Der Teufel im Kreuztopp

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Titel: Der Teufel im Kreuztopp
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 136
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[136] Der Teufel im Kreuztopp, ein Seitenstück zum „Teufel im Großtopp“ (vergl. Jahrg. 1878, Nr. 27). „Wir waren auf der Reise von Honolulu nach Bremen und befanden uns etwa einen Grad nördlich des Aequators, wo wir in Windstille mit Regen und veränderlichen Winden einige Tage herumtrieben. Der Capitain hatte am Vormittage in seiner Kajüte geschrieben; die Thüren standen weit offen, und das Schiff ging nur träge, von flauem Winde getrieben, durch's Wasser.

Unter anderen Curiositäten hatten wir auch einen Affen an Bord, welcher durch ein Seitenfenster den Capitain beim Schreiben beobachtet hatte. Als nun dieser auf einige Minuten die Kajüte verläßt, um einmal auf Deck zu gehen, springt der Affe in die Kajüte, taucht seine Pfote in das große geschliffene Tintenfaß und bemalt, indem er stets wieder frisch eintunkt, nicht allein die Schreiberei des Capitains, sondern auch die weißlackirten Wände der Kajüte; es sah abscheulich aus. Als der Capitain nach einiger Zeit in die Kajüte tritt, sieht er die Bescheerung. Der Missethäter springt durch die Hinterthür auf Deck, der Capitain mit einem Stocke ihm nach; gerade wie das Thier auf dem Railing ist, um sich in den Kreuztopp zu flüchten, schlägt jener zu. Der Affe fällt über Bord und versinkt sogleich vor Aller Augen in's Meer. Wir suchen Längsseit von vorn nach hinten, um eine Spur von ihm zu entdecken – vergebens; der Affe ist fort, 'versoopen', wie wir Alle sagten.

Es war zwei Tage später, gerade acht Uhr Abends; der Himmel war mit dicken Wolken überzogen, und die leichten Segel wurden eingenommen. In den Kreuztopp wurden zwei Mann geschickt, um das Oberbramsegel festzumachen, voran ein Irländer, der ziemlich gut und oft sehr drollig Plattdeutsch sprach. Wie er unter den Mars kommt, fliegt ihm ein Knäuel Kabelgarn an den Kopf, worauf ein schwerer Marlpfeim bei ihm vorbeisaust und mit großem Gepolter auf Deck dicht vor den Füßen des Steuermanns hinfällt. Dieser schimpft auf die Beiden im Kreuztopp, indem er denkt, es hat einer von ihnen den Marlpfeim fallen lassen, jedoch in demselben Augenblicke kommt eine schwere Klopfkeule auf Deck geflogen, der Irländer und sein Camerad hinterdrein; sie hatten nicht soviel Zeit, die Strickleiter hinunter zu gehen, sondern hatten sich am Backstag auf Deck gelassen. Der Steuermann schimpft und will sie wieder hinaufjagen, doch der Irländer sagt mit vor Angst bebender Stimme: 'No, Sir, Se känen mi dotschlaan, ick ga nich rup; de Düwel is in'n Krütztopp.' Mittlerweile hatten wir Anderen eine Gruppe gebildet, und die Beiden wurden verlacht; zwei beherzte holsteiner Jungen wollten hinaufgehen, um das Segel festzumachen. Sie haben kaum den Mars erreicht, da regnet es förmlich Knäuel Schiemansgarn, Bekleidungs- und Klopfkeulen, Rollen von Platting und Schmarting, zuletzt eine Wurst; dann hört es auf und ein heftiger Krach im Mars beschließt diese Vorstellung.

Die beiden Holsteiner sind schon wieder bis auf den Railing retirirt; wir stehen alle mit offenen Mäulern. Inzwischen war auch der Capitain auf Deck gekommen und hatte die Teufelswirthschaft vernommen. Er geht darauf in die Kajüte, kommt mit einem Blaufeuer auf Deck und beleuchtet den Kreuztopp gerade in dem Augenblicke, wie der Knall geschieht. Aller Augen folgen der Beleuchtung, und siehe da, unser Affe springt die Stengwandten hinan. Wir alle lachten, und Manchem fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt gingen zwei Mann hinauf und machten das Segel bei bengalischer Beleuchtung fest, ohne jedoch des Affen habhaft zu werden, der das Stengstag hinunter in den Großtopp ging; wir ließen ihn ruhig laufen. Jeder zerbrach sich aber den Kopf darüber, wie der Affe nach zwei Tagen in den Kreuztopp gekommen war.

Darüber sollte uns der Steward Auskunft geben, nachdem er am andern Morgen die Wurst als eine aus seiner Fleischkammer gestohlene erkannte.

Der Affe war, als er über Bord fiel, wirklich untergetaucht, jedoch durch den Sog (Strudel oder Wirbel, den das Schiff beim Segeln erzeugt) dicht am Schiffe festgehalten und hinten unter der Gellung des Hecks wieder aufgekommen, was wir von Deck natürlich nicht bemerken konnten; darauf hatte er sich wohl an den Ketten, die am Steuerruder befestigt sind, angeklammert und war so auf das Ruder und durch den Rudertrichter an Deck gekommen. Ueber dem Ruder war ein sogenanntes Ruderhaus und in demselben, gerade über dem offenen Rudertrichter eine Abtheilung, worin der Steward, weil es da stets kühl war, leicht in der Hitze verderbende Sachen, unter Anderem auch einige Mettwürste, aufbewahrte. Eine Thür mit einem kleinen Fenster ging nach hinten hinaus, und durch dieses Fenster, das er einschlug, war der Affe wahrscheinlich mit der gestohlenen Wurst in der Dunkelheit auf Deck entschlüpft. Hierauf hatte er aus dem Wasserfaß getrunken, was er überhaupt öfter that, wenn er Durst hatte, denn die Wasserpumpe fanden wir am andern Morgen auf dem Quarterdeck, wo er in den Kreuztopp gestiegen sein mußte. Im Topp stand eine Schiemanskiste, in welcher einige Marlpfeime, Bekleidungs- und Klopfkeulen, sowie Knäuel mit Kabel- und Schiemansgarn zum etwaigen Gebrauch stets vorräthig waren, und in dieser Kiste hatte sich der Affe häuslich niedergelassen. Aus seiner Ruhe gestört, warf er alles in der Kiste Befindliche den Heraufkommenden entgegen, zuletzt auch die Wurst, schlug den Deckel der Kiste mit furchtbarer Gewalt zu, als er sah, daß er keine Munition mehr hatte, und floh weiter. Nach drei Tagen erst wurden wir seiner habhaft; halb verhungert, wie er war, wurde er zur Strafe an eine Kette gelegt, zum großen Aerger des Steward, der ihn lieber gleich geköpft hätte für die Schmutzerei in der Kajüte, die er reinigen mußte. Der Irländer mußte jedoch die ganze Reise mit seinem 'Düwel im Krütztopp' herhalten.

Sie sehen also, daß der Teufel nicht allein im Großtopp in Gestalt eines Papageien, sondern auch im Kreuztopp in der eines Affen spuken kann.
C. Sch . .z.“