn.

Jetzt bleibt es säuselnd über Blumen schweben.

Sanft eingewiegt von leis’rer Melodie
Verlier’ ich mich! Es schwinden alle Sinnen!
Mein Leben scheint in Eine Harmonie

140
Im sanften Todesschlummer hinzurinnen.


Da wehet mich ein Götterodem wach!
Emporgelüpft auf leichterem Gefieder –
Elysium! – find’ ich am schönern Bach
Unsterblich mich in Ida’s Armen wieder!

W. F.