Der kalte Trunk

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Textdaten
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Autor: Dr. –a–.
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Titel: Der kalte Trunk
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 341
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[341] Der kalte Trunk. Die mütterliche Autorität wird in einer ihrer Grundansichten bedroht. Die erste Regel, welche eine Mutter ihrer tanzenden Tochter auf das Dringendste an das Herz zu legen pflegt, ja nicht im erhitzten Zustande einen kalten Trunk zu nehmen, ist für null und nichtig erklärt. „Der kalte Trank schadet nichts, nein, er nützt –“ gegen diese immer mehr Freunde gewinnende Ansicht erheben sich vom medicinischen Standpunkte einige Bedenken, welche es jedenfalls, wie leicht zu beweisen, für gerathen erscheinen lassen, den goldenen Mittelweg einzuschlagen und eine vernünftige Anwendung der durch die Praxis geheiligten Sitte beizubehalten.

Der Magen, welcher zunächst das kalte Wasser empfängt, liegt bekanntlich in einer äußerst blutreichen Gegend. Er selbst besitzt ein sehr starkes Blutgefäßnetz; links grenzt er in directer Berührung an die Milz, nach vorn und rechts liegt die Leber, hinter ihm die große Schlagader mit ihren Abzweigungen zur Ernährung der erwähnten Organe. In diesem Blutreichthum haben wir die schlimmen Folgen des kalten Trunkes zu suchen. Heftige und vorzüglich unregelmäßige Körperbewegungen, wie wir sie beim Tanzen ausüben, bedingen eine bedeutend raschere Circulation des Blutes durch die Adern als gewöhnlich. Die Blutgefäße dehnen sich vermöge ihrer Elasticität mehr aus, und kleine Röhren, welche sonst ganz eng sind, zeigen in einem so erhitzten Zustande eine beträchtliche Erweiterung. Die Wirkung des kalten Trunkes ist nun leicht zu begreifen. Die Kälte hat die Eigenschaft, die Blutgefäße zu verengern; es kann dann selbstverständlich nicht mehr eine so große Menge Blut wie vorher in sie hineinfließen. Wird nun die Vorsicht außer Acht gelassen und eine erhebliche Menge kaltes Wasser mit diesen erweiterten Blutgefäßen in Berührung gebracht, so muß sich die plötzliche Kältewirkung nicht allein in dem Magen, sondern auch in den angrenzenden Partien geltend machen und eine Verengerung der hier befindlichen Adern bewirken. Das Resultat ergiebt sich von selbst. Der Blutstrom nach unten zu wird plötzlich bedeutend gehemmt, und es müssen deshalb für einen Moment die oberen schon erweiterten Adern noch mehr Blut aufnehmen. Die Thatsächlichkeit dieses Umstandes hat schon Jeder an sich selbst erlebt.

Trinkt man sehr erhitzt kaltes Wasser, so wird man für einen Augenblick, vorzüglich am Kopfe, noch wärmer, weil die Schweißdrüsen und die ganze Haut dieser Theile mehr Blut von der verengten Magenumgebung zugeführt erhalten. Vor Allem betrifft dieser vermehrte Blutzufluß die nach oben in senkrechter Richtung sich an die große Schlagader ansetzende Gehirn-Arterie, und zweitens, in Folge der für das Herz eintretenden Stauung, die Lungengefäßchen. Halten diese Adern den plötzlichen Anprall aus, wie es bei einem gesunden Menschen zu erwarten ist, so entsteht kein Schaden, sind aber die kleinsten Endungen der Adern, die Capillaren, geschwächt und leicht zerreißbar, so bersten dieselben, und es kommt zu einem Bluterguß in das Gehirn oder die Lungen, eine bei Bällen leider nicht selten beobachtete Thatsache. Ein weiterer Nachtheil kann noch, vorzüglich an den Lungen, dadurch entstehen, daß die so übermäßig ausgedehnten Blutgefäßchen eine fortdauernde Reizbarkeit behalten, bei jeder Gelegenheit erkranken und als gelindeste Folge öfters Luftröhrenkatarrhe veranlassen.

Andere Verhältnisse als die geschilderten bietet dagegen das Militär, bei dessen Marschübung die Wasserentziehung bis vor Kurzem auf die Spitze getrieben wurde. Hier haben sich durch die lang andauernde rhythmische Bewegung die Blutgefäße an einen anderen Gleichgewichtszustand gewöhnt; sie sind durch den starken Wasserverlust des Schweißes nicht mehr so stark erfüllt, und endlich befinden sich die Leute in ihren gesündesten Jahren. Also ein Wasserverbot für längere Zeit müßte sich der starken Verdunstung wegen als absolut schädlich erweisen, doch ist auch hier dem Einzelnen die geringe Vorsichtsmaßregel anzurathen, einige Secunden zwischen der starken Bewegung und dem Trunke zu pausiren und die ersten Schlucke etwas im Munde zu erwärmen, bis sich der übermäßige Blutdruck ausgeglichen hat. Wer also im unserem scrophulösen Zeitalter sicher überzeugt ist, daß seine Blutgefäße den Ueberdruck aushalten, mag unsere Ermahnung allenfalls unbeachtet lassen. Vorsicht aber ist nicht Aengstlichkeit, und der Besonnene hält es daher lieber noch mit dem zwar alten, aber dennoch wahren Fibelvers:

„Auf Hitze trinke nie,
Noch kühle schnell Dich ab!
Leicht könnt’ es schaden Dir,
Und früh sinkst Du in’s Grab.“

Dr. –a–.