Der Todtenbesuch am Skagerhorn

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Textdaten
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Autor: Ernst Willkomm
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Titel: Der Todtenbesuch am Skagerhorn
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49-52, S. 697-700, 713-716, 729-732, 741-743
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[697]
Der Todtenbesuch am Skagerhorn.
Nach wirklichen Begebenheiten mitgetheilt von Ernst Willkomm.


I.
Ein Seemannshaus.

Am breiten Quai der Trave in Lübeck liegt ein altes Haus mit hohem ausgezackten Giebel, das unter den vielen höchst interessanten Baulichkeiten dieser an uralten Häusern von seltsamer Form so reichen Stadt eine nähere Besichtigung wohl verdient. Schon daß es vielleicht die älteste bekannte Weinschenke enthält, welche die Stadt besitzen dürfte, kann zum Besuche desselben einladen, mehr jedenfalls verdient es einen solchen des werthvollen Zimmers wegen, das wahrscheinlich schon seit ein paar Jahrhunderten als Gastzimmer benutzt worden ist. Eichenes Getäfel, mit kunstreicher Holzschnitzerei verziert, bekleidet die Wände des großen Raumes bis zur sehr hohen Decke hinauf, und hier unter dem Plafond ziehen sich eine Anzahl trefflicher Gemälde um alle vier Seiten des Zimmers, welche die Leidensgeschichte Christi darstellen. Leider sind diese Gemälde kaum mehr zu erkennen. Der Rauch so vieler Jahrzehnte hat sie mit bräunlichem Anfluge überzogen, so daß sie nur wenig von der noch dunkleren, ins Schwarze spielenden Färbung des eichenen Täfelwerkes abstechen.

Vor mehreren Jahren trat ich ab und an in dies merkwürdige Zimmer, das durch sein originelles Schnitzwerk Jedermann anheimeln mußte. Ich betrachtete genau die schon erwähnten Gemälde und notirte mir die darunter in noch immer glänzender Goldschrift befindlichen naiven Verse, in denen die Erklärung jedes einzelnen Bildes enthalten war. Das raubte Zeit, und da man nur entweder bei sehr hellem Wetter oder bei Licht Bilder und Verse entziffern konnte, so mußte ich wiederholt mit der Beschauung dieser Alterthümer mich beschäftigen. Es konnte nicht fehlen, daß mich dies in Berührung brachte mit den Männern, die hier verkehrten und ihren Wein oder Grog tranken. Es waren fast nur Schiffscapitaine, von denen einige sich zur Ruhe gesetzt hatten, die meisten aber, in ihren besten Jahren stehend, noch ihrem Berufe oblagen. Sie waren Alle gesprächig, erzählten gern Scenen aus ihrem Leben und fanden dazu jederzeit Anlaß. Denn bald grüßte die Flagge eines langsam den Strom heraufgleitenden Schiffes durch die Scheiben der hohen, thorartigen Fenster, bald führte Windgebraus und wogendes Wasser die Gedanken der Männer hinaus auf’s Meer.

Seeleute von Bildung haben nicht blos Mancherlei zu erzählen, sie können auch erzählen, vorausgesetzt, daß man sie nicht durch störende Fragen oder ungehörige Bemerkungen im Flusse ihrer Rede unterbricht.

Eines Tages – es war tief im November – betrat ich das Haus bald nach Mittag. Ich fand das große Zimmer fast ganz von Menschen erfüllt und eine ungewöhnlich lebhafte Unterhaltung. Meine Bilderbesichtigung konnte ich, aus Mangel an Platz, nicht fortsetzen, da ich aber mehreren der Anwesenden schon bekannt war und mich mit diesen unterhalten hatte, so forderte man mich auf, einige Zeit zu verweilen. Ich that es gern, denn es hatten sich neue Ankömmlinge eingefunden, die eben von längeren Reisen zurückgekehrt waren. Ihre Schiffe lagen nur wenige Schritte weit vom Hause in der Trave. Schwarze Träger mit rochen Gesichtern waren beschäftigt, die Ladung zu löschen, die bei einigen aus Eisen, bei andern aus Kohlen bestand.

Unter diesen Ankömmlingen fielen mir besonders zwei auf, welche vorzugsweise das Wort führten und offenbar bei ihren Collegen in großer Achtung standen. Leider war gerade der lebhafteste Erzähler schwer zu verstehen. Seine Baßstimme klang rauh und wenn er sprach, kollerten die Worte polternd über seine Lippen, so daß man aufmerksam zuhören mußte, wollte man den Sinn seiner Rede richtig fassen. Der Andere trug ungleich besser vor, stammelte aber dann und wann, besonders wenn man ihn scharf ansah.

Es hatte den ganzen Vormittag schon gestürmt, die Trave ging hoch und überspülte an den niedrigen Uferstellen den Quai. Dies ungestüme Wetter frischte das Gedächtniß der beiden Capitaine auf, und nachdem schon mancherlei Erlebnisse in schwerem Sturmwetter mitgetheilt worden waren, ergriff der Stammelnde von Neuem das Wort, indem sein bisher fröhlich aussehendes Gesicht einen ernsten, fast düstern Ausdruck annahm.

Hansen – so hieß der polternd Sprechende – hatte eben eine seiner kurz gefaßten Erzählungen beendigt und damit den Uebrigen neuen Stoff zu lebhaften Gesprächen geliefert. Petersen, wie sich der Andere nannte, nahm lebhaft Theil daran, bis er die Bemerkungen seiner Gegner mit der Aufforderung beseitigte, man möge ihm längere Zeit Gehör schenken. Sei man dazu geneigt, so wolle er eine Geschichte erzählen, mit der sich nichts von Allem vergleichen lasse, was ihm und den übrigen Anwesenden während ihres Seefahrerlebens begegnet sei.

Sofort ward es still. Die meist schon bejahrten Männer rückten enger zusammen, der gealterte Wirth füllte unaufgefordert die dampfenden Gläser, und Petersen, der dicht beim Ofen in der dunkelsten Ecke des Zimmers saß, begann seine Erzählung, die ich in Folgendem wiederzugeben versuchen will.



[698]
II
Der Verlust.

Vor noch nicht hundert Jahren war mein Großvater Leichtmatrose auf einem Grönlandsfahrer. Mit ihm zugleich wurde ein wohl zehn Jahre älterer Vollmatrose geheuert, der schon mehrere Fahrten in die Polargegenden gemacht hatte und in dem Rufe stand, ein geschickter Harpunier zu sein. Tom Peter, wie mein Großvater stets gerufen ward, mochte den Mann nicht gern leiden. Er war immer finster, that alle Arbeit anscheinend verdrossen, sprach nie mehr, als was hoch nothwendig war, und hielt sich fast immer allein. Dem Capitain gefiel das nicht, weshalb er Henricksen zur Rede setzte und ihm ein freundlicheres Wesen anbefahl. Etwas fruchtete diese Weisung des Capitains, allein ein wirklicher Umgang mit dem finstern Manne wollte doch nicht zu Stande kommen. Erst an der grönländischen Küste, als sich Wallfische zeigten und allem Vermuthen nach ein guter Fang in Aussicht stand, thaute Henricksen auf. Er arbeitete jetzt für Drei, war unermüdlich immer der Erste auf dem Platze, und die Harpune schleuderte er mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß es nur selten der Nachsendung einer zweiten bedurfte, um einen einmal getroffenen Wallfisch nicht entrinnen zu lassen. Sowie aber das Schiff volle Ladung hatte und die Anker zur Rückreise gelichtet wurden, verfiel Henricksen wieder in sein früheres Schweigen, und auch die scharfen Worte des Capitains konnten nichts weiter darin ändern. Mein Großvater mag jetzt selbst weiter erzählen:

Ich ging dem unfreundlichen Manne überall aus dem Wege, was nicht schwer war, da er selbst ja Niemand suchte. Nur in einer Nacht, wo ich zugleich mit Henricksen die Wache auf Deck hatte, konnte ich ihm nicht ausweichen. Es war Pflicht, uns dann und wann zu sprechen, wenn sich das Gespräch selbst auch nur auf wenige Worte beschränken sollte.

Wider Erwarten und auch ganz gegen meinen Wunsch näherte sich Henricksen in dieser Nacht alsbald meinem Platze am Bug des Schiffes. Anfangs sprach er nicht, ich konnt’ es ihm aber ansehen, daß er sprechen wollte. Nur getraute er sich nicht recht, zuerst das Schweigen zu brechen, vermuthlich, weil er fühlen mochte, daß mir dies auffallen müsse. Ich aber nahm mir vor, gar nicht auf ihn zu achten, bis die Pflicht es mir gebieten würde.

Wohl eine Stunde lang ging Henricksen an der Backbordseite des Schiffes unermüdet auf und nieder, dann setzte er sich auf die Ankerwinde, holte tief Athem, als drücke ihn etwas, kehrte sein finsteres Gesicht mir zu und sagte:

„Tom Peter, ich bin Dir gut, sei mein Freund!“

Dabei streckte er mir seine breite Hand entgegen und ein bittender Blick traf mein Auge. Ich antwortete zwar nicht, meine Hand aber legte ich, fast ohne es zu wissen, in die dargereichte Rechte.

„Setze Dich zu mir, Tom Peter,“ fuhr er fort, „und höre mich an. Wir sind jetzt ganz allein. Der alte Brummbär von Capitain schläft, der Mann am Steuer kann uns nicht belauschen, und wir haben Mondschein und prächtigen Segelwind. Willst Du mir auch ruhig zuhören?“

Ich gab meine Bereitwilligkeit durch einen Händedruck zu erkennen.

„Weißt Du, Tom Peter, was mich so still macht?“ fuhr er fort.

„Wie soll ich das wissen, Henricksen?“ erwiderte ich. „Hast Du in den vier Monaten, die wir nun in See sind, doch keine zehn Worte mit mir gesprochen!“

„Das Unglück ist’s, Tom Peter, ein schreckliches Unglück!“

„Ich hab’ so ’was vermuthet.“

„Hast Du eine Braut?“

„Nein, Henricksen; wär’ auch zu früh für mich.“

„Ich hatte eine, ein herziges Kind! Du hättest sie kennen sollen!“

„Ist sie gestorben?“

Henricksen seufzte, sein Auge blickte zum gestirnten Himmel, und während seine Hand sich schwer auf meinen Arm legte, sagte er langsam:

„Ich weiß nicht!“

„Sie ward Dir doch nicht untreu?“

Henricksen verneinte.

„Dann raubte man sie Dir?“

„Möglich! Möglich!“

„Möglich? Aber Henricksen –“

Seine eisenharte Hand legte sich so fest um meinen Arm, daß mich der starke Druck schmerzte.

„Ich fürchte,“ sagte er mit dumpfer, zitternder Stimme, „man hat sie um’s Leben gebracht!“

Ich sah ihn ungläubig, mißtrauisch an. Redete der Mann vielleicht irre? Sein ganzes Aussehen konnte der Vermuthung Raum geben, daß er seines Verstandes nicht vollkommen mächtig sei.

„Glaube nicht, Tom Peter,“ fuhr er fort, „daß ich mich nur mit leeren Einbildungen quäle. Ich will Dir den Hergang, soweit ich ihn kenne, genau berichten. Es sind jetzt gerade drei Jahre her, daß ich mich mit Marie Anne verlobte. Wir waren Nachbarskinder und Gespielen gewesen von Jugend auf. Ich ging mit dreizehn Jahren zur See, Marie Anne nahm einen Dienst an, sowie sie die Schule verließ. Drei Jahre später erst kam ich von meiner ersten Reise zurück und sah sie wieder. Sie gefiel mir besser, denn je, und halb im Scherz, halb im Ernst nahm ich ihr das Versprechen ab, das sie mir auch lachend gab, sie solle sich nicht etwa verloben, ehe sie mich noch einmal gesprochen habe. Nun blieb ich über vier Jahre vom Hause und hatte mich tüchtig in der Welt umgesehen. Ich war ein ganz stattlicher Bursche geworden. So trat ich vor Marie Anne hin, die ich ebenfalls zu ihrem Vortheil verwandelt fand, und da sie ihr Versprechen gehalten hatte und ich wohl merken konnte, daß sie mich leiden mochte, so waren wir bald einig. Unsere beiderseitigen Eltern waren schon seit Jahren todt, nahe Verwandte besaßen wir auch nicht, und so verlobten wir uns denn unter dem gegenseitigen Abkommen, daß wir noch ein paar Jahre tüchtig arbeiten wollten, um etwas vor uns zu bringen. Erst wenn uns dies gelungen sein werde, wollten wir heirathen. Glücklich, wie nie zuvor, ging ich fort, um ein paar Ringe zu kaufen. Ich bedurfte dazu einen Tag Zeit, weil der Wohnort meiner Braut hart an der Küste lag und die nächste Stadt einige Meilen entfernt war. Als ich nun wieder zurückkomme, finde ich den kleinen Ort in größter Aufregung, kaum aber erblickt man mich, so werde ich umringt und mehr denn Einer ruft mir erbittert zu: „Wo ist Marie Anne? Wo hast Du sie gelassen?“

„Entsetzt über diese Fragen, vermag ich anfangs nicht einmal zu antworten. Da gewahren auch die so heftig in mich Dringenden ihren Irrthum und führen mich theilnehmend zur Herrschaft meiner Braut. Hier erfuhr ich das Entsetzliche.

„Bald nach meiner Entfernung im abendlichen Zwielicht war ein Mann in’s Haus des Küsters, wo meine Braut diente, getreten. Es hatten ihn Mehrere gesehen und Alle glaubten, da er von Gestalt mir völlig gleich, ich selbst sei es gewesen. Später sah man ihn die Wohnung des Küsters in Begleitung Marie Anne’s wieder verlassen. Man gewahrte Beide mit einander sprechend der Meeresküste zuwandern, dort den Strand hinabgehen und hier längere Zeit verweilen. Zurückkommen sah Marie Anne Niemand, auch ihr Begleiter war verschwunden. Ein paar Leute, die ihn vor meiner Entfernung aus der Wohnung des Küsters gesehen zu haben behaupteten, sagten aus, er habe sich von mir nur durch sein strohblondes Haar unterschieden.

„Alle Nachfragen nach der auf so unbegreifliche Weise Verschwundenen blieben erfolglos. Daß sie am Strande verunglückt sei, war nicht wohl anzunehmen, das Wahrscheinlichste blieb eine durch Gewalt oder Schlauheit bewerkstelligte Entführung. Wer aber war der Räuber meiner Braut? Wem konnte Marie Anne so großes Vertrauen schenken, daß sie ihm arglos zu folgen sich entschloß? Wie oft ich mir diese Fragen vorlegte und über deren Beantwortung nachdachte, zu einem Ziele führten sie mich doch nicht. Meine Braut war und blieb für mich verloren!“

Henricksen schwieg. Die Erzählung hatte ihn erschüttert. Ein paar Thränen zitterten an den Wimpern seiner Augen.

„Hast Du denn gar keinen Verdacht gegen Jemand?“ fragte ich den tief Betrübten.

„Nicht den geringsten,“ erwiderte Henricksen. „Unter allen meinen Bekannten war nicht Einer, der sich durch strohgelbes Haar kenntlich machte. Blondhaarige Matrosen kannte ich viele, es waren aber lauter offene, treuherzige Jungen, die nicht einmal wußten, daß ich eine Braut hatte. Sie waren nie in die Nähe ihres Wohnortes gekommen, denn sie hielten sich im Hafenplatze, wo unsere Schiffe lagen, auf. Erst sehr spät, nach Jahresfrist, brachte mich eine längere Unterredung, die ich zufällig mit einem alten Robbenschläger [699] anknüpfte, auf verdächtige Spuren. Dieser Mann hatte die Gewohnheit, häufig Nachts auf seinem Fahrzeuge, das ihn schon über zwanzig Jahre trug, zu schlafen. In derselben Nacht, bei deren Anbruch der fremde Mann meine Braut aus dem Hause zu locken wußte, hörte er leise Ruderschläge in der Nähe seines Schiffes. Er verließ seine Koje und hob den Kopf aus der Luke. Nur etwa hundert Fuß weit vom Ufer entfernt gewahrte der Robbenschläger einen Nachen, der offenbar landwärts steuerte und hier auch bald in den schmalen Hafen der kleinen Au einlief. Es saßen drei Personen in dem Nachen, zwei Männer und eine Frau. Letztere sprach lebhaft mit ihren beiden Begleitern und brach dann in Schluchzen aus. Gleich darauf will er einen dumpfen Schrei vernommen haben, worauf der Nachen in weiterer Entfernung von ihm wieder durch rasche Ruderschläge die hohe See zu gewinnen suchte. Etwa drei Meilen vom Lande in der Richtung, welche der Nachen nahm, lag – und dieses Umstandes erinnere ich mich ebenfalls – ein großer Schooner vor Anker. Am Morgen war er verschwunden, und da er keine Flagge gezeigt hatte, erfuhr man nicht, welcher Nation er angehört haben mochte.“

In diesem Augenblicke ward der Wind lebhafter. Er war ein paar Striche westlicher gelaufen und der Grönlandsfahrer wurde dadurch genöthigt, seinen Cours etwas zu ändern. Mitternacht war vorüber. Ueber die bisher glänzenden Gestirne legten sich matte Schleier, der Mond hüllte sich in gelbliche Dünste, die alsbald einen farbigen Regenbogen um ihn bildeten. Die Wache sollte abgelöst werden und wir, ich und Henricksen, machten uns eben bereit, uns in unsere Kojen zurückzuziehen, als das langsame Heranschweben eines beweglichen Schattens uns noch länger fest hielt auf Deck. Es war ein prächtig getakeltes Schoonerschiff, das an uns vorübersegelte. Es kam uns so nahe, daß die weit ausgestoßenen Spieren unserer Bark beinahe die Segel des Fremden streiften. Außer dem Manne am Steuer und dem Wachtmat am Bug sahen wir Niemand am Bord. Still zog es an uns vorüber, ohne uns anzurufen oder eine Flagge zu zeigen. Dem Baue nach hielten wir es für einen Normann.

Henricksen erfaßte meine Hand und zog mich mit sich in die Cabine. Durch seine Erzählung war er mir viel näher gerückt worden. Ich betrachtete ihn jetzt mit ganz andern Augen, und was mir früher an ihm abstoßend erschien, das zog mich jetzt an. Das Schicksal des armen Mannes interessirte mich und wenn ich auch nichts für ihn thun konnte, so ward doch eine gewisse Neugier in mir lebendig, die befriedigt zu werden wünschte, wenn irgendwie eine Spur sich auffinden lassen sollte, welche zur Entdeckung des verschwundenen Mädchens führen könnte.

Die Erzählung Henricksen’s hatte mich so aufgeregt, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte, an einer Fortsetzung derselben aber wurden wir verhindert, da der bis dahin so schweigsame Vollmatrose sich außer mir Niemand offenbaren wollte. Auf mein Befragen, weshalb er so zurückhaltend sei, erwiderte er nur:

„Ich bin mißtrauisch geworden gegen Jedermann. Marie Anne war treu und redlich und nur einem falschen Freunde konnte es gelingen, sie so zu bethören, daß sie ihm arglos folgte, um auf eine oder die andere Weise dem Verderben oder dem Tode anheim zu fallen.“




III.
Das Busentuch.

Von dieser Nacht an wurde ich mit Henricksen eng befreundet. Ließ es sich irgend thun, dann ward es so eingerichtet, daß wir des Nachts die Wache immer zusammen hatten. Unsere Unterhaltung drehte sich dann meistentheils um Henricksen’s verschwundene Braut, und wir entwarfen mehr als einen Plan, ihren Spuren auch jetzt noch nachzuforschen, obwohl sehr wenig Aussicht vorhanden war, diese nach so langer Zeit wieder aufzufinden. Man war Anfangs zu lässig gewesen, was freilich nicht Henricksen zur Last fallen konnte. Die spärliche Bevölkerung der Küste, wo Marie Anne unter nur wenigen Bekannten lebte, machte sie auch nur einem kleinen Kreise bekannt. Entfernter Wohnende konnten das junge Mädchen gesehen haben, ohne im Geringsten auf es zu achten. Und Henricksen war seinerseits verhindert, sich lange an Marie Anne’s Geburtsorte aufzuhalten, da die Heuer ihn ungesäumt wieder an Bord des Schiffes rief, mit dem er schon in den nächsten Tagen in See gehen sollte.

Der Grönlandsfahrer hatte eine glückliche Reise. Er erreichte in verhältnißmäßig kurzer Zeit den Ort seiner Bestimmung, und nun beeilten wir uns, getroffener Abrede gemäß, Henricksen’s Heimath zu besuchen.

Wir fanden Marie Anne’s früheren Dienstherrn noch am Leben, ebenso den alten Robbenschläger. Beide wurden abermals an das Verschwinden des jungen Mädchens erinnert, und bereitwillig gingen sie auf eine nochmalige Erzählung des ihnen bekannt Gewordenen ein. Mir fiel dabei ein Umstand auf, den ich in Henricksen’s Erzählungen bisher nicht angeführt fand. Der Küster wußte, daß eine Jugendfreundin Marie Anne’s, die, wie die Verschwundene, in einem Dienstverhältnisse stand, ein Andenken von ihrer Freundin besitze, das sie sehr hoch halte und Niemand zeigen wolle. Worin dies bestehe, konnte uns der Küster aber nicht sagen.

„Das Mädchen müssen wir aufsuchen und sprechen,“ sagte ich. „Was sie Niemand entdeckt, wird sie Dir gewiß mittheilen. Komm, laß uns ungesäumt aufbrechen!“

Henricksen pflichtete mir bei. Der Hof, auf welchem Leonore diente, lag von dem Kirchdorfe fast eine Meile weit entfernt. Der Weg dahin führte den Strand entlang, über Deiche und um tief eingespülte Wehle, die man umgehen mußte. Er war öde, traurig von Ansehen, und für einsame Wanderer fast unheimlich. Das monotone Aufrauschen der Brandung an dem niedrigen Kiesstrande, das Geschrei und Gekrächz der zahllosen Seevögel, die über der weiten, unebenen Fläche flügelschlagend kreischten, dort und da ein uraltes Heidengrab, mit rostfarbenem Heidekraut und Ginster überwuchert, rauchende, halb verfallene Torfhütten dazwischen an tiefen, schwarzen Moortümpeln, und ab und an auf unfruchtbarem Gelände ein hochragender erratischer Block machten den Eindruck tiefster Schwermuth auf den Wanderer und erfüllten ihn mit düstern Gedanken.

Der Hof, das Ziel unserer Wanderung, lag ganz einsam auf etwas erhabenem Terrain, so daß sich von ihm aus die Umgebung nach allen Seiten ziemlich weit überblicken ließ. Außer einem großen Garten aber, auf dessen Pflege viel Sorgfalt verwendet war, umgab ihn ringsum unfruchtbares Moor- und Heideland.

Leonore war daheim. Unserm Wunsche, sie zu sprechen, willfahrte ihr Dienstherr. Sie stellte sich bald ein und musterte uns mit halb verlegenen, halb neugierigen Blicken. Es war ein sehr hübsches Mädchen, brunett, schlank und voll. In ihren feurigen Augen blitzte Schelmerei und Leidenschaft. Sie kannte uns nicht, erst als Henricksen sich nannte, ahnte sie den Zweck unseres Kommens. Sie erschrak so heftig, daß sie auf einen Schemel sank.

„Die arme Marie Anne!“ rief sie aus. „Wo sie wohl geblieben sein mag?“

Ich war genöthigt, für Henricksen das Wort zu ergreifen. Es fiel mir nicht schwer, Leonore das Nöthige mitzutheilen, denn das Mädchen gefiel mir und es machte mir Vergnügen, recht traulich und, wenn es sein könnte, auch recht lange mit ihr zu plaudern. Meine einleitende Rede schloß ich mit den schnell hingeworfenen Worten:

„Ihr habt ein Andenken von Eurer Freundin?“

Leonore erröthete und sah mich fragend an, ohne zu antworten.

„Habt Ihr dasselbe von Eurer Freundin mit der ausdrücklichen Bedingung erhalten, es Niemand zu zeigen, Niemand wissen zu lassen, worin es besteht?“

„Es hat gar keinen Werth,“ sprach darauf Leonore, „denn es ist ein ganz einfaches Tuch.“

„Das sie Euch schenkte?“

„Nein, ich fand es.“

„Und warum behieltet Ihr den Fund?“

„Weil ich meine Freundin nie wiedersah,“ versetzte sie, indem klare Thränen ihre Augen füllten.

„Ihr fandet es also nach Marie Anne’s Tode?“

„Mehrere Tage nach ihrem Verschwinden.“

„Wollt Ihr mir das Tuch wohl zeigen, Leonore?“ fiel jetzt Henricksen ein. „Ich möchte doch wissen, ob ich es kenne.“

Das Mädchen stand auf, ging in ihre Kammer und kehrte, mit einem Tuche in der Hand, wieder zu uns zurück.

Henricksen griff begierig darnach und betrachtete es genau. Es war ein Halstuch, wie es junge Mädchen auf dem Lande damals trugen, aber er kannte es nicht, er behauptete, es niemals bei seiner [700] Braut gesehen zu haben. Das Tuch war offenbar noch ganz neu und nur ein paar Mal getragen worden.

„Nicht wahr, Ihr laßt es mir zum Andenken an meine Freundin?“ sagte Leonore nach einer Weile.

Henricksen gab es dem Mädchen zurück, indem er sprach:

„Behaltet es immerhin, Leonore, für mich hat es doch keinen Werth.“

Da langte ich danach, entfaltete es noch einmal und betrachtete es genau.

„Wo machtet Ihr denn den Fund?“ fragte ich das Mädchen.

„Weit ab von Marie Anne’s Wohnung,“ versetzte sie. „Es hing an einem Ginsterbusch am Ende des hohen Seedeiches. Wahrscheinlich hatte die Arme dort geruht, und beim Aufbrechen mag ihr das Tuch entglitten sein.

„Da steht auf einem Zettel der Name des Kaufmanns, der mit solchen Tüchern handelt,“ fiel ich ein. „Ich kenne den Mann; er lebt in der nächsten Hafenstadt. So viel ich weiß, versorgen sich in seinem Laden viele Matrosen für sich und ihre Geliebten mit den erforderlichen Luxusartikeln. Am häufigsten aber verkehren bei ihm Seeleute des europäischen Nordens.“

Henricksen sah ein, daß dies ein Fingerzeig sein könne, den Unbekannten zu ermitteln, in dessen Gesellschaft mehrere Personen Marie Anne kurz vor ihrem Verschwinden gesehen hatten. Er ergriff ihn mit hoffnungsvoller Lebhaftigkeit, reichte Leonore die Hand, und wollte auf der Stelle den Hof verlassen. Ich hielt ihn zurück, indem ich dem Mädchen einen Wink gab, mir ein kurzes Gespräch unter vier Augen zu gönnen. In ihrem Blicke entdeckte ich etwas Unstätes, und dies ließ mich annehmen, sie möge noch etwas geflissentlich geheim halten.

„Liebes Kind,“ redete ich sie an, während sich Henricksen wieder mit dem Tuche beschäftigte, „Du kennst gewiß den Geber dieses Tuches.“ Lächelnd verneinte sie.

„Ich verspreche Dir das schönste Busentuch im ganzen Laden von Colhorn, wenn Du mir den Mann nennst oder näher bezeichnest, aus dessen Händen Marie Anne jenes Dir nun so liebe Andenken an sie empfing.“

„Wahrhaftig, ich kenne ihn nicht,“ sagte Leonore mit großer Bestimmtheit.

„Du kanntest aber Henricksen und wußtest, daß sich Deine Freundin ihm verlobt hatte?“

„Sie selbst hatte es mir gesagt, von Person aber kannte ich ihn nicht.“

„Sahst Du auch den Mann nicht, der Marie Anne jenes Tuch schenkte?“ forschte ich weiter.

Leonore schlug die Augen nieder. Sie ging offenbar mit sich zu Rathe, ob sie auch klüger handle, wenn sie lieber schweige, als spreche. Nach kurzem Besinnen aber sah sie mir frei in’s Gesicht, indem sie sagte:

„Ja, ich habe ihn zweimal, aber nur von ferne gesehen.“

„Wann, Leonore, wann?“ rief Henricksen, der achtsam auf unser Gespräch gelauscht hatte. „Ich muß es wissen, und sollte ich Gewalt brauchen!“

„Ein paar Tage, ehe Marie Anne mir gestand, daß sie sich mit Euch verlobt habe,“ sprach das Mädchen vollkommen ruhig.

„Sie fügte hinzu, nun sei es entschieden, sie werde Frau Henricksen, nicht die Frau des Steuermanns –“

„Sein Name? Sein Name?“ riefen wir Beide zugleich.

„Marie Anne stockte und verschwieg ihn mir,“ schloß Leonore ihre kurze Auskunft.

Henricksen schlug beide Hände über sein Antlitz, während ich die Frage an Leonore richtete:

„Würdest Du ihn wiedererkennen, wenn Du den Unbekannten je wieder sehen solltest?“

„Ich glaube, daß ich dies vermöchte,“ gab sie ruhig zur Antwort.

„Er hatte starkes, strohfalbes Haar,“ sprach wieder gefaßt Henricksen.

„Das er ziemlich lang trug,“ ergänzte Marie Anne’s Freundin.

„Im Uebrigen glich er mir an Größe und Haltung?“

„Als ob Ihr Zwillingsbrüder wäret.“

Henricksen steckte das Tuch zu sich und erfaßte meine Hand.

„Komm, Tom Peter,“ sprach er, „mir brennt der Boden unter den Füßen! In Colhorn’s Laden müssen wir weitere Nachrichten einziehen.“

„Ihr wollt mir also das einzige Angedenken an Marie Anne rauben?“ fragte Leonore betrübt.

„Ihr sollt Euer Eigenthum unbeschädigt wieder erhalten,“ erwiderte Henricksen, und ich setzte lächelnd hinzu, das Kinn des hübschen Kindes sanft berührend: „Getröste Dich, Leonore! Dafür, daß Du uns dies Tüchlein auf ein paar Stunden leihst, sollst Du eine Mütze von mir erhalten, um welche Dich alle Deine Mitschwestern beneiden werden!“

Sie machte darauf keinen Versuch, uns länger aufzuhalten. Das gefundene Tuch wohl verwahrend, das Marie Anne am Tage ihres Verschwindens entweder getragen, oder doch bei der Hand gehabt haben mußte, verließen wir den Hof und schlugen die nächsten Richtwege durch das wüste Heideland nach der Seeküste ein.

[713]
IV.
Die Spur des Brauträubers.

Es war Abend, als wir die kleine, aber lebhafte Hafenstadt betraten. Wir verfügten uns sogleich nach Colhorn’s Laden, in dem es, wie immer, viel zu thun gab. Eine beträchtliche Anzahl Matrosen, deren Aeußeres wenig Anziehendes hatte, weil sie eben erst gelandet waren, versorgten sich mit neuen Kleidungsstücken. Besonders stark begehrte Artikel waren blau- und rothwollene Jacken. Aber auch Beinkleider, feine seidene Halstücher, schwarzlederne Glanzmützen und andere Dinge mehr fanden guten Absatz.

Wir warteten, bis der Laden sich etwas geleert hatte, und fragten dann nach dem Besitzer desselben. Herr Colhorn trat uns sogleich entgegen, um zu hören, was wir etwa begehren möchten. Henricksen zog das sauber zusammengelegte Tuch hervor und reichte es ihm mit der Frage, ob er dasselbe als bei ihm gekauft anerkenne.

Herr Colhorn unterwarf es einer genauen Prüfung und bejahte dann die Frage, indem er etwas pikirt den Grund derselben zu wissen verlangte. Henricksen wollte aufbrausen, weshalb ich ihn zu schweigen bedeutete und statt seiner das Wort ergriff.

„Sie werden uns einige Minuten Gehör schenken, Herr Colhorn,“ sprach ich, „und zwar ohne Zeugen. Es handelt sich um ein Menschenleben, um die Entdeckung einer spurlos verschwundenen Persönlichkeit.“

„Und die vermuthen Sie mit Hülfe dieses Tüchleins aufzufinden?“ warf er lächelnd ein.

„Wir hegen in der That diese Hoffnung.“

Herr Colhorn schüttelte den Kopf, öffnete aber gleichzeitig die Thür seines Privatzimmers und bat uns, einzutreten. Er folgte und schloß hinter sich zu.

„Wir sind jetzt ungestört,“ sagte er, „sprechen Sie also!“

Ich theilte ihm möglichst kurz das Vorgefallene mit und Herr Colhorn hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als ich geendet hatte, sagte er:

„Was aber kann ich dabei thun? Es sind bei mir ganz ähnliche Tücher von Vielen gekauft worden, kann ich da wissen, wer gerade dieses eine davon käuflich an sich gebracht hat?“

„Es verkehren bei Ihnen vorzugsweise viele nordische Seeleute,“ versetzte ich, „Schweden, Norweger, Finnen und Russen.“

„Wohl wahr,“ erwiderte Colhorn, „allein die meisten dieser meiner ab- und zugehenden Kunden kenne ich nicht dem Namen nach.“

Ich machte den Kaufmann jetzt darauf aufmerksam, daß der Kauf des Tuches vor drei Jahren stattgefunden habe, bemerkte ferner die Jahreszeit, in der dies ohne Frage geschehen sein mußte, und wagte zuletzt sogar den Tag des Kaufes zu bestimmen.

„Sie sind gewiß ein gewissenhafter Kaufmann und führen also genau Buch,“ schloß ich meine Bemerkungen, „Es dürfte sich daher der Tag ermitteln lassen, an welchem das Tuch bei Ihnen gekauft ward, und wenn ich Ihnen außerdem noch sage, daß der Käufer ein Steuermann war, starkes strohfarbenes Haar trug und von Figur völlig diesem meinem Freunde hier glich: so genügen vielleicht diese Andeutungen zur Ermittelung des Käufers.“

„Das wäre in der That nicht unmöglich,“ versetzte Herr Colhorn. „Steuerleute entnehmen von mir gewöhnlich viele Artikel, es kommt sogar häufig vor, daß sie für einen Theil der Mannschaft mit einkaufen, weil diese gewöhnlich kein Geld hat. In diesem Falle pflege ich den Namen der betreffenden Steuerleute in mein Buch zu schreiben und die von mir entnommenen Artikel einzeln dabei aufzuführen! Wollen Sie mir noch einmal den Tag nennen?“

Ich that es.

„Sie sollen auf der Stelle eine ganz bestimmte Antwort erhalten,“ sprach Herr Colhorn, zog den Schellenzug und befahl dem eintretenden Burschen, das Ladenbuch vom Jahre 17.. zu bringen.

Eine Minute später lag dasselbe vor uns.

Unter lautem Herzklopfen folgten wir den suchenden Augen des Kaufmannes.

„Der achte September, glauben Sie, war es?“ fragte er, die einzelnen Tage überfliegend.

„Der Kauf muß zwischen dem sechsten und neunten dieses Monats geschehen sein,“ antwortete Henricksen.

Colhorn las weiter und murmelte dabei halblaut eine Menge fremd klingende Namen vor sich hin. Plötzlich rastete der suchende Finger.

„Steuermann Torkel Veen vom russischen Schoonerschiff „Pawlowsk?“ sprach er. „Den Mann muß ich kennen – er trägt strohblondes Haar, ist von gedrungener Gestalt, jung und gewandt, und er hat, wie ich selbst hier notirt habe, am siebenten September des genannten Jahres ein solches Tuch gekauft.“

Henricksen ward bald bleich, bald roth. Die Spur des Räubers seiner Braut – denn dafür hielt er jetzt den bezeichneten Steuermann – war durch das zufällig aufgefundene Tuch, wie es schien, glücklich entdeckt worden.

„Hat sich der Mann inzwischen wieder hier blicken lassen?“ fragte ich den gefälligen Kaufmann.

[714] „In meinem Locale wenigstens nicht,“ versetzte dieser. „Aber das können Sie ja sehr leicht erfahren beim Wasserschout oder beim russischen Consul. Dort wird man Ihnen auch den Bestimmungsort des „Pawlowsk“ nennen, als er vor drei Jahren den hiesigen Hafen verließ.“

Wir dankten Herrn Colhorn für seine Zuvorkommenheit, ich kaufte ein paar seidene Tücher, eine goldgestickte Mütze, um mein der hübschen Leonore gegebenes Wort zu halten, ging dann noch in den Laden eines Goldschmiedes, um einen blitzenden Ring beizufügen, und befolgte hierauf in Henricksen’s Begleitung die Rathschläge des Kaufmannes.

Am nächsten Morgen schon hatten wir ermittelt, daß der russische Schooner „Pawlowsk“ damals mit einer Ladung Colonialwaaren, nach Reval bestimmt, die Anker gelichtet hatte. Es war dies am Tage der Verlobung Henricksen’s mit Marie Anne geschehen. Wir brachten außerdem noch in Erfahrung, daß der genannte Schooner wegen ungünstigen Windes ein paar Meilen vom Lande ab nochmals Anker geworfen hatte und der erste Steuermann Torkel Veen bis in die Nacht hinein am Lande gewesen sei. Der „Pawlowsk“ hatte seitdem nicht mehr diese Hafenstadt besucht.

Diese Ermittelungen vermochten jedoch Henricksen nicht zu beruhigen. Marie Anne’s Schicksal, die er bisher für todt gehalten, folterte ihn unaufhörlich. Daß das junge Mädchen eine kurze Zeit geschwankt und ihr Herz befragt hatte, konnte er ihr nicht zum Vorwurfe machen. Die Entscheidung war ja schließlich zu seinen Gunsten ausgefallen. Aber die Verlockung der Arglosen, ihre wahrscheinlich gewaltsame Entführung schmerzte ihn tief. War Veen wirklich der Räuber seiner Braut, so mußte dieser Mann, ein Esthe von Geburt, wie uns weitere Erkundigungen sagten, einen leidenschaftlichen, zu roher Gewalt sich hinneigenden Charakter besitzen. Im Geiste sah Henricksen seine Braut unglücklich, gemißhandelt! Und wer konnte wissen, ob sie den Qualen eines allem Anscheine nach auch höchst eifersüchtigen Mannes nicht längst erlegen war!

So trüben Gedanken lange nachzuhängen, blieb meinem Freunde zum Glück wenig Zeit übrig. Unsere Lage verlangte, daß wir uns möglichst bald wieder nach einer Heuer umsahen, doch nahmen wir uns gegenseitig das Versprechen ab, diesmal nur auf nach dem Norden bestimmten Schiffen Dienste zu nehmen. Daß wir ein russisches Fahrzeug unter allen Umständen jedem andern vorziehen würden, verstand sich von selbst.

Leider lag gerade kein einziges russisches Schiff im Hafen. Um nun wo möglich zum Ziele zu gelangen, reiste Henricksen sofort ab nach einer andern, nicht allzuweit entfernten Hafenstadt, die in der Regel häufig von russischen Kauffahrern besucht ward. Er hatte Auftrag, für mich mit zu handeln, wenn die Verhältnisse es zulassen sollten. Ich selbst mußte, ehe ich persönlich für mein weiteres Fortkommen sorgte, Leonore noch einmal sehen. Die Augen des muntern Mädchens hatten mich gar so freundlich angelächelt! Und dann wartete sie ja auf Rückgabe des entliehenen Tuches und – so hoffte ich – auch wohl auf die verheißenen glänzenden Geschenke, die ich ihr freigebig versprochen.

Wir sahen uns wieder. Sie nahm aufrichtigen Antheil an dem, was ich ihr über den Erfolg unserer Erkundigungen mittheilen konnte, und als ich von ihr ging, wehrte sie mir nicht, daß ich den mitgebrachten Goldreif an ihren Finger steckte. Ich verließ Leonore mit der Gewißheit im Herzen, sie werde sich als meine still Verlobte betrachten.

Inzwischen waren auch die Bemühungen Henricksen’s von gutem Glück begünstigt. Der Capitain der Brigg „Olga“ von Kronstadt, ein Deutscher von Geburt, suchte gerade noch einige seegewandte Matrosen, um sein übrigens größtentheils finnisches Schiffsvolk leichter regieren zu können. Der wackere Mann heuerte uns Beide, mich als Vollmatrose, Henricksen, der schon vor ein paar Jahren sein Steuermanns-Examen gemacht hatte, als solcher aber bisher noch kein Unterkommen finden konnte, als zweiten Steuermann. Die Bestimmung der „Olga“ war Reval, und da sie ihre Ladung zum größten Theile bereits eingenommen hatte, brauchten wir nur noch guten Wind abzuwarten, um auszuclariren. Letzteres geschah nach Verlauf einer Woche.

Diese zweite Reise traten ich und Henricksen mit sehr gemischten Empfindungen an. Mein Freund sprach sich gar nicht über seine Pläne aus, so oft ich ihn aber auszuforschen suchte, las ich in dem unheimlichen Funkeln seiner Augen, daß sein Herz gegen Torkel Veen von Haß überlaufe. Traf er mit dem Gesuchten zusammen und fand er Marie Anne bei ihm, dann gab es zwischen Beiden einen Kampf auf Leben und Tod. Gerade diesem Aeußersten vorzubeugen, war mein Vorsatz, und ich ging Tag und Nacht mit mir zu Rathe, wie ich wohl am besten eine verbrecherische Handlung möchte verhindern können.

Gegen den Capitain der „Olga“ beobachteten wir Beide tiefes Schweigen. Er hätte Verdacht schöpfen und unser Vorhaben, wenn auch nur aus Klugheitsrücksichten, in irgend einer Weise durchkreuzen und unausführbar machen können. Nur ganz nebenbei und ohne daß es ihm auffallen konnte, erkundigten wir uns nach den Rhedern Reval’s, nach der Zahl der Schiffe, die sie besaßen, und nach den Namen der vorzüglichsten derselben. Der „Pawlowsk“ war eins der ersten, das er uns nannte.

„Ist’s nicht ein Schooner?“ sagte Henricksen.

„Kennst Du ihn?“ fragte der Capitain.

„Hab’ ihn, glaub’ ich, ’mal gesehen,“ erwiderte Henricksen. „Sein Steuermann galt für einen ausbündig wilden Menschen.“

„War er auch,“ sagte der Capitain unwillig. „Hab’ mich fast zu Tode geärgert über den Bengel, als ich ihn ein halbes Jahr lang als Junge an Bord hatte. Sein Kopf ist so hart, wie sein strohernes Haar, und was er sich einmal vornimmt, das führt er auch aus, und sollten Galgen und Rad gleich daneben stehen. Den jüngsten Mat stürzte er in wilder Wuth über Bord, blos weil er in der Eile in seine Schuhe gefahren war. Der arme Mensch ward zum Glück gerettet, aber den Torkel Veen behielt ich nicht länger an Bord.“

„Ich hörte seine große Entschlossenheit rühmen,“ warf ich ein, obwohl das eine reine Erfindung war, denn ich hatte nie von Jemand auch nur ein Wort über den Esthen vernommen.

„Wäre er nicht so unbändig, so eigenwillig, so jähzornig und deshalb so überaus schwer zu behandeln, kein Seemann könnte sich einen tüchtigeren Steuermann in gefahrvollen Stunden wünschen.“

„Fährt er noch auf dem „Pawlowsk“?“ fragte Henricksen.

„Bestimmt weiß ich es nicht,“ erwiderte der Capitain. „Es gab immer Reibungen, auch munkelte man vor Jahr und Tag etwas von einer Geschichte, die am Bord vorgekommen sein sollte und die beinahe zu einer criminellen Untersuchung geführt hätte. Ich hab’ mich absichtlich nicht darum gekümmert, um nicht mit den Gerichten, wenn auch nur als Zeuge, in Berührung zu kommen. Anderen mochte es wohl eben so gehen, und so kam nichts an den Tag. Den Torkel Veen aber soll man damals gleich einem Rasenden auf dem Schiffe wie am Lande haben herumlaufen sehen, worauf er verschwand.“

Näheres über den Esthen war nicht zu erfahren, auch durften wir nicht weiter in den Capitain der „Olga“ dringen, wenn wir durch unsere Fragen nicht Verdacht erregen wollten.

Die Reise verlief, eine höchst unbedeutende Havarie abgerechnet, die wir auf der Höhe von Bornholm erlitten, ganz glücklich. Wir hatten mit keinen widrigen Winden zu kämpfen, überhaupt keinerlei Unfälle, wie sie Seefahrern so häufig zustoßen. Erst in unmittelbarer Nähe von Reval begegnete uns etwas ganz Ungewöhnliches.

Windstilles Wetter nöthigte den Capitain, vor Anker zu gehen, um in dem schwierigen Fahrwasser nicht mit einem entgegenkommenden Schiffe bei der dicken Luft, die über dem Meere lagerte, in Collision zu gerathen. Wir hatten die üblichen Laternen aufgehängt, die vorschriftsmäßigen Wachen beschritten das Deck. Da vernahmen wir plötzlich ein unerklärliches Geräusch vom Lande her. Es klang wie dumpfes Rauschen in der Ferne rasenden Sturmes, dann wieder Gezisch heißen, aus enger Oeffnung strömenden Dampfes. Dazwischen ließ sich Geschrei, Jammer, Geheul hören, und zwar so laut, so angstvoll, so andauernd, daß uns Allen grauste. Sonst blieb es ringsum todtenstill. Die Nebelluft stand fest wie eine graue Mauer, das Meer lag ruhig vor uns, wir befanden uns in der absolutesten Einsamkeit. So verging etwa eine halbe Stunde. Dann ward das Rauschen, Zischen, Heulen und Winseln schwächer und hörte nach einiger Zeit ganz auf.

Während der Dauer dieser unerklärbaren Töne hatte nur Einer oder der Andere ein paar abgebrochene Worte gesprochen, um sein Erstaunen auszudrücken. Henricksen und ich, wir Beide begnügten uns mit schweigendem Horchen. Uns waren Meer, Land und Leute völlig unbekannt, wir konnten also nicht eingeweiht sein in die Geheimnisse der Küstengegenden, in denen ja vielleicht seltsame Naturstimmen [715] zu gewissen Zeiten bei tiefer Nacht und Windstille hörbar wurden.

Aber auch der Capitain und die übrige zum größeren Theil hier heimische Mannschaft der „Olga“ theilte unser Staunen, um nicht zu sagen, unser Entsetzen. Kein Mensch auf dem Schiffe hatte je – das war unverkennbar an der Haltung Aller zu gewahren – solche schauerliche Töne und Stimmen vernommen. Henricksen’s Frage, was wohl die Ursache dieses Geräusches sein könne, beantwortete der Capitain mit einem barschen:

„Ich weiß nicht!“

Es war Mitternacht, als sich diese markdurchschütternden Töne hören ließen. Um ein Uhr war Alles wieder still, und der lautloseste Friede lag über Meer und Land. Etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang hob sich der Nebel, wir erkannten die Küsten zur Rechten und sahen, daß wir nur etwa eine Stunde in gerader Richtung davon entfernt sein mochten. Zwischen Schiff und Land aber lag ein felsiges Eiland, dem Ansehen nach völlig unbewohnt, und über diesem Eilande zitterts ein grau-weißer Schatten, als steige aus tiefer Felsschlucht Rauch auf.

Der Capitain betrachtete diesen Felsbrocken geraume Zeit sehr genau durch sein Fernrohr, ohne sich weiter gegen uns über sein Denken auszulassen.

Als die Sonne höher stieg, kam auch wieder Bewegung in die Luft. Das Meer kräuselte sich, wir konnten die Anker lichten, setzten möglichst viele Segel auf, und erreichten noch vor Abend die Rhede von Reval.




V.
Sturm und Schiffbruch.

Von einem frühen Winter überrascht, waren wir genöthigt, Monate lang hier zu verweilen. Wir hatten demnach Zeit, dem Manne nachzuspüren, der uns vor Allem interessirte. Das war jedoch mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden. Es ließ sich nichts ermitteln, als daß Torkel Veen aus Gründen, die uns verborgen blieben, den „Pawlowsk“ verlassen hatte, und gleich darauf verschwunden war. Es gelang uns, ehemalige Freunde des Mannes aufzufinden, aber auch von diesen war nichts zu erfahren. Höchst wahrscheinlich hätten sie sprechen können, wenn nicht Furcht oder Angst, vielleicht gar ein furchtbarer Eid, ihnen Stillschweigen gebot. Unsere Vermuthung, es müsse mit dem von uns Gesuchten sich etwas ganz Ungewöhnliches zugetragen haben, gestaltete sich mehr und mehr zur Gewißheit.

So verging der Winter, ohne uns dem ersehnten Ziele auch nur einen einzigen Schritt näher zu bringen. Henricksen verfiel wieder in seine frühere melancholische Stimmung, und ich selbst verlor ebenfalls meine angeborene Heiterkeit. Ich sah mit Sehnsucht dem Zeitpunkt entgegen, wo die starre Eisdecke brechen, und wärmere Lüfte uns die Wasserstraße nach der milderen Heimath wieder öffnen würden.

Gerade im härtesten Winter machten einige verwegene Menschen in der Umgegend Reval’s viel von sich reden. Im Innern des unermeßlichen russischen Reiches waren Verbrecher auf ihrem Transport nach Sibirien ihren Wächtern entsprungen. Sie entkamen wie durch ein Wunder ihren Verfolgern, gewannen die nordischen Küstenstriche, und verschwanden hier jeglichen Nachstellungen. Man erzählte sich, daß sie versteckt auf den unzähligen Klippen der finnischen Bucht hausten, und früher eine Art Seeräuberleben geführt hätten. Schiffe waren von diesen waghalsigen Flibustiern niemals belästigt worden; überhaupt hatten sie sich der Sage nach in ihren gebrechlichen, aber mit unglaublicher Kühnheit geführten Fahrzeugen niemals auf offener See, sondern nur zwischen den zahllosen Klippen und Felseninseln der Küste gezeigt. Es mußten sich demnach auch tüchtige Seeleute zu diesen verzweifelten Menschen gesellt haben. Daß die große Menge jegliches Verbrechen, jede Schandthat nur diesen gleichsam unsichtbaren Räubern zur Last legte, war Selbstfolge.

Henricksen gab zuerst meinen eigenen Gedanken Worte, als die Kunde von einem mehrfachen Morde, der erst kürzlich verübt worden sein sollte, mehr als je von der gefährlichen Bande sprechen machte. Die fest zugefrorene Bucht war für diese gewissenlosen Räuber ein Terrain, auf dem sie sich nach Belieben tummeln konnten.

„Wenn Torkel Veen noch lebt,“ sagte Henricksen, „so hat er sich gewiß diesem Gesindel zugesellt. Ich besorge sogar, daß er mit unter den Verbrechern gewesen ist, die in so unbegreiflicher Weise ihre Flucht auf dem Transport veranstalteten. Damit hängt wahrscheinlich jene dunkele Geschichte zusammen, die unser Capitain nicht genau kennen will. Aus einem Mörder ist zuletzt ein Raubmörder geworden.“

„Unmöglich wäre dies nicht,“ gab ich zur Antwort, „doch kommt es mir auch nicht recht wahrscheinlich vor.“

„Mir desto mehr, Tom Peter. Jetzt erkläre ich mir auch jene entsetzlichen Töne in der Nacht vor unserer Ankunft in Reval. In dem öden Felsenhorn in der Bucht, unfern einer wenig bevölkerten Küste hat das Volk seinen Versteck. Dorthin schleppen sie ihre Beute, dort entledigen sie sich aller unbequemen Zeugen ihres Thuns, die sie verrathen könnten, dort zechen und schwelgen sie in den Reichthümern, die die verabscheuungswürdigsten Verbrechen ihnen liefern.“

„Wenn dies im Ernst Deine Ueberzeugung ist, dann wäre es Pflicht für Dich, Anzeige von unserer Entdeckung zu machen.“

„Um sich von den Behörden hudeln zu lassen? Dazu habe ich keine Lust.“

„Aber Du begegnetest vielleicht dem Räuber Marie Anne’s!“

Henricksen zitterte vor Aufregung, indeß faßte er sich bald wieder.

„Ich will es doch lieber nicht thun,“ sagte er. „Wie leicht könnte auch ich mich vergehen bei solch’ einem Zusammentreffen, und statt mich zu rächen an einem Todfeinde, fiele ich mit dem Brandmale des Verbrechens behaftet, den Schergen in die Hände.“

Damit endigte unsere Unterredung. Die umlaufenden Gerüchte verloren sich, man entdeckte weder die beispiellos frechen und in ihrer Frechheit glücklichen Räuber, noch konnte man die Spuren derer auffinden, die aller Wahrscheinlichkeit nach als Opfer den verbrecherischen Menschen in die Hände gefallen waren.

Endlich änderte sich die Witterung. Milde Südwinde brachen das Eis, das Wasser ward frei und auf allen Werften, in allen Häfen rührten sich taufend Hände.

Die „Olga“ ward neu aufgetakelt und mit nordischen Producten befrachtet. Mit dieser Ladung sollte sie nach Leith abgehen. Der Capitain schien froh zu sein, wieder sein Schiff unter sich zu fühlen. Er heuerte noch ein paar kräftige Jungen, um nicht Mangel an Mannschaft zu haben, verproviantirte sich reichlich und auf einen Monat länger, als eigentlich nöthig gewesen wäre, und wartete auf die erste günstige Brise, um den Anker zu lichten.

Es war Ende April, als wir auf die Bucht hinaussteuerten, in der noch Eis in Masse trieb. Aber wir hatten Vorkehrungen gegen den Anprall scharfer und schwerer Schollen getroffen, so daß wir ohne Furcht uns auf die hohe See wagen durften. Plötzlich eintretendes Sturmwetter freilich würde auch diese Vorsichtsmaßregeln zu Schanden gemacht haben.

Ich weiß nicht, ob es Zufall war oder Absicht, genug, die „Olga“ segelte bei scharfer Brise nur etwa drei Kabellängen an dem zackigen, strauch- und baumlosen Felseneilande vorbei, über dem wir auf der Hinreise am Morgen nach der windstillen Nebelnacht die verdächtige Rauchwolke aufwirbeln sahen.

„Der denkt, wie ich,“ flüsterte Henricksen mir zu, als er den Capitain das Fernrohr auf die unbewohnte, ziemlich umfangreiche Klippe richten sah. Etwas Verdächtiges war nicht zu entdecken. Das Meer wogte in weißen, schäumenden Brandungen um das schwarze Granitgestein und ein Schwarm gefräßiger Seevögel wogte über dem fast gespenstisch anzusehenden Eilande hin und her. Traf ein Strahl der noch matten Sonne ihr Gefieder, so schimmerte es weißlichgrau und glich dann fast aufwirbelndem Rauche.

„Was meinst Du, Henricksen,“ sprach ich, „sollten uns die eigenen Augen wohl im Herbst vorigen Jahres geäfft haben?“

Henricksen antwortete nicht und der Capitain stieß offenbar verdrießlich sein Fernrohr zusammen. Die „Olga“ fuhr unangefochten, nur von dem Gekrächz des Raubgevögels begleitet, an der düstern Klippe vorüber.

Aber die Ostsee hat, wie bekannt, böse Tücken. Kaum waren wir auf der Höhe von Oesel angelangt, als es zu blasen begann, wie im tiefsten Herbst. Die Luft ward dick von Nebel und dabei so kalt, daß Raaen, Stangen, Spieren und alles Tauwerk sich mit glasiger Eiskruste überzog und der Mannschaft die Arbeit auf Deck zur Qual machte. Die See ging ununterbrochen hoch und ihre scharfen, harten Wellen schlugen mit so fürchterlicher [716] Gewalt an die Planken der „Olga“, daß das ganze Schiff seufzte und stöhnte, als sei es ein beseeltes Wesen, Das ging vier Tage mit nur sehr kurzen Pausen so fort. Da der Wind bald dick aus Osten, bald wieder aus Nord und West blies, kamen wir nur langsam von der Stelle. Merkwürdigerweise begegnete uns in dieser ganzen Zeit am Tage kein einziges Segel, des Nachts nur strich ein paar Mal in Sehweite ein Schiff vorüber, dessen Laternen am Maste gespenstigen Augen gleich die Finsterniß durchglühten. Es war eine unheimliche Reise und wir Alle, der Capitain nicht ausgenommen, empfanden fröstelnd dies Unheimliche, ohne uns darüber auszusprechen.

Durch die häufig wechselnden Winde genöthigt, oft Tage lang zu kreuzen, näherten wir uns nur sehr langsam dem dänischen Inselreiche. Wir waren froh, als der Sund endlich vor uns lag, und glaubten, alle Noth sei nunmehr überstanden. Kaum aber steuerten wir in das Kattegat, so überfiel uns ein abermaliges, nur viel schlimmeres Unwetter, als alle früheren. Es war ein Orkan aus Nord, begleitet von flammenden Blitzen und fürchterlichen Donnerschlägen, und dies Wetter brach los mitten in finsterer Nacht.

Die öde, schaurige Landspitze von Skagen lag wenige Meilen von uns zur Linken. Der Capitain erkannte die uns drohende Gefahr, wenn es nicht möglich sei, das Schiff von diesem Sandrücken abzuhalten. Aber der Sturm fegte gerade darauf zu und die gegen die Breitseite der „Olga“ heranrollenden Wasserberge trieben sie dem verrufenen Strande näher und näher.

Obwohl kein Fetzen Leinwand mehr an den Raaen hing, brach doch bald da, bald dort der Orkan eine derselben ab und schleuderte sie weit hinaus in die wüthende See. Schon nach einer halben Stunde fruchtlosen Kampfes hing das Takelwerk zerfetzten Spinnengeweben vergleichbar um die knarrenden und krachenden Masten. Um nicht erschlagen zu werden, mußten wir erst den Mittel-, dann den Fockmast kappen. Ein Feuerball rollte darüber hin, als sie über Bord stürzten und das schäumende Meer sie gierig, weiße Säulen strudelnden Wassers gen Himmel spritzend, einschluckte. Jeder Blitz zeigte uns die von Minute zu Minute wachsende Gefahr. Hob sich die „Olga“ auf dem zitternden Riesenhaupte einer Woge, dann erblickten wir das grelle rothe Licht des Leuchtfeuers auf Skagen, und fuhren weißzackige Blitze über und neben uns in die wildbewegte See, so konnten wir schaudernd den schauerlichen Todtenacker am Skager Strande erkennen, bei dessen Anblicke das Herz jedes Seemannes erbebt. Wie bleiche, fleischlose Riesenarme griffen dort Rippen und gebrochene Masten gestrandeter, vom Sande halb überschütteter Schiffe in die gespenstische Nacht hinein. Zwischen diesen zahllosen Wracks aber und darüber hin peitschte der rasende Nordsturm haushohen Schaum zerstäubender Wogen. Im Schein der Blitze schien der ganze Strand auf einer Strecke von wohl einer halben Stunde von Schneewirbeln umtost zu sein.

Da blitzte ein grelles Licht vor uns auf, ein Schuß verhallte dumpf über dem Meere. Gleich fuhr ein breiter glührother Blitz aus dem schwarzen Gewölk und im Aufleuchten dieses Naturfeuers sahen wir einen großen Dreimaster vor uns, der das Steuer verloren hatte und gerade auf Skagenhorn zutrieb. Dieser fürchterliche Blitz zersplitterte den großen Mast und gleich darauf schlugen rothe Lohen aus dem zerborstenen Holze. Sie breiteten sich schnell aus, noch wenige Minuten, und das Schiff trieb flammend gerade zwischen die verwesenden Schiffsleichen auf den todbringenden Sand zu.

Es war ein fürchterlich schöner Anblick, wie das gewaltige Schiffsgebäude, umringt von den starrenden Masten längst verlorener Fahrzeuge, jetzt aufrannte im Sande, wie dann wieder weißstrudelnde Wellenberge es umhüllten, eine neue stärkere Woge es nochmals hob und Rauch und Flammen abermals den Sieg über die zurückrollenden Wogen gewannen.

Den Gestrandeten zu Hülfe zu eilen, war unmöglich. Sahen wir doch das gleiche Schicksal vor Augen! Die „Olga“ war verloren, das wußten wir Alle, das Leben aber konnten wir im glücklichsten Falle wohl noch retten.

Der Capitain trat selbst an’s Steuer. Mit einer Stimme, die momentan das Geheul des Sturmes und das Brüllen der Wogen überschrie, rief er Henricksen zu, mit aller Gewalt die Speichen des Rades zu fassen, um das Schiff gerade auf den Sand rennen zu lassen. Sechs Menschen warfen sich zugleich auf die Speichen, das Schiff krachte, als berste es mitten auseinander. Sein Bug hob sich, wie ein steigendes Roß, das seinen Reiter abschütteln will, aber es gehorchte doch dem Steuer. Die nächste hinter uns aufrauschende Woge warf es halb zur Seite, das Bugspriet senkte sich wieder und rasselnd, knirschend, als durchfurche schwerer Stahl kiesiges Gestein, rannte es mitten zwischen zwei fast ganz vermoderten Schiffsleibern auf die fahle, öde, menschenleere Sandspitze.

Der fürchterliche Stoß warf uns nieder, der Boden des Schiffes zerbarst und gurgelnd hörten wir das Wasser in den Raum stürzen. Dennoch verloren wir nicht den Muth. Hüben und drüben, auch vor uns ragten Schiffstrümmer aus ihrem sandigen Grabe. Da lag noch ein halber Rumpf, dort starrte ein Mast, daneben der Kiel eines zerborstenen Fahrzeuges in die Nacht, grell beleuchtet von dem Flackerschein des Feuers, das ein paar hundert Schritte weiter den Dreimaster verzehrte. Jede neue Brandung rollte schwere Seen gegen den Strand, die jedem von ihnen Ergriffenen den Tod drohten. In der Finsterniß der Nacht würde ein menschliches Wesen hier nur durch ein Wunder zu retten gewesen sein.

Uns aber leuchteten die Flammen des vom Blitz getroffenen Schiffes. Bei ihrem Schein konnten wir uns leichter orientiren und die Pausen abwarten, in denen der Strand von den verheerenden Sturzseen nicht berührt ward. Diesem glücklichen Zufalle allein verdankten wir unsere mühselige Rettung. Wir unterstützten uns dabei gegenseitig, so viel wir vermochten, und als das Feuer bereits die Masten gänzlich verzehrt hatte, standen wir, ein erschöpftes Häuflein gänzlich hülfloser Schiffbrüchiger, auf der sturmumtobten, meergepeitschten Sandspitze, vergebens nach dem Orte ausschauend, der uns Obdach gewähren möge.




VI.
Der Priester von Skagenhorn.

Die Wuth des Orkanes nahm noch immer zu und schürte die Gluth des brennenden Schiffes, dessen Mannschaft schon größtentheils um’s Leben gekommen war. Einige Männer nur klammerten sich verzweiflungsvoll an der Schanzkleidung der Backbordseite fest, die den Flammen am wenigsten ausgesetzt war. Hier aber wurden sie ein Spielzeug des Sturmes, der sie jeden Augenblick in die rasende Brandung hinabzuschleudern drohte. Wirklich sahen wir auch innerhalb weniger Minuten drei dieser Unglücklichen auf solche Weise in den aufsprühenden Schaumwirbeln für immer versinken.

Es war ein schrecklicher Anblick, die noch am Bord des Dreimasters hängenden Menschen mit den verzerrten Gesichtern, von den Flammen grell beleuchtet, über ihrem offenen Grabe schweben zu sehen, ohne ihnen in ihrer Noth beispringen zu können. Einer namentlich sah fürchterlich aus. Er saß auf dem Stag des noch stehenden Besaanmastes, und Rauch und Flammen umzüngelten ihn abwechselnd. Der Mann mußte schrecklich leiden, denn dem Anscheine nach versengte ihn die von unten herausschlagende Gluth. Dennoch lebte er und beschäftigte sich noch immer mit Rettungsgedanken.

„Nie sah ich so gräßlich verzerrte Züge,“ sprach Henricksen, der seine Augen eben so wenig, wie ich, von dem Verlassenen abwenden konnte. „Und wie sein langes Haar im Sturme flattert!

„Das Feuer läßt es selbst feurig erscheinen!“ fügte ich noch hinzu.

Da hörten wir ein Krachen, ein wildes Aufschreien – dann senkte sich der Mast leewärts und mit ihm in einem Wogensprühen, das mit den Flammen sich zu vermählen schien, verschwand der Unglückliche unseren Blicken.

An dem Heranlecken der immer höher gehenden See, die erst seit etwa drei Stunden fluthete, gewahrten wir, daß die Stelle, wo wir standen, in kurzer Zeit von den Wogen überspült sein werde. Wir mußten uns deshalb nach einem gesicherteren Orte umsehen.

[729] Die entsetzliche Oede von Skagenhorn, das bei dem Volke als eine von Gespenstern und Hexen bewohnte, jeglichem Menschen verderbenbringende Gegend verrufen ist, hält die abergläubigen Schiffer fern von dem mit vermorschenden Schiffsgerippen besäten Strande. Am allerwenigsten läßt sich ein Bewohner der weiter landwärts gelegenen Orte während eines Sturmes hier blicken. Und des Nachts flieht ihn vollends Jedermann. Das einzige menschliche Auge, das täglich und nächtlich auf diesen Graus fürchterlichster Zerstörung herabsieht, hat auf die Lampen des Leuchtthurmes zu achten. Für den Mann auf diesem Thurme gibt es vielleicht keine Schrecken mehr. Er ist so daran gewöhnt, daß ihm der Tag farblos und langweilig vorkommen mag, der ruhig und ohne einen Schiffbruch verläuft.

Vor uns, etwa eine Viertelstunde entfernt, sahen wir den stumpfen Thurm einer unscheinbaren Kirche oder Capelle. Der Ort war nicht eben hoch gelegen, doch mochte er nur bei hohen Sturmfluthen von den Meereswogen erreicht werden können. Auf dies Kirchlein, dessen Dach halb abgedeckt war, schritten wir jetzt zu.

Wir kamen aber nur langsam vorwärts, denn theils verhinderte uns die Wuth des Orkanes am Gehen, indem er uns wiederholt niederwarf oder doch zum Ausruhen nöthigte, um vom Luftdruck nicht erstickt zu werden, theils mußten wir über zahllose, aus dem Flugsande hervorragende Rippen und Planken zertrümmerter Schiffsreste klettern. So brauchten wir nahezu eine Stunde, ehe wir die Kirche erreichten.

Ein Kirchhof mit zerfallener Mauer zog sich um dieselbe. Er hatte, wie Alles, ein verödetes Aussehen und war offenbar schon mehrmals von brandenden Wellen überspült worden. Statt der Grabhügel sah man tief eingewühlte Gruben, die nur vom gierigen Wogenschwall der See herrühren konnten. Auch jetzt, leckten die [730] Wellen wieder an den Mauertrümmern und oft spülte eine höher schwellende Woge darüber hin und verrann zischend in die Gruben oder plätscherte um die wenigen noch vorhandenen Grabhügel. Einige derselben konnten noch nicht sehr alt sein, obwohl es uns nicht recht einleuchten wollte, wie auf dieser so schauerlich öden Landspitze Jemand begraben sein mochte.

Mit einigem Erstaunen entdeckten wir, weiter schreitend, hinter der verfallenen Kirche ein einstöckiges, aus gelblichen Backsteinen aufgeführtes Haus, das, nach seinem Aeußeren zu schließen, bewohnt sein mußte. Es lag ziemlich geschützt gegen Nord- und Nordweststürme und fast in gleicher Höhe mit dem Kirchlein, das Meer dagegen mußte bei Hochfluthen allem Anscheine nach seine gefräßigen Wogen auch an den Wänden dieses einsiedlerischen Hauses zerschlagen.

Der Capitain klopfte stark an die fest verschlossene Thür. Im Innern des Hauses blieb es todtenstill. Das Klopfen ward stärker wiederholt. Nun zeigte sich ein Licht hinter dem verschlossenen Fensterladen und eine tiefe Baßstimme fragte, wer so spät in der Nacht Einlaß begehre.

„Arme Schiffbrüchige,“ lautete die Antwort des Capitains der „Olga“, worauf behutsam zwei Riegel zurückgeschoben, die Thür aufgeschlossen und nach innen geöffnet ward.

Vor uns auf schmaler Diele stand ein hagerer Mann mit schneeweißem langen Haar. Seine Tracht war mehr die eines Eremiten als eines Mannes aus dem Volke. Sie bestand aus einem grobtuchenen bräunlichen Talar und war in der Hüftengegend mittelst eines breiten Lederriemens gegürtet. Hals und Brust trug der Alte unbedeckt und nur sein langer, ebenfalls ganz weißer Bart gewährte der stark behaarten Brust einigen Schutz gegen Wind und Wetter.

„Könnt Ihr uns ein Obdach gewähren bis zum nächsten Morgen?“ fragte der Capitain, dem ehrwürdigen Alten, dessen Züge Menschenfreundlichkeit ausdrückten, die Hand zum Gruße reichend.

Der Bewohner des einsamen Hauses nahm sie, indem er das Windlicht höher hob, um die Schaar seiner unerwarteten Gäste besser überblicken zu können. Unsere Gesellschaft bestand im Ganzen aus zwölf Personen.

„Tretet ein in Frieden!“ gab er zur Antwort. „Was Niels Sturleson besitzt, steht Euch zu Diensten. Gott der Allmächtige segne und beschütze Euch!“

Er machte über uns Alle das Zeichen des Kreuzes und bald standen, saßen und lehnten wir in dem schmucklosen Raume, der zugleich Wohn- und Schlafzimmer des würdigen Einsiedlers war.

Auf dem Heerde glimmten noch einige Torfkohlen, das Feuer schien aber schon geraume Zeit ausgebrannt zu sein. Niels Sturleson, dessen eigenthümlicher Dialekt uns schon seine isländische Abstammung verrieth, hatte sich trotz des fürchterlichen Sturmwetters doch vertrauensvoll der Ruhe überlassen. Sein bescheidenes Lager war eingedrückt. Er bot es freundlich Henricksen, der stark angegriffen war, zur Benutzung an, was indessen mein Freund ablehnte.

Auf die Frage des Capitains, ob ihn denn dies Rasen der Elemente in seiner traurigen Einsamkeit nicht beunruhige, versetzte er lächelnd:

„Weshalb sollte ich mich beunruhigen? Wir stehen überall in der Hand des Allmächtigen, und wer, wie ich, von Jugend auf an furchtbare Naturerscheinungen gewöhnt ward, der ist, was sich immer ereignen möge, frei von jeglicher Furcht.“

Aus seinen weiteren Antworten auf an ihn gerichtete Fragen erfuhren wir, daß er keine Ahnung von den schrecklichen Scenen hatte, die wir so eben erst als Mitleidende und Zuschauer erleben mußten. Strandungen waren ihm nichts Neues, der Brand des Dreimasters aber mußte ihm unbekannt bleiben, da er bei fest geschlossenen Fenstern still in seinem Hause saß.

„Ich würde morgen früh die Verwüstungen der Elemente mit bebendem Herzen betrachtet haben,“ sprach der Greis, als er unsere Schilderung der erlebten Schrecknisse schweigend vernommen hatte. „Nach jedem nächtlichen Sturme durchwandere ich das Skagener Horn, um zwischen den verwitternden Leibern halb versunkener Schiffe nach menschlichen Leichnamen umherzuspähen, etwa noch Lebende, der Hülfe Bedürftige zu retten und die Todten christlichem Gebrauche nach nebenan auf dem Kirchhofe zu beerdigen. Diese Pflicht übe ich hier schon über zwanzig Jahre aus. Es gehört Entsagung dazu und ein unerschöpflicher Quell wahrer Menschenliebe, um das Amt eines Todtenbestatters – denn etwas Anderes liegt mir nicht ob – auf dieser von Menschen und Thieren geflohenen Sandzunge mit Liebe und ohne Murren zu verwalten. Als mein Vorgänger starb, wollte sich kein Geistlicher mehr finden, der die Stelle übernehmen mochte. Da entschloß ich mich dazu. Hatte ich doch immer einsam und zurückgezogen gelebt. Bedürfnisse feineren Lebens kannte ich nie, denn meine Eltern waren blutarme isländische Fischer. Im Darben bin ich erwachsen. Warum sollte ich nicht thun, was Andere mit Entsetzen erfüllte? Was ich zum Leben brauche, wird mir gebracht. Die wilde Natur, die Schrecken der Stürme und des langen Winters nöthigen mich stets zur Einkehr in mein Inneres, und so kann ich nicht sagen, daß ich anderswo als hier zu leben wünsche. Wer seinen Tod in der See findet und dann hier als Leichnam antreibt, den segne ich ein und bestatte ihn zu den Andern. Es finden sich da Menschen zusammen aus allen Nationen. Selbst ein Negerpaar habe ich einmal da drüben begraben.“

Der Mann ward beredt und wir hörten ihm Alle gern zu. Er trug auf, was sich in seiner Vorrathskammer fand: schwarzes Brod, Käse und eine Karaffe echten Schiedamer. Auch Feuer versuchte er anzuzünden, um ein heißes Getränk bereiten zu können, der mit gleicher Heftigkeit forttobende Sturm aber blies die Flammen immer wieder aus und erfüllte das ganze Haus mit so erstickendem Torfrauche, daß der gute Alte von seinem Vorhaben abstehen mußte.

Niels Sturleson war sonach Todtengräber und Geistlicher zu gleicher Zeit. Nur ein so einfacher, bedürfnißloser Mann, wie dieser ehrwürdige Isländer, konnte einem so schwierigen, ja abschreckenden Amte vorstehen. Selten nur sprach er Menschen, noch seltener glückliche Menschen. Wer an seine Thür klopfte, den verfolgte das Unglück. Und zitterte eine Thräne des Dankes an der Wimper solch’ eines Fremdlings, so trübte dies Dankgefühl doch gewiß ein Tropfen Wermuth. Er hatte entweder Verwandte oder Freunde verloren oder betrat doch, wenn allein, völlig mittellos die Wohnung des gottesfürchtigen Todtenbestatters.

Mehrere von der Mannschaft der „Olga“ äußerten ihre Verwunderung über Sturleson’s milde Freundlichkeit.

„Ich möchte hier nicht einmal todt sein, wie man wohl zu sagen pflegt,“ rief Henricksen aus.

„Es muß sich bei alledem hier doch ganz gut leben lassen,“ versetzte darauf mit seiner milden Ruhe der alte Isländer. „Mein Vorgänger war über neunzig Jahre alt, als Gott ihn abrief, und ich gehe auch schon in das neunundsiebzigste. Trotzdem fühle ich mich stets wohl und kräftig, und all’ die vielen Leiden glücklicher Städter, denen die Freuden und Genüsse der ganzen Welt zu Gebote stehen, fechten mich nicht an. Manchmal gibt es auch gar interessanten Besuch.“

„Von Schiffbrüchigen, die so glücklich waren, wie wir?“ warf ich ein. „Kann man das Glück nennen?“

Niels Sturleson schüttelte sein Silberhaar.

„Nicht von den Lebenden, nur von den Tobten spreche ich,“ gab er zur Antwort.

„Von den Todten?“ rief Henricksen.

Der Alte sah ihn mißbilligend an.

„Von ihnen können wir oft mehr lernen, als von den Lebendigen,“ fuhr er fort. „Was steht nicht Alles geschrieben in dem Antlitze eines Verstorbenen, den der Tod unerwartet überrascht, der aber, bevor er dessen Beute wird, diesem Stunden lang in das unerbittlich kalte, hohle Auge schauen muß? O, wie klein, wie hinfällig, wie ganz machtlos erscheint der Mensch in solch’ entscheidenden Augenblicken! Da bricht der Stolzeste in sich zusammen und schreit, oft nur aus Verzweiflung, um Erbarmen, während der Demüthige nur sanft die Lippe bewegt und zum letzten Dank- und Bittgebet die Hände faltet. Die vielen Jahre her, die ich nun auf diesem wüsten Erdflecke Todtenbestatter bin, habe ich die Gesichtszüge so vieler Todten studirt, daß ich mir getraue, jedes so rasch Verstorbenen Lebenslauf daraus zu entziffern. Nur weil sie todt sind, unterlasse ich es, denn wem möchte es nützen, wenn ich auftreten und sagen wollte: der da mit der schlaff herabhängenden Lippe, mit den offenen stieren Augen, mit den krampfhaft ineinander geflochtenen Händen war ein Mann mit bösem Gewissen? Er hatte betrogen, verleumdet, heimliche Sünden getrieben oder Mord lastete auf seiner Seele? Nein, ich schweige, schweige immer und [731] trete nur zugleich mit dem Geiste des Abgeschiedenen als Fürbitter vor den Thron des Höchsten, ihn seiner Gnade und Barmherzigkeit empfehlend.“

Diese Rede machte auf uns Alle einen fast erschütternden Eindruck. Ich mußte unwillkürlich an das dämonisch verzerrte Gesicht des Unglücklichen denken, der mit dem stürzenden Maste des brennenden Schiffes sein Grab im Meere fand. Wenn die See morgen oder übermorgen diesen Todten an’s Land spülte und Niels Sturleson fand den Leichnam zwischen zerbrochenen und halb verbrannten Schiffstrümmern, welche Verbrechen, welch’ ein wild und leidenschaftlich durchrastes Leben las er dann heraus aus seinem mit dem Siegel des fürchterlichsten Entsetzens, der qualvollsten Seelenpein bezeichneten Antlitz?

In diesem Augenblicke ließ sich ein Geräusch vernehmen, das uns Alle verstummen machte. Es war ein Laut, der wie der Schrei eines verzweifelten Menschen klang. Nur die Todesangst vermag solche Töne der Menschenbrust zu entlocken. Aber er verhallte in dem Gepfeife des Windes, in dem Donner des Meeres, das seine hoch aufgethürmten Brandungswogen gegen die Küste und die zerbröckelnden Trümmer des wüsten Kirchhofes schleuderte.

„Es ist ein Mensch in Todesnoth,“ sprach Niels Sturleson und entzündete das bereitstehende Windlicht. „Mein Amt gebietet mir, zu helfen, wenn Hülfe noch möglich ist. Wer von Euch will mich begleiten?“

Der Capitain, Henricksen und ich standen gleichzeitig neben ihm.

„Dort sind Lichter,“ sprach er. „bedient Euch.“

Abermals wimmerte der fast heulende Schrei durch das Rasen des Sturmes.

Niels Sturleson entriegelte die Thür und stieß sie auf. Der Schein unserer Lichter fiel blendend hinaus in die Nacht und erhellte einen Theil der Kirche und des Todtenackers. Der Anblick, welchen jetzt die nächste Umgebung bot, war düster und beunruhigend. So weit das Auge reichte, sahen wir nichts, als eine schaumbedeckte Fläche die sich strudelnd hob und senkte. Ueber die Mauern des Kirchhofes stürzten Ströme salzigen Wassers, umstrudelten die Grabhügel und zerwühlten den lockern Sandboden. Die Sturmfluth peitschte das Meer weit über das ganze Flachland des gespenstigen Skagerhorn. Und mitten in dieser stürmenden Brandung, die auch schon an den Wänden des Hauses leckte, das uns jetzt Schutz gewährte, stand einsam eine Menschengestalt. Langes, wirres Haar flatterte um ein angstverzerrtes Gesicht, er klammerte sich um ein zerbrochenes Ruder, das er fest in den Sand gebohrt hatte, um von den sich schnell folgenden Spritzwellen der Brandungen, die ihn fort und fort mit Schaum überschütteten, nicht fortgerissen zu werden. Die verlöschenden Lohen des Schiffes beleuchteten ihn, daß er einer glühenden Statue glich.

Der Anblick unserer Windlichter gab ihm Muth. Sturleson rief und winkte ihm zu. Er verstand die Andeutungen des ehrwürdigen Greises, riß das zerbrochene Ruder aus der Erde und watete dem Hause zu, wobei das strudelnde Wasser ihm bis über die Hüften reichte. Es war der Mann vom brennenden Dreimaster, den wir zugleich mit dem Maste in’s Meer stürzen sahen.

Züge und Augen wie dieses Schiffbrüchigen hatte ich nie zuvor erblickt, auch sind sie mir später nicht wieder vorgekommen. So etwa, denke ich, müßte der Fürst der Hölle aussehen, wenn er sein flammendes Reich zu Grunde gehen sieht. Des Isländers Worte fielen mir wieder ein, und daß auch Niels Sturleson von dem Anblicke des eben dem Tode Entronnenen erschreckt ward, konnte ich an dem Zittern seiner Hand bemerken.

„Tretet ein in Frieden,“ redete der Greis ihn an und bot ihm die Hand.

Der Fremde folgte der Einladung, die dargebotene Hand aber nahm er nicht an. Ein fürchterliches Hohnlächeln zuckte auf seinem Antlitze, als er die Schwelle mit seinen nackten Füßen berührte.

„Verdammt sei das Feuer, das aus den Wolken herabfiel auf den Isaak!“ rief er fluchend. „Es hat die ganze Mannschaft gefressen, und verdammt will ich sein, wenn ich und die zwei Ratten, die mit mir zugleich über Bord gingen, nicht die einzigen Creaturen sind, die der Alte nicht zu packen kriegte. Gebt mir ein Glas steifen Grog, oder die Gebeine fallen mir auseinander, wie das Gestein da auf Eurer dummen Kirche und das Erdreich über den Särgen. Die Todten müssen aufwachen bei diesem Sturme oder ich weiß nicht, was Blasen heißt!“

Sturleson verstummte vor dieser sündhaften Rede. Er trat zurück in das Zimmer, dem Schiffbrüchigen den Vortritt lassend.

„Laßt Euch genügen an dem, was diese Männer, die ebenfalls Schiffbruch gelitten haben, bei mir fanden,“ sagte der Isländer nach kurzem Besinnen. „Gott will nicht, daß die Heerdflamme brennen soll, wenn seine Boten auf Flügeln des Sturmwindes über Länder und Meere schweben!“

Der Fremde lachte verächtlich und hob drohend die Hand gen Himmel.

„Wollte, sie wären ersoffen oder hätten sich die Flügel verbrannt an unsern flammenden Masten!“ grollte der wüste Mensch.

„Wer seid Ihr, Mann, daß Ihr Euch nicht entblödet, kaum dem Tode entronnen, den Allmächtigen zu lästern?“ sprach Sturleson mit strafendem Ernst. Seine Worte machten indeß auf den Fremdling durchaus keinen Eindruck.

„Wer ich bin?“ erwiderte er. „Nun, ich denke, ein Kerl, wie sie nicht alle Tage geboren werden! Ich fürchte mich vor Niemand, weder vor Menschen, noch vor Gott und Teufel, und darum hab’ ich auch immer Glück gehabt!“

Er sah sich während dieser Worte rund im Kreise um, und warf uns Allen einen scheuen, aber scharfen Blick zu.

„Denke hier unter Männer zu kommen,“ fuhr er fort, „nicht unter schwachsinnige Betschwestern, und meine, wir Alle, die der Satanswind hier zusammengeweht hat, wir wollen, wenn er sich müde und matt geblasen, am nächsten Tage oder übermorgen die verlorenen Schätze wieder zusammentragen, die am Strande aufgehäuft liegen müssen. Der Isaak, Gott straf mich, hatte über eine Million Werth an Bord!“

„Betet lieber und danket Gott, daß er Euch aus so großer Noth gnädig errettete!“ ermahnte Sturleson.

„Still, alter Narr!“ rief der Fremdling. „Bete meinetwegen, so viel Du willst, wenn es Dir Spaß macht, mir kann das Geplärr nichts nützen. Dein Genever ist mir lieber. Der wärmt und macht Leib und Seele wieder geschmeidig. Hand her!“ rief er mir zu. „Seid mein Camerad, und helft mir den Strand plündern! Ich thu’ es, Gott straf’ mich, denn es ist beim helllichten Teufel das beste Geschäft, und ich versteh’ es, denk’ ich, aus dem Grunde!“

Er fiel wieder in ein rohes, wüstes Lachen, vor dem wohl den Meisten unter uns graute.

Da ich seine Hand nicht annahm, reichte er sie dem neben mir stehenden Henricksen. Er sah ihn dabei gerad’ an, konnte aber den Blick, dem er begegnete, nicht aushalten, und schlug sogleich die Augen wieder zu Boden.

„Raub und Plünderung also ist Euer Gewerbe?“ sprach Niels Sturleson voll Abscheu. „Fürchtet Ihr Euch denn nicht der Sünde, armer Mann?“

„Sünde?“ versetzte dieser. „Thun die Großen der Erde was Anderes? Narrheiten! Klug ist nur der, der an sich reißt, was er bekommen kann, und wer es versteht, am meisten zusammen zu raffen, der gelangt zu Ansehen und Macht, und kann das Geplärr der Pfaffen verlachen!“

Henricksen entzog ihm ebenfalls seine Hand.

„Wollt auch nicht?“ fuhr er fort. „Nun so gedenk’s Euch der Teufel!“

Er kehrte sich um und griff nach der Flasche, um sein Glas auf’s Neue zu füllen.

„Wie heißt Ihr denn?“ fragte Henricksen. „Man will doch erst wissen, mit wem man zu thun hat, ehe man einen Entschluß faßt.“

„Wie ich heiße? .... Ha, ha, ha, ha! .... O Ihr grundehrlicher Mann! Wahrhaftig, vor Euch könnt’ ich mich demüthigen, wenn ich überhaupt vor irgend Jemand Respect hätte! Wollt Ihr meinen ganzen Namen wissen?“

„Mit dem halben wäre mir nicht gedient,“ sagte Henricksen kühl.

„Nun, da paßt ’mal richtig auf, grundehrlicher Mann! Ich heiße Jan Philipp Wetterhahn oder, wenn Euch das besser paßt: John Niclas Peter Bobbleton, oder falls Ihr einen längeren Namen vorziehen solltet: Peter Paul Orlof Nikolajewitsch, oder auch, damit jede Nation etwas abbekommt und sich nicht über mich beschweren darf: Don Carlos Juan de los Muellos y Be–“

Ein Sausen und Brausen, vor dem das ganze Haus erzitterte, machte den unheimlichen Mann plötzlich verstummen. Der Zug des starren Entsetzens, der seinen Zügen tief eingeprägt war, zeigte sich wieder deutlicher auf seinem Gesicht, und aus kaltem, [732] glanzlosem Auge flatterten irre Blicke von Einem zum Andern. Es war doch, als kenne der wüste Mensch nicht nur die Furcht, sondern als werde er sogar bisweilen ganz von ihr gefangen genommen.

„Was kann das sein?“ fragte er den Greis, der mit gefalteten Händen gen Himmel blickte.

„Gott ist es, der sich uns nähert in Feuerflammen, in Windesbrausen und auf Meereswellen!“ gab Sturleson ernst zur Antwort. „Die Fluth schlägt an mein Haus – ich kenne ihre Stimme. Sie wird es zerschmettern, und die aufgehende Sonne wird auch uns als entseelte Leichname auf dem Meere treiben sehen!“

Welche Veränderung bei diesen Worten des Greises in dem Antlitze des ruchlosen Räubers – denn dafür mußten wir ihn allesammt halten – vorging, ist nicht zu beschreiben. Sein Muth war dahin, sein freches Lachen verstummte. Er zitterte, wie ein hinfälliges, lebensmüdes Mütterchen. Seine Augen rollten und stierten dann wieder glanzlos in’s Leere, und wenn das verhängnißvolle Dröhnen des anschlagenden Schwalles sich wieder hören ließ, bebte er zusammen.

Durch die Ritzen der Fenster träufelte nach jedem solchen Schwalle Wasser, rieselte an den Wänden nieder und überströmte bald auch den Zimmerraum. Niels Sturleson hatte die Wahrheit gesprochen. Die Heftigkeit des Sturmes thürmte die Wogen des Meeres zu ungewöhnlicher Höhe auf, und wir Alle mußten uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß uns diese schreckenvolle Nacht doch wohl noch den Tod geben werde.

In so ernsten Augenblicken ist der echte Seemann ruhig und sieht ergeben seinem Schicksale entgegen. Retten konnten wir uns nicht, wenn das schwache Backsteingebäude von dem Anprall der Wellen zerschlagen ward. Eine sicherere Zufluchtsstätte gab es für uns nicht, wenn es nicht möglich war, den höheren und festeren Thurm der Kirche zu erreichen.

Unser Capitain trat mit dem Vorschlage hervor, diesen Versuch zu machen.

Niels Sturleson schüttelte sein Silberhaupt.

„Es würde fruchtlos sein,“ sprach er. „Die Kirche liegt gegen achtzig Schritt von hier entfernt, und zwischen diesem Hause und ihr wälzt sich jetzt schon ein reißender Meerstrom. Empfehlen wir unsere Seelen Gott, ersteigen dann das Dach und erwarten da, was der Allmächtige über uns verhängt hat!“

Er bedeutete uns, niederzuknieen. Wir folgten Alle seinem Winke. Auch der Mann mit den vielen Namen sank halb betäubt in die Kniee. Niels Sturleson sprach nun mit erhobener Stimme ein Gebet, das wir andächtig wiederholten. Der Fremde lallte sur, während ihm die Zähne klapperten.

[741]
VII.
Die todte Braut.

Zu dem Anschlag der Wellen gesellte sich jetzt noch ein anderer Ton. Es war, als trieben mit der Fluthwoge schwere Gegenstände gegen das Haus, denn die Wände dröhnten laut, und schon zeigten sich hundert lockere Stellen. Das Wasser stand bereits ein paar Fuß hoch im Hause.

Niels Sturleson sprach den Segen über uns und erhob sich. Da brach die Wand, ein schäumender Strom riß die Steine vollends nieder, und augenblicklich füllte sich der ganze Raum mit Wasser. Instinctmäßig drängten Alle nach der Thür, um die Treppe zu gewinnen. Der wüste Fremde erreichte sie im Sprunge zuerst, aber wie er sie aufstieß, prallte er mit einem Aufschrei zurück, den ich später nach Jahren noch manchmal im Traume gehört habe und vor dem jedes Mal mein Herz erbebte.

Gleich den unfesten Wänden war auch die Thür des Hauses von der Gewalt der Wogen eingedrückt worden. Mit diesen zugleich drangen, vom Zuge des Stromes erfaßt, schwimmende Gegenstände in Sturleson’s Wohnung und das Erste, was wir von diesen erblickten, war ein seines Deckels beraubter Sarg. In schlichte Kleidung gehüllt, lag darin ein Weib, so wohl erhalten, als wäre sie erst vor wenigen Stunden der Welt entrückt worden. Die bleichen Hände über die Brust gefaltet, schien sie zu schlummern, im Schlummer aber von einem bösen Traume gequält zu werden; denn ihr Gesichtsausdruck war der einer schwer leidenden, einer schuldlos Büßenden.

Gegen den Mann von dem zerstörten Schiff „Isaak“ trieb dieser offene Sarg zuerst heran, sein Blick fiel auf die Leiche, deren Antlitz von den noch brennenden Windlichtern hell beleuchtet ward, und mit dem gellenden Ausrufe:

„Marie Anne! Marie Anne! Sie hält ihr Versprechen!“ brach er gurgelnd zusammen. Er würde ertrunken sein, hätten nicht Einige von der Mannschaft der „Olga“ ihn erfaßt und schnell emporgerissen.

„Laßt ihn nicht sterben, nicht jetzt!“ schrie Henricksen, den Sarg erfassend, und seine Rechte auf die verschlungenen Hände der Todten legend. „Es ist der Räuber, der Mörder meiner Braut! Es ist der ruchlose Esthe Torkel Veen!“

„Torkel Veen!“ stammelte der Entsetzte, und sein Auge heftete sich angstvoll auf den zürnenden Henricksen.

Dies Alles war das Werk nur weniger Secunden. Der von Henricksen fest gehaltene Sarg schwankte auf und ab auf der fluthenden Welle, deren Gewalt gebrochen zu sein schien. Der Sturm wüthete nicht mehr mit der früheren Heftigkeit, und auch die Fluth hatte ihre größte Höhe erreicht.

„Wardst Du auch erst mein im Tode, Marie Anne,“ sprach Henricksen, seine Hand auf die Stirn der Entseelten, von den Fluthen dem Grabe wieder Entrissenen legend, „so will ich jetzt doch nicht eher von Dir lassen, bis der Räuber Deines Glückes den wohlverdienten Lohn empfangen hat!“

„Gott ist gerecht!“ fiel Niels Sturleson ein. „Er öffnet die Gräber, damit offenbar werden die Frevelthaten verhärteter Sünder! Dies Weib trieb vor einigen Wochen Nachts bei ruhigem Wetter an den Strand. Ich bestattete die Unbekannte wie Jeden, den die See mir zuführte. Wer sie sein möge, von wannen sie kam, auf welche Weise sie den Tod im Meere fand, nach dem Allen konnte ich nicht fragen. Ich bettete sie unter Bitte und Gebet zu den Uebrigen, die auf gleiche Weise hier ihre letzte Ruhestätte auf Erden fanden.“

Torkel Veen war völlig gelähmt. Er konnte sich nicht bewegen und auch die Sprache versagte ihm Anfangs. Jede an ihn gerichtete Frage beantwortete er nur durch Zeichen. Das Erscheinen der Todten, schien es, hatte einen vernichtenden Eindruck auf ihn gemacht. Er gab durch Zeichen zu verstehen, daß man ihm Zeit lassen möge; später sei er Willens, zu sprechen und sein Gewissen zu erleichtern.

Man breitete nun ein Tuch über das Antlitz der Todten, damit Torkel Veen nicht immer wieder von Neuem sich vor der Leiche entsetzte. Da sich das Wasser inzwischen ziemlich rasch verlief, so konnte man den Sarg ohne Bedenken in der Flur des Hauses stehen lassen, dessen Thür wir, so gut es gehen wollte, wieder befestigten. Darüber ward es Tag. Die aufgehende Sonne beschien ein düsteres Trümmerfeld. Auf dem kleinen Friedhofe war kein Grab unbeschädigt geblieben. Die meisten Särge lagen umgestoßen, einige zerbrochen, zerstreut auf den Ueberresten der zerborstenen Mauer. In Segelfetzen, zwischen Sand, Geröll und Muscheln fanden sich Gebeine längst Beerdigter. Am Strande, weiter nach dem Horn zu, lagen die gestrandeten Wracks der beiden Schiffe, und aus dem Rumpfe des „Isaak“ brodelte hie und da noch dunkler Rauch auf. Zu bergen gab es nichts. Die wild tobende See hatte alles Werthvolle entweder zerschlagen oder in unergründliche Tiefen versenkt.

Gegen Mittag hatte sich Torkel Veen so weit erholt, daß er [742] ein Bekenntniß ablegen konnte. Seine Erzählung läßt sich in Folgendem zusammenfassen.

Marie Anne war mit dem Steuermann des „Pawlowsk“ früher bekannt gewesen, als mit Henricksen. Der unbändige Esthe in seiner Naturwüchsigkeit machte auf das weiche und sich leicht anschmiegende Gemüth des jungen Mädchens einigen Eindruck. Ohne eigentlich Neigung zu Veen zu fühlen, war der seltsam geartete Mensch ihr doch auch nicht gleichgültig, Sie fürchtete sich vor ihm und ließ es doch geschehen, daß er ihr Aufmerksamkeiten erwies. Von Heirathsanträgen war indeß zwischen Beiden niemals die Rede gewesen.

Da lernte Marie Anne den jungen Henricksen kennen. Dieser war viel weniger keck, bei Weitem nicht so leidenschaftlich, als Torkel Veen, aber er zeigte Herz, und in seinem Auge konnte Marie Anne lesen, daß er sie liebe, mit Zärtlichkeit lieben werde. Henricksen machte kein Geheimniß aus seiner Leidenschaft und zauderte nicht, dem Mädchen, das ihm gefiel, seine Hand anzutragen. Marie Anne beglückte diese Werbung, aber sie wagte sie nicht sofort anzunehmen. Sie selbst war ein ganz unbemitteltes Dienstmädchen, und Henricksen fuhr als Matrose auf einem Grönlandsfahrer! Das gab nicht die besten Aussichten auf eine glückliche Zukunft, und darum zögerte sie, damit nicht ein übereilt gefaßter Entschluß sie später gereuen möge.

Henricksen ging inzwischen wieder zu Schiffe und Marie Anne hatte sonach Zeit, mit sich selbst zu Rathe zu gehen. Vor seiner Rückkehr ankerte der „Pawlowsk“ wieder in der nahen Hafenstadt, und schon ein paar Tage später begegnete der ungebärdige Steuermann des russischen Schooners dem jungen Mädchen.

Marie Anne wollte ihn meiden, aber Torkel Veen ließ sich so leicht nicht abweisen. Gezwungen mußte das geängstigte Mädchen ein Tanzlokal mit ihm besuchen, und als sie schieden, knüpfte er ihr fast mit Gewalt ein ganz neues Tuch um den Hals. Um den Heftigen nicht zu beleidigen, ließ sie es geschehen, legte es aber, nach Hause gekommen, sogleich wieder ab. Hier sah es ihre Freundin, die Tags darauf zufällig zu ihr kam. Leonore gefiel das Tuch und sie wünschte zu erfahren, wo sie es gekauft oder von wem sie es bekommen habe. Marie Anne hielt mit der Sprache zurück und Leonore vermuthete ein geheimes Verhältniß. Da gewahrte die Freundin Henricksen auf das Haus zukommen. Sogleich verbarg Marie Anne das Tuch und eilte dem Kommenden mit offenen Armen entgegen. Ihr Herz sagte ihr, daß kein Anderer sie besser vor den immer zudringlicheren Nachstellungen des heftigen Esthen schützen könne, als dieser ruhige, treue und ehrenwerthe Jugendgenosse, ihr Freund und Landsmann, den sie eben so gut kannte, wie sich selbst. Sie wußte jetzt, daß sie ihn, ihn ganz allein liebe, und sie war fest entschlossen, auf einen seinerseits erneuerten Antrag mit freudigem „Ja“ zu antworten.

Dieser Antrag blieb nicht aus und ehe noch der Tag verging, war Marie Anne die Braut Henricksen’s. Von ihrem Zusammentreffen mit Torkel Veen schwieg aber das Mädchen gegen ihren nunmehrigen Verlobten, da sie besorgte, ein zufälliges Begegnen beider Männer könne bei den wüsten Neigungen des Esthen, die ihr nicht entgangen waren, und bei der innigen Zuneigung Henricksen’s, von der sie überzeugt war, zu unangenehmen, wo nicht gar feindseligen Auftritten führen.

Torkel Veen hatte von dem Verlöbniß Marie Anne’s keine Ahnung. In der Hoffnung, es werde ihm gelingen, das heitere Mädchen dauernd sich zu erringen, kam er Abends, bald nach Henricksen’s Fortgang, in das Haus des Küsters. Der Empfang Marie Anne’s, der kühl, gemessen und auch befangen war, machte ihn stutzig. Er ward ungeduldig, bald sogar heftig und ungestüm. Das geängstigte Mädchen fürchtete eine Scene, die sie in ihrem eigenen Interesse zu vermeiden wünschte. So schlug sie denn vor, dem Ungestümen auf einem Spaziergange nach dem Deiche eine Eröffnung zu machen, welche ihr Benehmen rechtfertigen sollte. Um zu beweisen, daß sie ihm freundlich gesinnt sei und dies auch fernerhin zu bleiben wünsche, schlang sie das von Veen erhaltene Tuch um den Hals und verließ, wie sie meinte, unbemerkt das Haus ihres Brodherrn.

Marie Anne ging eine Zeit lang neben Torkel Been fort, ohne auf dessen sehr bestimmte Anträge zu antworten. Erst als sie sich ganz unbeachtet sah – der Deich und hinter diesem die See lag bereits dicht vor ihr – erklärte sie mit kurzen Worten dem Esthen, daß sie sich vor wenigen Stunden einem Jugendfreunde verlobt habe.

Es war ein Unglück, daß die Nähe der See durch das starke Geräusch der brandenden Wogen jeden andern Laut erstickte. Kaum hatte Torkel Veen das Geständniß des Mädchens vernommen, das er bereits zu besitzen glaubte, so übermannte ihn die Raserei seines ungebändigten Naturells. Ohne ein Wort zu erwidern, umschlang er sie mit starkem Arme, um sie seewärts nach dem Nachen zu tragen, der hier bereit lag, damit der Steuermann sich in demselben nach dem draußen im Meer vor Anker liegenden Schooner zu jeder Zeit begeben könne. Marie Anne aber entwand sich geschmeidig seiner Umarmung und entfloh unterhalb des Deiches ihrem Verfolger.

Eine kurze Zeit behielt sie einen Vorsprung, da kreuzte ein Graben ihren Pfad. Schnell entschlossen übersprang sie diesen und eilte die Deichböschung hinauf. Torkel Veen aber hatte sie schon erreicht. Er faßte ihr Gewand, sie strauchelte und fiel, und im Ringen mit dem erhitzten Verfolger verlor sie das Tuch. Der leichte Wind trieb es fort in einen Ginsterbusch, wo es hängen blieb.

Marie Anne’s Widerstreben half ihr jetzt nichts mehr. Torkel Veen bemächtigte sich ihrer, trug sie in seinen Nachen und ruderte mit der Geraubten hinaus auf’s Meer. Aber es war noch nicht dunkel genug, um die Entführte unbemerkt an Bord des Schooners bringen zu können. Der Esthe kehrte deshalb nochmals um, und lief in eine Wehle unter dem Deiche ein, bis er sich gesichert glaubte. Auf den ihn begleitenden Matrosen durfte er sich verlassen. Die Widerstrebende ward hier gebunden und geknebelt, und so gelang es dem unbändigen Manne, der so leicht vor keinem Unternehmen zurückschrak, das unglückliche Mädchen ungesehen an Bord zu schaffen und es hier zu verstecken. Am nächsten Morgen schon lichtete der „Pawlowsk“ die Anker und stach in See. Die Gewaltthat Veen’s mußte am Lande Jedermann ein Geheimniß bleiben.

Wie sorgsam aber auch der leidenschaftliche Esthe seine Gefangene bewachte, die tief im Räume zwischen Ballen und Fässern ein trauriges Dasein führte, eine Ahnung des Geschehenen stieg doch in der Seele des Capitains auf. Er hielt es indeß für zweckmäßiger, zu schweigen. Torkel Veen war ein unerschrockener Seemann, der sich nicht leicht wieder ersetzen ließ. Ertappte er ihn aber auf einem offenbaren Verbrechen, so mußte dessen Entfernung vom Schiff doch die allergeringste Züchtigung sein. Auch scheuete er des wilden, schwer zu behandelnden Menschen gewaltthätigen Sinn. So schwieg denn der Capitain, bis der Schooner in Reval einlief.

Nun aber hatte er jeder Zeit ein scharfes Auge auf seinen Steuermann, der sich täglich ungebehrdiger zeigte und sichtlich verwilderte. Er überraschte ihn, als er das unglückliche Mädchen heimlich ans Land schaffen wollte. Es kam zu einem sehr heftigen Auftritte, der mit der Verhaftung des Frevlers endigte. Marie Anne ward einstweilen dem Schutz der Obrigkeit übergeben, um später, wenn die nähern Umstände ihrer gewaltsamen Entführung genauer erforscht sein würden, über sie zu verfügen. Leider hatte man aber bei Veen’s Verhaftung dessen Charakter nicht richtig beurtheilt. Schon in der ersten Nacht entkam er seiner Haft, und wußte sich auch schlau seines Opfers wieder zu bemächtigen. Er verschwand mit der zum zweiten Male Geraubten, und Niemand erfuhr, wohin der wilde Esthe gekommen sei.

Bald darauf begannen die Räubereien zu Wasser und zu Lande. Es dauerte viele Monate, ehe man die eigentlichen Urheber derselben ermittelte. Ein paar Mordthaten erst leiteten auf die rechte Spur. Der verschwundene Torkel Veen stand an der Spitze der verbrecherischen Rotte, die eine große Strecke der Küstengegend und das Meer zwischen den Inseln und Klippen besonders für Küstenfahrzeuge unsicher machte. Nur durch große Vorsicht entdeckte man endlich den Schlupfwinkel dieser neuen Flibustier. Dieser befand sich in einer schwer zugänglichen Höhle oder vielmehr einer geräumigen Felsenspalte, die sich mehrfach verzweigte. Nur bei ganz ruhigem Wetter konnte man ohne Gefahr in der Nähe dieses Versteckes landen, und sollte dies unbemerkt von denen geschehen, die jeder Zeit darin weilten und auf den leisesten Laut, der ihnen verdächtig erscheinen mochte, lauschten, so konnte eine Überrumpelung mit einigem Erfolg nur bei dicker Nebelluft versucht werden.

Zur Ausführung dieses schwierigen Unternehmens schritt man in jener Nacht, wo die „Olga“ unfern der felsigen Küste ankerte. Die Überrumpelung gelang über Erwarten, sie kostete aber viele Menschenleben. Nur Wenige der Verbrecher wurden lebend ergriffen. [743] Torkel Veen allein entkam mit Marie Anne, die ihm gezwungen angehörte. Er flüchtete sich mit der Leidenden, tief Trauernden, die er bald durch seine ungestümen Liebkosungen, bald durch rohe Mißhandlungen quälte, auf ein finnisches Holzschiff, das nach Christiania bestimmt war. Es war von plumper Bauart, alt und leck, wie diese Fahrzeuge es häufig sind. Trotzdem hatte es sich auch bei schwerem Wetter immer ganz leidlich gehalten. War es nun diesmal zu schwer beladen oder achtete man zu wenig auf die lecken Stellen, die täglich gestopft werden mußten: genug, eines Nachts gewahrte die nur aus fünf Köpfen bestehende Mannschaft ein verdächtiges Schwanken. Zu spät entdeckte man, daß das Schiff Wasser zog, und immer tiefer in die Wogen sank. Man versuchte, es zu erleichtern, indem man über Bord warf, was gerade zur Hand war, die Ladung selbst blieb unzugänglich. Das Schiff legte sich bald zur Seite und verschwand spurlos in die Tiefe. Bei diesem Ereigniß kam Marie Anne um’s Leben. Veen trieb auf einer Tonne längere Zeit umher, und ward endlich von einer Nordlands-Yacht aufgenommen. Diese brachte ihn nach Bergen, und hier ließ er sich für den „Isaak“ heuern, der mit reicher Ladung nach Riga segeln sollte. Die Sturmnacht bei Skagenhorn bereitete auch diesem Schiffe den Untergang.

Marie Anne’s Besitz brachte dem verbrecherischen Veen kein Glück. Sie vergalt ihm seine Mißhandlungen mit der ungescheutesten Verachtung und mehr wie einmal, wenn sie seine rohe Heftigkeit nicht zu bändigen wußte, schreckte sie ihn mit der Drohung von sich: „Ich komme nach meinem Tode körperlich zu Dir, und verklage Dich vor Gott und Menschen!“

Torkel Veen war nach diesen Bekenntnissen wie gebrochen. Er verlangte, daß man ihn als Verbrecher seiner Regierung übergeben solle. Dazu jedoch hatte der Capitain der „Olga“ keine Lust. Er glaubte, ein ferneres Leben voll Gewissensbisse sei hinlängliche Strafe für seine Verbrechen. So legte denn Niemand Hand an ihn.

Die von den Fluthen dem Grabe entrissene Leiche Marie Anne’s ward gegen Sonnenuntergang zum zweiten Male in Gegenwart der ganzen Schiffsmannschaft der gestrandeten „Olga“ feierlich beerdigt. Niels Sturleson sprach über dem zweiten Grabe der Verstorbenen ein ergreifendes Gebet.

Torkel Veen wohnte dieser Bestattung der von ihm Geraubten nicht bei. Man sah ihn überhaupt niemals wieder. Wahrscheinlich stürzte er sich freiwillig in’s Meer und fand hier seinen Tod. Nach unserer Rückkehr in die Heimath führte ich Leonore als Gattin heim. Henricksen verschmerzte nach und nach den Verlust seiner Braut, er hat aber nie geheirathet. Im nächsten Sommer erhielt er das Commando auf einem Grönlandsfahrer. Ich wurde sein Steuermann, und wir sind in bester Freundschaft volle zehn Jahre lang auf demselben Schiffe in die Polargegend gefahren, bis es uns ein Sturm ebenfalls an der Küste von Skagen in Trümmer schlug.

Selten mag ein Erzähler so aufmerksame Zuhörer gehabt haben, als Capitain Petersen. Es unterbrach ihn Keiner, so lange er sprach; selbst wenn seine Zunge unversehens an einer unbequemen Sylbe hängen blieb, war auch nicht eine Lippe, die sich zum Lachen verzogen hätte.

Der wackere Mann ahnte nicht, daß er schon ein Jahr später in der nämlichen Gegend, wo der Schluß seiner Erzählung spielte, ebenfalls sein Grab im Schooße des Meeres finden werde.