Der Tod im Casernen-Fleischkessel

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Titel: Der Tod im Casernen-Fleischkessel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 223-224
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Tod im Casernen-Fleischkessel.

In England, wo die Preßfreiheit und Legionen unbeschränkter Schriftsteller und Zeitschriften alle socialen, politischen und überhaupt öffentlichen Angelegenheiten mit Argusaugen bewachen und Alles, was sie sehen und zu tadeln finden, nach Belieben schonungslos aufdecken können, kommen doch oft Uebel- und Mißstände der ärgsten Art zu hohen Jahren, ehe die Presse und die Oeffentlichkeit nur Notiz davon nehmen. Sie wissen, sie erfahren nichts davon. Nur irgend ein Aufsehen erregendes Ereigniß, das sie beleuchtet, eine Special-Untersuchungs-Commission, specielles langjähriges Studium (wie das Mayhew’s über „Londoner Arbeit und Armuth“, jetzt viele dicke Bände) wirft dieses und jenes grauhaarige, grausame, arge Uebel einmal auf eine Zeitlang an’s Tageslicht. Man spricht, schreibt, parlamentirt selbst darüber und läßt es dann wieder von einem neuaufgescheuchten Schrecken in die Vergessenheit hinabdrücken. Die Entdeckungen, welche Mayhew unter den Armen und Arbeitern Londons gemacht hatte und veröffentlichte, waren in London selbst ganz unbekannt gewesen. Niemand erschrak mehr über diese Londoner Zustände, als – London. Dies erscheint bei dieser Oeffentlichkeit, unbeschränkten Rede-, Versammlungs- und Preßfreiheit dem Uneingeweihten gewiß unerklärlich. Es weiß auch eigentlich Niemand so recht, wie das zugeht. Warum sieht und sagt man Jahre lang nichts von den schreiendsten Uebeln? Für die, welche darunter leiden, existirt keine Preß-, Rede- und Versammlungsfreiheit. Sie können nicht reden, nicht lesen, nicht schreiben, sich nicht versammeln. Oben sieht man’s nicht. Man hat keine Zeit, kein Auge dafür. Man kommt gar nicht in die Residenzen dieser Unterwelt der Verdammten. Es gibt von einander abgeschlossene Gesellschaftsschichten. Keine weiß von der andern, keine versteht die andere, keine will von der andern etwas wissen. „Das ist die Rücksicht, die Elend läßt zu hohen Jahren kommen,“ wenigstens theilweise, denn erklärt ist damit noch nicht Alles.

Es wird uns dabei immer noch in Erstaunen setzen, was jetzt durch eine königliche, parlamentarische und sachverständige, gründliche Untersuchungs-Commission, bestehend aus Sidney Herbert, ehemals Kriegsminister, Dr. Stafford, Chef der Untersuchungs-Commission in den Krim-Hospitälern furchtbaren Andenkens, Dr. A. Smith, Director des Militair-Medicin-Departements, Dr. Sutherland und andere Autoritäten, aus einem Actenstücke von mehreren Tausend Fragen und Antworten an’s Tageslicht, in die Presse und vor’s Parlament kam, nämlich daß die englischen Soldaten zu Hause, im Frieden seit undenklichen Zeiten stets mehr wie doppelt so rasch starben und sterben, als alle Volksclassen ohne Uniform. Das ist das allgemeine, in günstigster Form ausgedrückte Facit der Untersuchungs-Commission, die, aus Beamten und hochgestellten, patriotischen, mit dem Militairwesen verbundenen Personen bestehend, jede Veranlassung hatte, das Uebel in der günstigsten Form auszudrücken. In näherer Beleuchtung ergibt sich zunächst, daß unter den englischen Soldaten aller Waffengattungen eine mehr als doppelt so große Sterblichkeit herrscht, als unter der in Gesundheitssachen am schlechtesten gestellten Classe von Civil-Arbeitern, den Druckern und Setzern, welche nur bei Nacht arbeiten (für alle Morgenzeitungen).

Die Commission macht diese Thatsache noch deutlicher durch weitere angestellte Vergleichungen. Danach ergab sich, daß von je eintausend männlichen Civilpersonen im Alter der mit ihnen verglichenen Soldaten in den gesündesten Districten 7 7/10 Procent starben, von je Tausend Soldaten aber 17 Procent. Die Durchschnittssterblichkeit von je 1000 Civilpersonen ist 8, von je 1000 Soldaten 17 bis 18. Noch näher. Von je 1000 Civilpersonen 25 bis 30 Jahre alt starben 4, von je 1000 Soldaten desselben Alters 18. Dieselbe Vergleichung für das Alter 30 bis 35 Jahre gibt für erstere 10, für letztere wieder 18; für das Alter von 35 bis 40 im erstern Falle 11, im letztem 19. Auch das Verhältniß der Sterblichkeit unter einzelnen Truppengattungen hat man ermittelt. Von je 1000 Mann Leibgarde starben 11, Dragoner 13, Linien-Infanterie 17, Fußgarde, diese Blume der Armee, 20. Uebersichtlich genommen starben in den letzten 15 Jahren (bis zu 1853) von eben so vielen Civilpersonen, als es Soldaten gab, und im Soldatenalter 16,211, von der Soldatenzahl aber 41,928. Es starben 42,000 Soldaten mehr, als nach dem Sterblichkeitsdurchschnitte unter Civilpersonen.

Wer hat diese Armee von 42,000 Mann mitten im Frieden unter den Rasen gebracht? Wer war dieser furchtbare Feind, der eine Armee von 42,000 englischen Soldaten zu Hause, im Frieden vernichtete? (Notabene sind alle außerhalb beschäftigten Truppen und deren Sterblichkeit ganz von der Untersuchung der Commission ausgeschlossen geblieben.) Es war keine Revolution, kein Bürgerkrieg zu Hause, kein Feind in London. Nun, wer ist’s gewesen? England selbst, das militärische Gesetz Englands, die Caserne, die Casernenküche.

Die 42,000 Mann sind an ihrer Nahrung gestorben, blos an ihrer Nahrung. Die Commission sagt’s und über 3000 Antworten auf mehr als 3000 Fragen bestätigen es. Auch sind’s viel mehr als 42,000 Mann, wie die Times in einem ihrer kaustischen Leitartikel darüber auseinander setzte. Wilde Völkerstämme, sagt sie, sind oft vortheilhaft durch ihre ausnahmslose Gesundheit und Kraft aufgefallen: sie tödten jedes schwächliche oder mißgestaltete Kind. Daher kommt’s. Unsere Militärbehörden, fährt sie fort, machen’s eben so, nur in einer anständigeren und nicht gut zu umgehenden Form. Der gekaufte englische Soldat verkauft sich allemal auf 21 Jahre (Cavallerie 24). Wer sich aber in den ersten drei Jahren nicht kräftigt, schwach oder dauernd kränklich wird, den verabschiedet man. So sichert man sich eine gesunde, kräftige, auserlesene Armee. Unter den in Vergleich gekommenen Civilpersonen findet keine solche Ausrangirung statt, im Gegentheil, die kranken, verabschiedeten Soldaten zählen unter ihnen mit. Unter gleichen Verhältnissen würde sich daher die im Durchschnitt mehr als doppelte Sterblichkeit unter den Soldaten (2,2) gegen die unter Civilpersonen etwa auf’s Dreifache stellen.

Also dies kommt aus der Küche. Diese 42,000 Soldaten mußten sich auf Commando todt essen. So ist’s.

Die Commission sagt: Wenn der Gesundheitszustand unserer Armee eben so gut wäre, als der der Leute, aus welchen sie rekrutirt wird (den niedrigste-, ärmsten, entbehrendsten Classen), würden [224] über die Hälfte weniger sterben. Darauf führt sie in langen Armeen von Beweisen und Aussagen Ursachen dieser überdoppelten Sterblichkeit an. Sie dampfen alle wie eine Reihe stinkender Würgeengel aus dem Fleischkessel der Caserne.

Die Times macht dies wieder auf eine drastische Weise anschaulich. Sie führt das grandiose Bild des großen englischen Küchen-Reformators, Alexis Soyer, von der Consumtionskraft und der Tischmannichfaltigkeit eines englischen Aristokraten an. Wenn so ein englischer Aristokrat, etwa im sechsten Jahre, sagt er, alle die lebendige Schöpfung, die er bis zur Erreichung des englischen aristokratischen Durchschnittsalters verzehren wird, auf einmal um sich sähe, würden ihn 30 Ochsen mißtrauisch anstieren, 200 Schafe, 100 Kälber und 200 Lämmer anblöken, 50 Schweine umquieken, 1000 geflügelte Hausthiere umflattern, außerdem 300 Truthühner, 150 Gänse, 400 junge Enten, 300 Tauben, 1400 Rebhühner, Fasanen, Hasel- und Birkhühner, 600 Waldschnepfen, 600 wilde Enten, kleine Kriech- und rothhalsige Pfeifenten, 450 Kibitze, Reefs und Ruffs, 800 Wachteln, Fettammern, Mornellen und Wasserhühner, 120 Perlhühner, 10 Pfaue, 360 Stück wildes Geflügel von fremden Ländern; 500 Hasen und 40 Hirsche würden todesahnend um ihn her zittern; im Wasser würden 400 Lachse, 120 Kabeljaus, 260 Forellen, 400 Makrelen, 300 Weißfische, 800 Solen, 400 Flundern, 400 rothe Mullets, 200 Aale, 150 Haddocks, 400 Heringe, 20 Schildkröten, 30,000 Austern, 1500 Hummern, 300,000 Shrimps und Prawns und 120 Steinbutten seine Nähe zu meiden suchen, jede Creatur in Furcht, daß sie zuerst auf seine Tafel spazieren müsse. An Flüssigkeiten würden sich vor ihm aufthürmen 50 Oxhoft Wein, 1368 Gallonen Bier und 5849 Gallonen Spirituosen ohne die 342 Gallonen Liqueurs. Dabei hat er noch keinen Löffel voll Gemüse, keinen Bissen Brod, keinen Pudding, keine Pastete, kein Stückchen Kuchen.

Dies würde der junge Aristokrat Alles für sein irdisches Leben vor sich sehen!

Und was würde der englische Soldat für seine einundzwanzigjährige Dienstzeit vor sich sehen? Einen Berg gekochtes, zähes, strähniges Rindfleisch von 7665 Pfund, kein Schafohr, keine Schweinepfote, keinen Kalbsfuß, kein Hasenbein, geschweige einen Reef- oder Ruff-Flügel. Selbst der Flügelmann bekommt während der einundzwanzig Jahre nichts davon zu sehen.

Immer gekochtes Rindfleisch, einundzwanzig Jahre lang alle Tage gekochtes Rindfleisch aus dem großen Casernenkessel, jedes Stück mit einem Hosenknopf, einem Stückchen Uniform, einer Lichtscheere (Siehe: Soyer) oder sonst genial gezeichnet. Jeden Tag 21 Jahre lang? Nein. Bald hungert er aus Ekel, dann ißt er wieder mit Ekel gegen das Verhungern und so fort, 21 Jahre lang, was den 42,000 Mann, die eher – mit kühner Metapher gesagt, doppelt und 1/5 – starben, zu lange war, so daß sie eben mit der doppelten und 1/5 Geschwindigkeit der größten Civilsterblichkeit lieber in’s Gras beißen, als in den Berg gekochten Rindfleisches. Warum brieten, schmorten, rösteten sie nicht zur Abwechselung? Durften nicht. Kochen, ausnahmsloses Kochen alle Tage Tagesbefehl. Doch nun wird’s besser. Der Fortschritt bleibt nun gewiß nicht aus. Er war „besonnen“ und ist „parlamentarisch.“ Die lebenden Soldaten werden als Belohnung für die 42,000 Todten künftig wahrscheinlich Erlaubniß bekommen, ihr Rindfleisch auch zu braten oder wohl gar zu schmoren.