Dichter und Componist

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Brunold
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Dichter und Componist
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 614–615
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Johann Mayrhofer und Franz Schubert
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[614]
Dichter und Componist.


Saßen da im heitern, lustigen Wien, zu Anfang des Jahres 1820 in einem düstern Zimmer des dritten Stocks eines Hauses in der Wipplingerstraße, das die Nummer 420 trug, der Männer zwei, welche dem Aeußern und Innern nach wenig zu einander zu passen schienen, während sie doch bereits seit längerer Zeit Stubengenossen waren. Der ältere von ihnen, eine mittelgroße, gedrungene Figur, hatte etwas Starres in seinem Blick, während der Mund sich gern zu einem sarkastischen Lächeln verzog. Seine Kleidung war mehr als einfach. Man sah es, er gab nichts auf den Rock. Die Pfeife im Mund, die Guitarre im Arm, saß er und starrte vor sich nieder, während, unwillkürlich, wie unbewußt, die Hand von Zeit zu Zeit einzelne Griffe auf das Instrument that.

Es war Johann Mayrhofer, der Dichter, während sein um zehn Jahr jüngerer Genoß, mit dem dicken, runden Gesicht, den aufgeworfenen Lippen, den buschigen Augenbrauen, der stumpfen Nase, dem gekräuselten Haar, das dem ganzen Kopf ein mohrenartiges Aussehen verlieh, Niemand anders war als Franz Schubert, der liederreiche Componist. Sie wohnten seit Kurzem zusammen, nachdem ihre frühere Bekanntschaft bereits nach Jahren zählte.

Und ob auch die in der Regel mehr im heroischen Styl gehaltenen, als lyrisch-tiefempfundenen Dichtungen Mayrhofer’s sich wenig zur Composition zu eignen schienen, die Alles bewältigende Schaffenskraft des jugendlichen Tonsetzers, der ja während der kurzen Zeit seines Lebens mehr als sechshundert Lieder componirte, bewältigte auch diese Formen. Poesie und Musik standen sich bei diesen Schöpfungen gegenüber, wie der Poet dem Tonsetzer. Sie ergänzten sich gegenseitig, während sie doch auch wieder im Einzelnen sich abstießen. Und wer hätte die Allgewalt der Tonweisen des jugendlichen Meisters, der kein Vorbild hatte, der aus der Fülle seines Melodieenbornes ohne Ruhe und Rast schöpfte, nicht an sich selbst erfahren! Erwacht bei den Klängen seiner Lieder nicht die Sehnsucht im Herzen? Lösen Traum und Schmerz sich nicht in Wehmuth auf?

Und wie das Haus in der Wipplingerstraße dem Zahne der Zeit zum Raube gefallen, so würden auch die Lieder und Gedichte des im Jahre 1787 geborenen Mayrhofer längst begraben und vergessen sein, wenn nicht die süßen, einschmeichelnden Tonweisen seines jugendlichen Freundes, die dieser den Worten des Poeten zu verleihen wußte, sie immer wieder an das Licht des Tages zögen – und den Dichter selbst dem Verschollensein entrissen. Auf den Tonweisen Schubert’scher Melodieen schwebt sein Name der Nachwelt zu.

Heut’ aber, als dem Tage von dem wir sprechen, lehnt der junge Künstler am Fenster und blickt auf die düstere Gasse hinab. Erinnerung durchwogte ihn. Er war im Geiste wieder zu Zelész, dem am Waagflusse gelegen Landgute des Grafen Johann Esterhazy. Musik wurde getrieben, es wurde gesungen; und sie, seine einzige Schülerin, der er nichts gewidmet, wie die Leser der Gartenlaube schon wissen – denn die auf Op. 103 der F-Moll Clavierphantasie stehende Dedication rührt nicht von ihm selbst her – weil, wie er sagte, ihr Alles gewidmet sei, sang seine Lieder und spielte seine Compositionen. So dachte er. Und siehe! Ein Wagen fuhr vorüber, die düstere Gasse entlang. Ein lieblich schönes junges Mädchen saß im Wagen, der von feurigen, muthigen Ungarpferden gezogen wurde. Die junge Dame warf einen Blick zum Fenster hinauf, es geschah unbewußt, unwillkürlich, aber er genügte, daß der am Fenster Stehende sie erkennen konnte. Ein düster-schmerzlicher Schatten fuhr über sein Gesicht. Ihrer hatte er gedacht; jetzt fuhr sie vorüber, und über seine Lippe bebte der Name: „Caroline“.

Mayrhofer, der leise mit zum Fenster getreten war, sah sein Zusammenzucken, sah, wie er die Brille zur Stirn hinaufrückte, und hub nach gewohnter Weise zu lachen an, während die Hand zugleich nach dem Stocke griff, um denselben, gleich einer Lanze, gegen den Freund anzulegen, wobei er, auf echt wienerisch, im oberösterreichischen Dialekt rief: „Was halt mich denn ab, Du Kloaner –“

Doch Schubert ging diesmal nicht auf den gutmüthigen Scherz ein, sondern wendete sich stumm dem Clavier zu und begann sein Divertissement à la Hongroise zu spielen, mit jenen schwermüthigen Zigeuner-Melodieen, wie er sie einst in Zelész gehört und vernommen. Plötzlich jedoch sprang er auf und rief, bereits halb in der Thür: „Die Theres’ erwartet mich!“ und war zum Zimmer hinaus.

Und während er dahin eilte, um später in Lichtenthal, im Grob’schen Hause, sich von der Tochter, der Theres’, deren glockenreine Stimme bis in das hohe D reichte, seine Lieder singen zu lassen, während er in den Pausen nicht unterließ, dem Mädel in das Auge zu schauen, saß der Poet daheim und brütete vor sich hin. Er verfiel mehr und mehr mit sich selbst und mit der Welt. Und ob auch die Wirthin, die Frau Sanssouci, eintrat und das oft Erwähnte wieder erzählte, daß der Theodor Körner während seines Aufenthalts in Wien auch in diesem Zimmer gewohnt habe und daß derselbe ein so heiterer, froher junger Mann gewesen sei – er beachtete es nicht. Er konnte es nicht fassen und begreifen, daß der Franz sich einer andern Liebe hingab, um seine Liebe zu vergessen. Stumm griff er zur Feder, um in einer geschichtlichen Arbeit für Hormayr’s Archiv die inneren Wirren seines Innern zu tödten.

Am Abend aber, als Schubert eintrat, hatte er nach angestrengter Arbeit seiner Muse Audienz gegeben und trat dem Freunde mit einem neuen Liede entgegen. Es war das in der Sammlung seiner Gedichte sich unter dem Titel „Der Einsame“ vorfindende. Schubert hörte es an, nickte mit dem Kopfe zum Zeichen seines Einverständnisses, warf sich auf das Bett, rückte die Brille zur Stirn hinauf und verharrte einige Zeit in dumpfem Schweigen. Dann sprang er plötzlich auf, trat zum Clavier, sagte: „Ich hab’s!“ und spielte die soeben entstandene neue Composition.

So arbeiteten Dichter und Tonsetzer sich gegenseitig Hand in Hand.


Jahre gehen dahin. Mayrhofer und Schubert wohnen nicht mehr zusammen. Während aber Ersterer, mehr und mehr dem Leben entfremdet, in starrer Pflichterfüllung seines Berufs – er ist Beamter bei der Censurbehörde geworden – den Zwiespalt zwischen Ideal und Leben auszugleichen suchte, während er kränklich und verdrießlich jeden heitern Umgang floh, besonders nachdem die Sammlung seiner Gedichte, die er auf Drängen der Freunde herausgegeben, nicht den Anklang und die Beachtung, die er erwartet und die sie verdiente, gefunden, während er nur noch bei seines Schubert’s Liedern zu lächeln vermochte und sich blos von ihnen in den Kreis einzelner Freunde locken ließ, warf sich Letzterer in das volle, sprudelnde Leben hinein.

Im Gasthaus zur „Ungarischen Krone“ in der Himmelpfortgasse [615] saß er mit seinen Freunden, dem Dichter Bauernfeld, den Malern Schwind, Schnorr u. A. gemüthlich beim Glase Wein. Toll und lustig war der Kreis, ein Scherz, ein Mummenschanz trieb den andern. Und wenn auch der Reim, der über sie und von ihnen ging:

„Die Künstler waren damals arm,
Wir hatten auch Holz nicht immer,
Doch waren wir jung und liebten warm
Im ungeheizten Zimmer“

seine volle Berechtigung hatte, so war das Leben dennoch schön und des Schaffens Drang fehlte nimmer.

Heiter, froh zieht die lustige Schaar, nachdem des Bechers schäumendes Naß zur Genüge genossen war, die nächtlichen Straßen entlang. Sie schreiten der Donau zu. Der Mond blickt durch vom Wind zerrissene Wolken. Sie wissen und ahnen in ihrer Freude, in ihrer tollen Lustigkeit nicht, daß drüben auf der Brücke ein Mensch starr in das Wasser blickt, daß die klaren, wogenden Wellen ihm zuzurufen und zu winken scheinen: komm’, komm’! hier unten ist Ruh’ und Frieden; sie sehen und ahnen es nicht, daß der Mann sich kopfüber in die Donau stürzt, um gleich darauf von einem Schiffer, der sein Treiben vom Kahn aus beobachtet, herausgezogen und an das Land getragen zu werden. Sie kommen dazu, als der Gerettete am Ufer steht, und erkennen in demselben, in dem Unglücklichen, den Dichter Johann Mayrhofer. Aller Scherz war verstummt. Schubert erfaßt die Hand des unglücklichen, düsterblickenden Freundes. Der aber drängt die Hand zurück, sagt frostschauernd, aber zugleich wild lachend: „Hätt’ nicht gedacht, daß das Wasser der Donau so wenig kalt sei!“ und schreitet ohne Gruß und Dank davon.

Die Freunde gaben sich das Wort, des Ereignisses nicht weiter zu gedenken. Sie hielten es, und so ist es denn gekommen, daß der Versuch des Schwermüthigen, seinem Leben ein Ende zu machen, fast Sage blieb, bis sein späterer Tod auch diesen Vorfall aus der Erinnerung heraus an das Licht des Tages zog.

So kam der 19. November des Jahres 1828 heran. Schubert’s Compositionen waren mehr und mehr zur Anerkennung gelangt, ohne daß jedoch der Ertrag derselben ihn für die Bedürfnisse des Lebens sichergestellt hätte. Er verstand es nicht und hatte es nie verstanden, mit seinen Geistesproducten zu feilschen. Das Privat-Concert, welches er im März vor seinem Tode veranstaltete und in dem nur Compositionen von ihm vorgetragen wurden, ist sein erstes und letztes gewesen, wie Gräfin Caroline Esterhazy seine erste und letzte Schülerin blieb – vielleicht, weil sie zugleich seine einzige, hoffnungslose Liebe gewesen; eine Liebe, von deren Größe sie wohl keine Ahnung gehabt.

„Ich sah nach keinem Monde,
Nach keinem Sternenschein,
Ich schaute nach ihrem Bilde,
Nach ihrem Auge allein“

spielte und sang er für sich. Was er früher einem Freunde über sich selbst geschrieben, war zur düsteren Wahrheit geworden: „Denke Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will und der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht, denke Dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zu nichte geworden sind, dem das Glück der Liebe und Freundschaft nichts bietet, als höchstens Schmerz, dem Begeisterung (wenigstens anregende) für das Schöne zu schwinden droht, und frage Dich, ob das nicht ein elender, unglücklicher Mensch ist? Meine Ruh’ ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmer mehr.“ Man spielte seine Compositionen, man sang seine Lieder, aber von einer vollen, warmen Anerkennung seiner Schöpfungen war noch immer nicht die Rede. Selbst ein Goethe ließ die Schubert’schen Compositionen seiner Lieder unbeachtet. Die Nachwelt sollte auch hier das Versäumte nachholen.

Schubert ist in dem letzten Jahre seines Lebens thätiger gewesen, denn je; es ist, als habe er die Nähe seines Todes geahnt und gefühlt. Sein Schwanengesang war „die Taubenpost“ von G. Seidl. Er kränkelte mehr und mehr, bis Nachmittags drei Uhr vorhin gedachten Tages der Tod seinem Leiden ein Ende machte. In das Gewand eines Einsiedlers gekleidet, den Lorbeerkranz um die Schläfe gewunden, lag er auf der Todtenbahre. Und die Freunde und Bekannten des Verblichenen eilten nach der neuen Wieden, der neugebauten Gasse Nummer 714, um den Sarg des Todten mit Kränzen und Blumen zu schmücken.

Ob sie, der er Alles gewidmet, gekommen, ist nicht bekannt. Auch Johann Mayrhofer kam, er fehlte nicht. Die frühere Therese Grob, nun längst verheirathet, fand ihn, als sie erschien, den Gestorbenen noch einmal zu sehen, am Sarge stehen, starr das Auge auf den Todten gerichtet. Er sah sie nicht, er beachtete sie nicht; stumm, wie er gekommen, schritt er davon; nur über seine Lippen schien es zu zucken: „Mein Franz! wäre ich doch lieber statt Deiner gestorben!“

Auf dem Friedhof in Währing, wo Beethoven ruht, wurde Schubert begraben. So hatte es der Geschiedene in seiner letzten Lebensstunde selber gewünscht. Ob er seiner Liebe gedacht; ob er mit ihrem Namen auf der Zunge gestorben? – Wer kann es wissen! Und Johann Mayrhofer? Er hat dem Freunde als Nachruf ein Lied gedichtet; er hat der Trauermusik, die zu Ehren des Geschiedenen veranstaltet wurde, beigewohnt, dann aber ist er immer einsamer, stiller, menschenscheuer geworden. Er mied die Welt – und die Welt fand kein Interesse, ihn zu suchen. Nur beim Tode Goethe’s erklangen noch einmal die seit langer Zeit verstummten Saiten seiner Harfe.

Und so zog der 5. Februar des Jahres 1835 herauf. Wie Tag um Tag ging Mayrhofer nach seinem Bureau, aber die innere Unruhe des Herzens ließ ihn nicht am Schreibtische ausharren. Was war das ganze Leben für ihn gewesen? Wo hatte er Ruhe, Beruhigung gefunden? Langsam, starr schritt er durch die düsteren Gänge des Amtsgebäudes. Den Gruß der Collegen beachtet er nicht. Er schreitet höher und höher die Treppen hinauf, bis er endlich hoch droben an einem geöffneten Fenster stehen bleibt. Er starrt hinauf zum Himmel, hinaus in die Welt. Die ersten milden Lüfte des Frühlings wehen ihn an. Sie durchschauern ihn, wie die Schauer des Todes. Er lehnt sich weiter und weiter hinaus, ein Schrei, ein Ruf – und er liegt drunten auf der Straße mit zerbrochenem Genick.

Ernst von Feuchtersleben gab die Gedichte des Unglücklichen nach dessen Tode auf’s Neue heraus, ließ jedoch viele der Gedichte, die Schubert componirt, in der Sammlung weg. Und doch sind es diese Compositionen allein, die den Namen Johann Mayrhofer nicht gänzlich untergehen ließen. Wer würde der Gedichte des Geschiedenen denken? er wäre hinweggespült von den Wogen der Zeit – und selbst sein Name wäre verschollen und vergessen.

Friede ihm! –

Fr. Brunold.