Die Armenier

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Autor: Karl Emil Jung
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Titel: Die Armenier
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 812; 814–815
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aufgrund der Massaker an den Armeniern werden ihre Lebensumstände und ihre Situation geschildert
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[812]
Die Armenier.
Von Emil Jung.
Nachdruck verboten. 
Alle Rechte vorbehalten.     


Für den Philister nach Goetheschem Rezept wird in unseren Tagen recht ausgiebig gesorgt. Kaum ist der Riß zwischen den beiden rivalisierenden Völkern im fernen Osten Asiens mühsam verklebt worden, so fangen auch „hinten, weit, in der Türkei“ die Völker an, aufeinander loszuschlagen. Eine orientalische Frage beschäftigt wiederum die europäischen Diplomaten, ja scheint allmählich eine ernste Wendung zu nehmen. Wieder hat sich gezeigt, daß die türkische Regierung weder fähig noch willens ist, ein gedeihliches Verhältnis zwischen ihren mohammedanischen und christlichen Unterthanen herzustellen.

In den jetzt in so blutigen Zügen verzeichneten Fällen handelt es sich um die christlichen Armenier. Die Tageszeitungen haben ausführlich berichtet, mit welch brutaler Grausamkeit ihre endlichen Versuche, den ihnen zugesicherten Rechten Geltung zu verschaffen, in Konstantinopel, Trapezunt, Erzerum begegnet wurde. Armenische Männer und Frauen sind dabei zu Hunderten hingemetzelt worden. Nicht zum erstenmal hat Europa sich mit der Lage dieses Volkes beschäftigt. Schon der Berliner Kongreß vom Jahre 1878 legte der türkischen Regierung die Verpflichtung auf, eine Reform der armenischen Verhältnisse durchzuführen und den europäischen Mächten jedes Jahr darüber Rechenschaft abzulegen. Aber dieser Verpflichtung ist die Hohe Pforte niemals nachgekommen, ja sie behauptete allen Mahnungen gegenüber, daß für die Armenier ein Grund zu klagen gar nicht vorliege, daß ihre Lage vortrefflich sei. – Was sagen dagegen die Armenier?

Greuelthaten, Räubereien, Mordversuche sind schon seit vielen Jahren, so geht ihre Klage, in der Türkei gegen sie im Schwange. Der Armenier ist jede Minute gewärtig, daß ihm sein Hab und Gut, sein Weib und Kind, seine Ehre und selbst sein Leben genommen werden. [814] Heute noch bewegen sich die schönen Armenierinnen in Männerkleidung, um nicht dem Harem zum Opfer zu fallen. Seine Religion darf der Armenier nicht offen bekennen und frei in die Kirche seiner Väter gehen. Er darf sich keines Glücks erfreuen, denn er weiß nicht, wie lange er es besitzt. Heut’ ist er reich und freut sich über seine zahlreiche Kinderschar, von welcher er geachtet und geliebt wird, morgen schon kann er arm und von allen seinen Lieben verlassen sein! … Auf diese Klagen hat die Pforte mit neuen Greuelthaten geantwortet, die nach ihrer eigenen Darstellung den Charakter berechtigter Abwehr für sich in Anspruch nahmen.

Bis zum Ausbruch dieser offenen Verfolgung waren die Armenier in Konstantinopel und in den großen Hafenstädten der Levante vor ähnlichen Heimsuchungen einigermaßen geschützt. Die Anwesenheit der Vertreter Rußlands, das sich der ihm nahestehenden Glaubensgenossen immer kräftig angenommen hat, und auch Englands, das in neuester Zeit wiederholt für die Armenier eingetreten ist, hatte bisher eine gute Wirkung gethan. Auch jetzt steht zu erwarten, daß der europäische Einfluß in dieser Zone bald Frieden stiften wird. Aber wer schützt den Armenier im Inneren des wegelosen Reichs?

In ihren alten Stammsitzen, dem großen Hochland, das sich um die mächtigen Zwillingsriesen des Großen und Kleinen Ararat ausbreitet, wohnen neben ihnen jetzt die mohammedanischen Kurden, die eine Raubthat in gleichen Ehren halten mit kriegerischer Heldenthat. Sie sind geschworene Feinde der Türken, doch haben diese es verstanden, den Kurden gegen den Armenier auszuspielen. Während sie diesen das Tragen von Waffen, ja sogar eines einfachen Messers, verbieten, gestatten sie jenem den unbeschränkten Gebrauch jeder Art von Mordwerkzeugen. Auch sind sie in einigen Gegenden noch völlig von der türkischen Regierung unabhängig.

Kein Wunder, daß die Auswanderung der Armenier aus diesem Gebiet in andere Länder, in denen sie Schutz für ihre Person und ihr Eigenthum erwarten dürfen, sehr stark ist. Zu Hunderttausenden sind sie fortgezogen, meist bei Nacht, um ihren Peinigern zu entrinnen, ihre Häuser und Aecker preisgebend, wenig mehr als die kärglichste Habe mit sich nehmend. Kein Wunder, daß oft mehr als die Hälfte dieser Pilger auf dem langen und beschwerlichen Wege unterging. In allen Teilen des Landes sieht der Reisende verfallene Häuser und Hütten, deren einstige Bewohner fortgezogen sind, niedergebrannte, von den Kurden zerstörte und geschändete Kirchen. Geht das so fort, dann werden die Türken allerdings im Recht sein, wenn sie behaupten, daß von einer Selbstverwaltung der Armenier gar keine Rede sein könne, da es im eigentlichen Armenien überhaupt keine Armenier gebe. Und auf dieses Endziel hat die türkische Regierung seit langer Zeit hingearbeitet. Ließ doch schon im 14. Jahrhundert Sultan Orchan jährlich 40 000 armenische, griechische und slavische Christenkinder ihren Eltern rauben und den Janitscharen zur Verfügung stellen! Aber wenn die Masse der Armenier nicht in Armenien selber wohnt, wo sind sie denn sonst zu finden?

Nicht mit Unrecht sagt Professor Häckel in Jena, daß eine Reise durch das unkultivierte Innere von Kleinasien schwieriger sei als durch die meisten Teile von Australien oder Afrika. Eine genaue Ermittelung der Bestandteile der dortigen Bevölkerung muß daher als ausgeschlossen gelten, zumal die türkische Regierung derartigen Unternehmungen entschieden feindlich gegenübersteht. Dennoch und trotz aller gegenteiligen Behauptungen von türkischer Seite darf man die Zahl der Armenier überhaupt auf mindestens 3½ Millionen veranschlagen, wovon im eigentlichen Armenien etwa 2 Millionen, in Persien 45 000, in der europäischen Türkei 500 000 (in Konstantinopel allein 156 000), in Russisch-Kaukasien 975 000, der Rest in Griechenland, Bulgarien, Serbien, Siebenbürgen, Ungarn, Galizien, Oesterreich, Italien, Aegypten wohnen. Die Hauptmasse des armenischen Volks hält also noch immer an den alten Stammsitzen fest, mehr als eine halbe Million ist weithin über Europa verstreut!

In dem alten Stammlande können wir den Armenier am besten kennenlernen, wenngleich er auch anderswo, umgeben und angeregt von fremden Einflüssen, seine nationalen Eigentümlichkeiten, die körperlichen wie die geistigen, in wunderbarer Reinheit erhalten hat. Ein arischer Stamm, seit Urzeiten die Grenzgebiete Asiens und Europas bewohnend, von wechselnden Geschicken erhoben und erniedrigt, haben die Armenier mit großer Zähigkeit allen Versuchen der Entnationalisierung widerstanden. Unterjocht von Babyloniern und Persern, beherrscht von Türken und Russen, haben sie ihre Religion, ihre Gewohnheiten, ihre Sprache und ihre Rasse erhalten. Mit sehr seltenen Ausnahmen heiraten sie innerhalb ihres Volks, das noch heute ein Gepräge trägt, als ob es sich seit Jahrtausenden wenig verändert hätte.

Mehr kräftig als schön gebaut, sind sie etwas schwerfällig in ihren Bewegungen und werden deshalb viel von den Russen verspottet. Ueppiger Haarwuchs bedeckt meist fast den ganzen Körper der Männer, bei jungen Mädchen ist der Jugend und Rasse bezeichnende Schläfenbüschel nicht selten bis auf die halbe Wange verlängert, viel seltener schmückt auch in späteren Jahre die Oberlippe ein Schnurrbärtchen, wie wir ihn bei Südländerinnen häufig genug sehen. Charakteristisch für beide Geschlechter ist die starke Neigung zur Fettleibigkeit. Wie alle Südländerinnen verblühen auch die Armenierinnen schnell, meist schon nach dem siebzehnten Jahr, nach Zurücklegung des dreißigsten werden sie oft übermäßig stark.

Eine armenische Nationaltracht giebt es eigentlich nicht, die als solche bezeichnete ist grusinisch. Sie ist sehr gefällig und kleidsam, namentlich für die Frauen, die mit dem gestickten Stirnband und dem weißen halblangen Schleier weit vorteilhafter erscheinen als die modern europäisch gekleideten Frauen.

Moltke hat uns in seinen Briefen aus der Türkei ein treffliches Bild armenischer Häuslichkeit geliefert. Er schildert das innige Familienleben, das häufig die Eltern mit den verheirateten Söhnen unter einem Dache vereinigt. Denn der Armenier fühlt sich am behaglichsten im eigenen Hause, einem orientalisch palastähnlichen, wenn er reich, einem Holzgebäude, wenn er arm ist. Hier wohnen die Familienglieder einigermaßen selbständig und gesondert, in Ehrerbietung um das Familienhaupt geschart. Tritt der Vater ein, so erheben sich sofort die Söhne, wenn sie auch selbst schon Männer von fünfzig Jahren sind. Gleiche Ehrenbezeugung wird der Mutter erwiesen. Der jüngere Bruder raucht nicht eher, als bis der ältere ihn dazu einladet. Bei dieser strengen Etikette herrscht aber im übrigen die größte Ungezwungenheit in der Familie.

Als Christin ist die Armenierin keineswegs vom Verkehr ausgeschlossen wie die Mohammedanerin. Sie macht jedoch von dieser Freiheit nur einen beschränkten Gebrauch; sie geht nicht spazieren und verläßt das Haus nie ohne besondere Veranlassung und nie ohne Begleitung. Sie waltet vornehmlich im Hause, nähend, strickend, spinnend, sie ist in erster Linie Hausfrau und Mutter und bewahrt sich, dem öffentlichen Leben fernbleibend, weibliches Wesen und weibliche Würde viel leichter als Frauen, welche in den Kampf des Lebens eintreten müssen.

In seinem Stammlande Ackerbauer und Hirte, ergreift der Armenier in der Fremde jede Beschäftigung, die ihm Erwerb schafft. Im Wilajet Wan giebt es kein Haus, das die Armenier nicht erbaut hätten, keinen einheimischen Stoff, der nicht von ihnen gewebt wäre, kaum eine Frucht, die nicht aus ihren Gärten stammte. Sie wandern gern in die Fremde und man begegnet ihnen in Trapezunt, wie auch sonst in vielen Städten Kleinasiens, in Konstantinopel und anderen Orten, wo sie besonders als Maurer, Handarbeiter und Lastträger thätig sind, um nach einiger Zeit mit den kargen Ersparnissen zu der zurückgelassenen Familie heimzukehren, die inzwischen für den kleinen Acker sorgt. Ganze Dörfer sind dann oft von der gesamten männlichen Bevölkerung verlassen.

Aber wohin die Armenier auch kommen mögen, nirgends sind sie beliebt. Von den Russen werden sie verspottet, bei den Grusinern sind sie verhaßt. Denn der ritterliche Grusiner verachtet die Arbeit und so gehen seine Besitzungen in die Hände des rührigen Armeniers über. In Bezug auf sein Geschick in kaufmännischen Geschäften soll er Griechen und Juden nicht nachstehen. Dabei rühmt man den Armeniern Friedfertigkeit, Mildthätigkeit, Arbeitsamkeit und Enthaltsamkeit nach. Als Geldwechsler, Bankiers, Kaufherren, hausierende Krämer sind sie in Rußland, Persien und Indien, in den großen Handelsstädten des Mittelmeers und des österreichischen Kaiserstaats, ja bis nach Westeuropa hin thätig. Ueberall sind sie erfolgreich. Es geht ihnen wie (nach des englischen Geschichtschreibers Macaulay Ausspruch) den Schotten im Verkehr mit den Engländern. So sicher, wie bei einer Mischung von Oel und Wasser das Oel bald oben schwimmt, so sicher gewinnt auch der Armenier die Oberhand, wenn er in Wettbewerb mit Kaufleuten anderer Nationen tritt.

[815] Er weiß auch sehr wohl, daß Wissen Macht bedeutet. Sobald er es zu etwas gebracht hat, sorgt er dafür, daß seine Kinder etwas lernen. Besonders begabt zeigt er sich für Rechnen, für Mathematik, wissenschaftliche wie praktische. Die Zahl der Armenier auf den europäischen Universitäten wird auf 500 geschätzt, die meisten studieren in Rußland, etwa 100 in Paris, 40 in Deutschland. Die deutsche Sprache lernen sie mit Vorliebe und sprechen sie auch gut, vielleicht weil die Aussprache mit der ihrigen manche Aehnlichkeit hat. Der Drang nach Bildung ist allgemein. In ärmlichen Gebirgsdörfern findet man oft ein Schulgebäude mit fleißigen Schülern, groß und klein, angefüllt.

Kein Wunder denn, daß sie auf allen Gebieten tüchtige Leute, ja ausgezeichnete Köpfe aufzuweisen haben, viele gute Aerzte, gelehrte Geistliche, Astronomen und, obwohl kriegerischer Sinn und Liebe zum Waffenhandwerk keiner ihrer Nationalzüge ist, auch tüchtige Generale wie Lazarew und Tergukassow in Rußland, wo Staatsmänner armenischer Herkunft wie Loris Melikow und Delianow hervorragenden Anteil an der Leitung der Geschäfte des Kaiserreichs hatten. In Konstantinopel befinden sich viele der höchsten Posten in den Händen von Armeniern, die sich aber freilich zum Islam bekennen. In der Künstlerwelt haben Namen wie die der Maler Adamianz und Aiwasowsky einer guten Klang.

Trotz ihrer Zerstreuung über fremde Länder fühlen die Armenier sich als ein besonderes Volk; Sprache und eigene Litteratur bilden das vereinigende Band, und in der Heimat haben sie ihren nationalen und religiösen Mittelpunkt. Das Kloster Etschmiadsin unweit Eriwan in Transkaukasien, Sitz des Katholikos aller Armenier und einer armenisch-gregorianischen geistlichen Akademie, enthält eine kostbare Bibliothek und eine Druckerei, aus der viele seltene armenische Werke hervorgegangen sind. Das armenische Kloster auf der Insel San Lazzaro bei Venedig ist ein altehrwürdiges Denkmal armenischer Wissenschaft und Gelehrsamkeit.

Die Armenier haben sich bis auf die jüngste Zeit von jeder politischen Agitation ferngehalten. Sie haben sich damit begnügt, sich um ihre Kirchen als streng geschlossene Gemeinden zu scharen. Erst in unseren Tagen sind sie in Konstantinopel und in Trapezunt aus ihrer Reserve herausgetreten und haben eine politische Agitation begonnen, die für sie selber jene grausame Verfolgung von seiten der Türken heraufbeschworen hat, welche die menschliche Teilnahme in so hohem Grade herausfordert. Der Schritt war unklug, aber erklärlich. Es war ein Irrtum, zu hoffen, durch eine friedliche Demonstration endlich die Durchführung der ihnen so oft in Aussicht gestellten Reformen bewirken zu können.

Die türkischen Gewalthaber stehen seit langer Zeit den Armeniern feindlich gegenüber. Gerade ihr festes Zusammenschließen erscheint ihnen gefährlich. Der Versuch, sie aus ihrem Stammlande durch Herbeiziehung von Kurden und anderem Räubergesindel zu vertreiben, ist zum großen Teil gelungen. Und er muß gelingen, wenn den Bedrängten keine Hilfe von andrer christlicher Seite kommt.

„Aber,“ so fragen wir mit Ernst Häckel, „soll eins der schönsten, von der Natur am reichsten gesegneten Länder ewig dazu verdammt sein, unter der Herrschaft eines asiatischen, höherer Kultur unfähigen Volkes eine Wüste zu bleiben? Sollen ausgedehnte Landstrecken, die mit Gebirgen und Flüssen, Wäldern und fruchtbaren Ebenen reich ausgestattet sind, nur der Wohnsitz unsteter Nomaden und indolenter Fatalisten sein?“