Der Verein „Berliner Poesie“

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Max Ring
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Verein „Berliner Poesie“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 366–370
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[366]
Der Verein „Berliner Presse“.


Bei einer Vergnügungspartie, welche einige befreundete Berliner Schriftsteller im Sommer des Jahres 1862 unternahmen, wurde im Lauf der lebhaften Unterhaltung über den Mangel an Collegialität geklagt und zur Beseitigung dieses anerkannten Uebelstandes die Bildung eines Vereins vorgeschlagen, der hauptsächlich die persönliche Bekanntschaft und das gesellschaftliche Zusammensein der Betheiligten ohne Rücksicht auf die politische Stellung und Lebensrichtung vermitteln und befördern sollte.

Der glückliche Gedanke fand allgemeinen Anklang, und es bildete sich sogleich ein provisorisches Comité, welches einen Aufruf an alle namhaften Berliner Schriftsteller erließ und ein vorläufiges Statut entwarf. Schon am 20. August desselben Jahres traten zweiunddreißig Vertreter der Presse im Café Belvedere zusammen, fast sämmtliche Redacteure der größeren Zeitungen, verschiedene Dichter, Novellisten, Kritiker und Männer der Wissenschaft.

In kurzer Zeit wuchs die Zahl um das Doppelte, und die Gesellschaft blühte schnell empor. Die ersten Namen und die besten Kräfte, Männer wie Auerbach, Brachvogel, Frenzel, Glaßbrenner, Fontane, Rodenberg, Lindau, Julian Schmidt, Bernstein, Weiß und Zabel, Nationalökonomen und Statistiker wie Prince-Smith und Geheimrath Engel, Schulze-Delitzsch, der Vater der deutschen Genossenschaften, die Abgeordneten Duncker und Lasker, der leider zu früh verstorbene, hochbegabte Otto Lindner und der in Paris verunglückte Assessor Fischel. nächst Gneist der bedeutendste Kenner des englischen Rechts, zählten zu den hervorragenden Mitgliedern und Stiftern des Vereins der „Berliner Presse“.

Trotz der politischen und socialen Gegensätze waltete die schönste Eintracht, so daß man an demselben Tische die Mitarbeiter der conservativen „Kreuzzeitung“, den frommen Beuthner, den gemüthlichen Hesekiel neben dem Redacteur der „Volkszeitung“, dem geistvollen Bernstein und neben dem demokratischen Guido Weiß an den dazu bestimmten Abenden bei einem Glase Bier in freundschaftlichem Gespräche fand, nachdem sie sich am Tage tapfer angegriffen und rücksichtslos bekämpft hatten. Man freute sich der friedlichen Begegnung auf neutralem Boden, lernte sich persönlich kennen und rückte sich menschlich näher.

Leider wurde dieser paradiesische Zustand der ersten Monate, wo noch der Löwe friedlich neben dem Lamm weidete, nur zu bald gestört, indem die Feier zu Ehren des verstorbenen Uhland, welche von dem Vereine veranstaltet wurde, wegen der demokratischen Gesinnung des unsterblichen Dichters auf den Widerstand der feudalen Redacteure der „Kreuzzeitung“ stieß, weshalb auch die Mehrzahl derselben ausschied, obgleich sie der Gesellschaft ein durchaus freundliches Andenken bewahrte.

Auch sonst blieben vorübergehende Conflicte nicht aus, besonders hervorgerufen durch die verschiedenen Ansichten über die Zwecke und Ziele des Vereins, da viele Mitglieder außer der Förderung der collegialischen Geselligkeit mit Recht eine regere Wahrung der Standesinteressen und gegenseitige Hülfe und Unterstützung dringend verlangten. Die zu diesem Behufe gemachten Vorschläge einer unter dem Vorsitze des Geheimraths Engel ernannten Finanzcommission wurden zwar leider in ihrem zu weit gehenden Umfange nicht angenommen, legten aber, nachdem sie einige wesentliche, den Verhältnissen angepaßte Beschränkungen erlitten, den Grund zu einer wahrhaft segensreichen Thätigkeit des Vereins.

Zunächst wurde aus den Ueberschüssen der monatlichen Beiträge ein eiserner Fond für die Darlehns- und Unterstützungscasse gebildet, welche den in augenblicklicher Noth befindlichen Mitgliedern bei Krankheitsfällen und anderen Verlegenheiten eine willkommene Hülfe gewährten. Auch eine Sterbecasse wurde in der Weise begründet, daß jedes Mitglied bei eintretenden Sterbefällen einen Thaler zahlte, um die hinterbliebene Familie vor momentanen Sorgen zu bewahren.

In Anerkennung dieser wohlthätigen Zwecke des Vereins sah sich der frühere Besitzer der Modezeitung „Bazar“, Herr von Schäffer-Voit, bewogen, eine Summe von tausend Thalern der Unterstützungscasse des Vereins zuzuwenden und außerdem noch einen Jahresbeitrag von zweihundert Thalern fortlaufend zu zahlen. Auch Herr Verlagsbuchhändler A. Hofmann überwies dem Vereine bei dem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum des „Kladderadatsch“ ein Geschenk von fünfhundert Thalern. In derselben Absicht veranstaltete die Berliner Presse jährlich dramatische Vorstellungen, wobei die hiesigen Bühnenleiter, vor Allem aber der königliche General-Intendant Herr von Hülsen, sich durch ihre humane Bereitwilligkeit und freundliches Entgegenkommen ein unvergängliches Verdienst erworben haben.

Durch die von allen Seiten ihm so reichlich zufließenden Geldmittel sah sich der Verein in den Stand gesetzt, nicht nur seine Mitgliedern, sondern auch fremden verdienstvollen Schriftstellern, unter Anderen dem durch langjährige Krankheit gelähmten Beta und der Familie des genialen Otto Ludwig ansehnliche Summen zukommen zu lassen, so wie sich an den Sammlungen für mehrere, besonders hervorragende noch lebende Dichter mit bedeutenden Gaben zu betheiligen.

Zugleich beschäftigte sich der Verein mit all den wichtigen Fragen und Angelegenheiten, welche die Standesinteressen, besonders [367] die Freiheit der Presse, betrafen, indem er direct und indirect theils durch die ihm zu Gebote stehenden Organe der Oeffentlichkeit, theils durch seine Eingaben und Petitionen bei dem Bundeskanzleramt und dem Reichstag auf die Gesetzgebung einzuwirken suchte. In demselben Sinn wurde, hauptsächlich auf Auerbach’s Anregung, ein Glückwunschschreiben zur Inauguration des Präsidenten der Vereinigten Staaten, an den General Grant erlassen und derselbe darin zum Schutz des geistigen Eigenthums aufgefordert.

Außerdem ließ der Verein keine Gelegenheit vorübergehen, um die Koryphäen der Kunst zu feiern. Dem dänischen Dichter Andersen und dem Sänger inniger Lieder, Dr. Kletke, wurde zu ihren Jubiläen, Gutzkow zu seinem Geburtstag gratulirt, das Grab Kaulbach’s mit Blumen geschmückt und auf die Särge Freiligrath’s und Anastasius Grün’s der wohlverdiente Lorbeer niedergelegt.

In demselben Maße, wie sich seine innere und äußere Thätigkeit entwickelte, wuchs auch die Bedeutung und das Ansehen des Vereins „Berliner Presse“. Gegenwärtig zählt dieselbe über hundert Mitglieder; an der Spitze steht ein Vorstand, der aus dem ersten und zweiten Präsidenten, dem jedesmaligen Cassirer und Schriftführer gebildet wird. Derselbe leitet die laufenden Geschäfte, beruft die Versammlungen, bewilligt kleinere Unterstützungen und verwaltet das Vermögen des Vereins, das bereits auf fünfundvierzigtausend Mark angewachsen ist. Die Sitzungen finden wöchentlich am Mittwoch in dem Local des Berliner Künstlervereins statt, mit dem die Presse im innigsten Cartel steht und ein freundschaftliches Abkommen wegen Ueberlassung der demselben gehörigen Räumlichkeiten getroffen hat.

In diesen regelmäßigen Sitzungen wird die jedesmalige Tagesordnung erledigt, über die sich zur Aufnahme meldenden Candidaten eine oft recht lebhafte Debatte geführt und den Anwesenden die Gelegenheit zu einer freundlichen Annäherung und gemüthlichen Unterhaltung geboten. Ungefähr alle vier Wochen versammeln sich die Mitglieder des Vereins zu einem gemeinschaftlichen Abendessen, woran auch Gäste Theil nehmen dürfen. Bei diesen meist stark besuchten Zusammenkünften herrscht, trotz der unvermeidlichen Discussionen und des Zusammenprallens der Geister, eine erfreuliche Collegialität und gemüthliche Heiterkeit.

Neben manchem ernsten, gediegenen Worte fehlt es auch nicht an Witz und Humor, wie sich das in einer Gesellschaft von selbst versteht, wo die Ritter des Geistes Auerbach und Gutzkow, ferner Karl Frenzel und Paul Lindau, Stettenheim und Löwenstein zuweilen eine Lanze brechen.

Von Zeit zu Zeit veranstaltet auch die Berliner Presse sogenannte Festabende, welche durch die Anwesenheit der Damen einen besonderen Reiz erhalten. Ein solches Fest stellt das Bild unseres Zeichners dar, das die hervorragendsten Mitglieder des Vereins mit möglichster Portraitähnlichkeit wiedergiebt. In dem eleganten, hell erleuchteten Saal des „Hôtel de Rome“ erblicken wir die Vertreter der Berliner Literatur, wenn auch nicht in gewünschter Vollständigkeit, da wir aus verschiedenen Gründen manches theuere Haupt, vor Allen Karl Frenzel, den geistvollsten Essayisten und Dichter mit seiner liebenswürdigen Gattin, Fontane, den Sänger der Mark, und den augenblicklich in Marokko für maurische Schönheiten schwärmenden Ludwig Pietsch vermissen.

Unter den Anwesenden macht sich zunächst Berthold Auerbach, der berühmte Dichter der Dorfgeschichten, bemerkbar. An der gedrungenen Gestalt, und dem gebräunten Gesicht scheinen die Jahre spurlos vorübergegangen zu sein und ihm weder die Frische des wie ein unerschöpflicher Quell sprudelnden Geistes, noch seine dichterische Schöpferkraft und seine gesellschaftliche Liebenswürdigkeit geraubt zu haben. Noch immer verschwendet er in der Unterhaltung Schätze, von denen andere Schriftsteller ein Jahr leben und aus denen sie dicke Bücher machen würden. Mit Recht preist Friedrich Spielhagen in seinem prächtigen Gedicht zum fünfundsechszigsten Geburtstage Auerbach’s die ewige Jugend des Poeten:

Und zählt man fünfundsechszig Jahr,
Gehört man zu den Alten.
Nun, Alter Du mit grauem Haar,
Du hast Dich gut gehalten;
Das Aug’ so frei, der Sinn so frisch
Wie Vogelsingen im Gebüsch –
Du magst noch lange walten.“

In Auerbach’s Nähe unterhält sich Julius Stettenheim, der witzige Redacteur der Berliner „Wespen“, mit einigen schönen Damen so harmlos und liebenswürdig, als ob er kein Wässerchen trüben könnte, obgleich er den Schalk im Nacken hat. So leicht wird kein Mensch an dem feinen, zierlichen und galanten Herrn den scharfen Stachel der Wespen heute entdecken, den er übrigens an der rechten Stelle mit großer Grazie und vielem Tact zu gebrauchen versteht. – Dicht neben Stettenheim hat der freundliche Zeichner dem Verfasser zahlreicher Romane und auch dieses Artikels einen unverdienten Platz im Vordergrund angewiesen. In einiger Entfernung von ihm lehnt sich Schmidt-Cabanis, der Redacteur der Glaßbrennerschen „Montagszeitung“ und humoristische Dichter „zoolyrischer Ergüsse“, an eine Säule, im Begriff, die reizende Frau eines bekannten Collegen zu einer Quadrille zu engagiren, während Rudolf Löwenstein, der würdige Vertreter des Kladderadatsch und Dichter reizender Lieder, über einen geistvollen Toast nachzudenken scheint, den er sicher unter allgemeinem Beifall und schallendem Gelächter bei Tisch ausbringen wird.

Der Herr an seiner Seite mit dem gelockten Haar, dem blonden Schnurrbarte und dem charakteristischen Gesicht ist Brachvogel-Narciß, der beim Anblick seines holdseligen Töchterleins die geschminkte Pompadour vergißt und sich nur als glücklicher Vater fühlt. Da sitzt auch Albert Traeger, der Dichter der „Gartenlaube“, als Gast der Presse, in der er sich durch sein poetisches Talent und seine persönliche Liebenswürdigkeit schon längst das literarische und gesellschaftliche Bürgerrecht Berlins erworben hat. Hinter ihm steht Guido Weiß, einer der bedeutendsten Publicisten und Herausgeber der „Wage“, der Freund und geistige Erbe Johann Jacoby’s, dessen Grundsätze und ehrenhafte Ueberzeugungstreue er theilt, gefürchtet wegen seines scharfen Sarkasmus, geachtet wegen seines festen Charakters und geliebt von seinen Freunden und Collegen wegen seiner Gutmüthigkeit. Sein Nachbar mit den langen Haaren und dem grauen Barte ist der einflußreiche Redacteur der „Vossischen Zeitung“, Dr. Hermann Kletke, der in seiner Person den gefeierten Lyriker und geistreichen Publicisten vereint. Die zwischen den beiden alten Freunden hervorblickende Dame schreibt unter dem Namen Veronika von G. von den Leserinnen des „Bazar“, bewunderte Artikel über die Mode, welche sich durch Grazie und Feinheit vortheilhaft auszeichnen.

Im Hintergrunde bewegt sich Julius Schweitzer von der „National-Zeitung“, die unersetzliche Stütze und der Cassirer des Vereins, der das Vermögen der „Presse“ mit ebenso großer Umsicht wie echter Humanität bei allen Unterstützungen verwaltet. Unter dem flammenden Kronleuchter sieht man den bescheidenen Liebetreu, den Verfasser kleiner, anmuthiger Genrebilder, den frühern Redacteur des „Sonntagsblattes“, jetzt bei der „Post“ beschäftigt, in Gesellschaft des Redacteurs der „Romanzeitung“, Robert Schweichel, dessen „Bildschnitzer vom Achensee“ zu den besten Erzählungen der Gegenwart gezählt wird, wie die drei schnell auf einander folgenden Auflagen zeigen.

Mitten in dem Gewühle der Tänzer ragt die hohe männliche Gestalt Elcho’s hervor, der das Feuilleton der „Volkszeitung“ mit Geschick redigirt und seine genaue Kenntniß Amerikas, wo er längere Zeit gelebt, in einer Reihe interessanter Artikel, Skizzen und Romane zu verwerthen weiß. Still vergnügt, beobachtet Dr. Klee von der „Post“ die an ihm vorüberschwebenden Paare, froh, wenigstens für den Abend die schwere Last abwerfen zu dürfen, die auf seinen tüchtigen Schultern ruht.

Vor Allen aber tritt aus dem Bilde heraus Paul Lindau, der Mann der „Gegenwart“ und des „Erfolges“, der hier an der Seite seiner reizenden Frau, der Tochter des unvergeßlichen Kalisch, so freundlich erscheint, daß Niemand dem heitern, wirklich von Herzen höchst gutmüthigen Collegen die so gefürchteten „literarischen Rücksichtslosigkeiten“ zutraut, wenn auch das kluge Gesicht, die hinter dem goldenen Kneifer scharf beobachtenden Augen und der feine, zuweilen ironisch lächelnde Mund den geborenen Satiriker unwillkürlich verrathen. Hart daneben erscheint Georg Hiltl, ebenso geschätzt als Schauspieler wie als Romanschriftsteller und Historiker, dessen Vielseitigkeit überall gerechte Anerkennung findet. Die drei Herren, welche die letzte Gruppe abschließen, sind Max Remy, der unparteiische und gediegene Kritiker der „Vossischen Zeitung“, der beliebte Erzähler

[368]
Die Gartenlaube (1877) b 368.jpg

Schmidt-Cabanis.       Rudolf Löwenstein. Brachvogel.       Guido Weiß.       Kletke.       Frau Elcho. J. Schweitzer.       Max Ring.             Liebetreu.       Frau Klee und Elcho.       Klee. Schweichel.       v. Seydlitz.       Georg Hitl.       Streckfuß. Remy.       Rodenberg.
                  Albert Traeger.       Frl. Ehrenberg.       Auerbach. Stettenheim.             Dumas                   Lindau und Frau. Lina Morgenstern.       Frau Schweichel.
                  Frau Stettenheim.                                     Frau Remy. Frau Glasbrenner.


Ein Festabend des Vereins „Berliner Presse“. Originalzeichnung von Knut Ekwall.

[370] und Stadtverordnete Streckfuß, und last but not least Julius Rodenberg, der Redacteur der so rasch emporblühenden „Deutschen Revue“. Den Schluß bilden die drei geistreichen Damen, Frau Remy, Schweichel und Glaßbrenner-Peroni[WS 1], die berühmte Lehrerin der dramatischen Kunst, aus deren Schule die ersten Talente unserer Zeit, Frau Charlotte Wolter, Seebach, Gabillon etc. hervorgegangen sind.
Max Ring.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Glaßbrenner-Paroni