Der erste Globenverfertiger

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Textdaten
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Autor: L. O.
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Titel: Der erste Globenverfertiger
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 158-159
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der erste Globenverfertiger.
Von L. O.

Unter allen Städten des deutschen Reiches ragt Nürnberg, die freie Reichsstadt, im Mittelalter am weitesten hervor durch die Bildung und den Kunstsinn seiner Bewohner, durch seine Industrie und seinen Welthandel und durch die Institutionen, womit es sich selbst zu schützen verstand, sowohl gegen fürstliche Anmaßungen, als gegen die Frechheiten der umwohnenden Raubritter. Schon seit 1219 war Nürnberg zur freien Reichsstadt erhoben worden, und eine Urkunde Kaiser Friedrich II. befestigte ihr das Recht, keine anderen Schutzherren zu haben, als die römischen Könige und Kaiser. Eben so hatte sie das Recht, sich nach einer selbstgewählten republikanischen Verfassung selbst zu regieren, und verdankt dieser, gleich anderen Städten des Mittelalters, ihre Blüthe. Die Stadt hatte über 100,000 Einwohner und herrschte über ein Gebiet von 25–30 Quadratmeilen.

Diese an regem Eifer auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des Handels und der Industrie so reiche Stadt, deren Bewohner Jahrhunderte hindurch „die Unverdrossenen“ hießen und von der das Sprüchlein lautete:

„Nürnberger Hand
Geht durch’s ganze Land,“

war auch die Vaterstadt eines Mannes, der eng mit jener großen Epoche verflochten ist, die den Ausgang des Mittelalters bezeichnet, und dessen Name oft zu nennen vergessen wird, wo man die portugiesischen, spanischen und italienischen Namen jener kühnen Seefahrer nennt, denen doch der deutsche Mann der Wissenschaft Martin Behaim ein ebenbürtiger Genosse war.

In der Mitte von zwei gänzlich verschiedenen Bildungsstufen sehen wir im fünfzehnten Jahrhundert gleichsam eine Zwischenwelt, die zugleich dem Mittelalter und der neueren Zeit angehört. Das fünfzehnte Jahrhundert ist das Zeitalter hervorstechender Entdeckungen in dem Raume, neuer Wege, die den Verbindungen der Völker dargeboten wurden. Wenn für die Bewohner unseres alten Europa dies Jahrhundert einerseits, wie Alexander von Humboldt sagt, die Werke der Schöpfung verdoppelt hat, so läßt sich von der andern Seite nicht leugnen, daß die nähere Berührung mit einer so großen Masse von neuen Gegenständen mächtige Triebfedern den Verstandeskräften darbot und fast unmerklich Meinungen, Gesetze und staatsrechtliche Verhältnisse der Völker durchgreifenderen Veränderungen unterwarf. Niemals hat eine rein die Körperwelt betreffende Entdeckung durch Erweiterung des Gesichtskreises eine größere und dauerndere Veränderung in geistiger Beziehung hervorgerufen, als die, durch welche der Schleier gehoben ward, hinter welchem Jahrtausende hindurch die andere Hälfte der Erdkugel verborgen gelegen hatte – und wir wollen es nicht vergessen, daß es auch eine deutsche Hand war, die diesen Schleier mit heben half!

Das Verdienst des großen Columbus wird nicht im Geringsten geschmälert – so dürfen wir mit Alexander von Humboldt weiter sagen, der auch dem deutschen Landsmann zu seinem Recht verholfen hat – wenn man an jenen Zusammenhang von Meinungen und Vermuthungen erinnert, welche man, von den Kosmographen des Alterthums an bis zum Schlusse des funfzehnten Jahrhunderts, trotz der angeblich allgemeinen Finsterniß, die das ganze Mittelalter bedeckt haben soll, wahrnimmt. Diese Finsterniß erstreckte und verbreitete sich allerdings über die Massen, aber in den Klöstern und gelehrten Schulen bewahrten Einzelne die Ueberlieferungen des Alterthums. In jeder einzelnen Epoche des Völkerlebens erkennt man, daß Alles, was mit den Fortschritten der Vernunft, mit der Vervollkommnung der Intelligenz im Zusammenhange steht, tiefe Wurzeln in den vorhergehenden Jahrhunderten hat; die Eintheilung in Zeitalter führt oft zur Trennung von Erscheinungen und Thatsachen, die durch gegenseitige Verkettung in Verbindung stehen. Oft haben in einzelnen hervorragenden Geistern große Ideen inmitten einer scheinbaren Unthätigkeit gekeimt – und im Verlauf einer ununterbrochenen, aber gleichsam auf einen geringen Raum beschränkten geistigen Entwickelung verdanken oft die merkwürdigsten Entdeckungen fernen und kaum bemerkten Anregungen ihren Ursprung.

Martin Behaim und Christoph Columbus wurden in demselben Jahre 1436 geboren und starben Beide im Jahre 1506.

Zu den rathsfähigen Geschlechtern von Nürnberg gehörte auch das der Behaim, obwohl es nicht aus Nürnberg selbst stammte. Es war das altadelige Geschlecht der Herren von Schwarzbach, die in Böhmen, im Kreise Pilsen, an der Schwarza wohnten. Die Familie hatte sich schon vor länger als einem Jahrhundert um der Religion willen aus Böhmen nach Nürnberg gewendet und führte seitdem den Namen Behaim von Schwarzbach, ja, der letztere ward bald ganz weggelassen. Bereits war ein Meistersänger, Michel Behaim, diesem Geschlecht entsprossen, dessen meisten Söhne aber Kaufleute waren. Auch die erste deutsche Uebersetzung der Bibel ward von einem Matthias Behaim 1343 angefertigt und befindet sich noch heute in der Bibliothek des Paulinercollegiums zu Leipzig. Die Behaim besaßen mehrere Häuser in Nürnberg, noch heute zeigt man das in der Zistelgasse, in dem wahrscheinlich Martin geboren ward. Anfangs ward er dem Handelsstande bestimmt, aber die nur kaufmännischen Rechnungen erweiterten sich ihm zu mathematischen, und er beschäftigte sich um so mehr mit dieser Wissenschaft, als in Nürnberg dergleichen Instrumente von kunstfleißigen Händen am besten gefertigt wurden. 1457 reiste er nach Venedig in Geschäften des Tuch- und Specerei-Handels, den schon seine Vorfahren, Albrecht und Fritz Behaim, dahin getrieben hatten. In Venedig eröffnete sich ihm eine neue wunderbare Welt! Er sah zum [159] ersten Male das Meer, sah die Flaggen fremder Nationen, sah die Schiffe der kühnen Seefahrer ankommen und wieder hinaussteuern in das unsichere Element – und in seinem Herzen regte sich die Sehnsucht mächtig, auch so das Meer zu befahren, nach fremden Ländern und südlicheren Zonen zu steuern.

Er kehrte zwar wieder nach Nürnberg zurück, aber die gewonnenen Eindrücke blieben ihm unverlöschlich, und er beschäftigte sich nun fast ausschließlich mit der Mathematik und der Herstellung nautischer Instrumente. Trefflich kam es ihm dabei zu statten, daß Johannes Regiomontanus, der berühmte Mathematiker Müller von Königsberg in Franken, nach Nürnberg gezogen war und daselbst von 1471–1475 lebte; einmal, weil auch er hier die geschicktesten Hände fand, nach seinen Zeichnungen seine Instrumente auszuführen, und weil man in Nürnberg überhaupt neben den Interessen des Handels auch einen offenen Sinn für die Bestrebungen der Wissenschaft bewahrte. 1475 reiste er nach Italien ab, und zwei Jahre darauf finden wir Martin Behaim von 1477–1479 auf der Reise nach Mecheln, Antwerpen und Wien.

1480 ging er nach Lissabon, und wenn es auch zunächst Handelsgeschäfte waren, die ihn so in der Welt herum und auch dorthin führen, so fühlte er sich doch in Lissabon doppelt gefesselt durch das große Weltleben und die Pläne neuer Schifffahrts- und Handelswege, von denen eben damals die Rede war. Hier, wo unter König Johann II von Portugal Diego Cam 1481 eine Expedition nach Afrika unternimmt und Christoph Columbus sich mit Riesenplänen trägt, über welche die sich klug dünkenden Gelehrten mitleidig lächeln – hier fühlte sich auch Martin Behaim von dem Drange erfaßt, mit eigenen Augen zu sehen, was er berechnen konnte, und sich auf offener See von der Nützlichkeit seiner Instrumente zu überzeugen. Und so segelte er als Steuermann und Kosmograph mit Diego Cam 1484 ab, um mit seinem Astrolabium Versuche anzustellen.

Die Reise dauerte neunzehn Monate. Sie segelten nach der Mündung des Rio Zaire oder Congoflusses, welcher anfänglich den Namen Rio Pedrao von einem Pfeiler erhielt, der als Wahrzeichen der Besitznahme aufgerichtet ward. Er unternahm die Reise, wie er selbst sagt, auf Befehl des Königs Johann II., wobei er ein Mitglied der von ihm ernannten Commission war, deren Auftrag darin bestand, ein Astrolabium anzufertigen, Declinationstafeln für die Sonne zu berechnen und die Seeleute zu lehren, sich auf ihren Seefahrten nach der Sonnenhöhe zu richten, denn, wie ein zeitgenössischer Schriftsteller sagt: „die Portugiesen fühlten die Nothwendigkeit nicht, furchtsam die Küsten zu verfolgen, sondern mit Hülfe der Beobachtung des gestirnten Himmels die hohe See zu suchen.“ Behaims Astrolabium bestand aus einem in einzelne Grade eingetheilten Ringe, der, an einem kleinen Ringe aufgehängt – bei der Seefahrt an einem Schiffsmast befestigt – eine verticale Lage einnahm und mittelst eines sich um den Mittelpunkt drehenden Lineals (Alhidade) zu den Messungen gebraucht ward.

Die beiden Aerzte des Königs Johann, Meister Rodrigo und Meister Joseph, letzterer ein Jude, die in dieser Commission mit Martin Behaim an der Construction des Astrolabiums für den Schifffahrtsgebrauch arbeiteten, waren dieselben, welche der Bischof von Ceuta, Diego Ortiz, beauftragt hatte, den eine Reise nach Cipango und überhaupt eine Fahrt gen Westen betreffenden Plan des Columbus zu prüfen, und sie waren es auch, welche die beiden gleichstrebenden Zeitgenossen mit einander in Verbindung brachten. Zwei Jahre befanden sie sich zugleich in Lissabon, Beide mit nautischen Plänen beschäftigt, und wir dürfen annehmen, daß sie ihre Erfahrungen, Wahrnehmungen und Schlüsse mit einander austauschten, ohne daß wir dadurch den Ruhm des Einen oder Andern schmälern und etwa sagen wollten, Columbus sei erst durch Behaim zu der Annahme eines westlich liegenden Festlandes gebracht worden. Schon ehe sie einander kannten, suchten sie mit ihren Forscherblicken nach neuen Meeren und Ländern, wie es denn oft geschieht, daß ein neuer weltbewegender Gedanke da und dort zugleich hervorbricht, wenn sein ausgestreuter Samen, im Schooße der Zeit gepflegt, sich nun zum Licht zu entwickeln vermag. Als Behaim 1484 mit Diego Cam seine große Reise nach Afrika unternahm, ging Columbus, empört über die Kälte der portugiesischen Regierung, nach Sevilla.

Bald nach seiner Rückkehr 1485 von dieser Reise, auf der man den Aequator bis zum sechsten Grad südlicher Breite überschritten und die Paradieskörner (malagueta) in dem Klima, welches sie hervorbringt, eingesammelt hatte, ward Martin Behaim zum Ritter des Christusordens ernannt. Im folgenden Jahre reiste er wieder nach den Azoren, die zwar schon früher von Normannen und Italienern bewohnt, in den Jahren 1432-1449 aber von den Portugiesen wieder entdeckt worden waren. Hier betheiligte er sich mit bei der Gründung portugiesischer Niederlassungen – und bald war es das Band der Liebe, das ihn dort festknüpfte.

Bis in sein fünfzigstes Jahr war Martin Behaim unvermählt geblieben. Bei seinen in die Weite gehenden Bestrebungen, die ihm den Besitz eines häuslichen Heerdes weniger wünschenswerth erscheinen ließen, und bei der Vertiefung in seine Wissenschaft, einmal losgerissen von der Vaterstadt und ihren Sitten, nach denen die Heirathen unter den edlen rathsfähigen Geschlechtern weniger nach den Wünschen des Herzens als nach den Vortheilen der Familien- und Geschäftsverbindungen geschlossen wurden, hatte er noch gar nicht daran gedacht, sich zu vermählen. Auch war es damals keineswegs etwas Seltenes, daß besonders die Männer der gebildeten Stände sich erst in diesem Alter verheiratheten – denn den Anfang des wirklichen „Alters“ datirte jenes urkräftige Geschlecht unsrer Vorfahren nicht etwa mit dem Beginn der Funfzig und Sechzig, sondern ohngefähr mit dem der Achtzig und Neunzig, wie denn gerade in Nürnberg auch seine berühmtesten Mitbürger, wie Peter Vischer, Adam Kraft, Sebastian Lindenast etc. nicht nur selbst ein hohes Alter erreichten, sondern ihre größten Kunstwerke erst in ihm schufen. Und wenn unsere Vorfahren so lange jung, frisch und kräftig blieben, so dürfen wir annehmen, daß Martin Behaim, als er 1486 auf die Azoreninsel Fayal kam, ein stattlicher deutscher Herr war, der durch sein bescheidnes und zugleich sicheres Wesen, verbunden mit dem Ruf und den Ehren, die ihm geworden, sich wohl Herz und Hand Johanna’s von Macedo erringen konnte, der Tochter des Statthalters Jobst von Hünter, welcher mit einer flamländischen Colonie nach Fayal und Pico gesendet worden war, in Folge der Schenkung, welche Alphons V. von Portugal 1466 mit der ersteren dieser Inseln seiner Tante Isabella von Burgund, Mutter Karls des Kühnen, gemacht hatte.

Hier in Fayal – dem Thule der gebildeten Welt – der über ein Drittheil des Weges nach Amerika weit im Ocean liegenden Insel, ließ sich Behaim mit seiner Gattin nieder und blieb daselbst bis 1490. In diesem Jahre machte er eine Reise in seine Vaterstadt Nürnberg, und es scheinen ihn zu dieser Heimkehr nicht sowohl Familienrücksichten und Sehnsucht nach der Heimath bewogen zu haben, als der Wunsch, seine Entdeckungen und Erfahrungen seinen Landsleuten mitzutheilen und einige Zeit unter ihnen zu leben – ja, ihnen auch noch ein Andenken zurückzulassen – das beste Zeugniß seines Wirkens und Strebens.

Es war dies der erste Globus, den Martin Behaim in Nürnberg verfertigte, auf den er alle neuen Entdeckungen verzeichnete, ihn noch mit einer Menge von geographischen und naturwissenschaftlichen Anmerkungen versah und ihn als Andenken und „zur Lehr seiner geliebten Vaterstadt Nürnberg“ schenkte. Diese Weltkugel befindet sich noch jetzt in Nürnberg in dem Hause des Herrn Baron Siegesmund Friedrich Karl von Behaim – denn noch heute blüht dies Geschlecht.

Nicht gar lange währte es, da waren unzählige Nürnberger Hände beschäftigt, nach diesem Muster zu arbeiten, und „die Globenverfertiger“ wurden eine eigne Zunft – und so hatte Behaim seiner Vaterstadt nicht nur seinen Ruhm, sondern auch einen neuen Industriezweig mitgebracht.

1493 kehrte er wieder über Flandern und Frankreich nach Fayal zu seiner Gattin und seinen Kindern zurück, und wiewohl wir nichts Gewisses darüber wissen, so ist es doch nicht unwahrscheinlich, daß er sich noch an späteren Entdeckungsreisen betheiligte. 1506 kehrte er nach Lissabon zurück und starb daselbst am 29. Juli desselben Jahres.

Außer seinem Globus wurden auch die von ihm verfertigten Landkarten in hohem Werth gehalten, ja selbst Magellan erklärte elf Jahre nach dessen Tode, daß er die Auffindung der nach ihm benannten Meerenge einer Karte Martin Behaims verdanke.