Die Börse in Paris

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Autor: unbekannt
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Titel: Die Börse in Paris
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 50–53
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Börse in Paris.
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Die Pariser Börse.

Die Börse! verhängnißvolles Wort, verhängnißvoll zumal in Paris, dessen Bevölkerung mehr oder weniger in das Börsenspiel mit allen seinen Schwindeln hineingerissen worden ist; geheimnißvolles Wort auch, da Börse und Politik immer enger verwachsen. Wird doch von vielen Seiten behauptet, daß die Regierung Ludwig Napoleon’s sich nur so lange halten kann, als an der Börse gespielt wird.

Dies bleibe dahin gestellt. Gewiß ist aber, daß dem Börsenspiel nur dann vorgebeugt werden könnte, wenn die Politik von den materiellen Interessen streng gesondert würde, wenn die Staatspapiere zum sichern und ungefährdeten Eigenthum würden, wie jedes andere Eigenthum, und die Nation nicht bei jedem Gerüchte ob ihres künftigen Verhängnisses erbebte. Das Land müßte außerdem hinlänglich Vertrauen in seine eigene Rechtlichkeit und Zahlungsfähigkeit besitzen, um nicht gleich bei dem geringsten Anstoß den Ruin zahlreicher Staatsgläubiger und Staatsbankrott selbst zu befürchten. Und dies könnte der Fall sein und würde der Fall sein von dem Tage an, wo die Regierungen das Soll und Haben des Staates genau feststellen, und ohne die Schuld zu vermehren, ihre Rückzahlung auf solider Grundlage anbahnen würden.

Bis dahin ist aber die Börse nur der Tummelplatz aller die Politik ausbeutender Leidenschaften. – –

Das getreueste Abbild dieses Treibens liefert die Börse in Paris. Schon unter der Regierung Ludwig Philipp’s wurde die Speculationswuth maßlos genährt, unter der Regierung Ludwig Napoleon’s aber hat sie alle Schranken überstiegen. –


Es schlägt 1 Uhr, die Börse wird geöffnet! Hunderte warten schon auf diesen Moment an den Eingängen; Wagen um Wagen rasseln heran, Alles drängt und eilt die breiten Freitreppen hinan dem großen Börsensaale zu, der über 2000 Menschen fassen kann. Schnell füllt er sich an. In den Mienen der Börsenmänner liest man häufig schon das Schicksal des Tages.

Das anfangs verworrene Geräusch der Stimmen wächst bald zu einem furchtbaren Lärme an, gegen welchen das Gewühl eines

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Das Innere der Pariser Börse.

Leipziger Meßsonntags auf dem Roßplatz heilige Stille genannt werden kann. Man hört immer nur einzelne Phrasen heraus, allein, das Ganze gestaltet sich zu einem sturmvollen Gebrause. Wem die Börsenausdrücke nicht geläufig sind, der sieht wohl in dem Allen nur ein wirres Chaos vor sich.

„Ich nehme!“ – „Ich gebe!“ – „Ich kaufe!“ – „Ich [52] verkaufe!“ so hört man von jeder Seite schreien, „41/2 Procentige!“ – „Dreiprocentige!“ – „Spanische!“ – „Sardinische!“ – „Holländische!“ – „Mobiliarcreditbank!“ – „Nordbahn!“ – „Paris-Orleans!“ – „Paris-Straßburg!“ – „Canal!“ und wie die Effekten und Papiere alle mit Namen heißen. Dazwischen durch hallen die Stimmen der Ausrufer, die Course der abgeschlossenen Geschäfte verkündigend. Inmitten dieses von tausend Stimmen angerichteten Sturmes unterscheidet der Verkäufer oder Käufer genau Das, was er braucht oder sucht. Ein Geschäft, zwanzig Geschäfte, hundert sind in einer Minute abgeschlossen: „Ich nehme!“ „Ich gebe!“ ein Wink, ein Zeichen mit der Hand, eine Notiz mit dem Bleistift und das Geschäft ist gemacht. Und sehr selten kommt es darüber hinterher zu Zwistigkeiten. –

So geht es von 1 bis 3 Uhr ohne Unterbrechung im Parquet zu, wie der von Schranken umgebene innere Raum des Börsensaales genannt wird (s. das Bild). Hier im Parquet sind nur die privilegirten Wechselagenten die allein zum Kauf und Verkauf der Rente Berechtigten. Es gab deren früher nicht mehr als sechzig, die jetzige Regierung hat jedoch noch einige Dutzend hinzugefügt, in der That bilden sie aber mit ihrem gesammten Anhange, da zu einer Wechselagentur oft zwei, drei und selbst vier Theilhaber gehören, eine Zahl von nahe an dreihundert. Und diese feinen Herren, den höchsten Ständen angehörig, sind nun zwei Stunden lang dazu an verurtheilt, ihre Lungen anzustrengen. Und wie schwer ist es hier, sich vernehmbar zu machen! Es ist gewiß ein hartes Geschäft, ganz abgesehen von den Sorgen, den Hin- und Herkäufen u. s. w., allein für 100,000 Franks jährlich, wie hoch das Einkommen einer Wechselagentur durchschnittlich geschätzt wird, kann man wohl ein Bischen schreien und auch eine Reise nach Belgien, der Schweiz, Amerika, riskiren, was die Börsenleute einen Unglücksfall nennen.

Im Parquet befinden sich auch die Finanzbarone, die Noblesse der speculirenden Welt, die Fürsten der Börse. Um jeden dieser reichen Banquiers gruppirt sich eine Anzahl von Commis als Generalstab, und von vielen werden sie aufmerksam beobachtet, weil sich aus ihrer Haltung so Manches auf dem Börsenmarkte bemessen läßt. Vielleicht gehören sie zu den in die geheimen Absichten des Kabinets Eingeweihten, zu den Unterrichteten. Vielleicht ist eine bedenkliche Note von St. Petersburg eingelaufen, wird im nächsten Moniteur ein drohendes Circularschreiben erscheinen. Das Alles können diese Herren schon wissen! In einer Viertelstunde fallen vielleicht die Dreiprocentigen unter 70! Welche Pein, welche Angst! Und wenn nun gar versiegelte Depeschen an jene Bevorzugten gelangen! Welchen Inhalts mögen sie wohl sein?! Ob Baisse, ob Hausse! Ob Steigen oder Fallen? Ob Krieg oder Frieden! Ob die vereinigten Flotten wohl in’s schwarze Meer eingelaufen sind! Ob die Russen wohl Kalefat erstürmt haben! Wer da nur wissen könnte! Wohl oder Wehe, reich oder arm steht auf dem Spiele. In fünf Minuten kann ein recht wohlhabender Mann auf der Börse zum Bettler werden!

Oft bricht nur in Folge eines leeren Gerüchts solches Unglück herein, daher auch die immerwährende Angst, Unruhe und Pein der Börsenspekulanten, die nie in den ruhigen Besitz ihrer Habe gelangen. Es ist ein stets rastloses Treiben; heute handelt es sich um die 41/2 Procentigen, vor einigen Tagen waren es die Dreiprocentigen. Auf die Benennung kommt übrigens gar nichts an, in russischen Juchten wär’s ebenso; die Geschäftswuth wäre ganz die gleiche. Die wirklichen Besitzer der Rente nehmen an dem Börsenspiel sehr wenig Antheil und eigentlich sind die Staatspapiere meist in festen Händen. Bisweilen kommen sie allerdings massenhaft auf den Markt, doch sind dies seltene Fälle. Die wahren Börsenspieler kaufen und verkaufen Werthe, die nie in ihren Händen sind und nie in ihre Hände kommen, und die am Lieferungstage nur durch Auszahlung der im Stande der Course entstandenen Differenz ausgeglichen werden.

Man spricht viel gegen diese Agiotage, Differenzenspiel, – und das mit Recht. Gleichwohl läßt sich’s leichter darüber schimpfen, als der Sache abhelfen. Die Staatseffekten, Aktien, Bankpapiere u. dergl. haben nur unter der Bedingung Werth und Credit, daß sie zu jeder Zeit und schnell verwerthbar sind. Nur so ist der immer offene Handel der Renten und Effekten erklärlich. Wie aber will man die Spekulation, diese Seele des Handels hindern, sich hieran zu betheiligen? Vielleicht indem man das Lieferungsgeschäft verbietet? Aber man thut dies ja. Die Gerichte verurtheilen stets diese als Hasardspiele betrachtenden Geschäfte, daß sie aber gemacht werden, weiß alle Welt. Wenn die 80 Pariser Wechselagenten, von denen jeder im Durchschnitt 100,000 Franks jährlich verdient, nur auf die gegen baar gemachten Geschäfte angewiesen wären, so würden sie keine 10,000 Franks verdienen. In einzelnen Jahren wurden durch das Parquet und die Coulisse an 40 Millionen von den Operationen der Spieler erhoben. Man urtheile daraus auf den Umfang der Geschäfte! Denn die den Wechselagenten gesetzlich bestimmten Gebühren sind sehr mäßig, von 100,000 Franks der Papierwerthe beziehen sie beim Kauf wie Verkauf nur 50 Franks, und die Zwischenhändler in der Coulisse begnügen sich wohl auch mit der Hälfte. Wie viel mal 50 Franks, oder verkaufte, gekaufte und wiederverkaufte Rente bedarf es nun, um beim Rechnungsabschluß 20 Millionen zu machen.

Die zweitäglichen Geschäftsstunden in der Börse genügen dem wirklichen Bedarf so wenig, als der Wuth und den Launen der Spieler und den verschiedenen Eventualitäten, die jeden Augenblick mehr oder weniger auf die Rente einwirken können. Wie könnten den ächten Spekulanten zwei Stunden täglich befriedigen?! Die Rente ist eine Göttin, welche Dem, der sich einmal mit ihr eingelassen, keine Ruhe mehr läßt; Morgens und Abends, früh und spät, Tag und Nacht hat er mit ihr zu thun!

In Anbetracht dieser Nothwendigkeit muß die Coulisse dasein, dieses Parquet im Kleinen, ohne festen Sitz, ohne Cautionen, doch nicht ohne Rechtlichkeit und Mittel, und häufig zuverlässiger als das officielle Parquet.

Die Coulisse ist die Börse in ewiger Bewegung! Sobald der Morgen in Paris beginnt, d. i. etwa um 10 Uhr früh, vereinigt sie sich in ihrem gewöhnlichen Lokale, Passage de l’Opera. Dort bleibt sie bis zur Börsenstunde, begleitet das Parquet in die Börse, wo sie neben dem von Schranken umgebenen innern Raum des Saales verhandelt (s. das Bild), und bleibt selbst eine Stunde länger da, indem die kleine Börse (d. i. die Coulisse) bis vier Uhr dauert. Ohne sich kaum ein Mittagsessen zu gönnen, beginnt sie dann sofort wieder ihre Operationen in der Passage, und setzt sie gewöhnlich bis 11 Uhr oder Mitternacht fort. Während der Wintersaison, zur Zeit der Bälle, werden die ganze Nacht über Geschäfte gemacht; auf den Maskenbällen, bei Punsch und Champagner wird fortwährend gekauft und verkauft.

So ist die Coulisse rastlos thätig, beutet jede neue Nachricht aus, jedes Gerücht, während das Parquet gemeinhin nur diese Bewegung regelt. Parquet und Coulisse lassen sich nicht von einander trennen. In der Coulisse ist das gesetzlich verbotene Wettgeschäft an der Tagesordnung. Wie will jedoch das Gesetz diesen Leuten zu Leibe, die aneinander vorüber huschend mit einem Worte, Blicke, Zeichen, einer Geberde ihre Wetten abschließen? –

Die von den verschiedensten Elementen zusammengesetzte Coulisse ist für den Beobachter besonders interessant. Man sieht dort Leute, die sich lange im Parquet bewegten und wegen ein Paar unglücklicher Abschlüsse das Feld räumen mußten. Das im Parquet verlorene Vermögen gewinnt dann Mancher in der Coulisse wieder, die auch mit wenig Ausnahmen für so solid wie das Parquet gilt. In der Coulisse kann man auch am Besten das sonderbare Spiel der Hausse und Baisse studiren, wo ein Wort, ein Wink, eine Bleistiftnotiz, ein Nicken mit dem Kopfe zum Untergange wie zur Gründung eines kolossalen Vermögens werden kann. Hier auch äußert sich die Spielwuth in ihren gemeinern und häßlichern Formen.

Artikel I. des Reglements vom 15. Juni 1802, bezüglich der Börsenpolizei, besagt, daß die Börse jedem Franzosen und selbst jedem Ausländer zugänglich ist, und nur Frauen und Bankrotteurs ausgeschlossen sind.

Die Frauen spielen deshalb nicht desto weniger. Die den höhern Ständen Angehörigen wissen ihre Leidenschaft in den Schleier des Geheimnisses zu hüllen und verkehren, ohne Aufsehen zu erregen, mit den Börsenmäklern. Einen andern Schlag Frauen gewahrt man gegen ein oder zwei Uhr Nachmittag an der nordwestlichen Ecke des Eisengitters, welches das Börsengebäude umgibt. Es sind ältere Frauen in bescheidenen Anzügen; heiter oder niedergeschlagen, je nach dem Einflusse des Augenblicks. [53] In ihren Blicken spiegelt sich wechselnd Zorn und Freude, Entmuthigung und Hoffnung ab. Ein Hungernder kann nicht gieriger auf Brot warten, als sie auf die Berichte, welche ihnen von Minute zu Minute die Mäkler und Commis der Wechselagenten bringen. Dies ist die Frauenbörse.

Das Wetter mag sein, wie es will, sie sind da, mit immer entflammtem Gesicht, begehrlichen Augen, heftigen Geberden, aufgeregter Stimme. Die Sprache, die sie dabei sprechen, bewegt sich nicht immer in den Schranken strenger Etiquette. So wie der Mäkler sich an dem Eisengitter zeigt, bestürmen ihn hundert Fragen.

„Wie hoch die 41/2 Procentigen? Wie hoch die Dreiprocentigen? Wie Nordbahn? Haben Sie für mich verkauft?“

„Sie haben mir keinen Auftrag gegeben.“

„Wie? keinen Auftrag?“

„Gewiß nicht. Madame.“

„Ach. Sie schlechter Kerl!“

„Beruhigen Sie sich, Madame, ich werde auf der Stelle verkaufen.“

Ohne das ihn von seinen Kunden trennende Eisengitter würde der unglückliche Mäkler häufig in sehr unangenehme Verwickelungen gerathen. – So treibt es die Pariser Börse, dies ist das Spiel in dem, dem Gotte des Geldes geweihten Tempel, der zugleich das Handelsgericht in sich schließt. Der äußere Anblick des Börsenpalastes (s. das Bild) ist wahrhaft imposant. Bei 71 Metres Länge, hält er 49 Metres Breite; auf den vier Seiten erhebt sich in majestätischer Regelmäßigkeit eine Reihe stolzer korinthischer Säulen. Zu der Fronte des Palastes, der ganzen westlichen Seite entlang, führt eine Freitreppe von 16 Stufen, der den Anblick des Ganzen noch großartiger macht. Vier Statuen prangen an den Ecken des Eisengitters, mit welchem die Börse umgeben ist: die Gerechtigkeit, der Handel, die Industrie und der Ackerbau; … im Innern des großartigen Palastes haben aber andere Götter ihre Sitze aufgeschlagen.