Die Anwendung der Folter in den Gefängnissen von Neapel und Sicilien. Nr. 1

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Autor: Gustav Rasch
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Titel: Die Anwendung der Folter in den Gefängnissen von Neapel und Sicilien. Nr. 1
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 69–72
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Anwendung der Folter in den Gefängnissen von Neapel und Sicilien.
Nr. 1
Die Gartenlaube (1861) b 069.jpg

Der Einmarsch der Calabresen.
Eine Erinnerung aus Neapel.

Es war an einem der letzten Septembertage des verflossenen Jahres. Neapel war seit frühem Morgen wieder voll fieberhafter Aufregung, Lärm und Getümmel. In der Toledostraße drängten sich die Menschenmassen wild durcheinander, Wagen, Reiter, Garibaldische Soldaten in ihren rothen Blousen, Abtheilungen der Nationalgarde in ihrer blauen Uniform, halbnackte Lazzaroni’s, Fremde aus allen europäischen Ländern in eleganten Sommerkleidern, Bürger aus Neapel, welche an ihren heftigen Gesticulationen und an dem Geschrei, mit dem sie jedes Wort begleiteten, vor allen Andern kenntlich waren, bildeten ein fast unentwirrbares Menschenchaos, in welches die Patrouillen der Nationalgarden, welche langsamen Schritts, Gewehr im Arm, die Straße durchschritten, nur [70] mit Mühe so viel Ordnung hinein bringen konnten, daß in der Mitte ein schmaler Raum frei gehalten wurde. Alle Fenster, alle Balcone an den hohen Häusern waren dicht mit Zuschauern besetzt, welche erwartungsvoll auf die Köpfe dieser vielen Tausende hinabblickten. Welches Schauspiel sollte heute die Toledostraße wieder sehen, wo die neapolitanische Revolution seit den letzten zwei Monaten in allen ihren wechselnden Phasen vorübergeschritten war? „Was wird denn heute hier wieder passiren?“ fragte ich einen Officier der Garibaldischen Zouaven, der sich, sowie ich, mühsam auf dem schmalen Trottoir durch die Menschenmenge hindurch drängte.

„Heute Morgen sind zweitausend Calabresen in Neapel angekommen, welche in unsere Armee eintreten wollen,“ erwiderte er mir, „sie werden durch die Toledostraße ihren Einzug halten und in der großen Caserne beim Palazzo Borbonico einquartiert werden. Die Calabresen sind gute Soldaten und voll von Enthusiasmus für Garibaldi. Bei unserm Zuge durch Calabrien haben einzelne Dörfer oft Hunderte von Streitern geliefert. Da, sehen Sie, da kommen sie schon!“

Wir blieben auf der Stelle stehen, wo wir standen, denn die ganze Circulation stockte nun vollends. Ich blickte die prächtige Straße abwärts nach dem Café de l’Europe.

Von dort bewegte sich eine Abtheilung Nationalgarde Schritt für Schritt aufwärts, die Mitte der Straße frei haltend, die Gewehre im Arm. Voran schritt ein Musikcorps, die „inno di Garibaldi“ den Marsch der Alpenjäger blasend. Die funkelnde Mittagssonne spiegelte sich in Millionen Strahlen auf den blitzenden Bajonneten. Hinter ihnen marschirte eine Abtheilung Garibaldische Infanterie. Die rothen Blousen und rothen Mützen, die bunten Schärpen in den italienischen Farben, die weißen Mäntel der Officicre sahen prächtig aus. Voran gingen zwölf Trompeter, welche ebenfalls den Marsch der Alpenjäger bliesen. Es waren Knaben in dem Alter von vierzehn bis sechszehn Jahren; aber sie bliesen mit einer Begeisterung und einer Vehemenz in ihre Trompeten, als wenn es gälte, die Mauern von Jericho umzublasen. Dann kamen die Calabresen, die meisten in ihrer Landestracht, einige bereits in der Garibaldischen rothen Blouse, die spitzzulaufenden calabresischen Hüte, welche mit bunten Federn und mit langflatternden rothen, weißen und grünen Bändern geschmückt waren, auf ihren charakteristischen Köpfen. Sie waren fast durchgehends mit den kurzen Flinten ihrer Berge bewaffnet, die meisten trugen außerdem Pistolen und lange Dolchmesser in ihren Ledergürteln oder in den bunten Schärpen, welche sie malerisch um die bis zum Knie gehende Hose geschlungen hatten. Um den braunen, kräftigen Hals trugen sie farbige Tücher, deren Zipfel auf die nackte Brust hinabhingen. Es waren sämmtlich kräftige, kriegerisch aussehende Gestalten, weit größer und kräftiger als die Neapolitaner, mit muskulösen Armen und Beinen, die Gesichter, auf denen sich Energie und oft Wildheit ausdrückte, tief gebräunt von der calabrischen Sonne, bei manchen das halblange, dunkle Haar geflochten, bei manchen das Haar in Strähnen herabhängend. Ein dichter, dunkler Bart, den gewiß nie das Scheermesser eines Barbiers berührt hatte, bedeckte Kinn und Lippen; trotzig und wild blickten die dunkeln Augen unter den schmalen Hutkrämpen hervor auf die auf den Trottoirs sich drängende Menge und an den hohen, mit bunten Fahnen und Teppichen geschmückten Häusern hinauf. Ich hatte vor einigen Tagen die sicilianischen Truppen, dann eine Abtheilung der englischen Legion, dann die Garibaldischen Zouaven, welche von Mesina kamen, durch die Toledostraße in Neapel einziehen sehen; aber die Calabresen, welche heute die prächtige Straße passirten, imponirten ihnen allen durch ihre kräftigen Gestalten und durch die charakteristische Schönheit der Köpfe. Garibaldi hatte wohl Recht, wenn er auf seinem Zuge durch Calabrien nach Neapel von den „braven Calabresen“ schrieb, welche zu Tausenden ihre Dörfer verließen, um sich seiner Armee anzuschließen.

Als die ersten Abtheilungen von der Piazza San Carlo in die Toledostraße einmarschirten, wurden sie von unaufhörlichen Evviva’s und von einem unendlichen Beifallsklatschen empfangen. Wir im kalten Norden haben von einem Enthusiasmus im südlichen Italien keinen Begriff. Ich habe diesen Enthusiasmus täglich im Lager vor Capua gesehen, wenn Garibaldi aus der Schlacht oder von einer Recognoscirung nach Caserta zurückkehrte und von seinen Soldaten empfangen wurde, oder im Theater von San Carlo, wenn man das Ballet „Garibaldi’s Landung auf Sicilien“ gab. Es war dies kein Enthusiasmus mehr, die Menschen geriethen in eine wahrhafte Frenesie. So war es auch heute in der Toledostraße beim Anblick der Calabresen. Das Evvivarufen, das Beifallklatschen steigerte sich von Minute zu Minute zu einem fast wahnsinnigen Beifallssturm, welcher immer noch im Wachsen war, je weiter die Calabresen die Straße hinaufmarschirten. Aus allen Fenstern, von allen Balconen, von den Hunderttausend, welche auf der Straße standen, ertönte es: „Evviva l’Italia. Evviva Garibaldi!“ dazwischen der begeisternde Gesang des „All’ armi“ und die Musik des Marsches der Alpenjäger. Stolz und muthig blickten die Calabresen um sich. Ein solcher Empfang war ihnen noch nie zu Theil geworden. Sie wurden von den Nächststehenden umarmt, ihnen die Hände gereicht, aus den Fenstern und von den Balconen wurden Blumen und Bouquets in Tausenden auf die Straße geworfen. Zwei Stunden lang dauerte der Vorbeimarsch, und während dieser zwei Stunden wogte dieser Beifallssturm lawinenartig von der Piazza San Carlo die Toledostraße aufwärts.

Hätte König Ferdinand dies gesehen, wäre er zugegen gewesen bei diesem Einzuge der Calabresen in Neapel! Die Provinz Calabrien ist unter der dreißigjährigen Regierung dieses grausamen Königs, welcher nur in den Römerkaisern Tiberius und Nero seine Vorbilder in der Weltgeschichte findet, in einer entsetzlichen Weise behandelt und vernachlässigt worden. Man ist im Irrthum, weun man meint, daß Calabrien und Apulien vor Sicilien bevorzugt wurden. Auch durch ganz Calabrien führt nur eine Straße, Reste eines alten Weges, den die Römer von Reggio nach Neapel anlegten; auch in Calabrien findet, wie in Sicilien, die Handelscommunication nur zur See statt. Von Schulen, von Volksunterricht war keine Rede, nur die Priester nahmen sich der Kinder an, aber um ihre Seelen mit einem Gemisch von Aberglauben, Heiligenwundern und Anbetung der heiligen Jungfrau zu erfüllen, welches den despotischen Zwecken der Regierung zum Knechten des Menschengeistes diente. In den letzten Jahren König Ferdinands landeten der Baron Nicotera und Carlo Pisacane, Herzog von San Giovanni, mit einigen hundert Tapferen an der calabrischen Küste, um das Volk von Calabrien zum Aufstand gegen die Regierung des Königs aufzurufen. Der Aufstand wurde unterdrückt; aber seit diesem Tage wurde Calabrien wie Sicilien mit einem Heer von Polizeiagenten, Sbirren, Kerkermeistern und Soldaten überschwemmt, und eine entsetzliche Zeit begann für das unglückliche Land. Die Kerker wurden mit Gefangenen vollgepfropft; der Gedanke wurde bestraft, wenn sich dieser Gedanke aus den Gesichtszügen offenbarte. Ein Lächeln nach der Schlacht bei Belletri konnte in den Kerker führen. Auch hier gab es das Verbrechen „der stummen Demonstration einer strafbaren Gesinnung.“ Man fürchtete den Namen des Königs laut zu nennen, zitternd flüsterte man in den Häusern „Unser Herr“. Morgens fand man die Häuser leer. Wo waren die Bewohner? Polizeiagenten waren Nachts in die Häuser gedrungen, hatten Alles verhaftet, was sie vorfanden, und die Unglücklichen in die Polizeigefängnisse geschleppt. Sie blieben Jahre dort, oder sie gingen in die Bagno’s über, wenn die Peitschenhiebe der Sbirren oder die Folterwerkzeuge der Kerkermeister von ihnen Geständnisse zu erpressen im Stande waren. Auch in Calabrien ist die cuffia del silenzio, wie in Sicilien und Neapel, angewandt worden; auch in den calabrischen Gefängnissen erstickte sie das Wehklagen und das Röcheln gemarterter Menschen.

Zwei Monate später war ich auf der alten Burg in Nürnberg. In einer halbdunkeln Stube des Erdgeschosses wurde mir eine Sammlung von Folterwerkzeugen vorgezeigt, welche in Deutschland angewendet worden sind. Da waren der „Hase“, die „Leiter“, die Daumschraube, der „spanische Bock“, Knuten und Peitschen mit Bleikugeln, die „Birne“, Zangen von den verschiedensten Formen und Größen, und daneben lag ein Buch, worin die Anwendung aller dieser Instrumente durch Abbildung erklärt, und der Contract eines einstmaligen Scharfrichters der freien Reichsstadt Nürnberg, in welchem die Löhnung desselben für Anwendung aller dieser verschiedenen Martern „Alles in fränkischer Währung“ in Gulden und Kreuzern genau angegeben war. Ein Schauder überlief mich, als ich daran dachte, daß kaum fünfzig Jahre verflossen sind, als diese Marterwerkzeuge noch in Deutschland angewendet wurden; denn mehrere kleinere deutsche Regierungen haben die Tortur erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts abgeschafft; und mein Entsetzen vermehrte sich, als ich mich erinnerte, daß alle diese Marterwerkzeuge einst wirklich gebraucht waren. An jedem Stücke, welches ich in die Hand nahm und besichtigte, hatte das Blut [71] eines Unglücklichen geklebt; die Zangen, welche ich vor mir sah, waren einst in Feuer glühend gemacht und hatten im Qualm von verbranntem Menschenfleische geraucht. O Deutschland, Deutschland! Die französische Revolution hatte zehn Jahre jenseits des Rheins getobt und ein gequältes Land von einer Unmasse der empörendsten Mißbräuche und Privilegien rein gefegt, und auf Deutschland hatte sie noch nicht einmal die moralische Wirkung ausgeübt, die Regierungen zu veranlassen, das Capitel „über die Folter“ aus ihren Strafgesetzbüchern zu streichen! Und deutsche Völkerstämme hatten für die Throne ihrer Könige und Fürsten gefochten, während diese Könige und Fürsten ihre Unterthanen noch mit glühenden Zangen reißen und ihnen die Glieder mit Daumschrauben oder auf der Leiter auseinanderrenken durften!

Aber was würde man heute – im Jahre 1861 – von einer deutschen Regierung sagen, welche bei Untersuchungsgefangenen, um die Geständnisse zu erpressen, die Folter anwenden ließe? Doch nein, ich muß meine Frage anders stellen: Was würde man von einer deutschen Regierung sagen, welche nicht den Gerichtshöfen, sondern jedem Polizeicommissar, jedem Gensd’armerieofficier, jedem Gefängnißvorsteher die Befugniß ertheilte, bei politischen Gefangenen, welche auf Verdacht von diesen Polizisten verhaftet waren, nach Belieben die Folter anzuwenden und die bereits vorhandenen Folterwerkzeuge nach Belieben zu vermehren, zu verändern und neue zu erfinden? Was würde man von einer deutschen Regierung sagen, deren Polizisten, aus den ärgsten Lumpen, frühern Galeerensträflingen, Räubern und Dieben bestehend, die Folter bei Tausenden von politischen Gefangenen im verschwiegenen Dunkel der Polizeigefängnisse, zwischen Mauern, welche keinen Seufzer und keine Klage, kein Stöhnen und keinen Schrei an das Ohr anderer Menschen dringen lassen, täglich anwendeten?

Das deutsche Volk besitzt eine geringe politische Initiative. Es liegt dies im deutschen Charakter, im Blute, im Klima, in den materiellen Nahrungsmitteln; das deutsche Volk würde sonst, bei seinen herrlichen persönlichen Eigenschaften, das erste und größte Volk der Erde sein. Aber ich glaube, daß eine so unerhörte Thatsache selbst den schläfrigsten und ruhigsten deutschen Volksstamm aus seinem politischen Schlaf rütteln, und daß dieser schläfrigste deutsche Volksstamm den Thron seines Tyrannen um und um kehren und diese sämmtlichen Schergen an einem Tage davon jagen würde! –

Es ist in deutschen Zeitungen bei Gelegenheit der neapolitanischen Revolution und der Expedition des hochherzigen Garibaldi zur Befreiung eines von seinen Bedrückern während der letzten dreißig Jahre in der entsetzlichsten Weise gemarterten, gutmüthigen und nur von einer rücksichtslosen Regierung absichtlich tief heruntergebrachten Volkes mehrfach von der Anwendung der Folter in Sicilien die Rede gewesen. Deutsche conservative und ultramontane Zeitungen haben sich unterstanden, diese Thatsachen zu leugnen, sie zu vertuschen oder in einem milderen Lichte darzustellen. Ich habe mich während meiner Anwesenheit in Italien im verflossenen Sommer und Herbst genau nach diesen entsetzlichen Dingen erkundigt. Ich habe die ehrenwerthesten und berühmtesten Männer in Neapel darnach gefragt; ich habe mir die Documente über die geschehene Anwendung der Folter vorlegen lassen, ich habe mich auf deutschen Consulaten und Gesandtschaften erkundigt, ich habe mit den Officicren der Garibaldischen Armee gesprochen, welche gleich nach der Oeffnung der Polizeigefängnisse die Gemarterten gesehen haben; ich habe mir selbst aus der neapolitanischen Strafgesetzgebung die einzelnen, die Strafe der Folter und der Peitsche bei Untersuchuugsgefangenen anordnenden Decrete abgeschrieben, und ich erwidere diesen frommen und conservativen deutschen Zeitungen hier in diesem gelesensten Blatte Deutschlands, daß in Sicilien und Neapel – nicht in Sicilien allein – während der letzten fünfundzwanzig Jahre die Torturwerkzeuge des Mittelalters in weit raffinirterer Weise auf Befehl und Wissen der letzten Könige beider Sicilien, besonders aber des Königs Ferdinand des Zweiten bei Tausenden von politischen Untersuchungsgefangenen in den Polizeigefängnissen von Polizeicommissaren, Gensd’armerieofficieren, Sbirren und Kerkermeistern nach Belieben, um Geständnisse zu erpressen, angewendet worden sind.

Ich werde die Urkunden vorlegen, die Thatsachen erzählen, die Namen der Minister, Oberpolizeimeister und Schergen nennen, und alle meine Behauptungen beweisen.

Ich werde mich mit der Beschreibung der Gefängnisse, in denen diese Scheußlichkeiten verübt wurden, nicht aufhalten. Die englischen Zeitungen und mehrere französische Schriftsteller haben Beschreibungen der Kerker von St. Elmo und der Gefängnisse in dem Polizeipräfecturgebäude von Neapel gegeben; die Beschreibungen sind auch in deutsche Zeitungen übergegangen. Es ist dies auch eine Sache von untergeordneter Wichtigkeit. Ich kann das, was mir darüber aus englischen, französischen und deutschen Mittheilungen zu Gesicht gekommen ist, nur bestätigen, und füge hinzu, daß im frühern Königreich beider Sicilien ein jedes Polizeicommissariat auch ein Polizeigefängniß hatte. In mehreren Decreten Liborio Romano’s ist von der Abschaffung dieser „geheimen Gefängnisse“, wie sie dort wirklich genannt werden, die Rede.

Das Decret Liborio Romano’s vom 9. Juli 1860 lautet wörtlich:

„In Anbetracht, daß die Orte, welche zur Aufbewahrung der Detinirten und der auf Verdacht Eingezogenen dienen, den einzigen Zweck haben sollen, sich der Person der Schuldigen zu versichern, um sie zur Disposition der gerichtlichen Behörden zu stellen, und niemals, um sie Entbehrungen und Leiden zu unterziehen, welche mit den Grundsätzen der Vernunft und des Rechts durchaus nicht vereinbar sind, befiehlt der Polizeipräfect von Neapel:
1) daß hiermit geschlossen und abgeschafft sind ein für allemal die Gefängnisse, welche man unter dem Namen „criminali“ oder „segrete“ begreift, von welcher Art sie auch sein mögen, und zwar in allen Gefängnissen und Detentionsorten, welche sich in der Hauptstadt befinden;
2) daß durch den Generalsecretair der Präfectur sofort eine Commission niederzusetzen ist, welche sich mit der Ausführung dieser Maßregel zu befassen hat.
Neapel, den 9. Juli 1860.
Der Polizeipräfect  
Liborio Romano.“ 

Der Generalpolizeidirector, oder vielmehr der eigentliche Vicekönig von Sicilien, Maniscalco, früher Spion, Dieb und Gensd’arm, hatte seine Polizeigefängnisse in Morreale, in der Nähe einer Vorstadt von Palermo, Mezzo-Morreale. Ich will eins von diesen Gefängnissen schildern und beschreiben, in welchem Zustande dasselbe am 14. Januar 1848 gefunden wurde. Das Document, das über den Zustand dieses Gefängnisses aufgenommen wurde und von Mitgliedern der damaligen provisorischen Regierung, Consularbeamten, Officieren einer gerade im Hafen liegenden englischen Fregatte und mehreren achtbaren Bürgern Palermo’s unterzeichnet worden ist, hat mir bei dieser Beschreibung vorgelegen. Ich gebe seinen Inhalt in wortgetreuer Uebersetzung:

„In dem letzten Raume dieses trüben Locals befand sich ein sehr hoher Wandschrank, der die ganze Hälfte einer Mauer einnahm. Lange hatte er den starken Armen der Volkskämpfer Widerstand geleistet, als er bei einem neuen Angriff, indem wahrscheinlich eine Feder sich bewegte, sich plötzlich öffnete und eine festverriegelte Thür zeigte. In dem Gedanken, daß hinter ihr unglückliche Opfer verborgen sein könnten, brach man sie in wenigen Augenblicken auf. Ein Grabesgeruch hielt diejenigen zurück, welche schon im Begriff waren, sich hineinzustürzen, und man mußte Fackeln holen, um die Luft zu reinigen und zu sehen, wohin die Thür führe. Und was entdeckte man? Zuerst eine Stube, welche nach den Mobilien, welche sich in derselben vorfanden, zum Gefängniß gedient haben mußte. Sie wurde erleuchtet durch eine sehr hoch hängende Lampe, welche ein trübes, schwaches Licht verbreitete. Dann kam man in eine andere Stube, dunkel und finster. Sie war zu entsetzlichen Qualen bestimmt gewesen, wie die langen Blutspuren bezeugten, welche sich auf dem Pflaster und an den Wänden vorfanden. – In der Mauer, nach Süden zu, zeigte sich eine Nische, wo man an den Mauersteinen sehen konnte, daß hier ein Mensch eingemauert gewesen war, und zwar in der Art und Weise, daß er Kopf und Hände frei behielt. Eine neue Thür führte wiederum in einen letzten Raum, welcher noch dunkler und verborgener war. Aus diesem Loche konnte kein Geräusch an das Licht des Tages dringen. Die Männer, welche hier eingedrungen waren, waren von Schrecken ergriffen, als sie in einer Ecke einen Haufen menschlicher Gebeine entdeckten, Köpfe, welche noch mit

[72]

Haaren bedeckt waren, ganze Skelette, menschliche (Glieder, welche in Fäulniß übergegangen waren.
„Außer sich über diesen Anblick begaben sich dieselben Leute, welche dieses Gefängniß erbrochen hatten – es war das Gefängniß des Polizeicommissariats von San Domenico, welches ich beschrieben habe – nach dem Polizeicommissariat von San Isidoro. In dem dortigen Polizeigefängnisse befand sich außer vielen Torturwerkzeugen und menschlichen Gebeinen ein Leichnam, der nicht mehr als zwanzig Tage dort gelegen hatte.“

Soweit das Document, welches ich seinem Inhalte nach hier wörtlich mitgetheilt habe.

Ein ähnliches Polizeigefängniß in Catanea beschrieb mir Herr Giuseppe Massari, der bekannte neapolitanische Verbannte, der Freund des Grafen von Cavour, nur mit dem Unterschiede, daß noch ein unterirdischer Kerker damit verbunden war. Als bei dem Ausbruch der neapolitanischen Revolution in diesem Frühjahr das Gefängniß gewaltsam geöffnet wurde, hörte man in dem letzten Raume desselben das Stöhnen einer menschlichen Stimme, ohne entdecken zu können, woher dieselbe kam. Endlich entdeckte man eine Fallthüre im Fußboden und fand unter ihr ein unterirdisches tiefes Loch. Man holte Leitern und Fackeln und zog ein Wesen heraus, dem Bart und Haar lang gewachsen waren, welches, halbnackt und mit Lumpen bekleidet, kaum einem Menschen mehr ähnlich sah. Der Unglückliche hatte sich Jahre lang dort unten befunden, indem man ihm die wenigen Lebensmittel, mit denen er täglich sein Leben fristete, von oben durch die Fallthür hineinwarf. Herr Massari gab mir die Details dieser entsetzlichen Geschichte in Gegenwart des preußischen Gesandten, Graf von Brassier St. Simon in Turin, der mir die Wahrheit sämmtlicher Thatsachen bestätigt hat.

Am 4. Juni dieses Jahres – am 12. Mai fand bekanntlich die Landung Garibaldi’s in Marsala und am 19. Juni die Räumung Palermo’s statt – verließen die neapolitanischen Truppen, erschreckt durch die feindliche Haltung der Bevölkerung, Trapani. Schon Abends vorher hatte die Truppenabtheilung, welche zur Bewachung der Insel Favignana bestimmt war, wo sich der berüchtigte Bagno der heiligen Catharina befindet, die Insel verlassen, und die dort befindlichen politischen Gefangenen waren in Freiheit gesetzt worden. Unter diesen befand sich auch der Baron Nicotera.

Dieser war bekanntlich der Gefährte des hochherzigen, tapfern Carlo Pisacane, Herzogs von San Giovanni, der durch seinen Heldentod bei dem von ihm und Nicotera geführten Aufstand in Calabrien ein ruhmwürdiges Andenken erworben hat. Nicotera war durch den Gerichtshof von Salerno zur lebenslänglichen Gefangenschaft verurtheilt und in den Bagno von Favignana eingeschlossen worden, wo er in einer entsetzlichen und grausamen Weise behandelt wurde. Während der ersten sechs Monate seines Aufenthalts befand er sich in einem unterirdischen Gefängnisse ohne Licht. Für zwei Sous Brod bildete seine tägliche Nahrung. In den Regentagen mußte das in das Gefängniß eingedrungene Regenwasser ausgeschöpft werden, und es befanden sich dann nahe an hundert Eimer Wasser darin.

Ich wäre im Stande, die Beschreibung noch einiger Gefängnisse in Neapel und Sicilien zu geben, in denen politische Gefangene während der Regierung der letzten beiden Könige eingekerkert gewesen sind. Mögen indeß, da ich in einem zweiten Artikel nur von der Anwendung der Folter in diesen Gefängnissen sprechen will, die gegebenen Beschreibungen genügen und die bis jetzt durch die Times, Daily News und französische Zeitungen und Schriften mitgetheilten Thatsachen ergänzen. Ich fordere die ultramontanen und conservativen deutschen Zeitungen auf, meine Mittheilungen abzuleugnen und zu widerlegen.
Gust. Rasch. 


Anmerkung WS:

Der Folgeartikel Nr. 2 siehe Heft 8. In Heft 14 ist eine Erklärung zu lesen, die sich gegen die Kritiker seiner beiden Artikel bzw. sein Buch wendet.