Der Pionier des Volksrechts

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Pionier des Volksrechts
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 209-211
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf Johann Jacoby
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[209]
Der Pionier des Volksrechts.

Seit einer Reihe von Jahren stand er mit der Weise seines Auffassens und Urtheils in ausgesprochenem Gegensatze zu den Ansichten und Bestrebungen, welche die Mehrheit seiner Nation bewegten. Fehlte es seinem Lebensabend auch nicht an dem erwärmenden Lichte treuester Verwandten- und Freundesliebe, so war doch seine Stellung als Politiker immer mehr eine vereinsamte geworden inmitten großer geschichtlicher Processe und Umwandlungen, die nicht nach seinem Sinne sich vollzogen und zu denen er kein anderes Verhältniß finden konnte, als das der Verwerfung und des Widerspruches.

Die Gartenlaube (1877) b 209.jpg

Johann Jacoby.
Orginalzeichnung von Adolf Neumann.

Unter diesen Umständen war es natürlich, daß die Stimme des altbewährten Volksmannes ihren früher so machtvollen Einfluß verlor und allmählich eine kühle Entfremdung Platz griff zwischen ihm und der Macht einer veränderten Zeitströmung. So stand es länger als ein Jahrzehnt hindurch bis zu seinem Ende, und erst sein Tod rief das Bewußtsein tiefer liegender Beziehungen von Neuem in den Ueberlebenden wach. Als die Nachricht kam, daß sein Auge für immer sich geschlossen, da zeigte sich doch ein stilles Neigen der Häupter und eine Regung ernster Ergriffenheit in allen politischen Kreisen. Aller Orten haben die hervorragenden Organe der Presse mit unzweideutiger Anerkennung seinen Namen gefeiert, und viele Tausende aus der Nähe und Ferne folgten in feierlichem Zuge dem lorbeergeschmückten Sarge, als man ihn am 11. März dieses Jahres durch die Straßen seiner Vaterstadt Königsberg zur letzten Ruhestätte führte. Wo in Deutschland während dieser zweiten Märzwoche denkende Menschen bei einander waren, da ist auch unzweifelhaft der Name Jacoby mit Ausdrücken der Ehrfurcht und Dankbarkeit genannt worden. Es sind das die Gefühle, mit denen der bewußte Theil der Nation auf das frische Grab des Mannes blickt.

Die Ehrfurcht gilt der Persönlichkeit und dem ganzen Leben des Mannes, der Dank dem unsterblichen Verdienst, das er einst [210] als hervorragender Kämpfer und Märtyrer für die Sache des unterdrückten Volksrechts um die freiere Entwickelung unserer vaterländischen Zustände sich erworben hat. Um das zu würdigen, muß man freilich alle heutigen, schon einer hohen Stufe des Fortschritts entsprossenen Streitpunkte zur Seite lassen und sich um vier Jahrzehnte zurückversetzen können in gänzlich andere Verhältnisse, von denen das inzwischen auf dem Boden der Freiheit erwachsene Geschlecht sich kaum eine deutliche Vorstellung zu bilden vermag. Es war eine harte und trostlos öde und doch eine in der Tiefe ihres Wesens vom wärmsten Leben beseelte Zeit, diese sogenannte vormärzliche Zeit der dreißiger und ersten vierziger Jahre. Aus dem gesammten Leben lag entwürdigend, herabdrückend und lähmend die schwere Hand des Absolutismus und seiner Polizei- und Beamtenherrschaft, aber aus dem Innersten der Seelen strahlte bereits wie Frühlingsschimmer und schwellendes Maiengrün ein schwung- und begeisterungsvoller Freiheitsdrang, der Gedanke an eine lichtere Zukunft, die im Schweiße des Angesichts erstritten werden müsse. Ein junger Geist rang aus Druck und Verkümmerung sich los und eröffnete mit kühnen Gedanken und aufrüttelnden Erweckungsrufen, in Versen und in Prosa, den Kampf gegen die engen Kerkerwände. Wer möchte leugnen, daß aus diesen Gluthen manche große Erkenntniß, manche zukunftsreiche Lichtsaat aufgestiegen ist? Dennoch aber war es im Ganzen ein Zustand unklarer und zusammenhangsloser Gährungen, die an sich selber nichts ausgerichtet, keinen Schritt breit der Wirklichkeit erobert hätten, wäre die Bewegung nicht so stark gewesen, aus ihrem Schooße Männer zu erzeugen, die mit scharfem Auge ihre wesentlichen Kernpunkte zu erfassen und dem wirr durcheinander wogenden, vielfach auf Nebensächliches gerichteten Streben die rechten Zielpunkte zu bezeichnen wußten. Auf dem religiösen Gebiete war das am Ende der dreißiger Jahre schon geschehen, aber auf dem Felde der politischen Meinungen herrschte noch ein buntes Durcheinander, das zur Erreichung eines wirklichen Befreiungszweckes nicht die geringste Aussicht bot.

So schwach stand es, trotz aller lebendigen Thätigkeit, mit der Bewegung gegen die bestehende unheilvolle Staatseinrichtung, als plötzlich im Jahre 1841, kurz nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm’s des Vierten, in Mannheim eine Schrift erschien, die den einfachen Titel führte: „Vier Fragen. Beantwortet von einem Ostpreußen“. Ein unscheinbares Schriftchen, kaum drei Bogen stark, aber getragen von einem Geiste, erfüllt von einem Inhalte, deren gewichtvolle Kraft sofort dem Streben der Opposition die mangelnde Bestimmtheit der Richtung gab. Die Sprache war so einfach und gemeinverständlich, der Ton so ruhig und frei von aller revolutionären Stürmerei, die Haltung des Ganzen maßvoll und an das Bestehende anknüpfend. Hatte man aber diese scharf hingestellten Sätze gelesen, so mußte man sich sagen, daß sie den vernichtendsten Schlag ausmachten, der bisher gegen das absolutistische System geführt worden war. So durchschlagend und unwiderleglich war in dem Büchlein nicht blos die Unhaltbarkeit dieses hartnäckig festgehaltenen Systems, sondern auch die ihm mangelnde Existenzberechtigung nachgewiesen. Es waren damals noch nicht die Tage der Parlamente und Volksversammlungen, der Preß- und Redefreiheit, die dem Gedanken so viel von seiner Wirkung genommen haben. Rein stieg das Wort noch aus der Wärme der Geister auf und fand in weiten Kreisen noch eine reine und unermüdete Empfänglichkeit. Niemand fiel es ein, jene kleine Schrift nur wie ein literarisches Product zu betrachten. Von vornherein galt sie als ein Ereigniß, wurde sie als eine eingreifende That gefühlt, die zwei seit lange in wirrem Kampfe miteinander ringende Zeiten für immer auseinander schied: hier die Nacht und Erstarrung, dort der Morgen und ein neu verjüngtes Leben, von dem nunmehr der Nation gesagt wurde: du hast ein unveräußerliches Recht darauf, und ich zeige dir den geraden und ehrlichen, den ebenen und sonnnenhellen Weg, auf dem du es erreichen sollst.

Was die Schrift darlegte, das war ja im Grunde nicht neu, das wußten Viele, das lebte als ein ahnungsvoller, mehr oder weniger dunkler Drang in Unzähligen. Bündig und schlagend aber, mit siegesgewisser Zuversicht und unanfechtbaren Beweisen hatte sie zusammengefaßt und zu klarstem Ausdrucke gebracht, was alle Geweckten im Volke dachten und die Gewalthaber mit aller Macht zurückdrücken und zu offener Aeußerung nicht kommen lassen wollten. Darin lag das Geheimniß ihres Eindrucks. Wer war der Entzünder einer solchen Flamme? Niemand wußte es. Man rieth auf einen der mißliebig gewordenen freisinnigen Staatsmänner aus der Zeit der Befreiungskriege und man wunderte sich unter den damaligen Verhältnissen nicht, daß er die Vorsicht beobachtete, seinen Namen verborgen zu halten. In beiden Punkten jedoch irrte man sich. Der anonyme „Ostpreuße“ war ein hochintelligenter junger Arzt in Königsberg, gehörte also dem politisch für unzurechnungsfähig gehaltenen unbeamteten Unterthanenstande an. Und er war so wenig geneigt, der Verantwortung für seine freimüthige Aeußerung sich zu entziehen, daß er diese selber vertrauensvoll dem Könige zusandte mit voller Nennung seines Namens: Dr. Johann Jacoby. Auch das wurde bekannt und mit unbeschreiblicher Spannung erwartete man im Publicum die Folgen dieses offenen und mannhaften Schrittes.

Sie kamen aber anders, als die Vertrauensseligen es sich dachten. Jacoby wurde des Hochverraths angeklagt und in erster Instanz zu dritthalbjähriger Festungshaft verurtheilt. Es gab indeß noch ein Kammergericht in Berlin, auf dessen Rechtsprechung Gunst und Ungunst der Mächtigen keinen Einfluß hatte. Unter dem Vorsitze des streng königstreuen Grolmann sprach das Kammergericht den Verurtheilten vollständig frei. Wir erwähnen das, weil es eine der Glanz- und Ehrenthaten altpreußischer Justiz in den Tagen des unerschütterten Absolutismus war. Auch von den „Vier Fragen“ war damit der Bann genommen, und sie erfüllten nun ungehindert ihre Mission; nicht in den Regierungskreisen, die nach wie vor in ihrem Widerstande gegen die Regungen und Bedürfnisse des Volksgeistes verharrten, wohl aber in großen Schichten des Volkes, das endlich in den Märztagen 1848, den Mahnungen Jacoby’s zufolge, „als ein erwiesenes Recht in Anspruch nahm, was es früher als eine Gunst erbeten hatte.“ Das Volk ging dabei weit über die ersten mäßigen Forderungen Jacoby’s hinaus, aber die Richtung, den ersten wirksamen Anstoß, hatte er dem Kampfe gegeben und sein Name wird für alle Zeiten mit der Verfassungsgeschichte unseres deutschen Vaterlandes verknüpft bleiben. Denn was in Preußen geschah, das geschah für ganz Deutschland.

Jacoby war sechsunddreißig Jahre alt, als er seine „Vier Fragen“ in die Welt sandte, und vollauf erlebte er noch die Genugthuung, eine neue Welt jungen Freiheitslebens aus der morschen Staatsruine erblühen und seine Ueberzeugung bestätigt zu sehen, daß er nur ausgesprochen habe, was lange minder bewußt auf den Lippen des Zeitgeistes gelegen hatte. Diese seine vormärzliche That ist das Hauptverdienst seines Lebens geblieben. Nachher haben wir ihn stets noch mit schärfster Ausprägung als Stimmführer in den vordersten Reihen und in allen Phasen des Fortschrittskampfes gesehen, und man weiß ja unter Anderem, wie er einst in kritischem Momente dem von einer Deputation der Nationalversammlung sich abwendenden König das historisch gewordene Wort zugerufen: „Es ist eben das Unglück der Könige, daß sie die Stimme des Volkes nicht hören wollen.“ In den Annalen der Parlamente, auch in den Chroniken der Gerichte und Gefängnisse ist das fernere politische Leisten des Königsberger Arztes für immer verzeichnet; es war nicht arm an hervorragenden Momenten, aber eine eingreifende Wirkung seiner Stimme, oder ein Einfluß, wie ihn etwa große Redner und Schriftsteller auf ihre Zeit gewinnen, ist nicht wieder zu bemerken. Seine Bedeutung wurde eine andere: sie lag fortan in dem Gewicht und dem Beispiel seiner ganzen Persönlichkeit.

Jacoby ragt aus seiner Zeit hervor als ein Charaktergenie ersten Ranges, als ein selbstlos und unerschütterlich seiner Erkenntniß folgender Denker. Die Consequenzen seines Denkens hatten über sein ganzes Sein und Wesen eine solche Macht, daß er gegen mächtige Geschichtsverläufe sich auflehnte, wenn sie andere Wege als diejenigen gingen, die er für die rechten und wahren hielt. Wie ihn peinliche Verfolgungen und Kerkerleiden seinen Ueberzeugungen niemals untreu machen konnten, so auch nicht der wider ihn heraufziehende Sturm der Andersgesinnten, nicht das Loos der Vereinsamung und die Abwendung alter Genossen und Freunde. Mögen Unzähligen seine Schritte in den letzten Jahren unbegreiflich erschienen oder doch in besonderem Grade unsympathisch gewesen sein, so sprechen doch Freunde wie Gegner das Richtige aus, wenn sie jetzt sich in dem Urtheile vereinigen, daß mit ihm ein heldenmüthiger und hochverdienter Mann von großer Begabung, [211] von seltener Weisheit und Tugendstärke dahingegangen, ein liebevoller und liebenswürdiger Mensch mit ungewöhnlich werthreichen Eigenschaften des Geistes und Herzens. Auch da, wo das Verhalten des alternden Mannes nicht gebilligt wurde, auch da stand er in himmelweiter Ferne von allem Kleinen und Gemeinen, war einzig nur Hohes, Gutes und Edles das Ziel seines Strebens. Sein Andenken wird in Ehren bleiben, so lange in Deutschland der Glanz des Idealen nicht verblichen ist.