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Der Römer in Frankfurt am Main

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DLXXIII. Die Ruinen des Minervatempels auf dem Kap Kolonna in Griechenland Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXXIV. Der Römer in Frankfurt am Main
DLXXV. Der Alcazar in Segovia (Spanien)
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Der RÖMER in FRANKFURT a. M.

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DLXXIV. Der Römer in Frankfurt am Main.




„Am aufrichtigsten sind manchmal die Falschen, am offenherzigsten die Versteckten und das ehrlichste Spiel treibt der Ausbund aller List und Unwahrheit: die Diplomatie. Es kömmt nur darauf an, ihren Worten die rechte Deutung unterzulegen.“ So urtheilt Jean Paul, und er hat Recht.

Die Kollektiva der Menschen: Massen, Stände, Korporationen, Gesellschaften; auch die Repräsentanten derselben und die Leute in hoher Stellung, sind ehrlicher und offener, als man ihnen in der Regel einräumen will, und durchweg weniger verschlossen, als der Einzelne, welcher im Gedränge sich auf dem schmalen Räumlein behaupten muß, auf dem er sich, gestoßen und gedrängt, durch das Leben zwängt. Wir haben keinen einzigen Zeitraum in der Geschichte, welcher uns ohne Zeichen und ohne Fingerzeig läßt, um die geheimen Wünsche und die versteckten Bestrebungen kennen zu lernen, denen die Fürsten und Regenten einmal zugethan waren und von denen in Reden und Schriften gleichwohl wenig oder nichts erwähnt wird. Jene Wünsche und Bestrebungen waren zu allen Seiten „öffentliche Geheimnisse“; nur gehören in der Regel zu ihrem Verständniß gute Augen. Mit solchen Augen kann der Leser – ein Beispiel möge für tausend gelten! – die geheime Geschichte der preußischen Regentenwünsche seit Friedrich II. auf dem Gepräge ihrer Thaler lesen. Die stille Korrespondenz, welche seit jener Zeit in diesem Lande zwischen Volk und Regenten mit Augen und Ohren gehalten wurde, haben die Thaler jedes Jahres in silbernen Zügen der Nachwelt aufbewahrt. Da siehst du bald Kanonen, Fahnen, Trompeten, Trommeln die Wappenseite einnehmen, denn Siegesruhm mußte das Volk zufrieden erhalten; bald erzählt dir ein breites, von starken Männern gehaltenes Wappen, daß das Königthum stolz, fest und sicher zu Throne saß; bald tritt ein einfaches, bürgerlich-gutmüthiges Antlitz wie bittend auf, denn die Liebe des Volks hat wieder Werth; bald muß ein Eichenkranz die Männer aufmahnen und in Begeisterung erhalten für das deutsche Königthum und das königliche Deutschthum; bald darauf wird der volksthümliche Eichenkranz entzwei geschnitten und die weggeworfene Hälfte durch einen königlichen Lorbeerzweig ersetzt; und ein Jahrzehnt später sucht dir wieder ein Wappen mit allen Feldern, welche die Dynastie besitzt, zu „imponiren,“ und aus dem Borussorum Rex ist wieder ein König von Preußen geworden u. s. w. Deutungsreiche Bilderbücher sind auch diejenigen, welche dir die Verwandlungen in den Kleidertrachten der Könige zeigen. Der Helm, der Dreispitz, der runde Hut, der Harnisch, die Perücke, der Oberrock, die Pantalons, der Frack, der Waffenrock, die Bürgerwehrmütze: wie viel öffentliche Geheimnisse erzählen sie! Ja, ich meine, selbst das unfruchtbarste alles Schaugehens, der Gang durch eine Bibliothek und das Betrachten der Bücher von Außen, könne fruchtbringend seyn [31] für gute Augen. Ein Spaziergang zwischen den Buch-Schränken, diesen Katakomben der Geister, gibt zwar keine Geschichte der Wissenschaften, aber einen Fingerzeig auf die des Lebens. Jeder Einband erzählt von seiner Zeit, vom festen Mönchsband an, der die Wissenschaft in Holz und Schweinsleder mit metallenen Ecken und messingenen Klausuren verwahrt, bis zum lüderlich-broschirten Neuling. Hieroglyphen sind überall hingeschrieben, und zum Verständniß bedarf’s keines Champollion; es genügt ein offener Kopf und ein warmes Herz.

Am allerleichtesten ist die Chiffreschrift in den Werken der Baukunst zu lesen. Ihre Züge sind so groß, daß sie auch für blödere Augen noch kenntlich sind. Ein Beispiel für viele.

Wir wollen uns dies Mal nicht mit dem klassischen Alterthume und dem Mittelalter zu schaffen machen, so reich auch der Stoff ist, und so sehr er lockt. Wir wollen uns an das halten, was alte Leute und unsere Väter noch mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist auch die Zeit der preußischen Thaler.

Zu Anfang dieser Zeit wurden die Ruinen der Ritterburgen und Bergschlösser nicht geschont, und noch weniger dachte man an’s Restauriren. Dagegen baute man, oft mit unglaublichem Kostenaufwand, in die Winkel der steifen Schloßgärten künstliche Ruinen auf gemachte Felsen. Diese Gärten und Felsen und Ruinen sind das getroffenste Bild des Staatslebens ihrer Zeit. Es dauerte der Spuk, bis die große französische Revolution kam und den Plunder zur rechten Würdigung brachte. Die Bewunderung schlug in Spott um, man lachte nur noch über die Narrheit.

Nun folgt die Geschichte der neuern politischen Baukunst. Sie beginnt recht eigentlich mit den Befreiungskriegen. Der Wiederaufbau von Kaiser und Reich war mißlungen, weil die Geschichte des babylonischen Thurmbaues sich in Deutschland wiederholt hatte: die Sprachverwirrung zu Wien hatte die deutschen Volksstämme, die erst zur gemeinsamen Arbeit so treu vereinten, auseinander getrieben. So ging denn hin Jegliches in seine Heimath und wurde Eins dem Andern fremd. Nach lange gepflegtem Unmuth suchte man einen Trost und fand ihn in der nächsten Umgebung und in der Vergangenheit. Da ging’s denn an ein Unterhalten der Ruinen und an ein Sammeln, Bewahren und Lobpreisen „vaterländischer Alterthümer.“ Wer die Fürsten für dumm hält, irrt sich. Ihre stille Korrespondenz hatte sie längst belehrt, daß man im Volke auf dem besten Wege sey, sich in die Urwälder der Stammbäume zu verirren und darinnen wieder in die alte deutsche treue Bewunderung alles Angestammten zu versinken und auf den Moosbänken der Gnade sanft einzuschlummern. Das mußte gefördert werden, und die Fürsten thaten’s. Es erschienen Gesetze zur Erhaltung verrotteter Stadtmauern und von Schutt aller Art; ja die alten Burgen erstanden in neuer Pracht. Das Volk freute sich: es ahnete nicht, daß mit diesem Restauriren die Restauration im Staate selbst begann. Es freute sich und restaurirte mit! Das Mittelalter feierte ein Auferstehungsfest! In Domen und Rathhäusern, in Schlössern und Burgen, in Schulen und Kasernen wurde restaurirt. Die Ritterlichkeit fand wieder ihr Lob in der Könige Mund als hohe, schöne Tugend. Aber nicht bloß Talare und Ehrenketten, [32] Waffenröcke und Pickelhauben traten wieder aus der Dämmerung des Mittelalters hervor; die Nacht selbst erschien mit all ihren Windlichtern. Kloster auf Kloster erstand, die Sonne mußte durch gemalte Scheiben in die düstern Tempelhallen dringen, ewige Lampen wurden vor Heiligenbildern gestiftet und die Lichter in den Köpfen ausgelöscht. Und wie schön waren die Ordenskapitel, wo die Könige mit dem prächtig glänzenden Schwert Krüppel an Körper und Geist zu den herrlichsten Rittern schlugen! Wie mußte da hervortreten aus den Schatten der alten Zeit der Glanz der deutschen Kaiser und des Reichs!

Und war denn nicht auch dem Bürger, namentlich in den ehemaligen freien Reichsstädten, die den Kontrast zwischen Sonst und Jetzt am tiefsten fühlten, die Sehnsucht nach dem Alten zu verzeihen? – Erstand doch auf dem Grab der Volksfreiheit die von Fürsten und Großen gepflegte Kunst! Ihr reiner Glanz mußte das Scheusal der Restaurationspolitik überdecken!

In diese Zeit und zu diesen Werken gehört die Wiederherstellung der Kaiserburg zu Nürnberg, so wie die des Kaisersaals im Römer zu Frankfurt a. M. In diesen alten von Kaiser und Reich abgenutzten und unter der Restauration wieder aufgeputzten Räumen des Römers – denn römisch, nicht deutsch, war ja der Kaiser-Herrlichkeit Ursprung und Weihe! – in dieser Stadt des deutschen Bundestags, auf den vom häßlichen Gewürm unterwühlten und durchkrochenen Trümmerwerk des umgestoßenen Staatsbaus, sollte der Grundriß entstehen zum Bau des neuen Deutschlands.

Einen Neubau von Grund aus verlangte die siegesfrohe und hoffnungsselige deutsche Nation. Die Werke der Restauration waren ihr endlich im rechten Lichte erschienen, in dem Lichte, welches die Märzsonne von 1848 auf sie warf. Zum ersten Mal schauderte sie zurück vor ihrem eigenen Bild in dem Spiegel, welchen der Bundestag selbst am ersten Märztage ihr vorhielt. Sie ahnte, wie tief sie in der Achtung der Welt gesunken seyn müsse, wie tief sie dastehe in ihrer restaurirten Erbärmlichkeit, wenn sogar der Büttel ihres langen Gefängnißlebens, wenn der Bundestag „mit voller Zuversicht vertraue auf ihren, in den schwierigsten Zeiten stets bewährten gesetzlichen Sinn, auf ihre alte Treue und ihre reife Einsicht!“ Die Schmach dieses Lobes mußte abgewaschen werden.

Daher sandte, um den Grundriß zu entwerfen zum Neubau von Deutschland, die Nation ihre Werkmeister in die alte Bundesstadt. Sie schickte sie mit der Erwartung, „daß jeder Mann seine Schuldigkeit thun werde“. – Sie hoffte und harrte; doch Nelson war glücklicher als – Michel. Jener hatte zu Männern gesprochen, welche ihr Vaterland liebten. Mit steigendem Unwillen, mit Gram und mit Zorn betrachtet seitdem die Nation Zug um Zug im entstehenden Plan, und trauernd und ergrimmt erkennt sie in dem Werke pflichtvergessener Baumeister abermals einen Restaurationsplan für ein eingefallenes Haus. Wer hat Das verschuldet? – Leider! muß die Nation auf die eigene Brust zeigen und sprechen: Ich selbst! Wie die Wahl, so die Meister, und wie die Meister, so das Werk.

[33] Wer im Unglück sitzt, wirft die Schuld desselben gern weiter, als sie reicht. Auch auf die Wahl des Ortes zeigt Mancher mit warnendem Finger. Wo der Bundestag die Luft verpestet und die Restauration die alten Kaiser mit neuen Farben an die Wände des Reichshauses geklebt hat, konnte die Macht des Alten und Verkommnen nicht ohne Einfluß bleiben auf das Neuzuschaffende. So grollt der Unmuth. Aber mit Unrecht. Der rechte Mann stärkt sich am Gegensatz. Wo die Kurfürsten kührten und der Kaiser thronte, throne das Volk, denn „Kaiser ist das Volk geworden.“

Ja, ja, – „Kaiser ist das Volk geworden,“ und obgleich diplomatische Schlauheit und Arglist, mit Untreue, Schlechtigkeit und Dummheit im Bunde, alle Hebel bewegt, um es aus dem Stuhle zu werfen, und hineinzusetzen eine Kreatur ihrer Hände; es wird nichts draus werden. Weder der Kandidat von Olmütz, noch der von Potsdam, noch der von München wird den Kaiserstuhl besteigen; aber die Intriguanten, welche jetzt auf allen Wegen und Stegen im Reich gegen einander rennen, den Kaiser zu erjagen, sie werden, nachdem sie alles versuchten, Alles wagten und Alles mißbrauchten, nachdem sie die wilden Geister, die kaum gebannt sind, wieder entfesselt, die Leidenschaften zu ihren Bundesgenossen gemacht, die Dinge bis auf’s Aeußerste getrieben und, ohne nach den Folgen zu fragen, Erdbeben und Stürme heraufbeschworen haben, um nur die „Konkurrenten“ zu besiegen, sie werden mit Schrecken erfahren, daß sie einem Ziel zueilen, welches von dem erstrebten am fernsten liegt. Jene Agenten, jene Söldner und Lohnknechte, rühren, indem sie an die Leidenschaften und Antipathien der Massen appelliren, ein Feuer auf in dem himmelhoch gethürmten Zündstoff, das, wenn erst einmal die Lohe emporgeschlagen hat, keine Zauberkunst mehr besprechen kann. Es wird, einmal angefacht, fortlodern, so lange es Brennbares findet, und die Brunst wird verzehren die Fürstenschlösser mit ihren Thronsälen und Pergamenten, und die Bewohner werden sich glücklich preisen, wenn sie das nackte Leben retten. – Es ist meine Ueberzeugung: dieses widerliche, kniffige, schmuzige Rennen nach dem Kaiserstuhl, der dem Volk gehört und den es behalten will, muß die kaum beschwichtigten anarchischen Gelüste zur wildesten Gährung treiben, und diese kann nur endigen in einer gänzlichen Umwälzung der Dinge. Potsdam, Olmütz und München sind die Treibhäuser, in denen jetzt die deutsche Revolution gepflegt und zur schnellen Reife gebracht wird. Man hat den Teufel lange an die Wand gemalt, um politische Kinder fürchten zu machen; er wird kommen, die entzügelte Revolution wird beginnen mit der Vertreibung der Dynastien, mit dem Zerbrechen der Throne, mit der Zerstörung der kirchlichen Formen, mit der Ausrottung der Aristokratie der Geburt, mit der Plünderung der Aristokratie des Kapitals; die Republik wird ihren Umzug halten in Deutschland und ihre Fahne, – wird sie weiß bleiben? oder wird sie eine rothe Färbung erhalten? Wer kann’s bemessen? Und wer kann sagen, welche Menschen dann die ungeheure Gährung in die Höhe wirft und welche Ideen in diesen Geistern leben und die That suchen? – Leicht kann’s kommen, daß Deutschland zum Chaos wird, und wenn das von der Anarchie geplagte Volk dann einen Wallenstein findet und ihn [34] als einen Moses empfängt, zeigt er ihm das gelobte Land in der Fremde, – wen sollte es Wunder nehmen? Ein revolutionäres Volk mit solcher Kraft, wie das deutsche, ist immer noch ein eroberndes geworden. Tritt aber die deutsche Nation habgierig über ihre Grenzen, hat sie ihren Rubikon überschritten, dann ist’s auch gewiß, daß sie niederwirft die europäischen Staatsgebäude mit sammt den Embryonen von Nationalitäten, welche sich jetzt so wunderlich im Ei geberden, bis an die Grenzen Asiens. Armes deutsches Volk! Um den eitlen Ruhm des Länderraubs und gewonnener Schlachten wirst du dann die kostbarsten Güter der Gesittung und des Friedens verlieren, du wirst sie erkaufen müssen mit dem Blute von Millionen, mit der Zerstörung deines Wohlstandes, mit der Verödung deiner Heimath, mit dem Untergang von Allem, was du jetzt hochschätzest und dich beglücken kann.

Römer, du! Kaiserhaus! Hohl geht die See, der Sturm naht und der Spruch des Schicksals: „– wen der Herr verderben will, den schlägt er mit Blindheit“ – steht an den Thronen und verheißt Erfüllung.

Schwarze Nacht liegt auf dem Römerberg, wo im März die hellste Sonne des Völkerfrühlings leuchtete. Dennoch, Muth! auf jede Nacht folgt ein – Morgen!