Der junge Dichter

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Autor: unbekannt
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Titel: Der junge Dichter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 280–283
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[280]
Pariser Bilder und Geschichten.
Der junge Dichter.

Herr Roger de Beauvoir wohnt in einem und demselben Hause mit einem Papierfabrikanten, dessen Familie aus einer Frau und zwei Kindern, einem Knaben von ungefähr fünfzehn Jahren und einem Mädchen von zehn Jahren besteht. Herr Beauvoir ist ein Schriftsteller von gewöhnlichem Talent und geringem Namen, der durch seinen Charakter sowohl als seine geordneten Verhältnisse eine recht angenehme Stellung in der literarischen Welt einnimmt und Verbindungen mit Berühmtheiten, wie A. Dumas, V. Hugo, Lamartine u. s. w. unterhält. Und in dem Hause, das er bewohnt, genießt er eines Rufes, dessen er sich in der ganzen übrigen Welt nicht zu erfreuen hat, was er lediglich dem Concierge und dessen Gemahlin verdankt, von welchen es alle Einwohner, die es interessirt und nicht interessirt, zu hören bekommen, daß Herr Beauvoir ein ausgezeichneter Mann der Feder sei, da er sonst wohl nicht von den ersten Notabilitäten Frankreichs Besuche erhielte; ein Argument, das für die Logik der meist von bürgerlichen Beschäftigungen in Anspruch genommenen Inwohner vollkommen genügend ist. Herr Beauvoir seinerseits nimmt nur wenig Antheil an seinen Nachbarn, deren Beruf und Streben von dem Seinigen so sehr abweicht, und bemerkt es kaum, daß er ihnen ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit ist.

Eines Morgens pocht es an seine Thüre, und auf den üblichen Zuruf tritt der junge Sohn des Papierfabrikanten in die Stube des Schriftstellers. Er grüßt mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit und sieht sich verlegen um, wie Jemand, der ein Anliegen vorzubringen hat und nicht weiß, wie er das anfangen soll. Herr Beauvoir hilft sogleich mit französischer Zuvorkommenheit seinem jungen Gaste aus der Bedrängniß.

„Womit kann ich Ihnen dienlich sein?“ fragt er sanft aufmunternd.

„O, Monsieur,“ sagt der Knabe; „ich weiß nicht, ob ich es wagen darf, Sie mit einer Angelegenheit, die bis jetzt nur mich betrifft, zu belästigen.“

„Immerhin, wenn Sie glauben, daß Ihnen die Mittheilung nützlich sein könnte.“

„Sie sind ein ausgezeichneter Schriftsteller.“

„Sie thun mir sehr viel Ehre an.“

„Ich weiß es. Herrn Janelot, der Concierge, der gewiß ein reifes Urtheil durch lange Erfahrung gewonnen, hörte ich sagen, daß Sie ein ausgezeichneter Mann in Ihrem Fache sein müßten, weil Sie sonst gewiß nicht Besuche von Männern mit Orden der Ehrenlegion, von Männern, die den Ruhm Frankreichs ausmachen, erhielten.“

„Das ist Alles recht gut und schmeichelhaft für mich,“ sagte Beauvoir. „Allein in was für einem Zusammenhange steht meine Fähigkeit mit Ihrem Begehren?“

„Sehen Sie, Monsieur, ich finde es so schön durch den Ausdruck von erhabenen Gedanken, von Gefühlen und Leidenschaften, Geld, Ehre und ein genußreiches Leben zu gewinnen.“ Bei diesen Worten glänzten die Augen des Knaben, und der Andere sah ihn mit großer Verwunderung an.

„Geld, Ehre und genußreiches Leben,“ wiederholte er. „Wie alt sind Sie, Monsieur?“

„Funfzehn und ein halb Jahr.“

„Und schon so reif, so fertig!“

„Nun, da ich Sie so theilnehmend sehe, habe ich den Muth, es vor Ihnen auszusprechen: sehen Sie, Monsieur, ich habe mich in einer literarischen Arbeit versucht.“

„So!“

„Und ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich sie Ihnen zur Beurtheilung vorlegen dürfte;“ und bei diesen Worten zog der Knabe mit einer krampfhaften Hast ein Manuskript aus der Tasche.

„Geben Sie, ich will es recht gern lesen und Ihnen meine Meinung darüber aufrichtig sagen.“

„Wann darf ich mir die Antwort holen?“

„Kommen Sie gefälligst Morgen früh zur selben Stunde, wie heute.“

Der Knabe, dessen ganzes Wesen in der heftigsten Aufregung war, was sich durch ein Zittern der Glieder, durch eine gesteigerte Röthe der Wangen kund gab, verbeugte sich sehr tief und verließ die Stube des Schriftstellers. Und dieser las folgende Scenen, ohne Titel, von dem jungen Verfasser, die Herr Beauvoir einigen Freunden mitgetheilt, und ich ganz treu in’s Deutsche übertragen, mit Hinweglassung der Orthographiefehler, die sich in dem Manuscripte finden und die der Leser sich hinzudenken mag. Ueberhaupt bitte ich wohl zu beachten, daß ich in dieser Skizze keine Erfindung gebe, sondern leider nur die volle Wahrheit.

Erster Akt.

Die Bühne bietet den Anblick eines Parks, rechts und links zwei Statuen; im Hintergrunde mehrere Bäume und ein Wasserfall. – Beim Aufziehen des Vorhanges sieht man einige Edelleute sich ergehen, von denen einer auf der Vorderseite stehen bleibt und sagt: Sie wissen, meine Herren, daß wir bald das Fest unseres Königs feiern werden? Wie wäre es denn, wenn wir diesen Tag in einem Spielhaus verbrächten, um recht lustig zu sein, wie wir es gewöhnlich thun?

Alle Edelleute antworten: Ja wohl, ja wohl!

Graf St. Ernest. Also Morgen im Spielhause des Grafen von Saimpter.

(Die Edelleute entfernen sich. St. Ernest giebt Einem von ihnen ein Zeichen, daß er bleibe, um mit ihm zu sprechen.)

St. Ernest. Guten Abend, mein lieber Graf Monizelle.

Monizelle. Guten Abend, mein lieber Graf St. Ernest. Zu welchem Behufe rufen Sie mich?

St. Ernest. Ich war es, welcher das Fest angekündigt, das Morgen stattfinden wird.

Monizelle. Nun denn, Du erblassest, was hast Du denn? Ist Dir etwas zugestoßen?

St. Ernest. Ich habe nichts – wenn ich aber etwas hätte, säße ich nicht so niedergeschlagen auf dieser Bank.

[281] Monizelle. Ich verstehe Dich nicht recht!

St. Ernest. Ich wollte Dir sagen, daß ich Geld brauchte, als ich das Fest ankündigte, und daß ich keines habe.

Monizelle. Wie kommt es, daß Du, der sich immer für reich ausgegeben, nun arm bist? Ein Fest ankündigen und ihm nicht beiwohnen können!

St. Ernest. Ich werde dabei sein; dafür bürge ich Dir.

Monizelle. So wirst Du also nicht bezahlen; denn auf die Ausgabe von einigen Tausend Franken bei dem Feste müßtest Du jedenfalls rechnen. Wir Andern sind nicht wie das Gesindel, welches bisweilen vierzehn Tage arbeiten muß, um die Ausgabe von etwa vierzig Franken wieder einzubringen.

St. Ernest. Ich muß Geld haben, Monizelle!

Monizelle. (denkt nach). Ich werde Dir behilflich sein.

St. Ernest. Du kennst den Grafen von Wisemberg als einen gutherzigen Greis. Ich bin sehr gut bekannt mit ihm. – Er hat mir ein Geheimniß anvertraut. Er trägt bei sich eine Brieftasche, welche ihm am Tage seiner Vermählung geschenkt wurde. Diese Brieftasche enthält 25,000 Franken in Bankbillets. Wenn wir ihm dieselben auf eine geschickte Art entwenden könnten, hätten wir Jeder 12,000 Franken. Was sagst Du dazu?

Monizelle. Ja! Allein es wird schwierig sein, ihm das Geld zu entwenden.

St. Ernest. Was Du da faselst! Ich werde ihm schreiben, daß ich ihm etwas von Wichtigkeit zu sagen habe; ich werde trachten, daß er sich auf diese Bank setzt; und Du, mit einem Dolch bewaffnet, wirst Dich hinter diese Statue verbergen und in dem Augenblicke, da ich das Zeichen geben werde, kommst Du von rückwärts und erdolchst ihn.

Monizelle. Ja. Wenn aber das Verbrechen entdeckt wird, enden wir später auf dem Schaffot!

St. Ernest. (schreibt auf der Bank). Mein lieber Graf von Wisemberg, ich bitte Sie, sogleich in den Park zu kommen; ich habe sehr große Eile, und bitte daher, mich nicht lange warten zu lassen.
St. Ernest.

St. Ernest entfernt sich, Monizelle, allein, spricht: das erste Mal in meinem Leben werde ich ein Verbrechen begehen! Und warum? Um Geld zu erlangen. Vielleicht stürzt Gott mich in einen Abgrund. Armseliges Geschöpf, das ich bin. Ich vernichte meinen Nächsten und an mir schimmern die Diamanten. Ich sage „Pfui!“ von denjenigen, welche keine haben. – An wem ich vorübergehe, der zieht vor mir den Hut; und ich habe kein Herz! Ich begehe die unsinnigsten Streiche. Schon naht die Stunde!

St. Ernest tritt auf und sagt mit fröhlicher Miene:

In zehn Minuten werden wir die Ehre haben, ihn zu sehen – da ist er schon. Acht gegeben! (Monizelle verbirgt sich hinter der Bildsäule.)

Der Graf von Wisemberg tritt auf, sich auf einen Stock stützend und setzt sich auf die Bank.

St. Ernest. Guten Tag, mein lieber Graf; wie steht es um Ihre Gesundheit?

Wisemberg. Leidlich gut in diesem Augenblick, mein theuerer Freund. Ich habe mich nicht zu beklagen.

St. Ernest. Ich habe Sie hierher beschieden, mein lieber Graf, weil mir ein zahlbarer Wechsel vorgewiesen wurde, den ich nicht erwartet habe, dessen Summe 25,000 Franken beträgt.

Wisemberg. Ich bin bereit, es Ihnen zu leihen, allein Sie müssen mir einen Empfangschein geben.

St. Ernest giebt das Zeichen, Monizelle kommt von rückwärts auf den Greis zu, und in dem Augenblick, als er den Dolch, erhebt, versetzt ihm St. Ernest einen Streich mit dem Stocke. Monizelle wirft seinen Dolch weg und sinkt in Ohnmacht, indem er ausruft: „Verräther!“ Der Greis erhebt sich und sagt:

Du hast mir das Leben gerettet. Hier hast Du die 25,000 Franken zur Belohnung.

St. Ernest nimmt die Noten, indem er sagt: Danke, danke. Es ist nöthig, daß man das Gericht von dem Vorfall benachrichtige. Ich will ihn überwachen, gehen Sie, die Häscher zu holen.

Wisemberg geht ab. St. Ernest spricht: Er ist fort. Allein Monizelle könnte mich verrathen; ich ermorde ihn. (Er nimmt ihm den Dolch aus der Hand, den er ihm in’s Herz stößt und geht ab. Die Häscher treten auf und nehmen den Leichnam, um ihn wegzutragen. Der Vorhang fällt.)


Zweiter Akt.

(Die Bühne stellt ein Spielhaus vor. Der Graf von Saimpter sitzt in einem schönen Lehnstuhl.)

Der Graf St. Ernest tritt auf und sagt: Guten Tag, Graf. Sie rühmen sich, ein guter Spieler zu sein; spielen wir doch eine Parthie mit einander.

Der Graf von Saimpter. Mein lieber Freund, ich kann nicht mit Ihnen spielen; denn ich würde Schlag auf Schlag gewinnen.

St. Ernest. Daran kann Ihnen wenig gelegen sein; ich werde bezahlen. Spielen wir um 1000 Franken.

Sie spielen Karten. St. Ernest verliert und sagt: Hier, meine Börse; (er wirft sie zu Boden und fügt hinzu:) ich werde meine Rache haben.

(Eine Uhr schlägt acht. Die Edelleute treten auf und setzen sich an den Spieltisch. Auf beiden Seiten tanzen Tänzerinnen und gehen gleich darauf ab. Verwandlung bei offener Bühne. Die Bühne stellt einen Salon mit mehreren Lehnstühlen vor. In einem sitzt der Herr Notar. Alsbald tritt der Graf von Saimpter auf.)

Saimpter. Guten Tag, mein lieber Notar; wie befinden Sie sich?

Notar. Sehr gut, mein lieber Graf.

Saimpter. Ich komme, Dich um Rath zu fragen. Ich habe diesen Morgen mit dem Grafen von St. Ernest gespielt; er verlor und sagte, daß er sich rächen werde. Wie fange ich es an, um mich mehr an ihm zu rächen?

Der Notar denkt einen Augenblick nach und sagt: Ich weiß ein Mittel. Du weißt von der kleinen Schäferin, die so schön ist. Er liebt sie bis zum Wahnsinn. Verheirathe Dich denn mit ihr, und wenn Du verheirathet sein wirst, stelle ich Dir einen Wechsel von 100,000 Franken aus, die ich als dem Herrn Saimpter schuldig anerkenne.

Saimpter. Warum denn aber diesen Wechsel ausstellen?

Der Notar. Das sollst Du gleich sehen. St. Ernest wird noch heute zu mir kommen und gewiß nicht ermangeln, mir die Geschichte zu erzählen. Darauf werde ich ihm sagen, daß Du Dich mit der kleinen Schäferin vermählest und daß Du gleich nach der Hochzeit eine weite Reise zu machen gezwungen bist; ich werde ihm rathen, in Dein Haus zu gehen und Deiner Frau den Hof zu machen. Du aber, anstatt abzureisen, bleibst in der Nähe. Wenn Du ihn in Dein Haus treten siehst, bewaffnest Du Dich mit ein paar Pistolen und begiebst Dich leise in Dein Haus. Und wenn er bei Deinem Weibe sein wird, nimmst Du ihn beim Kragen; mit der andern Hand nimmst Du die Pistolen und zwingst ihn, den Wechsel zu unterzeichnen!

Saimpter. Ich gehe; auf Wiedersehen, theuerer Notar. Ich danke Dir sehr. (St. Ernest tritt auf.)

Der Notar. Guten Tag, Herr von St. Ernest.

St. Ernest. Sagen Sie mir doch, mein lieber Herr Notar, ich habe dem Grafen von Saimpter Rache geschworen; wie fange ich es an, mich zu rächen?

Der Notar. Er wird sich mit der kleinen Schäferin verheirathen, und nach der Hochzeit muß er auf’s Land gehen. Während dieser Zeit machen Sie seiner Frau den Hof, und das wird eine große Rache sein.

St. Ernest. Ich danke Ihnen. So werde ich mich denn rächen können. (Der Vorhang fällt.)


Dritter Akt.

(Beim Aufziehen des Vorhanges sieht man ein großes Haus. Saimpter und seine Frau im Brautkleid treten auf.)

Saimpter. Meine theuere Freundin. Nun sind wir mit einander verbunden. Allein ein Brief ist angekommen, und ich muß sogleich auf vierzehn Tage abreisen; nach dieser Zeit komme ich wieder.

Schäferin. Schon mich verlassen! O nein, das werde ich nicht zugeben. Wenn Du so lange abwesend bist, könnte Dir leicht etwas Uebles begegnen.

Saimpter. Ich sage Dir ja, daß ich unbedingt abreisen muß, daß ich dazu gezwungen bin. Ich werde Dich in unsere Wohnung führen, wo Du vierzehn Tage zubringen und meine Rückkunft erwarten wirst.

Madame Saimpter. Nun denn, ich willige ein.

[282] Saimpter. Gehen wir. (Er ergreift die Hand seiner Frau und nun Verwandlung. Das Zimmer eines Hauses.)

(Herr und Frau Saimpter treten auf.)

Saimpter. Hier sind wir nun, jetzt reise ich ab. Er ruft einen Diener und sagt ihm leise: So wie Du Jemanden in’s Haus treten siehst, steigst Du zu Pferde und kommst in den Pachthof, um mich zu holen. Sei wohl bedacht Deiner Pflicht.

Saimpter nimmt seinen Mantel, sagt seiner Frau: „Auf Wiedersehen!“ und geht ab. Seine Frau bleibt allein, setzt sich auf ein Kanapee, und bald darauf erscheint St. Ernest. Er nimmt seinen Hut ab, nähert sich mit einschmeichelnder Miene der Frau Saimpter und setzt sich an ihre Seite.

St. Ernest. Nun sind Sie verheirathet, reizende Frau. Es ist schon so lange, daß wir uns kennen, nicht wahr? Erinnern Sie sich der kleinen Spaziergänge in den Wald, die wir mit einander machten?

Frau Saimpter. Wohl erinnere ich mich derselben. Doch jetzt sind wir weit entfernt, solche zu machen.

St. Ernest. Warum denn?

Frau Saimpter. Weil ich jetzt verheirathet bin und weil das nicht erlaubt wäre, allein mit einem jungen Manne in den Wald zu gehen.

St. Ernest. Darin sehe ich kein Hinderniß. Man ist verheirathet und hat einen Liebhaber. Er umarmt sie. Herr Saimpter stürzt herbei, faßt ihn ungestüm am Kragen und sagt ihm: Dein Leben gehört mir, wenn Du nicht diesen Wechsel unterschreibst – Wähle!

(Madame Saimpter zieht sich indessen zurück, St. Ernest unterzeichnet den Wechsel.)

Saimpter. Und nun Geld her, sogleich, oder Du endest Deine Tage im Gefängniß.

St. Ernest. Gnade!

Saimpter. Keine Gnade! Du besitzest Grund und Boden und Actien. Ich kaufe Dir Alles ab. Deine Landgüter nehme ich für 40,000 Franken, Deine Actien für 10,000 Franken, Deine Kleidungsstücke für 10,000 Franken. Das macht 60,000 Franken. Du mußt 40,000 Franken noch darauf bezahlen oder in’s Gefängniß mit Dir!

(St. Ernest fällt zu den Füßen des Grafen von Saimpter.)

Saimpter. Kein Erbarmen, noch 40,000 Franken!

St. Ernest. Ich habe ja nichts mehr, als was ich auf dem Leibe trage!

Saimpter. Her damit, für 5000 Franken.

St. Ernest. Was soll ich anziehen?

Saimpter. Lumpen, die ich Dir reichen will. St. Ernest entkleidet sich und erhält ein altes Beinkleid und eine alte Blouse, die er anlegt.

Saimpter. Für das Uebrige steht es mir immer frei, Dich in’s Gefängniß werfen zu lassen. – Nicht Du hast, sondern ich habe meine Rache. (Der Vorhang fällt.)
(Ende.)


Der Franzose, wiewohl gewohnt an die Moral der pariser Gesellschaft, schauderte, als er diese Kinderarbeit las. Dieses Puppenspiel mit seinen Motiven und Handlungen, mit den empörenden Gräueln, welche einer jungen Seele entsprungen, die noch unberührt sein sollte von dem Jammer, von der Gemeinheit, von dem Schmutz des Lebens, erfüllte den Leser mit Entsetzen. Wenn die Begeisterung eines Kindes diese Richtung nimmt, wenn die Phantasie, statt von schönen heitern Bildern erfüllt, von Frühling angehaucht zu sein, solche Gestalten und Verbrechen abspiegelt, dann steht es am Schlimmsten um eine Gesellschaft, aus welcher heraus solche fünfzehnjährige Poeten wachsen. Herr Beauvoir, wiewohl nichts weniger als ein strenger Charakter, konnte den ganzen Tag den schlimmen Eindruck nicht los werden, er erwartete des andern Morgens mit einer gewissen ungeduldigen Neugier den jungen Autor, der sich, wie man wohl denkt, pünktlich zur bestimmten Stunde einfand. Diesmal betrachtete Herr Beauvoir mit mehr Aufmerksamkeit seine neue Bekanntschaft. Auf dem blassen Angesichte des Knaben war eine dürre Verstandesfähigkeit zu bemerken; es fehlte den frühreif entwickelten Zügen alle Jugendlichkeit, jene Traumhaftigkeit, die sich ihr Glück mit eigenen Farben malt und von der Erkenntniß nur hier und da flüchtigen Besuch erhalten; in den dunkeln Augen fiel wohl ein unstätes Funkeln auf, aber nichts von frommer Unschuld und Unwissenheit, von heiligen Ahnungen eines kindlichen Herzens. Die Stirn war hoch und bewies allerdings Ausdauer im Nachdenken. Die braunen Haare waren auf dem Haupte des fünfzehnjährigen Jungen dünn gesäet, als könnten sie auf dem ausgetrockneten Boden nicht gedeihen. Im Ganzen war die Bildung nicht ungünstig. Nur der Mund und das zusammengezogene Lächeln, welches gelbe, vernachlässigte Zähne sehen ließ, waren unangenehm und dazu gemacht, eine etwa gewonnene Sympathie zu vernichten. Der Anzug war ziemlich anständig, aber die Haltung unedel.

Herr Beauvoir betrachtete eine ziemliche Weile schweigend seinen Besuch, der in Ungewißheit über die Natur dieser aufmerksamen Beobachtung sich verlegen, erröthend derselben unterzog. Endlich brach Herr Beauvoir das Schweigen und frug etwas schroff:

„Wie heißen Sie?“

„Jean.“

„Wo leben Sie denn?“

„Bei meinen Eltern.“

„Werden Sie von Ihren Eltern nicht geliebt?“

Der Knabe sah den Fragenden verdutzt an. „Ich habe mir hierüber keine Rechenschaft gegeben. Mein Vater ist Papierfabrikant; meine Mutter hilft das Geschäft besorgen, und ich arbeite mit ihnen, das ist unser Verkehr. Doch Sie lassen mich in Ungewißheit über meine Arbeit. Und Sie können sich nicht denken, Monsieur, wie gespannt ich bin, Ihren Ausspruch zu hören. Ich konnte nicht schlafen vor Aufregung. Die vierundzwanzig Stunden, welche ich zu warten hatte, dünkten mir eine Ewigkeit. Ich bitte, säumen Sie nicht länger, mir Ihre Meinung wissen zu lassen.“

„Es ist fürchterlich, mein lieber Jean, was Sie in einem so zarten Alter ausgesonnen und aufgeschrieben haben.“

„Es ist also schlecht, untauglich?“ frug der Knabe, bis auf die Lippen erblassend.

„Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen, junger Mann. Es ist weit schlimmer als schlecht und untauglich; es ist verwerflich, es ist unsittlich; es beweist – es beweist, daß Ihr Herz leer und ausgetrocknet, Ihre Seele lahm, ohnmächtig geworden, bevor sie Flügel, bevor sie die Reife der Männlichkeit gewonnen. Sie kennen ja nur einen Gott, ein Herrliches, ein Würdiges, ein Edles, ein Hohes, ein Wünschenswerthes: Geld! Mein armes Kind, Sie sind ein Bettler an allen Gefühlen und an Illusionen, und man muß ein König, reich an diesen Gütern sein in Ihrem Alter; man muß Ueberfluß haben, verschwenden können, damit man seine Ausgaben zu bestreiten vermag, wenn man später durch Enttäuschungen bestohlen wird, was keinem Menschen ausbleibt. Wie wollen Sie mit dieser geistigen Abzehrung, mit dieser trostlosen Verödung ein Künstler, ein Dichter sein? Trachten Sie, ein ehrlicher Mann zu bleiben.“

Diese Worte wurden mit großer Heftigkeit, wie etwas tief und schmerzlich Empfundenes gesprochen, so daß der Knabe den Sprecher ängstlich und bestürzt anblickte, wie Jemand, der sich eine gegen ihn gerichtete Entrüstung nicht zu erklären weiß.

„Ich habe Ihnen ja nichts gethan, was Sie in Zorn versetzen könnte,“ sagte er halb weinerlich.

„Ich bin nicht zornig, mein Kind,“ erwiederte der ältere Schriftsteller; „wenn ich mich ereifre, ist es nicht gegen Sie, ich kann Sie nur bedauern und nicht anklagen. Was können Sie dafür, daß man Ihnen die junge Seele vergiftet? Ein Kind ist wie ein weißes, reines Papier, auf das man Alles hinschreiben, Alles Hinzeichnen kann, Gebete und Lästerungen, Mahnbriefe und Beileidsbezeugungen, Gott und den Teufel, das Schöne und das Häßliche. Sie hat man arg gemißhandelt, armes Kind, man hat Ihr reines Kinderherz besudelt, man hat darauf Schuldbriefe und Criminalprozesse geschrieben, und nicht ein Wort von Tugend, von Aufopferung, von Hingebung und Treue, von Heldenthum im Wirken und Entsagen, von Liebe, stiller Neigung und Freundschaft, von Muth, Kraft und Ehre, das Alles ward vergessen.“

Der Knabe neigte erröthend das Haupt, denn durch die letzten Worte wurde ihm erst ein wenig klar, was eigentlich die ihm gemachten lebhaften Vorstellungen zu bedeuten haben.

„Ich verstehe Sie nicht ganz,“ versetzte er halblaut. „Sie sprechen zu unverständlich für mich, Monsieur.“

„Sie haben Recht. Ich will mich deutlicher, einfacher ausdrücken. Sie sollten Schlechtigkeiten und Niederträchtigkeiten, wie Sie sie dargestellt haben, weder kennen noch begreifen; Sie sollten, von Menschen, wie Sie sie vorgeführt, keine Ahnung haben, statt [283] dessen zeichnen Sie diese Schufte und Bösewichter mit solcher Sicherheit, mit einer Geläufigkeit, die mir Grauen einflößt. Sie sollten gar nicht wissen, was Geld bedeutet, und zu welchen Freveln es niedrige Naturen hinzureißen vermag; statt dessen ist es das Interesse, das Sie erfüllt und bewegt, das Sie zum Bilden drängt, ist es die Seele, die Sie den Gestalten einflößen, die Ihre überwältigte Phantasie hervorbringt. Sie spielen mit dem Entsetzlichsten ohne Bangen, ohne Schrecken. Wie kommen Sie nur dazu, unglückliches Kind, diese finstern Abgründe, diese gähnenden Tiefen des Lebens zu kennen? Wie kommen Sie zu solchen Bildern, solchen Begriffen, zu dieser schaudererregenden Vertraulichkeit mit dem Ungeheuersten?“

Der Knabe schien tief ergriffen von den Worten, deren Sinn er nun faßte. Er sann eine Weile nach, wie um sich genaue Rechenschaft über das Gehörte zu geben, und nach einigen Augenblicken anhaltenden Schweigens rief er: „Beim lebendigen Gott, Sie haben Recht. Ich habe nichts schätzen, nichts hochhalten gelernt, als Geld und wieder Geld. Doch ist das nicht meine Schuld, Monsieur; hören Sie, wie und unter welchen Verhältnissen ich erzogen worden, welche meine Wiegenlieder, welche meine ersten Eindrücke, welche die Blumen waren, die man dem Kinde auf den Weg gestreut, dann werden Sie, dem ich dankbar bin, daß er mich an dem Rande des Abgrunds aus dem Schlafe geweckt, Nachsicht mit mir haben, denn ich habe den Verfall meines Wesens nicht verschuldet.“

„Das glaube ich Ihnen,“ versetzte Herr Beauvoir in einem mildern Tone, zufrieden mit der Wirkung, die seine Worte auf den Knaben hervorgebracht, „denn ich kenne Paris. Ich weiß, was man im Theater, zu Hause, im Bureau und auf der Straße, in Magazinen und Läden zu hören bekommt; freilich sind Sie nicht Schuld, armes Kind, an dem Verfall, wie Sie es nennen; allein Sie müssen sich retten, wenn Sie nicht ganz verloren sein wollen.“

„Ich bin,“ sagte der Knabe, „wie fast alle pariser Kinder, zwei Tage nach meiner Geburt einer Amme übergeben und aufs Land geschickt worden, wo ich bis zu meinem vierten Jahre blieb, und nur selten meine Mutter zu sehen bekam, um sie lieben zu lernen. Ich lernte von meiner Ziehmutter und ihrer Umgebung den größten Werth auf Sous legen, und als ich zu meinen Eltern zurückgebracht wurde, gab man mich in eine Pension, aus der ich nur alle Sonntage ein Mal nach Hause kam, um von meinem Vater, der ein guter arbeitsamer Mann, zu hören, wie schwer und lästig ihm die Ausgabe von sechshundert Franken jährlich für meine Erziehung sei. Kaum hatte ich das zehnte Jahr erreicht, so meinte mein Vater, daß es Zeit sei, daß ich etwas verdiente, statt Geld zu kosten, und er hielt mich zur Arbeit in der Fabrik an, wo auch meine Mutter den ganzen Tag über beschäftigt ist, so daß ihr gar keine Zeit bleibt, die geringste Sorgfalt auf ihre Kinder zu verwenden. Ihre Gesundheit leidet unter der anhaltenden anstrengenden Arbeit; allein mein Vater denkt nicht daran, ihr eine Erleichterung zu verschaffen, wiewohl das für kaum tausend Franken jährlich zu bewerkstelligen wäre, indem er für diese Summe eine aushelfende Person annehmen könnte; denn mein Vater sagt, daß er es so weit bringen müsse, um von seinen Renten leben zu können, und meine Mutter werde dann Zeit genug haben, von der beschwerlichen Arbeit auszuruhen. So sehe ich denn den Gesundheitszustand meiner Mutter sich täglich verschlimmern, und dennoch bei der Arbeit beharren, die der Grund des Uebels ist. Wiewohl das Geschäft ein Bedeutendes abwirft, herrscht bei uns im Hause die größte Einschränkung. In zwei finstern Stuben, deren Fenster in den Hof führen, fünf Treppen hoch, sind wir alle vier Personen untergebracht, aber Magazin und Bureau sind auf’s Glänzendste hergerichtet. Das gehört zum Handwerk, sagt mein Vater. Zwischen meinem Vater und meinem Großvater (dem Vater meiner Mutter) kam es zum Prozesse, Staatspapiere betreffend, welche die Mutter als Mitgift erhalten, welche jener unangetastet wissen, dieser aber verwerthen wollte, weil er mit dem Kapitale höhere Interessen zu erzielen sich getraue. Während des Prozesses mußte die Mutter den Unmuth des Vaters ertragen, und als der Tod des Großvaters ihm ein Ende machte, sagte mein Vater triumphirend: Nun habe ich doch den Prozeß gewonnen. Wenn ich sonst meinen Vater bat – jetzt käme mir eine solche Zumuthung nicht mehr in den Sinn – daß er mir ein Buch kaufe, welches ich gern hätte lesen mögen, da gab er mir barsch zur Antwort, daß dieses unnütz sei, da es nichts einbringe, sondern im Gegentheile Geld koste. Seine Brüder haßt mein Vater der Art, daß wir in seiner Gegenwart niemals ihrer erwähnen dürfen, und warum? Weil er sich von ihnen in einer Geschäftsangelegenheit um 2000 Franken verkürzt glaubt. Von Zärtlichkeit unserer Eltern kann keine Rede sein, denn sie sind zu sehr beschäftigt, um an dergleichen denken zu können. Wenn Uneinigkeit zwischen meinem Vater und meiner Mutter eintritt, sind es jedesmal einige Franken, um die es sich handelt.

„In’s Theater erlaubte mir mein Vater ohne Bedenken öfters zu gehen, weil ihn ein Verwandter, der in der Theaterkanzlei der „Porte Saint Martin“ angestellt ist, öfter mit Freibillets bedachte. Wieder fand ich, daß sich Handlung, Leidenschaft, Intrigue um Armuth und Reichthum drehten. Ueberall, wohin ich blickte, sah und hörte ich, daß Geld die Hauptsache sei, Geld den Mann mache, Geld zu verdienen, einerlei auf welche Weise, das einzige Streben eines vernünftigen Menschen sein müsse. Geld – Geld – war mein erster Gedanke am Morgen, mein letzter am Abend, und da ich Freude am Dichten fand, habe ich es versucht, die Macht desselben zu schildern. Daß ich die meisten niedrigen Leidenschaften kenne,“ setzte er mit niedergeschlagenen Augen hinzu, „werden Sie bei einem Pariser und meiner Erziehung natürlich finden.

„Hier haben Sie, Monsieur, einen flüchtigen Umriß meines Lebens und zugleich meine Entschuldigung. Doch ich schwöre Ihnen, daß ich auf andere Dinge meinen Sinn lenken will, die besser und edler als Geld sind; glauben Sie, daß ich dann ein Dichter werden kann?“

Herr Beauvoir hörte die flüchtige Skizze des Knaben wie etwas Bekanntes an; denn eingeweiht in das Familienleben zu Paris, konnte ihn das, was er täglich in etwas veränderter Form vor sich sieht, unmöglich überraschen; aber das bessere Naturell, verbunden mit einem lebhaften Geiste, das der Knabe an den Tag legte, erfreute ihn, und das naive Versprechen und die naive Frage, mit welchen das Kind die Schilderung beendete, rührte ihn, und er erwiederte: „Sie können noch ein ganz tüchtiger Mensch werden. Arbeiten Sie. Was? Das bleibt sich gleich, nähren Sie sich redlich, seien Sie gewissenhaft in allen Dingen. Halten Sie sich fern von der Gemeinheit und Niedrigkeit, die in Paris auf allen Wegen lauern. Das Geld ist mächtig, mein junger Freund, und gefährlich; damit Sie es unschädlich machen, damit Sie es verhindern, Ihren Glauben zu vergiften, Ihre Träume zu beunruhigen, lernen Sie arbeiten und Ihren Unterhalt gewinnen. Die Laufbahn des Dichters ist eine gewagte. Was Sie als Künstler erzeugen, ist keine gangbare Waare, wie Papier, Tuch und Leinwand, die Jedermann zu schätzen weiß, weil er ihrer benöthigt. Hegesippe Moreau war ein großer Poet und starb im Hospital. Legen Sie Ihrer Charakterstärke nicht diese Prüfung auf. Bleiben Sie bei Ihrem Gewerbe und widmen Sie die Mußestunden Ihren Lieblingsgedanken. Dichten Sie, um sich von der Arbeit zu erholen.“

„Ich danke Ihnen, Monsieur, und wenn Sie erlauben, daß ich Sie von Zeit zu Zeit besuchen darf, werden Sie sehen, wie treu ich Ihre wohlmeinenden Rathschläge befolgen werde.“

„Ich werde mich stets freuen, Sie bei mir zu sehen, um Ihnen, wo ich kann, dienlich zu sein,“ sagte, zu seiner früheren Höflichkeit zurückkehrend, Herr Beauvoir.

Jean verbeugte sich und ging, durchdrungen, erschüttert von der Warnung, von der Weisung des Schriftstellers und fest entschlossen, sich zu einem ediern Menschen durchzuarbeiten. Wird er seinen heilsamen Vorsätzen treu bleiben in Paris? Nur die Zukunft kann diese Frage beantworten.

Wir haben hier keine Dichtung, sondern die lautere Wahrheit erzählt. Und diese Wahrheit ist entsetzlich! Welche Erziehung, wenn ein Kind von fünfzehn Jahren, dessen Inneres nur von heitern, schönen Bildern erfüllt, dessen Herz von aller Gemeinheit und dem Schmutz des Lebens noch unberührt sein sollte, wenn dieses Kind, sagen wir, Verbrechergestalten mit einer Sicherheit zeichnet, wie sie eben nur ein Kenner der großen Welt oder ein ausgefeimter Roué malen kann! Welche Zukunft, welche gesellschaftliche Zustände stehen uns bevor, wenn ein Kind in den Jahren, wo es noch reich an Gefühlen und Illusionen sein sollte, die Geheimnisse des Spiels und des – Ehebruchs äls Motiv in seinen ersten dramatischen Spielereien gebraucht. Es ist entsetzlich!