Deutschthum im Thal von Gressoney

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Autor: M. Hagenau
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Titel: Deutschthum im Thal von Gressoney
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 54-58
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Deutschtum im Thal von Gressonen.
Von Woldemar Kaden. Mit Bildern von P. Scoppetta.

Du kennst das Märchen von Vineta, jener vor grauen Jahren in die Fluten des nordischen Meeres hinabgesunkenen, geheimnisvollen Stadt. Wer gute Augen hat und schaut in die


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Pont Saint-Martin.


Tiefe, der sieht noch heute

„anfangs wie dämmernde Nebel,
jedoch allmählich farbenbestimmter“

die Giebel der Stadt, Straßen, Paläste, den gotischen Dom, dazwischen wandelnd altväterisch Volk in verschollnen Gewändern. Der hört bekannte Laute, unbeholfene Worte, die zur Rede sich süßen, zur Sprache, die wie Muttersprache klingt. Er schüttelt den Kopf: ein Stück Deutschland liegt hier begraben ...

Um das große Festland der deutschen Sprache her liegen und lagen als zahlreiche Eilande, die sich, wie die Halligen durch Sturmfluten, einst, zur Zeit der gewaltigen Völkerstürme, von der Muttererde losgerissen, kleinere und größere Sprachinseln. Die Wogen des fremden Volkes umspülten sie ohne Unterlaß: so schmolzen die kleineren bald dahin, von den größeren ward Stück um Stück gerissen, das Gebiet dieses Deutschtums im Ausland ward mehr und mehr geschmälert. Sehr wenige dieser Sprachinseln trotzen der Flut noch heute, viele versanken ganz.

„Der Zweig eines Volkes,“ schreibt Bischer, „der über ein völkerscheidendes Gebirge sich hinüberstreckt, wird unwiderstehlich nach und nach in das fremde Volk eingeschmolzen, wenn nicht vom Bildungsmittelpunkte der eigenen Nationalität außerordentliche Anstrengungen ausgehen, seine Sprachen und Sitten zu retten.“

Diese Anstrengungen macht seit Jahren der Deutsche Schulverein. Gar vieles aber traf er nur noch als Schlacken an, als Trümmer, die sich bereits mit Moos und Gras, mit den Kulturpflanzen des fremden Landes bedeckt haben.

Wie eine halbverklungene Sage, deren Heimat uns kaum flüchtig in der Geographiestunde angegeben wird, trifft unser Ohr der Name der „Tredici Comuni“ und der „Sette Comuni“, der Dreizehn und der Sieben Gemeinden, wo, wie alte Urkunden sie nennen, homines teutonici, oder „Cimbern“, wie sie sich selbst nannten, mitten unter Welschen ein selbständig germanisches Wesen trieben.

In diesen „Comuni“, die in den Bergen der Provinzen Verona und Vicenza liegen, ist heute die deutsche Zunge fast verstummt, aber germanischen Ursprungs sind die Knaben und Mädchen, die mit den blonden Haaren und blauen Augen unter den schwarzhaarig-dunkeläugigen Altersgenossen die Schulen besuchen, in denen die obligatorische Unterrichtssprache das Italienische ist. Ihre Väter hat man einst überredet, daß ihre deutsche Mundart ein Tedesco bastardo sei, die Sprache wilder ungesitteter Menschen, und an vielen Orten, wo noch im vorigen Jahrhundert allsonntäglich deutsch gepredigt wurde, nahm man den Bethörten einen Eid ab, nie mehr deutsch zu reden. [55] Viel weniger bekannt, weil fast ganz abgelegen von der alten wie der modernen Völkerwanderungsstraße, ist das Deutschtum an den piemontesischen Südhängen des Monte Rosa.


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Ein Stadel


Der gewaltige Gebirgsstock des Monte Rosa erhebt sich am Ostende der Penninischen Alpen als Grenzwall zwischen dem schweizerischen Wallis und den italienischen Provinzen Turin und Novara und bildet wie sein am Westende stehender Rival, der nur um 172 Meter höhere Montblanc, der „Monarch der Berge“, die Wasserscheide zwischen Rhone und Po. Er ist nicht ein Gipfel, sondern eine Gruppe von solchen, und verschiedene mächtige Gletscher gleiten von seinen Flanken in die Thäler hinab.

Eine Hauptgletschermasse ist die gegen Italien abfallende, die als Mittelpunkt den Lyskamm hat, es ist der Lysgletscher. Aus ihm geht der Fluß Lesa oder Lys hervor, der sich ein langes Thal, das Thal von Gressoney, ausgearbeitet


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Wohnhaus in Gressoney la Trinité.


hat, das mit seinem Fluß zusammen in das herrliche Aostathal einmündet.

Hier wird der Lys bei Pont Saint-Martin von der dem Monte Bianco entstammenden wilden Dora Baltea in die Arme genommen.

Dieses Gressoneythal nun, auch Vallesa genannt, hegt, wie seine Nachbarthäler, Gemeinden, in denen sich deutsche Sprache und Sitte zum Teil noch erhalten haben. Es sind das Allagna oder Alagna, Rima S. Giuseppe, Macugnaga, Rimella, Gaby, Issime, Gressoney St.-Jean und Gressoney la Trinite mit verschiedenen kleinen Anhängen.

In dem Gressoneythale, einem echten rechten Hirtenthale, habe ich stille glückliche Sommerwochen verlebt und von dem, was ich an Deutschtum mit den Alpenblumen zusammen botanisierte, sei hier ein weniges erzählt.

Mein Standquartier hatte ich anfangs in Pont Saint-Martin, Martinsbruck würden wir's auf deutsch nennen, einem armen kleinen aber reizend gelegenen Städtchen am Eingang ins Val d’Aosta. Den Namen hat das Städtchen von einer kühnen Brücke über den Lys, die sich auf den ersten Blick als ein tüchtiges Römerwerk aus vorchristlicher Zeit erweist. Gewiß ist, daß über sie die einst zur Bekämpfung der Salasser gezogene Römerstraße führte. Die Römer saßen auch in diesem „äußersten Winkel Italiens“, von dessen Urbewohnern eines schönen Tages 36 000 als Sklaven zum besten der römischen Staatskasse verkauft wurden. Römische Steinwerke sind durchs ganze Thal bis hinauf auf den St. Bernhard zerstreut, und Spuren lateinischer Sprache findet man im Munde der Bergbewohner, während das mittelalterliche Französisch und der originelle piemontesische Dialekt im ganzen Thal und den es umschränkenden Bergen um die Hegemonie kämpfen.

Der Bergbewohner sagt hier noch heute oulla, der Topf, lateinisch olla, der doch im Italienischen pentola, im Französischen pot heißt; sagt oura, lat. aura, Wind; phason, lat. phasoleus, die Bohne; traz, lat. trabs der Balken; manté, lat. mantele, das Handtuch u. s. f. Und als Gruß hört man neben dem sonderbaren piemontesischen „geréja.“ ein an das lateinische bonus vesper erinnerndes bon vêpro, dann aber plötzlich auf dem Markte des alten Jvrea von blonden Burschen und Mädchen gesprochene deutsche Laute, ein echt germanisches „Grüß Gott!“ Diese Landleute stammen aus dem Thal von Gressoney.

Die ganze weite wein- und wiesenprangende Landschaft, wo die Römer saßen, wo das spätere Mittelalter Kastell neben Kastell baute, wo der stille Glaube der Waldenser den Kampf mit Rom aufnahm und mutig noch heute weiter führt, ist mit Geschichte getränkt, das bedeutet freilich auch mit Menschenblut.

Jenseit der ersten hohen Bodenschwelle, deren Wände vom einstigen Lysgletscher spiegelglatt geschliffen wurden und die wir bei Pont Saint-Martin übersteigen, hat diese Geschichte wohl kaum ihren Fuß gesetzt. Hier, im Schatten uralter Kastanien, Nußbäume und Eichen scheint der Geist der Natur sein Reich des Friedens errichtet zu haben.

Wie in vielen Alpenthälern kann man auch hier beobachten, daß dieses Thal des Lys eine Folge von sanft geneigten Ebenen ist. Dieselben sind voneinander durch mehr oder weniger mächtige Stufen oder Bodenschwellen getrennt, deren hauptsächlichste sich im obern Thal, im Gebiet von Gressoney erhebt, so daß die Landschaft selbst in ein „Unterteil“, ein „Mittelteil“, in dem die Hauptorte liegen, und in ein „Oberteil“, das bis zum Ursprung des Lys aufsteigt, geschieden wird.

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Mädchen von Gressoney im Brautschmuck.


Wild, überkeck von seiner Geburt bis zur Vermählung mit der Dora, bricht der Lys, genährt von der schäumenden Gletschermilch, aus den Urgebirgssteinen hervor und durchfließt tönend, weithin vernehmbar, drängend und treibend, sich wendend und windend, das sieben Stunden lange Thal. Wie Silber glänzen seine Wellen, ein leuchtendes Band, das den grünen Teppich der Wiesen durchsticht. Die schwarzen Riesenblöcke, die der Gletscher vor Urzeiten hier abgelegt, überspringt er, schwindet dann hinter steilen Felsausbäumungen, zwängt sich durch Spalten und Schluchten, ihres grausenerweckenden Wesens wegen vom Volke Orridi (die Schrecklichen) genannt, bildet Fälle und Stromschnellen, verrät sich hier und da nur durch sein Tosen, ist überall unbändig und trägt nur unwillig das Joch der Brücken und Stege. Geduldig seinen Windungen folgend, zieht von Pont Saint-Martin her seit wenigen Jahren, nach den beiden Gressoney eine prächtige Fahrstraße hinauf, die zunächst zur Bequemlichkeit der Königin von Italien hergestellt wurde, welche für diese Gegend eine große Vorliebe hegt.

Die Berge, die das Thal fassen, sind alle bedeutend; überragt werden sie von dem Kolosse des Grauhaupts, an dessen Fuße sich die beiden Gressoney angesiedelt haben, und das, zu der stolzen Höhe von 3315 m emporragend, mit dem tief im Hintergründe des Thales silberweiß aufleuchtenden Monte Rosa, der im Lyskamm bei 4447 m gipfelt, sich messen möchte.

Zwei Blumen, sagt das Volk, sind dem Thale auf den Hut gesteckt: Lys, die Lilie, und Rosa, die Rose. Diese Deutung ist sehr poetisch, Liso heißt aber im Dialekt des Aostathales jedes größere Thal mit einem Wasserlauf, und der Monte Rosa hat schwerlich etwas mit Rosen zu thun, denn in demselben Idiom heißen eben die Gletscher Roese, Roïses und Ruize. Im Valsesia nennt man ihn gar Bioso und Monboso, in seinen südlichen Thälern aber, wo Deutsche wohnen, hieß er der Gorner, wie noch jetzt der Gletscher bei Zermatt. In dem Nachbarthale von Gressoney, in Ayas, nennt man ihn Monte della Roiza. Viele Oertlichkeiten des Thales aber, Alpen, Berge, Häusergruppen, haben deutschklingende Namen, wie Blatta, Kasten, Grauhaupt, Weißweib, Noversch, Netscho, Olen, Am Betta, Selbsteg, Stavel, Alp Ofer; Kälberhorn. Pfaffe, Karrohorn, Unterlicht, Gemsstein, Marienhorn u. v. a. Die Ortschaften des Thales, von Martinsbruck begonnen, sind Perloz, Lillianes, Fontainemore mit dem hochinteressanten Wassersturze, dem Orrido di Guillemore, Issime, Gaby an der Mündung des Nielthales, Trento und die beiden Gressoney.

Wir sind im Hintergründe des Thales angelangt und haben eins der erfreulichsten Ziele erreicht, das der Sommerwanderer weitaus erreichen kann: ein stilles liebliches Hirtenthal, ausgerüstet mit allen Schönheiten und Eigenheiten einer großen Alpennatur, mit Wäldern und Wiesen, der köstlichsten Luft und dem dazu gehörigen Hotelkomfort, ohne jenen übertriebenen teueren Luxus so vieler Schweizerhotels. Das Thal ist noch nicht überlaufen, es ist noch „heimelig“, trotzdem die Königin von Italien seit Jahren den heißesten Sommermonat hier verbringt, wobei sie in der Tracht der Thalbewohnerinnen erscheint.

Schon dieser Fremdenverkehr hat nun freilich auch die Baulust in Gressoney angeregt, und der Stil, der dabei zur Verwendung kommt, und die weiß oder rot getünchten Häuserfassaden stören einigermaßen die Harmonie der von den Vätern

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Gressoney la Trinite.

[57] überlieferten braunen Holzarchitektur der Wohnungen, Speicher und Ställe. Ganz wie in Wallis stehen hier überall am Wege die sogenannten „Stadel“, das sind blockhausähnliche Vorratskammern, mit Steinen oder Schindeln gedeckte Holzkasten, deren Tragboden auf „Steinpilzen“ ruht, pilzkopfähnlichen Steinen, die den Nagern aus Feld und Wald den Zutritt verwehren. Der Mensch ersteigt sie durch eine Leiter. So ein Ding, in Italien sonst nirgends zu schauen, nimmt sich im Grünen äußerst malerisch aus.

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Auf der Weide.

Hier lagerten früher die hundert Jahr alten, ungenießbar gewordenen großen Käse, Familienerbstücke und Stolz der Familie, hier hing das Brot, das noch immer im Vorrat auf ein Jahr gebacken und so hart wird, daß besondere Maschinen zu seiner Zermalmung erfunden werden mußten; hier dörrte das Schaf- und Bockfleisch an dem scharfen Luftzug der Berge zu einer hornartigen Masse zusammen, dessen spätere Bearbeitung die Kunst des Holzschnitzers mit starken Armen und schärfstem Messer herausfordert, von der Bearbeitung durch die Zähne ganz zu geschweigen. Im Thale von Gressoney ißt man herzlich schlecht, und auf den Bergen darüber soll’s noch viel schlechter bestellt sein.

Aber gesund sind die Menschen, wenn auch hager und abgearbeitet, und – ein Haupterbteil des deutschen Stammes – äußerst zufrieden und heiter ohne Lärm. Ich sprach eines Tages eine nicht wohlhabende Frau, Victoria Rial ist ihr Name, über die mancherlei Entbehrungen, die sie in dieser Weltferne zu ertragen hätten. Wie eine Heilige erschien sie mir, da sie die Hand auf die Brust legte und in ihrem treuherzigen germanischen Dialekt sprach: „Ich bin zufrieden, ja glücklich. Und wenn der Herrgott an mich heranträte und fragte mich um einen zu erfüllenden Wunsch, ich würde sagen: lieber Gott, ich danke dir, ich habe keine unerfüllten Wünsche.“

Es berührt eigentümlich, auf diesem italienischen Boden, wo in vielen Ortschaften auch noch französisch gesprochen wird, deutsche Laute zu hören. Am ersten Tage, wo ich mich des hier herrschenden deutschen Wesens noch kaum erinnert hatte, kniete ich an einer Halde und stach mir einige Pflänzchen der reizenden Gentiana nivalis aus. Da schritt vom Fußpfade quer über das Grün eine alte hagere, sehr saubere Frau auf mich los, neugierig wohl, zu sehen, was der fremde Mann da treibe.

„Gott grüetz-i, Herra,“ heimelte es mir aus ihrem Munde auf italienischem Boden entgegen, „was machet-er do?“

Ich sei auf der Kräutersuche.

„Was isch des für e’ Chrüetli, was-er da hent?“

Ich sagte ihr den Namen, sie fragte weiter: ,Isch es zu öppes guet? Wenn-t-er en Chrüttler (Kräutersammler) seid, weiter obe an der Sonnethalb (Sonnenseite) häts no bessers.“

Ich fragte die treuherzige Alte, ob sie auch italienisch spreche; ja, sie verstehe außerdem auch die französische Sprache. Die Leib- und Muttersprache der Alten sei aber das Deutsche und deutsch sei bis auf diese Tage auf der Kanzel gepredigt, in der Schule unterrichtet worden. Sie wußte die Namen der deutschen Geistlichen, die in diesem Jahrhundert hier amtiert, sämtlich zu nennen: Bärenfaller, Leiter, Lateltin, Netscher, Dreißiger, Bezle; der jetzt hergeschickte heißt Berguet, französischen Stamms, denn der Bischof von Aosta, zu dessen Diöcese das Gressoneythal gehört, wolle nichts mehr wissen vom Teutsch als Kirchensprache. Er will das Thal französisch machen und übt vielfach Gewalt.

Nur zwei deutsche Kirchenlieder giebt’s noch: das Neujahrslied und das Dreikönigslied; doch deutsche Reimverse stehen geschrieben auf den Gräbern der alten Pfarrherren und deutsch sind die Grabinschriften auf den Kirchhöfen, wie auch die Liebeserklärung des Burschen an sein Mädchen deutsch gemacht wird.

Bislang heirateten die Thalbewohner vorzugsweise unter sich: so blieb der Stamm rein, so blieben die Gewohnheiten und Gebräuche der Urväter treu bewahrt.

Noch heute trägt die weibliche Bevölkerung den leuchtenden roten Tuchrock, wenn auch das Tuch dazu nicht mehr wie früher im Thal gewoben wird. Noch in jüngster Zeit trug die Braut die eigentümlich geformte, reich mit

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Die Johannisprozession.

[58] goldenen Arabesken gestickte kostbare Haube. Der rote Rock heißt Anketü, die Schürze das Fuder, Furblätz ist das Brustvortuch, welches bei besonderen Gelegenheiten durch das Halsmottschior (wohl vom französischen Mouchoir) ersetzt wird. Von anderen Kleidervokabeln habe ich mir notiert: Chappo die Kappe, Brosttuech die Weste, Bruech die Hose, Hose die Strümpfe, Wolemd die kurze Jacke, Schue die Schuhe. Natürlich ändern sich diese Ausdrücke in den verschiedenen Gemeinden ab, so heißt beispielsweise der Kuß in Gressoney Schmock, in Issime Ciuppe (spr. Tschuppe!), und nur in Alagna, wie bei den Engländern, Kiß. Der Dialekt ist aber eher weich zu nennen und berührt angenehm durch die vollen Vokale der Endsilben, die in den schweizer Dialekten meist stumm sind. Lieblich klingt „Atto“, der Vater, und „Eju“, die Mutter. Wenn Paul Kind, der vor etwa zwanzig Jahren das Thal besuchte, große Anklänge an den Oberwalliser Dialekt herausfindet, so denkt er dabei an einen noch nicht romanisierten „Burgunder Zweig“, dessen letzte Ueberreste hier zu suchen seien. Und Bergmann in seinen „Untersuchungen über die freyen Walliser oder Walser in Graubünden und Vorarlberg“ vergleicht den von diesen gesprochenen Dialekt mit dem „Gressoneyrisch.“

Aus dem Gedichtchen, das mir ein alter deutschsprechender Mann mit dem französischen Namen De la Pierre aufgeschrieben, mögen als Dialektprobe hier zwei Strophen stehen, es heißt: „D’ Herta on d’ Sebetodsenne (die Hirten haben keine Sieben Todsünden).“

„Nid eine van de sebue Senne,
Cham ’mo bi de Herta fenne,
Drum hein’sch Gleck o’ Sege noa,
O’ frägen witter nid durnca.

Der Hoffart chend dem Hert nid z’ Se,
Das cham ’mo an dschim Chleid ja gseh.
Welchom escht wier z’ em Herte geid,
Das escht dem Gitz va hierse leid.“

Das bedeutet in wörtlicher Uebertragung: „Nicht eine von den sieben Sünden, kann man bei den Hirten finden, drum haben sie Gluck und Segen und fragen weiter nicht danach. Die Hoffart kommt dem Hirten nicht zu Sinn, das kann man an seinem Kleid ja seh’n; willkommen ist wer zum Hirten geht, das ist dem Geiz von Herzen leid.“

Vor Jahren hatte das Thal auch seinen Dichter, Louis Zumstein. Er hat viele Lieder im „Gressoneyersch“ geschrieben und den Volkston prächtig getroffen.

Bei den Hochzeiten spielten die Ansingelieder eine Rolle. Auch in Alagna war es Brauch, daß am Ende des Hochzeitsabendessens sich die Braut mit zwei Brautjungfern in ihr Kämmerlein verschloß, während draußen die Jünglinge lärmten und sangen.

Singend antworteten die Mädchen in der Brautkammer, Gegengesang von außen und so fort, bis die Thür sich öffnete, die Jünglinge und die Geladenen zugelassen wurden und die Braut die Hochzeitsgeschenke und die guten Wünsche entgegennahm.

Wein wird selbstverständlich im Thal von Gressoney nicht erzeugt, dessen oberster Ort, Gressoney la Trinité, etwa 1600 m hoch liegt, während der Wein in den Alpen schon bei 530 m zurückbleibt und hier im Piemontesischen, in Camperlongo, ausnahmsweise 970 m ersteigt. Aber die Landschaft von Ivrea leitet ihre purpurnen Quellen über den Berg und der „Carema“ macht im weltabgelegenen Thal die Winterabende belebt und helle.

Ein Trinkbares bereitet das Thal aber doch, das ist der berühmte Schnaps „Ebolebo“, der einheimische Name für die Schafgarbe Achillea atrata. Es war im Jahre 1846, daß ein Zumstein einen Sack voll getrockneter würzig duftender Blumen dieser Pflanze nach Turin brachte und bei einem Apotheker anfragte, ob dies Kräutlein nicht zu verwerten wäre. Es wurde ein Schnaps daraus destilliert, der besonders in England großen Anklang fand, und der „Chrüttler“ sammelt noch heute aus den Bergen seine Atrata. Das ist denn außer der Viehwirtschaft der einzige Erwerbszweig des Thales.

Das Volk von Gressoney lebt in der Frömmigkeit seiner Vorfahren und geht sehr gern in Prozessionen, die sich im Grünen so wunderschön ausnehmen. Am 24. Juni, dem Tage Johannis des Protektors, segnet der Pfarrer die Kinder; am 26. Dezember, St. Stephan, segnet er das Wasser; am 5. Februar, St. Agathe, Salz, Brot und Korn; jeden Sonntag betet er auf den Gräbern der Priester; jeden Freitag des Maimondes wandelt das gesamte Volk in Prozession zur Kapelle des heiligen Gratus, die auf der Grenze zwischen den beiden Gressoney liegt; zur Zeit der Dürre finden Prozessionen nach verschiedenen Kapellen statt.

Da kann man sie sehen, die derben und biderben Nachkommen der Zumstein, Steiner, Knobel, die sich heute Squinobel nennen, Biner, heute Bonda, Leiter, heute Scala, Thumiger, Barell, Lateltin, Lorenz, Real, Bieler, Schwarz, Thedy, Wolf, Lettri, Litschgi und Castell. Romanisiert wurden Schmidt, Ismann, Ronk, Wahler, die sich heute Ferrara, Ferro, Ronco und Guala schreiben. Alles deutet leider darauf hin, daß das vollständige Verschwinden dieser Sprachinsel in kurzer Zeit Thatsache sein wird. Die gute Straße, die nunmehr nach den südlichen Provinzen führt, wird dem Zug nach Norden über die Pässe des Monte Rosa Abbruch thun. Die Mädchen verheiraten sich mit Italienern, die Burschen dienen im italienischen Heere, werden italienisch gesinnt und sprechen italienisch.

Woher aber ist einst dieser deutsche Stamm gekommen? Wann schlug er seine Wurzeln in dieser Einsamkeit? Trieb ihn die Not hierher?

Vermutlich war das Thal im 10. und 11. Jahrhundert noch eine nur etwa von Kohlenbrennern und Grubenleuten bewohnte Wildnis gewesen. 1218 ordnete Landri, Bischof von Sion, einen Kanonikus ab, den Herrn Giacomo della Porta di S. Orso zur Entrichtung des Tributs aufzufordern. In der noch erhaltenen Urkunde werden die verschiedenen Lehnsgüter des Aostathales und seiner Seitenthäler aufgezählt; auch Gressoney wird genannt, aber nicht wie andere bewohnte Ortschaften, die mit villae, parocchiae bezeichnet werden, sondern als alpine Weide, besetzt im besten Falle mit Zufluchtshütten für Mensch und Vieh. Der Bischof von Sion im Wallis war also Lehnsherr dieser Gründe, und um sie sich für spätere Zeiten zu sichern, schickte er Walliser Bauern und Hirten über die Alpen, die in diesen Wildnissen wohl ihre Werkzeuge, aber keine Waffen brauchten, denn die Grafen belästigten die Ansiedler nicht, sie erkannten ihre nützliche Thätigkeit und Energie an und gaben den emporwachsenden Ortschaften ihren Schutz.

Mit dem Hirtenwesen blühte der Handel auf, und die Pässe, die vom Val d’Aosta ins Oberwallis führten, belebten sich ganz bedeutend. In der Münsterschen Kosmographie (Basel 1526) wird das Val Lesa das „Krännethal“ genannt. In der Berner Stadtordnung vom Jahre 1531 heißt es ausdrücklich: „daß die Aemter nicht an Schwaben und Grischtneyer (Gressoneyer) vergeben werden, es seien diese zu rührig und, einmal im Rath, würden sie die Wahrheit nicht sagen, sondern eitel Lügen.“

Diese von den Bernern gefürchtete Rührigkeit ist dem prächtigen Völklein noch heute eigen, und weil es sieht, daß die Zuneigung einer Königin seinem Thale neues Leben für die Zukunft verheißt, so rüstet es sich, seine Gäste würdig zu empfangen in Hotels und Gasthäusern.