Die Börse in Hamburg

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Autor: E. Willkomm
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Titel: Die Börse in Hamburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 772–775
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Hamburger Bilder.

Von E. Willkomm.
Nr. 3. Die Börse in Hamburg.

Eine fast sprüchwörtlich gewordene Redensart sagt, Deutschland sei das Herz Europas, und nimmt man weniger Rücksicht auf die geographische Lage des Ländercomplexes, aus welchem unser Vaterland gebildet wird, als auf die ganz eigenthümlichen Charakteranlagen der gesammten deutschen Nation, so wird man diese Bemerkung für eine bezeichnende und vielfach zutreffende gelten lassen müssen. Ist es nun erlaubt, Kleines mit Großem zu vergleichen, so hat eine Welthandelsstadt von der Bedeutung Hamburgs die vollste Berechtigung, als den Mittelpunkt und Zusammenfluß aller sichtbaren und unsichtbaren Fäden ihrer den Erdball umspannenden Handelsthätigkeit die Börse zu bezeichnen.

Die Börse Hamburgs spielt aber nicht blos in der Handelswelt im Allgemeinen eine erste Rolle, sie ist auch für alle politischen Fragen und Begebenheiten, mögen sie von geringer Bedeutung oder von ganz unberechenbarer Tragweite sein, derjenige Ort, wo Jeder, sei’s für’s Haus und seinen Bedarf an individueller Bildung, sei’s für seine Geschäftsthätigkeit, die stets in einer gewissen Abhängigkeit vom politischen Barometer steht, fast zu jeder Stunde des Tages sich Raths erholen kann.

Nicht wöchentlich wenigstens einige Male „zur“ oder doch „an die Börse“ gehen, ist in Hamburg für Leute von Intelligenz beinahe gleichbedeutend mit gänzlicher Theilnahmlosigkeit an allen öffentlichen Angelegenheiten. Unbedingt nöthig ist allerdings der Besuch der Börse denjenigen, welche von den großen und kleinen Handelsströmungen nur hören, ohne persönlich von ihnen berührt zu werden, nicht, aber wünschenswerth bleibt er der großen Mehrzahl schon deshalb, weil er Allen gleich bequem ist, weil er schnell orientirt, weil er Jeden binnen wenigen Minuten mit den politischen Ereignissen der letzten vierundzwanzig Stunden nach allen Richtungen der Windrose hin bekannt macht. Die Börse sieht Alles, fühlt Alles, weiß Alles, was sich auf das eigentliche Weltleben im Ganzen und Großen bezieht. Ja, man kann sagen, daß sie die Gabe des zweiten Gesichtes in einer solchen Vollkommenheit besitze, wie alle Hochschotten zusammengenommen sie niemals hatten. Wären wir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts nicht so ganz verboten aufgeklärt und so eingeweiht in alle tiefsten Geheimnisse der Natur, wir würden, gingen wir tagtäglich an die Hamburger Börse, trotz aller Philosophie alter und neuer Zeit, steif [773] und fest behaupten, die weite, weite Welt sei erfüllt von ahnungsreichen Geistersehern.

Ein so wunderbares Institut, geschaffen von menschlicher Schlauheit und Divinationsgabe, etwas näher kennen zu lernen, verlohnt sich doch wohl der Mühe, zumal wenn man bedenkt, daß an Allem, was an der Börse getrieben, besprochen, eingeleitet und abgeschlossen wird, das Wohl ungezählter Millionen hängt, und daß ein einziger unbedeutender Rechnungsfehler in einem großen Speculationsexempel einer Unzahl Menschen auf beiden Hemisphären unheilbare Kopfschmerzen und unsägliches Herzweh bereiten kann.

Aber wir wollen, um uns nicht von dem träumerischen Segler der Lüfte, genannt Phantasus, in’s Schlepptau nehmen zu lassen, zurückkehren auf die feste Erde, und eine sehr solide und materielle Einrichtung kaufmännischen Scharfsinnes vom rein materiellen Standpunkte aus schärfer in’s Auge fassen. Von diesem aus ist uns die Börse nur der Ort, wo – mit Shylock zu reden – alle Kaufmannschaft zusammenkommt, damit sie sich über eigene und private Angelegenheiten bespreche, kaufe und verkaufe, Contracte eingehe und erledige, Schlußnoten genehmige und andere vorbereite, mit einem Worte: sie ist der höchst prosaische Ort, wo man im allerweitesten Sinne Geschäfte macht.

Die Gartenlaube (1862) b 773.jpg

Auf der Hamburger Börse.


Das Börsengebäude, im Mittelpunkte der Stadt gelegen, imponirt schon von außen durch seine Größe. Am 2. December 1841 ward es eingeweiht, und als im Mai des nächsten Jahres die große Feuersbrunst ausbrach, gelang es nur der mit größter Lebensgefahr verbundenen Aufopferung einiger patriotischer Kaufleute, das rings von Flammen umwogte Gebäude vom Untergange zu retten. Mitten aus den glühenden Ruinen ragte am 8. Mai, dem Ende des großen Brandes, die Börse unversehrt über die Gluthatmosphäre der eingeäscherten Stadt empor.

Von dem verstorbenen Baudirector Wimmel und nach dessen Plane erbaut, bildet sie ein längliches Viereck, dessen Fronte dem Adolphsplatze zugekehrt ist. Ihre Länge beträgt 249, ihre Breite 178 Fuß. Das Innere dieses gewaltigen Baues besteht aus einem einzigen großen Raume, welcher den Börsenbesuchern als täglicher Versammlungsort in rein mercantilischen Geschäftsangelegenheiten dient. Dieser Raum hält 125 Fuß 5 Zoll in der Länge und 96 Fuß 9 Zoll in der Breite, bei einer Höhe von 76 Fuß. Rund um diesen im Ganzen 28,000 Quadratfuß bildenden freien Raum laufen 25 Fuß hohe Bogengänge, durch welche man in die verschiedenen Geschäftszimmer und Comptoire der Makler gelangt, deren die Börse zwanzig enthält.

Nach dem oberen Raume geleiten zwei sehr bequeme, breite Haupt- und zwei Nebentreppen, über welche man auf den Corridor gelangt, der in einer Breite von 14 Fuß auf allen vier Seiten den innern Börsenraum umschließt. Auf diesen Corridor öffnen sich wieder die Thüren sämmtlicher in der obern Etage befindlichen Säle, Geschäfts- und Lesezimmer, wie anderer Locale. Vier der größeren, an der Hinterseite gelegenen Gemächer dienen zur Aufbewahrung der Commerz-Bibliothek, einer Büchersammlung von großem Werth, die namentlich reich ist an Reisewerken, geographischen und statistischen, wie handelspolitischen Schriften des In- und Auslandes. Die Benutzung derselben steht jedem Wißbegierigen unentgeltlich zu Gebote, so daß namentlich das kaufmännische Publicum hier zum Selbstunterricht eine Auswahl seltener Schätze [774] vorfindet. Die Commerz-Deputation besitzt ebenfalls vier Zimmer; eins ist den Versammlungen „Eines Ehrbaren Kaufmannes“, wie der übliche Ausdruck lautet, vorbehalten. Endlich hat man mehrere sehr geräumige Zimmer den Besitzern des großen, weltbekannten Blattes „Die Börsenhalle“ überlassen, die das unter demselben Namen bekannte Lese-Institut eingerichtet haben, in welchem so ziemlich alle größeren Zeitungen der ganzen civilisirten Welt zu finden sind. Engländer, Franzose, Spanier, Portugiese, Italiener, Russe, Däne, Schwede, Holländer etc., Jeder kann hier in seiner Landessprache die Ereignisse des Tages verfolgen, wenn er das Bedürfniß fühlt, mit den Begebenheiten der Zeit sich bekannt zu machen.

Die Vorderseite der obern Etage nimmt ein Saal von 41 Fuß Breite und 70 Fuß Länge ein, welcher vorzugsweise als Vorversammlungsort dient, ehe die eigentliche Börse beginnt. So oft die Telegraphen von irgend welchem Orte eine Nachricht von Wichtigkeit melden, mag sie nun politischer oder mercantiler Natur sein, wird sie hier öffentlich angeschlagen oder vielmehr ausgelegt, so daß Jeder sich nach Belieben damit vertraut machen und, sind die Telegramme geschäftlichen Inhaltes, seine Maßnahmen sofort treffen kann. Die Börsenbesucher werden durch diese schnelle Veröffentlichung aller einlaufenden Telegramme vollkommen unterrichtet von dem Stande der kaufmännischen Angelegenheiten in den Haupthandelsplätzen der ganzen Welt, was von unberechenbarer Tragweite für den großen kaufmännischen Verkehr und für das Abschließen aller Geschäfte ist.

Betrachten wir den innern Raum der Börse, wenn derselbe leer ist, so fallen uns zunächst die numerirten, jetzt mit schönen Marmorplatten bekleideten Pfeiler in die Augen, auf welchen der obere Corridor ruht, und diesen zunächst nehmen wieder die vielen Quarrés, aus denen der Fußboden besteht, unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Frage: zu welchem Zwecke ist der ganze Börsenraum so eigenthümlich verziert? liegt nahe; ebenso schnell aber ist auch die Antwort darauf gegeben. Es hat nämlich unter den Tausenden, welche täglich Jahr aus Jahr ein ihrer Geschäfte wegen die Börse besuchen, Jeder seinen bestimmten Platz in dem weiten Raume, den er nie wechselt. Dem Fremden wie dem Einheimischen giebt über den Platz jedes einzelnen Börsenbesuchers das „Börsenbuch“ genaue Auskunft. Es fällt mithin auch bei dem stärksten Gedränge im Versammlungsräume nicht schwer, immer seinen Mann sogleich zu finden, sobald man nur erst den Pfeiler weiß, in dessen Nähe das zu ermittelnde Quarré sich befindet.

Eine weitere Erleichterung gewährt die Einrichtung, daß alle an der Börse vertretenen Geschäftsbranchen eine bestimmte Anzahl Quarrés für sich inne behalten. So stellen sich z. B. die Schiffsmakler an beiden Längenseiten des innern Raumes zunächst den Maklercomptoiren und Geschäftszimmern auf. Die Rheder mit ihren Capitainen sammeln sich im Angesicht des Pfeilers 19 nebst Umgebung. Die oberländischen Schiffer nebst den Schiffsprocureuren nehmen eine Anzahl Quarrés unter dem Corridor der hintern Börsenseite ein und grenzen zunächst an die Zuckerleute. Den freien Raum, der sich von dem offenen Corridor herab bequem übersehen läßt, erfüllen, von Norden nach Süden gerechnet, Getreidehändler, Fabrikanten, Commissionäre, Detaillisten, Oelhändler, Theeleute, Droguisten etc. Dann folgen Wechsel- und Fondsmakler, Importeure und Exporteure etc. Der erst seit einigen Jahren überdachte Raum zwischen der Börse und den Börsen-Arcaden, welcher in früherer Zeit frei und jedem Unbill des Wetters ausgesetzt war, ist größtenteils der Tummelplatz der stets äußerst belebten Kornbörse und der die Börse ebenfalls besuchenden Advocaten.

Vertreten auf der Börse ist im Allgemeinen jede geschäftliche Thätigkeit vom Bankier und stolzen Rheder, die über Millionen commandiren und mit den meisten kaufmännischen Notabilitäten der alten und neuen Welt in fortwährender Verbindung stehen, bis auf Maurer-, Zimmer- und Küper-Meister. Alle ordnen ihre Angelegenheiten an jedem neuen Tage auf der Börse, nehmen hier Aufträge und Bestellungen an, wechseln und tauschen, Der klingende Münze, Jener Kaffee oder Reis, ein Dritter Samen, ein Vierter Tabak, ein Fünfter Hanf, Theer, Wachs und dergleichen mehr. Genug, es giebt so leicht keinen denkbaren Handelsartikel, der an der Börse nicht angeboten und verkauft würde, noch werden könnte, natürlich immer nur in großen Quantitäten; denn dem Kenner seiner Branche sind Lumpen ebenso werthvoll und kostbar, als einem Andern seine Gewürze oder nordische Producte, und Perlenmutterschalen, Elephantenzähne und Hornspitzen werden nicht lebhafter begehrt als etwa Schweinsborsten, Heringe, Felle und Häute.

Es ist dem eingeborenen Hamburger, wie den zahllosen Eingewanderten, die durch glückliche Unternehmungen an der Börse sich zu bedeutendem Vermögen emporgearbeitet haben, nicht zu verdenken, daß sie stolz sind auf ein Institut, dem Hamburg seine Größe und Macht als Welthandelsstadt vorzugsweise verdankt. Darum spricht fast Jeder mit einem gewissen vornehmen Respect von der Börse, und die Frage, welche dem Fremden fast immer zuerst vorgelegt wird: „Waren Sie schon an der Börse?“ bedeutet für Hamburg ungefähr dasselbe, wie in Rom das unvermeidliche Wort: „Haben Sie schon den Papst gesehen?“

Die Börse kennen lernen aber und sie verstehen kann man nur zur Börsenzeit. Es wolle deshalb der Leser so freundlich sein und uns zu dieser für die Kaufmannswelt so wichtigen Stunde dahin begleiten.

Bereits um zwölf Uhr Mittags beginnt in unmittelbarer Nähe der Börse und namentlich auf dem Adolphsplatze ein regeres Leben. Im Bankgebäude, gegenüber den Alsterarcaden, strömt es ununterbrochen aus und ein, denn es ist die Zeit des „Abschreibens“ gekommen, jenes bequemen Zahlungsmittels, das der Hamburger erfunden hat und mittelst dessen die größten Summen in kürzester Zeit von Einem zum Andern wandern, ohne daß man nöthig hat, mit Vor- und Nachzählen die kostbare Zeit zu verlieren.

Von der Bank verfügt sich ein Theil dieser frühen Ankömmlinge entweder in die Lesezimmer der Börsenhalle, um die neuesten Zeitungen zu durchblättern und Politik zu studiren, oder er betritt den großen, schon erwähnten Börsensaal, wo die neuesten Telegramme ausliegen, welche Auskunft geben über den Stand des Disconto in London, Berlin, St. Petersburg, Amsterdam etc. Wen diese Frage nicht speciell interessirt, der erkundigt sich nach andern für den Kaufmann nicht minder wichtigen Angelegenheiten, unter denen der Stand der Staatspapiere mit obenan stehen dürste. Diese gefährlichen Papiere haben schon gar Manchem großes Herzeleid gebracht, während sie Andern zu Wohlhabenheit und Reichthum verhalfen. Ignorirt aber können sie von keinem Kaufmanne werden, denn die Speculation ist der große Hebel, durch dessen geschickte Handhabung der Glückliche halbe Wunder bewirken kann. Je bunter nun die Telegramme lauten, je animirter oder gedrückter die Stimmung in Wien, Frankfurt, Paris, London etc. ist, desto ernster, heiterer oder düsterer gestaltet sich die Gesammtphysiognomie im Börsensaale, der sich immer mehr füllt, und wo bereits in allen Ecken, an Fenstern und Thüren gefragt, gelauscht, gefühlt, geforscht, angeboten, abgeschlagen, bejaht und verneint wird. Es summt und rumort, als bereite sich irgend etwas Ungeheueres vor. Alle sprechen, und doch redet eigentlich Keiner recht verständlich. Es ist ein kolossales Geflüster, von Hunderten unterhalten, und zwar zu dem Zwecke, den Alle gleichmäßig im Auge haben, möglichst große und einträgliche Geschäfte zu machen. Der Eine lacht, der Andere lächelt nur; dieser giebt sich den Anschein, als ginge ihn die ganze Welt nichts an, um unter dieser Maske der Gleichgültigkeit eine gewagte Speculation auszuführen. Eine Menge stets geschäftseifriger, immer dienstfertiger und flinker Kinder des auserwählten Volkes, den feingebürsteten Cylinder, auch Angströhre genannt, tief in den Nacken geschoben, wodurch die adlerkühne Physiognomie noch um Vieles unternehmender sich gestaltet, fahren und schlüpfen aalgewandt hin und her, und erfahren natürlich mit dem ihnen angeborenen Talent zum Speculiren Alles, was ihnen dienlich sein kann, um „zu machen ein brillantes Geschäft“. – Lebhafter noch und bunter geht es in der kurzen Spanne Zeit von Zwölf bis Ein Uhr im Zingg’schen Kaffeehause zu, das der Börse gerade gegenüber an der Ecke des Adolphsplatzes und des Mönkedammes gelegen ist. Hier versammelt sich eine Unzahl von Menschen in den eben so glänzend wie heiter ausgeschmückten Räumen, wo der Gourmand an einem vortrefflichen Büffet alle Gelüste seines Gaumes befriedigen, der Freund des Spiels an einer Anzahl vortrefflich construirter Billards Unterhaltung suchen, und der trockne Geschäftsmann sans gêne in aller Gemächlichkeit sich über die wichtigsten Gegenstände des Handels mit Gleichgesinnten unterhalten und unterrichten kann.

Nicht mit Unrecht nennt man das Zusammensein so vieler kaufmännischer Größen im Zingg’schen Hotel die Vorbörse; denn ohne Geräusch, bei einer Tasse Bouillon, einem Glase Wein, einem Butterbrod, heiter plaudernd und Cigarren rauchend, werden hier [775] die Präliminarien von Geschäften besprochen, deren Werth sich wahrscheinlich nur nach Millionen berechnen läßt.

Inzwischen hat die Uhr Eins geschlagen, und das verhängnißvolle Gebimmel der Börsenglocken, im Süden und Norden des gewaltigen Gebäudes, läßt sich hören. Bei diesem Mahnruf rüstet sich Jeder zu eiligem Aufbruche. Dort wird eine kaum halb verrauchte Cigarre mit verdrießlicher Miene weggeworfen; hier vertilgen späte Ankömmlinge mit doppelter Kinnladenkraft die eben ergriffenen und bezahlten Butterbrode. Ein kaum eingeleitetes Geschäftsgespräch, das ausgezeichnete Resultate hätte liefern können, muß nolens volens aufgegeben, eine nicht minder interessante Partie Billard ohne Gnade im Stich gelassen werden. Denn schon zeigen sich die unerbittlichen Harpyien am gesperrten Eisengitter der Vorhalle, leicht erkennbar an ihren blauen, blankbeknöpften Röcken und rothbetreßten Mützen, in der Hand die abscheulichen Büchsen, welche unbarmherzig von jedem Spätlinge, will er aus der Welt der Sonne oder des Nebels in die düstern Räume der goldbringenden Speculation gelangen, die hunderttausend Mal vermaledeiten 4 Schillinge als Obolus eintreiben.

Um dies verhaßte Entree nicht bezahlen zu müssen, verdoppelt Jeder seine Eile, und es beginnt nun von allen Seiten ein förmliches Sturmlaufen auf die Börse. Durch das Andrängen so vieler Hunderte muß sehr bald eine Verstopfung des Einganges entstehen, wo die Börsendiener mit ihren Büchsen Wache halten und ihre Blicke schon auf die Unglücklichen richten, die aller Wahrscheinlichkeit nach die Strafschillinge werden erlegen müssen.

So lange die Glocken bimmeln, ist noch keine Gefahr vorhanden, weil es aber gar oft schwer hält, sich in die Queue hineinzuschieben, die gewöhnlich auch nach dem letzten Glockenrufe noch außerhalb des Gitters steht und aus Courtoisie mit eingelassen wird, so beginnt auf allen Straßen, und zwar oft schon in ziemlicher Entfernung, unter den Börsenwallfahrern ein Eilen, das für den Nichtbetheiligten in der That etwas Komisches hat.

Der Menschenstrom von der Börsenbrücke her ist, weil er aus dem alten Stadttheile kommt, in welchem sich die größten Comptoire befinden, in der Regel der stärkste. Mit ihm vereinigen sich an der Bank die vom Burstah Heraufkommenden. Großenteils sind es gesetzte Männer von stattlichem Aeußern. Bekannte und Befreundete gehen ruhig plaudernd neben einander, wohl auch Arm in Arm. Da schreitet ein Vorderster, dem entweder der Mahnruf der Glocke selbst zu Ohren kam, oder der die entfernteren Vordermänner ihre Schritte beschleunigen sah, weit und rasch aus. Die Bedeutung dieses Eilens kennt Jeder, und sofort beginnt eine Art Wettlauf, der mit dem Austönen des letzten Gtockenschlages für die Behendesten und Leichtfüßigsten zum Wettrennen wird. Man läuft, weil die Andern laufen; man schiebt, weil man geschoben wird, und man muß schließlich doch zahlen, weil die Börse begonnen hat und der Eingang gesperrt ist.

Sehen wir jetzt, welche Wirkung das Läuten der Börsenglocken auf den oben beschriebenen Versammlungsraum selbst hervorbringt. Wir nehmen, wie es Zuschauern ziemt, Platz auf dem Corridor der Nordseite, der jedem Fremden unentgeltlich offen steht. Uns gegenüber liegt der große Saal, durch dessen geöffnete Thüren man jetzt nur ein Durcheinander schwarzer, grauer und weißer Hüte von den verschiedensten Façons gewahrt.

Der unter uns befindliche Raum mit seinen scharf gezeichneten Quarrés ist fast noch leer. Nur vereinzelte Herren durchschreiten ihn, diese langsam, als gehörten sie zur Schule der Stoiker, jene in rapider Eile. Dort geht Einer mit stolz erhobenem Kopfe, hier zuckelt oder schlürft ein Anderer vorüber und verschwindet zur Linken unter den Bogengängen. Es wird ein Kaffeemann sein oder ein Matador der Kornbörse, denn wir bemerken einige bekannte Persönlichkeiten, die abwechselnd in Kaffee und in Korn machen, denselben Weg einschlagen.

Verschiedene Rheder, unter ihnen die ersten Größen, halten es mit den Peripatetikern, so lange der weite Raum das Hin- und Herwandern gestattet. Schon aber wird es lebendig an allen Ecken und Enden. Der große Börsensaal entleert sich, ebenso die Corridore und die Lesezimmer der Börsenhalle. Auf den meisten Quarrés pflanzen sich einzelne Herren auf, still wartend der Dinge, die da kommen sollen. Aus dem Geflüster wird ein dumpfes Summen, dieses steigert sich allmählich zu lautem Brausen, bis wenige Minuten nach dem Verstummen des Geläutes die ganze Börse dicht gedrängt voll Menschen ist, deren vieltausendstimmiges Sprechen dem rollenden Donner am Gestade sich brechender Meereswellen gleicht.

Wir können nicht wissen, was die Tausende da unter uns mit einander verhandeln, was sie abschließen und über welche Dinge sie sich einigen. Daß es aber wichtige Angelegenheiten sind, welche Alle ohne Ausnahme beschäftigen, das verrathen uns Haltung, Blicke, Mienen. Sehr Viele notiren irgend etwas in ihre Schreibtafeln, und wir können, ohne daß wir uns erst zu erkundigen brauchen, sicher sein, daß ein zustimmendes Kopfnicken, ein bejahender Händedruck, ein „Sollen es haben!“ oder „Abgemacht!“ Geschäfte regelt, die Hunderttausende in Umlauf setzen und denen, die sie machen, einen Gewinn liefern, der sich ebenfalls nur nach Tausenden berechnen läßt.

Glück, kühnes Wagen, seltenes Speculationstalent und Energie im Handeln sind die Hauptfactoren, welche an der Börse denen, die sie besitzen, gewöhnlich in nicht sehr langer Zeit zu großen Reichthümern verhelfen. Alle die glänzenden Paläste und prachtvollen Landhäuser an dem malerischen Ufer der Elbe abwärts von Altona bis Blankenese und an dem reizenden Wasserbecken der dunkelblauen Außenalster, da unten in diesem turbulenten Gewühl, an der Zucker-, Kaffee-, Oel-, Korn-, Tabaks-, Fettwaaren-, Produkten-, Steinkohlenbörse, wurden sie, mit dem Bleistift in der Hand, gewonnen. Darum sehen wir immer auf’s Neue die unermüdlich nach Gewinn und Besitz dürstende Menze die gleichen Wege wandeln. Gewiß, schimmerte nicht Gold zwischen den Proben von Leinsaat und Heusamen, die dort in einem Maklercomptoire so scharf beäugelt und berochen werden, als dufteten sie nach allen Gewürzen Indiens, man würde sich nicht so ernstlich damit beschäftigen!

Die Börse ist aber auch der Ort, wo der angehende Kaufmann sich für seinen Beruf am sichersten begeistern kann; denn unter den vielen Reichen und Mächtigen in unserer Handelsrepublik begegnen wir während der Börsenzeit gar Manchem, der mit leeren Taschen nach Hamburg kam, der in seiner Jugend sich kümmerlich behelfen mußte, vielleicht ein ganz untergeordnetes Geschäft betrieb, und der jetzt unter den Großen mit zu den Größten gehört. Solche Persönlichkeiten finden sich beinahe in jeder Geschäftsbranche, und obwohl sie fast immer etwas Originelles an sich haben, genießen sie doch gerade, weil sie durch eigenen Fleiß sich so hoch emporgearbeitet haben, die größte Achtung bei allen Börsenmännern.

Das Wagen und Speculiren muß übrigens einen wunderbar fesselnden Reiz besitzen, denn es hält nicht nur den gelernten Kaufmann gefangen, es umstrickt auch manchen Gelehrten dergestalt, daß er sein Studirzimmer verläßt, an die Börse eilt und dort auf kaufmännische Weise Geschäfte macht.

Mehr als andere studirte Herren hat in Hamburg besonders der Advocat Veranlassung, sich in das kaufmännische Fach und in kaufmännische Usancen einzuleben. Um sich eine einträgliche Praxis zu schaffen, muß er die Börse besuchen. Da lernt er die bedeutendsten Börsenherren kennen, gewinnt ihr Vertrauen und wird von ihnen zu Rathe gezogen, wenn streitige Fälle vorliegen. In großen Handelsstädten fehlt es nie an Processen. Sehr häufig kommt es an der Kornbörse zu Differenzen, die ohne juristischen Beirath sich selten schlichten lassen. Advocaten aber, welche sich das Vertrauen Vieler erworben haben und stark beschäftigt sind, leiden in Hamburg keine Noth. Es dürfte wenigstens in Deutschland schwerlich eine zweite Stadt geben, wo das Jahreseinkommen der gesuchtesten Rechtsanwätte, die an der Börse niemals fehlen, auf dreißig- bis vierzigtausend Mark (12 bis 16,000 Thaler) geschätzt wird. Einzelne besonders Bevorzugte sollen sogar noch beträchtlich mehr einnehmen.

Gegen zwei Uhr beginnt sich die Börse wieder zu leeren. Die größten Geschäfte sind dann abgeschlossen, Jeder strebt nach Hause, um Briefe zu schreiben etc. Nach allen Hauptplätzen Europa’s fliegen telegraphische Depeschen; denn Gott Mercur ist ein schlauer Gesell, der das Necken nicht lassen kann und denen, die er lieb gewann, nur dann ein treuer Führer bleibt, wenn sie sich selbst keine Zeit gönnen und sich, gleich ihm, Flügel an die Sohlen heften.