Die „Zierlichen“ der Steppe

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Textdaten
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Autor: R. Hartmann
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Titel: Die „Zierlichen“ der Steppe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 347–349
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Giraffen und Giraffenjagd
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Die „Zierlichen“ der Steppe.
Von R. Hartmann.


Unvergeßlich sind mir die Tage, die ich im tropischen Afrika verlebte, dort wo ich auf den unermeßlichen Steppen eine ebenso eigenthümliche, wie vielgestaltige Thierwelt sich tummeln sah. Da jagt der doggenähnliche, schön gefärbte Sémechhund rudelweise die scheue Antilope, brüllend umkreist der Löwe das Lagerfeuer des Nomaden, der Ameisenscharrer und das Schuppenthier durchwühlen den bald sandigen, bald lettigen, mit hohen Gräsern, mit verschränktem Buschwerk und mit Baumgruppen bedeckten Boden. Alle lebenden Geschöpfe nicht blos dieser Region, sondern auch der ganzen Erde übertrifft aber an Sonderbarkeit der Gestalt die Giraffe, diese echte Bewohnerin der Steppe. Ein feiner, schmaler Kopf mit knotig aufgewulsteter Stirn und kurzbehaarten Spießhörnchen paßt sich an den langen, seitlich zusammengedrückten Hals, der sich seinerseits weit absetzt von der breiten, gewölbten Brust. Den kurzen Rumpf mit abschüssigem Rücken tragen die langen, in den Kniegelenken sehr starken, in den Hufen breiten Beine. So baut sich der fünfzehn bis achtzehn Fuß hohe Riese empor. Auf dem weißlich- oder bräunlichgelben Grunde des Felles zeichnen sich röthlichbraune Dreiecke, Trapeze und Vielecke mit fast mathematischer Regelmäßigkeit ab und vervollständigen so das angenehmste Colorit. Die Bewegungen des Thieres sind nicht ohne Zierlichkeit, es geht einen auch in der Ruhe sehr fördernden Paß und stürmt, erschreckt, mit gewaltiger Schnelle über die Ebene dahin.

Die Araber nennen das seltsame Geschöpf El-Seráfeh, die Zierliche, woraus der Name Giraffe entstanden. Die Denka-Neger des weißen Niles aber nennen es Mir, die Hohe, Erhabene. Ich beobachtete im Sennar einige Wochen lang eine zwar noch junge, jedoch bereits sechs Fuß hohe Giraffe. Sie war ein Geschenk [348] Redjib-Adlán’s, des Königs der Fungi-Neger, und sehr zahm, sie fraß aus der Hand und rieb aus Liebkosung ihre Schnauze an Wangen und Schultern des Fütternden. Der Ausdruck ihrer großen, braunen Augen war ein unendlich sanfter, seelenvoller. Sie war daran gewöhnt gewesen, ganz frei im Hofraume der Königswohnung am Berge Gule umherzuspazieren, daher machte es später Schwierigkeit, sie mittels mehrerer um Hals und Oberschenkel geschlungener Stricke zu transportiren. Drei starke Männer hatten ihre Mühe, das edle, schon so mächtige Thier fortzubringen. Leider erlag es auf dem Transporte der Ungunst der Witterung.

Nie werde ich den aufregenden Eindruck vergessen, welchen einmal fünf lebende, wild im Freien befindliche Giraffen auf mich machten. Es war am 16. Juni 1860 zwischen Hedebát und Roséres am blauen Nil, auf einer weiten, dicht mit hohem, wildem Sorghumgrase bestandenen Lichtung des Urwaldes. Regungslos verharrten wir einen Augenblick und staunten die sonderbaren Wesen an, die gravitätisch zwischen den langbeblätterten, knotigen Halmen einherschritten, kleine Zweige von Akazien und Tamarinden des Waldrandes brachen oder mit ihren Zungen am Boden umhertasteten. Die Jagdlust übermannte uns. Wir spannten unsere Gewehrhähne und suchten, von Graswerk und niedrigem Gestrüpp gedeckt, die Entfernung von ungefähr fünfhundert Schritten, welche uns noch von den Giraffen trennte, angemessen zu verringern. Allein die Thiere bemerkten unser Anschleichen nur zu bald. Sie witterten uns, äugten aufmerksam mit vorgerecktem Halse; plötzlich scharrte das eine den Boden mit den Vorderfüßen, warf sich herum und sofort ergriffen alle fünf stürmenden Laufes die Flucht, das Halmgewirr mit den gewaltigen Schenkeln theilend und niederknickend. Bald waren sie uns aus dem Gesicht.

Die Giraffe kommt im Gebirge und im dicht verwachsenen Tropenwalde nicht fort, sie zieht daher die offenen, mit Akazien- und Bauhiniengebüsch bewachsenen Ebenen der Südhälfte von Afrika, die Grasfelder und lichten Dorngebüschhaine Südnubiens und die an Spargelbüschen, Liliengewächsen und Nachtschattenstauden reichen Waldwiesen Sennars vor. Sie ist im Stande, die von beinahe fingerlangen Dornen strotzenden Akazienschosse, welche sie so sehr liebt, mit ihrer wurmförmigen Zunge zu ergreifen und an ihrem stahlharten Gaumen zu zerkauen. Sie frißt nicht allein stehenden Fußes von den leicht erreichbaren Bäumen, sondern sucht auch mit gespreizten Beinen die Nahrung von der Erde auf.

Im Sennar nun machen der männliche Fungi-Neger und der Abu-Rof-Beduine fleißig Jagd auf das stattliche Thier. Hat man ein Rudel derselben in der Steppe erkundet, so vereinigen sich die Jäger an einem Orte zum Aufbruche. Jeder besteigt sein schlankes, ungesatteltes Dromedar, auf dessen gewölbtem Rücken er sich nur durch den Druck seiner muskulösen Schenkel hält. Der dunkelerzfarbene, von Butter glänzende Körper ist nackt bis auf das locker um Hüfte und Schulter geworfene Baumwollentuch, über der linken Achsel hängt in rothlederner Scheide das lange, breite Schwert mit Kreuzgriff. Ein Mann folgt der Jagdpartie von fern, am Sattel seines Reitkameeles sind ein lederner Wasserschlauch und ein Lederfaß mit Belíleh, d. i. rohen, in Wasser gequellten Sorghumkörnern, befestigt. Eine Hand voll Belíleh und ein Schluck Wasser bilden die ganze Erquickung des genügsamen Steppenjägers. So geht es auf lange Stunden hinaus in die Ebene, hindurch zwischen sperrigen, mannshohen Gräsern, zwischen dornigem Buschwerk und Zwergpalmgehegen, zwischen Asclepiasstauden, cactusähnlichen Baumeuphorbien und dichtem Lianengewirr. Von der Kimmung scheinbar emporgerückt, tauchen die blauen Fungiberge über dem trügerischen Spiegel der „Teufelswasser“, dieser entsetzlichen Täuschung für den verdurstenden Steppenbereiser, empor.

Nach langem Suchen hat man das Rudel erspäht. Zwischen der Buschdickung sich möglichst sichernd, nähert man sich langsam und vorsichtig. Das Schwert der Jäger fliegt aus der Scheide, seine scharfe, blanke Klinge glänzt im Sonnenstrahl. Ein Zungenschnalzen des Reiters, ein Ruck mit der linken, den Halfterstrick führenden Faust, und sein Dromedar rennt laut schnaubend, weitausgreifend, gegen die dem Untergang geweihten Giraffen an. Diese bemerken die ihnen drohende Gefahr zeitig und nehmen die Flucht. Die langen Hälse wiegen perpendikelartig vor- und rückwärts, die trockenen Halme und Aeste krachen unter dem Tritt der schnellen Hufe, empor fliegen Steine und Erdschollen, hochauf wirbelt der Staub. In toller Jagd rasen Giraffe und Reiter hintereinander her. Nichts hilft dem gehetzten Thiere seine Schnelligkeit, nichts hilft ihm sein Kreuzen und Hakenschlagen. Röchelnden Athems, die Zunge bleifarben aus dem schäumenden Maule hängend, die Augen hervorquellend, entsetzte, verzweiflungsvolle Blicke schießend, eilt die „Zierliche“ dahin.

Ein Jäger ist nahe an ein schönes Stück gedrungen, einige Sätze noch und er ist seiner Beute unmittelbar auf der Ferse. Der schwankende, unsichere Tritt der Giraffe läßt auf ihre sinkenden, unter dem Eindrucke der Angst noch schneller schwindenden Kräfte schließen. Jetzt beugt sich der Jäger auf dem Rücken seines Dromedars vornüber, mit Gedankenschnelle erspäht er die augenblickliche Stellung eines Hinterbeines, weit holt er aus, da – ein flammender Streich seines Schwertes, vielleicht noch einer und zuckend läßt sich der geschlagene Riese auf das blutende Hintergestell nieder, zuckend stürzt er zur Seite und krampfhaft um sich schlagend, wühlt er das lockere, staubige Erdreich auf. Der Jäger hat ihm mit wohlgezieltem Schwerthiebe die Bänder am Sprunggelenke eines oder beider Hinterbeine durchhauen und ihn somit wehrlos in seine Hände gebracht. Ein donnerndes Jachú el-Hami-lilláhi, Allah-Kerím (Gott sei Dank, Gott ist barmherzig), jenes Halali des nubischen Waidmannes, tönt durch die stille Luft. Man reitet von allen Seiten herzu, springt von den Dromedaren und fällt die edle Beute bald gänzlich mit Schwerthieben und Schwertschnitten in Beine und Kehle. Das Stück wird enthäutet, das Fleisch vertheilt. Letzteres wird sofort in riemenartige Streifen geschnitten, welche, in der Sonne gedörrt, einen beliebten Reiseproviant bilden. Nur wenn die Gesellschaft sehr hungrig, macht man mittels Reibhölzchen flugs ein Feuer von dürrem Astwerk und Steppengras, brät einige Fleischstücke leicht hin und schlingt sie noch halb roh mit behaglichem Geschmatze hinein. Dann geht es zurück nach Hause.

Die Haut der Giraffe dient diesen Leuten zur Verfertigung von Schilden und Sandalen, die buschige Schwanzquaste als Fliegenwedel. Das knöcherne Becken reinigt der Hammégneger von Fleisch und von Sehnen, bespannt es mit Darmsaiten und benutzt es als Leier bei Aufführung seiner Kriegs- und Liebesgesänge.

Befinden sich Junge bei einem Giraffenrudel, so werden diese, nach Tödtung oder Versprengung der Mutterthiere, meist ohne Mühe gefangen. Diese Geschöpfe, noch unbeholfen wie sie sind, ergeben sich ohne Widerstand den Jägern, wenn sie nur vorher etwas müde gehetzt worden sind. Bei vorgerückterem Alter gerathen sie leicht in die Wurfschlinge des Jägers, die dieser, ganz wie der südamerikanische Steppenreiter den Lasso, geschickt zu gebrauchen versteht. Jung eingefangene Giraffen sind beliebte Zuchtthiere der äthiopischen Häuptlinge, sowie der türkischen Gewalthaber des Landes und ein gesuchter Artikel für europäische Speculanten. Ihre Aufzucht im Lande mit Kameelmilch, später mit Korn und Stroh von Sorghum macht sich sehr gut, und ihre Grazie, ihre Sanftmuth stempeln sie zum schönsten Schmuck eines äthiopischen Hoflagers.

Die Hadéndua und andere Nomadenstämme des Taka jagen die Giraffe zu Pferde und verfahren dann ganz so, wie vorhin beschrieben. Die Jagd auf Pferden soll früher auch bei den Fungi Mode gewesen sein. Allein König Redjib-Adlán, selber ein leidenschaftlicher Waidmann, theilte mir mit, die Pferdejagd sei in seinem Gebiete abgeschafft und mit der zu Dromedar vertauscht worden. Die gehetzte und in die Enge getriebene Giraffe, meinte er, setze sich nämlich manchmal zur Wehr, schlage wüthend mit den gewaltigen Hinterbeinen aus und zerschmettere dann leicht den Brustkasten des verfolgenden Pferdes. Das höher gebaute Dromedar dagegen treffe sie nicht so leicht. Sei dem nun, wie ihm wolle, die Giraffe besitzt in ihren Hinterbeinen keineswegs verächtliche Waffen, mit welchen sie selbst Löwen betäuben oder gar tödten soll. Man erzählte mir auch, die Mária und andere Stämme Ostabyssiniens, wie des Barka, jagten die Giraffen in dichte, mit Seilwerk künstlich durchflochtene Buschdickungen, in denen sie sich leicht verwickelten und so zu Fall kämen.

Die beifolgende Abbildung stellt eine Giraffenjagd auf den zwischen den Bergen der Fungi gelegenen Steppen dar. Ein Jäger, Namens Othmán, hat mir die Art und Weise der Jagd zu Dromedar selbst vorgespielt. Gegend, Tracht etc. sind treu nach der Natur dargestellt worden.



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Die Gartenlaube (1867) b 349.jpg

Giraffenjagd in Afrika.
Nach der Natur aufgenommen von R. Hartmann und auf Holz gezeichnet von Rob. Kretzschmar.