Der Verdauungsapparat

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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Der Verdauungsapparat
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 232-235
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Vom Baue des menschlichen Körpers.
III.
Der Verdauungsapparat.

Essen und Trinken erhält den Leib! Aber dies geschieht nur dann, wenn wir richtig essen und trinken, und wenn das Genossene innerhalb unseres Körpers richtig verarbeitet wird. Dieser Verarbeitung, welche auch Verdauung, Digestion, genannt wird, stehen nun eine größere Anzahl von Organen (Verdauungsorganen) vor, welche zusammengenommen den Verdauungsapparat bilden, dessen Eingang der Mund, der Ausgang aber der After ist. – Zu den Digestionsorganen gehören: die Mund- und Rachenhöhle mit ihren Gebilden (a, b), die Speiseröhre (f), der Magen (k) und Darmkanal (r, t, v, x, y, z, tz), die Leber (o) und die Bauchspeicheldrüse (r). Von allen diesen Organen müssen gerade die wichtigsten, nämlich der Magen und der Darmkanal, das Meiste durch den Unverstand der Menschen leiden und deshalb laufen auch eine so große Menge von garstigen und mißmutigen Egoisten mit allerlei Unterleibsbeschwerden in der schönen heitern Welt herum. Spiegelt Euch an ihnen!

Was soll man nun aber essen und trinken, um das Richtige zu genießen? Diese Frage, lieber Leser, beantworte ich Dir nächstens ausführlicher; jetzt kannst Du nur einen kurzen Abriß von dem bekommen, was in Deinen Nahrungsmitteln sein muß, wenn sie Dich gehörig ernähren sollen. Gott hat bei Erschaffung unserer Erde die Einrichtung getroffen, daß alle lebenden oder beseelten Wesen, zu denen die Pflanzen, die Thiere und die Menschen gehören, so lange sie am Leben sind, fortwährend als Nahrungsstoff diejenigen Materien aus der Außenwelt in sich aufnehmen müssen, wenn sie nämlich ordentlich bestehen wollen, aus denen auch ihr eigener Körper zusammengesetzt ist. Der menschliche Körper besteht nun aber vorzugsweise aus Wasser, eiweißähnlicher Substanz (Eiweißstoff, Faserstoff, Käsestoff und Gallerte), Fett, Kochsalz, Kalk und Eisen. Also können für uns nur diejenigen Stoffe aus der Pflanzen- und Thierwelt richtige Nahrungsmittel sein, welche alle oder doch viele dieser genannten Materien in sich enthalten. Blos die Milch und das Blut besitzen nun aber alle diese Stoffe und deshalb könnte der Mensch auch von diesen Nahrungsmitteln allein recht gut leben, wie Du ja beim Säugling siehst. Dagegen enthalten alle übrigen Nahrungsmittel nur einen größern oder geringern Antheil von den Bestandtheilen des menschlichen Körpers und daher kommt es, daß wir bei unserm gewöhnlichen Essen und Trinken verschiedene Nahrungsmittel mit einander verbinden müssen, um das zum Leben nothwendige Material in der gehörigen Beschaffenheit und Menge in unsern Körper einzuführen. Solche Stoffe, welche alle oder viel von diesen Materialien in sich enthalten, nennt man nahrhafte; Milch und Blut sind sonach die nahrhaftesten Nahrungsmittel, an sie reihen sich dann das Ei (aber ja nicht etwa blos das Eidotter, sondern auch das Eiweiß) und das Fleisch, das Getreide und die Hülsenfrüchte; alle noch übrigen Nahrungsmittel haben nur wenig Nahrhaftes in sich. Man würde also sehr irren, wenn man glaubte, daß Kartoffeln, Austern, Eidotter, Sago, Salep, isländisches Moos, Arrowroot, Caraghen und dergleichen Stoffe für

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Die Gartenlaube (1853) b 233.jpg

a. Zunge. b. Schlund­kopf. c. Kehl­deckel. d. Kehl­kopf. e. Luft­röhre. f. Speise­röhre. g. Zwerch­fell. h. Rechte und i. linke Lunge. k. Magen. l. Magen­mund. m. Pförtner. n. Zwölf­finger­darm. o. Leber. p. Gallen­blase. q. Gallen­gang. r. Bauch­speichel­drüse. s. Milz. t. Gekrös­darm. u. Ueber­gang des Dünn­darms in den Dick­darm. v. Blind­darm. w. Wurm­fort­satz. x. Auf­steigen­der, y. Quer- und z. ab­steigen­der Grimm­darm. tz. Mast­darm.

[234] sich allein nahrhaft wären; dies ist durchaus nicht der Fall, und zwar deshalb nicht, weil diese Stoffe nur sehr wenige von den Materien in sich enthalten, welche unsern Körper zusammensetzen. So bestehen die Austern nur aus Eiweiß, das Eidotter größtentheils aus Fett, und die übrigen Stoffe haben auch nur die Zusammensetzung und den Nutzen des Fettes. Am häufigsten wird aber in unserer Diät darin gefehlt, daß man zu wenig von den Stoffen genießt, welche unser Körper zu seinem Wohlsein in ziemlich großer Menge bedarf und diese sind: Wasser, Kochsalz und Fett. Das letztere kann allenfalls durch einige andere Stoffe ersetzt werden, wie durch Stärke, welche sich fast in allen Pflanzenstoffen, vorzugsweise aber in der Kartoffel findet, durch Zucker, Alcohol, Gummi, Pflanzenschleim und Pflanzengallerte. Doch davon in einem spätern Aufsatze; jetzt zu den Verdauungsorganen und dem Verdauungsprocesse.

Die Verdauung beginnt mit der Vorverdauung, deren erster Akt die Aufnahme der Speisen und Getränke in die Mundhöhle ist. Die aufgenommenen flüssigen Stoffe werden sogleich, vermischt mit dem Schleime und Speichel der Mundhöhle, verschluckt und gelangen so durch die Speiseröhre in den Magen, die festeren dagegen unterliegen vorher einer Verkleinerung, dem Zerkauen. Während des Kauens, welches mit Hülfe von Muskeln zwischen den Kiefern durch die Zähne (s. Nr. 4 der Gartenlaube) geschieht, fließt aus 6, von der Seite und am Boden der Mundhöhle liegenden Drüsen (Speicheldrüsen) eine Flüssigkeit zu den Speisen, welche Speichel heißt und nicht blos die gekauten Stoffe befeuchtet, einweicht und zum Theil auflöst und so schmeckbar macht, sondern auch mit diesen verschluckt wird und dann im Magen die Stärke der pflanzlichen Nahrungsmittel in Zucker umwandelt. Nach dem Einspeicheln wird das Zerkaute (Bissen genannt) mit Hülfe der Zunge (a), indem sich diese an das Dach der Mundhöhle (den harten Gaumen) andrückt und dabei zugleich das Genossene schmeckt, hinterwärts gedrückt und gelangt so unter dem Gaumenvorhange (dem Zäpfchen) hinweg und zwischen den beiden Mandeln hindurch in den Schlundkopf (b). Hat der Bissen den hintersten Theil der Zunge, die Zungenwurzel passirt, so rutscht er über eine Klappe hinab in den Schlundkopf und von da in die Speiseröhre (f). Diese Klappe deckt beim Hinabschlucken des Bissens, was durch den glatten Schleim an der Wand der Speisewege erleichtert wird, die Oeffnung des Kehlkopfes (d) und der Luftröhre (e) zu, damit nicht etwa Stückchen des Genossenen in die falsche Kehle (d. i. in den Kehlkopf und die Luftröhre) kommen. Ist der Bissen auf diesem Wege in die Speiseröhre (f) gelangt, so wird er durch die Zusammenziehungen dieser fleischigen und stets geschlossenen Röhre, welche sich vom Halse aus hinter der Luftröhre, dem Herzen und den Lungen hinweg durch die Brusthöhle und durch eine Oeffnung des Zwerchfells (g) hindurch in die Bauchhöhle heraberstreckt, ganz allmälig hinunter in den Magen befördert und damit ist die Vorverdauung, welche aus der Aufnahme, dem Zerkauen, dem Einspeicheln und Verschlucken der Nahrungsmittel bestand, vollendet. Es folgt jetzt die

Magenverdauung oder Speisebreibildung (Chymification) und diese geht innerhalb des Magens vor sich. Der Magen (k) ist ein dudelsackförmiger, häutiger Sack, welcher hinter der Herz- oder richtiger Magengrube, mehr im linken Theile der Oberbauchgegend seine Lage hat und zwei Oeffnungen besitzt, von denen die eine mit der Speiseröhre zusammenhängt und Magenmund (l) heißt, während die andre aus dem Magen hinaus in den Darmkanal führt und Pförtner (m) genannt wird. Das Innere des Magens ist mit einer sammtähnlichen Haut (mit Schleimhaut) ausgekleidet, welche Schleim, zum Glatt- und Schlüpfrigmachen der Magenwand, und einen eigenthümlichen sauren Saft, den Magensaft, zum Auflösen und Verwandeln der festern eiweißartigen Nahrungsstoffe bereitet. Um die Schleimhaut außen herum liegt eine Fleischhaut, welche die Speisen, nachdem sich diese eine Zeit lang im Magen aufgehalten haben und in einen Brei (Speisebrei, Chymus) aufgelöst worden sind, allmälig (durch die sogenannten wurmförmigen Bewegungen) aus dem Magen durch den Pförtner hinaus in den Darm treibt. Während des Verweilens der Speisen im Magen, welches nach der Löslichkeit der Speisen längere oder kürzere Zeit, etwa 2, 4 bis 6 Stunden, dauert, wird ein Theil des Flüssigen (Wasser, flüssiges Eiweiß, aufgelöste Salze u. s. w.) von den Saugadern und Blutgefäßen der Magenwand aufgesogen und in das Blut geschafft. Der übrige feste Theil des Genossenen wird dagegen zu Speisebrei umgewandelt und hierbei löst der saure Magensaft nur die festen eiweißartigen Substanzen auf, während ein Theil der Stärke vom verschluckten Mundspeichel gelöst und in Zucker umgewandelt wird. Die fetten Stoffe erleiden im Magen keine Umwandlung. Die Luft im Magen rührt entweder von der Zersetzung der Speisen her oder wurde mit dem Speichel verschluckt; es ist gewöhnlich atmosphärische Luft, Kohlensäure und Wasserstoffgas. Ist der Speisebrei fertig und das Flüssige desselben zum Theil von den Gefäßen der Magenwand aufgesogen, so wird der Rest in den Darm geschafft und es beginnt die

Dünndarmverdauung, welche im obersten an den Pförtner des Magens grenzenden Theile des Darmkanales, im sogenannten Dünndarme ihren Sitz hat. Der enge oder Dünndarm, dessen innere Oberfläche ebenfalls mit sammtähnlicher Schleimhaut ausgekleidet ist und Schleim, so wie einen eigenthümlichen Darmsaft absondert, zerfällt in 3 Portionen, von denen die oberste der Zwölffingerdarm (n) heißt und deshalb von großer Wichtigkeit ist, weil sich in diesen Darm 2 Flüssigkeiten ergießen, welche mit dem Darmsafte gemeinschaftlich die weitere Verdauung des Speisebreies besorgen. Die eine dieser Flüssigkeiten ist die Galle, welche durch den Gallengang (q) aus der Leber (o) und Gallenblase (p) in den Darm gelangt. Die andere Flüssigkeit heißt Bauchspeichel und stammt aus der Bauchspeicheldrüse (r), welche hinter dem Magen, zwischen der Milz (s) und dem Zwölffingerdarme ihre Lage hat. Die zweite Portion des Dünndarmes, der Leerdarm, und die dritte der Krummdarm, ziehen sich in der Mitte des Bauches und Beckens unter dem Namen der Gekrösdärme (t) in schlangenförmigen Windungen herauf und herunter und endlich senkt sich der letztere in der rechten Unterbauchgegend in den Dickdarm ein (u). Innerhalb des Dünndarms gehen nun folgende Veränderungen mit dem, durch die wurmförmigen Bewegungen des Darmes langsam fortbewegten Speisebreie und zwar mit Hülfe der Galle, des Darmsaftes und [235] Bauchspeichels vor sich. Der Rest der eiweißartigen Nahrungsmittel, welche vom Magensafte nicht aufgelöst wurden, werden noch durch den Darmsaft flüssig gemacht; die im Speisebreie noch vorhandene Stärke verwandelt sich durch die Einwirkung des Bauchspeichels und des Darmsaftes in Zucker; die fetten Substanzen dagegen werden durch die Galle und den Darmsaft (vielleicht auch mit durch den Bauchspeichel) in so feine Partikelchen zertheilt, daß jetzt das flüssige Fett wie eine Mandelmilch aussieht. Auf diese Weise ist abermals wie im Magen ein großer Theil des Speisebreies, und zwar der gute lösliche, flüssig gemacht worden und kann nun als Speisesaft (Chylus) von den Saugadern der Dünndarmwand aufgesogen und durch die Gekrösdrüsen hindurch in das Blut geschafft werden, um dasselbe zur Ernährung des Körpers tauglich zu erhalten. Damit aber die Aufsaugung des Speisesaftes im Dünndarme recht lebhaft vor sich gehen könne, ist die Schleimhaut desselben mit unzähligen feinen Zotten besetzt, in denen Saugadern wurzeln. Je weiter der Speisebrei im Dünndarme herunterrückt, um so mehr wird natürlich der flüssige Speisesaft von den Saugadern herausgesogen und so gelangt endlich größtentheils Festes und Untaugliches in den Dickdarm. Daß die Nahrungsstoffe bei ihrem langsamen Durchrücken durch den Dünn- und Dickdarm nicht in Fäulniß übergehen, daran ist die Galle Schuld, welche auch noch zur Verdünnung des Speisebreies und zur Tilgung der Säure in demselben beiträgt. Ist der Rest des Speisebreies aus dem Dünndarme in den Dickdarm übergegangen, so nimmt nun die

Dickdarm- oder Nachverdauung ihren Anfang, bei welcher der Rest des Speisebreies allmälig die Beschaffenheit des Kothes annimmt. – Der weite oder Dickdarm beginnt unten in der rechten Seite des Bauches mit dem Blinddarm (v), an welchem sich ein regenwurmähnliches Anhängsel, der Wurmfortsatz (w) befindet, steigt dann in der rechten Seite des Bauches als aufsteigender Grimmdarm (x) bis zur Leber in die Höhe, läuft von hier als Quergrimmdarm(y) dicht unterhalb des Magens quer nach links zur Milz herüber und wendet sich nun in der linken Seite des Bauches als absteigender Grimmdarm (z) nach abwärts, um mit einer Sförmigen Krümmung in den Mastdarm (tz) auszulaufen, dessen Ausgang der After ist. – Der Rest des Speisebreies, welcher den Dickdarm passirt und endlich durch den Stuhlgang entfernt wird, besteht fast nur aus unlöslichen und nicht nahrhaften Bestandtheilen der genossenen Nahrungsmittel, so wie aus Darmschleim und zersetzter Galle. Je mehr also Jemand unlösliche Stoffe mit der Nahrung genießt, um so mehr Reste derselben muß er wieder ausleeren, während beim Genusse leicht löslicher und zum größten Theile aufsaugungsfähiger Stoffe der Stuhlgang nur sehr sparsam sein kann. Der eigenthümliche Geruch des Kothes, so wie die Luftentwickelung im Dickdarme rührt von der Zersetzung (Fäulniß) der Galle und der Nahrungsreste her. Sollte sich in dem Dickdarminhalte noch etwas Nahrhaftes befinden, so wird es durch den Dickdarmsaft aufgelöst und von den Saugadern weggesogen, um auch noch in das Blut geführt zu werden.

Hiernach ist die Einrichtung bei der Verdauung unserer Nahrungsmittel so getroffen, daß die eiweißartigen Substanzen durch den Magen- und Darmsaft, die fetten Materien durch die Galle und den Darmsaft, die stärkehaltigen Stoffe durch den Mund- und Bauchspeichel, so wie auch durch den Darmsaft aufgelöst und umgeändert, verdaut und dadurch zur Aufsaugung geschickt gemacht werden. Alle übrigen löslichen Bestandtheile der Speisen werden nur schlechtweg aufgelöst und aufgesogen, ohne vorher eine weitere Veränderung zu erleiden; die unlöslichen Reste der Nahrungsstoffe bilden zuletzt den Koth. Die Verdauung der drei hauptsächlichsten festen Ernährungsmaterien besteht aber darin, daß die festen eiweißartigen Substanzen in eine Art flüssigen Eiweißes (Pepton), die Stärke in Zuckerlösung, die Fette in eine Art Mandelmilch verwandelt und dann mit den übrigen aufgelösten Stoffen (Zucker, Salze) von den Saugadern als Speisesaft aufgesogen werden. Ein guter, das Blut und durch dieses den Körper gehörig ernährender Speisesaft, dessen Bereitung eben Zweck der Verdauung ist, kann demnach nur aus solchen Nahrungsmitteln gebildet werden, welche die Stoffe in sich enthalten, aus denen unser Körper zusammengesetzt ist. Von den Nahrungsmitteln wird deshalb der nächste Aufsatz handeln.

(B.)