Der Weihnacht Engel
Der Weihnacht heil’ge Glocken sind verhallt,
Verloschen sind die hellen Freudenkerzen; –
Doch schwebt vom Himmel noch die Lichtgestalt
Der Weihnachtsengel uns zu freud’gen Herzen.
Die Liebe, die – noch eh’ das Jahr entfloh’n –
Versammelt uns um festlich grüne Zweige,
In aller Herzen ist ihr ew’ger Thron,
Daß segnend sie zum neuen Jahr sich neige.
Und noch umtönt uns laut der Engel Chor:
„Gott sei die Ehre und der Erde Frieden!“ –
Und immer dringt’s noch weihend uns zum Ohr:
„Sei Wohlgefallen aller Welt beschieden!“
Nun denn! die Engel, die in heil’ger Nacht
Vom Himmel einst zur Erde niederstiegen,
Sie sind uns treu, und halten fromme Wacht,
Die Liebe führend zu den schönsten Siegen.
Ihr Reden ist noch immer heil’ger Chor;
Sie reden durch der Töne Zauberschwingen,
Um so, durchjubelnd unser Menschenohr,
Zum Herzen uns, dem göttlichen, zu dringen.
Und wo sie wohnen? Schaut auf Erden um!
Die Mannesbrust übt Ringen und Erstreiten;
D’rum in der Frauenherzen Heiligthum,
Da wohnen sie, ein Segen allen Zeiten.
Gar harter Bodenist des Lebens Bahn;
Des Mannes Kraft will ihn zur Ernte führen;
Und sinnig knüpft die Frau ihr Wirken an:
Die Garben uns mit Blüthenkranz zu zieren.
So von der Scholle zur allwaltenden Natur,
Von Sorgen so zu freudigem Genießen
Führt edler Frauenherzen Segensspur,
Und: „Fried’ auf Erden!“ tönt’s im Wort, dem süßen.
Der Engel Bild? O, schaut ein Kindlein an!
Ihr nennt es kosend recht schon einen Engel;
Schaut ihm in’s Auge, fühlt der Händlein Nahn,
Sein munt’res Regen sühnt viel Erdenmängel.
Im Lallen grüßt’s, das keiner Sprache Laut;
Doch ob die Mutter nicht solch’ Lall’n verstände?
Des Kindes Ruf tönt wie ein Spruch so traut,
Der uns auf’s Neu’ der Engel Chor verbände.
D’rum was Er sprach, von dem in heil’ger Nacht,
Als Heiland uns, die Menschenwelt vernommen,
Es mahnt noch fort und fort mit Liebesmacht:
„Die Kindlein laßt, die Kindlein zu mir kommen!“
Sie nahen uns mit unschuldsvollem Blick,
Als bäten sie mit rührender Geberde:
„O, drängt den Engel nicht in uns zurück,
Daß aller Welt ein Wohlgefallen werde!“ –
Doch sieh, wie in der Krippe Er als Kind,
Von Linnen dürftig nur umhüllt, gebettet,
Er, der aus Menschensatzungs Truggewind
Zu gläub’ger Lieb’ auf weig und gerettet –
So harren Viele, hier und dort, der Hand,
Die ihrer Niedrigkeit sich mild erbarme,
Und sie, den Engeln wie einst wir, verwandt,
Zurückgeleit’ in Gottes Vaterarme.
Die Eltern stehn, gebeugt von Sorgen tief,
Hinausgerufen von des Tag’s Geschäften,
Das Kind, das Gott für sie in’s Leben rief,
Zu pflegen, – liegt nicht in der Liebe Kräften.
Viel tausend Elternzähren rinnen heiß
Oft auf den Liebling, den sie früh verlassen;
Viel Herzen, seufzend bei der Stirnen Schweiß;
Sie kehren sich vom Lieben wohl – zum Hassen.
Schaut in die Hütten, seht der Kindlein Loos!
Und zu den Eltern tretet – mit Erschrecken
Wird euer Herz auch wilde Rohheit blos
In Wort und That Gesunkener entdecken.
Da mahnt das Wort des Herrn uns dreifach laut:
„Die Kindlein laßt, die Kindlein zu mir kommen,
Denn ihrer ist das Himmelreich!“ – und schaut,
Allüberall regt sich die Hand der Frommen.
Daß nicht der Leib, und daß die Seele nicht,
Die göttliche, von rechter Bahn sich kehre,
Sorgt treue Hülfe, daß es nicht gebricht,
Des Ruf’s gedenk:„Gott in der Höh’ sei Ehre!“
Und daß nicht Eltern, die von Sorg’ erschlafft,
Der Herzenskampf zum Lebenshader werde,
Bringt treue Hülfe segnend ihre Kraft,
Den Ruf erfüllend: „Friede sei der Erde!“
Und, o des Glücks! Die Liebe hat gesiegt!
Gesund an Leib, mit froh geweckten Sinnen
Sieht Tausende, die frühe Noth gewiegt,
Sie ihre Bahn zu fern’rem Heil beginnen.
Und die sonst oft all’ frommer Sitte Hohn,
Die sonst verkümmert an des Leibes Gliedern,
Sie können nun – o welcher Liebeslohn! –
Ihr Lebenlang der Guten That erwiedern.
Und wird ihr Wandel von der Welt geehrt,
Wenn sonst dem Abscheu wär’ ihr Thun verfallen, –
Sie segnen uns, daß sich der Ruf bewährt:
„Dem Menschen sei fortan ein Wohlgefallen!“
Und edle Frauen auch in uns’rem Kreis,
In deren Herzen holde Engel wohnen,
Sie wollen still zu Myrth’ und Epheu’s Reis
Das Haupt sich zieren mit der Palmen Kronen.
Manch’ Kindlein, das als uns’res zu uns fleht,
Will ihre Hand aus trüben Lebensmorgen
Mit Liebe führen, hegend früh und spät,
Daß vieler Eltern Kummer sei geborgen.
Ihr Herz zum Wohlthun hat sich längst geregt,
Die Hand ist zum Vollbringen schon erhoben;
Nun ist’s Euch Allen fromm an’s Herz gelegt,
Vertrauensvoll, daß Segen komm’ von Oben.
Ihr Frauen all, die Kindheits Wohl beglückt,
O tretet ein in solcher Edlen Reihen!
Ihr Männer all, die Frauensinn entzückt,
Wollt euren Schutz durch kräft’ge That verleihen.
Horch! Harmonieen, d’rin der Engel Chor
In heil’ger Nacht der Erde sich verkündet,
Sie dringen heut’ noch mild zu uns’rem Ohr, –
All’ Harmonie’n ist Engels Spruch verbündet.
So tönet denn, bewegend Herz um Herz,
Und seid, wie ihrer Bringer, uns gepriesen;
Doch Eins vor Allem kling’ in edlem Erz:
„Was ihr den Kindern thut, habt ihr dem Herrn erwiesen!“
[5] Von dem geehrten Frauen-Verein zu Radeberg ist die Begründung einer Kleinkinderbewahranstalt beabsichtigt, und war zur Unterstützung dieses Zweckes eine musikalische Abendunterhaltung am 17. Januar 1852 veranstaltet. Für diese Gelegenheit ward das nachfolgende Gedicht verfaßt und zur Einleitung der dem wohlthätigen Unternehmen geltenden Sammlung gesprochen. Möge das Wort überall, wo es für das Wohl der armen Kleinen sich erhebt, freundliche Herzen finden und von reichem Erfolge gesegnet sein.
Radeberg, im Januar 1852.