Der Wolfstein

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Textdaten
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Autor: Johann Karl Christoph Nachtigal
unter dem Pseudonym Otmar
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Titel: Der Wolfstein
Untertitel:
aus: Volcks-Sagen, S. 273–276
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1800
Verlag: Wilmans
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Erscheinungsort: Bremen
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Wolfstein.

Bei dem magdeburgischen Dorfe Eggenstedt, das unweit Sommerschenburg und Schöningen liegt, erhebt sich, auf dem Anger nach Seehausen zu, ein großer Stein, den das Volk den Wolfstein nennt, und sich dabei folgende Sage erzählt.


„In und an dem Brandsleber-Holze, das sonst mit dem Hakel und dem Harz zusammenhing, hielt sich vor langer, langer Zeit ein Unbekannter auf, von dem man nie erfahren hat, wer er war, und woher er stamme. Inzwischen kümmerte dies die meisten Bewohner dieser Gegend nur wenig, da er unter dem Namen des Alten überall bekannt war, und öfters, ohne Aufsehn zu erregen, in die Dörfer kam, um seine Dienste anzubieten, die er auch zur Zufriedenheit der Landleute verrichtete. Besonders pflegte er die Hütung der Schaafe zu übernehmen, wenn die Schäfer, wegen der Schaafschur oder anderer Hindernisse, einen Gehülfen brauchten. Und so sah man den Alten bald bei dieser Heerde, bald bei jener.

In der Heerde des Schäfers Melle zu Neindorf fiel einst ein niedliches buntes Lamm. Der Unbekannte bat den Schäfer dringend, ihm dieses zu schenken, und wiederholte die Bitte alle Tage, aber vergebens. Es kam der Tag der Schur, und Melle brauchte die Hülfe des Alten. Mit Freuden hütete er seine Heerde. Aber, als Melle wieder zu ihr zurücke kam, fand er weder sein geliebtes buntes Lamm, noch den Alten, alles andere aber in Ordnung.

Der Unbekannte war verschwunden, und keiner wuste, wo er war. Nach geraumer Zeit stand er ganz unerwartet vor dem Schäfer Melle, der im Kattenthal seine Heerde weidete. „Guten Tag, Melle! Dein buntes Lamm läßt dich grüßen;“ rief er ihm zu. Ueber diesen hönischen Zuruf ergrimmte der Schäfer, und griff nach seinem gekrümmten Hirtenstabe, um den endlich gefundenen Räuber zu strafen.

Plötzlich aber wandelte der Unbekannte seine Gestalt, und sprang ihm als Währwolf entgegen.

Erschreckt über den furchtbaren Feind verlor Melle die Fassung. Aber seine Hunde stürzten wütend auf den Wolf ein, der, nach langem Kampf, endlich die Flucht nahm. Durch Wälder und Thäler verfolgten sie ihn unablässig, bis sie ihn in der Gegend des Dorfs Eggenstädt aufhielten. Melle, der sich von dem ersten Schrecken erholt hat, folgte der Spur, und rief dem Währwolf, als er ihn von seinen Hunden umringt sah, mit furchtbarer Stimme zu: Nun sollst du sterben!

Da stand urplötzlich der Alte in Menschengestalt vor ihm, bat ihn, seiner zu schonen, schwur, nie wieder ein Lamm oder ein Schaaf zu rauben, und erbot sich zu jedem Ersatz. Doch nichts rührte den Ergrimmten. Wütend stürzte er ein auf ihn mit seinem Hakenstock, und – verschwunden war der Unbekannte. Es stand vor ihm ein plötzlich aufsprießender Dornstrauch.

Auch in dieser Gestalt verschonte ihn der Rachsüchtige nicht. Grausam zerhieb er die Zweige des Dornbusches, und wollte das zerknikte Gesträuch ganz vernichten. Noch einmal wandelte der Unbekannte sich in einen Menschen um, und flehte um sein Leben. Aber, der Hartherzige blieb unerbittlich. Da wollte er als Währwolf entfliehen; doch, ein Streich von des wütenden Melle Hand streckte ihn todt zur Erde.

Noch jetzt bezeichnet eine Felstrümmer den Ort, wo der Währwolf fiel und beigescharrt wurde, und heißt auf ewige Zeiten: der Währwolfsstein.“