Die Behandlung der Kolonisten in der Provinz St. Paulo in Brasilien und deren Erhebung gegen ihre Bedrücker

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Autor: Thomas Davatz
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Titel: Die Behandlung der Kolonisten in der Provinz St. Paulo in Brasilien und deren Erhebung gegen ihre Bedrücker
Untertitel: Ein Noth- und Hilfsruf an die Behörden und Menschenfreunde der Länder und Staaten, welchen die Kolonisten angehörten
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Leonh. Hitz
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Erscheinungsort: Chur
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Bericht über die missliche Behandlung der Kolonisten auf der Kaffeeplantage Ibicaba, Provinz St. Paulo, zu Handen von europäischen Behörden zwecks Hilfe
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[1]
Die
Behandlung der Kolonisten
in der Provinz St. Paulo in Brasilien
und
deren Erhebung gegen ihre Bedrücker.
Ein Noth- und Hilfsruf an die Behörden und Menschenfreunde der Länder und Staaten, welchen die Kolonisten angehörten.




Dargestellt von dem ehemaligen Kolonisten
Thomas Davatz.
•→→→••←←←•
Chur 1858.
Druck von Leonh. Hitz.

Inhaltsverzeichnis [Wikisource]

Einleitung
I. Vorläufige, nöthige Erklärungen verschiedener brasilianischer Zustände
II. Die Behandlung der Kolonisten in der brasilianischen Provinz St. Paulo
III. Die Erhebung der Kolonisten gegen ihre Bedrücker
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[3]
Einleitung

Bekanntlich ist seit einer Reihe von Jahren die Auswanderungsfrage bei Vielen, namentlich unter den armen Bewohnern mancher europäischen Länder, zu einer Tages- und Lebensfrage geworden. Nicht ganz ohne Grund hat bei Manchen dieser Klasse der Glaube Wurzel gefaßt, es sei bei all den hiesigen Einrichtungen und Verhältnissen, die vielmehr den Reichthum des Großen, als die Wohlfahrt des Armen und Geringen zu befördern scheinen, für diesen Letztern im alten Vaterlande nicht mehr auszuhalten, und es müsse der große Schritt gewagt und der Versuch gemacht werden, in fernen, überseeischen Ländern eine bessere Existenz zu suchen. Bei dieser vielfach verbreiteten, wohl nicht ganz verwerflichen Ansicht ist es aber nicht geblieben. Schöne Beschreibungen und Schilderungen der ins Auge gefaßten Länder, einseitig und unrichtig, zuweilen vorsätzlich falsch abgefaßte, anlockende und verführende Briefe und Berichte von Freunden oder Verwandten, die Wirksamkeit mancher Auswanderungszeitungen, besonders auch die rastlose, mehr auf den eigenen Beutel, als auf das Wohl des Armen berechnete Thätigkeit vieler Auswanderungsagenten, Expedienten etc.: alle diese und noch ähnliche Umstände haben die Auswanderungsfrage in einen krankhaften Zustand gebracht, in ein Auswanderungsfieber verwandelt, von welchem nach und nach gar Viele ergriffen wurden. Und wie bei einem physischen Fieber die richtige Ueberlegung, das klare Urtheil mangelt, und dagegen allerlei falsche Vorstellungen stattfinden: so auch bei dem Auswanderungsfieber. Wer einmal von diesem ergriffen ist, träumt schlafend, ruhend und arbeitend von dem Lande der Sehnsucht, hascht nach allen Zeitungen [4] und Schriften, welche dieses Fach beschlagen, und legt auf dieselben (doch meistens nur dann, wenn sie seinen Wünschen entsprechen) ein gar großes Gewicht; die mündlichen oder schriftlichen Warnungen und Vorstellungen verständiger Männer dagegen läßt er gewöhnlich bei Seite, und so geht es, wenn die Möglichkeit dazu geboten wird, in den meistens Fällen vorwärts, bis es, ach nur zu oft, heißt: „Mer hän is g’irrt!“ oder: „Da heben mer jetzt!“ oder: „Da muoß ma zum bösa Spiel ä guots Gsicht mache!“ oder „Es reut mich so oft, als ich Haare auf dem Kopfe habe, daß ich ausgewandert bin; aber ich kanns nicht gestehen. Herr ... hat mir gesagt, wie es mir gehen werde; aber ich hab’s ihm nicht geglaubt und kann ihm meinen Irrthum jetzt nicht gestehen!“ Ich rede hier nicht aus der Luft, sondern ich gebe Solches, das ich, ach leider! nur zu oft mit meinen eigenen Ohren gehört habe.

Zu den Vielen, die am Auswanderungsfieber litten, gehörte einst auch ich. Lange bemühte ich mich, nach den Vereinigten Staaten Nordamerika’s ziehen zu können; allein vergeblich. Endlich ging es ganz leicht, den Weg nach den Kolonien in der brasilianischen Provinz St. Paulo zu finden. In Begleitung vieler anderer Auswanderer zog ich im Frühling 1855 nach jenem Lande, mußte dann aber bald zu der Einsicht kommen, welche bei Andern die oben angeführten Ausdrücke zu Tage förderte.

Am traurigsten ist die Wahrnehmung, die sich des Ausdrucks: „Da heben mer jetzt!“ bedienen muß, d. h. da sind wir in einer neuen Art von Sklaverei, aus welcher hinaus zu kommen, es uns fast schwerer ist, als dem schwarzen Afrikaner aus der alten Sklaverei. Je mehr sich diese Wahrnehmung bei mir gestaltete, desto mehr stieg in mir der Wunsch und der Entschluß auf, für mich und die andern armen Leute unter Gottes Beistand und Gnade Hilfe zu suchen. Mir und meiner Familie ist, Gott sei Dank, aus dieser Sklaverei nun geholfen. Es befinden sich aber noch gar viele Leute aus der Schweiz, den verschiedenen Staaten [5] Deutschlands, aus dem Holsteinischen u. s. w. in derselben. Diesen habe ich bei meinem in mancher Hinsicht schmerzlichen Abschiede von ihnen fest und heilig versprochen, für ihre Befreiung fortan, besonders nach der Ankunft im Vaterlande in demselben mein Möglichstes zu thun. Viele, theils Verwandte von Kolonisten, theils sonstige Menschenfreunde, worunter auch Mitglieder von hohen schweizerischen Kantonsregierungen, forderten mich dringend auf, dies mein Versprechen dadurch zu erfüllen, daß ich eine möglichst getreue Schilderung der Zustände und Erlebnisse der betreffenden Kolonisten durch den Druck veröffentliche.

Ich folge dieser Aufforderung und habe also dabei den Hauptzweck, auf diesem Wege so viel, als in meinen Kräften steht, dazu beizutragen, daß den armen zurückgebliebenen Kolonisten, die mir durch unsere gemeinschaftliche Noth und durch treue Unterstützung in meinen Bestrebungen sehr lieb geworden sind, aus ihrer bedauerlichen Lage geholfen werden möchte. Ein zweiter, auch sehr wichtiger Zweck dieser Schrift besteht darin, daß ich vor leichtsinnigem Auswandern möglichst warnen und zur Beschwichtigung des Auswanderungsfiebers, auch wenn dieses in Bezug auf andere Zielpunkte der Emigration (Nordamerika, Australien etc.) stattfindet, mein Scherflein beitragen und Vielen die bittere Nachreue ersparen möchte. Sollte endlich die Veröffentlichung dieser Darstellungen mir, der ich auf einem kostspieligen, schweren und gefährlichen Wege zu derjenigen Einsicht und Erkenntniß in der fraglichen Angelegenheit gekommen bin, die nun Jeder um ein kleines Geld in wohnlichen und sicheren Stuben sich verschaffen kann, auch etwelchen ökonomischen Vortheil bringen: so würde ein dritter Zweck erreicht und damit einer schwer geprüften, großen Familie ein wenig auf die Füße geholfen, aus welchem Grunde ich das Verlagsrecht dieses Schriftchens für mich behalte, so daß der allfällige Erlös mir zu gute kömmt.

Diese Zwecke möglichst sicher zu erreichen, will ich die Behandlung der Kolonisten auf den Kolonien der Provinz [6] St. Paulo in Brasilien dadurch darzustellen suchen, daß ich erzähle, wie der Kolonist unmittelbar nach der Ankunft in Santos behandelt, dann weiter geführt, wie ihm Wohnung, Nahrung, Arbeit u. s. w. zugewiesen wird: kurz ich will gleichsam einen Lebenslauf der Kolonisten geben. Nachher will ich dann zeigen, wie Hilfe gesucht wurde, und was es dieses Hilfesuchens wegen für Auftritte gab. Es ist aber nicht möglich, eine klare Anschauung von der Behandlung der Kolonisten zu bekommen, ohne etwelche Kenntnisse von den Erscheinungen, Verhältnissen, Sitten und Gebräuchen jenes Landes, des Schauplatzes meiner Darstellungen, zu besitzen; denn sie weichen von denjenigen in der Schweiz und in Deutschland sehr ab. Deßhalb ist es nöthig, dieselben in einem vorausgehenden Theile zu beschreiben. Meine Schrift zerfällt demnach in 3 Theile:

00I. Vorläufige, nöthige Erklärungen verschiedener brasilianischer Zustände;

0II. Die Behandlung der Kolonisten in der brasilianischen Provinz St. Paulo, und

III. Die Erhebung der Kolonisten gegen ihre Bedrücker.

Bevor ich aber an die Ausführung dieser 3 Punkte gehe, muß ich nachfolgende wichtige Bemerkungen machen. Vor Allem aus gebe ich die feierliche Versicherung, daß es mir ein heiliger Ernst ist, bei der reinen Wahrheit zu bleiben. Auf der einen Seite möchte ich des Hauptzweckes wegen so viel wie möglich Alles sagen, was Unrechtes gegen die armen Leute begangen wurde, und ich thue dieses selbst auf die Gefahr hin, daß man mich von Brasilien oder vielleicht auch von gewissen europäischen Orten aus der Lüge zeihen werde. Da aber die Nothwendigkeit, mit Hilfe beizuspringen, sich klar genug vor Augen stellen wird, auch ohne zu viel, ja sogar ohne Alles zu sagen, was wahr ist, und ich es wohl bedenke, daß ich einst Angesichts der Herren, deren Thun und Treiben ich zu zeichnen habe, Rechenschaft ablegen muß: so möchte ich [7] mich möglichst hüten, irgend Etwas zu viel zu sagen. In den Fällen, wo ich auf die Aussagen zweiter Personen fußen muß (und dies ist natürlich gar oft nicht auszuweichen), will ich mich so viel wie möglich bemühen, nur auf das Zeugniß glaubwürdiger Männer zu gehen. Als eine weitere Bemerkung muß ich ausdrücklich beifügen, daß unter den hilfsbedürftigen Kolonisten nicht nur Schweizer, sondern auch Deutsche verschiedener Gaue, Holsteiner etc. zu verstehen seien, weßhalb sehr zu wünschen wäre, daß dieses Schriftchen, so wenig es hinsichtlich des Styls, der Anordnung u. s. w. auf eine große Verbreitung Anspruch machen darf, doch den Weg über die Schweizergrenzen hinausfinden und auch die auswärtigen Regierungen und Völker zu einer gemeinschaftlichen Hilfe anspornen möchte. Die meisten andern Kolonisten befinden sich in ähnlicher Lage, wie die schweizerischen; die meisten haben sich auch, als wir Schweizer Hilfe zu suchen anfingen, an uns angeschlossen und uns auf alle mögliche Weise treu unterstützt; wir kannten uns nicht sowohl als Schweizer, Deutsche, Thüringer, Holsteiner u. s. w., sondern vielmehr als bedrückte brasilianische Kolonisten. Welcher wahre Menschenfreund könnte es nun am Herzen haben zuzusehen, wie die Einen vergessen und hilflos gelassen werden, während den Andern hoffentlich nun geholfen wird? Möge darum auch diese Bemerkung nicht fruchtlos ausgesprochen sein! Möge Allen geholfen werden! Geschieht dieses, so will ich Gott für die schweren Wege danken, die Er mich führte, und auf welchen ich die Lage der Kolonisten kennen lernen mußte.




[8]
I.
Vorläufige nöthige Erklärungen verschiedener brasilianischer Zustände.

Wenn ich in der Ueberschrift dieses ersten Theiles Erklärungen verschiedener brasiliansicher Zustände zu geben verspreche, so habe ich damit nicht ganz Brasilien im Auge, sondern hauptsächlich nur die Provinz St. Paulo, wo die Kolonien des durch Hern Senator de Campos Vergueiro ins Leben geufenen Halbpachtsystems liegen. Einerseits verbietet es der Zweck meiner Schrift, die Grenzen dieser Provinz zu sehr zu überschreiten, und anderseits wohnte ich während meines Aufenthaltes in Brasilien nur wenig außerhalb dieser Provinz, so daß ich von andern Provinzen nicht aus eigener Anschauung reden könnte. Wer sich Kentnisse über das ganze Land verschaffen will, der muß größere, gediegene Werke zur Hand nehmen.

Für denjenigen, der noch nicht wissen sollte, daß die Gegend von Brasilien, von der ich spreche, ungefähr unter dem 22sten Grade südlicher Breite liegt, der auch Nichts weiß von den durch diese Lage bedingten, von den hiesigen ganz abweichenden Erscheinungen in Hinsicht auf Jahreszeiten, Wärme und Kälte etc., muß ich bemerken, daß dort Sommer ist, während hier Winter, dort Herbst, während hier Frühling u. s. f., daß dort Winter nicht durch Schnee und Eis, sondern gewöhnlich durch schönes, helles Wetter sich auszeichnet, die Natur auch nie sich in einen Schlaf legt, sondern fortwährend, jedoch im Sommer viel stärker als in den übrigen Jahreszeiten, treibt. Die Zeit vor und nach dem Neujahr (Dezember, Januar, Februar, theilweise auch der März) ist dort die heißeste. Diese Monate bilden die Regenzeit, [9] in welcher es oft lange so entsetzlich regnet, wie man es hier kaum bei Wolkenbrüchen sehen kann. Da fangen die vorher fast oder ganz versiegten Quellen wieder reichlich zu fließen an; die Straßen und fast leer gewordenen Flußbetten füllen sich mit Strömen von Wasser, und die Erde erhält auf’s Neue die ungeheure Triebkraft, von der in Europa vielleicht nur in Treibhäusern Beispiele gefunden werden können. Stärker als selbst in den schweizerischen Alpenthälern knallen und rollen dort auch oft die Donnerschläge, die sich besonders zu dieser Zeit, zuweilen aber auch in jedem Monat des Jahres hören zu lassen pflegen. Davon, daß Blitze in Häuser einschlagen und dieselben zerstört hätten, hörte ich keine Beispiele. Die gewöhnlich in der Nähe von den Wohnungen stehenden hohen Bäume haben sich bisher als gute Blitzableiter erwiesen und die Aufrichtung von künstlichen Ableitern unnöthig gemacht. So lange ich in Brasilien war, habe ich nur einen einzigen wirklichen Blitzableiter gesehen, nämlich in Rio de Janeiro. Wenn aber einmal diese Bäume, die in der Folge der frühen Waldausrodung (Waldbrände) jetzt schon meistens dürr sind, am Boden liegen, dann halte ich die dortigen Wohnungen vor derartigen Gefahren nicht überall mehr für sicher. Von ganz oder halbtodt geschlagenen Negern, die während der Gewitter im Freien waren, sind mir einige Beispiele erzählt worden.

Was die Hitze eines dortigen Sommers anbetrifft, so ist dieselbe nach meinen in Ybicaba angestellten Beobachtungen bei schönem Wetter nach dem 80theiligen Thermometer am Morgen gewöhnlich auf 15–16°, Mittags (Nachmittag ½3 oder 3 Uhr) auf 24–27°, an der Sonne auf 40–43° und Abends auf 21–23°, bei Regentagen aber Mittags bloß auf 17–20° gestiegen. Das ist freilich eine Hitze, die hier zu Land auch vorkommen kann; die Sonnenstrahlen haben dort aber doch eine ganz andere Wirkung, als wie hier. Ohne sich der Gefahr, vom Sonnenstich oder einer andern schlimmen Krankheit ergriffen zu werden, gar sehr auszusetzen, darf man sich dort nicht mit entblößtem Haupte an der Sonne aufhalten; [10] auch wird die Erde unter dem Einflusse derselben so heiß, daß Leute, die meistens barfuß gehen müssen, sehr über die Hitze derselben klagen, oder daß, wenn man allenfalls Schuhe mit Nägeln trägt, diese letztern so erhitzt werden, daß sie Löcher in die Sohlen brennen und herausfallen. Wäre die Luft durch ihre fortwährende starke Feuchtigkeit nicht sehr temperirt, so würde sie auch das Thermometer höher treiben und die Hitze empfindlicher werden lassen. So aber hält sie Derjenige, der besonders in der kühlen Zeit (Juni, Juli und August) in das Land gekommen ist, oder der sich schon längere Zeit in demselben aufgehalten hat, fast eben so leicht aus, als der Schweizer die Hitze der hiesigen Thäler.

Ende des März, April und Mai bilden dort die Herbstmonate, die schon etwas weniger heiß sind und in der Regel nicht mehr viel Regen haben. Ihnen folgen die Wintermonate Juni, Juli und August, in welchen das Thermometer am Morgen 4–6°, Mittags 18–21°, an der Sonne in einigen Fällen 30–35° und am Abend 14–17° Wärme gezeigt hat. Einmal (12 Juni 1856) habe ich auch beobachtet, daß Morgens bloß 2° Wärme waren, und auf andern Kolonieen soll es auf den Gefrierpunkt gekommen sein, ein Fall, der sich in frühern Jahren auf Ybicaba auch ereignet habe. Wenn etwa, was in der kälteren Zeit oft zu geschehen pflegt, einige Tage lang starker Südwind herrscht, der meistens dicke Wolken vor der Sonne vorbeitreibt, kann es geschehen, daß das Thermometer auch Mittags 9–12° Wärme nicht übersteigt. In solchen Fällen friert der im Ganzen doch sehr an die Hitze gewöhnte, vielleicht kaum 1 oder 2 Tage vorher an der Sonnenwärme von 30–35° gestandene Brasilianer ziemlich stark, und wer einen Mantel hat (dieses ist aber bei nur wenigen Kolonisten der Fall), hüllt sich bestmöglich in denselben ein. In dieser Zeit regnet es gewöhnlich sehr wenig, ja es kann eine bedeutende Tröckene eintreten, die auch noch in den Frühlingsmonaten September, Oktober und November wenig unterbrochen wird. Diese Zeit, besonders der Oktober, erscheint einem fast am heißesten. Von den vielen, meist schrecklich [11] großen Waldbränden, die behufs der Urbarisirung ringsherum veranstaltet werden, gibt es einen Rauch und Dunst, der zuweilen so dicht wird, daß die Sonne bei sonst heiterm Wetter mit unbewaffnetem Auge angeschaut werden kann, und daß große Körper, z. B. Bäume, keinen Schatten mehr zu werfen vermögen. Gegen Ende dieser Monate gibt es dann wieder häufiger starke Donner- und Regenwetter, und mit diesen beginnt allmälig die eigentliche Regenzeit, über welche schon einige Mittheilungen gemacht sind. Hagel oder Schloßen sind sonst in Brasilien ziemlich unbekannt; es kann jedoch solche Erscheinungen auch geben. Im Oktober 1855 fielen einmal, doch nicht lange Zeit, Schloßen in der Größe von Haselnüssen.

In jenem Lande mit seinem ganz andern Klima gibt es auch ganz andere Pflanzen und Gewächse, andere Lebens- und Arbeitsweise, kurz, fast Alles weicht von den europäischen Verhältnissen ab. Ich will davon Einiges mittheilen.

Wo der Boden noch nicht urbarisirt, aber fruchtbar und gut ist (und dieses findet in Brasilien, so weit ich dieses Land kennen lernte, vielmehr in den Hügeln und Bergen, als in den Flächen statt), da stehen die üppigen Urwälder Brasiliens, die in ungeheuern Strecken sich ausdehnen, ein malerisches, majestätisches Ansehen gewähren, aber auch ein Gefängniß und Verschmachtungsort für den Wanderer werden können, der darin den Weg verliert. Tannen, Buchen, Eichen, überhaupt die Holzarten der hiesigen Gegend findet man in jenen Wäldern nicht; dagegen stehen dort folgende Laubholzbäume: Peroba, Cedro, Canella, Guaraita, Carette, Palmite und andere ziemlich durcheinander. Das Durcheinanderstehen der verschiedenen Holzarten ist eine Eigenthümlichkeit der dortigen Wälder; eine zweite Eigenthümlichkeit besteht in ihrer Undurchdringlichkeit, welche durch die alle kleinen Räume ausfüllenden Schlingpflanzen hervorgerufen wird. Neben einem prachtvollen Baume, dessen unten 3–5 und noch mehr Fuß im Durchschnitt haltender,[1] sich nur unbedeutend verjüngender, [12] ganz astloser, wohl 50–90 Fuß hoher, gerader Stamm eine majestätische Krone, ein gewaltiges Laubdach, trägt, stehen hohe und niedere, krumme und gerade, dicke und dünne Bäume, umgeben von den unzähligen Schling- und Ausfüllpflanzen, von denen ich zwei etwas näher bezeichnen muß, weil sie zum Häuserbau benützt werden. Es sind dieses das Cibo und eine Art Rohr. Ersteres gleicht ziemlich unserer Waldrebe (Niele), rankt sich durch die verschiedenen Stämme auf die höchsten Bäume hinauf und ist ganz biegsam und zähe, deßhalb zum Zusammenbinden verschiedener Körper geeignet. Letzteres ist eine Art Schilfrohr von ½ bis über 1 Zoll Durchmesser, von oft bedeutender Länge und ziemlicher Härte. Von den oben genannten Waldbäumen muß einer auch noch hervorgehoben werden, weil er ebenfalls zum Häuserbau gebraucht wird. Es ist dieses die schlanke Palmite (Kohlpalme), die bei einem Durchmesser von 3–6 Zoll auf dem Stocke mit fast unmerklicher Verjüngung einen ganz astlosen, meistens geraden, 30–70 Fuß langen Stamm bildet, dessen oberster Theil, wo sich die Klafter langen Blätter nach allen Seiten ausbreiten, nicht nur genießbar, sondern sehr schmackhaft ist. Diese Palmite hat ein verhältnißmäßig dickes, ganz faules Mark, oder vielmehr eine ziemliche Höhle bis an den krautartigen Theil hinauf, übrigens aber sehr hartes Holz. Bei einiger Vorsicht läßt sie sich mit Aexten oder Keilen ganz gerade der Länge nach spalten.

Um zu gutem Pflanzland zu kommen, wird eine Strecke des oben beschriebenen Waldes ausgerodet. Dieses geschieht dadurch, daß man mittelst Aexten und Phossen (eine Art Gertel, der so eingerichtet ist, daß er an einen Stiel befestigt und von beiden Händen regiert werden muß) die Schlingpflanzen, die Rohre etc., die dünnen, theilweise auch die dicken und großen Stämme umschlägt oder wenigstens von der Wurzel trennt, und daß man dann, nachdem dieses abgehauene Gehölz binnen 2 oder 3 meistens trockenen und warmen Oktoberwochen recht dürre geworden ist, dasselbe an einem windigen Nachmittage an dem von der Windrichtung [13] geforderten Orte anzündet, wodurch ein wahrer Feuersee entsteht, dessen Knastern weithin gehört wird, und dessen Rauch die Sonne verdeckt. Nach diesem Brennen wird an dem fraglichen Pflanzlande vor der Bepflanzung desselben wenig Anderes mehr gearbeitet, als daß man allenfalls noch daliegendes, leicht bewegliches Gehölz ein wenig auf Haufen wirft, wobei aber Stöcke, dicke und dünne nicht verbrannte Stämme da stehen und liegen gelassen werden, wo sie sich befinden, so daß man in einem solchen Pflanzfeld oft genöthigt ist, entweder Umwege zu machen, oder aber mit Händen und Füßen über solche Gegenstände hinzuklettern. In den folgenden Jahren wird, wenn nicht schon junger Kaffee in das betreffende Stück gesetzt worden ist, das von einer Pflanzzeit bis zur andern aufgewachsene Gehölz wieder mit der Phosse niedergeschlagen und dann verbrannt. Befindet sich aber junger Kaffee darin, so muß das Gras und Gehölz, welches eine bedeutende Größe erhalten hat, mit der Hacke niedergemacht und ein wenig auf die Seite gezogen werden. Dieses ist gewöhnlich auf den Kolonieen der Fall; die Brasilianer hingegen setzen auf ihren Sitien (Landgütern) selten Kaffee in das Pflanzland; sie können deßhalb die leichtere Arbeit des Abphossens und Brennens in Anwendung bringen. Wird ein solches nicht mit Kaffee besetztes Pflanzland nach 5, 6–8 jähriger Benutzung müde und trägt nicht mehr recht Frucht, so läßt es der Brasilianer liegen und verschafft sich aus seinen großen Wäldern auf oben beschriebene Weise eine andere Strecke Pflanzland, welcher Wechsel aber auf den Kolonieen nicht in solcher Weise eintreten kann, weil dort gewöhnlich das Pflanzland, nachdem es ein paar Jahre gereinigt und benutzt wurde, mit Kaffee bepflanzt und so der Kaffeeberg vergrößert wird. Einige Jahre von da an wird jedoch ein solches Land auch noch zur Produktion von Lebensmitteln benützt.[2]

[14] Gepflanzt wird in solchen Feldern Mais, Reis, Kürbisse, Cara, Bohnen. In besonderen, gewöhnlich nahe bei den Wohnungen liegenden Pflanzländern pflanzt man auch Mandiocca, Bataten und Margaridli und in den Gärten verschiedene Kohl- und Krautarten.

Die beste Pflanzzeit für die genannten Fruchtarten, die Mandiocca ausgenommen, ist gewöhnlich der Monat November. Bei der Pflanzung des Maises werden, wenn das Land von Gehölz genugsam befreit ist, kleine Löcher in der Entfernung von ungefähr 3½ Fuß nach jeder Seite, im andern Falle da, wo es möglich ist, geschlagen und in denselben 4–6 Körner leicht zugedeckt. Nach einigen Wochen sollte er einmal gereinigt, sollten auch, wenn bei einem Busche mehr als 3 oder 4 Stengel aufgeschossen sind, die überzähligen entfernt werden. Weiteres wird gewöhnlich darin bis zur Ernte, die in den Mai fällt, nicht gearbeitet, als daß man etwa noch grüne Blätter und noch überflüssige Stengel als Futter für eine allenfalls vorhandene Kuh oder für Ziegen daraus wegnimmt. Bei der Ernte läßt man die 10–12 Fuß langen Stengel unabgeschnitten, aber oben herunter gebogen oder gebrochen, im Lande stehen und nimmt nur die Kolben oder Zapfen hinweg, welche ungefähr die gleiche Größe erhalten, wie hier, und in einer Ecke des Hauses oder des Stalles auf einen Haufen aufgeschichtet werden. Wenn der Mais, wie es oft der Fall ist, unreinlich entkörnt wird, so daß zuweilen Barthaare desselben, auch etwelche Stücke der Zapfen in die Körner kommen; wenn diese Körner mit den vielen Insekten, die oftmals darin sind, und noch mit sonstigem Unrath, der bei der Behandlung durch Neger sich damit vermengt, mittelst grober Mahlsteine so gemahlen werden, daß das Feinste nicht viel feiner ist als Gries, und wenn denn Alles ungebeutelt, so wie es aus einem solchen Gemenge entsteht, zusammengenommen wird: so hat man das Maismehl (den Fuba), das ein Hauptnahrungsmittel des Kolonisten ist. Durch ziemlich feine Wurzelsiebe, die er eigenthümlich haben muß, trachtet er aus [15] diesem Maismehl das Feinste zu bekommen und braucht dieses als Backmehl oder auch zu Suppen. Aus der zweiten Sorte macht er sich Brei oder so Etwas, aber ohne Milch; die dritte Sorte, die beinahe die Hälfte der ganzen Masse ausmacht, dient als Futter für Schweine und Hühner.

Der Farinho wird auch aus Mais gemacht. Dazu werden die Maiskörner, nachdem sie aufgeweicht wurden, von den Kleien befreit, dann getrocknet, in einer Stampfmühle gequetscht, ferner gewaschen, geröstet u. s. w. Solcher Farinho ist in jener Gegend ebenfalls unentbehrlich.

Für den Reis, dessen Halm und Fruchtschale dem Gerstenhalm und dem Gerstenkorn ziemlich gleich sieht, muß zuerst das Land vom Gehölz und Gras ganz befreit werden. Beim Setzen desselben legt man in Löcher, welche 1 Fuß von einander entfernt sein müssen, etwa 15–18 Körner und bedeckt sie leicht. Das Reisland muß immer ganz rein gehalten und deßhalb 3–4 mal durchgehackt werden. Die Ernte des Reises fällt in das Ende des April oder in den Anfang des Mai. Das Dreschen wird sogleich nach der Ernte vorgenommen und dadurch vollzogen, daß man die noch an den Halmen befindlichen Aehren auf einen harten Körper schlägt. Aus der Schale gestampft (gesockt) wird der Kern gewöhnlich erst unmittelbar vor dem Gebrauche desselben.

Die Kürbisse pflanzt man gleichzeitig mit dem Mais und zwischen denselben. Zur Ernte paßt für sie auch die nämliche Zeit, wie für den Mais. Eine zarte Art derselben mit etwas platter Form, Morangen genannt, gibt ein ziemlich gutes Gemüse ab; die übrigen gibt man den Hausthieren.

Für die Cara muß man einen Ort wählen, wo eine Raubameisenart, wenn ich nicht irre, Tanajura genannt, gewöhnlich nicht vorkömmt, weil diese sonst das zarte Kraut dieser Erd- oder Knollenfrucht abbeißt und damit die Frucht selbst zu Grunde richtet. Stücke von Cara, ähnlich wie man Kartoffelstücke behufs der Pflanzungen macht, werden in zusammengezogene ziemlich große, lockere Erdhaufen gesetzt, in welchen sich dann bis im Juni Knollen von der Größe ziemlich großer [16] Kohlrüben (Bodenkohlrabi) bilden. Läßt man sie aber 1–2 Jahre im Boden, wie es die Sitienbauern zuweilen zu thun pflegen, so soll die Cara sehr groß und bis 30 und noch mehr Pfund schwer werden. Sie kann ähnlich der Kartoffel gekocht und genossen werden; die besten Dienste leistet sie aber, wenn sie auf einem Reibeisen zerrieben und dann in den Brotteig geknetet wird, indem ihre Zähigkeit und Schleimigkeit den sehr kurzen Maisteig etwas verlängert.

Die Bohnen gedeihen im gewöhnlichen Pflanzland oder auch im Kaffee, wenn dieser nicht zu alt und nicht zu groß ist. In gutem Boden werden sie im Jahre 2–3 mal reif. Es ist eine ziemlich kleine, dunkelrothe Bohne, die auf niedern, gebüschartigen Stauden wächst.

Mandiocca pflanzt man in der Regel in der Nähe der Wohnungen. Diese Frucht besteht in Wurzeln, die, je nach dem man sie kürzere oder längere Zeit, d. h. 8 Monate bis 2 Jahre, im Boden läßt, eine Länge von 6 Zoll bis 1 oder 1½ Fuß und einen Durchmesser von 1 bis 3 oder 4 Zoll erreichen können[3]. Es gibt an einem Stocke 4, 6, ja bis 8 größere oder kleinere Wurzeln. Der holzartige Stengel oder Stamm wird 4–6 Fuß hoch und treibt Aestchen mit ziemlich großen Blättern. Da diese Wurzeln schon 2–3 Tage nach dem Ausgraben schlecht und ungenießbar sind, werden sie nicht in Vorräthen, sondern unmittelbar vor ihrer Zubereitung ausgegraben. Legt man an die Stelle der ausgegrabenen Wurzeln sogleich ein etwa 3 Zoll langes Stück von dem dickern und holzigern Theil des Stammes, welcher sonst zu nichts zu gebrauchen ist, so kann man, soferne es nicht am nöthigen Land mangelt (sie sollten völlig so weit auseinanderstehen als der Mais), es dahin bringen, daß man im größern Theile des Jahres solche Wurzeln haben kann; nur von Ende Dezember bis Anfangs März sind sie gewöhnlich nicht gut. Sie lassen sich auf verschiedene Weise, ähnlich [17] wie die Kartoffeln, benützen; auch ihr Geschmack ähnelt demjenigen der Kartoffeln ziemlich stark. Aus diesen Wurzeln wird auch das sogenannte Mandioccamehl verfertigt. Es erfordert dazu fast die gleiche Arbeit, wie wenn man Stärke aus Kartoffeln gewinnen will, nur daß die trocknende Masse häufig mit den Händen gerieben werden muß, damit sie sich nicht in Stücke, sondern in feines Mehl formire.

Die Bataten werden am passendsten einer ganz süßen Rübe verglichen und erheischen auch eine derselben ähnliche Behandlung. In Vorräthen ausgemacht würden sie aber auch schlecht werden. Dieses ist auch der Fall bei den Margaridli, die im Uebrigen ziemlich die nämliche Behandlung erfordern, wie die Kartoffeln. Rings um den harten, rübenartigen Samen dieses Gewächses, den man mehrere Jahre nach einander setzen kann, wachsen 100–200 Knöllchen von der Größe eines kleinen Kirschensteines bis einer kleinen Baumnuß, alle durch feine Würzelchen mit einander verbunden. Die Benützungsweise dieser Frucht, sowie auch ihr Geschmack kommen demjenigen der Kartoffeln ziemlich gleich, nur mit dem Unterschiede, daß man auch ihr Kraut, welches dem Spinat gleich schmeckt, 2–3 mal großentheils abschneiden und genießen kann.

Was die Kraut- und Kohlgewächse anbetrifft, so kann man von einigen wegen dem fortwährenden Triebe der Natur keinen Samen ziehen. Diese Sorten werden theils durch Absenker, theils aus solchem Samen gepflanzt, der frisch aus Ländern der gemäßigten Zonen gekommen ist.

Kartoffeln soll es an manchen Orten geben; in Ybicaba aber kommen sie hauptsächlich wegen den oben genannten Ameisen nicht fort, und die europäischen Getreidearten (Weizen, Korn, Roggen, Gerste, Haber) gedeihen ebenfalls nicht. Mit Roggen gemachte Versuche sollen ungeheure Halme, aber fast oder gar keine Aehren zu Tage gefördert haben.

Hiesige Obstsorten hat man auch nicht. An der Stelle derselben sind aber die sehr schmack- und nahrhaften Bananen, die saftigen Orangen, auch Ananas und Feigen vorhanden. [18] Als Eigenthum besitzen aber die Kolonisten meistens nur Bananen. Feigen ausgenommen, lassen sich keine von diesen Früchten dörren; ebenso kann man auch keinen Most aus denselben gewinnen. Trauben gedeihen auch nicht recht; es fehlt deßhalb am Wein, ausgenommen an solchem, der aus fremden Ländern geholt und meistens sehr verfälscht wird.

Manches von dem, was man hier nicht entbehren zu können glaubt, mangelt also jenem Lande. Was ihm aber an Derartigem abgeht, das wird ihm durch Anderes reichlich ersetzt. Außer den schon genannten Früchten müssen folgende Produkte noch besonders genannt werden: Kaffee, Zucker, Taback, Baumwolle, Seide, Indigo und Thee, alles Artikel, die sehr rentabel wären, wenn der Eingewanderte sich frei damit befassen könnte, und wenn dem Arbeiter der Ertrag seiner Arbeit zu gute käme. Ueber alle diese Produkte etwas Weiteres zu sagen, würde theils zu weit führen, theils fehlen mir auch die genannten Kenntnisse davon. Ueber die Kaffeepflanzung hingegen muß noch etwas Näheres mitgetheilt werden.

Um einen Kaffeeberg anzulegen, sind außer dem geeigneten, wie man dort sagt, urbarisirten Lande noch Setzlinge nöthig, die in einem etwas verdünnten Walde aus reifen Kaffebohnen gezogen und, nachdem sie eine ordentliche Größe erreicht haben, ausgezogen und etwa einen Fuß über der Wurzel abgeschnitten werden. Soll die Anlage schön werden, so sind die so zugerüsteten Bäume in geraden Reihen und in Zwischenräumen von mindestens 12 Fuß zu versetzen. Bei guter Behandlung solcher Kaffeebäume, die im fleißigen Abhacken des zwischen den Bäumen aufwachsenden Gesträuches und Grases und im Hinzuziehen desselben auf die Wurzel der Bäume besteht, können sie mit dem 4ten Jahre anfangen, Frucht zu tragen. Am ertragreichsten sind sie vom 6ten oder 8ten bis zum 12ten oder 15ten Jahre, in welchem Alter sie eine Höhe von höchstens 12 Fuß erreichen. Von dem bezeichneten Jahre an nimmt ihre Fruchtbarkeit ab. Doch auch in ihrer besten Zeit tragen sie nur je das zweite Jahr recht gut, und [19] zwar ist der Unterschied zwischen einem guten und schlechten Kaffeejahr sehr groß. Eine der ältesten deutschen, fleißigen Familien in Ybicaba hat z. B. von den ganz gleichen Bäumen, von welchen sie im Jahre 1854 1450 Alqueiren[4] Kaffee pflückte, im Jahre 1855 nicht viel über 170 Alqueiren erhalten. Mag auch die Differenz nicht überall und nicht immer so groß sein, so ist sie doch eine große, und ich glaube nach Allem, was ich gehört und selbst beobachtet habe, nicht zu viel zu thun, wenn ich sage, daß der gleiche Baum in einem geringen Kaffeejahre kaum einen Viertheil so viel trage, als in einem guten. Arbeit erfordert der Kaffee ziemlich viel. Sind die Bäume nicht zu enge in einander gesetzt, so trifft es auf einen jeden einen Raum von 144 ☐′. Das in diesen Räumen stehende Gehölz und Gras sollte nun alljährlich mindestens 3 mal umgehackt, überhaupt die ganze Pflanzung möglichst rein gehalten, auch das Gras und Gesträuch an die Bäume hingezogen und mit etwas Erde bedeckt werden. Das erstmalige Durchhacken beginnt unmittelbar nach Beendigung des Kaffeepflückens und nach der Bestellung der Pflanzfelder und erfordert starke Anstrengung und lange Zeit, weil seit dem letztvorausgegangenen Reinigen des Kaffee’s (während der 4–6 Monate dauernden Pflückzeit und während dem Anpflanzen) ein oft mehr als mannshohes Gras und Gehölz aufgewachsen ist, und weil eine arbeitsfähige Person (etwa vom 14ten Jahre an) ungefähr 1000 Bäume, also bei richtiger Distanz der Bäume einen Flächenraum von 144,000 ☐′ zu reinigen hat. Das zweitmalige Hacken folgt möglichst schnell dem Reiniger der Pflanzfelder (Mais, Reis etc.), und das drittmalige wird, je nachdem man es dann voreinander richten kann, entweder vor, während oder nach den oben beschriebenen Erntegeschäften vorgenommen. Bei manchen Kolonisten fällt das zweit- und drittmalige Hacken in eines zusammen, aber zum Nachtheil [20] des Kaffees. Unmittelbar vor dem Beginne des Kaffeepflückens, der gewöhnlich Ende Mai oder Anfang Juni stattfindet, müssen noch die Plätze unter allen Bäumen mit Krücken rein gemacht werden, damit derjenige Kaffe, der vor dem Pflücken von den Bäumen fällt, nicht verloren geht.

Der nun nöthigen Beschreibung des Pflückens muß noch eine kurze Beschreibung des Kaffees, wie er am Baume aussieht, vorausgehen.

Der Kaffeebaum wird, wie schon gesagt, höchstens 12 Fuß hoch und ist von unten an astreich. Einer der größern Bäume kann, wenn er tüchtig geladen ist, und wenn die Kaffeebohnen noch voll, nicht dürr und zusammengeschrumpft sind, 1 Alqueire und noch mehr Kaffee in der Hülse liefern; wenn man aber durchschnittlich vom Baum ½ Alqueire bekömmt, so ist es viel; es erfordert dazu schöne, gesunde Bäume. Eine reife Kaffebohne sieht einer schönen, braunrothen, mittelgroßen Kirsche ganz gleich, nur daß sie einen ganz kurzen Stiel hat. 2 Kaffeebohnen, wie man sie hier sieht, befinden sich in einer saftigen, doch zähen, ziemlich dicken Hülse von der bezeichneten Farbe und Größe. Fällt aber, nachdem der Kaffee diese Reife erhalten hat, ein tüchtiges, einige Tage lang andauerndes Regenwetter ein (und das ist zuweilen beim Beginne der Pflückzeit der Fall): so fließt der Saft aus der Hülse, und diese schrumpft in eine dünne schwarze Haut zusammen. 3 solcher dürren Bohnen nehmen keinen größeren Raum ein, als wie 2 volle. Da der Kolonist, wie später gezeigt werden wird, nicht die Hälfte des ganzen Reinertrages erhält, wie es vertragsgemäß wäre, sondern sich sein Verdienst nach der Anzahl der von ihm gepflückten Alqueiren Kaffee richtet: so ist es also ein bedeutender Nachtheil des Kolonisten, wenn er den Kaffee erst im dürren Zustande pflücken muß. Diesem Nachtheil könnte ausgewichen werden, wenn der Kaffee gleichmäßig reif würde, wie es z. B. in der Umgegend von Rio de Janeiro der Fall sein soll. Dort, wo das Klima mit seiner durchschnittlich größern und gleichmäßigeren Wärme dem Kaffee zuträglicher [21] ist, als auf den Kolonieen, von denen ich spreche, soll derselbe gleichzeitig reif werden, so daß man rasch fortpflücken (Ast für Ast abstreifen) könne, und eine Person im Stande sei, 10 Alqueiren zum Tag zu pflücken. Hier (auf den fraglichen Kolonieen) finden sich zuweilen Blüthen, grüne, rothe und schwarze Bohnen an einem Aste, so daß man gar oft den reifen Kaffee aus dem unreifen auslesen und immerhin die ganze Ernte unter 2–3 Malen vollenden muß, wobei man denn in der Regel auch sehr zufrieden sein muß, wenn man zum Tag 3–4 Alqueiren zu sammeln vermag. Es wird hier auch vom Neger kein größeres Quantum verlangt, während man bei Rio die 10 Alqueiren fordert.

Um noch mehr vom Pflücken zu sagen, so hat man dazu außer fleißigen, gewandten Händen und Fingern noch folgende Gegenstände nöthig: Kaffeetücher (grobe Tücher von ungefähr 4½ Ellen Länge und 3¼ Breite), Kaffeesiebe, Körbe, die 1–1½ Alqueiren halten, und Stören (Rohrgeflechte in der Größe von 40–60□′). Die Kaffeetücher werden unter die Kaffeebäume gelegt, damit sie den abgelösten Kaffee auffangen. Von den Tüchern wird der Kaffee auf die Siebe genommen und mit denselben von Laub und leichtem Gehölz befreit. Auf andern Tüchern wird der Kaffee dann erlesen, d. h. unreife Bohnen, die sich unter die reifen gemengt haben, auch allfällige Erdknollen oder Steine[5] müssen daraus geworfen werden. Von diesen Tüchern kommt der Kaffee in die Körbe und in diesen wird er auf die Stören getragen, welche schon an einem Fahrwege auf einem möglichst ebenen Platze ausgebreitet liegen müssen. Die bisherigen Arbeiten hat der Kolonist allein zu machen. Bei dem Messen und Laden des Kaffee’s, das wöchentlich 1–2 mal, zuweilen aber auch nicht allwöchentlich erfolgt, hilft [22] ihm ein Mitglied der Direktion, indem dasselbe die gefüllten Alqueiren abstreicht, zählt und aufschreibt. Das Wegführen des Kaffee’s geschieht durch Neger, die zu diesem Zwecke von Ochsen gezogene, 2rädrige, 50–60 Alqueiren haltende Karren mitbringen, lieber aber nicht mehr denn 30 Alqueiren laden. Die nun folgende Präparation des Kaffee’s, nämlich: das Dörren, Enthülsen, Sortieren u. s. w., wird theils durch die Hände der Neger, theils durch eine auch von Negern geleitete künstliche Maschine vollzogen, und der Kolonist hat sich dafür bei der Rechnung für je 3 seiner Alqueiren Kaffee, welche 1 Arrobe[6] Gewicht geben sollen, 400 Reis[7] von seinem Verdienst abziehen zu lassen. Weiteres über diesen und über andere bereits angeregte Punkte folgt später; vorher aber scheinen mir noch etwelche Erörterungen über andere Verhältnisse nothwendig.

Einigen vorausgegangenen Stellen dieser Beschreibung kann entnommen werden, daß Brasilien kein ebenes oder flaches, sondern vielmehr ein hügeliges und selbst bergiges Land ist. Und dieses ist es, so weit ich es kennen lernte, in ziemlichem Grade. Schon bald hinter Santos, wo der nach der Provinz St. Paulo bestimmte Kolonist gewöhnlich die neue Welt betritt, erhebt sich ein steiles Küstengebirg bis zu der Höhe von ungefähr 2000 Fuß. Obschon nun von da an die Flüsse nicht den kurzen südöstlichen, sondern den langen Weg nach dem Parana nehmen und erst durch diesen dem Meere zueilen, ist doch das Land hinter diesem Gebirge kein tiefes Flachland, sondern im Ganzen vielmehr ein hügeliges Hochland, das bedeutend größere Höhen aufweist, als das Küstengebirg. Diese Höhen gewähren an manchen Orten einen eigenthümlichen Anblick. Anstatt daß sie sich in Reihen [23] befinden und gleichsam Gebirgsketten bilden, stehen sie da wie hingesäet. Die zwischen ihnen liegenden Thäler, die mitunter selbst zu bedeutender Höhe ansteigen, winden sich nach allen möglichen Richtungen, wie ich es in Europa nirgends gesehen habe. In solchen Gegenden findet sich hauptsächlich der üppigste Urwald. In größerer oder kleinerer Entfernung von solchen Bergpartieen trifft man mitunter auch ziemlich große Flächen an, und da schaut man sich umsonst nach dem dunkeln Walde und nach den sonstigen üppigen Gewächsen eines starktreibenden Bodens um. Nur mageres Gras und Gesträuch bedeckt da die dürre Erde.

Die Straßen von Brasilien sind mit Ausnahme weniger kleiner Strecken sehr schlecht. Fast überall fehlt es am nöthigen Straßenschutt oder Kies. Sie bestehen also nur aus aufgegrabener Erde und werden in der trockenen Zeit durch die sehr vielen Maulthiere, die täglich darüber hin- und hermarschiren, an vielen Orten voll tiefer Löcher und in der Regenzeit von Koth und Wasser so angefüllt, daß die Thiere bis an den Bauch darin waten und, während sie auf drei Füßen stehen, mit dem vierten einen festen Standpunkt suchen müssen. An solchen Stellen ist es am sichersten, dem Thiere ganz freien Zügel zu lassen; es findet am sichersten den bestmöglichen Weg. Bei der oben beschriebenen eigenthümichen Gestaltung der Berge und der dadurch bedingten verschiedenartigsten Windung der Thäler ziehen die Straßen in solchen Gegenden in möglichst gerader Richtung nach dem Ziele hin, steigen also oft ganz steil bergauf und bergab, und an solchen Orten befinden sich manchmal längs durch die Straßen 3, 4 und noch mehr Fuß tiefe und eben so breite Wasserrinnen, die in der Regenzeit entstanden sind. An die Ausbesserung solcher Straßen denkt man im Innern von Brasilien noch nicht. Es ist sogar der Fall, daß, wenn ein großer Baum vom Wind quer über die Straße geworfen wird, man ihn ruhig liegen und die Maulthiere einen Umweg durch das Dickicht machen läßt. Selbst in den Städten des Landes finden sich zuweilen ziemlich tiefe Löcher und Gräben und [24] nahe an den Hauptstraßen wild wachsende Gesträuche und Gebüsche.

Daß man an diesen Straßen keine Wirths- und Gasthäuser antrifft, wie man sie in Europa hat, wird sich Jeder zum Voraus denken. In den größern Städten zwar kann der Reisende ein ordentliches Logis, doch aber lange nicht die Bequemlichkeit finden, welche hier zu Land fast jedes Landwirtshaus bietet. Solche Städte sind aber nur sehr wenige, auf der mindestens 50 Stunden langen Strecke von Santos bis Ybicaba z. B. nur 3, Santos mitgezählt. Außerhalb dieser Städte trifft man auf der genannten Strecke nur etwa 5 oder 6 ein wenig besser eingerichtete Venden (Wirthshäuser) an; die übrigen Venden, die sich überdies oft nur alle 2 Stunden einstellen, sind durchgängig erbärmliche Baracken, in denen die Wanderer nur dann etwas Warmes zu essen bekommen können, wenn sie zur Essenszeit der Wirthsleute eintreffen, und wenn ihrer nicht viele sind. Diesen letzten Fall vorausgesetzt ist es in einer solchen Vende auch möglich, in einer eigenen Abtheilung derselben (Quart genannt) entweder auf der bloßen Erde, oder auf bloßen Brettern, im besten Falle auf einer Strohmatte zu liegen. Größere Gesellschaften müssen ihre Speisen mit sich führen und außerhalb dieser Venden vorlieb nehmen. Für solche Karavanen befindet sich neben der Vende ein sogenanntes Rancho, d. i. ein meistens bloß auf Säulen ruhendes Dach; einige wenige trifft man auch, die dicke Erdwände haben, so daß sie gegen Wind und Regen Schutz bieten, soferne die Dächer gut sind. Ein hölzerner Fußboden oder sonst Etwas zur Bequemlichkeit wird aber auch da vergebens gesucht. In diesen Ranchos stellen die Truppiers bei Beendigung eines Tagmarsches ihre Kaufmannswaaren und die Sättel der Thiere hin (Alles wird von den Thieren getragen) und kochen, essen und schlafen da[s 1] neben denselben. Die Thiere werden auf den Pasto (Weideplatz) getrieben, der sich gewöhnlich dabei befindet. Diese Truppiers befördern in Brasilien allen Transit, soweit dies nicht über Wasser geschehen kann. Ein Truppier leitet und [25] beaufsichtigt 12 Maulthiere (eine Lotte), von denen 10 oder 11 belastet sind; die übrigen gehen als Reserve oder Reitthier des Truppiers mit. Ist die Truppe groß, so besteht sie aus vielen (10, 12, 15) solcher Lotten. Einer der Führer ist der Obertruppier.

Die Städte Brasiliens sind, so weit ich sie kennen lernte, hinsichtlich der Straßenrichtungen und der öffentlichen Plätze nach einem regelmäßigen Plane gebaut. Was aber die Häuser anbetrifft, so gibt es selbst in den größten Städten noch manche, die aus einem Flechtwerk von Holz und Rohr mit einer Ausfüllung von gewöhnlicher Erde bestehen; andere haben dicke, aus bloßer zusammengeschlagener Erde bestehende Wände; in den größten Städten gibt es auch steinerne Häuser. In den Städten sowohl als auf dem Lande gibt es noch gar viele einstöckige Wohnungen; in Rio de Janeiro sah ich dagegen auch 3 und 4 stöckige Privatgebäude, welche, da jeder Stock gewöhnlich mindestens 15′ Höhe hat, über die an manchen Orten nahe dabei stehenden 1 stöckigen sehr hoch hinausragen. Gepflasterte Straßen sah ich in den kleinern Landstädten keine, wohl aber, wie schon gesagt, Löcher, Gräben und Gebüsche. Brunnen befinden sich in den kleinern Städten nicht; das Wasser wird in den größern oder kleinern Flüssen, an welche jene gebaut sind, geholt; in diesen wird bei Ermanglung der Brunnen- oder Waschtröge auch gewaschen. Solcher Flüsse hat es in Brasilien viele, und oft findet man in den Seiten der Flußbetten auch Quellen. Das Wasser dieser Quellen kömmt dem selbst sich in der Hitze befindenden Bewohner Brasiliens ziemlich kühl vor; ich habe aber ein paar Male das 80theilige Thermometer in eine der kühlern Quellen gestellt und das eine Mal 18°, das ander Mal 20° Wärme gefunden. An vielen Orten hat das Wasser einen süßlichen Erdgeschmack; an andern Orten ist es davon frei. Ungesund soll es nirgends sein; den Wasserkuren ist der Brasilianer aber feind.

Um endlich die Wohnungen der Kolonisten näher zu schildern, will ich eine Beschreibung der Häuser von Ybicaba, dieser Vergueiroschen Musterkolonie, geben.

[26] Die Anlage von Ybicaba ist, was den neuen Theil dieser Kolonie betrifft, ziemlich schön und regelmäßig. Ein großer viereckiger Platz wird auf 3 Seiten von schönen, durch gerade Straßen begrenzten Quadraten, auf der vierten Seite von einem Bächlein (an dem von Vielen das Quellwasser geholt und auch gewaschen werden muß) umgeben. Ein solches Quadrat hält ungefähr 107904[b 1] ☐′ und ist in 16 gleich große Theile so vertheilt, daß jeder an eine Straße stößt, und daß zugleich jede Straße die Grenze von einigen Theilen bildet. Jeder solche Theil mißt 6744 ☐′ und ist für eine Familie bestimmt; auf jeden Theil kömmt also auch eine Wohnung zu stehen, und zwar dicht an die daran liegende Straße. Die Wohnung hat eine Länge von 30′, eine Breite von 25′ und eine Höhe von ungefähr 12′. Bei ihrem Aufbau werden zuerst 9 sogenannte Ständer, das sind gerade oder krumme, etwas behauene oder unbehauene Balken, aufgerichtet und dadurch festgemacht, daß man sie in ungefähr 3′ tiefe Löcher hineinstellt und die Erde ringsum fest anklopft. 4 solche Ständer stehen in den 4 Ecken, 4 in der Mitte der Seiten und einer in der Mitte der Wohnung als Stützpunkt für den Giebelfirst. 4 waagerecht liegende Balken verbinden oben auf höchst einfache Weise die Ecken- und Seitenständer, und noch 8 andere, die sich von einem Ständer bis zum andern erstrecken, kommen unten als Schwellen in der Höhe zu liegen, die der Fußboden erhalten soll. Nach dieser Arbeit befestigt man gewöhnlich 1–2½’ unter den Wandfirsten eine Palmitenlatte, an welche dann diejenigen Palmitenlatten angebunden werden, welche in Zwischenräumen von 3–4 Zoll auf die Schwellen zu stehen kommen und bis an das Dach reichen. Als Bindemittel dient das oben (bei der Beschreibung der Wälder) genannte Cibo, das auch dazu gebraucht wird, die am gleichen Orte beschriebenen Rohre in ungefähr gleich großen Entfernungen und in horizontaler Richtung in- und auswendig an die angebundenen Palmitenlatten auf gleiche Weise zu befestigen. Um die dadurch entstandenen kleinen, viereckigen Löcher auszufüllen, wird in- oder außerhalb [27] der Wohnung eine Masse Erde aufgegraben, diese mit Wasser übergossen, mit den Füßen geknetet und so zu einem Teig gemacht, aus welchem dann Klötze formirt werden, welche in die Löcher hineinpassen. Sind die so entstandenen Wände noch ein wenig mit der Hand überstrichen; befinden sich in der der Straße zugekehrten Wand eine Hausthüre mit Schloß und zu jeder Seite derselben ein großes Fensterloch mit Laden, aber ohne Glasausfüllung (Fenster); ruht endlich auf diesem Haus ein Ziegeldach, das bei einigen Wohnungen gut, bei andern aber auch so schlecht ist, daß man Betten und andere Gegenstände bei starken Regenwettern oft naß werden lassen, ja sogar in andern Häusern Schutz suchen und für das viele Wasser aus dem Hause hinaus einen Abzugsgraben machen muß etc.; wenn die Wohnung sich in dem beschriebenen Zustande befindet: so ist sie so weit fertig, als Herr Vergueiro sie herstellt. Wenn Gras, Gesträuche, bis an das Dach hinauf reichende Zweige oder, wie wenigstens an einem Orte, auch noch unentwurzelte große Stöcke in der Wohnung sich befinden: so muß sie der Kolonist selbst entfernen. Er muß auch die Erde ausgraben, ausebnen, festschlagen und so den Fußboden herstellen. Andere ihm ebenfalls zufallende Arbeiten bestehen in der Herstellung eines Feuerherdes, eines in allen Kolonistenhäusern nothwendigen Backofens, in der Anschaffung irgend welcher Gegenstände, welche als Tisch, Stühle und Bettstellen dienen. Will der Kolonist nach und nach etwas bequemer wohnen, so ist eine weitere Arbeit für ihn die Abtheilung der ganzen Wohnung in 2–4 Zimmer durch Aufstellung von Zwischenwänden, in der Bedeckung eines oder mehrerer Zimmer mittelst Palmitenlatten und Erde. Bisher mußte der Kolonist auch oft kleinere oder größere Theile der Wände, deren Ausfüllung bei den fürchterlichen Regenwettern natürlich bald herunterfällt, ausbessern und herstellen, und zwar, wenn der betreffende Theil nicht groß war, ohne Bezahlung dafür zu erhalten. Die Umzäunung seines bei der Wohnung befindlichen Bodens, die Herrichtung von irgend welchen Ställen, Gemüse- und Bananengarten etc. fällt natürlich auch ihm zu.

[28] So sehen die Wohnungen und Heimwesen in dem neuen Theile von Ybicaba aus; auf der alten Kolonie befinden sich in die 40 Wohnungen in einem langen zusammenhängenden Gebäude, das durch das oben genannte Bächlein von der neuen Kolonie getrennt ist und eine entferntere Grenze des großen viereckigen Platzes an dessen vierter Seite bildet. Nach der andern Seite zieht sich eine lange Reihe einzeln stehender Häuser bis in die Nähe der Fazenda (die Wohnung des Herrn mit den für das ganze Geschäft nöthigen Nebengebäuden, als Waarenlager, Kaufläden, Reinigungsmaschine für den Kaffe, Schreinerei, Wagnerei, Schmiedewerkstätte etc. etc.). Diese lange Reihe ist durch ein zweites Bächlein in 2 Theile getheilt, und zwar wird der der Fazenda nähere Theil hauptsächlich von portugiesischen, der andere hingegen, so wie auch die neue und alte Kolonie hauptsächlich von schweizerischen, deutschen, thüringischen und holsteinischen Kolonisten bewohnt. (Auf diese Weise werden sie gewöhnlich von einander unterschieden.) Zwischen dem äußersten Theile der portugiesischen Wohnungen und der Fazenda befindet sich ein drittes Bächlein mit zwei schönen Weihern.

Der vorausgehenden Erläuterungen sind zwar schon sehr viele; bevor ich es aber versuche, die Behandlung der Kolonisten darzustellen, muß ich noch einiges Weitere sagen über die brasilianische Bevölkerung, mit welcher der Kolonist in Verkehr kömmt, sowie auch über einige brasilianische Thiere, die ihn umgeben.

Was die brasilianische Bevölkerung anbetrifft, so muß vor Allem bemerkt werden, daß sie im Verhältniß zu der ungeheuern Ausdehnung des Reiches sehr klein ist. Der Umfang von Brasilien soll mehr als ¾ von ganz Europa ausmachen (130,000 Quadratmeilen), seine Einwohnerzahl aber nicht gar viel über 6 Millionen steigen.

So klein aber die Zahl der Bevölkerung auch ist, so groß ist diejenige der Menschenracen. Bekanntlich waren die Indianer oder Wilden die Ureinwohner. Diese wurden [29] von der Ostküste immer weiter zurückgedrängt von den Portugiesen, die sich nun als die eigentlichen Brasilianer ansehen. Diese haben die Zahl der Einwohner zum mindesten verdoppelt, vielleicht verdreifacht durch die Einführung der schwarzen Afrikaner, die sie zu ihren Sklaven machten. Aus verschiedenen Gründen sind sonst noch Leute aus gar vielen Ländern dahingezogen; in den Küstenstädten besonders ist fast jede Nation der Erde vertreten. Schon deßhalb, besonders aber in Folge aller möglichen Vermischungen der Genannten und deren Kinder hat sich die brasilianische Bevölkerung so verschiedenartig gestaltet, daß ich eine Beschreibung derselben tüchtigern Männern überlassen, oder meine Leser auf schon vorhandene gute Werke verweisen muß. Im Innern jedoch, wenigstens in dem Theile, wo ich war, herrscht nicht eine so große Verschiedenartigkeit. Dort ist der Brasilianer im Ganzen von ziemlich großer Statur, hat eine schwere, ziemlich dunkle Farbe, schwarze nicht große Augen und eben so gefärbte lange Haare. Beim zufälligen Zusammentreffen zeigt er viele Gutmüthigkeit, Dienstfertigkeit und Gastfreundschaft. (Diese Letztere ist übrigens, vorausgesetzt, daß der Wanderer oder Gast nicht total zu Grunde gehen soll, in vielen Fällen unumgänglich nöthig). Diese seine Eigenschaften haften aber nicht tief und können gar bald in die entgegengesetzten umschlagen. Bald ist sein Haß entbrannt und dieser macht sich wo möglich durch Ermordung des Gehaßten, sei es durch eigene Hand oder durch bezahlte Meuchelmörder, Luft. Viele Reiche haben zu diesem Zwecke ihre besondere Subjekte, gewöhnlich Nachkömmlinge von Indianern, an der Hand, und diese können mit grenzenlosem Leichtsinn Denjenigen morgen aus einem Verstecke heraus erschießen oder unversehens mit einer Faca (ein mehr als 1 Fuß langes zweischneidiges Messer) durchbohren, dessen bester Freund sie heute noch sind, soferne sie dazu Auftrag und Aussicht auf einige Milreis erhalten haben. Noch nach vielen Jahren kann der einst mit oder ohne gerechten Grund Beleidigte auf den Anlaß passen, seine Rache auszuüben. Der Umstand, daß fast kein [30] Brasilianer, ohne tüchtig bewaffnet zu sein, irgend wo hinreist, sowie die auf Mordstätten aufgerichteten Kreuze, deren man auf einer Tagreise 5, 10 und noch mehr treffen kann, bestätigen diese Angaben, über welche man Mittheiligungen und Erzählungen zur Genüge vernimmt. Von Mordthaten aus Diebssinn oder Raubgier habe ich wenig vernommen; dagegen mögen viele Morde ihren Grund in der Hurerei und im Ehebruch haben. Diese Laster, welche durch die Ueppigkeit eines tropischen Klimas, durch die ganze Lebensweise des Brasilianers, durch den vielfach vorkommenden Müßiggang, durch die fast gänzliche Unwissenheit in religiösen Dingen und durch das Beispiel der geistlichen Führer begünstigt werden, gehen gar sehr im Schwange. Ein Frauenzimmer, das auf einer Straße ohne männlichen Begleiter sich befindet, soll als eine Hure angeschaut und behandelt werden. Wie streng oder wie lax die Gesetze über solche Vergehen sind, kann ich nicht sagen; aber das soll richtig sein, daß Mörder nach Verübung einer Mordthat nur in eine etwas entfernte Gegend hinfliehen und dort sich aufhalten oder nach ihrer Rückkunft etwa eine Kapelle zu Ehren eines Heiligen herstellen müssen, um das Schwert der Obrigkeit von sich abzuhalten. Was sie zu fürchten haben, ist die blutige Rache eines Verwandten des von ihnen Gemordeten. Diebstähle kommen wenig vor; mit der Treue im Halten eines Versprechens ist es nicht weit her; der eigene Vortheil entscheidet da. In den Städten, auch in den kleinen Landstädten, sind verhältnißmäßig viele Handlungshäuser, so daß man sich zu der Frage versucht fühlt, woher die Käufer kommen werden. Die Reichen, sowohl in den Städten als auf den Landgütern (Sitien) haben ihre vielen schwarzen Sklaven, durch die sie, soferne sie nicht auch Kolonisten haben, alle ihre Arbeiten verrichten und sich bis auf’s Kleinste bedienen lassen. Die kleinen Sitienbesitzer, welche keine Sklaven vermögen, bringen es auf ihren Sitzen mit leichter Mühe dahin, ihr einförmiges Leben zu fristen. Den Armen wie den Reichen (nur nicht den Sklaven und Kolonisten) bleibt viele Zeit [31] zum trägen Herumgaffen, zum Herumreisen, zu Gastmählern, die sie veranstalten, zum Spielen und was damit läuft, und wenn sie Etwas arbeiten, so zeigen sie sich ziemlich langsam und unbeholfen. Daß es in Bezug auf Kirchen und Schulen schlimm aussehe, ist wohl kaum mehr nöthig zu sagen; die oben genannten Erscheinungen beweisen es. In den Städten gibt es zwar Schulen; sie richten aber wenig aus. Reich ausgeschmückte Kirchen sind auch vorhanden; der ganze Gottesdienst besteht aber, wenigsten in den kleinern Städten, in nicht viel Anderm, als in rauschender Instrumentalmusik, in einer stillen Messe, in einem todten Ceremoniell und in der Verwaltung der heiligen Sakramente nach dem römisch-katholischen Ritus. Konfirmandenunterricht soll nicht ertheilt werden, und nach dem Urtheile sachkundiger Männer sollen die Pfarrer meistens eben so dumm sein als schlecht, besonders in Absicht auf die Keuschheit.

Die schwarzen Bewohner Brasiliens, die Neger, sind im Ganzen schön und kräftig gebaut. Würde ihre ihnen angeborene Unterwürfigkeit unter die Weißen, der Fluch Noahs über Ham, sie nicht im Zaume halten, so würden sie bei ihrer großen Zahl sich leicht an ihren herzlosen Käufern und Bedrückern rächen können. Meines Wissens ist aber bisher solches im Großen nicht vorgekommen.

Das Loos dieser Schwarzen ist allerdings ein trauriges. Sie wissen, daß sie geraubt sind, und dieses Bewußtsein muß ihnen die Schläge und die sonstige erbärmliche Behandlung, die ihnen bei vielen Herren zu Theil wird, noch mehr verbittern. Es gibt aber auch Herren, die ihre Sklaven in jeder Hinsicht recht ordentlich behandeln, so daß solche Neger es manchmal besser haben, als freie Schwarze, die selbst um Arbeit und Unterhalt sorgen müssen. Dieses ist namentlich in den großen Küstenstädten wahrzunehmen. Nicht zu vergessen ist auch das, daß viele Neger durchaus nicht recht thun, ohne tüchtig geschlagen zu werden, so daß wenn man die erste[s 2] an ihnen verübte Unthat, die Entführung und gewaltsame Unterjochung vergißt und die Sklaverei als einen [32] rechtmäßigen Zustand annimmt, ein großer Theil der ihnen zugemessenen Schläge als wohl verdient angeschaut werden muß. Brave, thätige Sklaven können ihre Arbeit oft unbeaufsichtigt verrichten und haben es auch in anderer Beziehung besser, als die übrigen.

An Arbeit wird den Sklaven meistens nicht mehr, oder nicht einmal so viel auferlegt, als ein Weißer wohl verrichten kann; dabei machen sie ihre Geschäfte meist noch sehr oberflächlich und nicht gut. Bei den Bällen, welche ihre Herren ihnen aus guten oder auch aus schlechten Gründen dann und wann veranstalten, sind sie sehr lustig[b 2] und treiben ihre afrikanischen Spiele und Tänze. An den wenigen Religionsbegriffen, die man ihnen vor ihrer unfreiwiligen Bekehrung zur römisch-katholischen Kirche beibringt, halten sie ziemlich fest und denken über die Bekenner anderer Kirchen eben so engherzig, wie ihre Lehrer, die Brasilianer, auch thun.

Ureinwohner oder heidnische Indianer sah ich keine; ich schweige deßhalb von ihnen.

Das brasilianische Klima bringt es mit sich, daß junge Kinder schnell aufwachsen, daß eine frühe Entwicklung und oft frühe Verheirathung erfolgen. Trotz dem erreichen aber Manche doch ein bedeutend hohes Alter. Personen von mehr denn 100 Jahren sollen keine große Seltenheit sein, ja es soll solche geben, die es auf 120–130 Jahre bringen. Dieser Umstand beweist, daß das Klima im innern Theile vom südlichen Brasilien kein ungesundes, sondern vielmehr ein gesundes sei. Damit ist aber nicht gesagt, daß die neu angekommenen Kolonisten, die eine große, beschwerliche Reise gemacht haben, abgemattet und schwach sind, die nun in einer völlig veränderten Luft sich befinden und ganz ungewohnte, meist schwer verdauliche Speisen genießen müssen, nicht von Krankheiten befallen werden; sie sind vielmehr Uebeln ausgesetzt, welche oft mit dem Tod enden. Dahin gehören namentlich das Schleimfieber und die Wassersucht. Andere Uebel, wie Durchfall, heftiges Jucken und Ausschlag an den Füßen, auch starke Geschwulst dieser letztern, kommen wohl noch [33] häufiger vor, als jene, bringen aber den Tod gewöhnlich nicht. Das in Nordamerika einheimische kalte Fieber kömmt in Brasilien höchst selten vor; ebenso gehören auch die Lungenkrankheiten zu den seltenen Fällen. Am meisten sollen die Wassersucht und der Durchfall heimisch sein.

Daß Brasilien eine ungeheure Zahl von schönen und angenehmen, aber auch von beschwerlichen und gefährlichen Thieren hat, ist allbekannt. Ungeheuer zahlreich kommen namentlich die Insekten vor. Dieses kann zwar von den lästigen Mosquitos, welche dem Menschen auch bei Nacht nicht Ruhe lassen, im Blick auf das Innere des südlichen Brasiliens nicht gesagt werden, wohl aber von Fliegen und Mücken mancher Art. Von diesen gibt es fürchterliche Schwärme, so daß man sich ihrer oft fast nicht zu entledigen weiß. Von den Fliegen muß namentlich die grüne Schmeißfliege genannt werden, die ihre Brut gerne in eiterige Wunden oder in die Nasenlöcher eines Schlafenden, oder bei Verrichtung der Nothdurft auch in den After legt. In den beiden letztern Fällen ist die schnelle Anwendung von starken Mitteln nöthig, wenn nicht der Tod erfolgen soll, auch in den Wunden kann diese Brut sehr schlimme Uebel erzeugen. Die giftigen Wespen sind dort auch vorhanden; sie sind aber kleiner und dunkler, als die hiesigen. Auch Bienen gibt es, und die Angabe, daß der Honig über die Bäume herunterfließe, ist nicht aus der Luft gegriffen, und gewiß müßte eine geregelte Bienenzucht ein sehr lohnendes Geschäft sein. Allein die vielen Ameisen lassen ein solches Unternehmen nicht gedeihen, und von dem über die Bäume herunterfließenden Honig ist wenig zu bekommen, und so muß der Kolonist ohne Honig bleiben, außer er mache sogenannten Zuckerhonig.

Ameisen hat es fürchterliche Massen, und zwar große und kleine, rothe und schwarze, wandernde und solche, die immer in derselben Gegend bleiben. Die großen rothen Ameisen gehören zu den schädlichsten Thieren; sie schaden hauptsächlich an den Gartengewächsen, an sonstigen zarten Pflanzen und an einigen Bäumen. Die kleinen rothen [34] Ameisen sind mehr beschwerlich als schädlich zu nennen und von Eßwaaren, namentlich den süßen und kräftigen, nicht abzuhalten. Dabei sind sie aber die besten Vertilger der oben genannten großen rothen Ameisen, indem sie diesen die Füße abbeißen. Von den übrigen Insekten dieser Art sind noch die Wander- und Strichameisen zu nennen, welche in großen Heeren weit durch das Land ziehen und alle andern Insekten, die sie auf ihrem Zuge treffen, angreifen und tödten, so daß z. B. ein Haus, welches sie besuchen, von den Baratten, Käfern u. s. w. ganz gereinigt wird, ehe sie es verlassen. – Die Baratten (den Küchenschaben, Schwabenkäfern, ähnliche Insekten), verschiedene Käferarten, große und kleine Mäuse sind auch in großer Anzahl vorhanden und als Thiere, die Alles zernagen, gehaßt und verfolgt. Ein lästiges Insekt sind auch die Sandflöhe, obschon sie kaum ¼ so groß sind, als die gewöhnlichen Flöhe. Sie bohren sich in den Fußsohlen, auch in andern Theilen des Fußes und des übrigen Körpers, besonders gerne aber um die Zehennägel herum ins Fleisch hinein und legen dort ihre Brut. Werden Floh und Brut nicht sogleich mit einem Instrument, am besten mit einer Nadel, herausgenommen, so bildet sich bald ein ganzes Nest voll Eier, und es wird endlich eine zähe Masse von der Größe eines Kirschensteines daraus. Wenn man nicht alle Abende die Füße wascht und die Sandflöhe herausmacht, so graben sich viele dieser Thiere ein, und es gibt endlich häßliche und schmerzhafte Wunden; bei gänzlicher Vernachlässigung soll der Krampf daraus entstehen und der Tod erfolgen. Durch Reinlichkeit und Fleiß können solche Wirkungen dieser Thiere verhindert werden; manchem Widerwärtigen ist jedoch nicht auszuweichen. Fleißiges Begießen des Hausbodens mit heißem Wasser und fleißiges Kehren sind bessere Vorbeugungsmittel, als das Tragen von Strümpfen und Schuhen. – Zecken, welche Menschen und Thieren in die Haut eindringen, gibt es auch; die Menschen werden jedoch selten von diesen Thieren geplagt.

Vögel mit den verschiedensten und mitunter prachtvollsten [35] Farben sind in Brasilien viele und große Schaaren. Der Colibri, der nicht viel größer ist als ein großer Schmetterling, deren Brasilien ebenfalls eine große Zahl der schönstfarbigen aufzuweisen hat, gehört sicherlich zu den niedlichsten Vögeln. Die in großen Schaaren herumfliegenden Papageien sind bekanntlich auch von sehr schöner Farbe. Ihre Stimme ist aber ein widriges Geschrei. Den reifen Kaffee und Mais lassen sie sich sehr gut schmecken; an andern Früchten, z. B. an Reis und an den Bananen schaden sie nicht so viel, als Finken, Kernbeißer und Andere. So viel und so schöne Vögel Brasilien auch hat, so wird doch das Ohr nirgends durch einen schönen Vogelgesang erquickt; beinahe überall hört man nur ein langweiliges Geschwirr. – Sehr reich ist Brasilien auch an Hennen und Enten. Von den vielen Hennen hat man aber doch wenig Eier. Nachdem sie 6, höchsten 8 oder 10 Eier gelegt haben, brüten sie Wochen lang und fangen dann erst allmälig wieder eine solche Tour an. Die Brasilianer halten auch die Hühner mehr des Fleisches als der Eier wegen. Die in Europa bekannten Hühnerfeinde, als: Habichte, Iltisse und Marder, zeigen sich in Brasilien nicht; dort ist es der Leguan, eine 2–4′ lange Eidechse, und eine Katzenart, die den Hühnern nachstellen. Noch mehr als durch diese Thiere wird das Hühnervieh aber durch eine Krankheit vermindert, die ziemlich alle Jahre eintritt und oft 3/4 oder 4/5 dieses Geflügels tödtet.

Die Jagd auf vierfüßiges Gewild ist in jener Gegend nicht sehr ergiebig; außer Wildschweinen und Gürtelthieren ist wenigstend meines Wissens von Kolonisten Nichts geschossen worden, wenn sie auch etwa an einem Sonn- oder Feiertage auf die Jagd gingen. Außer den genannten kommen in jener Gegend noch folgende wilde Thiere vor: Affen, Hasen, Ameisenbären und eine kleine Katzenart. Keine von diesen sind aber dem Menschen gefährlich; gefährlicher für ihn sind Schlangen, Skorpione und Spinnen.

Von den gefährlichen Schlangen sind es die Klapperschlangen, [36] die Korallenschlangen, die Jararaca und noch einige, deren Namen ich nicht weiß, welche noch ziemlich häufig getroffen werden und deren Biß sicher den Tod herbeiführt, wenn etwa eine größere Ader getroffen wird, hingegen durch zweckdienliche Mittel geheilt werden kann, wenn der Biß eine harthäutige, nicht blutreiche Stelle trifft. Als die zweckdienlichsten Mittel werden folgende empfohlen: das plötzliche, kräftige Aussaugen der Wunde; ferners: das feste Unterbinden des gebissenen Gliedes, um die Zirkulation des Blutes zu hindern; wieder: das Ausschneiden und Ausbrennen der Wunde. Als innerliches Mittel soll der Zuckerschnapps, in großer Menge schnell getrunken, gut sein. Bei diesem Allem ist aber doch eine gute ärztliche Behandlung in den meisten Fällen nöthig. Zum Glück sind die meisten brasilianischen Schlangen ziemlich träge und greifen selten ungereizt an, und das Beste ist, daß Gott treulich wacht und schützt. Ohne diesen Schutz müßten gewiß von den Vielen, die barfuß in großem Gras und Gesträuch herumgehen, Futter zu holen, Manche gebissen werden. So viel mir bekannt, sind von europäischen Kolonisten in jener Gegend aber nur noch wenige von diesem Unglücke betroffen worden; mehr derartige Unglücksfälle gibt es bei den Negern, die oft nur halb gekleidet in die dicken Wälder hinein gehen und dort arbeiten müssen. – Todt zu schlagen sind auch große Schlangen ziemlich leicht. Ein nicht starker Schlag mit einem dünnen, wo möglich elastischen Stabe quer auf die vordere Hälfte des Thieres bricht ihm den Rückengrath und macht es unvermögend, fortzuschießen oder weitern Schlägen, die ihm den Tod bringen, zu entfliehen.

Wie giftig die Skorpione in Brasilien sind, kann ich nicht sagen, weil mir kein Fall bekannt ist, daß Jemand gestochen wurde. Ich weiß nur, daß solche Thiere vorhanden sind und beim Kaffeepflücken gefunden werden.

Unter den Spinnen ist besonders eine große Art sehr giftig. Der Biß einer solchen erfordert ganz die gleiche Behandlung, wie derjenige einer gefährlichen Schlange. Glücklicher Weise kommen aber nicht viele solcher Spinnen vor.

[37] Das Vorhandensein von Pferden, Maulthieren, Rindvieh, Ziegen, Schafen und Schweinen erhellt großentheils aus dem Vorherigen; hier sei über diese Thiere in Kürze noch Folgendes bemerkt:

Die Zahl der Pferde ist nicht gar groß. Als Zugthiere gebraucht man sie wenig; Reitthiere zu sein, ist ihre hauptsächlichste Bestimmung. Dieses gilt jedoch nur bei nicht zu langen und nicht zu strengen Reisen; für solche sind sie in der Regel zu schwach und müssen durch Maulthiere ersetzt werden.

Maulthiere sind sehr viele vorhanden. Theilweise werden sie, wie schon gesagt, als Reitthiere benützt; größtentheils müssen sie aber die Produkte des Innern (Kaffee, Zucker, Taback etc.) nach der Küste und die im Lande nothwendigen Erzeugnisse überseeischer Länder nach dem Innern tragen. In großen Städten, z. B. in Rio de Janeiro, werden sie auch zur Beförderung von Personen mittelst Omnibussen, Kutschen und Chaisen gebraucht. Pferde und Maulthiere haben auf ihren Landreisen ihr Futter in den Pastos selbst zu suchen; am Morgen oder am Abend jedoch gibt man ihnen wo möglich auch ganze, ungeweichte Maiskörner als Kurzfutter. Wilde Pferde und Maulthiere werden in der mir bekannten Gegend nicht viele gesehen; vielleicht mögen aber viele von den jetzt zahmen einst wild im tiefern Innern von Brasilien herumgerannt sein. Das Zusammentreiben solcher wilder Thiere in den hintern Gegenden, ihre Zähmung und Verhandlung ist ein gutes Geschäft mancher Leute in Brasilien.

Rindvieh ist in jener Gegend ziemlich viel; die Fazendeiros und Sitienbauern haben desselben in ordentlicher Menge. Als Zucht- und Schlachtthiere nützen sie am meisten; der weitere Gewinn, den sie ihrem Eigenthümer bieten, ist klein. Durchschnittlich geben die Kühe sehr wenig Milch; vom Buttern weiß man in Brasilien fast nichts; Käse wird auch nur sehr wenig gemacht. Im Kaffee braucht der Brasilianer Zucker anstatt der Milch, und auch im sonstigen [38] Haushalt gebraucht er sie wenig. Das ganze Jahr durch geht das Vieh frei auf einem großen Pasto herum und sucht sich dort sein Futter selbst. Abends und Morgens kömmt es wegen den Maiskörnern, die man ihm dann gibt, nach der Wohnung seines Eigenthümers; die milchgebenden Kühe gehen noch mehr der Kälber wegen nach Haus, die man an ihnen saugen, aber nicht mit ihnen laufen läßt. So treiben es die Brasilianer mit ihrem Rindvieh, das, die meist gar großen und schweren Hörner abgerechnet, kein widriges Aussehen hat und von ziemlich schönem, mittelgroßem Schlag ist, das sich aber noch in wildem Zustand befindet, so daß zum Führen eines Ochsen oder einer Kuh 2–4 Männer erfordert werden, und daß beim Melken die Kuh nicht nur beim Kopfe angebunden, sondern ihr auch die hintern Füße fest gemacht werden müssen. Mit dem Melken ist auch noch die Unannehmlichkeit verbunden, daß man, wenn man die wenige Milch bekommen will, das Kalb, sei es groß oder klein, 2–4 mal anziehen lassen muß. – Was die Kolonisten anbetrifft, so haben sie an mehrern Orten 1, höchstens 2 Kühe und können sie gegen Bezahlung einer Grasmiethe von 6 Milreis (Fr. 16. 80 Rp.) per Stück auf einem Pasto weiden lassen. Auf der Kolonie Ybicaba, wo man auch etwas Kühe hat, befindet sich kein Pasto. Dort muß man ihnen ihm Pflanzland und im Kaffee aus dem großen, holzartigen Grase das zärtere und genießbare Futter heraussicheln und heimschleppen, was eine bedeutende Mühe verursacht. Dort muß man sie auch, wenn sie einmal nicht mehr Milch geben (und bis dahin geht es oft kaum einige Monate), schlachten und, soferne man deren wieder haben will, durch neu anzukaufende ersetzen, weil es auf dieser großen Kolonie noch nicht soweit gekommen ist, daß man einen Zuchtstier hält. – Wo möglich schauen die Kolonisten, die meistens nicht so viel Zucker vermögen, um dem Kaffee nach Art der Brasilianer kochen zu können,[8] einen Theil ihrer Milch als Kaffeemilch (dazu [39] muß aber 1 Schoppen für eine große Familie ausreichen) zu benützen; ein zweiter Theil wird zur Zubereitung sonstiger Speisen und ein dritter zum Buttern und Käsen verwendet, im Falle man diesen nicht verkauft und die Kuh gut ist. Findet dieser letzte Fall statt, so ist man im Stande, in einer Woche 1–2 Pfd. Butter und einige Käschen in der Größe von Ziegenkäsen zu machen. Butter und Käse dienen dazu, das sehr rauhe und trockene Brot „schluckiger“ zu machen. So viele Butter, um damit die Speisen bereiten zu können, läßt sich von einer Kuh nicht machen; man muß zufrieden sein, wenn sie 3–4 Monate lang so viel Milch gibt, als für obige 3 Zwecke nothwendig ist. – Das ist die Sennerei, die nach einer Schrift des Herrn Dr. F. Schmidt von dem ehemaligen Herrn General-Konsul Perret-Gentil als ein Beweis des Wohllebens der Kolonisten in Ybicaba angeführt wurde.

Könnten die Kolonisten frei schalten und walten, und hätten sie eigenes Land, so ließe sich in einem Lande, wo das brasilianische Pfd. Butter zu Fr. 1. 60 bis 1 Fr. 80 Rappen und guter Käse zu Fr. 2. 30 Rpp. bis zu Fr. 2. 80 Rappen verkauft werden könnte, eine ziemlich vortheilhafte Sennerei einrichten. Die Milch wäre gut, und die Viehrace ließe sich verbessern und zähmen. Unter den bisherigen Kolonisationsverhältnissen konnte aber nichts Derartiges zu Stande kommen; auf einigen Kolonieen konnten die Kolonisten gar keine Kühe haben.

Die Ziegen werden im Ganzen kaum in so großer Zahl gehalten, wie das Rindvieh. Sie sind kleiner als die hiesigen, aber runder und fetter. Milch geben sie auch nicht viel; dieselbe ist aber gut und gesund; sie hat nicht den widrigen Beigeschmack wie hier. Zum Gras und Laub, das diese Thiere zu gewissen Zeiten selbst suchen, das man ihnen aber [40] zu andern Zeiten sammeln und heimtragen muß, wollen sie beim Melken auch ihre Portion Maiskörner haben.

Schafe habe ich in Brasilien nicht viele gesehen; auf den Kolonieen werden beinahe keine gehalten. Nach den wenigen mir zu Gesichte gekommenen zu urtheilen, sind sie den hiesigen gleich. Vom Scheren der Schafe weiß man in Brasilien nichts; man hätte auch ganz und gar keine Einrichtung, die Wolle zu verarbeiten. Die getrockneten, mit dicker Wolle versehenen Schaffelle werden über die Reitsättel auf die Reitthier gegürtet und gewähren so dem Reiter einen weichen Sitz. Das ist der einzige Vortheil, den man in jenem Lande der Wolle abzugewinnen weiß. Ob die Schafe auch theilweise mit Mais gefüttert sein wollen, kann ich nicht sagen; wahrscheinlich ist es der Fall.

Die Zucht der Schweine wird in Brasilien stark betrieben. Die Fazendeiros haben ihrer gewöhnlich gar viele, und die Sitienbauern machen die Schweinezucht zu ihrer ergiebigsten Geldquelle; und das können sie mit leichter Mühe. Sie lassen diese Thiere in der Nähe ihres Hauses und auf dem Pasto frei herum gehen und geben ihnen alltäglich Maiskolben, auf welche sie wie rasend rennen. Das Getränke bringt ihnen der Bach, der immer den Pasto durchschneidet. Bei dieser Haltung werden die Schweine sehr fett; sehr groß sind sie aber gewöhnlich nicht. Eines der größten wiegt 250–300 brasilianische oder ungefährt 230–275 schweizerische Pfund. Der Speck der auf diese Weise fett gemachten Schweine ist sehr ölig, mit widrigem Beigeschmack; werden sie aber im Stall groß gezogen und mit gekochten Speisen gefüttert, so verliert sich jener unangenehme Geschmack. Ein solch widriger Beigeschmack ist dem Fleisch der meisten brasiliansichen Thiere eigen, außer sie werden längere Zeit im Stalle gemästet. – Die auf einem Pasto frei herumlaufenden Schweine sind ihrer ganzen Natur nach ziemlich wild. Wenn man ein solches irgend wohin treiben will, so muß man es nicht nur an einen guten, eher langen Strick anbinden; der Führer muß auch oft mit einem festen Stock [41] das gegen ihn rennende Schwein umkehren, um die großen Hauer des schäumenden Thieres nicht sehr fühlen zu müssen. Reißt eines von einem Pasto aus, so ist es von den eigentlichen Wildschweinen, deren es hin und wieder viele gibt, nicht mehr zu unterscheiden.

Die Zucht der Schweine ist in Brasilien um so wichtiger, da man dort die Speisen nur mit Schweinefett und Speck kocht, eine Manier, an welche sich auch der Europäer sogleich gewöhnen muß, weil dort kein anderes Fett zu diesem Zwecke vorhanden ist. Dieser Umstand trägt, wie ich sicher glaube, einen bedeutenden Theil der Schuld an den in Brasilien vorkommenden Krankheiten. Durch das unverdauliche Oel, das der Speck in großem Quantum führt, wird der Magen verdorben und dem Schleimfieber, wie auch dem häufig wiederkehrenden Durchfall ist eine Hauptthür geöffnet.

Ueber all das Bisherige ließe sich natürlich viel Gründlicheres und Ausführlicheres sagen; allein theils fehlen mir die tiefern Kenntnisse, theils verbietet es auch der Zweck dieser Schrift, auf das Angeregte näher einzutreten. Das Gesagte hingegen glaubte ich nicht übergehen zu sollen; denn das Meiste davon steht mit dem Treiben und Leben des Kolonisten in gar naher Beziehung, so daß es ohne die Kenntniß dessen nicht möglich ist, sich in die ganze Lage desselben hinein zu versetzen. Der geneigte Leser entschuldige deßhalb die lange Hintansetzung der Darstellung der Behandlung der Kolonisten, um so mehr, da ich ja auch den Zweck habe, vor leichtsinnigem Auswandern zu warnen, also so viel wie möglich das Land, nach welchem sich Vieler Blicke richteten, zu zeichnen.



[42]
II.
Die Behandlung der Kolonisten in der brasilianischen Provinz St. Paulo.

Um diese in das rechte Licht stellen zu können, ist es nöthig anzugeben, was für Pflichten die Kolonisten vertragsgemäß auf sich genommen, und welche Rechte sie sich gesichert zu haben glaubten. Zu diesem Ende gebe ich hinten in Beilage Nr. 1 den Kontrakt der im Jahre 1853 und später eingewanderten Kolonisten. Die Kolonisten vom Jahre 1852, so wie die frühern haben einen Kontrakt, welcher etwelche günstigere Bestimmungen enthält, namentlich auch (mindestens) für 4 Jahre freie Wohnung verspricht. Was einen Theil der deutschen Kolonisten, wenigstens die Thüringer, anbetrifft, so haben sie mir bestimmt und feierlich gesagt, daß die vorläufigen Akkorde, mit welchen sie ihre Heimath verließen (wenn ich nicht sehr irre, so waren sie von Fröbel in Rudolstadt ausgefertigt und unterzeichnet) bedeutend günstigere Bestimmungen enthalten haben, als diejenigen, welche man ihnen dann auf der Reise in Hamburg durch List und Ueberredung anhängte, welch Letztere nun aber in Brasilien von Seite der Kolonisten gehalten werden sollen. Wirklich habe ich einen solchen vorläufigen Kontrakt eines thüringischen Kolonisten, der ihn in Hamburg zu verbergen und dadurch der scharf verlangten Abgabe zu entziehen wußte, mit seinem von Dr. Schmidt in Hamburg erhaltenen Kontrakte verglichen und bedeutende Abweichungen zum Nachtheil des Kolonisten gefunden. Die Schlußfolgerungen über solche Vorfälle lasse ich jeden rechtdenkenen Leser selbst machen und gehe nun zur Sache.

Sobald die Kolonisten nach einer günstigen oder ungünstigen, jedenfalls aber beschwerlichen und gefährlichen Seereise im Hafen von Santos angekommen sind: so sind sie gewissermaßen schon Eigenthum des Hauses Vergueiro. Dieses erleichtert sich die im dritten Nachtragsartikel des [43] Kontrakts auf sich genommene Verpflichtung, wonach es die an die fragliche Gemeinde jährlich auszukehrende Summe vom halben Ertrage der gewonnenen Kaffee-Ernte und anderer Produkte der betreffenden Kolonisten auszubezahlen hat, dadurch, daß es sich sogleich zum Schuldner der Gemeinde und zum Gläubiger der Kolonisten macht. Das Haus Vergueiro zahlt, wenn die vertragsmäßigen Ratazahlungen an die Gemeinden erfolgen, und es darf aus diesen Zahlungen nicht der so nahe liegende Schluß gemacht werden, daß die Kolonisten in glücklichen Umständen seien und ihre Schuld selbst abtragen. Es ist möglich, daß die Schuld eines Kolonisten in Europa getilgt ist, während er in Brasilien sogar mehr schuldet, als anfänglich.

Die mit Vorschuß ausgewanderten Kolonisten sind also schon Anfangs gleich einer Handlungswaare Eigenthum des Hauses Vergueiro, und bei dem, zum mindesten gesagt, wucherischen Sinne, welcher viele Sklavenhalter beseelt, so wie auch bei der ziemlich gewöhnlichen Rechtslosigkeit der Kolonisten in der Provinz St. Paulo müssen sie sich auch in Bezug auf manchen wichtigen Punkt fast eben so willenlos behandeln lassen, wie gewöhnliche Kaufmannswaare, oder wie Sklaven. Das zeigt sich einigermaßen schon bei der Reduktion der europäischen Münzen in die brasilianische. Während ich es in Brasilien nie gesehen habe, daß der Franken, wenn Jemand in französischen Fünf- oder Zwanzigfrankenstücken ausbezahlte oder ein Anlehen an das Haus Vergueiro machte (kleinere Münzsorten werden meines Wissens nicht angenommen), höher als zu 320 Reis angenommen wurde, berechnete man ihn als Schuld doch gar oft zu 377 und noch mehr Reis; in einer Rechnung eines Kolonisten nahe bei Campinas, die mir gezeigt wurde, ist er zu ziemlich mehr denn 400 Reis berechnet worden. Auf diese Weise wird schon der erste Schuldposten des Kolonisten größer, als es, wie mich dünkt, recht ist.

Zu diesem ersten Schuldposten kömmt dann gleich ein zweiter ziemlich großer hinzu. Es ist dies das sogenannte [44] Kommissionsgeld, das bei einer Person von über 8 oder 10 Jahren[9] 10 Milreis und bei einer Person unter diesem Alter bis hinunter auf 1 Jahr 5 Milreis (28 und 14 Fr.) ausmacht. Von einem solchen Kommissionsgelde ist uns in der Heimath gar nichts gesagt worden; in vielen, vielleicht in den meisten Ueberfahrtsverträgen ist dagegen ausdrücklich bemerkt, daß die Kolonisten bei der Ankunft in Amerika frei sein sollen von Entrichtung des Spital- oder Armen- sog. Kopfgeldes. Auf meine an den Direktor Jonas in Ybicaba gerichtete Frage, wofür dieses Kommissionsgeld sei, antwortete er mir, dieses Geld sei dem Hause Vergueiro zugesprochen und erkannt worden, seine europäischen Agenturen damit bezahlen zu können. Von verschiedenen Seiten wurde mir aber ganz unumwunden gesagt, daß das Haus Vergueiro zu diesem Gelde gar kein Recht besitze und der Umstand, daß der Chef des Hauses Vergueiro im März 1857 dem die Kolonieen untersuchenden Herrn Dr. Heußer gegenüber sich bereit erklärte, denjenigen Kolonisten, die laut ihrem Reisekontrakt von Entrichtung des Kopfgeldes frei seien, dieses Kommissionsgeld sammt seinen unterdessen getragenen Zinsen gutzuschreiben, bestätigt die Aussage der fraglichen Männer wohl zur Genüge. Ohne irgend ein Recht kann also einem armen Ankömmling eine größere oder kleinere Summe, mir nichts, dir nichts, schnell angehängt werden, und eine Provinzialregierung ist im Stande, eine solche Forderung gutzuheißen. Dieses Letztere haben nach dem Berichte des Herrn Dr. Heußer die Straßenarbeiter in St. Paulo erfahren.

Das bisher Genannte, nämlich die zu hohe Reduktion der heimathlichen Schuld und das Kommissionsgeld, kann den Kolonisten ohne ihr Wissen zu Theil werden, während sie noch auf dem Schiffe sind, und während man ihnen das Fleisch eines frisch geschlachteten Rindviehes und andere frische Speisen an Bord desselben bringt, eine Wohlthat, mit welcher [45] man z. B. die Passagiere des Schiffes „Kronprinz Ernst August“ im Juni 1855 erfreute. Etwas mehr bekommen dann aber die Kolonisten zu merken, wenn sie nach ihrer Landung in einem großen, theils vom Hafen, theils von Mauern und Gebäuden mit verriegelten und durch Polizeidiener bewachten Thüren umgebenen Hofe sich eingeschlossen sehen, wenn sie verschiedene Herren mit Herrn Vergueiro in der den Kolonisten unverständlichen portugiesischen Sprache verhandeln hören, und wenn es dann, nachdem die Schuld der in Frage stehenden Kolonisten (ihr reduziertes Reisegeld und das Kommissionsgeld) ausbezahlt oder sicher gestellt wurde, auf gut Deutsch heißt: Jetzt geht Ihr mit Herrn N. (der den betreffenden Kolonisten vom Hause Vergueiro gekauft hat) nach seiner Kolonie Z.! wenn sie auf diese Weise inne werden, daß sie nicht viel anders als verkauft sind. Und zu diesem kömmt es bei allen verschuldeten Kolonisten, soferne das Haus Vergueiro dieselben auf seinen eigenen Kolonieen, deren es nur 2 hat, nicht selbst braucht, oder nicht selber zu behalten beschlossen hat. Kömmt da etwa ein armer für seine zahlreiche Familie besorgter Hausvater und bittet Herrn Vergueiro mit thränenden Augen um Gottes willen, er möchte ihn doch auf seine eigene Kolonie Ybicaba nehmen und ihn nicht an den ihm schon genannten, durch Andere als ungesund und schlecht geschilderten Ort, z. B. Ubatuba, schicken: so kann er gefragt werden: „Habt Ihr Eure Schuld bezahlt?“ und wenn er ein „Nein“ als Antwort geben muß, so kann er den schrecklichen Ausspruch hören: „So geht zum Teufel! Ihr müßt aber dahin!“ – – Ich selbst war bei keinem derartigen Auftritte zugegen; aber ein sehr glaubwürdiger Augen- und Ohrenzeuge, den ich aus Schonung für ihn nicht nenne, erzählte mir eine solche Begebenheit.

Bei den Kolonisten, die mit mir im Frühling 1855 auf dem oben genannten Schiffe nach Santos segelten, fand eine solche Verhandlung oder Verkaufung schon in jenem Hofe nicht statt; wir erfuhren erst später, wie der Art. 10 unseres Kontraktes zu verstehen sei.

[46] Der oben etwas geschilderte Hof schließt ein großes, auf Säulen ruhendes Gebäude ein, das als Nachtherberge für Diejenigen von uns diente, welche darin Platz fanden, das aber gegen Wind wenig Schutz bietet und durch die Beschaffenheit seiner Wände und seiner sonstigen Einrichtung ziemlich an ein brasilianisches Gefängniß erinnert. In diesem Hofe und Gebäude sollen einst, als die Einfuhr schwarzer Sklaven noch erlaubt war, diese Letztern nach ihrer Ankunft eingeschlossen und verkauft worden sein. An diesem Orte befanden wir uns 4 Tage lang, und zwar die 2 ersten Tage fast ganz eingeschlossen, nachher mit der Erlaubniß, Ausgänge in die Stadt machen zu dürfen. Damals wußten wir aber noch nicht, zu welchem Zwecke dieser Raum einst benutzt worden sei. Nach dem 4tägigen Aufenthalte an diesem Orte traten wir alle mit einander die Landreise an, zu welcher wir, soweit wir sie mit einander machten, d. h. bis vor die Pforte von Ybicaba, mit den 4 Rasttagen 17 Tage Zeit brauchten. Hier war der Ort, wo man uns die Auslegung des oben erwähnten 10. Artikels unseres Kontraktes machte. Herr Luiz Vergueiro, Sohn von Herrn Senator Vergueiro und Verwalter der 2 dem Hause Vergueiro gehörigen Kolonieen, Herr J. A. Jonas, Direktor der Kolonie Ybicaba, Herr Dr. Elias Pacheco Jordao, Inhaber der Kolonie Birry, wo die im Jahre 1852 ausgewanderten Gächlinger (Kt. Schaffhausen) sich befanden, diese 3 Herren und noch andere uns größtentheils unbekannte Leute standen da und besichtigten uns, und nachdem auch die Letzten von uns eingetroffen waren, fing Herr Direktor Jonas an, den schon vorher gefaßten Vertheilungsbeschluß dadurch auszuführen, daß er jedem Familienvater sagte, wohin er mit seinen Familienmitgliedern nun zu gehen habe.

Wir wurden auf 3 Kolonieen vertheilt, nämlich auf Ybicaba, Angelica und Cubotinga. Die 2 erst genannten Kolonieen gehören dem Hause Vergueiro selst an, und zwar ist Ybicaba die Musterkolonie des sogenannten Halbpachtsystems und zugleich die älteste und größte der Provinz St. Paulo, [47] wo hingegen Angelica erst bei diesem Anlasse die ersten Kolonisten erhielt. Cubotinga bekam auch erst da die ersten Kolonisten und gehört dem oben genannten Herrn Dr. Elias, einem Manne, von dem uns schon auf der Landreise manch Schlechtes gesagt wurde. Auf diese 3 Kolonieen wurden auch die Emigranten aus Untervatz, Kanton Graubünden, vertheilt, obschon sie alle den ungefähr so lautenden Nachsatz zu Art. 10 in ihrem Kontrakte hatten: „Jedoch sollen sämmtliche Kolonisten aus der Gemeinde Untervatz auf eine und dieselbe Fazenda kommen.“ Als dann einer der zum Dr. Elias verurtheilten Untervatzer dem Herrn Direktor Jonas diesen Nachsatz vorhielt und dadurch diese Vertheilung rückgängig machen wollte, erhielt er zur Antwort: „Ihr müßt wissen, daß Ihr jetzt in Brasilien seid!“ Schon diesem Vorgange kann entnommen werden, was die im Art. 10 enthaltene, für die Kolonisten günstige Bestimmung „… vorausgesetzt, daß erwähnter Kolonist … … keine gerechte oder begründete Ursache habe, in dessen Dienst nicht einzutreten“ für einen Werth hat; und welcher Kolonist kann gleich nach dem Eintritte in das Land gerechte oder begründete Ursachen angeben, in den Dienst dieses oder jenes Herrn nicht eintreten zu müssen? Abgesehen hievon scheint mir auch der Art. 10 mit Art. 4 litt. 2 im Widerspruch zu stehen. Wie werden bei einer solchen in Art. 10 vorgesehenen Vertheilung oder Verkaufung an jeden beliebigen Fazendeiros die Kolonisten nach einer der Kolonieen der „Gesellschaft Vergueiro“ geführt, was man nach Art. 4 litt. 2 doch anzunehmen berechtigt ist?

Die Landreise, welche die Kolonisten von Santos an nach der für sie bestimmten Kolonie machen müssen, ist wohl, soferne sie nicht ganz kurz ist, der beschwerlichste Theil der ganzen Reise. Um sich davon einen einigermaßen richtigen Begriff machen zu können, erinnere man sich an das, was ich oben über die Beschaffenheit der Straßen, über den Koth derselben in der Regenzeit, über die Beschaffenheit und Einrichtung der Nachtherbergen, der meistens nur aus einem auf einigen Säulen ruhenden Dache bestehenden Ranchos, u. s. w. gesagt [48] habe. Auf dieser Landreise muß, wer über das Kindesalter hinaus, noch nicht im Greisenalter und nicht sehr krank ist, meistens zu Fuß gehen; Kinder bis auf ungefähr 10 oder 11 Jahre werden je 4 in 2 Kisten auf einem Maulthiere befördert, und alte oder kranke Leute müssen ein Extrathier haben und darauf reiten. Für solche Leute, welche unterwegs krank oder zum Weitergehen zu schwach werden, nimmt man auch einen großen, ungeheuer schwerfälligen Karren, dessen 2 Räder in großen, aus dicken Baumstämmen ausgeschnittenen Scheiben bestehen, welche an ihre Achse fest gemacht (viereckig eingeschnitten) sind, so daß sie sich nicht ohne die Achse umdrehen. Durch diese Umdrehung der oft ganz ungeschmierten Achse entsteht ein entsetzlicher Lärm, ein stundenweit hörbares Pfeifen, was die sonst schon vorhandenen Qualen der auf einem solchen Karren fahrenden Passagiere noch ordentlich vermehrt. Zum Schutze gegen Regen oder gegen die große, den Passagieren eines solchen Transportmittels schädliche Sonnenhitze (Leute, die nicht durch Krankheit oder Schwäche zur Benützung eines solchen Karrens genöthigt werden, begeben sich gewöhnlich nicht darauf) werden dürre Rindviehhäute über aufgesteckte Bogen gespannt. Natürlich ist es, daß ein solcher Karren oft so schief läuft, daß er fast umwälzt, und daß er von 4–6 Ochsen gezogen werden muß, wenn 15–20 Personen darauf die Qualen theilen. Ist die Reisegesellschaft groß (die unserige zählte ungefähr 260 Personen), und hat sie viele Kisten und sonstiges Gepäck, so erfordert es viele Thiere; unsere Karavane zählte deren wohl über 100. Bis diese, die über Nacht auf einem großen Pasto ihr Futter selbst suchen und sich dabei zuweilen im Waldesdickicht verstecken oder gar davon machen, zusammengesucht sind, bis das viele Gepäck geladen ist, die Kinder sich auf ihren Thieren in den Kisten und die Kranken und Schwachen in ihren Sätteln oder im Karren befinden, bis also eine solche Karavane sich in Bewegung setzt, wird es oft ziemlich spät, so daß die Tagreise gewöhnlich zur heißesten Tageszeit gemacht werden muß. Ist man endlich [49] nach Beendigung eines solchen Tagmarsches bei einem der schon beschriebenen Ranchos angekommen, so muß der für so viele und allerlei Leute meistens zu kleine Raum bestmöglich vertheilt, es muß Holz und Wasser zum Kochen herbeigeschafft und irgend eine Vorrichtung getroffen werden, den Kochkessel daran hängen zu können, welchen jede Familie eigen haben, gewöhnlich aber durch Herrn Vergueiro sich verschaffen und anrechnen lassen muß; ferners müssen die Kisten mit den Koch- und Eßgeräten und mit den Bettdecken aus dem vielen Gepäck herausgesucht und hergetragen, auch, wenn man nicht auf bloßer und oft sehr unebener, höckerichter Erde liegen (schlafen darf man fast nicht sagen) will, Gras oder Gesträuche als Unterlage hergeschleppt werden; endlich müssen die von den Führern ausgetheilten Lebensmittel[10] in Empfang genommen, es muß gekocht, gegessen und zuletzt die Lagerstätte in Beschlag genommen werden. Am Morgen ist natürlich nach dem Kochen und Essen auch noch Manches zu thun, bevor der Aufbruch stattfindet. Denkt man sich zu diesem[b 3] Allem noch Folgendes hinzu: die große Tageshitze oder der fürchterliche Regen und der stellenweise mehr als knietiefe Koth, falls es Sommers- oder Regenzeit ist, oder, falls man zur Winterszeit reist, die auf einen heißen Tag folgende empfindliche Nachtkälte, gegen die man sich nicht schützen kann; denkt man sich ferners die große Müdigkeit und Kränklichkeit, die bei den Meisten als Folgen des vielen Vorausgegangenen und so eben Beschriebenen eintreten: so wird man glauben, daß man mehr als genug hat, wenn man zum Tag 3–5 Stunden zurücklegen soll; so wird man auch mit mir glauben, daß den armen Pilgern, die man nach meiner innigsten Ueberzeugung nicht um ihres Glückes willen nach Brasilien hat kommen lassen, sondern damit sie ihren Empfängern große Schätze zusammen tragen, eine ordentliche [50] Bezahlung für eine solche Reise gebührte. Aber eben weil man sie nicht zu ihrem, sondern zum Vortheil der brasilianischen Herren Fazendeiros durch Agenten und schöne Briefe hat verführen und kommen lassen, rechnet man ihnen, gestützt auf Art. 5, litt. 6, für eine wahrhaft schauerliche Reise noch ein großes Reisegeld an. Die Strecke von Santos bis Ybicaba ist nicht viel größer, als diejenige von Chur nach Basel, d. h. zirka 50 Stunden. Diese kann man mittelst guter und bequemer Transportmittel mit nicht viel über 20 Franken zurücklegen; jene, die beschriebene Landreise in Brasilien, kostete bei uns per Person mit einer Kiste über das Kommissionsgeld hinaus, ohne ein Extrathier für eine kranke Person, ohne etwelche Geldvorschüsse erhalten, auch ohne von dem Karren Gebrauch gemacht zu haben, jedoch mit Einschluß der in Santos zugebrachten 4 Tage, über 20 Milreis (über 56 Fr.). Ein Reitthier oder ein Platz im Karren kostete noch besondere 25 Milreis (Fr. 70). Bei dem uns nächstfolgenden Transporte und auch bei andern stieg das Reisegeld ziemlich höher; in andern Fällen mag es auch kleiner gewesen sein; immerhin ist es aber keine Kleinigkeit, wofür dasselbe hier dem Auswanderungslustigen dargestellt wurde, wenn überhaupt von einem Reisegeld von Santos nach der Kolonie noch die Rede war.[11] Gewiß erfordert es auf diese Weise auch keine großen Opfer, die im 3ten Art. des Kontraktes vom Hause Vergueiro auf sich genommene Verpflichtung, „die Kolonisten zu empfangen“, zu erfüllen.

Ob und zu welcher Zeit auf all den verschiedenen Kolonieen die dort bestehenden, von den Fazendeiros oder deren Direktoren beliebig aufgestellten und in Art. 5, litt. 7 vorgesehenen [51] Gesetze oder Anordnungen den Kolonisten publizirt werden, kann ich nicht sagen. Uns, die wir am 8. Juli 1855 nach der oben beschriebenen Ausscheidung vor dem Thore von Ybicaba nach dieser Kolonie geführt wurden, theilte man sie, so sehr das Bedürfniß nach etwas Anderm, nach Speise und Trank, fast aus Aller Augen herausschaute, gleich nach Ankunft daselbst mit. Leider kenne ich aber diese Gesetze nicht genau. Hungrig und todesmüde, wie ich und die meisten Ankömmlinge waren, befand sich mein Gedächtniß nicht mehr in dem Zustande, Alles gehörig auffassen und behalten zu können, und schriftlich hat man uns diese Gesetze nicht gegeben. So viel ich mich noch erinnere, befassen sich mehrere derselben mit den Bestimmungen über zu beobachtende Reinlichkeit vor den Häusern, über gehörige Unterscheidung des Mein und Dein, über öffentliche Belustigungen (Spiel und Tanz), über Händel und Streitigkeiten etc., Gesetze, die ganz recht sind, doch aber mit Ausnahme derjenigen der ersten Art von den Landesbehörden und nicht von Fazendeiros (Privaten) gegeben werden sollten. Ein anderer Theil dieser Gesetze ist dann der Art, daß man sagen kann, die persönliche Freiheit des Kolonisten sei beschränkt. Ohne schriftliche Bewilligung des Direktors darf kein Kolonist an einem Werktage von der Kolonie nach einem andern Orte gehen, wenn dieser nicht ganz nahe ist und die Reise dorthin und zurück nicht an einem Tage beendigt werden kann. Erstreckt sich die Reise nicht über einen Tag, so wird die Erlaubniß gewöhnlich nur mündlich gegeben, ob nach oder gegen den Buchstaben des Gesetzes, weiß ich nicht. Mündliche Bewilligung muß auch eingeholt werden, wenn man einen besuchenden Freund, sei dies auch ein nächster Verwandter, als Gast aufnehmen und beherbergen will. Natürlich ist es, daß der Direktor solche Bewilligungen nach Belieben und Laune ertheilen oder verweigern kann. In Ybicaba hat zwar in dieser, wie auch in anderer Hinsicht mehr Milde geherrscht, als auf den meisten andern Kolonieen; auch fallen hier die Bußen, welche auf die Uebertretung dieser Gesetze gesetzt [52] sind, und welche sich, wenn ich nicht sehr irre, von 1 bis auf 25 oder gar auf 50 Milreis (Fr. 70–140) belaufen können, in eine allgemeine Kolonistenkasse; aber um einen Erlaubnißschein bitten zu müssen, ist etwas Anderes, als mit einem landesüblichen Dokumente, z. B. mit einem Heimathschein, den man in Europa Niemandem verweigern kann, hinzugehen, wo man will; die persönliche Freiheit ist durch derartige Gesetze beeinträchtigt. Auf andern Kolonieen muß es, nach den verhängten Strafen zu schließen, solcher Gesetze noch bedeutend mehr geben. Ungehorsam gegen beliebige Anordnungen oder Befehle des Direktors wurde mit Geld bestraft, eben so auch eine Klage eines Kolonisten über ein Unrecht, das ihm von seinem Herrn zugefügt wurde. Wohl nur in Folge solcher beliebig aufgestellten Gesetze verlangte man auch auf einer Kolonie, daß die Kolonisten an einer Straße Frohndienste leisten sollten. Da diese Kolonisten einer solchen ganz widerrechtlichen Aufforderung nicht Folge leisteten, wurden sie von der Obrigkeit des betreffenden Gerichtes mit einer Strafe von 2 Milreis belegt, welche Strafe sonderbarer Weise aber bis auf 12 oder 15 Milreis (Fr. 33.60 Rp. oder Fr. 40) anwuchs, weil die Kolonisten kein Geld zur Erlegung derselben hatten, und weil ihr Herr die Strafe für sie erst da zahlte, als sie auf diese Höhe angewachsen war.[12] Auf der gleichen Kolonie wurde auch verlangt, daß die Kolonisten, Protestanten wie Katholiken, an den Bau der Kirche in der nächsten, doch ungefähr 3½ Stunden entfernten Stadt, einen jährlichen Beitrag leisten sollten, obschon die Protestanten in dieser Kirche nicht als Taufzeugen zugelassen wurden und auch sonst Nichts von der Kirche hatten. Auf einer andern Kolonie soll folgender Fall vorgekommen sein: Kolonisten, welche ihren Kaffee[13] und ihr [53] Pflanzland in Ordnung hatten und sich für einige Tage ohne Arbeit befanden, wollten bei dem Eigenthümer eines nahe liegenden Sitiens (Landsitzes) Arbeit nehmen und sich Verdienst verschaffen. Allein dieses gewiß zu billigende Vorhaben wurde ihnen rundwegs verboten. Auf dieser Kolonie wollte man es einem Vater auch nicht mehr erlauben, seine anderswo verheirathete Tochter zu besuchen, und einer Frau, die von dieser Kolonie zu mir kommen wollte, um mich in Betreff ihrer familiären Verhältnisse zu berathen, hat der Direktor mit Erschießung gedroht, wenn sie gehe. Von der Kolonie Angelica wurde mir Folgendes erzählt: Ein dortiger Kolonist schlachtete einmal nach dem Wunsche der übrigen Kolonisten eine Kuh, wog das Fleisch an diese zu 80 Reis (zirka 22½ Rp.) aus und war willens, von nun an dann und wann ein Stück Rindvieh zu schlachten, damit die Leute auf jener Kolonie doch alle 1 oder 2 Wochen einige Pfund Fleisch, dieses besten und zugleich wohlfeilsten Nahrungsmittels, bekommen könnten, ohne solches 3½ Stunden weit herholen zu müssen. Da er aber das Fleisch nicht zu 60 Reis verkaufen wollte, wie es damals in Ybicaba noch ging (es stieg aber auch dort bald auf 80 Reis), so wurde ihm das Schlachten verboten, wiewohl die Kolonisten gerne Fleisch zu 80 Reis gekauft hätten. Oft wäre es der Fall, daß Handwerksleute, z. B. Schmiede, Zimmerleute, Schreiner, Schuhmacher, Schneider, durch die Betreibung ihres Berufes mehr verdienen könnten, als sie es als Kolonisten können. Allein wenn der Herr der Kolonie sie nicht selber als Handwerker für sich braucht, so dürfen sie ihrem Geschäfte nur so weit obliegen, als ihnen die ordentliche Behandlung ihres Kaffee’s Zeit läßt. Wahrscheinlich mehr in Ausübung volliger Willkür, als in Vollziehung bestehender Gesetze, soll es, wie ich von Mehrern einstimmig des Bestimmtesten versichert wurde, vorgekommen sein, daß Kolonisten nur aus Befehl ihres Herrn oder ihres Direktors, ohne gerichtliche Untersuchung und Verurtheilung, in das Gefängnis derjenigen Stadt, wohin die Kolonie politisch gehört, eingesteckt und sogar mit [54] Eisen und Ketten belastet und befestigt worden sind, und zwar ohne ein strafbares Vergehen begangen zu haben, nur weil sie aus diesem oder jenem Grunde (etwas aus Ungehorsam, oder weil sie sich über erlittenes Unrecht beschwerten) bei ihren Obern in Ungnade gefallen waren. Wenigstens ein ähnlicher Fall habe sich in frühern Jahren auch in Ybicaba ereignet.

Es ließe sich hier noch Vieles, wovon ein Theil später in einem andern Zusammenhang folgen wird, anführen. Hier genüge es an dem Gesagten. Dasselbe wird klar genug zeigen, wie weit es bei den an die Behandlung von Sklaven gewöhnten Herren Fazendeiros in Vollziehung des Kontraktsartikels 5, litt. 7 kommen kann, was für bedenkliche Sachen man nach der Denk- und Handlungsweise dieser Herren mit dem genannten Punkte unterzeichnet. – Als etwas Charakteristisches muß ich noch beifügen, daß die Geldbußen an den meisten Orten nicht in eine gemeinnützige, sondern in die Kasse der Herren fallen.

Nachdem die nun behandelten Gesetze der Kolonie Ybicaba publizirt waren, wurden die Hausväter der so eben Angekommenen in das Zimmer des Herrn Direktors Jonas gerufen, und es ging nun an die Austheilung der Wohnhäuser. Hiebei entschied das Loos. Unter den zu verloosenden Häusern waren, ich weiß nicht mehr recht, ob 1 oder 2, die sich in etwas besserm Zustande befinden, als wie ich sie oben schilderte (man wolle sich die obige Schilderung der Häuser ins Gedächtniß rufen); sämmliche übrige waren aber noch nicht so weit vorwärts gerückt; die meisten hatten noch kein Dach, und allen fehlte es an den waagrechten Rohren und an der nöthigen Ausfüllung von Erde. 1 oder 2 Kolonisten konnten nun sogleich von ihren Wohnungen Besitz nehmen. Dieses thaten auch einige von denen, welchen es ungerohrte und „ungeschmierte“ Häuser traf, weil sie sich entschlossen, das Rohren und Schmieren gegen eine versprochene fixe Vergütung von 18 Milreis selbst vorzunehmen. Wer ihrem Beispiele nicht folgte, wurde entweder bei ältern Kolonisten [55] oder in einem größern Gebäude mit nur einem Zimmer, welches früher eine Zeitlang als Schullokal benutzt wurde, untergebracht. 4 der größten Familien traf es in dieses eine Zimmer, das ihnen als Wohn- und Schlafzimmer, als Küche und Keller, als Alles dienen mußte (später hat es Fälle gegeben, daß 10–12 Familien in dieses Lokal eingepfercht wurden, und nie, so lange ich in Ybicaba war, ist es ganz leer von solchen Kolonisten geworden, für welche die Wohnungen nicht hergestellt waren). Wie lange wir auf die Herstellung der uns durchs Loos zu Theil gewordenen Häuser hätten warten müssen, kann ich nicht sagen; nach und nach ereignete es sich aber, daß ältere Kolonisten wegzogen, und wir ihre Häuser beziehen konnten. Für ein solches Haus, das gewöhnlich durch die frühern Besitzer etwas besser eingerichtet, mit einer Art von Stall,[14] mit Hof- und Gartenzaun versehen und mit Bananenbäumen bepflanzt wurde, mußte damals dem Vorgänger vom Nachfolger 20–50 Milreis (Fr. 56–140) bezahlt werden; in späterer Zeit sind die Preise solcher Häuser auf mehr, denn 70 Milreis (Fr. 196.) gestiegen. Auf solche Weise kömmt der Kolonist in Ybicaba zu einer Wohnung. Wie viel er an einer solchen, wenn sie neu ist, unentgeltlich herstellen und einrichten, wie er, sei sie alt oder neu, oft an den Wänden derselben flicken muß, wie er bei starkem Regen sich, natürlich auch seine Betten, Kleider u. s. w. in seinem Hause nicht vor dem Naßwerden schützen kann, ja zuweilen gar in ein Nachbarhaus fliehen oder aus seinem Hause hinaus einen Abzugsgraben für das gar viele Wasser machen muß: das Alles habe ich oben schon gesagt; hier bleibt noch das zu sagen übrig, daß Herr Vergueiro den Kolonisten für ein solches Haus mit einem jährlichen Hauszins von 12 Milreis (Fr. 33.60 Rp.) belastet. Dieses hat er auch gegen die im Jahre 1852 Eingewanderten gethan, obschon ihr Kontrakt ihnen [56] (mindestens) 4 Jahre lang freie Wohnung zusicherte. Im ersten Jahre protestirten die betreffenden Kolonisten gegen diesen Hauszins, und dies hatte zur Folge, daß er ihnen geschenkt (!) wurde. Für die folgenden Jahre schrieb man ihnen aber wieder einen solchen Hauszins an, und da Derjenige von ihnen, der sich im ersten Jahre bei ihrer Protestation an ihre Spitze stellte, unterdessen bevorzugt wurde, Würden und Aemter erhielt, deßhalb um die Andern sich Nichts mehr bekümmerte, sondern sich still und ruhig verhielt,[15] blieben ihnen diese spätern Hauszinse bis zu der durch Herrn Dr. Heußer vorgenommenen Untersuchung richtig in ihren Rechnungsbüchlein stehen. Einer solchen Handlungsweise entspricht auch das, daß nicht allen von denen, welche ihre Häuser selbst eingerohrt und geschmiert haben, die dafür versprochenen 18 Milreis zu gut geschrieben wurden. Noch muß bemerkt werden, daß es auch nur halbe Wohnungen gibt, für welche auch nur der halbe Hauszins bezahlt werden muß. Es ist dieses der Fall auf der alten Kolonie und bei den hauptsächlich für die portugiesischen Kolonisten bestimmten, in der Nähe der Fazenda stehenden Häusern. Aehnlich wie in Ybicaba soll es in Betreff der Wohnungen auf den meisten andern Kolonieen aussehen, ausgenommen auf der Kolonie St. Anton, wo 4 Familien in einer einzigen Wohnung, die nicht halb so groß ist, als wie eine auf Ybicaba, beisammen sein müssen.

Außer den Wohnungen hat der Kolonist, wenn er leben soll, auch Lebensmittel nöthig. Am Tage unserer Ankunft in Ybicaba, den 8. Juli 1855, wurden uns zwar von unserm Herrn oder von der Direktion keine ausgetheilt; Herr Direktor ließ aber die Hoffnung durchblicken, die älteren Kolonisten werden unsern großen Hunger stillen, und dieses geschah denn auch sehr willfährig. Am folgenden Tage durften wir zu Herrn Direktor gehen, und dieser sorgte dann dafür, [57] daß wir so viel erhielten, als wir bis zum nächsten Samstag, der wie jeder andere Samstag sogenannter Faßtag war, bedurften. An einem solchen Faßtag pflegt es folgendermaßen herzugegehn:

Mit seinem Rechnungsbüchlein[16] geht der Kolonist zum Direktor und bittet ihn um Dasjenige, was er bedarf. Der Direktor füllt einen lithographierten Schein, auf welchem sich die Namen sämmtlicher Waaren befinden, nach dem Verlangen des Kolonisten und nach seinem Gutfinden aus und schreibt Ersterm den Betrag des Bewilligten auf die linke Seite des Rechnungsbüchleins ein. Hierauf geht der Kolonist mit dem erhaltenen Scheine auf die Fazenda und erhält dort gegen Abgabe des Scheines die bewilligten und angemerkten Gegenstände. Die auf diesem Wege erhältlichen Waaren sind folgende: Kaffee, Fuba, Farinho, Zucker, Bohnen, Salz, Speck; zuweilen gibt es auch Reis. Auf ähnliche Weise bekömmt man je am ersten Samstage eines Monats auch etwas Geld zur Bezahlung von Rindfleisch, Seife, Licht, Branntwein (neben dem Wasser das einzige Getränk, das der Kolonist haben kann) und andern Kleinigkeiten; auch Bretter, Ziegel, eiserne Werkzeuge, Kaffeetücher (zum Gebrauche beim Kaffeepflücken) und Kleidungsstoffe verschafft man sich auf diese Weise. So weit geht es in Betreff der Fassungen in Ordnung. Richtet man aber den Blick auf die Beschaffenheit der Waaren und auf die Preise derselben, so entdeckt man Manches, das nicht mehr in Ordnung ist. Beim Zumessen und Zuwägen der Lebensmittel, welches durch Neger geschieht, kann der Kolonist nicht im betreffenden Lokal sein, nicht zusehen, wie gemessen und gewogen wird; er kann nur dann und wann beobachten, daß die Neger mit ihren Füßen den [58] Fuba, das Backmehl, zusammen schieben und, nachdem er gemessen ist, ihm in seinen Sack schütten, und daß mit andern Sachen, z. B. mit Zucker, Speck etc., gleich reinlich verfahren wird. In den frühern Jahren soll es sogar vorgekommen sein, daß ein Negerweib mit einem nach Art dieser Leute auf den Rücken gebundenen Kinde, das natürlich urinirte und seine Nothdurft verrichtete, wann sich das Bedürfniß dazu einstellte, im Fubakasten drinnen gestanden sei, den Fuba eingefaßt und herausgeboten habe. Daß die Maaße, mit welchen man uns die Lebensmittel zumaß, zu klein gewesen seien, ist meines Wissens nie geklagt worden. In Betreff der Waage weiß ich nicht, ob sie zu leicht gewesen oder unrichtig gestellt worden sei; ich weiß nur, daß ich auf andern Fazendas bedeutend besseres Gewicht erhielt; bei 16 Pfund betrug die Differenz mehr als 1 Pfund. Diese Beobachtung habe nicht nur ich, es haben sie mehrere Kolonisten gemacht, denen es irgendwie möglich wurde, Geld zu bekommen und daraus anderswo, als auf unserer Fazenda, sich Etwas anzukaufen. Auch das ist richtig, daß, als Herr Dr. Heußer behufs der Untersuchung sich Ybicaba näherte, und besonders während er zugegen war, auf unserer Fazenda auch bedeutend besser gewogen wurde; z. B. 8 Pfd. schöner, schwerer Kaffee machte das gleiche Säcklein ziemlich voller, als früher. Aehnliche Veränderungen hat es zu dieser Zeit auch in Bezug auf die Qualität der Lebensmittel, so wie auf die Preise einiger derselben gegeben. Sehr selten waren früher der Fuba, der Kaffee und noch andere Artikel so schön, wie damals, und der Speck und Zucker fielen in kurzer Zeit im Preise sehr stark, ersterer z. B. von 240 auf 120 Reis per Pfd. Ich halte es für angemessen, über diejenigen Waaren, welche man auf der Fazenda und in der mit derselben in Verbindung stehenden Loja erhält, noch etwas Weiteres zu sagen.

Den Kaffee mußte man in den früheren Jahren nicht fassen, sondern man durfte soviel, als man für seinen Hausgebrauch nöthig hatte, aus seiner Pflanzung heim nehmen. Leider hat es dann aber unter den Kolonisten, besonders unter den portugiesischen, [59] solche gegeben, welche diese Bewilligung mißbrauchten und Kaffee nach den nächsten Städten trugen und verkauften. In Folge dessen wurde es verboten, Kaffee heim zu nehmen, dagegen aber versprochen, man wolle den Kolonisten vom schönsten Kaffee zu fassen geben, und zwar um die Hälfte des gewöhnlichen Verkaufspreises, so daß der Kolonist für seinen Kaffe nur so viel zahlen müsse, als der Herr ihm als Arbeitslohn oder als seinen Hälfteertrag dafür zukommen lasse, oder daß der Kolonist in Betreff dieses Punktes gleich gestellt sei, wie früher. Es ist nun aber meistens der Fall gewesen, daß man bei weitem nicht vom schönsten Kaffee und auch den geringen nicht zu dem versprochenen Preise erhielt. Ich selbst bekam unter Anderm auf der Fazenda solch schlechten Kaffee, wie ich in Europa noch keinen gesehen habe, ausgenommen das richtige und getreue Muster, das ich noch besitze. Solcher Kaffee wurde mir und Andern zu 60 Reis (17 Rp.) per Pfund berechnet. War der Kaffee etwas besser, doch noch oft gar nicht vom schönsten, so berechnete man ihn zu 90–110 Reis (25–31 Rp.) Bei 60 Reis käme die Arroba (32 Pfd.) auf 1920 Reis zu stehen, und es träfe auf den Alqueiro, auch wenn deren 3 auf 1 Arroba erforderlich wären, 640 Reis; bei dem Preise von 110 Reis kommen bei gleicher Berechnung 1173 Reis auf den Alqueiro. So lange ich in Ybicaba war, ist aber dem Kolonisten nie mehr, als 467 Reis bezahlt, das gegebene Versprechen also gar nicht gehalten worden, und dies hatte bei den meisten Kolonisten, auch bei mir, die Folge, daß sie gegen das Verbot Kaffee für ihren Hausgebrauch heim nahmen. Verkauft habe ich keinen; das kann ich eben so aufrichtig bezeugen, und so viel ich bemerken konnte, haben dieses auch die übrigen Kolonisten, was wenigstens die Nicht-Portugiesen anbetrifft, nicht gethan. Mit den Portugiesen stand ich in keinerlei Verkehr und weiß von ihnen (den jetzigen nämlich) über diesen Punkt Nichts zu sagen. Der Chef des Hauses Vergueiro hat sich bei der Untersuchung damit geholfen, daß er sagte, Herr Direktor Jonas habe ohne Vollmacht des Hauses den Kolonisten den Kaffee um den halben Preis versprochen. Ich [60] lasse es dahin gestellt sein, ob diese Behauptung wahr oder unwahr ist. Daß aber gedachter Chef, Herr Joze Vergueiro, früher gesagt habe, seine Kolonisten sollen den Kaffee nicht kaufen, sondern frei haben, vernahm ich durch ältere Kolonisten. Ich bin auch fest überzeugt, daß Herr Luiz Vergueiro, der Aministrator auf der Fazenda Ybicaba, mit gedachtem Versprechen bekannt und einverstanden gewesen sei. Allein der Chef wußte sich wieder zu helfen, und zwar mit der Behauptung, sein Bruder, der Liebling des Herrn Senators, des Gründers des ganzen Systems, sei nicht Mitlgied der „Gesellschaft Vergueiro“. An der Wahrhaftigkeit dieser Behauptung zweifle ich sehr, theils aus den schon angedeuteten, theils aus später zu nennenden Gründen.

Was der Fuba sei, und wie er entstehe, habe ich oben, Seite 14, schon gesagt; man wolle dort gefälligst nachsehen. Zuweilen ist er, relativ gesprochen, ziemlich schön, dann und wann aber auch der Art, daß man es bei gehöriger Erinnerung an seine Entstehung doch kaum für möglich hält, daß es aus so schönen, mehlreichen Maiskörnern, wie sie dort meistens sind, so schlechtes Mehl geben könne. Von solchem Fuba muß man mehr als die Hälfte den Thieren geben und bekömmt auch aus dem Uebrigen ein gar erbärmliches Brod. So lange ich in Ibicaba war, kostete der Alqueiro Fuba 1200 Reis oder Fr. 3. 36 Rp., ein Preis, der wohl in allen Städten überstiegen wurde. Diejenigen Kolonisten, welche eignen Mais haben und nach der Fazenda liefern, erhalten sogleich nach dem Maaß eben so viel Fuba, als sie Maiskörner bringen. Aller von den Kolonisten gebrachte Mais wird dann zusammengeleert und nebst einem hinreichenden Quantum von dem Maise des Herrn bis zum nächsten Samstage nach dortiger Manier gemahlen.

Hinsichtlich der Entstehung des Farinho muß ich ebenfalls auf die schon gemachte Beschreibung, Seite 15, verweisen. Von diesem Lebensmittel, von welchem sich in Verbindung mit Mandioccamehl bessere Speisen, als vom Fuba, bereiten [61] lassen,[17] bekam man nicht allwöchentlich und auch dann, wann gegeben wurde, meistens nur ½ Quart (⅛ Alqueiro). Längere Zeit kostete das halbe Quart 240 Reis, der Alqueiro also 1920 Reis (Fr. 5. 38 Rp.); später, im Januar 1857, war er gerade doppelt so theuer. Sitienbauern[b 4] verkauften ihn gewöhnlich zu 2000 Reis.

Den Zucker hat man in Brasilien im mehlartigen Zustande, nicht in harten Hüten oder Stöcken. Wenn er nur wenige Male gesotten ist, so hat er eine dunkelrothe Farbe, ist noch feucht (saftig), und es befinden sich größere und kleinere Knollen unter dem feinern Zucker. In solchem Zustande hat er aber noch ziemlich viel Unrath in sich; was aber wirklicher Zucker ist, besitzt mehr Süßigkeit, als der, welcher öfters gesotten und dadurch rein, weiß oder raffinirt worden ist. Raffinirter Zucker wird von den Reichen gebraucht; die Kolonisten bekommen solchen, der noch mehr oder minder roth ist. Was der raffinirte Zucker kostet, kann ich nicht sagen; der andere kostete auf der Fazenda Ybicaba eine Zeit lang 90, dann 120 und 160, später wieder 120 Reis oder 25, 34, 45, 34 Rp. Wäre man mit Geld versehen gewesen, um mindestens ½ Arroba (16 Pfd.) Zucker auf einer nahe liegenden Fazenda, wo solcher gemacht wird, kaufen zu können: so hätte man das Pfund zu der Zeit, da es auf Ybicaba 160 Reis kostete, zu 80–90 Reis erhalten. Ich habe die Probe selbst gemacht.

Die oben, Seite 16, beschriebenen Bohnen wurden den Kolonisten ungefähr zu 3200, 3520 und 3840 Reis oder zu Fr. 8. 96 Rp., Fr. 9. 86 Rp. und Fr. 10. 75 Rp. verabreicht. Neger anderer Fazendas brachten zuweilen Bohnen zum Verkaufe nach Ybicaba und gaben sie meistens zu viel niederern Preisen, als die oben bezeichneten sind.

[62] Das Salz, welches die Kolonisten auf der Fazenda bekommen, ist meistentheils sehr grob, oft mit vielem Unrath vermengt, aber kräftiger, als wie man es in Europa hat. Man bekömmt gewöhnlich auf einmal ungefähr 75–80 brasilianische Pfund in einem Sacke. Ein solcher Sack kostete 4, dann 7, endlich 48/10 Milreis oder Fr. 11. 20 Rp., Fr. 19. 60 Rp., Fr. 13. 44 Rp. Einige Wochen lang wurde es in dem nahen Städtchen Limeira zu 4 Milreis verkauft, während es in Ybicaba deren 7 kostete.

Der zu fassende Speck ist oft sehr unrein und immerhin mit gar vielem Salz versehen. Das Letztere, das Salz, darf im Speck allerdings nicht fehlen, weil er sonst schnell zu Grunde ginge. Man macht durch die ganzen Seiten bis auf die Haut eingehende, 1–2 Zoll von einander entfernte Einschnitte und füllt sie ganz mit Salz aus. 1 Pfd. solchen Speckes kostete eine Zeit lang 280, dann 320, später 240 und endlich (während der Untersuchung) 120 Reis oder 78, 90, 67, 34 Rappen. Nahm man ein ganzes Schlachtschwein, so wurde einem dasselbe nach Entfernung der Eingeweide eine Zeitlang auch zu 280, dann zu 240 und endlich zu 120 Reis per Pfund berechnet. Zu 240 Reis mußte man es eine ziemliche Zeit lang annehmen, während in einer benachbarten Stadt purer Speck zu 120 Reis verkauf wurde, und während man, wenn man mit dem hinreichenden Gelde versehen gewesen wäre, auf umliegenden Sitien Schlachtschweine zu solchen Preisen erhalten hätte, daß das Pfund ungefähr auf 60 Reis zu stehen gekommen wäre. Man hat davon eine Probe gemacht.

Den Reis bekömmt man in der Schaale, die dem des Gerstenkorns gleich sieht. Er muß dann gesockt (aus der Schaale herausgestampft) und gesiebt werden. Durch diese Arbeit nimmt der Reis an Maaß fast um 3/5 ab. Was der ungesockte Reis in der letzten Zeit gekostet hat, kann ich nicht sagen; früher (im August 1855) bekam ich ihn von einem portugiesischen Kolonisten zu 1600 Reis per Alqueiro, 960 Reis wohlfeiler, als er damals auf der Fazenda ging; [63] ein wenig später berechnete man ihn dort zu 3200 Reis. Der Alqueiro gesockten Reises käme also, wie ich ihn kaufte, annähernd auf Fr. 11.20 Rp., wie ihn die Fazenda gab, auf ungefähr Fr. 17.90 Rp. und Fr. 22.40 Rp.

Die allmonatlichen Geldfassungen steigen bei den noch verschuldeten Kolonisten je nach der Größe ihrer Familie auf 2–5 Milreis, in außergewöhnlichen Fällen auf 10 und noch mehr Milreis. Zu Anschaffung einer Kuh oder etwelcher Ziegen wird zuweilen auch mehr Geld bewilligt, und die schuldenfreien Kolonisten bekommen gewöhnlich, wenn sie es verlangen, größere Monatsgelder. Weiter, als zur Bezahlung von 20–40 Pfd. Rindfleisch, das eine große Familie in einem ganzen Monate höchstens genießen kann, und zur Anschaffung von Seife, Licht und ähnlichen Sachen reichen die 2–5 Milreis, welche dem verschuldeten Kolonisten zu Theil werden, nicht hin, und so muß er auf den anderweitigen Ankauf von Lebensmitteln, so sehr dieses auch zu seinem Vortheil ausschlüge, verzichten, wenn er nicht entweder etwas Geld mit ins Land gebracht hat oder durch Veräußerung von etwelchen Hausgeräthen etc. sich solches verschaffen kann[b 5]. Einige behelfen sich mitunter leider auch auf eine nicht schöne[b 6] Weise, indem sie z. B. die eigenen Schweine verkaufen und dann zum Schlachten solche von der Fazenda fassen u. s. w.

Die Bretter kosten Stück für Stück 1 Milreis, seien sie kurz oder lang, schmal oder breit, dünn oder dick, halbfaul oder frisch und was Alles man von ihnen noch anführen könnte. Alles sind aber Laubholzbretter. Ueber zu hohen Preis könnte man hier, soferne die Bretter gut wären, nicht klagen, doch ist auch nicht zu vergessen, daß der Holzvorrath in dortiger Gegend gar groß ist.

Von den Ziegeln wird dem Kolonisten das Stück zu 40 Reis, das Tausend also zu 40 Milreis verabreicht, und dies auch dann, wann ein Hafner dem Herrn das Tausend zu 8 oder 10 Milreis liefert. Ziegelstücke zur Herstellung eines Herdes oder eines Backofens werden nach Bewilligung des Direktors, der dazu einen Schein ausstellt, umsonst verabfolgt.[s 3]

[64] Die eisernen Werkzeuge, die man auf der Fazenda zu fassen bekömmt, sind auch sehr theuer. Eine Axt, freilich eine schwere mit Stahlhaube, kostete mich Fr. 9.; eine Hacke (Haue) kotet ungefähr Fr. 8.40 Rp.; zu ähnlichen Preisen muß man alles Uebrige haben.

Das füchterlich grobe Tuch, das zu einem ungefähr 4½ Schweizerellen langen und 3¼ Ellen breiten Kaffeetuch erforderlich ist, kostet Fr. 12.60 Rp. Solche Kaffeetücher muß man beim Pflücken wenigsten 2 oder 3 haben.

Kleidungsstoffe bekam man bis jetzt auf der Fazenda Ybicaba keine, wohl aber in einem mit derselben in Verbindung stehenden Handlungshause in einer 3½ Stunden entfernten Stadt. Sehr theuer sind die Kleidungsstoffe, wenn man sie auch baar zahlen kann; noch theurer muß sie derjenige Kolonist annehmen, der mit einem vom Direktor nur auf diese Handlung ausgestellten Scheine kömmt und derartige Einkäufe macht. Für 20 Milreis (Fr. 56.) gibt es ein kleine Päcklein, das man in ein Nastuch bindet und unter dem Arme trägt, und zudem ist der erhaltene Stoff meistens noch schlechtes Baumwollezug.

Um die in dem Abschnitte der Fassungen angegebenen Preise der verschiedenen Artikel überschaulicher zu machen, will ich sie zusammenstellen und dabei nicht nur die Münze, sondern auch die Maaße und Gewichte in die neuschweizerischen reduziren. Es kostet also auf der Fazenda

1 Viertel oder Sester Fuba Fr.   –.– Rp. bis Fr. 1.26 Rp.
1     ”      ”         ” Farinho  ” 2.20   ”   ”   ” 4.04   ”
1     ”      ”         ” Reis (gesockt)  ” 6.71   ”   ”   ” 8.40   ”
1 Pfund Zucker  ” –.27   ”   ”   ” –.50   ”
1   ”   Kaffee  ” –.27   ”   ”   ” –.34   ”
1   ”   Salz  ” –.16   ”   ”   ” –.28   ”
1   ”   Speck  ” –.37   ”   ”   ” –.98   ”
1 Brett   –.––         ” 2.80   ”
1 Ziegel   –.––         ” –.11   ”
1 große Axt mit Stahlhaube   –.––         ” 9.–   ”

[65]

1 Hacke   –.––         ” 8.40   ”
1 Elle grobes Baumwolltuch (gut 1 Elle breit)   –.––         ” –.94   ”

Zum Schlusse der Schilderung über die Fassung der verschiedenen Bedürfnisse muß ich noch folgende Hindeutungen geben.

Die brasilianischen Handelsleute,[18] deren Preise ich an einigen Orten mit den Fazendapreisen verglich, wollen durchschnittlich einen großen Gewinn haben; Besitzer von Vendas und Lojas sollen in der Regel 100 Prozent auf ihre Waaren aufschlagen. In welchem Verhältnis die Fazendapreise zu den andern Preisen stehen, was für einen Prozent ungefähr also Herr Vergueiro an den Waaren hat, welche seine Kolonisten von ihm zu nehmen fast oder gar gezwungen sind, das mag Jeder selbst ausrechnen. Bezeichnend ist auch das, daß Herr Luiz Vergueiro nach den bestimmten Versicherungen mehrerer Männer angefangen hat, solchen Leuten (Sitienbauern), welche ihre Waare, z. B. Farinho, Bohnen, nach der Kolonie tragen und den Kolonisten verkaufen wollten, dieselben selber abzukaufen oder ihnen den Weg nach der Kolonie zu verbieten. Der Boden ist Eigenthum des Herrn und die darauf Wohnenden ebenfalls, und wie er sich dieses Eigenthumsrecht zu Nutze mache, das zeigt sich bei diesem und bei vielen andern Anlässen.

In Betreff der Fassungen muß man aber mit der Verwaltung in Ybicaba, wenn man eine Vergleichung zwischen hier und etwelchen andern Kolonieen anstellt, noch sehr zufrieden sein. In Ybicaba bekömmt doch der Kolonist, der seine Arbeit eingermaßen ordentlich verrichtet, die nöthigen Sachen. Was muß man aber von solchen Herren oder ihren Direktoren halten, die ihren Kolonisten fast kein Geld geben, sie also noch fester an sich oder an ihre Fazendas binden und sie doch Wochen lang um ein Schwein, Speck zum [66] Kochen, zu bekommen, bitten und ihnen dann erst den dritten oder vierten Theil eines solchen zukommen lassen, ihnen nicht einmal genug Fuba geben und, wie es einer zu diesem Allem noch that, ihnen die bald reifen Pflanzungen durch die Neger niederschlagen lassen? Und zu solchen Herren sind viele von den Kolonisten gekommen, die mit dem Hause Vergueiro den bekannten Halbpachtskontrakt geschlossen haben.

An dieses Kapitel anknüpfend will ich noch eine Preisliste von solchen Gegenständen geben, die meistens nicht auf den Fazendas, sondern in den Städten zu haben sind, und zwar in der Absicht, demjenigen, der von dem großen brasilianischen Verdienst eines freien Arbeiters hört und Lust nach demselben hat, den Begriff von den brasilianischen Ausgaben noch etwas zu vervollständigen.

In dem schon mehrmals genannten Städtchen Limeira kostete während meines Aufenthaltes in Brasilien

[19] Fr. Rp. Fr. Rp.
1 Viertel oder Sester Mandioccamehl 6. 30 bis 12. 60
1 Pfd. meist saures Weizenmehl 1. 1. 35
1 schlechtes Weizenbrod –. 2. 23
1 Teigwaaren (Fideli etc.) –. 3. 05
1 dürre Zwetschen 3. 05 4. 88
1 magerer Käse –. 1. 37
1 fetter Käse –. 3. 05
1 Butter (selten zu bekommen) –. 2.
1 Rindfleisch –. –. 31
1 Maaß Milch (schwer zu bekommen) –. –. 34
1 Branntwein (Zuckerschnaps) 1. 20
1 Wein (mit Spiritus und Wasser verfälscht) 7.
1 Bier (Porter) 7.
1 große gußeiserne Suppenpfanne mit Glasur 22. 40
1 Glastafel von 1 Fuß Länge und 8½ Zoll Breite 1. 35
1 Kaffeeschüsselchen (ohne Untertasse) –. 45
1 Suppenteller –. 50

[67] So geht es mit den meisten Sachen. In Rio de Janeiro sind einige der genannten Gegenstände wohlfeiler, andere aber um so theurer. Ueberhaupt ist das Leben dort sehr theuer. Ein Herr, der freilich eine große Familie hat, versicherte mich, daß sich seine jährlichen Ausgaben bei aller möglichen Sparsamkeit auf 10,000 Milreis, gleich Fr. 28,000 belaufen. Man darf sich also hier, wenn man Einem von diesem oder jenem vortheilhaften Unternehmen vorschwatzt und dabei auf die Wohlfeilheit von Fahrgelegenheiten etc. hinweist, nicht eine hiesige Wohlfeilheit, sondern eine brasilianische denken, wobei man, wenn eine ½–¾ Stunden lange Strecke mit einem Omnibus zurückzulegen ist, mindestens Fr. 5.60Rp. bezahlen muß.

Es sei hiemit von solchem genug.

Wir haben gesehen, wie der Kolonist empfangen und nach der für ihn bestimmten Kolonie geführt wird, wie er zu einer Wohnung und zu Nahrung kommt. Es ist nun nöthig zu zeigen, wie ihm Arbeit und Verdienst zu Theil wird, ein Verdienst, durch welchen er laut den ihm hier gemachten Vorspiegelungen bald, nach einem in dem Büchlein „die Auswanderung als öffentliche Wohlthat, Lichtensteig 1854“ enthaltenen, im Februar 1854 geschriebenen Briefe des Herrn Joze Vergueiro „binnen 3 Jahren mit Bequemlichkeit schuldenfrei“ werden sollte. Jeder Leser wird mit Recht denken, das erfordere einen sehr guten Verdienst; denn das bis dahin Mitgetheilte sei der Art, daß die Schuld sich ungeheuer vergrößern mußte. Wir wollen diesen Verdienst nun besehen.

Einige Tage nach der Ankunft bekamen die Hausväter der neuen Ankömmlinge durch den Unterdirektor Heinrich Schmid den Befehl, zu Herrn Direktor Jonas zu kommen. Der Befehl erhielt gehörige Nachachtung, und Herr Direktor ging mit uns nach einer fast ½ Stunde entfernten Kaffeepflanzung und theilte uns in derselben eine gehörige Anzahl Bäume aus, die wir abpflücken sollten; die Hackarbeit war vorüber. Das betreffende Stück war sehr schön, ohne Steine [68] und ohne viele leeren Plätze, d. h. es fehlten wenig Bäume; zudem waren die Bäume so ziemlich im rechten Alter. Von diesem Kaffee erhielt ich für meine große Familie über 6000 Bäume, ein großes Stück, aus welchem ich, wären die übrigen Umstände eben so günstig gewesen, als die bisher genannten, mindestens 1000 Alq. Kaffee pflücken und damit ein schönes Geld hätte verdienen sollen. Unter 2 Malen las ich mit den Meinen den Kaffee im ganzen Stück möglichst rein zusammen und erhielt – 90½ Alqueiren und verdiente damit 14 Mlr. 480 Reis, gleich Fr. 40. 54 Rp. Auf die Anschaffung von Kaffeetüchern, Sieben, Körben, Stören, welche zusammen den Kolonisten mindestens 10 Mlr. 320 R. oder Fr. 28. 90 Rp. kosten, will ich hier noch nicht zu sehr aufmerksam machen, weil man sich zuerst durchs Entlehnen behilft. Später muß man sie aber alle eigen haben und oft ergänzen; sie sind theilweise von kurzer Dauer. Das war mein erster Verdienst, an welchem ich mit mehrern Unterbrechungen von Mitte Juli bis in den November hinein zusammen zu lesen hatte, der aber noch größer war, als derjenige der übrigen neuen Kolonistenfamilien, der mir aber auch von dem künftigen Verdienste einen Vorgeschmack gab. Die Gründe dieses kleinen Verdienstes waren folgende: Das Jahr 1855 war ein schlechtes Kaffeejahr; dann sollen die Neger, ehe wir nach Ybicaba gekommen sind, das betreffende Stück schon einmal durchgepflückt haben, so daß wir das Nachpflücken hatten; zu dem Allem erhielten wir vom Alqueiro (2⅔ Vrtl.) nur 160 Reis, ungefähr 45 Rp., Bezahlung. Diese Kaffeebäume, die uns in dem künftigen reichen Kaffeejahre eine schöne Ernte gebracht hätten, ließ man uns nicht; diese bekamen meistentheils nach uns eingerückte portugiesische Kolonisten. Uns theilte man später zum Behalten eine Kaffeepflanzung in einer andern Gegend aus, an deren Beschreibung ich, obschon die Austheilung vom Pflanzland früher erfolgte, des Zusammenhanges wegen nun gehe.

In dem sehr großen Kaffeeberg von Ybicaba befindet sich eine ziemliche Strecke, in welcher die Bäume, so ferne [69] sie gesund sind, besonders schönen und vollen Kaffee tragen. Das Alter der dortigen Bäume mag 8–10 Jahre, mithin das beste sein. Wie aber schon bei der Anpflanzung dieses Kaffee’s, beim Setzen der jungen Bäumlein, bedeutende Fehler gemacht wurden (die Bäume stehen oft gar nicht in geraden Reihen und, wo sie nicht zu Grunde gegangen sind, meistens viel zu nahe beisammen), so scheint er auch schlecht bearbeitet worden zu sein.[20] Viele Bäume waren damals ganz klein, manche halb dürr und stellenweise gar viele völlig ausgefallen. Es gibt nicht wenige Plätze darin, wo anstatt 20 kaum 1 Baum steht. So groß aber hier der Mangel an schönen Bäumen, so groß ist der Ueberfluß an großen und kleinen Steinen, welche das Hacken ungeheuer erschweren. Durchgehackt muß nämlich die ganze Pflanzung werden, seien Bäume oder Steine oder auch keines von Beiden darin; das fürchterlich wuchernde Unkraut (Oelbäume, Dörner, Nesseln und grobes Gras) würde sich sonst zu gewaltig emporschwingen.

In dieser Gegend, welche man kurzweg den Steinkopf heißt, wurde uns, d. h. den am 8. Juli 1855 Angekommenen, großentheils Kaffee ausgetheilt. Manche, welche an dem hier erhaltenen zu wenig zu haben glaubten, bekamen anderwärts noch einige Reihen in guter Lage. Mir[21] wurde zuerst ein etwa 2000, dann noch bald ein nahe dabei liegendes, mindestens 3400 Bäume großes Stück zu Theil. Das Stück mit den 2000 Bäumen gab ich später, als meine Familie durch Verheiratung und sonstigen Wegzug der Angeschlossenen bedeutend kleiner geworden war, ab, obschon ich es einmal durchgehackt hatte und für dieses Hacken Nichts [70] erhielt; ich hatte genug an den 3400 Bäumen. Dieses, wie auch das abgegebene Stück war eben mit den oben genannten Untugenden (großen und kleinen Steinen, schlechten, halbdürren Bäumen und großen baumleeren Stellen) gar reichlich versehen. Ich zerschlug manche Hacke in den vielen Steinen und habe fürchterlich viel Zeit und Mühe auf die Bearbeitung dieses Kaffees verwendet; geerntet aber habe ich aus dem ganzen großen Stück in dem sehr reichen Kaffeejahr 1856 nicht mehr, als 329½ Alqueiren Kaffee, weil es eben an gesunden Bäumen so sehr mangelte; die 329½ Alqueiren wurden von den Leuten, welche das ganze Stück näher kannten, noch als eine große Ernte angesehen.

Wie der Hälfteertrag des vom Kolonisten gepflückten Kaffees oder sein Verdienst ermittelt wird, will ich später zeigen. Hier genüge es zu sagen, daß mir dieser Kaffee bei der Rechnung im Juli 1857 nach dem in Aussicht gestandenen höchsten Preise, 460 Reis per Alqueiro, 151 Mlr. 570 Reis oder Fr. 424. 40 Rp. eingebracht hätte, und daß für das folgende Jahr 1857 wohl nicht vielmehr, als ein Fünftel des obigen Quantums voraussichtlich gewesen ist, so daß ich bei der Rechnung im Jahre 1858 mit einem Verdienste von höchstens Fr. 100 hätte figuriren können. Mein Durchschnittsverdienst wäre also zirka Fr. 262, hingegen der Zins meiner Kapitalschuld, Hauszins und alles Derartige nicht gerechnet, bei der Rechnung 1857 über Fr. 280 gewesen. Ich muß zwar hier beifügen, daß mir im Oktoboer 1856, als ich Lehrer wurde und in höchster Achtung stand (das Nähere darüber folgt später), als man nach dem Brief des Hrn. Unterdirektors Heinr. Schmid (s. denselben im Kolonisten Nr. 16, Jahrg. 1857) die Hoffnung hatte, ich werde mich zufrieden stellen lassen und nun still und ruhig bleiben, mein steinichter Kaffee auf mein Gesuch abgenommen und mir schönerer gegeben wurde, ein Stück Kaffee, aus welchem ich aber sehr wahrscheinlich keine größere Ernte erhalten hätte, als aus dem ersten, weil die Bäume hier viel zu eng in einander standen.

[71] Was den Kaffee der andern im Jahre 1855 eingetroffenen Kolonisten anbetrifft, so hat es in Bezug auf den Ueberfluß von Steinen vielleicht nur noch Einer vollkommen so schlimm getroffen, wie ich, rücksichtlich der kleinen, magern Bäume und der bäumeleeren Plätze hatte ich mehr Glücksgenossen. In Hinsicht auf die Ernte sind mehrere von ihnen mit mehr, eine größere Anzahl aber mit weniger Alqueiren da gestanden, als wie ich hatte. Die ältern Kolonisten, welche in der Regel bessern Kaffee haben, pflücken durchschnittlich ein ziemlich größeres Quantum; doch ist der Verdienst auch bei ihnen nicht der Art, daß er dem mit einer großen Schuld belasteten Kolonisten Hoffnung auf baldiges Freiwerden gibt. Eine der ältesten, fleißigsten und tüchtigsten Kolonistenfamilien, die gute Kaffeepflanzungen hat, pflückte in dem Jahre 1854 ungefähr 1450 Alqueiren, im Jahre 1855 von den ganz gleichen Bäumen etwas über 170 Alqueiren Kaffee. Jene wurden zu 405, diese zu 467 Reis berechnet und bezahlt. Im Jahre 1854/55 verdiente diese Familie mithin 587 Mlr. 290[b 7] Reis, im Jahre 1855/56 aber nur 79 Mlr. 350 Reis, durchschnittlich also 333 Mlr. 320[b 8] Reis oder Fr. 933.30[b 9] Rp. So steht es bei einer der besteingerichteten Familien. Wir wollen nun aber auch sehen, was für ein Resultat heraus kömmt, wenn man eine größere Zahl von Familien, die gutstehenden mit den andern, ins Auge faßt. Dazu diene uns der Bericht des Herrn Dr. Heußer. Nach diesem pflückten im Jahre 1856 sämmtliche Schweizerfamilien mit Ausnahme des Herrn Daniel Schlittler, der als Unterdirektor keine Kaffeebäume hatte, in Ybicaba 26,850 Alqueiren. Daß von den nämlichen Bäumen im Jahre 1857 höchstens der fünfte Theil dieses Quantums, also 5370 Alqueiren gepflückt worden sei, glaube ich ganz fest versichern zu dürfen. Das macht zusammen 32220 Alqueiren, die zu 460 Reis die Summe von 14821 Mlr. 200 Reis einbringen. Auf eine der 62 Familien, welche den obigen Kaffee des Jahres 1856 pflückten, trifft es nicht vollkomen 240 Milreis. Dies ist aber der Verdienst von 2 Jahren; der durchschnittliche Jahresverdienst [72] ist also 120 Milreis oder Fr. 336. – Wie weit kömmt man mit einem solchen Verdienste, wenn man eine große Schuld (die Durchschnittsschuld dieser 62 Familien war bei der Rechnung 1856 ungefähr 830 Milreis oder Fr. 2324. –) zu 6 Prozent verzinsen, Hauszins bezahlen, so theure Lebensmittel, die man bei weitem nicht alle selbst pflanzen kann, genießen und so theure Kleider und Werkzeuge sich verschaffen muß? Wie steht es erst mit den am meisten verschuldeten Familien, wenn man die besserstehenden, welche durch irgend welche Umstände fast oder gar schuldenfrei geworden sind und natürlich die Schulden der andern nicht theilen wollen, von diesen ausscheidet? wie auch mit denen, welche die schlechtern Pflanzungen inne haben, wenn man sie allein ins Auge faßt?

Wie es in Ybicaba mit dem Verdienst des Kolonisten aussieht, haben wir gesehen. Auf etwa 3 andern Kolonieen mag es in diesem Punkte ein wenig besser stehen, auf allen andern aber, so viel mir bekannt wurde, schlimmer, besonders da, wo die Kolonisten fast buchstäblich nur die ganz kleinen Bäumchen groß ziehen müssen, wo sich ihr Verdienst in dem guten Jahre 1856, ohne das folgende schlechte Jahr in Berücksichtigung zu ziehen, im Durchschnitt auf höchstens Fr. 154. belaufen hat. Bei diesem Verdienste fällt auf diese Leute ein durchschnittlicher Zins von beinahe Fr. 200. –, ohne Hauszins und alles Andere. Auf einer andern Kolonie ist auch der Fall vorhanden, daß die Kolonisten kaum ein Fünftel soviel Bäume erhielten, als sie bearbeiten könnten.

Nachdem wir den Kaffee und den daraus folgenden Verdienst in Ybicaba und anderwärts kennen gelernt haben, dürfen wir wohl folgende 2 Fragen stellen: 1) Wie steht es mit Art. 4, litt. 3 des Kontrakts, worin sich die Gesellschaft Vergueiro verpflichtet, jedem Familienvater diejenige Zahl Kaffeebäume (hier versteht man darunter tragbare, nicht ganz kleine, halbdürre Bäume oder, wie es auch Fälle gibt, Steine anstatt der Bäume) zu übertragen, welche er bebauen, pflücken und pflegen kann? 2) Konnte die Gesellschaft Vergueiro je im Ernst daran denken, aus dem [73] halben Ertrage des dem Kolonisten zufallenden Erntetheiles in Zeit von 5 Jahren seine Schulden abzuzahlen, wie es nach dem 2ten und 3ten Nachtragsartikel[22] geschehen sollte, oder mußte sie Anderes im Plane haben?

Eine noch viel wichtigere Frage ist aber, um in Betreff des Verdienstes auf das Hauptsächlichste zu kommen, folgende: Wie wird der 6te Artikel des Halbpachtkontrakts gehalten, der also lautet: „Nach geschehenem Verkaufe durch die Gesellschaft Vergueiro gehört ihr die eine Hälfte des reinen Ertrages und die andere Hälfte den Kolonisten“? Der Hälfteertrag des Kaffees würde natürlich ganz sicher ermittelt, wenn man die Zahl der von allen Kolonisten gepflückten Alqueiren in den reinen Erlös alles verkauften Kaffees dividirte und dann die Hälfte des so erlangten Preises mit der Zahl der von den einzelnen Kolonisten gelieferten Alqueiren multiplizirte. Bei diesem einfachen und gerechten Verfahren würde es dem Herrn und dem Kolonisten zu gleichem Vortheile gereichen, wenn der Kaffee gut wäre, und wenn wenig davon verloren ginge; eben so hätten sie auch allfällige Verluste gleichmäßig zu theilen. Diesen einfachen und rechtlichen Weg wollen die Herren Fazendeiros aber nicht einschlagen, sondern sie verlangen, daß die Kolonisten ihnen 3 Alqueiren für jede Arroba, deren Hälfteertrag sie jenen, den Kolonisten, zahlen, liefern müssen, oder mit andern Worten, sie verlangen, daß die Kolonisten sich begnügen sollen, wenn sie für jeden Alqueiro die Hälfte von dem dritten Theil des Werthes einer Arroba erhalten. Damit wird aber der oben angeführte Art. 6 völlig vernichtet; denn 3 Alqueiren Kaffee in der Hülle geben, wie wir nun sehen wollen, viel mehr als 1 Arroba (32 Pfd.) Gewicht. Ich selber habe einmal 1 Quart (¼ Alq.) dürren Kaffee, der also einen kleinen Raum einnahm und deßhalb am meisten Gewicht gab, gehörig präparirt und die reinen [74] Bohnen durch den Schlächter auf dessen neuer Waage wägen lassen. Sie wogen völlig 5¾ Pfd.; 1 Alqueiro hätte also 23 Pfd. geliefert. Ein anderer Kolonist nahm 1 Alqueiro ganz rothen Kaffee, welcher die dicksten, größten Hülsen hat und also am wenigsten reine Kaffeebohnen, das kleinste Nettogewicht, bringt, und machte ihn auch ganz rein. Er erhielt 15 und, wenn ich nicht sehr irre, völlig ½ Pfd. Diese 2 Alqueiren, von denen der eine möglichst viel, der andere möglichst wenig wog, hatten also zusammen ein Gewicht von mindestens 38½ Pfd. oder ein Durchschnittsgewicht von 19¼ Pfd. Die ältesten Kolonisten, von denen man zuerst blos 2 Alqueiren auf 1 Arroba, später 2½ verlangte, die jetzt aber auch 3 liefern müssen, machten ähnliche Proben mit solchem Kaffee, den sie aus der Pflanzung von den Haufen wegnahmen. Diese Proben stellten 19–21 Pfd. per Alqueiro an den Tag. Wir wollen noch eine Probe anstellen, die Jeder nachmachen kann. Im Oktober 1857 wog ich in Schiers, wo der Kaffee sicherlich nicht schwerer ist, als in der feuchten brasilianischen Luft, 1 Viertel oder Sester von mittelmäßigem Rio-Kaffee. Ich erhielt 19 Pfd. 17 Lth.; 2⅔ Viertel oder 1 Alqueiro wiegt also 521/12[b 10] schweizerische oder fast 57 brasilianische Pfunde à 459 Gramm. Mehr als 3/5 nimmt das Maaß des Kaffees durch die Präparation u. s. w. nicht ab; wir wollen aber annehmen, daß es ⅔ abnehme und nur ⅓ bleibe. In 1 Algueiro reinen Bohnen oder fast 57 Pfd. erfordert es also 3 Alq. Kaffee in der Hülse, oder 1 Alq. ungereinigten Kaffees gibt fast gar 19 Pfd. (Bei der Annahme, daß 2/5 des Maaßes blieben, gäbe es natürlich ein größeres Gewicht.) Bei möglichster Gewissenhaftigkeit glaube ich behaupten zu dürfen, daß 3 Alq. Kaffee in der Hülse mindesten 57 Pfd. reine Bohnen geben, nicht bloß 32, wie die Herren den Kolonisten verrechnen und bezahlen. Dieses Resultat kömmt bei solchen Versuchen an den Tag, und daß wir nicht zu große Annahmen gemacht, mithin auch kein zu großes Fazit bekommen haben, beweisen uns die Aussagen verschiedener kleiner Kaffeepflanzer, [75] die ihren Kaffee selbst oder durch Neger bearbeiten und sagen, daß es zu 1 Arroba reinen Bohnen ungefähr 1½ Alq. Kaffee in der Hülse erfordere, oder daß 3 Alq. zirka 64, anstatt bloß 32 Pfd. geben. Wie viel gebührte also den Kolonisten für 1 Alq. Kaffee? Wir wollen der hier anzustellenden Rechnung nicht die Angabe der so eben genannten Kaffeepflanzer, daß 3 Alq. 64 Pfd. geben, sondern unser Fazit zu Grunde legen, wornach von diesem Maaß bloß ein Gewicht von 57 Pfd. herauskömmt. Nach dem Berichte des Herrn Dr. Heußer[23] galt in Santos die Arroba Kaffee 4400 Reis. Davon geht weg

für Transport 1040 Reis,
Präparation oder Zubereitung 400
3 Prozent Verkaufsprovision 132
Zoll in Cubatao 30 [24]
1602 Reis.

Der reine Ertrag einer Arroba Kaffee wäre also 2798 Reis. Wenn nun 32 Pfd. oder 1 Arroba mit 2798 Reis bezahlt werden, so gelten 19 Pfd., das Gewicht von 1 Alq., 1661 Reis. Davon gehören dem Halbpachtkolonisten 830 Reis. Statt dessen bekam er aber im Jahre 1856 nur 467 Reis, also 363 Reis zu wenig, wovon später noch die Rede sein wird. (Nach der Aussage der gedachten Kaffeepflanzer träfe es dem Kolonisten 932 Reis.) In ziemlicher Uebereinstimmung mit den so eben gefundenen Resultaten steht es auch, wenn, was wir durch Verschiedene vernahmen, Herr Vergueiro den kleinen umliegenden Kaffeepflanzern für 1 Alq. ungereinigten, aber ganz dürren Kaffe, wenn er schön war, mindestens 2 Milreis gezahlt hat. Auch das scheint ein Beweis der Richtigkeit unserer Rechnung zu sein, daß ein Herr, der eine neue Kolonie errichten und gewiß dabei auch [76] gewinnen wollte, gegen Ende 1856 Kolonisten suchte und nebst Gewährung eines freien Pastos und 4jähriger völliger Zinsfreiheit Jahr für Jahr 800 Reis für den Alq. Kaffee bezahlen wollte; und zudem soll sein Kaffee recht schön gewesen sein.

Worauf stützt sich aber Herr Vergueiro und mit ihm die andern Herren Fazendeiros bei ihrer Rechnungsweise? Antwort: Auf Art. 5, litt 4 des Kontraktes, welcher (man sehe ihn in Beilage Nr. 1) gar nicht einmal ein zwischen dem Herrn und dem Kolonisten vorkommendes Verhältnis bespricht, sondern Letzterm die Pflicht auferlegt, für jede ihm gehörende Arroba Kaffee nach dem Verhältniß von 3 gestrichenen Alqueiren in der Hülle 400 Reis Reinigungsgebühr zu bezahlen, soferne er seinen Kaffee nicht selbst reinigt. Nach Art. 5, litt. 3 sind nämlich die Kolonisten verpflichtet, ihren Kaffee gemeinschaftlich für den Markt zuzubereiten. Falls dieses von dem Einen oder dem Andern nicht geschieht, so setzt der folgende Punkt, Art. 5, litt. 4 fest, was diese den Uebrigen, welche ihnen den Kaffee gereinigt haben, dafür vergüten müssen. Das ist Alles, was mit gedachtem Punkte gesagt ist. Die Herren sagen aber, mit diesem Punkte haben die Kolonisten unterzeichnet, daß sie ihnen für jede Arroba 3 Alqueiren liefern wollen. Das sehen die Herren in diesem Punkte; das aber wollen sie nicht sehen, daß der Kontrakt den Titel: „Kontrakt auf halbe Rechnung“ führt, und daß der Art. 6, der die Theilung des Kaffeeerlöses beschlägt, gar Nichts von einer Reduktion der Alqueiren in Arroben weiß, sondern dem Kolonisten die Hälfte des reinen Ertrages von all seinem Kaffee zusichert, geben dann die von ihm gepflückten Alqueiren so viele Arroben, als sie wollen. Was für einen Namen man einer solchen Handlung zu geben habe, muß ich keinem rechtlichen Manne sagen. Mir scheint auch, daß Art. 5, litt. 4 mit seinem Reduktionsverhältniß nur deßhalb in den Kontrakt aufgenommen worden ist, um einen Scheingrund zu einer solchen Uebervortheilung zu haben; denn in Ybicaba und, so viel mir bekannt, auch anderwärts [77] hat man nie verlangt, daß die Kolonisten den Kaffee reinigen sollen. In Ybicaba ist zu diesem Zwecke eine kostspielige, von Negern gehandhabte Maschine errichtet worden.

Wir haben nun 2 wichtige Ursachen, warum der Verdienst des Kolonisten so klein ist, kennen gelernt und gesehen, daß sie in Umständen bestehen, welche die Eigenthümer der Kolonieen in einem schlimmen Lichte erscheinen lassen. Man höre aber noch Eines. Daran, daß 3 Alqueiren, auch wenn sie die gesetzliche Größe haben, fast doppelt so viel reinen Kaffe geben, als den Kolonisten bezahlt wird, ist es noch nicht genug; diese müssen es sich oft auch noch gefallen lassen, daß ihnen ihr Kaffee mit einem zu großen Maaße weggemessen wird. Wenn das schweizerische Viertel, das 15 Litre hält, 10/18 Kubikfuß Hülle hat, so sollte der Alqueiro, der 40 Litre faßt, 113/27 oder in Dezimalen, die wegen dem Folgenden nöthig sind, 1,481481 Kubikfuß Raum einschließen. Das Quartmaaß (¼ Alq.) in Ybicaba, das ich mit einem schweizerischen Zollstab genau maß (es ist wie der Alqueiro nicht zylinderförmig, sondern viereckig und deßhalb leicht zu berechnen), hat eine Länge und Breite von je 9″ 6‴ und eine Höhe von 4″ 7‴. Sein Kubikinhalt ist also 0,433152′ und der eines Alqueiro 1,732608′. Dieser ist also um 0,251127 Kubik.-F. (völlig ¼) größer, als er nach der obigen Rechnung sein sollte. Größer als die Alqueirenmaaße[s 4] zweier Kaufleute in Rio de Janeiro, die ich maß und berechnete, ist er um 0,202752 (völlig 1/5) Kubikfuß. Das ist bei dem Maaße in Ybicaba der Fall, das wir als das richtigste, möglichen Falls als das ganz richtige hielten. Bei der Ernte 1856 war aber mehrere Wochen lang neben 2 Maaßen von der angegebenen Größe noch ein drittes im Gebrauche, das bedeutend größer war, als die andern. Ein Kolonist, der die Größe dieses Maaßes einmal erfahren hatte und keine zweite Probe mehr machen wollte, protestirte gegen den fernern Gebrauch dieses Maaßes, worauf es demjenigen Küfer, zur Regulirung gegeben wurde, der es früher gemacht hatte, und der von Kolonisten etwelche Vorwürfe [78] darüber erhielt, daß er es zu groß gemacht habe. Dieser Küfer sagte dann später, daß er dieses Maaß, um es den andern gleich zu machen, ziemlich niedriger, kürzer, machen mußte. Von etwelchen andern Kolonieen hörten wir von noch größern Kaffeemaßen, und Herr Dr. Heußer fand dieses nach seinem Bericht ebenfalls. Er traf ein Alqueiromaaß, das fast um 3/8 zu groß war, und entdeckte auch, daß an einem Orte das Maaß beim Wegmessen des den Kolonisten gehörenden Kaffees gehäuft, beim Zumessen der von ihnen gefaßten Lebensmittel aber gestrichen wurde, und daß an einem andern Orte zum Messen des Kaffees ein größeres Maaß im Gebrauche war, als zum Messen der Faßwaaren; er fand aber auch, daß mehrere Maaße, ihrer ungleichen Größe ungeachtet, von den dazu bestimmten Landesbehörden legalisirt waren oder mit den gesetzlichen Normalmaaßen übereinstimmten! Ein merkwürdiger Umstand!

Das Pflanzland wurde uns etwas früher gegeben, als das so eben beschriebene Kaffeeland, doch aber erst, als die ältern Kolonisten zum Theil[b 11] schon angepflanzt hatten, und es auch für uns wohl spät war, um den größtmöglichen Ertrag erzielen zu können. Zuerst theilte man uns und noch einigen ältern Kolonisten, welche zu wenig Land hatten, eine Strecke aus, welche wir unerfahrenen Neulinge vorher manchmal als einen jungen, grünen Wald mit mindestens 10–12 Fuß hohen Bäumchen angeschaut hatten. Da sollten wir ein Stück für Reis, das Uebrige für Mais herrichten. Abphossen und brennen durften wir das Gehölz aber nicht; denn es stand schon junger Kaffee darin. Beim Zutheilen nahm man auf die Größe der Familie keine Rücksicht; jeder maß man, bestand sie aus 3–4 oder aus 10–12 Gliedern, vorne ein 14 Schritte breites Stück zu; nur der Rest, welcher der letzten Familie zufiel, war mehr als doppelt so groß, wie die übrigen Theile. Die bedeutende Länge eines solchen Theiles war durch die Lage bestimmt, indem ein querlaufendes Bächlein derselben ein Ende machte. Wie die gerade Richtung durch diesen Wald hinein beizubehalten sei, mußten die Kolonisten selbst sehen.

[79] Da die Direktion sah, daß wir, ausgenommen diejenige Familie, welche den Rest hatte, an dem so eben erhaltenen viel zu wenig Land haben: so sorgte sie dafür, daß uns ein zweites Stück zu Theil wurde. Dazu bestimmte man eine Strecke, welche vor ein paar Jahren niedergeschlagen und gebrannt, unterdessen aber nicht benützt worden und nun wieder mit ziemlich großem Gehölz ganz dicht bewachsen war. Hier befand sich noch kein Kaffee, und es durfte deßhalb abgephoßt und gebrannt werden. Bei der Zutheilung handelte man hier nach derselben Regel, wie das erste Mal. Das mir hier gewordene Stück maß ich einmal mit einer Schnur möglichst genau und fand 45991 ☐′. Die Lage des Stückes und andere der Direktion nicht zur Last fallende Umstände brachten es aber mit sich, daß dieses mein Loos etwas kleiner war, als die meisten andern. Mein erstes Loos mochte ungefähr 4 mal den dritten Theil dieses zweiten, mithin zirka 61320 ☐′ enthalten haben, so daß sich mein sämmtliches Pflanzland auf etwa 107311 ☐′ oder nicht völlig 27/10 Juchart belief. Reis erhielt ich nicht völlig 6 Alqueiren, Mais ungefähr 20–30 Alqueiren. Das war nebst einem großen Sack voll Cara die ganze Ernte, welche ich aus dem mir angewiesenen Pflanzlande zog, eine Ernte, welche in Brasilien für eine viel kleinere Familie, als wie die meinige war, bei aller Sparsamkeit kaum ausreicht. Es muß zwar bemerkt werden, daß das Jahr 1855/56 eher ein Fehljahr war. Der Reis sollte während seiner Blüthe dunkles, feuchtes Wetter haben, anstatt dessen war damals aber heißer Sonnenschein, und ein Theil des Maises wurde ziemlich früh durch Sturm und Regen umgeworfen, so daß er leicht blieb. Doch auch bei guten Jahren läßt sich dem brasilianischen Boden bei seiner ganz oberflächlichen, schlechten Bearbeitung trotz seiner großen Triebkraft nicht so viel abgewinnen, als man hier zu Land aus einem gleich großen Raume zieht. Was man hier durch Anwendung von allerlei Mitteln, durch eine tüchtige Kultur, zu erlangen sich bemüht, das sucht man dort in der Größe der Pflanzfelder zu erreichen. Eine [80] große Familie muß also, wenn sie für ihren ganzen Bedarf hinreichend pflanzen können soll, gar viel Pflanzland haben, mehr, als vielen Kolonisten in Ybicaba zu Theil wurde. Andere Familien dagegen sind bei der völligen Willkür und Regellosigkeit, womit das Pflanzland von jeher vertheilt wurde, in den Besitz einer viel größeren Strecke desselben gekommen. Zu diesen gehören hauptsächlich die ältesten Kolonistenfamilien, von denen man es früher, als der Wald noch dicht an die Kolonie stieß, gerne sah, wenn sie eine recht große Strecke in Beschlag nahmen und urbarisirten. Doch auch diese können jetzt bei weitem nicht mehr so viel pflanzen, wie in der frühern Zeit, welche sie im Vergleich zur jetzigen die goldene nennen. Noch muß ich beifügen, daß ich bei Hause auch noch einen Theil von dem großen viereckigen Platze in der Mitte der Kolonie inne hatte und diesen, wie die übrigen Theilhaber, hauptsächlich mit Mandiocca, Bataten und Margaridli bepflanzte. Es ist dieses aber ein sogenannter öffentlicher Platz, der uns zu jeder Zeit eben so gut hätte entzogen werden können, wie er uns bewilligt wurde.

Auf den meisten andern Kolonieen soll es in Bezug aufs Pflanzland bedeutend besser, auf etwelchen andern aber auch noch viel schlimmer aussehen, als auf Ybicaba; auch soll es wenigstens an mehrern Orten gestattet sein, dieses oder jenes übrige Produkt zu verkaufen, ohne die Hälfte des Erlöses an den Eigenthümer der Kolonie auszahlen zu müssen. In Ybicaba hat es Fälle gegeben, daß der Herr die Hälfte des Erlöses für sich einkassirte, wenn z. B. ein Kolonist ihm selbst ein Quantum Reis zu kaufen gab, dagegen andere Artikel fassen oder kaufen mußte, oder wenn ein anderer ein von ihm großgezogenes Schwein verkaufte und auch genöthigt war, diesen oder jenen Artikel zu fassen. Bei der Beurtheilung solcher Fälle und bei der Beantwortung der Frage, ob die Kolonisten so viel Land haben, als ihnen kontraktgemäß gebührt, kommt es darauf an, wie Art. 4, litt. 4 und Art. 7 des Kontrakts zu verstehen und mit einander [81] in Einklang zu bringen seien. Art. 4 Litt. 4 lautet also: „Die Gesellschaft Vergueiro übernimmt die Verpflichtung, den Kolonisten auf einem dazu tauglichen Boden und an dem dazu bestimmten Orte den Anbau der zu ihrem Unterhalt nöthigen Lebensmittel zu ermöglichen.” Art. 7 heißt also: „An den von den besagten Kolonisten erzielten und von ihnen verzehrten Nahrungsmitteln hat die Gesellschaft Vergueiro keinen Antheil, verlangt aber die Hälfte von denjenigen, welche verkauft werden.” Wenn nun der Kolonist unter den zu seinem Unterhalte nöthigen Lebensmitteln, wie es in Art. 4, litt. e heißt, nicht nur Mais, Reis, Cara, Mandiocca, Kürbisse etc., sondern auch Milch, Speck, Salz, den dort eben so nöthigen Zucker etc. verstehen und sich diese theils durch Haltung von Kühen und Schweinen, welche auch Mais und Kürbisse haben wollen, theils durch Umtausch verschaffen darf: so hatte Herr Vergueiro, wie ich versichert bin, in den angegebenen Fällen kein Recht zum Einkassiren der Hälfte des Erlöses; dann haben auch fast oder gar keine Kolonisten in Ybicaba genug Pflanzland. Wenn aber Art. 4, litt. durch art. 7 so eingeschränkt wird, daß der Kolonist schuldig ist, bevor er aus dem Erlöse eines von ihm gepflanzten und verkauften Produktes sich die übrigen Nahrungsmittel, welche er nicht pflanzen kann, angeschafft hat, dem Herrn den betreffenden Hälfteerlös zu erstatten: so stand der Herr bei seinen oben genannten Forderungen natürlich im Rechte, und dann müssen auch fast alle Kolonisten ihre Klage über zu wenig Pflanzland zurückziehen. Mit welchem Rechte dürfen dann aber die Kolonisten den Mais und die Kürbisse, welche sie nicht selbst verzehren, Kühen, Schweinen und Hühnern geben, um sich Milch, Speck und Eier zu verschaffen? Kömmt solches nicht auf das Nämliche hinaus, wie wenn man den überflüssigen Theil eines Produktes verkauft und dagegen ein fehlendes Produkt kauft? Wann tritt dann die Möglichkeit ein, daß der Kolonist „das Nöthige durch sich selbst erlangen kann“[s 5] (siehe Art. 4, litt. 2.)? Oder ist es gemeint, daß der Kolonist gleich dem schwarzen Sklaven den [82] Mais, Reis und die Bohnen ungesalzen und ungeschmalzen genießen soll?

Was der Kolonist in gesunden Tagen zu thun, und wie er sich behandeln zu lassen habe, ist uns nun meistens bekannt geworden; nur die Abrechnung ist noch nachzuholen. Ehe wir aber dieselbe kennen lernen, wollen wir noch sehen, was für den kranken und verstorbenen Kolonisten gethan wird. Daß es namentlich unter den neu Angekommenen viele Krankheits-, auch mehrere Todesfälle gebe, habe ich schon gesagt, und dies ist nach Allem, das wir nun wissen, auch sehr begreiflich.

In den ersten Tagen unseres (der im Juli 1855 Angekommenen) Aufenthaltes in Ybicaba sagte uns der dortige Direktor Jonas, daß die Fazenda einen Kontrakt mit einem Arzte geschlossen habe, wornach dieser wöchentlich regelmäßig 3 Male die Kolonie besuchen müsse. Diejenigen Kolonisten, welche nun 6 Milreis (Fr. 16. 80 Rp.) zahlen, d. h. sich in ihre Rechnung einschreiben lassen wollen, haben damit diese Gänge des Arztes für 1 Jahr bezahlt; wer es nicht thue und dann doch Besuche des Arztes bedürfe, müsse diese extra bezahlen, und dieses kostet in Brasilien viel Geld. Ein ärztlicher Besuch nach einem Orte, der 1 Legua (1½ Stund) vom Wohnorte des Arztes entfernt ist, kostet in der Regel 10 Milreis, gleich Fr. 28.–, ein Gang von 5–10 Leguas mithin 140–280 Franken. Drei Aerzte, von denen der Letzte einige Monate selbst auf der Kolonie wohnte, versahen dieselbe auf diese Weise bis in die Mitte des September 1856, also von unserer Ankunft an ungefähr 14½ Monate lang. Wer nun von uns auf den genannten Antrag einging, hatte bei der am 31. Juli 1856 geschlossenen Jahresrechnung diese 6 Milreis zweimal in seinem Büchlein, das erste Mal unter dem Datum der ersten Hälfte des Juli 1855, das zweite Mal uner dem bezeichneten Rechnungsdatum. Es waren auch einige Kolonisten, welche von diesem Antrage Nichts wollten und bei dieser Abrechnung doch die 6 Milreis in ihrem Büchlein hatten, und eine Familie wurde mit diesem [83] Arzt-Wartgeld bedacht, obschon sie nach der Abreise des letzten Arztes auf die Kolonie kam; es ist auch vorgekommen, daß solche Kolonisten, welche gegen eine derartige Belastung mit den 6 Milreis protestirten, vom Direktor Jonas die ungefähr so lautende Antwort erhielten. „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Es ist schon angedeutet, daß diese 6 Milreis nur als die Bezahlung der regelmäßigen Gänge betrachtet wurden; die ganze übrige Behandlung, so wie auch die Arzneien mußten noch besonders bezahlt werden, und dies macht auch bei den kleinsten dort üblichen Taxen viel aus. Ich habe für Solches fast doppelt so viele Milreis in meinem Rechnungsbüchlein, als ich Medizinen empfing, eine Summe von Fr. 113. 40 Rp. Eine ärztliche Rechnung erhielt ich aber nicht; der Arzt gibt die alle von ihm behandelten Kolonisten einschließende Rechnung dem Herrn und empfängt von diesem den ganzen Betrag; der Kolonist erhält seinen Antheil unter dem Titel: „Dem Doktor N.“ in einer Summe in sein Büchlein. Habe ich das Bisherige geschrieben, so darf ich auch das Folgende nicht verschweigen. Es war nämlich während der ganzen Zeit, daß Aerzte da waren, und noch etwas länger ein Mann auf der Kolonie, der ziemliche chirurgische und auch sonstige medizinische Kenntnisse besaß, der in Verbindung mit dem jeweiligen Arzte die ärztliche Pflege der Kranken besorgte und sich ganz diesem Fache widmete, für seine besondern Bemühungen aber auch von den Kolonisten bezahlt werden mußte. Wahr ist auch, daß die Direktion sich der Kranken durch Rathertheilung und durch sonstige Hilfeleistung oft wacker annahm, und dies ist in einem Lande, wo der arme Kranke kein rechtes Mehl, Brot, Butter, Hafergrütze, Pflaumen u. s. w. kaufen kann und nur an Reisschleim, Hühnerbrühe und, wenn es die Krankheit erlaubt, an Eier und Orangen gewiesen ist, hoch anzuschlagen. Beerdigt werden in Ybicaba die Verstorbenen, Protestanten wie Katholiken, auf einem Gottesacker, der aber nicht, wie der ehemalige Herr General-Konsul Perret-Gentil nach der schon einmal angeführten Schrift des Herrn Dr. F. Schmidt [84] berichtet haben soll, mit einer Mauer, sondern mit einem dort gewöhnlichen hölzernen Zaune umgeben ist. Es findet auch meistens ein anständiges Geleite des auf einer Bahre hinausgetragenen, im Sarge liegenden Leichnams statt, und fast immer wird von einem Kolonisten ein Leichengebet gelesen, oft auch vom Chor ein Begräbnislied gesungen.

Auf den meisten andern Kolonieen müssen die Kranken entweder ohne Arzt bleiben oder denjenigen der nächsten Stadt benützen, der aber in keiner nähern Verbindung mit der betreffenden Kolonie steht. Ist diese noch ganz neu, so müssen die Kranken meistens sogar derjenigen Krankenspeisen, welche in Ybicaba noch zu haben sind, entbehren und oft rath- und hilflos verschmachten.

Auf den meisten dieser Kolonieen werden die Verstorbenen gewöhnlich ohne weiteres Geleit von ein paar Freunden oder von den nächsten Anverwandten ohne Bahre, zuweilen auch ohne Sarg nach einem Walde getragen und dort beerdigt, ausgenommen diejenigen Katholiken, die nach dem Wunsch der Ihrigen nach dem Kirchhofe der nächsten Stadt getragen und dort begraben werden, soferne dieses angeht. Es gibt nämlich solche Herren, die zuweilen die zu einem Sarge nöthigen Bretter oder das zur Bestreitung der nöthigsten Begräbnißspesen erforderliche Geld verweigern, auch Nichts thun, die Leiden eines Kranken zu erleichtern; dagegen gibt es auch andere Herren, die für Kranke und für Anverwandte von Verstorbenen mehr Gefühl zeigen.

Nach so Manchem folge endlich die große Rechnung, die in Ybicaba jährlich am Ende des Juli gehalten wird. Diejenige vom Jahr 1856 diene uns zum Muster.

Ungefähr um die Mitte des Juli oder noch etwas früher wurden allen Kolonisten die Rechnungsbüchlein, ihre einzigen Wehrmittel im Rechnungswesen, durch den Unterdirektor abgefordert, und Herr Direktor Jonas begann die Rechnung jedes einzelnen Kolonisten ohne dessen Beisein, allein, zu machen und sowohl in seinem Hauptbuche, als auch in den Rechnungsbüchlein der Kolonisten abzuschließen. Das war [85] ein schweres Geschäft und dauert bis in die zweite Hälfte des August.

Bald nach dem Beginne der Rechnung (im Juli) hieß es, es gebe eine gute Bezahlung für den Kaffee von 1855. Herr Direktor Jonas hat selbst einem Kolonisten für seinen Kaffee 37 Vintems (740 Reis) per Alqueiro geboten; ja man sprach endlich sogar von 798 Reis. Das erweckte fröhliche Gesichter und ziemlich vergnügte Gespräche unter den ältern Kolonisten, und auch wir 1855ger Kolonisten, die wir zwar noch keinen eigenen Kaffee zu verrechnen hatten, sondern nur mit unserm 8 Vintems- (160 Reis) Kaffee vortreten konnten, bekamen Muth und rechneten schon aus, wie viel uns die reiche Ernte des Jahres 1856 dann bei der Rechnung 1857 einbringen werde, um so mehr, da Herr Luiz Vergueiro während derselben Zeit mir einmal selbst gesagt hat, er hoffe nächstes Jahr (1857) noch mehr für den Kaffee zahlen zu können, als dieses Jahr. Doch nach und nach wurde diese Fröhlichkeit wieder gedämpft durch das Gemurmel, es gebe viel weniger (eine kleinere Kaffeebezahlung), als es früher geheißen habe.

Auf den 24sten August wurden endlich alle Kolonisten zum Herrn Direktor beschieden, um das Resultat der Rechnung zu vernehmen, die Rechnungen im Hauptbuche zu unterzeichnen und die eigenen Rechnungsbüchlein wieder in Empfang zu nehmen. Zuerst wurde dann vom Direktor aus den mehr als zur Hälfte versammelten Kolonisten eine sogenannte Rechnungskommisssion, aus 6 oder 8 Männern bestehend (die Zahl derselben weiß ich nicht mehr genauer anzugeben), gewählt und den Gewählten befohlen, sich um den großen Tisch herum zu setzen, auf welchem das große Hauptbuch und die Büchlein der Kolonisten, so wie auch ein großer Rechnungsauzug von Santos lagen. Diesen Rechnungsauszug las Herr Direktor dann vor und, nachdem dieses geschehen, legte er ihn der Kommission zur Prüfung vor. Es waren darin die verschiedenen Quanten des verkauften Kaffees mit den Verkaufsdaten und Verkaufspreisen angegeben. Diese [86] Letztern stiegen von etwas unter 2 Milreis hinauf bis auf 5 Milreis; der herausgekommene Mittelpreis war zirka 4405 Reis. Von diesem wurden dann die verschiedenen, oben, Seite 75, angeführten Spesen von 1602 Reis abgezogen, so daß sich ein reiner Ertrag von 2803 Reis per Arroba herausstellte. Davon behielt das Haus Vergueiro die Hälfte; dem Kolonisten fiel also ein Arroba-Preis von 1401 Reis zu. Nach dem Grundsatze, daß für eine Arroba 3 Alqueiren erforderlich seien, erhielt der Kolonist also für jeden Alqueiro 467 Reis. So weit schmolzen die in Aussicht gestellten 740–798, oder die 830 Reis, welche bei unserer oben angestellten Berechnung herauskamen, zusammen!

Obige Zahlen konnte ich am Abend jenes Tages aus dem Gedächtnisse niederschreiben. Sehr gerne hätte ich bei der Prüfung der Rechnung (ich war auch unter den Gewählten) Mehreres notirt; allein ich durfte es nicht thun, weil der Unterdirektor H. Schmid dicht an meiner Linken und der Oberdirektor Jonas ganz nahe vor mir standen. Das weiß ich jedoch noch, daß der Rechnungsauszug, so weit er zurück und vorwärts langte, keine Fehler enthalten hat. Ob aber die angegebenen Verkaufspreise die richtigen gewesen seien, wußten wir nicht; denn es lagen gar keine weitern Belege dabei. Truppiers sollen ausgesagt haben, daß die Kaffeepreise in Santos größer gewesen seien, als uns angegeben, und der Umstand, daß beim Beginne der Rechnung eine größere Bezahlung in Aussicht gestellt wurde, schien den Kolonisten diese Aussage zu bestätigen. Die später vom Direktor vorgebrachte Ausrede war auch der Art, daß deren Nichtigkeit Jedermann in die Augen sprang. Er habe, sagte er, die Präparationskosten vergessen gehabt. Das wäre eine merkwürdige Vergeßlichkeit, einer so großen Hauptsache, an welche alle ältern Rechnungen, von denen er selbst mehrere gemacht hatte, ferner der Kontrakt und wahrscheinlich auch Herr Vergueiro deutlich genug erinnerten, nicht mehr zu gedenken! Es ist auch nicht zu übersehen, daß die Präparationsspesen auf den Alqueiro nur 133⅓ Reis, nicht 273–331 [87] Reis ausmachen, um welch Letztere der Kaffeepreis von der in Aussicht gestellten Bezahlung heruntersank. – Doch ich gehe zum Verlauf der Rechnung zurück.

Jedem Kolonisten wurde sein Saldo, meistens in einer großen Schuld bestehend, laut vorgelesen; dann mußte er im Hauptbuche die Richtigkeit seiner Rechnung unterzeichnen[25], und darauf erhielt er sein Büchlein, worin Herr Direktor im Namen von Vergueiro und Comp. schon unterzeichnet hatte.[26] Es wurde aber zum Voraus gesagt, wenn Jemand zu Haus in seiner Rechnung Fehler finde, so könne er kommen und dieselben nachträglich verbessern lassen. Allein es hielt sehr schwer, den Herrn Direktor eines Fehlers zu überzeugen, und Protestationen wegen dem Arzt-Wartgeld wurden auf die uns schon bekannte Weise abgewiesen. Eine genaue Prüfung der Rechnung war oft auch deßhalb nicht wohl möglich, weil sie nur in portugiesischer Sprache geführt wurde, deren Wörter wir, wenn es etwas ungewöhnliche waren, nicht verstanden. Folgendes war aber klar: Zu dem letztjährigen Saldo des verschuldeten Kolonisten, zu der Hauptschuld, worin der meistens unverzinsliche Gemeindevorschuß ebenso gut als Anderes enthalten war, wurden die Beträge aller im Jahr durch gemachten Fassungen hinzugefügt, dann ein Ungefähres vom Ganzen als zu 6 Prozent verzinslich betrachet, wobei es, wie ich später von Herrn Dr. Heußer erfuhr, vorgekommen ist, daß etwelchen Kolonisten nicht so [88] viel, andern aber auch mehr Zins angeschrieben wurde, als herausgekommen wäre, wenn man den Zins jedes einzelnen Postens nach Zeit berechnet, oder wenn man vom letztjährigen Saldo den ganzen, von allen Fassungen des ganzen Jahres aber den halben Zins genommen hätte, welch Letzteres Grundsatz sein soll. Nebst diesem Zinse und den Fassungen kamen hinzu der Hauszins, das Arzt-Wartgeld und solches, das im Jahr durch zurückblieb, dieses unter dem Namen „Differencia“. In früherer Zeit ist auch Folgendes vorgekommen: Einem Kolonisten (ob mehrern weiß ich nicht), der ein Guthaben hatte, wurde dasselbe nicht von seiner Schuld abgezogen; es wurde kein richtiger Saldo gezogen, kein gehöriger Rechnungsschluß gemacht. Erst bei der künftigen Rechnung fand dieses Guthaben, aber ohne Nachnahme seines Zinses, seine Berücksichtigung, so daß dieser Kolonist diesen Zins verlor, während derjenige seiner Schuld nicht zurückblieb.

Ob und wie viele Fehler anderer Art, Additionsfehler u. s. w., sich in diese Rechnungen eingeschlichen haben, kann ich nicht sagen; ich habe wenige geprüft und wußte, bis Herr Dr. Heußer es mir sagte, nicht einmal, daß bei der höchst oberflächlichen Zinsberechnung einzelnen Familien mehr als 6 prozentige Zinse angeschrieben worden seien; aber ein großer Fehler, der nicht aus Versehen entstanden ist, fällt in diesen Rechnungen besonders auf, und der besteht darin, daß das Reisegeld, der Gemeindevorschuß, auch wenn die Gemeinden keinen Zins verlangten unb erhielten, in der zu 6 Prozent verzinslichen Schuld steckte. Das Haus Vergueiro kassirt also die Zinse von solchen Geldern für sich ein, die nicht ihm, sondern Andern gehören, und die Wohlthat des Zinsnachlasses, welche die Gemeinden ihren armen Ausgewanderten zu gute kommen lassen wollten, kam nicht diesen, sondern dem Hause Vergueiro zu nutze.

Das ist gewiß etwas sehr Charakteristisches und hinreichend, das ganze Unternehmen ins gehörige Licht zu stellen.

Die bei diesem Anlasse an den Tag getretenen Schulden vieler Kolonisten waren wahrhaft schaudererregend und bewiesen, [89] daß die in Europa weit verbreiteten Aussagen, man könne in den dortigen Kolonieen in wenigen Jahren leicht schuldenfrei werden, leere Täuschungen seien. Sie, die Schulden, waren im Vereine mit der schlechten Kaffeebezahlung, mit dem Kommissionsgelde, der Geldreduktion, der Reisegeldzinse, und mit der sonderbaren Theilung des Kaffeeertrages recht geeignet, die Unzufriedenheit der Kolonisten und deren Erhebung, über welche das Nähere später folgt, hervorzurufen. Familien, welche ein Jahr früher ein, wenn auch nicht großes Guthaben hatten und zu den fleißigsten und sparsamsten gehörten, hatten jetzt entweder ein kleineres Vermögen oder sogar eine kleine Schuld, kamen also, ohne ein großes Kapital verzinsen zu müssen, rückwärts; die meisten andern Familien waren, soferne sie nicht mit europäischem Gelde ihre Schulden verkleinern konnten, mit einer viel größern Schuldenmasse belastet, als bei ihrer Ankunft in Ybicaba, trotzdem, daß sie schon damals mit dem Kommisssionsgelde, dem Landreisegelde u. s. w. bedacht waren. Einige Beispiele, wozu ich aber nur fleißige, sparsame Familien wähle, sollen dieses beweisen. Diese Familien hatten Schulden

a) bei der Ankunft: b) bei der Rechnung 1856:
68 Milreis 403 Milreis
183 671
748 1383
495 1240
28 432
244 580
438 791 [27]

So stand es mit einzelnen Familien; nicht besser aber auch mit der ganzen Kolonie. Nach der letzten Seite des Büchleins: „Die Auswanderung als öffentliche Wohlthat, Lichtensteig 1854“, hatten im Jahre 1853 die damaligen 101 Familien [90] zusammen ein Guthaben von 10080 Mlr. 490 Reis, dagegen eine Schuld von 16765 Mlr. 145 Reis, nach Abzug des Guthabens mithin 6684 Mlr. 655 Reis, als Schuld. Bei der Rechnung von 1856 soll die ganze Kolonie, zirka 185 Familien, nach Abzug der Guthaben mindestens 100500 Milreis, (Einige verstanden 105000 Milreis) dem Hause Vergueiro geschuldet haben. Anno 1853 war also die Durchschnittschuld 66 Mlr. 184 Reis, anno 1856 aber 543 Mlr. 243 Reis; sie hat sich mithin in 3 Jahren mehr als verachtfacht. Allerdings hatten die Kolonisten bei der Rechnung 1856 schon vielen unverrechneten Kaffee gepflückt und noch viel zu pflücken; das war aber 1853 auch der Fall, und dann ist nicht zu vergessen, daß auf das reiche Kaffeejahr 1856 das magere von 1857 folgte; bei der Rechnung 1858 gibt es also einen sehr kleinen Verdienst zu verrechnen; möglichen falls kann ein guter dann erst anno 1859 die Schuld etwas verkleinern. Wie sehr muß diese aber bis dahin durch die Kapital- und Hauszinse, durch die Fassung der theuern Lebensmittel, Werkzeuge, Kleidungsstoffe u. s. w. zunehmen! ein wie großer Theil des Verdienstes von 1856 wurde auf diese Weise nur bis zu seiner Verrechnung, bis Ende Juli 1857, verzehrt! Man bedenke dieses!

Wir wollen es nun mit der Rechnung von Ybicaba bewendet sein lassen. Wie steht es aber in Betreff dieses Punktes auf den andern Kolonieen? Ich kann keine genaue Auskunft darüber geben; nur so viel weiß ich, daß es Kolonieen gibt, wo gar nicht alljährlich gerechnet wird, wo die Leute beim Fassen verschiedener Waaren, z. B. Kleidungsstoffe, Werkzeuge, gar nicht wissen, was sie kosten, sondern dann bei der Hauptrechnung die ihnen angeschriebene Summe anerkennen müssen. Wieder gibt es eine Kolonie, wo die ganze Schuld, auch der Gemeindevorschuß, zu 12 Prozent verzinst werden muß. Dieses abgerechnet haben es übrigens die Kolonisten an diesem Orte fast am besten.

Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, daß solche Schulden für die ordentlichen Kolonisten, deren es immerhin eine große [91] Zahl gibt, und denen man vor ihrer Auswanderung nicht nur schnelle Schuldenfreiheit, sondern auch baldigen Besitz von Geld und Gut in Aussicht gestellt hat, etwas Fürchterliches sind. Welch ein gräßliches Aussehen erhalten diese Schulden in den Augen des um seine Angehörigen besorgten Hausvaters aber erst durch die eingeführte Solidarität! Ich kenne Familien, welche bei der Rechnung 1856 1500–2000 und noch mehr Milreis Schulden, dabei noch ganz junge Kinder hatten. Denke man sich den sehr wohl möglichen Fall, daß von einer solchen Familie alle Glieder, das jüngste ausgenommen, wegsterben: so kann dieses bei seinem 16. bis 20. Altersjahre wenigsten eine Schuld von 3000–4000 Milreis, gleich Fr. 8400–11200, antreten und hat dagegen Nichts, als nach allen Seiten gebundene Hände; denn ohne Hauszinse und die großen Kosten des Unterhaltes wird das ursprüngliche Kapital durch die 6 prozentigen Zinse im Laufe seiner Jugendjahre zum mindesten verdoppelt. Um nur den Zins einer solchen Schuld abverdienen zu können, erfordert es bessere Einnahmsquellen und allseitig günstigere Verhältnisse, als wie sie gewöhnlich sind, und ein schwarzer Sklave, den sein Herr gegen Erlegung von ungefähr 2000 Milreis freigeben muß, hat wahrlich schönere Aussichten, als so ein Universalerbe einer, wie man so oft vorgab, freien Kolonistenfamilie. Es ist zwar vorgekommen, daß Herr Vergueiro einem Knaben, der von seiner 5 Personen zählenden Familie allein überblieb, die ganze auf ihn gefallene Schuld geschenkt hat. Daß sich aber solche Schuldschenkungen wiederholen, namentlich dann zur Regel werden sollten, wenn etwa durch verheerende Krankheiten viele Fälle gänzlicher Verwaisung einträten, möchte ich Niemanden in Aussicht stellen. Es ist vielmehr unläugbar, daß es bei der Einführung der Solidarität nur auf das Wohl des Pflanzers in Brasilien abgesehen gewesen ist. In Folge dieser Solidarität wird verlangt, daß einzelne Personen sich an eine Familie anschließen müssen, um als Halbpächter angenommen zu werden, ein Anschluß, der sowohl für die annehmende Familie, als auch für den [92] Angenommenen meistens viel Widerwärtiges im Gefolge hat. Eine weitere Folge dieser Solidarität besteht auch darin, daß, wenn in Brasilien ein Glied einer Familie einen guten Platz, eine vortheilhafte Anstellung fände, es am Willen seines Herrn liegt, die Annahme einer solchen Anstellung zu erlauben oder zu verweigern, und daß wenn auch Bewilligung erfolgt, der neue Herr der fraglichen Person so viel an den frühern Herrn auszahlen muß, als es von der ganzen Schuld der Familie auf die wegziehende Person trifft. Bei ihrem neuen Herrn muß dann diese Person eine im Verhältniß zu ihrer Schuld stehende Anzahl von Jahren, 2, 3–5, zubringen und dienen.

Die Solidarität ist also ein gar schlimmer Punkt, wäre es aber bei weitem nicht in dem Grade, wenn die in Europa gemachten Vorspiegelungen, man könne in Brasilien schnell schuldenfrei werden, nicht eine elende Lüge wären.

Das bisher Betrachtete liegt nach dortiger Anschauungs- und Handlungsweise gleichsam im System; es gehört zum Gewöhnlichen. Wie aber einige Herren auch in außergewöhnlichen Fälle sich auf Kosten armer Kolonisten zu bereichern suchen, soll an folgenden 2 Beispielen noch gezeigt werden. Erstes Beispiel: Eine Kolonistenfamilie, die in Rio de Janeiro landete (ob sie auch wie einige ihrer Reisegefährten vom Agenten Bry in Genf anstatt nach Rio grande do Sul bloß nach dieser Stadt transportirt worden sei, kann ich nicht sagen) und dort ganz arm und verlassen gewesen wäre, wenn sich die dortige schweizerische Hilfsgesellschaft nicht in ihrer gewohnten löblichen Weise dieser Familie angenommen hätte, erhielt bei ihrer Abreise nach dem Innern von dieser Gesellschaft noch Fr. 100. – unter der Bedingung, daß sie diese Summe später, wann sie es dann aus ihrem eigenen Vermögen thun könne, ohne Zins zurückerstatte. Davon, daß diese Summe an das Haus Vergueiro übergehen und von ihm bezahlt werden sollte, sei, wie mir der betreffende Mann sagte, gar keine Rede gewesen, natürlich noch weniger davon, daß genanntes Haus die Zinse davon einkassiren sollte. Als [93] aber dieser Mann kurz nach seiner Ankunft in Ybicaba in Gegenwart des Herrn Unterdirektors H. Schmid von seinen Reiseerlebnissen erzählte und auch dieses Vorschusses erwähnte, wurde ihm derselbe in Ybicaba sogleich zu seiner verzinslichen Schuld hinzugefügt. Bei der Untersuchung hat man dann freilich gesagt, man hätte die fragliche Summe der Gesellschaft ausbezahlt. Mag sein; aber so viel ich erfahren konnte, war dieser nach Verlauf von mehr denn 12 Monaten von dieser Uebernahme noch keine Anzeige gemacht worden, und jedenfalls würde ihr der nicht verlangte, vom Kolonisten aber bezahlte Zins nie behändigt worden sein.

Zweites Beispiel: Einem Manne, der schon in der Schweiz mit dem hiesigen Agenten einen Kontrakt als Töpfer schloß, aber nebst Familie von Hamburg an auf Vorschuß der Gesellschaft Vergueiro reisen mußte, rechnete man den schuldigen Franken (das Reisegeld war in Piastern festgesetzt, aber zugleich auch in den dem Töpfer bekanntern schweizerischen Münzfuß reduzirt) ziemlich höher an, als denjenigen, der ihm als Gehalt versprochen wurde. Sollte jedoch diese Rechnungsweise sich noch irgendwie rechtfertigen lassen, so ist doch das nicht entschuldbar, daß man diesem Manne so viel von seinem fixen Jahresgehalte abgezogen hat, als es auf die Sonn- und Feiertage trifft, d. h. völlig einen Sechstel des ganzen Gehaltes. Die Verwaltung hat zwar einem andern Arbeiter, dem ein gleiches Unrecht zugefügt wurde, dasselbe wieder gut gemacht. Allein dies geschah ganz kurz vor der Untersuchung, vor welcher man gerne alles Unrecht gut gemacht hätte. Ich zweifle aber, daß dieser andere Arbeiter zu seinem Rechte gelangt wäre, wenn die Furcht vor der Untersuchung nicht solchen Einfluß ausgeübt hätte. Als dem Töpfer vom Direktoriat, das nach einer Aeußerung des Verwalters „keinen Federzug ohne dessen Wissen und Willen machen konnte“, der fragliche Abzug gemacht wurde, erhob sich gegen denselben eine kräftige Protestation, aber umsonst; denn damals wußte man von der Untersuchung, so viel mir bekannt, noch Nichts.

[94] Daß es unter den Verhältnissen der Kolonieen, wie wir sie nun kennen lernten, den Kolonisten nicht gefalle, und daß sie oft in der Hoffnung, es gehe auf einer andern besser, dorthin zu kommen trachten, ist begreiflich. Auf welchem Wege kann dies aber möglich werden? Antw. Dadurch, daß der Kolonist den Eigenthümer oder Herrn der andern Kolonie, wohin er zu gehen wünschte, zu bewegen sucht, daß derselbe ihn annehme und ihn von seinem bisherigen Herrn loskaufe. Der Kolonist sucht also in solchen Fällen sich selbst einen neuen Käufer und Eigenthümer. Dieses Suchen zieht ihm aber noch oft eine Strafe zu, weil er für die Tage, die er zu diesem Zwecke braucht, sich gewöhnlich keine Erlaubniß ausbittet. Gelingt dies Vorhaben, so wird er noch oft, wenn er vor Ablauf der einjährigen Ankündigungsfrist von seinem bisherigen Wohnorte wegzieht, in die kontraktmäßige Buße von 50 Milreis (Fr. 140) auf den Kopf verfällt; je nach dem sein bisheriger Herr gesinnt ist, wird sie ihm auch erlassen. Ein solches Herumziehen von einer Kolonie auf die andere ist oft der Fall[28]. Es bringt den betreffenden Kolonisten aber gewöhnlich nur weiter zurück, auch wenn die neue Kolonie wirklich besser ist, als die alte, z. B. einen freien Pasto für die Hausthiere, bessere Bezahlung des Kaffees u. s. w. gewährt. Meistens gibt es wieder bedeutende neue Reiseschulden, lange Zeit wieder theure Lebensmittelfassungen, und gewöhnlich geht durch solchen Wechsel eine Kaffeeernte wenigstens zur Hälfte verloren. Bis nur dieses nachgeholt ist, verstreicht im günstigsten Falle eine ziemliche Zeit. Wenn aber die Kolonisten durch solche Wechsel noch vom Regen in die Traufe gerathen, dann sind sie endlich schlimm genug daran.

Das bisher Auseinandergesetzte bezieht sich lediglich nur auf das Materielle. Wie steht es aber in Hinsicht auf das [95] noch Wichtigere, auf das Geistige? Was für Kirchen- und Schulanstalten bieten sich dem Kolonisten zur Benützung dar?

In Betreff Schule ist, so viel mir bekannt, höchstens noch auf einer andern Kolonie so viel geschehen, als auf Ybicaba. Auf dieser Kolonie sollen vor meiner Ankunft 2 Männer eine Zeitlang Schule gehalten haben. Bald nach meiner Ankunft fand dann zwischen dem Direktoriat und mir eine Unterredung über Eröffnung einer Schule statt, und es kam[b 12] durch dessen Vermittlung auch ziemlich schnell zu einer nähern Verabredung oder zu einem wirklichen Kontrakte zwischen den Kolonisten und mir. Das Haus Vergueiro hielt damals an seinem Grundsatze fest, einem Lehrer, wenn die Kolonisten ihn suchen und halten, jährlich 50 Milreis zu geben; jedes Kind sollte monatlich 320 Reis, zirka 90 Rp. zahlen. Das wurde mir versprochen, und ich hätte die Schule bald beginnen sollen. Was dann aber nebst meiner Krankheit die Eröffnung derselben damals verhindert hat, und wie es gekommen ist, daß im September 1856 eine neue Verabredung zu wege kam, das wird später in dem Geschichtlichen gesagt werden. Hier genüge es zu sagen, daß ich anfangs Oktober 1856 die Schule wirklich eröffnete und sie bis gegen das Neujahr 1857 mit wenigen Unterbrechungen, von da an bis Ende Januar aber nur sehr lückenhaft hielt.

In dem schon genannten großen Schullokale wohnten aber immer solche Kolonisten, deren Häuser noch nicht gebaut oder nicht eingerichtet waren, und so mußte ich einen Theil meiner Wohnung zu einem Schulzimmer bestimmen und durch einen alten Bettvorhang von dem Schlafzimmer meiner Familie trennen. Mit einer sonntags-nachmittäglichen und 8 nächtlichen Schulstunden hatte ich deren im Ganzen wöchentlich 35; Schüler waren es 108, die ich in 3 Klassen, in kleinere und größere Tagschüler und in Nachtschüler, trennen mußte. Die Zahl der Fächer beschränkte sich auf 5, nämlich auf Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und bibl. Geschichte. Fast mit allen Kindern mußte ich ganz vorne anfangen. [96] Mehrere von den ältesten dieser Schüler, 16, 17jährige Leute, in welchem Alter sich in Brasilien Viele verheiraten, kannten noch fast oder gar keine Buchstaben; im Schreiben und in der bibl. Geschichte waren sie gar nicht, und im Rechnen und Singen nur wenig weiter vorwärts. Näher will ich die Kenntnisse dieser Kinder nicht beschreiben, aber das aufrichtige Geständniß beifügen, daß ich sie mit vieler Mühe nur sehr wenig von der Stelle brachte. Abgesehen von der schrecklichen Unbeholfenheit und Unfähigkeit vieler dieser Schüler, deren Eltern aus gar vielen schweizerischen und deutschen Gauen herkamen und meistens zu nichts Anderm weniger befähigt waren, als zu einer vernünftigen und geistbildenden Erziehung, fanden sich in dieser Schule außer einigen A-B-C- und ersten Lesebüchlein, welche Eigenthum kurz vorher angekommener Kinder waren, außer einer Wandtafel und etlichen mit großer lateinischer Schrift beschriebenen Bogen Papier (Wandvorlagen) fast keine Lehrmittel, ein Mangel, der in Brasilien nur durch Herschaffung aus dem fernen Europa zu beseitigen ist. Ich wäre nicht einmal im Stande gewesen, mir weiße Kreide zu verschaffen, wenn nicht ein Kolonist solche aus der Schweiz gebracht und mir gegeben hätte. Es war freilich Plan und Verabredung, das in diesem Fache Nothwendige von Europa kommen zu lassen; allein dazu kam es nicht, und ich mußte mir ohne die nöthigen Lehrmittel zu helfen suchen. So steht es mit der Schule in Ybicaba, welche Kolonie in dieser Hinsicht von keiner andern übertroffen wird; auf einer zweiten ist auch etwas Schule gehalten worden, auf den andern aber meines Wissens nicht.

Rücksichtlich der Gelegenheit zum Kirchenbesuch und zur Benützung der kirchlichen Anstalten besteht ein Unterschied zwischen den katholischen und protestantischen Kolonisten. Jene können in den nächsten Städten, von denen die Kolonieen gewöhnlich ½–3½ Stunden entfernt sind, die Kirche besuchen und dort einer stillen Messe und rauschender Instrumental- (Feld-) musik beiwohnen, nach ihrem Ritus an der Verwaltung der Sakramente theilnehmen und, wenn sie es [97] verlangen, ihre Verstorbenen in geweihter Erde bestatten. Das ist aber, wie mir katholische Kolonisten sagten, Alles, was sie von den dortigen kirchlichen Anstalten haben. In Ybicaba konnten sie einige Monate auch Predigt hören, indem 2 katholische Pfarrer (der eine ein ehmals schweizerischer Jesuit) für kurze Zeit da waren und die kirchlichen Funktionen verrichtete. Was die Reformierten anbetrifft, so soll früher ein Kolonist in Ybicaba eine Zeit lang eine Predigt vorgelesen oder sonst einen Vortrag gehalten haben. Als wir ankamen (im Jahre 1855), war Nichts dieser Art vorhanden. An Pfingsten 1856 erhielt ein Kolonist die Bewilligung, alle Sonn- und Festtage eine Predigt vorlesen zu dürfen, an welche Bewilligung der Auftrag geknüpft wurde, bei Beerdigungen ein Gebet zu halten. Der fragliche Kolonist erfüllte seine selbst gewünschte, wie auch die ihm aufgetragene Verpflichtung mit Eifer und Treue bis Ende September 1856, wo mir dieses Amt aufgetragen und nebst den Obliegenheiten eines Lehrer auch die Funktionen eines Pfarrers bei Gesunden, Kranken und Verstorbenen überbunden wurde, ausgenommen natürlich die Verwaltung der heiligen Sakramente. Von dieser Zeit bis zu meiner Abreise von Ybicaba mußten die dortigen Kolonisten mit dem vorlieb nehmen, was ich ihnen entweder selbst zu geben vermochte, oder was ich ihnen aus guten Predigtbüchern bieten konnte. Nach mir soll wieder mein diesfallsiger Vorgänger seine frühere Thähtigkeit begonnen haben. Auf derjenigen andern Kolonie, wo auch eine Schule eingerichtet ist, hat eine Zeit lang deas Vorlesen von Predigten ebenfalls stattgefunden; anderwärts ist es aber, so viel mir bekannt, nicht vorgekommen. Protestantischer Geistlicher war bisher in der Provinz St. Paulo noch keiner vorhanden; natürlich fehlte es auch am Konfirmationsunterricht und an der Verwaltung der Sakramente nach protestantischem Ritus. Nach jener Gegend zu schließen, wird in Brasilien auch katholischer Seits kein Konfirmationsunterricht ertheilt; nur die 2 vorhin berührten Geistlichen von Ybicaba machten hievon eine Ausnahme. Zu diesen sandten auch einige protestantische [98] Eltern ihre im Konfirmationsalter stehenden Kinder in den Unterricht und zur ersten Kommunion. Getauft werden die Kinder der Protestanten in den katholischen Kirchen der Städte. In einer derselben, und zwar in einer nicht gar weit von Ybicaba gelegenen, will aber der Pfarrer, trotz dem, daß die brasilianische Verfassung die Religionsfreiheit garantirt, und die kaiserliche Regierung sich auch ernstlich bemüht, dieselbe durchzuführen, keine protestantischen Taufzeugen annehmen; in einer andern Nachbarstadt von Ybicaba hat man bisher ungern einen protestantischen Taufzeugen neben einem katholischen angenommen; seit meiner Abreise hat man aber, wie mir ein Freund nach Rio de Janeiro schrieb, auch dort nur katholische Taufzeugen verlangt. Protestantische Ehen werden nicht kirchlich getraut; sie schließen vor einer Zivilbehörde in Gegenwart von selbstgewählten Zeugen, die sich mit unterzeichnen müssen, einen schrifltichen Kontrakt, dessen vorzügliche und fast erste Bedingung die ist, daß die allfälligen Kinder dieser Ehe in der katholischen Religion erzogen werden sollen. Dieser Umstand beweist neben andern, wie die Zivilbehörden den Verfassungsartikeln nachkommen und das Bestreben ihrer obersten Behörde unterstützen. Wie diese auch von Seite der Geistlichen geschehe, haben wir theils schon gesehen; noch deutlicher zeigt sich dies aber in dem Benehmen des obersten Geistlichen von Brasilien, des Bischofs von Rio de Janeiro. Dieser hat nämlich im Anfang des Jahres 1857 eine protestantisch-kirchlich geschlossene Ehe, weil sie nicht nach den tridentinischen Gesetzen geschlossen worden sei, für ungiltig erklärt, um die Frau, welche schon vorher mit einem Katholiken in einem ärgernißgebenden Verhältnisse gelebt hatte, katholisch trauen zu können.

Es wird klar geworden sein, daß die Kolonisten auch in Rücksicht auf Kirchen und Schulen schlimm genug bestellt sind und, wenn nicht geholfen würde, bald elend verkommen müßten. Leicht wäre es auch, die Kinder der aus Europa ausgewanderten Kolonisten, wenn diese einmal nicht mehr da sind, ganz nach Art der Schwarzen zu behandeln, obschon [99] ich nicht behaupten will, daß dieses von Seite aller Herren Fazendeiros im ursprünglichen Plane gelegen sei. So wenig ich aber diese Behauptung aufstellen will, so wenig wollen auch meine Leser aus meiner Darstellung der kirchlichen Verhältnisse den Schluß ziehen, daß ich etwa von Religionshaß erfüllt sei oder solchen pflanzen wolle. Auf der einen Seite wollte ich zeigen, wie wenig die Geistlichen und Weltlichen in jener Gegend den Landesgesetzen nachzukommen verstehen, auf der andern Seite aber die Nothwendigkeit vor Augen stellen, daß den Katholiken wie den Protestanten auch in dieser Hinsicht geholfen werde.

Bei meiner ganzen bisherigen Darstellung hatte ich die Zeit vor der durch Herrn Dr. Heußer vorgenommenen Untersuchung im Auge; auf die bei derselben vom Chef des Hauses Vergueiro gemachten Verbesserungs-Besprechungen lege ich, wie später noch gesagt werden wird, kein großes Gewicht. Hauptsächlich schilderte ich auch die Kolonie Ybicaba. Ich mußte dies thun, weil mir diese als mein brasilianischer Aufenthaltsort am bekanntesten ist; ich durfte es auch thun, weil Ybicaba ja Musterkolonie des Halbpachtsystems sein soll und will. Ja, so stand es schon; man war aber im Begriffe, auf dem betretenen Pfade weiter zu gehen. Schon gab es, wie wir gesehen haben, Fälle, wo den Kolonisten von ihrem Kontrakte wenig mehr gehalten wurde, wo man ihnen fast keinen Verdienst, fast kein Pflanzland anwies, und in Ybicaba wurde gegen Ende des Jahres 1856, ehe man von der Untersuchung noch Etwas wußte, schon ziemlich laut gesagt, daß die von nun an einrückenden Kolonisten einen ganz andern Kontrakt, als den zu Haus unterzeichneten, annehmen und unterschreiben müssen, einen Kontrakt, nach welchem ihnen gar kein Kaffee und kein Pflanzland gegeben worden wäre, nach welchem sie Tag für Tag der Fazenda für einen Taglohn von ½ Milreis (Fr. 1.40 Rp.) arbeiten und dann alle Lebensmittel, Kleider, Werkzeuge u. s. w. dort hätten fassen müssen. Die Verwaltung hat zur selben Zeit verlauten lassen, daß es auch für die ältern Kolonisten besser [100] wäre, wenn sie einen solchen Kontrakt bekämen. Auf einer andern, und zwar einer der bessern Kolonieen, wollte man auch den Kolonisten einen neuen, veränderten Kontrakt vorlegen und sie zur Annahme desselben anhalten; es blieb dann aber aus, weil gerade damals unsere Erhebung begann. Wo hinaus das gehen sollte, muß ich nicht sagen, und Niemand wird mir die Behauptung bestreiten, daß es den Kolonisten an vielen Orten schwerer gemacht ist, sich frei zu machen, als den schwarzen Sklaven, welche keine Schulden haben und dasjenige, was sie in etwelchen Zwischenzeiten und an Sonn- und Festtagen verdienen, an ihre Loskaufung verwenden können. Peitschenschläge mußten sich die Kolonisten bisher im Ganzen noch nicht gefallen lassen. Indeß hat man es doch auch schon probirt, Kolonisten zu schlagen. Herr Dr. Heußer erzäht uns in seinem Berichte, daß der Herr einer Kolonie solche Frauen, die vom Klimafieber fast erschöpft waren, unter Drohungen mit der Faust zur Arbeit angehalten, daß ein anderer Herr einem Sitienbauer sein Gut und damit auch den Kolonisten, der auf dem Gute war, abgekauft habe, und daß dieser Herr den fraglichen Kolonisten in eigener Person geschlagen habe, weil er sich weigerte, den Kontrakt dieses nicht gesuchten und nicht gewünschten Herrn oder Käufers zu unterzeichnen, eine Weigerung, welche erfolglos blieb. Von einer solchen Behandlung ist bis zu den Peitschenhieben, denen die Neger unterworfen sind, wahrlich nur noch ein kleiner Schritt. Und sind die Einkerkerungen, die Geldbußen, die sich von 1 bis auf 100 Milreis belaufen können und den Kolonisten für Beherbergung von Fremden, für unerlaubte Entfernung von der Kolonie, für Beschwerung über ungerechtes Maaß, für das Hilfesuchen bei Oberbehörden und Derartiges nicht von Obrigkeiten, sondern von den Herren Fazendeiros oder den Direktoren, von Privaten, angeschrieben und ohne besondere Umstände nicht wieder nachgelassen werden; sind, frage ich, solche Einkerkerungen und Bußen für Leute, die aus zivilisirten Ländern gekommen sind, und die man fortwährend glauben machen möchte, sie seien frei, den Peitschenhieben [101] nicht an die Seite zu setzen? Und Solches ist vorgekommen. Ich selbst habe Manches davon in Brasilien vernommen, und Anderes hat Herr Dr. Heußer berichtet. Gehe ich, wenn ich alles Vorhandene und Vorgefallene ins Auge fasse, zu weit, wenn ich sage, die Kolonisten befinden sich in einer neuen Art von Sklaverei, in einer Sklaverei, welche für die Herren der Kolonisten sogar noch vortheilhafter ist, als die eigentliche Sklaverei, weil sie die Europäer viel wohlfeiler bekommen, als die Afrikaner (ein schöner Afrikaner kostet jetzt bis über Fr. 5000.–), und weil die Arbeit der Europäer auch mehr Nutzen bringt, als diejenige der Schwarzen? Bei den Europäern haben die Herren über dies noch den Vortheil, daß sie dieselben nicht mit großer Gefahr rauben und über das Meer herholen lassen müssen; man schickt sie ihnen in das Land hinein; diese neue Sklaverei können sie sogar unter dem Schutze der Gesetze treiben. Gewiss wird Jeder, der all das Mitgetheilte recht erwägt, meine Frage dahin beantworten, ich sei nicht zu weit gegangen mit meiner Behauptung; die Kolonisten dieses Halbpachtsystems seien bedauernswürdige, betrogene Leute, nichts Anderes, als Sklaven. Ja wohl Sklaven, wie denn auch die Kinder eines gewissen Herrn gesagt haben, „die Kolonisten seien ihre weißen und die Neger ihre schwarzen Sklaven“, oder wie ein anderer Herr seinen Kolonisten offen sagte: „Ich habe Euch von Vergueiro gekauft; Ihr seid mein!“

Aber wie, können denn die Kolonisten mit ihrem Kontrakte in der Hand vor den brasilianischen Behörden keine Hilfe finden? Meines Wissens sind wenige Versuche gemacht worden; die gemachten Versuche sind so ausgefallen, daß die Lust zu weitern nicht aufgekommen ist. Auf einer Kolonie erhoben die Kolonisten bei dem im Kontrakt, Art. 9, bezeichneten Schiedsgerichte Klage über gar zu geringe Bezahlung des Kaffees; ihr Herr wollte ihnen nämlich nur 400 Reis per Alqueiro geben, während auf einer Nachbarkolonie 490 Reis bezahlt wurden. Das zuständige Schiedsgericht erkannte ihnen dann 371 Reis, also 29 Reis weniger zu, als der [102] Herr selbst zahlen wollte. Zwei andere Kolonisten, die da hofften, beim Präsidenten der Provinz mehr zu erlangen, als bei ihrem Schiedsgerichte, wurden nach Anbringung ihrer Klagen an den Präsidenten ihres Gerichtes oder Kreises gewiesen, und dieses war eben ihr Herr, gegen welchen sie klagten. Dieses waren die 2 Kolonisten, welche, wie oben gesagt, für das Hilfesuchen von ihrem Herrn jeder mit 100 Milreis bestraft wurden, welche Strafe dann später freilich in Folge der Verwendung des damaligen Direktors entweder ganz geschenkt oder um ¾ verkleinert wurde. Im Einklange mit solchen Richtersprüchen und Begegnissen steht auch das, daß, wie wir gesehen haben, ungleiche, deßhalb unrichtige Maaße von den betreffenden Behörden als richtig erkannt und gezeichnet, legalisirt wurden.

Unter solchen Umständen konnte der Direktor Jonas demjenigen Untervatzerkolonisten, der (siehe Seite 47) auf Grund des Kontraktes gegen die Vertheilung seiner Gemeindsgenossen protestirte, ganz gut sagen: „Ihr müsst wissen, daß Ihr jetzt in Brasilien seid!“ Unter solchen Umständen weiß auch der Kolonist, was er bei den dortigen Schiedsgerichten und Behörden für eine Hilfe zu erwarten hat. Es ist eben der Fall, daß die Herren Fazendeiros, an deren Spitze Herr Vergueiro steht oder zu stehen vorgibt, die Meisterschaft in ihren Händen haben, wie Herr Joze Vergueiro einmal mit folgenden Worten selbst angedeutet haben soll: „Vergueiro hat die Schlüssel zu den Gefägnissen Brasiliens!“ oder ein ander Mal: „Vergueiro fürchtet Niemand, als höchstens Gott!“ Herr Verwalter Luiz Vergueiro sprach einmal (Ende 1856) gar: „Das Haus Vergueiro ist so reich, daß es Gott und Christus nicht im Hause braucht!“ Ist solches nicht fast eine pharaonische Sprache: „Wer ist der Herr, dessen Stimme ich gehorchen müsse?“? So sieht es aus. Wie soll da der arme, verschuldete Kolonist Hilfe finden?

Noch stärker, als die so eben behandelte Frage, drängen sich wohl folgende auf: Wie konnten solche Zustände so lange verborgen bleiben? und wie entstanden so viele gute Berichte [103] und Briefe von Kolonisten und Andern? Diese Fragen sollen noch kurz beantwortet werden.

Wie sehr das Vergueiro’sche Halbpachtsystem in Wort und Schrift gelobt wurde, ist bekannt. Dieses Lob war nicht nur in Europa, sondern auch in Brasilien vorhanden. Die Schweizer in Rio de Janeiro, welchen es ein großer Ernst war, ihre unglücklichen Landsleute möglichst gut zu versorgen und unter zu bringen, glaubten dieses am sichersten damit zu erreichen, wenn sie dieselben dem Hause Vergueiro übergeben können. Sie fußten dabei auf frühere amtliche Berichte und auf das allgemeine Lob, das über diese Kolonieen herrschte. In Santos hat man uns im Juni 1855 die schönsten Aussichten gegeben und die herrlichsten Hoffnungen gemacht über das uns werdende Glück. Noch auf meiner Rückreise habe ich dort von einem Manne vernommen, daß er, obschon er dort einen guten Platz hat, auf dem Sprunge gewesen sei, seinen Platz zu verlassen und in Ybicaba das Loos eines glücklichen Kaffeepflückers zu theilen. Auch in der nächsten Umgebung der Kolonieen herrschte die gleiche Meinung. Erst nachdem die dortigen Brasilianer in Folge unserer Erhebung erfuhren, wie wir behandelt werden, und was für eine Kaffeebezahlung wir erhalten, stutzten und meinten sie, das Haus Vergueiro sei nicht reich genug, das uns zugefügte Unrecht gut machen zu können. Der besonders in Ybicaba gegebene Kredit hat die meisten Kolonisten, welche in Europa gewöhnlich ohne Kredit waren, geblendet und zu der Ansicht verleitet: In Brasilien ist es besser, als in Europa; die brasilianischen Herren geben einem doch das Nothwendige, auch wenn man kein Geld hat; hier muß man nicht verhungern. Das fürchterliche Anwachsen ihrer Schuld, ihrer Sklavenkette, beachteten sie nicht und verstanden auch nicht, daß die Herren durch ihre Kreditertheilung, auch wenn sie, was aber selten geschah, die ganze Schuld verlieren müssen, nicht zu Schaden kommen, sondern ihren Gewinn schon aus der Arbeit des Kolonisten, aus dem Kaffee, gezogen haben. Mehrere Kolonisten wurden auch durch den ihnen bei ihrer [104] Ankunft zu Theil gewordenen freundlichen Empfang geblendet. Noch jetzt wird davon gesprochen, wie den ersten schweizerischen Kolonisten in Ybicaba von den sogenannten alten Deutschen eine Mahlzeit zubereitet und gegeben wurde, und ich selbst habe gesehen, wie man einen Transport mit Musik und Derartigem empfangen und auf die Kolonie geführt hat, ein Aufzug, der mir und einem alten, braven Kolonisten stille Thränen über die Täuschung der vielleicht noch nicht viel Böses ahnenden Leute ausgepreßt und uns an den Ausdruck: „Sie werden wie Schafe auf die Schlachtbank geführt“, erinnert hat. Zur Verblendung der Kolonisten dienten auch die Feste und Bälle, die man den Kolonisten zuweilen gab, und die Reden, die man bei solchen und andern Anlässen hielt. Herr Luiz Vergueiro soll einmal in einer solchen in seinem etwas unrichtigen Deutsch gesagt haben: „Meine Haus ist groß; aber meine Herz ist noch viel größer!“

Durch Solches wurden manche Leute, die eben nicht gar weit sahen, geblendet, daß sie meinten, es sei in Brasilien gut (an die schlechten Häuser, an die groben Nahrungsmittel u. s. w. kann man sich, wenn man das Uebrige nicht merkt, bald gewöhnen), und daß sie nicht wissentlich logen, wenn sie schrieben, es sei gut. In solcher Verblendung und im Mangel weiterer Kenntnisse und Bildung haben denn auch Manche nur sehr einseitig die Verhältnisse geschildert, z. B. all die Sachen genannt, die man zu fassen bekomme, vom Pflanzland und von den schönen Häusern gesprochen, die man erhalte, auch die Kühe, Schweine und Hühner aufgezählt, die man habe, aber nicht bemerkt, wie theuer die Sachen seien, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise man Häuser und Pflanzland erhalte, wie diese beschaffen seien, was für Produkte sich erzielen lassen, und was für welche nicht, wie groß der Milch-, Butter-, Käse- und Eiermangel trotz der Kühe und der Hühner seien, u. s. w. Es sind solches Berichte, die in Europa einen sehr guten Eindruck machen, für den aber, welcher die Sachen alle näher kennt, rein Nichts sagen. Zu solcher Verblendung und zu solchem [105] Mangel an Kenntnissen und Bildung ist bei Etwelchen auch eine kleinliche Rachsucht gekommen, welche sie zum Lobe der dortigen Verhältnisse begeisterte; sie wollten damit den Ortsvorstehern und andern Leuten, welche ihnen von Brasilien Böses prophezeiten, gleichsam Eines auf die Nase versetzen und ihnen sagen: „Seht, wir hatten doch Recht, Ihr aber Unrecht.“

Ein zwar vielfach vorkommendes, aber doch falsch verstandenes Ehrgefühl läßt auch Manche nicht die volle Wahrheit schreiben. So hat mir, wie schon im Eingange erwähnt, einer der wackersten Männer gesagt: „Es reut mich so oft, als ich Haare auf dem Kopfe habe, daß ich ausgewandert bin; aber ich kann es nicht gestehen. Herr N hat mir gesagt, wie es mir gehen werde; ich habe es ihm aber nicht geglaubt, sondern auf die guten Berichte geachtet, und ich kann ihm nun meinen Irrthum nicht bekennen. Ich schreibe deßhalb auch“, fügte er hinzu, „bloß wie es mir gehe (und ihm geht es vermöge seiner besondern Stellung recht gut) und lasse mich auf das Andere gar nicht ein.“

Die Furcht vor Rache oder die Hoffnung auf künftige bessere Behandlung zwingt auch Manche, gute Berichte und sogar Zeugnisse auszustellen. Ohne Zweifel nur aus diesem Grunde ist das Schreiben der Thüringer-Kolonisten entstanden, das im neuen schweizerischen Auswanderungsblatte, Jahrg. 1857, Nr. 7 steht. Wir Schweizer, die wir am 22. Dez. 1856 das in Beilage Nr. 3 enthaltene Abkommniß schloßen, wollten durchaus Niemand nöthigen, es mit uns zu halten, wir hatten sogar heimlich gewünscht, allein zu bleiben; die Thüringer kamen selbst und baten uns, wir möchten sie auch mithalten und sich unterzeichnen lassen, und zwar kamen sie meistens schon am Abend des 23. Dezembers, also kaum einen Tag nach unserm ersten Zusammentritt. Sie haben auch treu und eifrig während der ganzen nachherigen Zeit uns unterstützt. Einer der Unterzeichneten des obengenannten Schreibens, Julius Breternitz, und ein Sohn des ebenfalls unterzeichneten J. H. Jäcksch haben sogar mit großer Gefahr eines unserer kräftigsten, [106] auch im Namen der Thüringer oder von ihnen selbst unterzeichneten Schreiben, das an das schweizerische General-Konsulat in Rio de Janeiro adressirt war, aber auch vom Präsidenten der Provinz St Paulo gelesen werden sollte, bis dorthin, gegen 40 Stunden weit, getragen. Der erste der Unterzeichneten, Franz Holle, der tüchtigste unter ihnen, der auch das im Auswanderungsblatte vorhandene Schreiben ohne allen Zweifel verfaßt hat, soferne es ihnen nicht zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, war auch ein sehr thätiges Mitglied unserer Kommission, und die Thüringer haben mich vom Neujahr 1857 bis zu meiner Abreise zu meiner Sicherheit eben so gut und eifrig bewacht, als wie die Schweizer, und um zu beweisen, daß sie mir, dem Führer der nun von ihnen verurtheilten Erhebung, noch nach meiner Abreise, noch kurz vor der Abfassung des im Auswanderungsblatte enthaltenen Schreibens, warm zugethan waren, gebe ich in Beilage Nr. 10 ein durch meine Familie mir nachgesandtes Schreiben vieler Kolonisten, das, wie zu sehen, auch von einem Thüringer Namens aller seiner Landsleute unterzeichnet ist.

Ganz gewiß haben diese Leute nicht aus ihrer Ueberzeugung gedachten Brief geschrieben oder unterzeichnet, sondern sie haben, nach dem Herr Dr. Heußers auch in europäischen Zeitungen gedruckte, dem Hause Vergueiro gegebene Ehrenerklärung ihnen bekannt wurde, und nachdem ich entfernt war und sie, wie wahrscheinlich viele Andere, die Sache der Kolonisten für ganz verloren, dagegen diejenige des Hauses Vergueiro für gewonnen glaubten, diesen Schritt in Furcht oder Hoffnung gethan. Ich wette darauf, daß sich die Sache irgend wie so verhalten habe, und bleibe bei meiner Behauptung, auch wenn ganz gegentheilige, sogar amtlich bescheinigte Erklärungen und weiß, was noch für andere Sachen, in Folge dieser meiner Auseinandersetzung zum Vorschein kommen. Ich weiß, wie sehr die Leute in den Händen der Herren sind, und was Alles durch List oder Gewalt zu bewerkstelligen ist. Aus einem ähnlichen Grunde ist auch der Brief des Johann Karl Breternitz, der sich in Nr. 2 des [107] gleichen Auswanderungsblattes befindet, entstanden. Dieser Mann (er ist der Vater unsers Boten Julius Breternitz und hat selbst sein Pferd zu jener Reise nach St. Paulo geliehen), der durchaus nicht im Stande ist, einen Brief zu schreiben, nicht einmal einen ihm vorgelesenen zu prüfen, der aber einer der wärmsten unter den Aufgeregten war, wollte in den 2 ersten Monaten des Jahres 1857, wo wir dem Hause Vergueiro am stärksten entgegenstanden, durch mich einen Brief schreiben und an denselben Adressaten gelangen lassen, an welchen der nun gekommene gerichtet ist. Er verlangte, daß ich die Sachen schildere, wie ich sie kenne. Ich hätte dieses auch gethan. Allein ich wollte mit dem Schreiben noch warten, bis die Untersuchung vorüber sei, mußte dann aber ganz unerwartet und plötzlich verreisen, so daß ich nicht zum Schreiben dieses Briefes kam. Unter dem 6. Juli 1857 wurde ihm, dem sehr Verschuldeten (er hatte vor der Rechnung wenigstens einige Hundert mehr als 2000 Milreis Schulden) und früher sehr Unzufriedenen, dann ein Brief geschrieben, in welchem es nach Aufzählung mancher Besitzthümer heißt: „Wenn uns der Höchste gesund erhält und wir noch eine oder zwei solcher Ernten (wie 1856) machen, so kommen wir aus den Schulden heraus, und es ist dann unser Wunsch, selbstständig zu werden. Wir sind mit unserm Schicksale zufrieden und bereuen es durchaus nicht, ausgewandert zu sein; wir führen ein kummerloses, glückliches Leben, und zwar glücklicher als in Deutschland. Wir arbeiten, so viel wir wollen, essen uns bei hiesiger Speise, wobei Rind- und Schweinefleisch nicht fehlen (er ist Schlächter), ganz satt und trinken täglich unser Gläschen.“ Ihr lieben Leser, versteht Ihr nun, wie manche schönen Briefe und Berichte entstehen?

Es gibt aber noch andere Ursachen schön lautender Briefe. Wenn die Aussage mehrerer aus dem Turgi, Kt. Aargau, ausgewanderter Leute wahr ist (und ich habe durchaus keinen Grund, den Worten dieser Leute zu mißtrauen), so hat Herr Unterdirektor Heinr. Schmid geradezu erlogene Sachen nach [108] dem Turgi geschrieben und damit die Betreffenden in die Hände des Hauses Vergueiro verlockt. Ebenso soll auch ein gewisser ehemaliger schweizerischer Friedensrichter, wie ich dessen von Vielen auf das Bestimmteste versichert wurde, einen sehr guten Bericht über die Kolonie, wo er ist (er befand sich auf der am meisten verpönten Kolonie des Dr. Elias, eines der schlechtesten Herrn), geschrieben und auf listige Weise von seinen sehr unzufriedenen Mitgenossen ihre Unterschrift für denselben erlangt haben. Schmid, der treue Werber für das Haus Vergueiro, wurde bekanntlich schon frühe bevorzugt, und der Friedensrichter soll 300 Milreis Belohnung erhalten haben. Dieses Letztere ist mir von Höher- und Näherstehenden in Brasilien nicht verneint worden.

Es mag auch Fälle gegeben haben, daß brave, die Kolonieen besuchende Männer sich angelegentlich um die wahren Zustände der Kolonisten erkundigen und diese schildern wollten, aber in Folge der bestehenden Koloniegesetze (Verbot der Fremdenbeherbergung) und in Folge einer gar freundlichen, überall statthabenden Begleitung von Seite des Herrn oder des Direktors, die es natürlich an schöner Ausmalung aller Verhältnisse nicht fehlen ließen, nur Liebes und Gutes, aber nicht die Wahrheit erfuhren und also auch nicht berichten konnten. Es haben eben, wie dies leicht denkbar ist, nicht alle Kolonisten den Muth, wie ihn ein braver, alter deutscher Mann hatte, der zwei solchen Besuchern in Gegenwart des Direktors auf die Frage, wie sie, die Kolonisten, es haben, ungefähr folgende Antwort gab: „Wie haben wirs; wie Sklaven haben wirs! und wenn Sie’s verlangen, so will ichs Ihnen beweisen; kommen Sie nur und setzen Sie sich zu mir.“ Der Direktor ging dann aber mit den Herren fort, ehe der Beweis geleistet werden konnte.

Manchmal hörte ich auch folgenden Ausdruck: „Wenn wir die Wahrheit schreiben, so kommen die Briefe nicht ans Ziel. Um sie dorthin zu bringen, müssen wir halt schreiben, wie es gefällig ist.“ Diese so eben angeführte Ursache von guten Berichten führt mich auf den Hauptgrund, warum die [109] Wahrheit nicht offenkundig wurde. Man hat nämlich gefährlich scheinende Korrespondenten überwacht, das Brief- und Postgeheimniß schmählich übertreten und wahre Beschreibungen zu vernichten gesucht. Ich selbst wurde, nachdem ich einen möglichst getreuen Bericht geschrieben hatte, hinsichtlich meiner weitern Korrespondez unter Aufsicht (polizeiliche Aufsicht sagte der Direktor) gestellt; selber erhielt ich einen ganz aufgerissenen Brief, ebenso einen zweiten, der äußerlich in Ordnung, innerlich aber voll Risse und Falten war, und einen dritten, der wenigstens bis in die Hände des Boten der Fazenda Ybicaba gelangte (sicherlich kam er auch bis auf die Fazenda), erhielt ich gar nicht. Dafür, daß der erste Brief vom Unterdirektor H. Schmid vor dem Oberdirektor Jonas vorsätzlich aufgerissen, und daß der dritte bis in die Hände des Fazenda-Boten gekommen sei, waren Zeugen vorhanden. Ich habe auch selbst einen Schein zweier Kolonisten gesehen, in welchem sie bezeugten, von einem Angestellten des Hauses Vergueiro in Santos gehört zu haben, daß sie (die Angestellten) dort zuweilen ganze Nächte durch Briefe von Kolonisten lesen müssen; eine Frau bezeugte ebenfalls schriftlich, daß Herr Joze Vergueiro, durch den sie einen nach Haus gerichteten, geschlossenen Brief befördern lassen wollte[29], denselben aufgerissen, gelesen und dann zerrissen habe. Für diese Behauptung wollte die Frau einen Zeugen stellen, der aber jetzt nicht mehr in Ybicaba wohnt. Ich zweifle nicht im geringsten an der Wahrheit dieser Aussagen; doch will ich sie nicht als erwiesene Thatsachen hinstellen. Das aber ist jedenfalls richtig, daß gut lautende Briefe oder solche, welche nur Einzelheiten tadelten, das Uebrige aber lobten, viel sicherer und richtiger heim kamen, als die andern. Um noch mehr Beweise zu geben, so hat ein älterer Kolonist, der einen ziemlich richtigen Brief schrieb, deßwegen bedeutende Zeit hernach einen Verweis erhalten, worauf er durch [110] einen Andern einen gutlautenden Brief schreiben ließ. Der von ihm selbst geschriebene Brief kam, so viel ich weiß, nicht nach Europa, der andere hingegen wohl; ja Stellen dieses Letztern fanden sogar den Weg in öffentliche Blätter und Broschüren. Einem andern ältern Kolonisten gelang es, einen schlimm lautenden, ziemlich getreuen Bericht nach Haus zu senden. Später soll er (ich erzähle dies und das Vorherige, wie ich es von einem glaubwürdigen Manne mehrmals erzählen hörte) vom Direktor auch einen Verweis erhalten haben, und die übrigen Kolonisten sollen gefragt worden sein, ob einzelne, aus dem Zusammenhang herausgerissene Stellen des versandten Briefes, z. B. die Kolonisten seien Sklaven, nicht erlogen seien; eine Frage, welche natürlich nach Wunsch des Direktors beantwortet wurde. Ob diese Antwort als ein Zeugniß in Europa bekannt wurde, kann ich nicht sagen; es ist aber wahrscheinlich.

Aus welchen Gründen endlich der ehemalige Herr General-Konsul Perret-Gentil so schöne Berichte ausfertigte, weiß ich nicht. Das aber ist jedenfalls richtig, daß seine Berichte auf die Kolonisten ein solch günstiges Licht werfen, wie sie es, zum mindesten gesagt, nicht im geringsten verdienen, daß sie bedeutende Uebelstände nicht rügen und dagegen Vorzüge aufführen, die entweder gar nicht, oder nicht in dem Grade vorhanden sind, wie man aus seinen Berichten schließen möchte, falls dieselben in gewissen Auswanderungsschriften treu gegeben sind. Auch das ist wahr, daß er vor Herrn Dr. Heußers Ankunft in Ybicaba über manche Fehler und Gebrechen des Kolonisationswesens sein großes Erstaunen zu erkennen gegeben hat, sollte er nun, wie fast zu erwarten steht, aufs Neue einen günstigen Bericht vom Stapel laufen lassen.

Das sind die Federn, womit das Kolonisationswesen in jener Provinz so sehr geschmückt wurde.

Daß die Beauftragten des Hauses Vergueiro, die Agenten, Expedienten und die ihnen zur Seite stehenden Redaktionen von Auswanderungszeitungen und andern dieses Fach beschlagenden Schriften die Zustände der Kolonieen alle gekannt [111] haben, glaube ich nicht; ja es ist dies geradezu unmöglich; denn man hat drüben jeden dargebotenen Anlaß, von welchem man hier natürlich Nichts wissen konnte, benützt, die armen Leute zu übervortheilen. Daß aber den Hauptagenten etc. der Sinn der Herren, denen sie möglichst viel Leute zu überliefern suchten, eben so unbekannt gewesen sei, kann ich nicht glauben; vielmehr scheint mir das fest zu stehen, daß es ihnen um des eigenen Gewinnes willen darum zu thun war, möglichst viele Leute zu spediren, gleichwie es dem Kaufmann auch um des Gewinnes willen darum zu thun ist, möglichst viele Waaren umzusetzen. Woher sonst die marktschreierischen Anpreisungen dieses oder jenes Unternehmens, die ungeheure Thätigkeit der sich überbietenden und sich zuweilen in den Haaren liegenden verschiedenen Agenturen? woher sonst das sich so oft kundgebende Bestreben, ungünstig lautende Berichte zu verdächtigen und durch Entgegenstellung anderer zu entkräften? Muß man aus diesem Allem nicht fast den Schluß ziehen, diese Herren denken mehr an das Wohl ihres Geldbeutels, als an das der Kolonisten? Sei dem wie ihm wolle, so ist jedenfalls das richtig, daß drüben über all die genannten Beförderer der Auswanderung entsetzlich viele und entsetzlich gräßliche Flüche und Verwünschungen ausgestoßen werden, so daß ihr Geschäft zum mindesten ein fluchvolles genannt werden muß, und es däucht mich, es könne, nachdem so viele Betrügereien an den Tag gekommen sind, von nun an kein rechtlicher Mann ein solches Geschäft betreiben oder irgendwie befördern, ohne vorher durch eigene und gewissenhafte Untersuchung an Ort und Stelle die Sache genau kennen gelernt zu haben.

Was den Herrn E. de Paravicini in Zürich anbetrifft, der die meißten Schweizer der fraglichen Halbpachtkolonieen beförderte: so kann ich für gewiß sagen, daß er von seinen Spedirten höchst unfreundlich empfangen würde, ja daß er sehr wahrscheinlich nicht mehr mit heiler Haut von den Kolonisten wegkäme, wenn er es wagte, dort einen Besuch zu machen. Der Haß gegen Herrn Paravicini ist auf Ybicaba [112] um so mehr vorhanden, als man dort hörte, er, Paravicini, würde in Brasilien, wenn er dort hinkäme, sogleich eingesperrt werden; er sei dort verurtheilt, sei nur mit Hilfe Anderer dem Gefängnisse entronnen und habe noch einen Schuß in einem Fuße, den ihm ein ihn verfolgender Polizeidiener nachgeschickt habe. Dieses erzählte Herr Unterdirektor Heinr. Schmid, der vermöge seiner Stellung zu Herrn Vergueiro und zum Herrn Direktor Jonas solche Sachen wissen konnte, und der, wie die Kolonisten glauben, seinen Amtsbrüdern nichts Unwahres dieser Art aufbürdet. Sei diese Erzählung wahr oder nicht, so ist doch das richtig, daß Herr Paravicini längere Zeit in Brasilien gewesen ist, die Herren Vergueiro persönlich kennt und sie ihn.

Sehr groß ist der Haß auch gegen Herrn Dr. F. Schmidt und die übrigen mit diesem Geschäfte sich befassenden Herren von Hamburg und anderer Städte. Wie gegründet dieser Haß namentlich gegen den genannten Herrn Dr. Schmidt ist, kann ich nicht sagen; es würde aber mit einer Betrübniß über das Elend der durch ihn ins Unglück gerathenen Leute besser harmoniren, wenn er Reue über seine diesfallsige Thätigkeit bewiese und Schritte zur Hilfe der Betrogenen unternähme, anstatt daß er dem Abgeordneten von 6 schweizerischen Kantonsregierungen in einer Weise entgegentritt, wie es sich für einen Mann von seiner Bildung nicht geziemt. Er soll, wie ich für bestimmt hörte, vor einigen Jahren auch in Brasilien gewesen sein, hätte sich also, wenn ihm das Wohl armer Leute am Herzen gelegen wäre, um die Zustände der Kolonieen genauer erkundigen sollen, als er es nach dem Anscheine gethan hat. Eine solche Gleichgiltigkeit kann ihm wenigstens zur Last gelegt werden.

Von dem Agenten Bry in Genf habe ich gehört, daß er Leute, die nach Rio grande do Sul oder nach Santos wollten, einfach nach Rio de Janeiro spedirt habe, wo sie ganz verloren gewesen wären, wenn sich die dortigen Schweizerherren ihrer nicht edelmüthig angenommen hätten; ebenso daß er ihm übergebene Auswanderer-Effekten nicht mit- oder nachbefördert habe.

[113] Wenn die Behauptung des Herrn Joze Vergueiro wahr ist, das Haus Vergueiro habe nämlich der Gesellschaft Steinmann und Comp. in Antwerpen keinen Auftrag ertheilt, in seinem Namen Kolonisten nach Brasilien zu senden: so hat sich letztgenanntes Haus der schändlichen That schuldig gemacht, eine Familie betrügerischer Weise mit einem Kontrakte, der viel bessere Bestimmungen enthielt, als die gewöhnlichen Kontrakte, nach der Provinz St. Paulo zu spediren, wo man ihren bessern Kontrakt nicht annehmen und sie zur Unterzeichnung des schlimmern Akkordes nöthigen wollte, wo sie deßhalb in trauriger Lage gewesen wäre, wenn die aufgestandenen Kolonisten sich ihrer nicht angenommen hätten, und ihnen nicht durch Herrn Dr. Heußer und durch den ihn begleitenden Herrn Kanzler Diethelm weitere Hilfe zu Theil geworden wäre.

In Rio de Janeiro und wahrscheinlich auch in andern überseeischen Häfen weiß man, so viel ich gehört habe, auch noch von andern Agenten derartige Sachen. Mir sind sie aber nicht näher bekannt, weßhalb ich nun dieses Kapitel verlasse.

So schonungslos ich nun die Handlungsweise Mancher dargestellt habe, so offen muß ich auch dem Herrn Unteragenten Bendedict in Chur, der allerdings Vieles zu meiner und vieler Anderer Auswanderung beigetragen hat, das Zeugniß geben, daß er nach meiner innigsten Ueberzeugung im festen Glauben gestanden sei, die Verhältnisse in Brasilien seien gut, und daß er enstlich auf Beseitigung dieser oder jener Uebelstände, von welchen er etwa Kunde erhielt, gedrungen habe. Briefe, welche er mir nach Brasilien schrieb, so auch Antworten, welche er von Paravicini auf einige seiner Briefe erhielt, beweisen mir dieses unzweideutig; auch hat er, nachdem mein erstes Schreiben nach Graubünden gelangt war, und er Wind über den Betrug erhielt, seine diesfallsige Agentur abgegeben, trotzdem daß Andere noch fortfuhren, Leute für dieses Unternehmen anzuwerben. Ich will annehmen, daß auch die übrigen Unteragenten in der Meinung gestanden [114] seien, das fragliche Kolonisationswesen verdiene das ihm zu Theil gewordene Lob, gleichwie ja auch andere Männer, die mit Recht hochgeschätzt werden, sich in ähnlichen Unternehmungen geirrt haben. Aber ein fortwährendes Bemänteln der schlechten Sache muß aufhören und eine genauere Erforschung der Länder und der übrigen Verhältnisse, wohin sie Leute spediren wollen, muß eintreten, wenn sie den Vorwurf, daß sie ein schlechtes Geschäft betreiben, nicht auf sich kommen lassen oder von sich abwälzen wollen; ebenso darf von den redlichen Agenten erwartet werden, daß sie jetzt eben so kräftig auf Befreiung und Hilfe der Kolonisten hinarbeiten, wie sie früher den Leuten zur Auswanderung gerathen haben.

Die Darstellung der Behandlung der Kolonisten in den Kolonieen der brasilianischen Provinz St. Paulo ist nun zu Ende. Man hat gegnerischer Seits gesagt, mein Bestreben, für mich und für Andere Hilfe zu suchen, habe seinen Grund in einem ganz kommunistischen, sozialistischen Sinne nach der schlimmsten Bedeutung dieser Wörter gehabt, und ich sei von Andern zu meinen Schritten aufgereizt worden. Ob es eines solchen Sinnes und solcher Aufreizungen bedurft habe, und ob ein nur einigermaßen heller Blick in dieses Kolonisationswesen nicht hinreichend gewesen sei, mich mit einem solchen Bestreben zu erfüllen, das will ich jeden unbefangenen und christlichdenkenden Leser selbst beurtheilen lassen. Ich sage nur, daß dieses Bestreben mich beseelte, ohne jedoch einen festen Plan zur Ausführung desselben zu haben. Was dann zu diesem Zwecke geschah, das will ich in dem dritten Theile meiner Schrift zeigen. Ehe ich aber diesen beginne, muß ich, um nicht ungerecht zu sein, auch die Kolonisten und ihr Treiben ein wenig näher schildern.

Daß der größere Theil der Kolonisten in Europa zu der ärmsten und oft auch versunkensten Klasse gehört habe, ist bekannt; ein anderer Theil derselben war etwas bemittelt und konnte seine Auswanderungsreise selbst bestreiten, auch noch mehr oder weniger Geld, Effekten etc. nach Brasilien bringen. Besonders unter Jenen gibt es nun leider eine ziemliche Zahl, [115] die lieber, wenn sie es haben, fressen, saufen und spielen, als arbeiten, die sich um ihre und ihrer Kinder Schulden Nichts bekümmern und das Kreditsystem zu ihrem großen Nachtheile ausbeuten. Besoffene gibt es zuweilen, Raufereien hat es aber während meines Aufenthaltes auf Ybicaba, so viel mir bekannt wurde, doch wenige abgesetzt; ebenso hört man von Seite der schweizerischen und deutschen Kolonisten auch nicht viel von Unzucht u. dgl. Frevel oder Diebstähle an Feldfrüchten sind, wie man sagte, einige vorgekommen. Es hat auch wenige Fälle gegeben, daß Kolonisten auf folgende nicht lobenswerthe Weise zu Geld zu kommen trachteten: Wenn sie z. B. ein eigenes Schwein zum Schlachten gehabt hätten, so faßten sie doch ein solches von der Fazenda und verkauften das ihrige. Die bei Manchen vorkommenden Hauptfehler sind das Trinken von Zuckerbranntwein (Caxaça) und die Trägheit und Liederlichkeit, bei der sie die nothwendigen Arbeiten nicht zu rechter Zeit und nur oberflächlich und schlecht verrichten und sich, wie schon gesagt, um die Schulden Nichts bekümmern. Diese Untugenden oder Sünden haben allerdings während der stattgehabten Untersuchung zu manchen Klagen gerechten Grund gegeben. Aber ich frage, was geschieht auch, um Leute, welche die Neigung oder die Angewöhnung zu einem solchen Leben schon aus Europa mitbrachten, auf einen bessern Weg zu leiten? Sind nicht fast alle Verhältnisse der Art, daß Derjenige, dem es an innerm, sittlichem und religiösem Gehalt mangelt, fast je länger je liederlicher und träger werden muß? Aller Seelsorge und Zurechtweisung von Seite eines Pfarrers sind sie gänzlich beraubt; zudem sehen sie auf der einen Seite, daß sie fast überall übervortheilt und fast planmäßig in immer größere Schulden hineingejagt werden, auf der andern Seite aber, daß sie ohne große Arbeitsamkeit doch nicht verhungern müssen. Liegt da der Gedanke: „Wenn ich es doch zu nichts Anderm, als zu Schulden bringen kann, so will ich mir auch möglichst gütlich thun und mich nicht sehr abmühen,“ nicht sehr nahe? Ich rede hier hauptsächlich von Ybicaba, wo das zur Liederlichkeit [116] führende Kreditsystem am ausgedehntesten herrschte, und wo man gegen Faullenzer trotz der sonst die Interessen des Herrn gehörig wahrenden Anordnungen oft eine schädliche Nachsicht übte, wo deßhalb die genannten Laster auch fast am meisten zum Vorscheine kamen. Uebrigens muß auch bemerkt werden, daß man nur in Folge der Erhebung der Kolonisten über deren Leben zu klagen anfing. Uns, die wir am 8. Juli 1855 in Ybicaba anlangten, stellte man die ältern Kolonisten sehr als Muster eines ordentlichen, braven und thätigen Lebens auf, und Herr Direktor Jonas sprach die Hoffnung aus, daß wir uns auch als solche brave Leute erweisen werden, wie diese ältern Ansiedler, – und doch sind hauptsächlich unter diesen ältern Kolonisten Diejenigen zu suchen, über welche bei der Untersuchung mit Recht die lautesten Klagen geführt wurden. Früher dachten die Herren eben nicht im Entferntesten daran, daß es den Kolonisten nur je einfallen könnte, unzufrieden zu werden, zu klagen und Hilfe zu suchen; sie glaubten, die Kolonisten fort und fort in ihren Händen zu haben, und wähnten sich so stark, daß Herr Luiz Vergueiro mir einmal selbst sagte: „Hier in Ybicaba ist die Ordnung so gut eingeführt, daß einzelne Ruhestörer Nichts mehr machen können; wir würden uns nicht fürchten, wenn selbst der Teufel daher käme.“ Damals führte man eine solche Sprache; später, als die Herren sahen, daß die Kolonisten es wagen dürfen, nicht nur zu klagen, sondern auch eine Untersuchung hervorzurufen, führten sie dann die entgegengesetzte, die unzufriedene und klagende Sprache. – Bemerken muß ich auch das, daß die Kolonie Ybicaba während der Anwesenheit der Herren Dr. Heußer und Kanzler Diethelm ein so schlimmes Aussehen darbot, wie sonst während meines dortigen Aufenthaltes gar nie. Die Gründe davon lagen in Folgendem: Der sehr viele Kaffee des Jahres 1856 erforderte eine gar lange Pflückzeit, um so mehr, da man in Ybicaba in Betreff der Aussonderung aller grünen Kaffeebohnen, aller Hölzchen etc. sehr schwere Forderungen an die Kolonisten stellte und diese dadurch in ihrer Arbeit bedeutend verhinderte. Als [117] endlich die Kaffeeernte zu Ende war, lag es den Kolonisten mehr daran, ihre Mais- und sonstigen Pflanzungen zu bearbeiten und dadurch die Zahl der Fassungen von theuern Lebensmitteln zu verkleinern, als die Kaffeepflanzungen, von welchen sie sahen, daß sie ihnen für das folgende Jahr 1857 in jedem Falle fast keinen Ertrag bringen werden, durchzuhacken. Ueberdies war die Kolonie Ybicaba zu der Zeit, als das Durchhacken der Kaffeebäume statthaben sollte, in der größten Aufregung und kamen gerade damals auch, wie später noch gesagt werden wird, viele Deputationen von andern Kolonien mit ihren Wünschen, Bitten und Anerbietungen nach Ybicaba, wodurch die Arbeiten auf dieser Kolonie nicht wenig aufgehalten, die genannten Laster aber befördert wurden. Dieses waren wichtige Gründe, warum die Zustände in Ybicaba zur Zeit der Untersuchung schlimmer, als gewöhnlich waren. Doch mit diesem Allem will ich das Thun und Treiben mancher Kolonisten durchaus nicht in Schutz nehmen; ich weiß und sage selbst, daß es in mancher Hinsicht ein sehr tadelnswerthes und sündliches Leben ist. Eben so richtig kann ich aber auch sagen, daß ein großer Theil der Kolonisten sehr fleißig und ordentlich ist, und zwar kann dieses auch noch von Etlichen gesagt werden, die früher in Europa der Liederlichkeit fröhnten. Die Meinung (Bewußtsein darf ich nicht sagen), daß sie nicht mehr unter alle ihre Nebenmenschen erniedrigt, sondern denselben gleich gestellt seien, hat an ihnen einen bessernden Einfluß ausgeübt, und ich bin durch diese Wahrnehmung zu der Ueberzeugung gelangt, daß manchen armen und verkommenen Leuten in Europa am besten aufgeholfen würde, wenn sie sähen, daß sie nicht fast von Allen von oben herab angeschaut und behandelt werden, daß man ihnen im Gegentheil mit demüthigem, liebendem, hingebendem und aufhelfendem Sinne nachgehe, sie gleichsam ebenbürtig zu machen suche, und wenn man die Armenversorgung so einrichtete, daß dem Armen seine Arbeit gut bezahlt würde und er so die Aussicht erhielte, daß Fleiß und Sparsamkeit ihm zu einer ehrlichen Existenz bringen können. Dieses [118] konnte ich an Mehrern zu der Zeit beobachten, als sie noch nicht merkten, wie man sie behandle, als sie noch Hoffnung auf baldige Schuldenfreiheit u. s. w. hatten.

Mit diesem und mit manchen Aeußerungen, die sich in meinem Schriftchen sonst noch hin und wieder finden, habe ich das Leben der Kolonisten, namentlich der unordentlichen, ziemlich einläßlich dargestellt. Es ist zwar auf Ybicaba auch vielfach vorgekommen, daß die Kolonisten gegen das Verbot Kaffee für ihren eigenen Gebrauch aus ihren Kaffeepflanzungen heimnahmen. Ich glaube aber nicht, daß dieses ein Verbrechen sei, und habe für meine Ansicht folgende Gründe: Man hat den Kolonisten vom besten Kaffee und zwar umsonst zu geben versprochen, d. h. man sagte, er werde ihnen zum gleichen Preise berechnet, nach welchem man ihnen denselben bei der Jahresrechnung auch bezahle. Man hat ihnen dann aber oft ganz erbärmlichen Kaffee und zwar meistens viel theurer gegeben, als er ihnen bezahlt wurde. Auf dieses hin haben die meisten Kolonisten von Ybicaba dadurch zu dem ihnen versprochenen Kaffee zu kommen gesucht, daß sie ihn selbst aus ihren Pflanzungen heimnahmen. Sie mußten sich ihn auf diese Weise weder zu einem niedern, noch zu einem hohen Preise anrechnen lassen, erhielten aber natürlich auch keine Bezahlung von Seite des Herrn dafür, oder mit andern Worten, sie hatten, was man ihnen zu geben versprach: – für ihren Hausgebrauch vom besten Kaffee umsonst. Dieses halte ich für kein großes[b 13] Unrecht, um so mehr, da die Kolonisten erst da diesen Umweg einschlugen, als ihnen das gegebene Versprechen nicht gehalten wurde, und als sie dadurch, wie schon gesagt, nur zu dem ihnen Versprochenen gelangten.

Um nicht ungerecht zu sein, muß ich zum Schlusse dieses zweiten Theiles auch noch sagen, daß Herr Direktor Jonas oft diesen oder jenen Kolonisten Geldvorschüsse unverzinslich gemacht und sich auch in anderer Weise hilfreich erwiesen hat. Ich will ihm keine bösen Absichten dieser Dienstwilligkeit unterschieben; wenn nur das viele Gegentheilige nicht vorgekommen wäre, so hätte er sich damit Dank und Ehre [119] erworben. Ich darf auch nicht vergessen zu erwähnen, daß in Ybicaba ein sogenanntes philanthropisches Institut, eine Kasse, besteht, in welche, wie schon gesagt, alle Bußen, wie mir Herr Luiz Vergueiro sagte, auch die auf das zu frühe Weggehen gesetzte Buße von 50 Milreis, fallen. Aus dieser zu Gunsten der relativ ärmsten Kolonisten errichteten Kasse haben, so viel mir bekannt wurde, auch etwelche Wittwen und Waisen ordentliche Beiträge erhalten. Das ist ein Vorzug von Ybicaba; anderwärts findet sich kein derartiges Institut.

Hiemit schließe ich diesen Theil und stelle nun dar


III.
Die Erhebung der Kolonisten gegen ihre Bedrücker.

Viele meiner Leser haben vielleicht aus den Zeitungen die Ansicht geschöpft, die Vergueiro’schen Kolonisten haben, nachdem sie zur Erkenntniß des an ihnen verübten Unrechtes gekommen seien, eine Revolution begonnen, den Weg des Rechtes verschmäht und durch Gewalt sich Hülfe suchen wollen. Um diese irrige Ansicht gleich anfangs zu berichtigen, will und kann ich mit vollster Wahrheit sagen, daß den Führern der nun zu schildernden Erhebung der Kolonisten, namentlich mir, der Gedanke an eine Revolution ganz verhaßt gewesen ist. Schon grundsätzlich war ich ein Feind der Revolutionen; in Brasilien war ich es um so mehr, da wir aus Verschiedenem den Schluß ziehen zu dürfen glaubten, die dortige kaiserliche Regierung müsse die Absicht haben, die Kolonisten möglichst gut zu stellen, und es bedürfe also nur einer Aufdeckung unserer Zustände und eine geziemende Bitte um Hilfe, um das zu erlangen, was wir anstrebten: Befreiung aus den Händen unserer Bedrücker, die nach unserer Ansicht den Kontrakt vielfach gebrochen und ungiltig gemacht hatten, und eine bessere Existenz als glückliche Bürger und [120] Unterthanen der dortigen Regierung. Wir hörten von großen Opfern, welche diese zum Gedeihen des Kolonisationswesens anderwärts bringe; wir glaubten, sie sei zu solchen Opfern auch uns gegenüber beinahe gezwungen, wenn sie den Kredit des Landes möglichst erhalten und heben und in Folge dessen immer mehr Einwanderer, welche für Brasilien fast das größeste Bedürfnis sind, bekommen, und wenn sie einer großen ihr drohenden Gefahr entrinnen wolle. Es sei nämlich, wie man uns sagte, Plan unserer Herren Fazendeiros gewesen, mit Hilfe der Kolonisten die Regierung zu sprengen und aus Brasilien eine Republik (!) zu machen, ein Plan, zu dessen Durchführung ein von Herrn Joze Vergueiro präsidirter Verein bestanden habe, welcher der Regierung bekannt gewesen sei, so daß diese, wie wir folgerten, in diesem Zustande einen besonders wichtigen Grund erblicken müsse, uns zu Hilfe zu kommen und uns dadurch zu dankbaren, ihr ergebenen Leuten, die sich im Falle der Noth treulich auf die Seite der Regierung gestellt hätten, zu machen, eine Folge, welche unter diesen Voraussetzungen sicherlich eingetreten wäre und noch eintreten wird, falls die Regierung jetzt tüchtig die Hand bietet, die armen Kolonisten von ihren Herren zu befreien und ihnen eigenes Land zu verschaffen.

Ob von einem solchen Plan viel oder wenig vorhanden gewesen sei, lasse ich dahin gestellt sein. Uns wurden aber derartige Andeutungen gegeben und zwar von Männern, die durchaus nicht etwa darauf hinarbeiteten, uns gegen das Haus Vergueiro aufzuwiegeln, die vielmehr zu dessen ganz Ergebenen gehörten. Selbst Herr Luiz Vergueiro sprach deutlich genug aus, daß sein Vater zu den Republikanern zähle und deßhalb vorzüglich gerne schweizerische Kolonisten habe. Ich lasse es auch dahin gestellt sein, ob solchen Mittheilungen die Absicht zu Grunde lag, uns die große Macht des Hauses Vergueiro zu erkennen zu geben, damit wir es nicht etwa probiren, unzufrieden und klagend gegen dasselbe aufzutreten, oder damit wir, stolz auf die Macht unseres Herrn, seine blinden Werkzeuge werden sollten. Mir genügt [121] zu sagen, daß solche Offenbarungen uns zu den oben mitgetheilten Schlußfolgerungen brachten, daß wir also, noch einmal sei es gesagt, keine Revolution wollten, sondern vielmehr uns fest entschlossen hatten, uns kein Unrecht zu Schulden kommen zu lassen, der Regierung keinen Grund zur Unzufriedenheit über uns zu geben. Von Verschmähung der uns zu Gebote stehenden rechtlichen Mittel, deren man uns zeihen wollte, konnte natürlich auch kein Gedanke sein. Untersuchung und Aufdeckung des fraglichen Kolonisationswesens war Alles, was die Kolonisten in erster Linie anstrebten; daß eine gründliche Hilfe die sichere Folge davon sein werde, zweifelten wir nicht. Was den bewaffneten Aufstand vom 24. Dezember 1856, der unten näher beschrieben wird, anbetrifft, so hatte derselbe keinen andern Zweck, als mich, den in Einkerkerungs- oder Erschießungsgefahr stehenden Vertreter der Sache der Kolonisten, zu retten.

Nach diesen vorläufigen Bemerkungen folge nun die umständliche, ganz ins Einzelne gehende Schilderung der Erhebung der Kolonisten. Zu einer solchen Umständlichkeit nöthigen mich verschiedene Umstände und Bedenken. Dahin gehören die mancherlei Angriffe, welche auf verschiedene Männer, auch auf mich, gerichtet wurden; ferners die schon an den Tag getretenen und wahrscheinlich noch weiters an den Tag tretenden Entstellungen des ganzen Sachverhalts; dahin gehört auch meine ernstliche Absicht, Niemand an mein Urtheil zu binden, sondern jeden unparteiischen Leser frei über die ganze Geschichte denken und reden zu lassen, eine Absicht, die ich um so mehr hege, da meine Wenigkeit mit der ganzen Sache zu sehr verflochten ist und, wie ja schon Andere schrieben, dieselbe hauptsächlich leitete: Dieser letzte Umstand nöthigt mich auch, ziemlich weit auszuholen und mit meiner Auswanderung zu beginnen.

Wie schon in der Einleitung bemerkt, dachte ich schon lange vor 1855 viel an Auswanderung, namentlich an eine solche nach Nordamerika, und immer war es mein sehnlichster Wunsch, in irgend einem der dortigen Freistaaten einen [122] passenden Ort zu finden, wo viele arme Leute, denen es hier, wie ich aus eigener Erfahrung und aus näherm Umgange mit manchen derselben nur zu deutlich weiß, oft schrecklich schwer wird, sich redlich zu ernähren, vereinigt werden, wo sie nach und nach eine ordentliche Gemeinde mit geregeltem Kirchen-, Schul- und Armenwesen bilden und eine Heimath sich verschaffen könnten, in welcher sie einestheils vor der Gefahr einer völligen Auseinanderreißung und traurigen Verkümmerung und Verwilderung gesichert und anderntheils im Stande wären, durch Fleiß und Sparsamkeit sich das nöthige Auskommen zu verschaffen. Das waren in Bezug auf Nordamerika meine schönsten Wünsche und Hoffnungen; auf Weiteres, auf ein Schlaraffenleben, erstreckten sie sich nie. Daß aber die Realisirung solcher Wünsche höchst nothwenig wäre, sehe ich in Folge meiner seither gemachten Erfahrungen noch deutlicher ein, als ich es damals einsah. Doch ich brachte es ncht zur Auswanderung nach Nordamerika, und meine Gedanken blieben fromme Wünsche.

Im August 1854 wurden dann meine Blicke plötzlich vom nördlichen Amerika nach dem südlichen, nach Brasilien, gelenkt. Dort sollten, wie ich nach vielen mündliche, brieflichen und gedruckten Beschreibungen, Auseinandersetzungen etc. unzweifelhaft erwarten zu dürfen hoffte, meine obigen schönen Wünsche ins Werk gesetzt werden können. In dieser Hoffnung machte ich als damaliges Mitglied der Armenkommission meiner Heimathgemeinde den Antrag, an diese das Gesuch zu stellen, daß sie denjenigen ihrer Bürger, welche aus eigenem Antriebe nach Brasilien auswandern möchten, aber nicht im Besitze der dazu nöthigen Hilfsmittel seien, das erforderliche Reisegeld vorschießen wolle. Mein Antrag wurde genehmigt und von der Gemeinde, welche vorher an nichts Derartiges dachte, zum Beschlusse erhoben. So wurde es mir möglich, auswandern zu können. Daß andere Familien auch mitwandern sollten, wünschte und erwartete ich anfänglich nicht; es wäre mir vielmehr lieb gewesen, wenn sie so lange, bis drüber die nöthigen Vorbereitungen getroffen gewesen [123] wären, hier gewartet und erst nach dem Eintreffen eines von mir versprochenen Berichtes die Reise angetreten hätten. Erst nachdem sich Mehrere gegen meine Erwartung entschlossen hatten, den wichtigen Schritt mit mir zu wagen, fing ich an, der Agentschaft dadurch Hand zu bieten, daß ich ziemlich viele Exemplare des Büchleins: „Die Auswanderung als öffentliche Wohlthat. Lichtensteig 1854“ an solche, die darum baten, austheilte, mündlich und schriftlich Auskunft über brasilianische Zustände gab, wie ich sie aus dem genannten Büchlein und aus vielem Anderm, das damit harmonirte, schöpfte u. s. w. In der Hoffnung, daß ich mich in meinen Erwartungen nicht so ganz täuschen werde, oder daß ich am Ende doch diesen oder jenen allfälligen Uebelstand beseitigen könne, machten sich dann außer denjenigen, welche sich förmlich an meine Familie anschloßen, 42 Personen meiner Heimathgemeinde fertig zur Reise nach den Vergueiro’schen Kolonieen in Brasilien. Bevor aber die Abreise stattfand, erhielt ich von allen größern Gemeinden meines Heimaththales Prätigau, nämlich von Schiers, Grüsch, Seewis, Fanas, Jenatz, Fideris, Luzein, Küblis, Konters, Saas, Klosters und Serneus, die Instruktion zur Berichterstattung, welche in Beilage Nr. 2 enthalten ist. In der festen Hoffnung, daß die Verhältnisse der fraglichen Kolonieen, wenn auch nicht ganz so, wie sie uns geschildert wurden, doch gut seien, und daß ich dann zur gehörigen Zeit einen günstigen Bericht nach Hause senden und so die Veranlassung werden könne, daß Viele durch ihr baldiges Nachrücken in bessere Verhältnisse treten können, nahm ich die Instruktion gerne an; die Zeit der Erfüllung meiner oben auseinandergesetzten Wünsche schien mir nahe zu sein.

Mit solchen Hoffnungen begann und vollendete ich die ingefähr 3000 Stunden lange Reise, die mir durch verschiedene Begünstigungen etwas leichter gemacht wurde, als den übrigen Reisegefährten[30], indem meiner Familie von der [124] Gesellschaft Vergueiro ein Viertheil der Seepassage vorgeschossen, meiner Person die Hälfte derselben geschenkt und überdies noch 3 Kajütenplätze des Schiffes für die Meinigen eingeräumt wurden. Herr Dr. F. Schmidt in Hamburg gab mir auch ein, wie man mir sagte, günstiges Empfehlungsschreiben an das Haus Vergueiro in Santos mit; kurz man erwies mir in mehrfacher Hinsicht eine mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit. Meine Instruktion sah man aber in Hamburg und in Brasilien als einen Beweis dafür an, daß die Verfasser und Unterzeichner derselben mit den Verhältnissen des in Frage stehenden Landes, insonderheit mit denjenigen der Kolonieen gar zu unbekannt seien und den veröffentlichten Schilderungen zu wenig Glauben beimessen; man hielt die Instruktion für zu speziell, verschiedene Fragen derselben für unnöthig.

Etwas mehr Aufmerksamkeit, als gewöhnlich zu geschehen pflegt, schenkte man mir auch nach der Ankunft in Ybicaba. Herr Joze Vergueiro, der Chef des Geschäftes, sagte mir selbst, man erwarte von mir, daß ich mich recht gut anlasse, und wenn dies der Fall sei, so könne ich bald eine bevorzugtere Stelle erhalten; denn an solchen habe es in Brasilien Ueberfluß. Aehnlich äußerte sich auch der Herr Administrator Luiz Vergueiro, der mich kaum 1½ Monate nach meiner Ankunft nach Santos schicken wollte, um einen Transport Einwanderer zu empfangen und nach den Kolonieen führen zu helfen, ein Geschäft, das mir per Tag zirka 1½ Milreis (Fr. 4.20 Rp.) rein eingetragen hätte. Herr Luiz Vergueiro machte auch den mir ganz unerwarteten Antrag, daß ich beim Herrn Direktor Jonas die Landessprache, ebenso durch meine Aushilfe bei seiner Arbeit die Geschäftsführung eines Direktors erlernen solle, um bald für eine gute Stelle befähigt zu werden. Die Direktion gab sich auch mehr als gewöhnliche Mühe, mir dasjenige Haus zu verschaffen, in welches ich nach den ersten Wochen meines Aufenthaltes auf der Kolonie einzog, und welches zu den besten gehört, und bald arbeitete sie daran, daß ich, wie schon mitgetheilt, als Lehrer gewählt [125] wurde; kurz man schien in mich ziemliche Hoffnung zu setzen und mich höher zu achten, als die andern Kolonisten. Geld oder Nachlaß meiner Schuld, womit man allenfalls auf einen günstigen Bericht hätte hinarbeiten wollen, hat man mir aber nie angetragen.

Zum Antritte der Schule brachte ich es damals nicht. Es befiel mich ein Schleimfieber, welches etwa 12 Wochen dauerte, und nach dieser Krankheit gab es andere Gründe, welche der Eröffnung der Schule im Wege standen. Bald nach Neujahr 1856 nämlich, nachdem ich mich von meiner Krankheit so weit erholt hatte, daß ich meiner Instruktion ein Genüge leisten zu können glaubte, faßte ich einen 4 große Postbogen füllenden Bericht über die dortigen Verhältnisse ab, und dieser Bericht schleuderte mich plötzlich aus großer Gunst in die fürchterlichste Ungunst. Das Nähere darüber folgt bald.

Bei der Abfassung des Berichtes schaute ich möglichst gewissenhaft zu handeln und die Verhältnisse treu darzustellen. Dennoch aber finde ich, wenn ich diesen Bericht jetzt genau durchlese, daß sich manche Irrthümer darin finden, daß manches Schlimme entweder gar nicht oder nur zum Theil geschildert, Anderes vielleicht auch in etwas zu grellen Farben aufgetragen wurde. Einerseits das große Zutrauen in die dortigen Zustände und anderseits die vielen dort üblichen Verbergungs- und Täuschungskünste haben es mir unmöglich gemacht, die Kolonieverhältnisse alle richtig zu erkennen und zu schildern. Im ernstlichen Bestreben, keine falschen Ansichten über die Kolonieen nach Graubünden zu verbreiten, übergab ich meinen Bericht dem mich damals behandelnden Arzte, dem Herrn Dr. Gattiker[31], und bat ihn, er möchte mir denselben genau prüfen und mich auf jede Unrichtigkeit, die er darin finde, aufmerksam machen, damit ich sie streichen oder verbessern könne. Er versprach mir, dieses zu thun, und [126] wir trafen noch die Abrede, daß ich einige Zeit später zu ihm nach St. Joao, ungefähr 3½ Stunden von Ybicaba, kommen solle, wo er mir dann seine Ansicht offen mittheilen und nach Verbesserung der allfälligen Fehler die Versendung meines Berichtes besorgen wolle. Auf diese Weise glaubte ich, die Sachen am besten machen zu können. Herr Dr. Gattiker benahm sich von Anfang an gegen mich und die andern Kolonisten gar freundlich und theilnehmend und äußerte sich über das Kolonisationswesen in solcher Weise, daß ich gar kein Mißtrauen in ihn setzte und ihm den Bericht ruhig überließ. Ich will auch jetzt noch nicht behaupten, daß er mich vorsätzlich verrathen und ins Unglück habe stürzen wollen; ich konnte nicht sehen, wie Herr Direktor Jonas zu meinem Berichte kam; aber das ist wahr, daß mein Bericht, während Herr Dr. Gattiker ihn behufs der Prüfung in Verwahrung hatte oder haben sollte, in die Hände des Herrn Direktors Jonas und wahrscheinlich auch in diejenigen des Herrn Administrator Luiz Vergueiro gerieth, und daß ich dadurch in eine gar schlimme Lage gekommen bin. Ehe ich aber dieses erfuhr, ging ich zufolge der getroffenen Abrede nach St. Joao zum Herrn Dr. Gattiker und verweilte allda in Folge meiner schrecklichen Müdigkeit (meine 12 wöchige Krankheit war noch nicht lange vorüber, und das Marschiren ermüdet in Brasilien auch den gesunden Mann gar sehr) 3 Tage lang, vom 26. bis zum 29. Januar 1856. Während dieses Besuches, bei welchem ich mich der freundlichsten und besten Verpflegung zu erfreuen hatte, traten wir auf meinen Bericht ein, und Herr Doktor äußerte sich darüber zu mir ungefähr folgendermaßen: „Ihr Bericht ist ganz wahr; aber um Gotteswillen verschicken Sie ihn nicht. Es verfließen kaum 2 bis 3 Monate, so erfährt Herr Vergueiro durch seine Agenten, was Sie geschrieben haben, und dann stehen Sie in der größesten Gefahr. Ich kenne Vergueiro durch und durch und weiß, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie den Bericht versenden. Wenn Sie auch auf Ihre Person keine Rücksicht nehmen wollten, so denken Sie doch an Ihre Frau und Kinder und schonen [127] Sie diese. Behalten Sie deßhalb Ihren Bericht in Ihren Händen und schreiben Sie vorläufig nur das nach Hause, daß man einstweilen mit der Auswanderung nach Brasilien inne halten solle, und unterdessen suchen Sie, den Weg nach einem andern Orte, am liebsten nach der Schweiz zurück, zu finden, wo Sie dann ihren Bericht ohne Gefahr abgeben können.“ Das ist der größtentheils mit den eigenen Worten gegebene Inhalt der gegen mich gemachten Aeußerungen des Herrn Dr. Gattiker, an welche dann bei Gelegenheit noch Mehreres angereiht wurde, z. B. „Herr Paravicini ist ein grundschlechter Kerl; er treibt das Auswanderungswesen als ein rechter Seelenverkäufer.“

Ich beschloß, dem erhaltenen Rathe zu folgen, weil er von einem tiefer sehenden und, wie ich glaubte, wohlmeindenden Freunde komme. Mit diesem Entschlusse ging ich, den Bericht, den Herr Doktor mir wieder erstattete, und den ich damals sonst Niemand anvertraute, in meiner Tasche tragend, wieder nach Ybicaba. Von da an habe ich mit diesem Manne bis zum 24. Dezember 1856 wenig mehr gesprochen und ihm gegenüber über diesen Vorfall nie ein Wort verloren. Zu einem andern Manne soll er später gesagt haben, Herr Direktor Jonas sei gerade in sein Haus gekommen, während der mit dem Lesen meines Berichtes beschäftigt gewesen sei, und habe sich in dem Momente, als er, der Doktor, sich ärztlicher Geschäfte halber in der Apotheke befinden mußte, an das Lesen des Berichtes gemacht; denn er habe denselben in der Annahme, daß der Direktor nicht so zudringlich sein werde, sich über eine ihm gehörende Schrift zu machen, auf dem Sopha liegen gelassen. Warum hat Herr Doktor mich aber davon Nichts merken, sondern vielmehr glauben lassen, es wisse in Ybicaba Niemand Etwas von meinem Berichte? Hätte er, wenn er es treu mit mir gemeint, mir nicht das Mißgeschick erzählen und mich auf das nun zu Erwartende vorbereiten sollen? Der Umstand, daß er anstatt dessen sich das Ansehen gab, als habe er mir Alles gut besorgt, und die Aussage eines andern Mannes, welcher theilweise Augenzeuge [128] war, lassen mich sehr vermuthen, es habe sich so verhalten, wie Herr Direktor Jonas mir auf meine diesfalls an ihn gerichtete Frage sagte, Herr Dr. Gattiker habe ihm nämlich den Bericht selbst, mit Vorsatz, übergeben. Doch sei dem, wie ihm wolle, für mich war damals das die Hauptsache, daß Herr Direktor Jonas meinen Bericht theilweise oder ganz gelesen hatte. Wann und wie ich aber dieses erfuhr, wird bald gesagt werden.

Einige Tage später, nämlich den 2. Febr., ließ Herr Luiz Vergueiro mich durch mein ältestes Kind, welches das mir bewilligte Monatsgeld von ihm in Empfang nehmen sollte, zu sich auf die Fazenda rufen. Nachdem ich mich bei ihm eingestellt hatte, fing er, zwar mit freundlich scheinender Miene und lieblichem Tone, aber mit vor Zorn funkelnden Augen an, sich folgendermaßen zu äußern: „Ich habe Sie nur kommen lassen, um Sie auch wieder einmal zu sehen. Ich stehe mit meinen guten Kolonisten gerne in freundlichem Verhältniß und liebe es, wenn sie mich oft besuchen; Sie aber kommen so selten.“ Ich entschuldigte mich mit meiner langen Krankheit, von der ich noch nicht lange befreit sei. Hierauf sagte er ganz ironisch: „Ihre Krankheit wird doch nur physisch sein?“ (nicht etwa im Unbehagen über die Kolonieverhältnisse bestehen?) eine Frage, welche ich mit einem „Ja“ beantwortete. Hierauf machte er eine längere Pause, so daß ich nicht recht wußte, ob das Alles sei, weßwegen ich nach der Fazenda gehen mußte, oder ob ich auf Mehreres zu warten habe. Endlich aber fuhr er unter veränderten Gesichtszügen also weiter: „Ich bin (zwar nur) Verwalter; aber ich verwalte nicht fremdes Gut, sondern Eigenthum; ich habe Macht! Wenn schlechte, charakterlose Menschen lügenhafte, unsere Kolonie schmähende Berichte nach Haus schicken, so habe ich in Brasilien und in Europa Mittel und Leute überflüssig genug in Händen, um mich an ihnen furchtbar zu rächen; sie sind in meiner Macht. Für den Oswald,[32]“ der so schändlich schreibt, sind schon [129] 35 Milreis (Reisegeld in die Ewigkeit) gerüstet. Sie aber (von hier an mit lächelnder, freundlichscheinender Miene mich ansehend) als ein Mann von Ehren und Charakter schreiben keine solchen Berichte; das weiß ich schon, und ich wünsche deßhalb, daß Sie mich oft besuchen.“ – Nun wußte ich, daß Herr Vergueiro mir nicht nur das zu sagen hatte, was er mir vor der gemachten Pause mittheilte. Wie ich aber diese Sprache zu nehmen, woher ich sie abzuleiten habe, wußte ich noch nicht; ich hielt es noch nicht für möglich, daß er Kunde von meinem Berichte erhalten habe. Bald aber mußte ich erfahren, daß dieses doch möglich gewesen sei.

Den 6. Februar 1856 hatte ich eine Bitte an den Herrn Direktor Jonas zu richten, und ich ging deßhalb ungerufen zu ihm. Er zeigte nicht nur keine Bereitwilligkeit, mir meine Bitte zu gewähren, sondern begann mit einer so stark wie möglich gehobenen Stimme und mit vor Zorn fast blitzenden Augen, mir folgendermaßen den Leviten zu lesen: „Sie haben auf der Kolonie noch nicht viel Gutes gestiftet. [130] Sie schreiben Tag und Nacht schändliche Berichte und sind ein gefährlicher Mann. Wenn ich nicht auf Ihre arme Familie Rücksicht nähme, so ließe ich Sie zeitlebens einsperren. Sie haben sich sogar erfrecht, unsern guten Herrn auf der Fazenda als einen Spitzbuben darzustellen. Er hat aber nicht aus Schlechtigkeit fallirt, sondern weil ihm (ich weiß nicht, ob 2 oder mehr) Sklavenschiffe mit allen Sklaven von den eigenen Kapitänen deßhalb zu Grunde gerichet wurden, weil ihnen die englischen Wachtschiffe auf die Spur kamen und sie verfolgten.“[33] Zu seinem Schwiegersohne und zu dem unterdessen dazu gekommenen Unterdirektor H. Schmid sagte er, daß der Bruder unsers Herrn, des Luiz Vergueiro, noch vor einem Jahre 80000 Thaler (Milreis) für ihn habe zahlen müssen. Auf mich blickend sagte er dann aber auch zu diesen Herren: „Das ist ein gefährlicher Mann, auf den Sie mir genau Achtung geben sollen; ich stelle ihnen diesen hiemit förmlich unter polizeiliche Aufsicht.“ Aufs Neue sich gegen mich wendend fuhr er also weiter: „Ich habe Ihren Bericht gelesen; ich weiß, was Sie geschrieben haben. Sie sollten erfahren, was unser Herr mit Ihnen machen würde, wenn ich’s ihm sagte, was Sie gethan haben; es ist Ihr Glück, daß er es nicht weiß.“ Ferner sagte Herr Direktor: „Ich bin mehr als eine geheime Polizei. So gewiß ich Jonas heiße, sind Sie nicht im Stande, irgend wohin zu schreiben, ohne daß ich erfahre, wohin und was Sie geschrieben haben.[34] Sie sollen erfahren, was ich mit Ihnen machen werde, wenn Sie es ferner probiren, solche Berichte zu schreiben und zu versenden. Ich habe auch erfahren, was für ein aufrührerischer Kerl Sie zu Hause gewesen sind, und wie viele Mühe sich Ihre Gemeinde hat kosten lassen, Sie weg zu bringen; ich habe aber auch nach der Schweiz [131] geschrieben, welch ein schändlicher Mann Sie hier sind.“

Dieses Alles hörte ich ziemlich ruhig, ohne ein Wort zu erwidern, ab. Am Ende sagte ich zum Direktor: „Da sich mein Verhältnis hier also gestaltet hat, so kann ich nicht mehr wohl lange hier bleiben. Darf ich mich nach einem andern Platze umsehen?“ Er antwortete hierauf: „Von Herzen gerne erlaube ich Ihnen, sich nach einem andern Platze umzusehen. Ja schauen Sie nur je bälder je lieber einen Bürgen für Ihre Schuld oder das Geld zur Tilgung derselben zu bekommen. Die Strafe (die 50 Milreis per Kopf, die nach dem Kontrakt gefordert werden können, wenn man vor Ablauf der Kündigungsfrist von einer Kolonie wegzieht) schenke ich Ihnen gerne; wenn es in meiner Macht läge, so schenkte ich Ihnen die ganze Schuld, damit Sie schnell fortkämen.“

Nun hatte er sein Herz geleert und das meinige ziemlich gefüllt, und ich konnte nun wieder nach meiner Wohnung zu meinen Lieben gehen, deren Anblick mir damals wahrlich sehr schwere Gedanken erweckte. Diese Sprache war verständlich genug, und ich wußte nun, daß ich keinen Menschen mehr habe, der mir zu rathen vermöchte, und dem ich mich anvertrauen dürfte. Jetzt verstand ich auch die Sprache des Herrn Luiz Vergueiro ganz und erkannte meine Lage als eine wahrhaft nicht beneidenswerthe; die Art und Weise, wie die dortigen Herren ihrem Hasse Luft machen, war mir bekannt, und wenn ich es nicht gewußt hätte, so hat mir es Herr Vergueiro mit seinem Ausdrucke, es seien für den Oswald schon 35 Milreis gerüstet, ja deutlich genug gesagt; zudem haben mich 3 Freunde, denen ich etwelche Mittheilungen von meiner Lage machte, dringend gebeten, doch ja keinen Bericht zu versenden; mein Leben sei sonst in der größesten Gefahr.

Ich gestehe, daß ich damals in ziemlicher Besorgniß um mich und die Meinigen stand, und daß es mit meiner Gesundheit wieder etwa 8 Wochen lang nicht gut ging. Meine damalige Gemüthsstimmung wirkte in Verbindung mit der großen Hitze, die damals herrschte und bei Gesunden Fieber [132] erregte (es war eine sehr trockene Regenzeit), gar sehr auf meinen seit der vorausgegangenen längern Krankheit nur wenig erstarkten Körper. Wenn ich dem guten, treuen Gott, dem Nichts unmöglich ist, nicht zugetraut hätte, daß Er auch aus diesem Bedrängniß hinaus noch einen Weg finde und einschlage: so weiß ich nicht, ob ich nicht erlegen wäre.

In jener Zeit sann ich hin und her, was zu thun sei, und schrieb auch mehrere Briefe nach Graubünden und nach Rio de Janeiro, die mir dann aber bald als unzweckmäßig vorkamen, weßhalb ich sie nicht versandte. Endlich entstanden dann aber die 2 Briefe an den Hochlöbl. Kleinen Rath von Graubünden und an die Löbl. Kommission, welche meine Instruktion ausgearbeitet hatte, welche Briefe nicht mit Unrecht „Jammerbriefe“ genannt wurden und um so mehr auffallen mußten, da ich so Vieles verschwieg und hauptsächlich nur um Befreiung aus meiner schweren Lage bat. Der Ausdruck des Herrn Direktor Jonas, er sei mehr, als eine geheime Polizei, und ich sei nicht im Stande, irgend wohin zu schreiben, ohne daß er erfahre, wohin und was ich geschrieben habe, und seine Beweisleistung von seiner Tüchtigkeit in diesem Fache, sowie seine und Vergueiro’s Drohung lagen mir noch gar frisch im Gedächtnisse; zudem war ich allein, durfte nicht einmal irgend Jemand meine Lage recht aufdecken, geschweige denn auf Jemandes Hilfe rechnen, und ich dachte mir auch die Möglichkeit, daß ich von einer Behörde in Untersuchung gezogen werden könnte, in welcher ich mit Wahrheit wollte sagen können, daß ich von den Kolonisationsverhältnissen Nichts berichtet hatte. In Diesem und in noch Mehrerem lag der Grund, warum ich theilweise so räthselhaft schrieb.

Das Mittel, aus all meinen Gefahren hinaus zu kommen, ja vielleicht noch einen größern oder kleinern Theil meiner Schuld abzuverdienen, wäre mir natürlich nahe gelegen; ich hätte nur einen recht glänzenden Bericht schreiben und den Herren Vergueiro und Jonas zur Beförderung übergeben müssen. Aber lieber, als so mich an Gott und Menschen [133] zu versündigen und viele Arme in eine noch viel bedauerlichere Lage, als wie sie in Europa sind, zu verführen[35], wollte ich selbst mein Leben in die Schanze setzen; das war mein fester Entschluß. Uebrigens hatte ich das gute Zutrauen zu Gott, daß er mich behüten und mich und die Meinen aus der schweren Lage erlösen werde. Mein ernstlichstes Vorhaben war damals, die Kolonisationsverhältnisse aufzudecken, damit es zum wenigsten nicht noch mehr Unglücksgefährten gebe, als ihrer schon waren. Die Möglichkeit, dieses von der Kolonie aus zu Stande zu bringen, konnte ich mir aber nicht denken, und darum bat ich zunächst nur für mich um Hilfe; einmal in Sicherheit gebracht, wollte ich dann auch für Andere das Meinige thun. In dieser Absicht schloß ich die nach Graubünden gerichteten Briefe offen in ein Schreiben an ein schweizerisches Handlungshaus in Rio de Janeiro ein und bat dieses um Weiterbeförderung, um Hilfe und um völlige Verschweiung meiner Mittheilungen. Wie ich aber diesen ziemlich großen Briefpack nach Rio bringe, wußte ich lange nicht. Endlich bot sich der Anlaß dar, daß ich ihn durch Freunde nach einer eine bedeutende Strecke auf der Seite liegenden Handelsstadt schicken konnte, von welcher aus er, da er an ein Handelshaus adressirt war, ohne Verdacht als Handelsbrief passiren konnte. Von Graubünden aus erhielt ich keine Antwort; allein die Regierung dieses Kantons that auf den Antrag der Mitglieder der prätigauischen Kommission derartige Schritte, die weit mehr fruchteten, als ein Brief hätte fruchten können: sie setzte sich mit der Regierung des Kantons Zürich in Verbindung, und dies hatte die Wirkung, dass Herr Dr. Heußer den Auftrag zur Untersuchung der Kolonieen erhielt, eine Wirkung, die mir die willkommenste war und wohl nicht erfolgt wäre, wenn das oben mitgetheilte Schicksal meines Berichtes nicht [134] den an seine Stelle getretenen Jammerbrief hervorgerufen hätte.

Von Rio de Janeiro bekam ich eine Antwort, die mich zwar an dem edeln Sinne der dortigen Schweizerherren keineswegs zweifeln ließ, mir aber doch deutlich zeigte, daß unter ihnen die beste Meinung über das Vergueiro’sche Kolonisationssystem herrschte, daß ich also vor Allem aus darauf bedacht sein müsse, diese Herren zu überzeugen, daß es auf den Kolonieen schlimm aussehe, und das war nichts Leichtes. Keiner der Herren kannte mich, und von allen Seiten hörten sie nur Gutes über die fraglichen Kolonieen; wie konnten sie anders als Zweifel in meine Mittheilungen setzen? Doch unsere Herren auf der Kolonie gaben mir ein sehr gutes Mittel an die Hand, die Freunde in Rio von der Richtigkeit meiner Berichte einigermaßen zu überzeugen. Die Antwort, welcher ich das so eben Mitgetheilte entnehmen konnte, erhielt ich ganz aufgerissen. Am 26. April 1856 brachte Herr Unterdirektor Heinrich Schmid mir dieses Schreiben in dem genannten Zustande unter Anbringung folgender Entschuldigung: „Herr Davatz, ich muß um Entschuldigung bitten. Es sind da mehrere Briefe, auch einer an Sie, gekommen, und den habe ich aus Versehen aufgerissen. Gelesen habe ich ihn nicht, das kann ich Sie versichern; ich habe ja Nichts darnach zu fragen, was Sie für Korrespondenzen führen.“ Ohne ein Wort auf diese Entschuldigung zu verlieren, nahm ich aus seiner Hand den geöffneten Brief, dessen Hauptinhalt oben schon gegeben ist. Als Mittel, den Freunden in Rio de Janeiro nach und nach zu zeigen, wie die Sachen auf den Kolonieen stehen, beschrieb ich meinem Korrespondenten, Herrn Gustav Lutz, den Zustand seines Schreibens, in welchem ich es erhielt, fügte auch die obige Entschuldigung bei, ohne aber zu entscheiden, ob diese Entschuldigung wahr sei, oder ob die Meinung vieler Kolonisten, daß nämlich ihre Briefe frevlerischer Weise geöffnet und gelesen werden, in diesem Vorfalle eine Bestätigung finde. Daß ein Kolonist wisse, Herr Unterdirektor [135] Heinrich Schmid habe diesen Brief vor dem Oberdirektor Jonas vorsätzlich geöffnet, und daß dieser Kolonist durch den Schmid sogar Etwas von dem Inhalte des Briefes erfahren habe, war mir damals noch nicht bekannt; dies erfuhr ich nicht lange, bevor es der fragliche Kolonist vor Herrn Dr. Heußer in Anwesenheit der beiden Direktoren unter Anführung von Nebenumständen bezeugte.

Auf meinen weitern Brief, in welchem ich meinem Herrn Korrespondenten den obigen Vorfall unter Beifügung von noch Anderm mittheilte, erhielt ich die Antwort durch den nämlichen Herrn Schmid am 7. Juli 1856. Aeußerlich war dieser Brief ganz in Ordnung; als ich ihn aber sorgfältig geöffnet hatte, so zeigten sich manche innnerliche Risse und Falten, kurz, die unzweideutigen Spuren, daß der Brief umgewandt worden war und beim Einschieben diese Risse und Falten erhalten hatte, traten an den Tag.

In diesem Umstande war mir ein neues Mittel an die Hand gegeben, die Freunde in Rio über die Kolonieverhältnisse aufzuhellen, und ich benützte dieses Mittel in einem folgenden Briefe an Herrn Lutz. Die Antwort auf diesen Brief brachte Herr Direktor Jonas am 26. Oktober 1856 selbst in mein Haus. Sie war, wie ich fest überzeugt bin, noch nicht gelesen; denn es war weder äußerlich noch innerlich die geringste Verletzung zu bemerken, und zudem war an die Stelle der frühern polizeilichen Beaufsichtigung eine ganz andere Behandlung getreten. Nachdem ich meine Gesundheit erlangt hatte, besorgte ich meine Pflanzländer und meinen Kaffee mit den Meinigen in der Weise, daß man nicht wohl anders, als zufrieden sein konnte; überdies benahm ich mich ganz still und vermied in der Furcht, Spione um mich zu haben, so viel wie möglich jeden nähern Umgang mit den Kolonisten, namentlich jede Besprechung der Kolonieverhältnisse. Man konnte also mich nicht einen Aufwiegler, auch nicht einen Faullenzer nennen und mir von dieser Seite Nichts anhaben. Daneben merkten die Herren aus den Antworten, welche ich von Rio erhielt, daß ich von [136] Zeit zu Zeit Briefe schreibe, und dass ich diese, trotz der Versicherung des Herrn Direktor Jonas, ich sei nicht im Stande, irgendwo hinzuschreiben, ohne daß er erfahre, wohin und was ich geschrieben habe, doch auf einem ihnen unbekannten Weg versenden könne.[36] Der eine Umstand mochte vielleicht die Hoffnung erweckt haben, daß ich mich mit den Kolonieverhältnissen nach und nach aussöhne, und der andere bewirkte vielleicht eine Art Respekt oder Furcht vor meinen nicht aufzuhaltenden Berichten, und Beides mag in Verbindung mit allenfalls noch andern Gründen dahin gewirkt haben, daß das Benehmen der Herren gegen mich ein äußerst freundliches und Respekt bezeugendes wurde. Dies zeigte sich besonders bei meiner Anstellung als Lehrer und während der ersten Hälfte der Dauer meines diesfallsigen Amtes. Am 31. August, wo ich in Folge des von vielen Kolonisten geäußerten Wunsches, daß ich eine Schule eröffnen sollte, und in Folge einer vorläufigen Anfrage, ob ich nicht nach einer andern Kolonie als Lehrer kommen wolle, zum Herrn Direktor Jonas ging und ihn in Betreff der Annahme dieser angetragenen Stelle um Rath frug, bemühte er sich, mich von seiner Achtung und von seiner Zufriedenheit über meinen Fleiß, mein ganzes Betragen, auch über meine eine Woche vorher gehaltene Leichenrede[37] mit den schmeichelhaftesten [137] Ausdrücken zu überzeugen, und sein Rath war der, daß ich nicht nach jener andern Kolonie als Lehrer gehe, sondern möglichst schnell in Ybicaba die Schule eröffne, daneben die Funktionen eines Pfarrers, überhaupt dasjenige Amt übernehme, das ich dann, wie oben mitgetheilt, eine Zeit lang bekleidete. Er fügte noch bei, daß er mir, wenn ich je einmal von Ybicaba weggehe, ein solches Zeugniß ausstellen werde, das mir dann überall, wo ich hinkomme, zur Ehre gereiche. Mit eben so schmeichelhaften Worten empfahl er mich den 7. September der Schulkommission[38], welche an diesem Tage mit mir die nöthigen Vorberathungen traf, ebenso eine Woche später der versammelten Menge der deutschredenden Kolonisten, die die Anträge der Schulkommission zu genehmigen und somit mir ein ziemlich schweres Amt zu übergeben hatte.

Solche Achtung bewies man mir bis gegen Ende des Jahres 1856, wo dann die Erhebung der Kolonisten in die Oeffentlichkeit trat. Diese Achtungsbezeugungen konnten mich aber nicht sehr freuen; die Absicht, die in einem Briefe des Herrn Unterdirektor H. Schmid (siehe im Kolonisten Jahrg. 1857 Nr. 16) deutlich genug ausgesprochen ist, daß ich mich nämlich nun zufrieden geben werde, zeigte sich zu klar, und je mehr ich dies wahrnahm, desto mehr war es mein Bestreben, die Verhältnisse der Kolonieen aufzudecken und einen Weg nach einem Orte zu suchen, an welchem allmälig in edlerer Absicht Pfarrer und Schullehrer angestellt und wo ein besseres Kirchen- und Schulwesen eingerichtet werden könnte, als in den dortigen Halbpachtskolonieen, und wo es den Leuten nicht so gar schwer werden müßte, eine Besoldung zusammen zu schießen, wie in Ybicaba. Dort hat man zu diesem Zwecke den Kolonisten eine Art Vermögenssteuer aufgelegt und so 327 Milreis zusammengebracht, welche Summe [138] dann durch einen erhöheten Beitrag des Hauses Vergueiro auf 430 Milreis (Fr. 1204.– Rp.) gebracht wurde.

Bis gegen Ende September 1856 verfolgte ich dieses mein Bestreben allein und möglichst geheim. Nebst den in dieser Absicht nach Rio gesandten Briefen, schrieb ich auch Gesuche und Anfragen an das schweizerische General-Konsulat in Rio und an die Direktion der Kolonie St. Cruz in der Provinz Rio grande do Sul, ebenfalls in der Absicht, auf rechtlichem Wege Hilfe zu suchen. Da diese letztern Schreiben aber ziemlich groß waren, wagte ich es nicht, sie ohne Umwege zu versenden, und ehe sich eine schickliche Gelegenheit zu einem solchen Umwege darbot, erhielt mein Bestreben ganz unerwartet eine etwas bestimmtere Richtung.

Bei einem, wie man zu sagen pflegt, zufälligen Zusammentreffen am 21. Sept. 1856 wagte es der Kolonist Johannes Schlittler, mit mir ein Gespräch über die traurige Lage der Kolonisten zu beginnen. Er kam mir früher als ein ehrlicher, aufrichtiger Mann vor, und in der Hoffnung, daß ich mich hier nicht täusche, gab ich ihm solche Antworten, daß er sich nicht zurückgestoßen fühlte. Er theilte mir dann mit, daß früher schon mehrere Freunde sich dahin geäußert hätten, man sollte mich bitten, daß ich mich der Sache annehmen und höhern Orts verwenden möchte. Seit ich aber Lehrer geworden und erhoben worden sei, habe in ihnen die Furcht Raum gewonnen, daß ich nun mit meiner Lage zufrieden sein und mich um die Andern Nichts mehr bekümmern werde. Um den Freund Schlittler zu überzeugen, daß diese Furcht eine ungegründete sei, erzählte ich ihm etwas Weniges von meinen Schreibereien nach Rio de Janeiro und nach St. Cruz, fügte aber auch bei, daß ein solches Unternehmen für einen Einzigen ein schwieriges und gefährliches sei. Mit sichtlicher Freude entgegnete er hierauf, daß sie mich gerne unterstützen wollen, und wir trafen die Abrede, daß er nächstens mit einigen treuen Männern in mein Haus kommen solle, um die hochwichtige Angelegenheit der Kolonisten in Berathung zu ziehen. Dieses kann, wenn man Dasjenige, was [139] ich vorher allein und im Geheimen that, Nichts rechnen will, als der erste Anfang der Erhebung der Kolonisten angesehen werden, ein Anfang, aus dem deutlich genug ersehen werden kann, wie wenig ich die Kolonisten von jeher aufgewiegelt habe. Sie trauten mir noch nicht recht und ich ihnen nicht.

Am späten Abend des 24. Septembers kam Freund Schlittler mit seinem Bruder Heinrich Schlittler, mit Kaspar Märki und mit Philipp Zumkeller, denen sich einige Tage später auch Ulrich Ryffel anschloß, in mein Haus. Wir Alle vereinigten uns unter Ablegung eines feierlichen, an Eidesstatt gegebenen Handgelübdes dahin, im Vertrauen auf Gott und mit der Bitte um seine Hilfe gemeinschaftlich und mit allen Kräften an einem rechtmäßigen, gesetzlichen Wege zu suchen, auf welchem es uns und andern ordentlichen Leuten möglich werden könnte, aus den gegenwärtigen traurigen Umständen hinaus und in bessere hinein kommen zu können. Unter die uns auf diese Weise auferlegten Verpflichtungen nahmen wir auch diejenige der völligsten Verschwiegenheit und des treusten Zusammenhaltens nach dem Grundsatze: „Einer für Alle, und Alle für Einen!“ auf.

Bei der darauf folgenden Berathung fanden wir das als das Zweckdienlichste, daß wir uns schriftlich an das schweizerische General-Konsulat in Rio de Janeiro und durch dasselbe an die weitern Behörden wenden, welche Fug und Recht besitzen, uns zum Ziele zu helfen. Zu diesen Behörden zählten wir ganz besonders die kaiserliche Regierung Brasiliens, zu welcher wir aus den oben angegebenen Gründen auch das größeste Zutrauen hatten.

Zuerst fertigten wir ein Schreiben an den Herrn General-Konsul David in Rio de Janeiro aus, das wir dann aber nicht versandten, an dessen Stelle wir hingegen bis zum 15. Oktob. einen Statutenentwurf zur Bildung einer deutschen Kolonie auf Staatsboden in der Provinz Rio grande do Sul, Brasilien, ausfertigten und mit einem großen Begleitschreiben, in welchem wir dringend um Hilfe und eine gehörige [140] Untersuchung der Kolonisationszustände baten, verschickten.

Das, was wir am meisten hofften und erwarteten, eine Antwort, kam nicht; aber eine andere gute Folge dieses unseres Schrittes, eine Folge, an welche wir nicht im geringsten dachten, stellte sich ein: wir konnten dadurch die andern Kolonisten von einem groben Auftritte gegen das Haus Vergueiro abhalten. Durch das bekannte Resultat der am 24. August eröffneten Jahresrechnung, der von 740 oder gar von 798 auf 467 Reis heruntergesunkenen Kaffeebezahlung und der schrecklichen Schulden nämlich, wurden die Kolonisten böse; sie merkten, daß sie in gar arger Weise betrogen werden, und einmal zu dieser Erkenntniß gekommen, fingen sie auch an, das Kommissionsgeld, den Zins der meistens unverzinslichen Gemeindevorschüsse etc. etc. ernster anzuschauen, als sie es bis dahin gethan hatten, kurz es erwachte eine Unzufriedenheit, welche, durch die Sehnsucht nach einer bessern Lage unterstützt, bald auf den mir immer sehr verhaßten Weg der Revolution hätte treten können, um so mehr noch, da die damals auf Herrn Luiz Vergueiro sehr erbitterten Herren Direktoren Jonas und Schmid, wahrscheinlich in Hoffnung auf ein Avancement, einen Aufstand eifrig zu wünschen schienen und zu diesem Ende die Kolonisten mit manchen gegen sie verübten Ungerechtigkeiten bekannt machten, wovon die Letztern noch wenig wußten. Wie wir zu bemerken glaubten, war es Plan dieser beiden Herren, sich nach erfolgtem Aufstande an die Spitze der Aufgetretenen zu stellen und mit Hilfe derselben es dahin zu bringen, daß Luiz Vergueiro von seiner Verwalterstelle verdrängt und durch Jonas ersetzt werde; und Schmid an die Stelle des Jonas trete. Allein von einer solchen Veränderung erwarteten wir Verbündete kein Heil, und wir verabredeten uns, die Leute von einem derartigen Unternehmen möglichst abzuhalten. Wir glaubten, dieses am nachdrücklichsten thun zu können, wenn wir den Kolonisten sagen: „Seid ruhig und unverzagt; denn es ist bereits ein Schritt geschehen, um auf dem rechten, gesetzlichen [141] Wege Hilfe zu finden, auf welchem Wege wir mehr erlangen, als durch eine Revolution; wir haben nämlich schon an das schweizerische General-Konsulat in Rio de Janeiro geschrieben und unter Anderm um eine Unterschuchung der hiesigen Zustände gebeten, in deren Gefolge dann schon etwas Besseres kommen wird.“

Solche Vorstellungen hatten zur Folge, daß der große Unwille der Kolonisten sich zwar nicht legte, daß er aber doch in den gehörigen Schranken blieb. Eine andere Folge dieser Vorstellungen war die, daß die Leute nun sahen, daß ich mich durch die Lobeserhebungen, durch meine verbesserte Lage u. s. w. nicht habe blenden und gegen die Andern gleichgiltig machen lassen, sondern daß ich auch für ihr Wohl bedacht sei, und diese Wahrnehmung, die sie früher leider wenig genug machen konnten, rief in ihnen das größeste Zutrauen und die ergebenste Anhänglichkeit an mich hervor, ein Zutrauen und eine Anhänglichkeit, worüber ich in der Folge oft sehr froh sein mußte; denn ohne diese wäre es oft fast oder gar unmöglich gewesen, die Leute auf dem rechten Wege zu halten.

Hätte das Haus Vergueiro die später zwischen ihm und den Kolonisten entstandenen stärkern Reibungen und widrigen Auftritte nicht selbst veranlaßt, so wären die Letztern ganz ruhig geblieben; sie hätten stille gewartet, bis ich Antwort auf das Schreiben vom 15. Oktob. erhalten und die weiters zweckmäßigen Schritte gethan hätte, und bis die von ihnen gewünschte Untersuchung durch das schweizerische General-Konsulat und durch den Abgeordneten von 6 schweizerischen Kantonsregierungen, dessen Anrücken uns durch Privatbriefe angezeigt wurde, eingetreten wäre. Allein das Haus Vergueiro, das durch seine Späher die Unzufriedenheit der Kolonisten bemerkte und bemüht war, dieselbe zu legen, wählte dazu diejenigen Mittel, durch welche dieser Zweck nicht nur nicht erreicht, sondern das gerade Gegentheil von dem Gewollten bewirkt wurde. Ein Männerchor, der durch das Koloniedirektorium, als dieses mit Herrn Luiz Vergueiro [142] noch eins war, im September schnell zusammengetrommelt und dessen Glanz durch die Anwerbung von ziemlich vielen in Ybicaba und anderwärts wohnenden, reichen Ehrenmitgliedern erhöht wurde, und ein beabsichtigtes fröhliches und lustiges Fest an dem auf den 20. Dezember 1856 fallenden Geburtstage des 79jährigen Herrn Senators Vergueiro sollten das große Unrecht, das den Kolonisten durch all das Bekannte zugefügt wurde, gut machen und diese Letztern wieder ganz zufrieden stellen. Von dem Feste erwartete man sehr wahrscheinlich nicht nur diesen, sondern noch viel weiter gehende Vortheile. Es kamen nämlich zu Ehren dieses gefeierten, mächtigen Mannes ziemlich viele Große der Umgegend, Senatoren, Geschäfts- und Gesinnungsfreunde, darunter auch 2 europäische Herren, und diese Alle hätten aus der zu Ehren des Gefeierten gehaltenen, von mir erwarteten Rede, aus den Gesängen des sehr dringend eingeladenen Männerchors, aus den Tänzen und dem Jubel der versammelten Menge der Kolonisten u. s. w. sich überzeugen sollen, wie zufrieden und glücklich sich die Letztern fühlen, hätten aus den den Kolonisten servirten Speisen und Getränken auch die väterliche Gesinnung des Herrn Vergueiro erblicken sollen, und sehr wahrscheinlich wären diese Ehrengäste schnell zu dieser unumstößlichen Ueberzeugung gelangt und hätten dieselbe durch glänzende Berichte aller Welt kund gethan.

Die meisten Kolonisten merkten nun diesen Plan und wollten ihn nicht ausführen helfen; sie wollten nicht auf solche Weise die Verführer vieler armer Leute in Europa werden[39] und Zufriedenheit heucheln, während sie aus mehr als hinreichenden Gründen sehr unzufrieden waren und über großes Unrecht klagten. Die Theilnahme an diesem Feste wurde von Seite der Kolonisten sehr klein; ein bedeutender Theil der Sänger und die meisten Musikanten (Blas- und Saiteninstrumentisten) erschienen nicht, auch dann nicht, als [143] man, besonders einen der Letztern, zur Theilnahme fast zwingen wollte. Natürlich habe auch ich die Rede nicht einmal studirt, geschweige denn gehalten.

Hiemit war die Veranlassung zu den widrigen Geschichten gegeben, die sich nun ereigneten, aber ohne dieses Benehmen des Hauses Vergueiro sicher nicht erfolgt wären. Sowohl die Glieder dieses Hauses, als auch die beiden Direktoren Jonas und Schmid, welch Letztere sich unterdessen mit jenem wieder vereinbart hatten, waren sehr aufgebracht gegen die Kolonisten, und die Erbitterung dieser Letzten gegen Herrn Vergueiro und die Direktoren, welche alle sie als ihre Bedrücker ansahen, nahm auch aufs Neue zu. Dieses bewies sich schon am folgenden Tage, den 21. Dezemb., in der Singstunde, in welcher Herr Jonas als Präsident und Herr Schmid als Aktuar des Männerchors in zorniger Rede behaupteten, die Statuten des Vereins seien dadurch gebrochen worden, daß mehrere Sänger der Einladung des Präsidenten, bei der gestrigen Gesangaufführung zu erscheinen, nicht gefolgt haben[40], in welcher Singstunde sich Herr Jonas beklagte, man habe durch diese Unfolgsamkeit ihn persönlich beleidigen wollen, in welcher die beiden genannten Herren ihre Aemter niederlegten und ihren Austritt erklärten, auch gleich darauf das Gesanglokal verließen, aber wegen heftigen Regengüssen noch eine zeitlang unter der Hausthüre stehen mußten, wo sie vielleicht Einiges von den Aeußerungen der gereizten Sänger und von den darauf gefaßten Beschlüssen derselben hören und verstehen konnten.

Von diesen Aeußerungen war eine durch Heinrich Ryffel ausgesprochene die stärkste. Dieser sagte nämlich, Herr Vergueiro sei ein Schelm; er stehle seinen Arbeitern den [144] Lohn ab. Der Hauptinhalt der hierauf gefaßten Beschlüsse war der, daß dem Hauslehrer der Fazenda, dem Herrn Alscher, über welchen ziemlich schlechte Gerüchte in Umlauf kamen, die Kasse (er war Kassier des Vereines) abgenommen, und daß er aus dem Verein entlassen werden solle, das Erste, weil er nicht ein auf der Kolonie Wohnender sei, und das Zweite, weil er oft die Singstunden versäume. Die weitern Beschlüsse setzten fest, daß der Männerchor fortbestehen, die Wahl des Vorstandes in der nächsten Singstunde vorgenommen, dem Lehrer Alscher durch Heinrich Ryffel der Entlassungsbeschluss angezeigt und die Kasse abverlangt werden solle, und daß man nun sofort singen wolle. Das Lied: „Nur nicht verzagt! u. s. w.“ eröffnete den Reigen. Weitere Berathungen und Beschlüsse kamen nicht vor.

Am folgenden Morgen, den 22. Dez., wurde ich frühe durch Herrn Schmid zu Herrn Direktor Jonas gerufen, der mich sehr freundlich anredete und mir mittelst eines vorliegenden Briefchens bewies, daß er von Herrn Vergueiro den Auftrag erhalten habe, sich bei mir nach den in der letzten Singstunde gefaßten Beschlüssen und den gefallenen Aeußerungen zu erkundigen. Ich theilte ihm Alles offen mit. Hierauf wollte er mir darthun, wie grob und undankbar Manche gegen ihn, der ihnen schon so viel Gutes erwiesen, gehandelt haben, und fügte hinzu, daß es viel edler und wirksamer wäre, wenn Diejenigen, welche zum Klagen Ursache zu haben glauben, bei den kompetenten Behörden Hilfe suchen und sich nicht auf grobe Weise rächen würden. Auf dieses erklärte ich ihm freimüthig, warum am Geburtstagsfeste so Viele nicht erschienen seien, und sagte, daß ich mit seiner so eben ausgesprochenen Ansicht, es sei besser, Hilfe bei den zuständigen Behörden als auf grobem Wege zu suchen, völlig einverstanden sei, versicherte ihn auch, daß ich es in der letzten Zeit oft für nöthig gefunden habe, die erbitterten Gemüther mit derartigen Vorstellungen zu beschwichtigen. Damit ging ich fort.

Am Nachmittage desselben 22. Dezembers kamen ohne [145] meine geringste Einladung oder Veranstaltung, ja ohne daß ich während der so eben bemeldeten Unterredung mit Herrn Direktor Jonas nur das Geringste davon wußte, 45 schweizerische Kolonisten in mein Haus, um theils gegen allenfallsige Gewaltsmaßregeln des Herrn Vergueiro und der Direktion, als: Einsperrung oder plötzliche Wegjagung Einzelner von der Kolonie, wie es ja Einige von den ersten deutschen Ansiedlern erfahren hatten, und wie es nach Aeußerungen des Herrn Schmid wieder zu erwarten stand, sich durch Vereinigung die nöthige Kraft zu verschaffen; theils kamen sie, um zur Verhütung von unbesonnenen und schädlichen Schritten dieser oder jener Kolonisten die zweckdienlichen Verabredungen zu treffen. Noch ein Zweck dieser Zusammenkunft war der, daß man sich über die gesetzlichen Mittel und Wege berathen wollte, durch welche Hilfe erlangt werden könnte. Zuerst machte ich diese Versammlung mit denjenigen Schritten bekannt, welche wir Verbündete schon gethan hatten, entwarf darauf ein Abkommniß, las dieses vor und ließ es nach der einstimmigen Annahme von allen Versammelten unterzeichnen. Zugleich wurde aus den Versammelten eine Kommission von 8 Mitgliedern, welche später noch 2 andere an sich zogen, gewählt. Diese Kommission sollte, um die öftere Einberufung aller Unterzeichneten vermeiden zu können, die minderwichtigen Geschäfte besorgen und am nächstfolgenden Tage der Direktion den Inhalt unsers Abkommnisses ganz mittheilen, damit sie erfahre, was wir beabsichtigen, und damit nicht der Schein auf uns falle, als ob wir im Verstecke schlechte, verbrecherische Pläne aushecken.

Das ganze hier geschlossene Abkommniß findet sich sammt den ersten und den spätern Namensunterschriften genau in Beilage Nr. 3.

Daß dieses unser Abkommniß nothwendig gewesen sei, bewies sich schon am Abend des gleichen 22. Dezembers. Heinrich Ryffel ging nämlich, begleitet von Felix Hoffmann, an diesem Abende nach der Fazenda, um dem Lehrer Alscher die Beschlüsse des Gesangvereines wegen Abnahme der Kasse [146] und Entlassung aus dem Vereine anzuzeigen. Bei diesem Anlasse fing Herr Luiz Vergueiro mit Ryffel über dessen Tags zuvor gemachte Aeußerung, Herr Vergueiro sei ein Schelm u. s. w., einen heftigen Streit an und befahl ihm, am folgenden Tage die Kolonie zu räumen. Zu Hoffmann, der gegen Ende dieses Streites dem Ryffel beistand, sagte Herr Luiz Vergueiro unter Anderm: „Zahlen Sie Ihre Schulden, und gehn Sie zum Teufel!“ Darauf antwortete ihm Hoffmann: „Wann ich meine Schulden bezahlt habe, dann können Sie mir in den Hintern chuchen; dann frage ich Sie nicht mehr, wo ich hingehen solle.“ Derartige Befehle hätten ohne allen Zweifel gehörige Nachachtung erhalten, wenn unser Abkommniß nicht schon vorhanden gewesen, und wenn solche kleinere Sachen durch die in Folge des Abkommnisses bald eingetretenen größern Ereignisse nicht in den Hintergrund gestellt worden wären.

Auftragsgemäß theilte die Kommission der Kolonisten am Abend des 23. Dezembers dem Herrn Direktor Jonas das Abkommniß mit. Obschon das darin ausgesprochene Ziel im Grunde nichts Anderes war, als was der Direkotr mir Tags zuvor selbst als das Beste bezeichnet hatte, nämlich: Hilfesuchen bei den zuständigen Behörden: so war er nun doch mit unserm Schritte nicht einverstanden. Er stellte sich, als verstände er unser Verlangen nicht, und immer wollte er, nachdem wir ihm klar und wiederholt gesagt hatten, daß die Kolonisten bei den rechtmäßigen Behörden Hilfe suchen, namentlich auf eine Untersuchung dringen und hievon ihm jetzt Anzeige machen wollen, aufs Neue wissen, was wir wünschen oder verlangen. Im Verlaufe dieses Gespräches gab es dann auch etwas bittere Erörterungen über den Zins des den Kolonisten von den Gemeinden gemachten unverzinslichen Vorschusses, über das Kommissionsgeld, über das Verhältnis von 3 Alq. Kaffee in der Hülse zu 1 Arroba reinen Bohnen und über sonst zu kleine Bezahlung des Kaffees. Man sagte unter Anderm, daß nicht nur während der Rechnung, sondern schon vor einem Jahre eine viel größere Kaffeebezahlung, [147] damals 640 Reis, versprochen worden sei, und als Herr Jonas davon Nichts wissen wollte, erinnerte ihn Kaspar Märki, wie und wo er selbst dieses Versprechen gegeben habe.

Des Direktors weitere Ausrede, der vorjährige Kaffee sei eben leicht gewesen, wurde dadurch zurückgewiesen, daß ein anderes Kommissionsmitglied, Georg Meyer, ihm vorhielt, wie er, Herr Direktor, beim Laden eines Haufens Kaffee von 40 Alqueiren selbst gesagt habe: „Wie ist doch der Kaffee so schwer!“ Die Thatsache, daß für den Kaffee am Ende nicht so viel bezahlt worden sei, als anfangs der Rechnung in Aussicht gestellt wurde, wollte Herr Direktor dann damit erklären, daß er die Reinigungsgebühr vergessen gehabt habe und sie erst später in Abzug habe bringen müssen, eine Erklärung, deren Richtigkeit schon gezeigt wurde und Jedermann in die Augen springt, wenn man bedenkt, daß die Reinigungsgebühr beim Alqueiro nur 133⅓, der betreffende Bezahlungsabzug aber 233 bis 331 Reis betragen habe. Nachdem sich der Direktor mit Derartigem nicht mehr helfen konnte, wollte er die Behauptung aufstellen, unser Unglück[41] komme davon her, daß wir in Europa unsern Kontrakt unterzeichnet haben. Darauf entgegnete ihm Johannes Schlittler, die lügenhaften Berichte und Briefe, die man von Ybicaba nach Europa gesandt habe, tragen die Schuld an unserm Unglück. – Nach solchen Erörterungen ersuchte Herr Direktor Jonas mich noch, ihm eine Abschrift unsers Abkommnisses zu verfertigen und zu behändigen, und nach dem von mir gegebenen Versprechen, daß dieses geschehen solle, gingen alle Kommissionsmitglieder fort. Noch war ich nicht lange bei Hause, als die meisten thüringischen Kolonisten kamen und die Bitte stellten, daß wir Schweizer es ihnen erlauben möchten, sich an uns anzuschließen. Obschon manche Schweizer es gerne gehabt hätten, daß wir allein geblieben wären, gestattete ich ihnen in Betracht dessen, daß sie ebenso [148] hilfsbedürftig seien, als wir, gerne den Anschluß, und sie unterzeichneten das Abkommniß.

Am frühen Morgen des 24. Dezembers wurde ich durch Herrn Heinrich Schmid zum Direktor Jonas gerufen. Dieser frug mich alsbald, ob ich das Abkommniß abgeschrieben habe. Ich mußte eine verneinende Antwort geben und entschuldigte mich mit dem so eben erzählten Vorfalle mit den Thüringern, welche es mir in Verbindung mit noch andern Kolonisten unmöglich gemacht haben, die Abschrift auszufertigen; jetzt aber, fügte ich hinzu, wolle ich dieselbe besorgen. Nach dieser von mir gegebenen Erklärung verlangte der Direktor, der sich sehr freundlich stellte, wieder eine Explikation dessen, was die Kolonisten wollen. Ich sagte, daß sie vor der Hand gar nichts Anderes wollen, als eine unparteiische, gerechte Untersuchung der hiesigen (Kolonisations-)Zustände, damit es sich zeige, ob sie zu ihren Klagen Ursache haben oder aber schweigen müssen. Weiterfahrend sagte ich, daß es auf den Kolonieen lange nicht so gut sei, wie man es in Europa durch Briefe und Berichte schildere, so daß man sich hier wirklich sehr betrogen finde. Herr Direktor gab zu, daß bisher mehr lügenhafte, als wahre Berichte von hier nach Europa gelangt seien, gab, an das Gespräch vom vorherigen Abend anknüpfend, auch zu, daß das Haus Vergueiro kein Recht habe, den Kolonisten den Zins für das ihnen von den Gemeinden vorgeschossene Reisegeld anzurechnen; was hingegen, fuhr er fort, das Verhältniß von 3 Alq. zu 1 Arroba anbetreffe, so sei das ein Punkt, den wir schon in Europa unterzeichnet haben, in Bezug auf welchen also das Haus im vollkommenen Rechte stehe. Ich bestritt dieses und behauptete, daß der diesen Punkt beschlagende Artikel unsers Kontraktes (Art. 5, litt. 4) nur auf ein Verhältniß Bezug habe, das lediglich zwischen Kolonisten, nicht aber zwischen dem Herrn der Pflanzung und den Kolonisten stattfinde, das mithin bei der Bezahlung des Kaffees in gar keinen Betracht genommen werden dürfe. Denn es sei, sagte ich, laut diesem Artikel Pflicht der Kolonisten, daß jeder seinen gelieferten [149] Kaffee selbst putze und reinige, und daß er, so lange er dies nicht thue, den übrigen Kolonisten, welche diese Arbeit für ihn verrichten, für jede Arroba, deren er so viele zu präpariren schuldig sei, so viel mal er 3 Alqueiren Kaffee gepflückt habe, 400 Reis Putzerlohn zahle. Also auf die Bezahlung des Kaffeereinigens von Seite eines Kolonisten gegen die übrigen Kolonisten habe der fragliche Punkt Bezug, nicht aber auf die Bezahlung des Kaffees von Seite des Hauses Vergueiro an die Kolonisten. In Bezug auf die Kaffeebezahlung sei im Kontrakte ein ganz anderer Artikel vorhanden, nämlich Art. 6. (Der geneigte Leser wolle sich hier an Dasjenige erinnern, was ich oben über diesen Punkt gesagt habe.)

Nachdem ich auf obige Weise die Behauptung, der Kolonist müsse 3 Alqueiren auf 1 Arroba liefern, widerlegt hatte, bat mich Herr Direktor Jonas, das Abkommniß nun abzuschreiben und dann mit ihm die Abschrift nach der Fazenda zu bringen. Um ½ 10 Uhr Morgens traten wir Beide den Weg dorthin in aller Einigkeit an. Dort angekommen mußten wir, weil die Familie Vergueiro noch frühstückte, in der Hausflur eine ziemliche Zeit warten. Endlich kam Herr Luiz Vergueiro herunter und sagte, sein Vater wolle mit mir sprechen; wir sollen also hinauf kommen.

Die in dem Saale schon bereit gestandenen schönen Sessel wurden nun so in Beschlag genommen, daß ich den alten Herrn Senator Vergueiro, der während der Minderjährigkeit des jetzigen Kaisers eine Zeit lang Mitglied der Interimsregierung von Brasilien war, seinen Sohn Luiz und Herrn Alscher, den Hauslehrer, vor mir, den Herrn Direktor Jonas zu meiner Rechten und den Herrn Dr. Gattiker, den Hausarzt, zu meiner Linken hatte. Alle 5 hatte ich zu Gegnern; doch war Herr Dr. Gattiker nicht hitzig und hat sich am Ende als meinen Retter bewiesen. Herr Senator Vergueiro konnte nicht deutsch, ich nicht portugiesisch; es war also ein Dolmetscher nöthig, und der war Herr Direktor Jonas; die übrigen Herren sprachen alle deutsch. Nachdem wir auf die bemeldete Weise unsere Plätze in Beschlag genommen hatten, [150] begann eine Debatte, welche von Vater und Sohn Vergueiro, wie auch vom Direktor sehr hitzig geführt und am Ende für mich gefährlich wurde. Diese Debatte in gehöriger Ordnung darzustellen, ist mir unmöglich. Befehle, Fragen und anderartige Erörterungen folgten so schnell auf einander und kamen so durch einander, daß gewiß der gewandteste Mann nicht auf Alles hätte hören können, und mehrere gutgestiefelte Advokaten kaum im Stande gewesen wären, auf Alles Antwort und Auskunft zu geben. Wiederholungen gab es schrecklich viele, und das Nämliche erhielt die verschiedensten Variationen. Kaum hatte ich angefangen, auf die Angriffe von Einem zu antworten, so kamen Andere mit Befehlen, Verboten u. s. w., und Jeder verlangte, daß ich auf ihn höre und ihm Antwort gebe. Ich stelle das Hauptsächlichste von dem, was Jeder sprach, zusammen und mache mir nicht die vergebliche Mühe, Alles in die Reihenfolge zu stellen, in welcher es folgte. Dieses gilt auch von meinen Antworten.

Der alte Herr Senator Vergueiro äußerte sich immer mit schrecklich laut tönender, befehlender Stimme, in einem Zorne, der ihn, den großen, dicken, eisgrauen Mann heftig schüttelte. Immer begann sein Dolmetscher: „Der Herr Senator befiehlt Ihnen,“ oder: „Der Herr Senator verbietet Ihnen,“ auch: „Der Herr Senator beschuldigt Sie“. Der Inhalt seiner Befehle, Verbote und Beschuldigungen war folgender: Es sei mir strenge verboten, ohne seine Erlaubniß und ohne Beisein des Direktors irgend welche Versammlungen, auch die Schule, zu halten, und das Haus ziehe sein Versprechen, mir 103 Milreis an den Gehalt zu geben, zurück. Ich dürfe, so lange ich in seinem Hause wohne, mich an keine höhere Behörde wenden und nirgends Klage führen; die brasilianischen Gesetze verbieten solche Schritte, wie ich thun wolle (Hilfesuchen bei höhern Behörden etc.). Ich solle mich (von der Kolonie) packen und ruhig verhalten. Ferner sagte er, ich sei ein Revolutionär, ein Schüler Oswalds; man wisse, was ich an ihn geschrieben habe; ich habe die Revolution angeregt etc. Auf diese seine Aeußerungen entgegnete [151] ich ungefähr Folgendes: „Von 85 schon vereinigten Kolonisten, die sich alle solidarisch für einander verpflichtet haben, bin ich ein einziger, kann also ohne Zustimmung der Uebrigen auch in Bezug auf meine Person nicht das Geringste zugeben oder versprechen, auch am vorgesetzten Plane Nichts abändern, sondern muß vielmehr an dem Vorhaben, eine Untersuchung hervorzurufen, fest und unbeweglich halten. Ich will den Kolonisten Alles vorlegen und hören, was sie sagen, bin aber überzeugt, daß sie bei ihrem Vorhaben bleiben werden.“ Ferners: „Sollte man in Brasilien bei keiner höhern Behörde Hilfe suchen dürfen, so wüßte ich nicht, was ich von diesem Lande halten müßte.“ Weiters: „Ein Revolutionär bin ich nicht, sondern ich habe im Gegentheil durch das Abkommniß und durch meine frühern Schritte eine Revolution verhindert. Wahrscheinlich wäre eine solche entstanden, wenn die Sache durch das Abkommniß und durch meine frühere Thätigkeit nicht auf den rechten Weg geleitet, und die erhitzen Gemüther dadurch nicht beschwichtigt worden wären.“ Endlich: „An den Oswald habe ich ein einziges Mal geschrieben, aber keine Antwort erhalten.“[42]

Herr Luiz Vergueiro wiederholte meistens Dasjenige, was sein Vater gesagt hatte; zwischen ein frug er gar oft, was die Kolonisten verlangen. Sie wollen, sagte er, jedes Unrecht gut machen, und mit ihrem Wissen geschehe keinem einzigen Kolonisten nur ein Haar Unrecht. Immer befehlen sie dem Direktor, gegen Niemand ein Unrecht zu begehen. Viele Male mußte ich ihm zur Antwort geben: „Die Kolonisten verlangen jetzt vom Hause Vergueiro gar Nichts; sie wollen nur eine unparteiische, gerechte Untersuchung der ganzen Sache, damit sich heraustelle, ob das Haus seine Pflichten gegen die Regierung und die Kolonisten erfüllt habe, ob diese zu ihren Klagen Ursache haben oder nicht. Zeigt es sich dann, daß sie zu ihren Klagen Ursache haben, so werden sie die weitern gesetzlichen Wege einzuschlagen wissen; im andern [152] Falle hingegen wissen sie dann, daß sie schweigen müssen.“ Hierauf wollte mir Herr Luiz Vergueiro das Gericht in Limeira (das durch den Kontrakt bezeichnete Schiedsgericht, vor welchem wir Kolonisten jedenfalls verspielt hätten) anweisen und den Weg zu einer höhern Behörde versperren. Ich entgegnete ihm, daß wir nicht einen Prozess, sondern eine Untersuchung wollen, und eine solche dürfen wir auch bei einer höhern Behörde suchen. Weiters verlangte Herr Luiz Vergueiro, daß ich alle Kolonisten auf die Fazenda kommen lasse, damit sie mit jedem einzeln sprechen, von jedem seine Klagen und Wünsche hören und diese auch befriedigen können. Hierauf sagte ich nochmals, daß die Kolonisten vor der Hand nur eine Untersuchung wollen, und fügte dieser Antwort folgende Warnung bei: „Herr Vergueiro, als Freund rathe ich Ihnen, die Kolonisten nicht auf die Fazenda kommen zu lassen; sie könnten unfreundlich kommen.“ Seine stark aufbrausende Antwort war: „Wir sind mächtig genug, haben in Brasilien Militär genug, um die Kolonisten zu bändigen.“ Auf dieses wiederholte ich meine Warnung mit noch größerm Ernste.

Unterdessen fing auch Herr Dr. Gattiker an, in mich zu dringen. Dieser tobte und lärmte nicht; aber mit vieler Ueberredungskunst suchte er mich dahin zu bringen, daß ich sage, was für Klagen die Kolonisten haben. Ich sagte ihm, daß solcher Klagen viele seien, daß ich sie aber nicht gesammelt und aufgezeichnet habe, weil die Kolonisten durchaus nicht eine Verbesserung dieses oder jenes einzelnen Zustandes, sondern eine Aufdeckung des Ganzen, aller Verhältnisse, wollen. Endlich erklärte ich mich bereit, beispielsweise einige Klagen zu nennen. „Also was?“ sagte er dann. Ich entgegnete: „Die Kolonisten glauben, das Kommissionsgeld werde ihnen unrechtmäßiger Weise angerechnet.“ Mit der Frage: „Was weiters“ hieß er mich, mehr anzugeben. „Dann glauben die Kolonisten,“ sagte ich, „dass 3 Alqueiren Kaffee mehr als 1 Arroba geben.“ Auf diese Antwort ging Herr Luiz Vergueiro in ein Seitenzimmer und holte schnell meinen Kontrakt, der schon bereit dalag, herbei und, mir denselben vorweisend [153] (er wollte ihn mir in die Hände geben, aber ich wies ihn mit der Versicherung, daß ich seinen Inhalt kenne, zurück), frug er mich, ob ich ihn gelesen habe. Ich sagte: „Ja.“

Er: „Haben Sie ihn unterzeichnet?“ „Ja.“

„Wissen Sie, was darin steht?“ „Ja.“

„Wissen Sie denn nicht, daß Sie unterzeichnet haben, Sie wollen 3 Alqueiren auf 1 Arroba liefern?“ „Nein, das weiß ich nicht.“ Im Weitern beantwortete ich ihm diese Frage ungefähr auf die Weise, wie ich mich einige Stunden vorher dem Herrn Direktor Jonas gegenüber in Betreff dieses Punktes ausgesprochen hatte. Man wollte mir dann vorgeben, daß 3 Alqueiren zuweilen mehr; zuweilen aber auch weniger als 1 Arroba, geben. Ich aber sagte: „Die Kolonisten glauben, daß es immer mehr und nie weniger gebe.“

Als man merkte, daß ich mich nicht überwältigen lasse, sagte Herr Dr. Gattiker: „Nun also, was weiter?“ „Weiter glauben die Kolonisten,“ sagte ich, „daß ihnen auch sonst noch zu wenig für den Kaffee bezahlt werde. Als man anfing zu rechnen, hieß es von bedeutend größerer Bezahlung des Kaffees, ja man bot sogar Einigen ziemlich viel mehr an, als endlich bezahlt wurde, und zudem haben die Kolonisten gehört, daß der Kaffee in Santos ziemlich viel mehr gelte, als man ihnen hier angibt.“

Gegen das Ende dieser meiner in völligster Ruhe und Kaltblütigkeit gemachten Auseinandersetzungen verwandelte sich die Debatte, welche gegen eine halbe Stunde gedauert haben mochte, und in welcher sich sehr deutlich eine entsetzliche Furcht vor einer Untersuchung zeigte, in einen wahren Tumult. Die beiden Herren Vergueiro, Herr Direktor Jonas und Herr Lehrer Alscher standen auf, und furchtbar zornig, aber in der mir unverständlichen portugiesischen Sprache ausgesprochene Worte übertönten einander und bewiesen mir deutlich, daß da die fürchterlichste Gereiztheit und Rachsucht herrsche, und daß von Seite der meisten dieser Herren Schlimmes geschehen [154] könnte. Zwei unten auf der Treppe gestandene Kolonisten, welche mich mit Herrn Direktor nach der Fazenda gehen sahen, der Sache nicht trauten und unter dem Vorwande, sie möchten sehen, ob auch schöne Schweine zum Fassen auf der Fazenda seien, dorthin heimlich nachfolgten, behaupteten, sie haben deutlich folgende Ausdrücke verstanden: „Er ist nicht mehr werth, als daß man ihn todtschießt.“ Ferners: „Nieder mit ihm!“ Auch: „Tödtet den Deutschen!“ Ob die Frau des Luiz Vergueiro und einige seiner Kinder, welche in diesem Augenblicke herbeikamen und sehr aufgeregte Ausdrücke gegen Gatten und Vater richteten, sich zustimmend oder abwehrend äußerten, verstand ich auch nicht; die vorerwähnten 2 Kolonisten aber wollen Worte der ersten Art verstanden haben. Herr Alscher, der bis dahin schwieg, nahm nun auch Theil; von seinen in deutscher Sprache gegen mich gerichteten Zornausdrücken konnte ich aber wegen dem allgemeinen Lärm nur den verstehen: „Sie sind durch und durch faul.“ Herr Dr. Gattiker, der bis dahin neben mir saß und noch Klagen der Kolonisten durch mich vernahm, faßte mich nun beim Arm und sagte zu mir: „Sind sie still!“ „Gehen Sie hinunter!“ „Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ Gegen den aufgestandenen Herren machte er abwehrende Hand- und Körperbewegungen und begleitete diese mit scharfen Zischlauten und Worten. Ich folgte seinen Befehlen und sagte während dem Hinuntersteigen über die Treppe noch adieu, ohne aber Antwort zu bekommen. In der Hausflur warteten die 2 oben erwähnten Kolonisten, zu denen sich unterdessen noch 2 andere gesellt hatten, und alle 4 traten nun mit mir den Weg nach der Kolonie an. Sie sagten mir, daß sie, als der oben beschriebene Tumult angegangen sei, einen Knaben nach der Kolonie gesandt haben, um Hilfe zu rufen, erzählten mir auch, daß man sie und den Knaben während der Debatte mehrmals habe vom Hause fortschicken wollen, und ich theilte ihnen beim langsamen Heimgehen Einiges von den stattgefundenenen Verhandlungen mit. Herr Direktor Jonas holte uns bald ein und ging noch ein Stückchen Weges mit uns, als Herr Dr. Gattiker und Lehrer [155] Alscher schnell daher geritten kamen und mir sagten: „Es ist jetzt anders beschlossen worden. Lassen Sie die Kolonisten nicht auf die Fazenda kommen, sondern schreiben Sie deren Klagen auf der Kolonie in portugiesischer Sprache auf und senden Sie dieselben nach der Fazenda.“ Auf meine Entgegnung, daß ich nicht portugiesisch könne, hieß es: „So machen Sie es deutsch; es sind Leute auf der Fazenda, die es übersetzen können.“ Ich erwiderte, daß ich das wohl thun könne, daß es aber Nichts nützen werde, indem die Kolonisten bei ihrem Vorhaben fest stehen werden. „Die Kolonisten möchten,“ fügte ich hinzu, „nicht immer da in solch drückenden Verhältnissen arbeiten, sondern sehen, ob sie nicht Hilfe finden, um anderwärts zu Eigenthum und zu einem angenehmern Leben kommen und sich zu einer ordentlichen Gemeinde konstituiren zu können, und zu diesem Zwecke möchten sie sich jetzt an die Landesregierung wenden.“ Hierauf wollte man diesen Gedanken als einen unsinnigen, thörichten darstellen, da der Kaiser nicht kommen und den Kolonisten alle ihre Schulden zahlen, sie fortführen und ihnen anderwärts eigenes Land schenken werde, um so mehr nicht, da dem Hause Vergueiro die ganze Kaffeepflanzung, zu deren Erstellung die Regierung demselben ein Großes gegeben habe, auch bezahlt werden müßte. Ich antwortete: „Was geschehen wird, wird sich zeigen; aber wir möchten doch wenigstens einen Versuch machen; ja wir haben ihn schon gemacht; wir haben bereits nach Rio de Janeiro an das schweizerische Konsulat geschrieben und dort um eine Untersuchung und um Hilfe gebeten[43]

Diese mit starker Betonung gegebene Erklärung wirkte wie ein Donnerschlag. Eine Zeit lang blieben die Herren ganz still und sahen einander verwundert an. Herr Lehrer Alscher unterbrach dann das Stillschweigen mit Folgendem: „Wenn Sie schon geschrieben haben, ist nichts Besseres zu thun, als abzuwarten und stille zu sein, wie man das auf [156] Ubatuba auch mußte, als beim Konsul geklagt und in Folge dessen die Untersuchung vorgenommen wurde. Zu diesem Schritte hatten Sie allerdings das Recht.“ Ich sagte, daß wir dieses Recht haben, habe ich auch geglaubt. Wahrscheinlich im Zweifel, daß dieser Schritt schon geschehen sei, frug mich Herr Dr. Gattiker dann noch: „Haben Sie wirklich geschrieben?“ Ich antwortete: „Ja.“ Dann frug er: „Wann?“ Ich: „Vor geraumer Zeit; es ist seither mehr als 1, ja mehr als 2 Monate.“ Darauf gaben Herr Dr. Gattiker, Herr Direktor Jonas und Herr Lehrer Alscher noch gemeinschaftlich zu, daß wir dazu ein Recht gehabt haben, und erklärten, daß nun Nichts mehr zu machen sei. Nach dieser Erklärung gingen die 3 Herren wieder nach der Fazenda, ich mit den 4 Kolonisten nach der Kolonie.

Kaum waren wir etwa 100 Schritte vorwärts gegangen, so kamen 3 Schweizer, hinter ihnen mehrere, endlich die meisten schweizerischen und thüringischen Kolonisten, worunter auch Frauen, einige mit leerer Hand, die meisten mit Keulen, Phossen, Mistgabeln, Pistolen, Flinten und Stutzern bewaffnet, alle in furchtbarer Wuth, in welcher sie die Fazenda zerstören und an allen oben genannten Herren und den übrigen Gliedern der Herrschaft furchtbare Rache nehmen wollten; denn die Einen hörten und sagten, man wolle mich auf der Fazenda fest nehmen, die Andern, man wolle mich erschießen, ja man habe mir schon eine Pistole auf die Brust gesetzt. Der Hilferuf des nach der Kolonie gesandten Knaben ging gleich einem Lauffeuer von Mund zu Mund über die ganze Kolonie, und damit verbreiteten sich schnell die so eben genannten Gerüchte, die, soferne die Ausdrücke: „Er ist nicht mehr werth, als daß man ihn todtschießt, etc. etc.“ wirklich geflossen sind, nicht aus der Luft gegriffen waren. Das war der Grund dieses schrecklichen Ausbruchs. Es galt bei den Leuten, mich aus der größesten Gefahr zu retten.

Zuerst hatte ich nun sehr damit zu thun, die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen und zum Stillstehen zu bewegen. Doch unter Gottes Beistand gelang es mir mit Hilfe einiger [157] Männer, welche mich in meinem diesfallsigen Bestreben bald unterstützten; es gelang mir auf diese Weise auch, es dahin zu bringen, daß Niemand Hand an den Herrn Direktor Jonas legte, der mittlerweile von der Fazenda her und zu uns gekommen war. Was er aber bei diesem Anlasse hören mußte, kann ich nicht beschreiben. Die Quantität und Qualität der gegen ihn und gegen das Haus Vergueiro geflossenen Worte war stark genug. Zu Konzessionen war er hier sehr bereit. Das Recht, in Rio de Janeiro Hilfe suchen, auch, wenn bis zu einer bestimmten Zeit keine Antwort kommen sollte, selbst eine Deputation dorthin senden zu dürfen, wurde uns ohne Anfrage zugestanden. Ebenso sagte er, daß ich Schule halten solle, und daß wir uns, so viel es die Betreibung unserer Angelegenheit erfordere, versammeln und berathen können. Das an ihn von einem Kolonisten mit Heftigkeit gestellte Verlangen, man solle den Kolonisten, wenn an sie adressirte Briefe anrücken, dieselben auch zukommen lassen und nicht öffnen, nahm er geduldig hin; eben so hat er mir auch das Zeugniß gegeben, er habe nun deutlich gesehen, daß ich kein Revolutionär sei, sondern kräftigst die Kolonisten beschwichtigt habe. Um dem Lärm ein Ende zu machen, gaben ihm Einige von uns einige Erklärungen und Aufträge, und schickten ihn damit nach der Fazenda; wir Kolonisten zogen wieder nach unsern Wohnungen. Ein Schuß wurde während diesem Auftritte abgefeuert, wurde aber absichtlich gegen den Pasto hinunter, weder gegen Menschen noch gegen die Fazenda gerichtet; der zweite und letzte Schuß, den ich aber nicht selber beachtete, fiel während des Heimgehens und sollte ebenso wenig, als der erste, irgend welchen Schaden zufügen.

Das war das Ende dieses Vorfalles, der leicht unglücklich hätte ablaufen können. Ohne Zweifel hofften die Herren Vergueiro und Herr Direktor Jonas, daß sie mich einschüchtern, von dem Vorhaben, eine Untersuchung hervorzurufen, abbringen und so die ganze Sache niederschlagen können. Allein Gott gab mir völlige Ruhe, Furchtlosigkeit und Festigkeit, [158] daß ihre Hoffnung nicht nur nicht erfüllt wurde, sondern daß die ganze Angelegenheit eine für das Haus Vergueiro nur noch schlimmere Wendung nahm. Die Kolonisten haben sich in Folge dieses Versuches unter einander viel enger vereinigt und gestärkt, auch aufs Neue den festen Entschluß gefaßt, um eine Untersuchung und um Hilfe so lange nachzusuchen, bis sie endlich kommen. Zugleich haben sie auch aufs Neue sich vorgenommen, sich sorgfältigst vor jeder Gewaltthat und vor jedem Unrecht gegen das Haus Vergueiro zu hüten und Alles zu meiden, was nur den geringsten Schein einer Revolution gegen Land und Behörden auf sie werfen könnte.[44]

Die Kolonisten hofften, von nun an werde bis zu der gewünschten und erwarteten Untersuchung Alles ruhig vorwärts gehen, und diese Untersuchung werde bald eintreten. Doch sie hatten sich geirrt, und mehrere Gründe nöthigten sie, am 6. Januar 1857 ein zweites dringendes Schreiben (das erste war dasjenige vom 15. Okt. 1856) an den Herrn General-Konsul David in Rio zu richten und dasselbe zuerst, und zwar per Expressen, dem Herrn Präsidenten der Provinz St. Paulo offen zuzusenden.[45] Schon die Mittheilung der so eben erzählten Begebenheiten schien uns nothwendig zu sein; noch dringendere Gründe zu diesem Schreiben erblickten wir in dem Benehmen des Herrn Luiz Vergueiro und in den mittelbaren und unmittelbaren Folgen dieses Benehmens. Unmittelbar nach dem Auftritte des 24. Dez. soll er, Herr Luiz Vergueiro, ganz trostlos im Hause herum gelaufen sein, so daß Herr Dr. Gattiker und Herr Lehrer Alscher es für nöthig fanden, ihn zu trösten. In den nächsten darauf folgenden Tagen hat er bei verschiedenen Anlässen mit mehreren [159] Kolonisten in demüthigem und freundlichem Tone über die Vorfälle des wichtigen Tages gesprochen und, wie diese versicherten, deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er gerne Alles gut machen würde, wenn dadurch die Untersuchung rückgängig gemacht werden könnte. Die Furcht vor einem neuen Auftritte der Kolonisten muß ihn und den Herrn Direktor Jonas auch schrecklich geplagt haben. Aengstliche Bitten und Ermahnungen dieser beiden Herren, daß die Kolonisten sich doch ruhig verhalten möchten, bewiesen dies deutlich genug. Wohl in Folge dieser Furcht, die natürlich Hilfe suchte, wie auch in Folge des Bestrebens, uns anzuschwärzen, wurde dann auch das lügenhafte Gerücht verbreitet, die Kolonisten von Ybicaba seien Revolutionäre und wollen das Land mit Krieg überziehen, und die Furcht vor diesen, wie auch vor den Bewohnern der übrigen Kolonieen, von denen die Brasilianer meinten, daß sie sich zu diesem Zwecke schon alle mit uns vereinigt haben, dehnte sich auf die nächste Umgebung, auf Limeira, St. Joao, Prizicaba, ja auch auf ferner liegende große Städte aus. In Limeira soll patroullirt und die Bürgerwehr behufs einer Vertheidigung aufgeboten worden sein. Fast alle Glieder dieser Mannschaft sollen aber erklärt haben, sie wollen lieber die gesetzliche Zeit in das Gefängniß gehen, als gegen die Deutschen (alle deutschredenden Europäer) ausziehen und sich von ihnen todtschlagen lassen. Von St. Paulo her kam eine Abtheilung von 30 Mann Linientruppen bis nach Limeira; der Chef davon nahm am 4. Januar 1857 von den Zuständen in Ybicaba Augenschein, hat aber gefunden, daß die Kolonisten friedlich seien und kein Einschreiten nöthig machen. In Limeira fing man an, Kolonisten von Ybicaba und von andern Orten, wenn sie an einem Werktage ohne schriftliche Bewilligung ihres Direktors dort hinkamen, fest zu nehmen und einzustecken. In dieser Stadt und in St. Joao wurde es den Handelshäusern strenge verboten, irgend welchen Kolonisten Pulver, Blei und Kapseln zu verkaufen.[46] In Limeira erwartete man auch die Kavallerie [160] von St. Paulo, die, wie man meinte, uns entwaffnen und die Angesehensten aus unserer Mitte nach der Provinzial-Hauptstadt führen werde, und Herr Luiz Vergueiro hat mehreren Kolonisten von Tausenden von Militärs gesagt, die alle seines Rufs gewärtig seien. Wir vernahmen auch, daß man uns nächtlicher Weise plötzlich überfallen und namentlich mir zu Leibe gehen wolle. Mündlich und schriftlich eingegangene Warnungen von Freunden setzten uns davon in Kenntniß. Eine solche an mich adressirte, aber anonyme Warnung findet sich in Beilage Nr. 4 wörtlich abgeschrieben. Es gab damals allerlei unerwartete Sachen, die zu unserm einfachen und kleinen Begehren wirklich in gar keinem Verhältnisse standen. Zuweilen schien es uns, man wolle uns Furcht einjagen und dadurch zum Aufgeben unsers Vorhabens nöthigen; andere Male kam es uns vor, man wolle uns eine Falle legen und uns zu einem unbedachten und uns schädlichen Auftritte verlocken. Es wurde aber weder das Eine, noch das Andere erreicht. Zu Furcht und Angst hatten wir gar keine Gründe, und daß ein Aufstand uns nicht nur nicht nützen, sondern schaden würde, sahen wir klar genug ein. Wir hatten uns schon entschlossen, daß, wenn eine rechtmäßige Behörde uns da oder dorthin rufen oder polizeilich führen lasse, um uns in ein Verhör zu nehmen, wir willig folgen wollen. Aber gegen Horden, die nächtlicher Weile gekommen wären, hätten wir uns nach schweizerischer und deutscher Manier der Art gewehrt, daß manchem Brasilianer Sehen und Hören vergangen wäre, obschon die Meisten von uns keine andere Waffen gehabt hätten, als Keulen, Hacken, Phossen, Mistgabeln u. s. w. Denn von militärischer Bewaffnung und von militärischen Uebungen, die nach den im Lande zirkulirenden Gerüchten in Ybicaba stattgefunden haben sollten, wußten wir dort rein Nichts, wohl aber organisirten wir eine Nachtwache gegen nächtliche Ueberfälle, eine Nachtwache, welche [161] an die Stelle der seit dem 24. Dezember heimlich bestandenen Wache trat und aus einem später zu nennenden Grunde bis zu meiner Abreise von Ybicaba fortdauerte.

Von diesem Allem wollten wir dem Herrn General-Konsul David Kenntniß geben, wollten auch auf Grund dieser Mittheilungen ihn wiederholt mit Gesuchen bestürmen, und das um so mehr, als wir einem am 5. Januar von meinem früher genannten Korrespondenten, Herrn Gustav Lutz, erhaltenen Briefe entnehmen konnten, daß Herr Dr. Heußer am 17. Dezember noch nicht in Rio de Janeiro eingetroffen sei, sich noch keine weitere Untersuchungskommission gebildet und auf die Füße gemacht habe, und daß diese am Ende nur aus dem Herrn Dr. Heußer bestehen könnte. Dieses Letztere hätten wir deßhalb nicht gerne gehabt, weil unter den verbundenen Kolonisten von Ybicaba und den andern Kolonieen[47] viele Nichtschweizer waren, und weil wir wußten, daß es nur einem einzigen, zumal mit den brasilianischen Kolonieverhältnissen noch nicht vertrauten Manne, so tüchtig er auch sonst sein möge, rein unmöglich sei, aufzudecken und zu erforschen, wie die Kolonisten in vielen Sachen behandelt werden.

Aus diesen Gründen entstand das erwähnte Schreiben vom 6. Januar, in welchem wir um eine möglichst baldige Untersuchung und um mehrere Untersuchungsrichter, darunter namentlich um Herrn General-Konsul David und um eine kaiserliche Abordnung, dringend baten. Dem Herrn Präsidenten der Provinz sandten wir es mit einem Begleitschreiben deßhalb offen zu, damit er Kenntniß von unserer Lage und unsern Gefahren erhalte, die nöthigen Schritte zu Verhütung [162] von Unglück anordnen möchte, und damit er, falls wir durch einen nächtlichen Ueberfall zum Dreinschlagen genöthigt worden wären, hintendrein nicht zu sehr überrascht würde und uns nicht als Revolutionäre ansehen könnte. Wir erklärten ihm, daß wir jeder amtlichen Anordnung folgen und gegen kein gesetzliches Militär eine Hand erheben, aber gegen Horden uns kräftigst wehren werden.

Auf dieses Schreiben erhielten wir keine Antwort, und wußten nicht, ob es das Ziel seiner Bestimmung erreicht habe oder nicht, bis endlich Herr Dr. Heußer und der Kanzler des Herrn General-Konsuls, Herr Diethelm, nach Ybicaba gekommen sind und die Untersuchung begonnen haben. Bevor aber dieses geschah, ereignete sich auf den Kolonieen, besonders auf Ybicaba, noch Manches, das hier noch mitgetheilt werden muß.

So sehr sich Herr Luiz Vergueiro auch fernerhin bemühte, uns in einem schlimmen Lichte, als Revolutionäre, darzustellen, so fing man doch rings herum an, den richtigen Sachverhalt einzusehen. Namentlich war dieses der Fall bei dem Chef der in Limeira liegenden Truppen, dem Herrn Lieutenant J. Caitano d’Oliveira Rocha, der, wie er uns später sagte, manche der von uns angeführten und beklagten Ungerechtigkeiten unserer Herrn, z. B. das Oeffnen und Zurückhalten von Briefen, Vergueiro’s Befehl an das Postamt zu Limeira, daß dasselbe an Kolonisten adressirte Briefe nicht an ihre Adressaten gelangen lasse[48], ferners das Verhältniß [163] von 3 Alqueiren zu 1 Arroba, die Theuerung der Lebensmittel auf der Fazenda u. s. w., an den Herrn Präsidenten der Provinz berichtet und demselben auch mitgetheilt hat, daß das Unrecht auf Seite der Herren liege, und daß diese zu einem Aufstande geneigter wären, als die Kolonisten. Dieser Herr Lieutenant hat dann auch dem Einsperren solcher Kolonisten, welche ohne schriftliche Bewilligung nach Limeira gingen, ein Ende gemacht und überhaupt deutlich gezeigt, daß er ziemlich klare Einsicht in die Kolonisationsverhältnisse gewonnen habe und Gerechtigkeitsliebe besitze.

Auch viele andere Herren in Limeira und anderwärts erkannten nach und nach, wie wir behandelt werden, drückten ihre große Verwunderung über die Handlungsweise des Hauses Vergueiro, namentlich auch darüber aus, daß es so wenig für den Kaffee bezahle und 3 Alqueiren auf 1 Arroba verlange, billigten unser Begehren und ermahnten uns, an unserm Vorhaben fest zu halten, Herr Vergueiro möge uns auch noch so glänzende Versprechungen machen. Solche Ermahnungen kamen auch besonders von vielen näher und ferner wohnenden Deutschen (nicht Kolonisten, sondern frei und selbstständig Niedergelassenen) her, von denen manche sich fortwährend als gute Freunde gegen uns bewiesen, etwelche aber auch unsere Verräther wurden.

[164] Fast in allen umliegenden Kolonieen hatten die Kolonisten auch schon früher einsehen gelernt, daß sie übervortheilt werden; sie fühlten sich aber zu schwach, um gegen ihre mächtigen Herren auftreten zu dürfen. Sie wagten dieses um so weniger, als sie ja aus einem Beispiele wußten, daß, wenn Kolonisten auch mit dem klarsten Rechte vor das zuständige Schiedsgericht treten, diese nicht nur Nichts gewinnen, sondern noch weiter zurückkommen, als sie es vorher waren.

Als nun die Kolonisten dieser umliegenden Kolonieen vernahmen, was für Schritte wir in Ybicaba gethan haben, und was unser Vorhaben sei, schloßen sie sich an uns an, und es kamen viele Abordnungen, Briefe, Klagen und Aufforderungen, daß wir die zu erwartende Untersuchungskommission auch zu ihnen senden, derselben ihre Klagen schon zum Voraus mittheilen, namentlich aber unser Vorhaben nicht aufgeben und uns nicht etwa mit dem Hause Vergueiro abfinden möchten; denn dadurch würden sie, bemerkten sie ganz richtig, übergangen und in noch drückendere Verhältnisse versetzt werden, als sie es schon seien. Abordnungen mit solchen Vorstellungen, Petitionen etc., rückten oft in Menge ein, so daß mein Wohnzimmer zuweilen fast einem Stadtbüreau gleich sah. Sie waren die Stellvertreter von 192 Kolonisten und deren Familien, die auf 14 Kolonieen[49] der Provinz St. Paulo wohnten und die sich an uns 93 Kolonisten von Ybicaba, [50] meist Familienväter, entweder förmlich angeschlossen oder doch um eine Untersuchung und um Hilfe gebeten hatten. Diese Abordnungen gaben freilich der Kolonie [165] Ybicaba oft das widrige Ansehen einer Sammelstätte der andern Kolonisten und eines trägen und verschwenderischen Gesellschaftslebens, und boten dem Hause Vergueiro einen guten Anlaß, seine Kolonisten zu verklagen. Diese vielen Besuche waren mir und vielen Andern oft sehr zuwider, weil wir uns vorstellten, wie sie gedeutet werden, und weil sie auch wirklich zu manchen Thorheiten und Versäumnissen führten, und wir bemühten uns, sie so viel wie möglich zu vermeiden, oder doch wenigstens abzukürzen. Doch viele dieser Abordnungen und Besuche waren schlechterdings nicht auszuweichen. Wer hätte es diesen vielen Kolonisten verbieten können, nachzusehen, wie es mit den für sie so wichtigen Angelegenheiten stehe, ihre Bitten aufs Neue geltend zu machen und überhaupt Alles zu thun, was zu ihrer Befreiung und Hilfe dienen könnte? Haben ja doch die Herren auch gar Nichts gespart, ihre Schlechtigkeiten zu verbergen und wo möglich weiter zu treiben. Wollten aber die Kolonisten ihr gerechtes Ziel verfolgen, so mußten sie eben selbst kommen oder Abordnungen senden. Die Posteinrichtungen kamen ihnen dort nicht zu Hilfe, wie es in Europa der Fall ist; sie konnten auch nicht Neger mit Depeschen hin- und herschicken, wie es die Herren thaten.

Zum Verharren bei unserm auf eine Untersuchung hinzielenden Vorhaben waren wir fest entschlossen. Wären wir auch von allen Seiten in dem Grade davon abgehalten worden, in welchem die auswärtigen Kolonisten, viele Deutsche und Brasilianer uns dazu aufforderten, so würden wir uns doch kaum eines Andern besonnen haben; denn das Haus Vergueiro selbst bestärkte uns in unserm Vorhaben auf das Kräftigste. Dasselbe bemühte sich nämlich fortwährend gar sehr und auf die verschiedensten Arten, uns zu einer Ausgleichung mit sich und zum Verlassen unseres Planes zu bewegen, offenbar nur aus Furcht vor einer unparteiischen, gestrengen Untersuchung und deren Folgen. Hatte nun das Haus Vergueiro sich vor einer Untersuchung so sehr zu fürchten, so hatten wir um so mehr davon zu hoffen. Dieser einfache [166] Schluß bot uns Grund genug zum Festhalten dar. Mehreres, woraus sich diese Bemühungen und diese Furcht zu erkennen gaben, habe ich schon mitgetheilt; Anderes soll noch dargestellt werden und wird am deutlichsten aus einer einfachen Erzählung der fernern Begebenheiten ersichtlich werden.

Schon vor den Dezemberereignissen hieß es gar oft und viel, Herr Joze Vergueiro, der Chef des Hauses dieses Namens, komme in den nächsten Tagen nach Ybicaba; nach den genannten Ereignissen ließen sich solche Ankündigungen noch viel öfter und bestimmter hören. Dieser sollte, wie man hoffte, die Sache beilegen und eine Untersuchung ableiten können. Ein dem Hause Vergueiro und dem Direktor Jonas nahe stehender Deutscher versicherte mich, daß der alte Senator und sein Sohn Luiz nur noch in dem Falle auf den Fortbestand der Kolonieen etwelche Hoffnung setzen, wenn der genannte Chef noch etwas Erkleckliches zu Stande bringe. Von der Gewandtheit, Schlauheit und Durchtriebenheit dieses Mannes erzählte man uns gar Vieles und Großes, und nach dem, was ich auf meiner Reise in Santos und Rio de Janeiro vernahm, waren jene Erzählungen nicht unbegründet. Hätten wir irgend was Unrechtes vorgehabt, so hätte uns vor seiner Ankunft bangen müssen. Dieses hätte besonders da der Fall sein müssen, als es für ganz bestimmt hieß, Herr Joze Vergueiro rücke mit dem ehemaligen schweizerischen General-Konsul Perret-Gentil und mit einigen brasilianischen Herren heran, um die Kolonieen zu untersuchen; dieses sei die in Folge unsers Gesuches gewählte und beauftragte Untersuchungskommission, und eine andere haben wir nicht zu erwarten; denn was eine solche Untersuchungskommission gefunden hätte, kann sich Jeder vorstellen, besonders wenn er weiß, wie Herr Perret-Gentil die Kolonieen früher angeschaut und beurtheilt hat.

Daß solches aber nur Schreckmännchen seien, lag auf der Hand, und wir hatten uns auf den Fall, daß ein solches Manöver probirt werden wollte, verabredet, nicht nur nach den gehörigen Ausweis- und Vollmachtschriften, sondern den [167] Herrn Perret-Gentil nach den von ihm früher geschilderten, von uns aber nicht gefundenen Herrlichkeiten Ybicaba’s zu fragen. Doch die Ausführung dieser Verabredung wurde unnöthig. Am 21. Januar 1857 kam Herr Perret-Gentil, aber allein, und bei seinen an den folgenden Tagen ausgeführten Besuchen bei den Kolonisten hat er offen gesagt, daß er keine offizielle Sendung habe, sondern einfach von Herrn Vergueiro gebeten worden sei, die unzufriedenen Kolonisten wo immer möglich zufrieden zu stellen. Bei diesen seinen Besuchen hat er mehrmals seine Verwunderung über die schlimmen Zustände, z. B. Kommissionsgeld, Zins der heimatlichen Vorschüsse, Theuerung der Lebensmittel etc. ausgedrückt und gesagt, es stehe schlechter, als er es für möglich gehalten habe. Dessen ungeachtet bemühte er sich, seinen erhaltenen Auftrag auszuführen. So viel ich aber vernommen habe, hat sich nur eine freiburgische Familie, Namens Clauzel, diesfalls mit ihm eingelassen. Was Herr Perret-Gentil in der langen Zeit, welche er nach diesem auf der Fazenda Ybicaba noch zubrachte, dort gethan habe, kann ich aus mündlich und schriftlich mir gewordenen Nachrichten nur vermuthen, und dieses wäre die Ausfertigung eines für das Haus Vergueiro recht günstigen Berichtes.

Eine andere, als die von uns gewünschte und nachgesuchte Untersuchungskommission kam aber doch noch, nur war es nicht die einzige, welche sich einstellte. Durch das in Beilage Nr. 5 enthaltene, anonyme, an Herrn Joh. Christ. Salutz in Limeira adressirte Briefchen wurden wir von dem Anrücken dieser Abgeordneten benachrichtigt und von dem in Kenntniß gesetzt, was wir von ihnen zu erwarten haben, und was unsere fernere Aufgabe sei. Den ganzen Verlauf dieser Untersuchung muß ich um so mehr genau darstellen, da halb- oder ganz amtliche, auf Grund dieser Untersuchung ausgefertigte Berichte schon veröffentlicht wurden und vielleicht noch ferner veröffentlicht werden.

Am 29. Januar, zirka ½11 Uhr, erschienen plötzlich einige Herren, begleitet von weißer und schwarzer Dienerschaft, [168] auf der Kolonie und ritten ohne weiters nach dem Hause des Herrn Direktor Jonas. Einige Kolonisten hatten sie gesehen; aber Keiner erkannte sie. Bald kam dann Herr Unterdirektor Schmid zu meinem Hause und sagte, unsere Kommission (diejenige der Kolonisten) solle so schnell als möglich zu Herrn Direktor Jonas kommen; der Herr Marschall von St. Paulo sei da und wolle nun unsere Sache ordnen. Ich verspach möglichst schnelle Befolgung des erhaltenen Befehles und sandte sogleich nach den Mitgliedern unserer Kommission, sie zu mir zu rufen. Diese stellten sich bald ein, und nach dem Mittagessen gingen wir alle, begleitet von mehrern andern Kolonisten, nach dem bezeichneten Orte, wo sich in dem Saale (nach hiesigen Begriffen eine nicht große Stube, die ihr Licht nur durch die offene Thüre erhält) ein alter Herr, in schöner Uniform und mit Seitengewehr, ferners ein Aktuar desselben, dann ein Dolmetscher und auch ein gewisser Herr Ullmann, ein Deutscher (zuerst hieß es von diesem, er solle auf der Fazenda Hauslehrer werden, nachher war er eine Zeit lang Oberdirektor), um einen großen Tisch herum gesetzt hatten. Vor ihnen waren Schreibzeuge bereit, und verschiedene Schriften lagen auch da. Wir erwarteten, die Herren werden uns zur Eröffnung sagen, weßwegen sie gekommen seien, und wer sie gesandt habe; sie werden uns ihre Vollmachten zeigen u. s. w. Anstatt dessen wurde mir aber befohlen, daß ich mich auf den noch am Tische stehenden leeren Stuhl setzen solle, was ohne Weigerung geschah. Dann wurde ich unter Vorlegung meines Kontraktes gefragt, ob das mein Kontrakt, und ob er von mir unterzeichnet sei, mit wem ich ihn abgeschlossen habe, wann ich verreist sei, und wo ich mich eingeschifft habe, wann ich in Santos und wann auf der Kolonie angekommen sei, wie groß meine Familie sei u. s. w. Auf all diese Fragen, aus welchen mir hervorgehen zu wollen schien, daß eher ein kriminelles Verhör gegen mich, als eine Untersuchung gegen das Haus Vergueiro beabsichtigt werde, gab ich die gehörigen Antworten und, nach dem ich aufgefordert worden war, Dasjenige namhaft zu [169] machen, wodurch wir kontraktwidrig behandelt werden, nannte ich ziemlich viele Punkte, z. B. das Kommissionsgeld, das Verhältnis von 3 Alqueiren zu 1 Arroba, die zu kleinen Kaffee- und die zu großen Lebensmittelpreise, den Mangel an hinreichendem Pflanzland, den oft schlechten Kaffee, der einen nur geringen Verdienst gewähre, den fehlerhaften Umstand, daß man zu wenig Geld bekomme, um außerhalb der Fazenda wohlfeilere Lebensmittel kaufen zu können etc. Als ich später auch der mit Briefen und Bericht gemachten Erfahrungen Erwähnung thun wollte, hieß es, derartige Sachen höre man nicht an, sondern nur solche, die mit dem Kontrakte ausdrücklich im Widerspruche stehen, oder auf denselben Bezug haben. Auf diese Entgegnung entstand in den Kolonisten, die noch immer umsonst auf eine gehörige Legitimation dieser Behörde gewartet hatten, großes Mißtrauen gegen diese Untersuchungskommission. Man fing an, sie für eine vom Hause Vergueiro bestellte Kommission zu halten, um so mehr, da in dem in Beilage Nr. 5 enthaltenen Briefe von ihr geschrieben stand, daß sie sich mit Herrn Vergueiro nicht befeinden zu wollen scheine; um so mehr auch, da einige Kolonisten den Herrn Dolmetscher als einen nicht vertrauenswerthen, eher vagabundirenden Mann, Namens Kleinschmitt, zu erkennen anfingen, der es sich im Verhör mit mir erlaubte, spöttische Fragen unter leisem Hohnlächeln zu stellen, z. B.: „Schnapps wird auch zu den Lebensmitteln gehören, welche die Kolonisten in dem ihnen angewiesenen Pflanzland pflanzen können sollten?“ und: „Herr Vergueiro wird den Kolonisten eine Zuckerplantage herrichten sollen, damit sie auch ihren Zucker pflanzen können?“

Nach diesem Allem fingen die Kolonisten an, ihr Mißtrauen zu zeigen und murmelnd zu verlangen, daß die Herren ihre Vollmachten zeigen und sagen sollten, was sie bei uns zu thun hätten, und was sie mit uns wollten. Hierin kamen mir die Kolonisten etwas zuvor. Ich wollte wohl auch nach den Vollmachten u. s. w. fragen, doch erst dann, wann meine [170] Unterschrift zu meinen Aussagen verlangt werde;[51] bis dahin wollte ich der Sache freien Lauf lassen. Doch ich konnte damals den Kolonisten meine Gedanken nicht mittheilen, und so mußte ich ihrem Verlangen nachgeben. Die Herren, welche der Sache nicht mehr recht trauten,[52] frugen mich nach dem Begehren der Kolonisten, und ich theilte es ihnen mit. Herr Kleinschmitt verwies mich dann zuerst auf die Montur des Herrn Marschalls. Auf meine Entgegnung, daß, wie ich mir vorstelle, in Brasilien Jeder sich eine schöne Montur verschaffen könnte, und daß es in unserm Vaterlande üblich sei, daß solche Behörden mit amtlichen Vollmachten versehen werden, erklärte der Herr Marschall, daß er schon im April 1856 vom Ministerium beauftragt worden sei, nachzusehen, ob die Kontrakte der Kolonisten gehalten werden, und daß dieser Auftrag neulich durch den Herrn Präsidenten der Provinz erneuert worden sei.

Gleichzeitig legte er auch die Kopie eines Schreibens dar, das aber kein Siegel und kein anderes deutliches Merkmal einer amtlichen Urkunde trug. Herr Kleinschmitt und nach ihm Herr Ullmann wollten dieses Schreiben schnell übersetzen. Jeder las aber nur einige wenige Worte, gerieth dann ins Stocken und legte das Schreiben bei Seite, ein Umstand, durch welchen das Mißtrauen der Kolonisten noch bedeutend gesteigert wurde. Diese wollten die Untersuchung nicht mehr weiter vorwärts schreiten lassen, und der Herr Marschall oder richtiger, der Herr Brigadier Machado d’Oliveira, sagte dann, es stehe uns frei, ihm weiters Antwort zu geben, oder aber unsere Klagen bis zum Erscheinen der folgenden Untersuchungskommission, die wir ja fest erwarteten, zu versparen; am folgenden Tage, dem 30. Januar, können wir uns darüber erklären.

[171] Hierauf räumten die Herren ihre Sachen schnell zusammen und begaben sich mit Herrn Rodrigues Jordao nach dessen Fazenda Morro Azul, Herr Ullmann und Herr Perret-Gentil (dieser war als Zuhörer auch zugegen) ausgenommen; diese Zwei ritten nach der Fazenda Ybicaba. Am 30. Januar fanden sich die Herren wieder in der Wohnung des Herrn Direktors Jonas ein, und wir, d. h. die Kommission der Kolonisten, gaben den Untersuchungsrichtern die unterdessen beschlossene und verfaßte, in Beilage Nr. 6 enthaltene Erklärung. Nachher gingen die Herren wieder nach Morro[s 6] Azul, und wir nach unsern Wohnungen.

Wir glaubten, nun sei unser Verkehr mit dieser Untersuchungskommission beendigt; doch am 31. Januar kam Herr Lieutenant J. Caitano d’Oliveira Rocha von Limeira in Begleitschaft des dort als Ladendiener angestellten Johann Krättli auf die Kolonie, und suchte uns durch die Mittheilung derjenigen Stellen seiner an den Herrn Präsidenten von St. Paulo gerichteten Schreiben, welche ich schon angeführt habe, zu überzeugen, daß er die Verhältnisse kenne und es gut mit uns meine. Er erreichte diesen Zweck und benützte denselben, um einen weitern Zweck nicht zu verfehlen. Er versicherte uns, daß der Herr Brigadier Machado d’Oliveira ein sehr respektabler, rechtlicher und tüchtiger Mann sei und vom Ministerium und nachher vom Präsidenten der Provinz den Auftrag zur Untersuchung der Kolonieen erhalten habe, somit nicht ein vom Hause Vergueiro Gedungener, sondern ein Amtsmann sei; zugleich sagte er uns, daß in Brasilien hinsichtlich der Ausfertigung und Siegelung von Vollmachten etc. nicht diejenigen Formalitäten und Uebungen herrschen, wie in Europa. An diese Versicherungen knüpfte er den Rath, ihm zu Handen des Herrn Brigadiers die Erklärung abzugeben, daß wir diesen als Untersuchungsrichter anerkennen und ihm Antwort geben wollen. Dabei können wir auch, sagte er, die Bitte stellen, daß Herr Kleinschmitt durch einen vertrauenswerthen Mann ersetzt werde. Sogleich fertigte ich eine zweite Erklärung, wie sie in Beilage Nr. 7 enthalten [172] ist, aus, und Herr Lieutenant ging damit schnell zum Herrn Brigadier nach Morro Azul; vorher aber sagte er noch, daß wir, wo immer möglich, bis nächsten Dienstag, den 3. Februar, alle unsere Klagen schriftlich zusammenfassen sollen. Am Mittag des 3. Februars waren unsere Klagen aufgeschrieben und von fast allen betheiligten Kolonisten von Ybicaba unterzeichnet, und wir erwarteten nun mit jedem Augenblicke die Untersuchungskommission. Allein anstatt derselben kam wieder der Herr Lieutenant, und zwar mit einem neuen, schriftlichen Auftrage oder Befehle des Herrn Brigadiers, zufolge welchem wir, aber nur wir Schweizer von Ybicaba,[53] unsere Klagen artikelweise auf die rechten Spalten der uns zugesandten, schon gebrochenen Bogen Papier niederschreiben sollten; auf die linken Spalten sollte die Uebersetzung kommen.

Die so eben beendete Arbeit war also ziemlich nutzlos, mußte jedenfalls abgeschrieben werden, und zwar in 2 Exemplaren, da der Herr Lieutenant für sich auch eines gewünscht hatte. An manchen Orten mußte es auch eine Umänderung erleiden; denn Klagen über Postverletzungen u. dgl., deren einige in der ersten Klageschrift Aufnahme fanden, wollte man hier keine annehmen. Ich gestehe, daß mir die Ausfertigung dieser zweiten Klageschrift schwer fiel, um so mehr, da gerade damals viele Kolonisten von den umliegenden Kolonieen mit ihren vielen Anliegen und Wünschen sich in Ybicaba gesammelt hatten und, um ihren dortigen Aufenthalt möglichst abzukürzen, vor der Anhandnahme meines Hauptgeschäftes abgefertigt werden mußten, eine Abfertigung, welche mir auch [173] viele Schreibereien (Erklärungen, Gesuche an die Untersuchungskommisssion etc.) verursachte. Hätte Herr Unterdirektor Daniel Schlittler mir nicht mehr als eine ganze Nacht hindurch treu und eifrig geholfen, so wäre ich nicht im Stande gewesen, dem gestellten Verlangen rechtzeitig nachzukommen.[54] So aber wurde es möglich, und der Herr Lieutenant, dem wir unsere Klagen per Expressen eiligst zusenden mußten, soll sich sogleich mit denselben zum Herrn Brigadier und dann zum Herrn Präsidenten nach St. Paulo gemacht haben. Leider wurde dieser Truppenchef dann durch einen andern ersetzt, so daß er mir sein Exemplar unserer Klageschrift nicht mehr behändigen, und ich mir keine genaue Abschrift derselben verschaffen konnte. So viel ich mich aber erinnern kann, sind die in Herrn Dr. Heußer’s Bericht enthaltenen 18 Klagepunkte richtig; man hat ihm also so weit eine getreue Abschrift derselben zugestellt, nur fehlten in der Abschrift Einleitung und Schluß unserer Klageschrift. In der uns vom Herrn Brigadier gewordenen schriftlichen Aufforderung zur Abfassung unserer Klagen fand sich ein derartiger Fehler, daß wir, ohne grob zu sein, hätten sagen können, sie gehe uns Nichts an, daß wir also auch keine Klagen hätten eingeben müssen. Ich schaute, in der Einleitung diesen Fehler auf möglichst zarte Weise zu verbessern und die Aufforderung als uns geltend darzustellen. Im Schlusse rechtfertigte und vertheidigte ich das, daß die Klageschrift nicht von den [174] Schweizern von Ybicaba, wie es verlangt wurde, sondern von unserer Kommission, worunter auch ein Thüringer, Namens aller Kolonisten des Vergueiro’schen Halbpachtsystems (der Kolonisten auf Vergueiro’s eigenen, sowohl als auf den andern Kolonieen) unterzeichnet haben. Ebenso habe ich im Schlusse auf die Verwahrung gegen solche Klagen, die nicht eine ausdrückliche Mißachtung des Kontraktes darstellen, ungefähr mit Folgendem geantwortet: „Da es uns nicht gestattet ist, solche Klagen, die nicht auf den Kontrakt Bezug haben, hier anzubringen: so verschweigen wir, was wir über Verletzung des Postgeheimnisses, über ungerechte Einkerkerungen von Kolonisten u. s. w. zu sagen hätten …“

Diesen Eingang und diesen Schluß hat man dem Herrn Dr. Heußer nicht vorgelegt, ihn also behufs der Beurtheilung unserer Klagen nicht auf den Standpunkt gestellt, auf welchen wir Kolonisten uns bei deren Abfassung stellten. Daß wir in unsern Klagepunkten, die ich Herrn Dr. Heußers Bericht entnehme und in Beilage Nr. 8 gebe, dem Hause Vergueiro Alles in die Schuhe schüttete, auch wenn unser Blick, ohne solches ausdrücklich anzugeben, über seine eigenen Kolonieen hinaus auf andere schweifte, kam daher, daß wir dieses Haus für alle von uns ins Auge gefaßten Kolonieen für verantwortlich hielten. Daß das ganzen System von ihm gegründet wurde, mag hier von geringer Bedeutung sein; aber die Kolonisten sind auf den Namen dieses Hauses und meistens im Glauben, sie kommen auch auf seine Kolonieen, nach Brasilien gewandert. Durch seine Uebertragung oder Verkaufung der Kolonisten an andere Fazendeiros hat es sich der Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie kontraktmäßig behandelt werden, nicht entziehen können. Noch mehr ist es, wenn es möglich ist, verpflichtet, genau nachzusehen, wie seine Unterangestellten die Kolonisten behandeln. Letztere haben bei der Wahl dieser Angestellten kein Wörtchen zu sagen, und diese machen alle ihre Verrichtungen im Namen von Vergueiro und Comp.

Sollten nun meine Leser, nachdem ich sie auf den richtigen [175] Standpunkt zu stellen gesucht habe, noch glauben, daß die 18 Klagepunkte zu hart und zu leidenschaftlich abgefaßt seien, so bitte ich sie, noch Folgendes zu berücksichtigen:

Bei der am 29. Januar stattgehabten Untersuchung, richtiger gesagt, bei meinem Verhöre, gab ich die verlangten Antworten und Aufschlüsse in aller Kaltblütigkeit und Ruhe. Diese Ruhe und der Umstand, daß ich, ohne nach den Ausweisschriften zu fragen, das Verhör so weit vorwärts gehen ließ, erweckte in manchen Kolonisten den Verdacht, daß ich auch ein versteckter Freund Vergueiro’s sei, und die Gefahr, daß Vergueiro’s Absicht erreicht, daß wir uneins werden, lag nie näher, als damals. Ich mußte, um dieser Gefahr zu entgehen, thatsächlich zeigen, daß ich kein Verräther sei, mußte die Klagepunkte in der Weise abfassen, wie es den Kolonisten recht schien, d. h. in einer derbern Sprache, als wie ich es ohne dies gethan hätte. Zu diesem Umstande trat auch noch derjenige hinzu, daß der Herr Lieutenant J. Cait. d’Oliveira Rocha bei der Ueberreichung des uns vom Herrn Brigadier gegebenen Befehles uns den dringenden Rath ertheilt hat, wir sollen Alles, was deutlich am Tage liege, recht kräftig und derb sagen, und Alles, von dessen Vorhandensein wir überzeugt seien, ohne aber den Beweis dafür leisten zu können, als Vermuthung geben; verschweigen sollen wir Nichts. Das sind die Gründe, warum die 18 Klagepunkte eine etwas derbe Fassung erhalten haben. Uebrigens vergleiche man sie mit dem in dem Bisherigen gezeichneten Thatbestand, und dann wird man finden, daß wir nicht zu sehr über die Schnur gefahren seien.

Im Verlaufe der so eben erzählten Untersuchungsgeschichte, den 31. Januar, langte endlich der lang erwartete Herr Joze Vergueiro auf der Fazenda Ybicaba an. Hätte man uns dieses auch nicht gesagt, so hätten wir es aus manchen Vorfällen schließen können; die uns von seiner Schlauheit und Durchtriebenheit gemachten Schilderungen haben sich als Wahrheit erwiesen. Wenn ich auch nicht glaube, daß der Herr Brigadier irgend wie mit Herrn Joze [176] Vergueiro gemeine Sache gemacht habe, so zweifle ich doch sehr, ob er nicht auf seine Weise von ihm auf den Gedanken geleitet worden sei, nur von den Schweizern auf Ybicaba, mit Ausschluß aller übrigen Kolonisten, die Klagen zu verlangen und dadurch Trennung in die sich solidarisch für einander verpflichteten Kolonisten der meisten Kolonieen zu bringen. Gewiß wäre auch dem Herrn Joze Vergueiro sehr viel daran gelegen gewesen, eine weitere Untersuchung hintertreiben zu können. Fast unmittelbar vor dem Beginne der durch Herrn Dr. Heußer und Herrn Kanzler Diethelm vorgenommenen Untersuchung, am Abend des 11. Februars, kam noch Herr Peter Kleudgen von Hamburg von der Fazenda her auf die Kolonie und suchte uns mit sehr beredter Zunge einerseits die Nutzlosigkeit unsers Vorhabens, anderseits den großen Vortheil dazustellen, den besonders ich, den aber auch alle Kolonisten aus einem Abkommniß mit Herrn Joze Vergueiro ziehen würden. „Das Haus Vergueiro, mit dem ihr euch in einem Streit hineingelassen habt, ist“, sagte er, „in der ganzen Provinz und im ganzen Lande so groß, mächtig, angesehen und gefürchtet, daß euer Vorhaben ein eitles ist; die Regierung dagegen ist so saumselig und langweilig, daß ihr bei derselben umsonst anklopfet. Ich selbst habe bei der Regierung die gerechteste Sache 2 Jahre lang verfochten, aber Nichts ausgerichtet. Bei euch kommt noch das hinzu, daß ihr diejenigen Punkte worüber ihr euch beklaget, in Europa selbst unterzeichnet habt“. Aus diesem und ähnlichen Gründen sollen wir, ermahnte er uns, den nun anrückenden Herrn Dr. Heußer, der es als eine Freundlichkeit und Gefälligkeit von Seite des Hauses Vergueiro anzusehen habe, wenn er nur auf die Kolonie gelassen werde, als Vermittler zwischen uns und Herrn Vergueiro betrachten und benützen und die Sache nirgends[b 14] weiters treiben. Dieses war der letzte Versuch, die Untersuchung zu hintertreiben; denn 2 Tage später erschienen Herr Dr. Heußer und Herr Kanzler Diethelm und machten sich an ihre Aufgabe. Vor diesem letzten Versuche wurden aber [177] noch andere, dasselbe Ziel anstrebende Schritte gethan, von welchen ich die hauptsächlichsten noch schildern muß.

Am 2. Februar erhielt ich von Herrn Ullmann, der einige Tage später Oberdirektor wurde, das in Beilage Nr. 9 enthaltene gar freundliche Schreiben, welches geeignet ist zu zeigen, wie wichtig den Herren die Sache, um welche es sich handelte, gewesen ist. Die in dem betreffenden Schreiben nachgesuchte Unterredung fand noch am Abend des gleichen Tages in meinem Hause statt, und die auf so feierliche Weise eingeleitete, auch bei der Unterredung selbst durch möglichst lange Hinhaltung wichtig gemachte Eröffnung bestand darin, daß mir eine glänzende, ganz sichere Existenz für mich und meine Nachkommen in Amerika oder in Europa in Aussicht stehe, wenn ich nur „ja“ sagen wolle. Die Absicht war leicht zu merken und mein Entschluß schnell gefaßt; doch aber bat ich um einige Tage Bedenkzeit, welche mir freundlich gestattet wurde. 2 oder 3 Tage später wurde mir durch eben denselben das nämliche Anerbieten gemacht, dies Mal aber versucht, mich mittelst eines Schreckmännchens zum Ergreifen der hingestellten Lockspeise zu bringen. Es sei, hieß es, ein Prozeß gegen uns, namentlich gegen mich, den Anführer und Leiter der ganzen Sache, eingeleitet worden. Herr Ullmann deutete dabei auf den am 30. Januar von uns abgewiesenen Herrn Brigadier Machado d’Oliveira, der sich durch unsern Abweis beleidigt gefühlt habe. Diesem Prozesse hätte ich natürlich durch Annahme des Anerbietens und durch schnelles Abreisen entgehen können. Am 6. Februar gab ich auf das mir gemachte Anerbieten die bestimmte Antwort, und diese lautete dahin, daß ich mich unter den obwaltenden Umständen nicht entschließen könne und werde, die Kolonisten im Stiche zu lassen und, und nur auf mein Wohl bedacht, vor Austrag der Sache und vor einer möglichst günstigen Erledigung derselben meine armen Leidensbrüder zu verlassen. Diese Antwort wurde von dem mit mir immer freundlichen Herrn [178] Ullmann freundlich aufgenommen und mit der Erklärung erwidert, daß es mir auch nach Austrag der Sache noch frei stehe, selbst nach Europa hinüber zu reisen und mich dort zu etabliren. Beim Gerbermeister Johann Krättli, der sich als ein einsichtsvolles, thätiges Mitglied unserer Kommission erwies, versuchte man ein ähnliches Mittel, indem man ihm anerbot, ihm, wo er wolle, eine Gerberei einzurichten. Dieser kam dann aber nicht fort, sondern einige Tage nach meiner Abreise von Ybicaba trat er als Unterdirektor an die Stelle des wegziehenden Daniel Schlittler.

Wie ein am 24. Januar laut gewordenes Gerücht behauptete, soll meine Entfernung und dadurch die Vereitlung des ganzen Bestrebens der Kolonisten auch auf andere Weise beabsichtigt worden sein. Es hieß nämlich auf einmal ganz bestimmt, Herr Luiz Vergueiro habe 2 Subjekten (das eine wäre ein portugiesischer Kolonist, das andere ein sehr unrühmlich bekannter Mulat[55] gewesen) den Auftrag gegeben, mich zu tödten, und Demjenigen, dem diese wegen der großen Wachsamkeit der Kolonisten schwer zu vollziehende That gelinge, eine Belohnung von 140 bis 150 Milreis versprochen. Dieses soll bei dem Taufemahl eines portugiesichen Kindes als Wahrheit erzählt worden sein. In Folge dieses Gerüchtes hat sich unsere Nachtwache, die bis dahin zur Hälfte auf der Kolonie patroullirte, zur Hälfte aber mich bewachte, die etwas veränderte Bestimmung gegeben, daß sie von nun an hauptsächlich nur zu meiner persönlichen Sicherheit dienen, nur in meinem Hause verweilen solle, eine Bestimmung, welche bis zu meiner Abreise von Ybicaba in Kraft blieb und von den Kolonisten auch gerne und mit großer Liebe und Anhänglichkeit gehandhabt wurde.

[179] Sollte Jemand die Wahrheit dieser Gerüchte und die Nothwendigkeit meiner Bewachung bezweifeln, so kann und muß ich wenigstens anführen, daß der Fazenda nahe stehende und mit den dort herrschenden Tendenzen gut bekannte Männer meine Bewachung für sehr nöthig hielten. Einer dieser Männer hat die Kolonisten mittelbar öfters dazu aufgefordert und gesagt: „Wenn einmal dieser Mann,“ auf mich deutend, „auf die Seite geschafft ist, so ist euere ganze Geschichte verloren.“ Anführen muß ich auch das, daß Herr Luiz Vergueiro und etwelche seiner Freunde während unserer Geschichte derartige Ausdrücke fallen ließen (z. B.: „Es ist das tausends Ding, daß immer so viele Leute um sein Haus herum sind,“ und: „Wenn Einer thut, was recht ist (den Herren gefällt), so ists recht; wenn sich Einer aber nicht fügen will, so verfährt man brasilianisch mit ihm“), welche die Nothwendigkeit meiner Bewachung als ausgemacht erscheinen ließen. Ein Mann, welcher weder leichtsinnig nachschwatzt, noch lügt, hat mir später auch deutlich genug zu verstehen gegeben, daß es auf mein Leben abgesehen gewesen sei. Es hat sich auch folgender Fall ereignet: Ein in der Nachbarschaft niedergelassener Deutscher, wenn man mich recht berichtet hat, ein Hamburger, wußte sich ziemlich lange den Schein der wärmsten Freundschaft und Theilnahme zu geben. Unter diesem Scheine und unter dem Vorwande, daß er etwas Gutes damit beabsichtige, lockte er uns die erste Klageschrift, die wir, wie schon gesagt, keinem Amte abzugeben hatten, ab. Später, nachdem wir gehört hatten, daß er ein Spion von Vergueiro, mit der abgelockten Schrift gleich nach der Fazenda geeilt und für eine kleine Bezahlung zu der schlimmsten That befähigt sei, kam er in einer finstern Nacht, etwa um ½1 Uhr, mit der betreffenden Schrift in mein Haus und legte, sich seinem Mantel enthüllend, unter der Frage, ob die Wache noch immer bestehe, eine große Pistole und ein sehr langes Messer vor die wachhabenden Männer auf den Tisch.

Doch es sei nun genug an Derartigem. Unter den genannten und ähnlichen Anfechtungen und Leiden rückte endlich [180] die Zeit der giltigen Untersuchung heran; Herr Dr. Heußer und Herr Kanzler Diethelm kamen am 13. Februar 1857 nach Ybicaba und machten sich an ihr Geschäft, das in vieler Hinsicht ein sehr schweres war. Herr Dr. Heußer erklärte, daß er nicht ein Abgeordneter der ganzen Schweiz sei, und nannte die 6 Kantone, die ihm den Auftrag zur Untersuchung und zur Berichterstattung gegeben haben. Weiter als zur Untersuchung und Berichterstattung gehe, sagte er, seine Vollmacht nicht. Herr Kanzler Diethelm hatte als Abgeordneter des schweizerischen General-Konsuls David mehr eine allgemein schweizerische Aufgabe und bemerkte dies auch; aber eine kaiserlich brasilianische Abordnung befand sich nicht bei ihnen, und dies war ein Umstand, der in der Folge der Sache eine andere Wendung geben mußte, als wie sie sehr wahrscheinlich im entgegengesetzten Falle erhalten hätte. Dieser Umstand hat auf alle Kolonisten, namentlich auf die nichtschweizerischen, einen niederschlagenden Eindruck gemacht. Diese Letztern verfielen in die Furcht, sie werden vergessen und hintangesetzt und kommen tiefer in das Elend, als wie sie früher gewesen seien, und diese Furcht einerseits und anderseits die Hoffnung, möglichenfalls zukünftige Rache von sich abzuwenden und einer bessern Behandlung theilhaftig zu werden, rief das auf Seite 105 erwähnte Schreiben der thüringischen Kolonisten hervor; das ist meine feste Ueberzeugung.

Herr Dr. Heußer und Herr Kanzler Diethelm begannen nun auf Ybicaba ihre Untersuchung, bei welcher sie die möglichste Treue und Gründlichkeit obwalten ließen. Nachdem sie dies Geschäft auf den beiden dem Hause Vergueiro gehörenden Kolonieen Ybicaba und Angelica beendigt hatten, kamen dann bekanntermaßen eine dem Hause Vergueiro gegebene Satisfaktion und ein Abkommniß zu Stande, welche, wie ich vielfach bemerken konnte, noch immer von Vielen nicht verstanden werden, über welche ich theils aus diesem Grunde, theils um die ungeheure Schlauheit des Herrn Joze Vergueiro zu zeigen, der die beiden Herren während ihrer Untersuchung ausgesetzt sein mußten, etwas Näheres sagen will.

[181] Sollten Satisfaktion und Abkommniß zu Stande kommen können, so waren bei den untersuchenden Herren folgende 3 Ansichten erforderlich: 1) das Haus Vergueiro sei an den Ungerechtigkeiten, denen die Kolonisten ausgesetzt waren, unschuldig und meine es mit diesen gut; 2) von außen her sei wenigsten für lange Zeit keine Hilfe zu erwarten; es müsse also, soll sehr Schlimmes verhütet werden, von ihnen eine Verbesserung der Kolonisationszustände herbeigeführt werden; 3) die Kolonisten seien in ihrer Klageschrift zu weit gegangen und haben dem Hause Vergueiro Unrecht gethan.

Zu all diesen Ansichten waren theils wirkliche Gründe vorhanden, theils schaute man solche auf künstlichem Wege herzuschaffen. Um die Ansicht, daß das Haus Vergueiro an den vorgefallenen Ungerechtigkeiten unschuldig sei und es gut mit den Kolonisten meine, zu wecken, spielte Herr Joze Vergueiro, der Chef, den ganz offenen, unverstellten, freundlichen und wohlwollenden Mann. Er nahm die Herren ganz freundlich und zuvorkommend auf, öffnete ihnen mit größester Bereitwilligkeit die erforderlichen Bücher, sagte, als es sich um einen sehr wichtigen Punkt, um die Untersuchung der Gewichte und Maaße, handelte, unter Vergießung von Thränen: „Treiben Sie die Untersuchung, so weit Sie können,“ gleichsam es ist mir lieb, daß alles Unrechte an den Tag kommt,so schwer es meinem Hause auch fällt, sich einer solchen Untersuchung zu unterwerfen. Daneben versicherte er, daß er nicht gewußt habe, wie die Kolonisten behandelt werden; seine Angestellten, die Verwaltung und die Direktion, haben gegen seinen Willen so übel gehandelt, und sein Bruder Luiz, der Verwalter, sei nicht Theilhaber am Hause Vergueiro[56]. Er hat sogar seinen Bruder, wie auch den Direktor Jonas wegen ihrer Sünden von ihren Stellen entfernt; er drückte tiefe Trauer über das den Kolonisten zugefügte Unrecht aus und [182] stellte aus freiem Antriebe die später zu bezeichnenden sehr erheblichen Verbesserungsanträge und hat es auch den beiden Herren überlassen, was er für Garantieen für die Innehaltung dieser Verbesserungen und des ganzen Kontraktes leisten solle. – Solches und noch Anderes that er, um die erste zu seinem Vorhaben erforderliche Ansicht zuwege zu bringen. Um die zweite Ansicht hervorzurufen, waren die Umstände selbst geeignet. Die Herren Abgeordneten wußten nämlich noch Nichts von dem, was die kaiserliche Regierung an den früher unter ähnlichen Verhältnissen gestandenen Kolonisten von Ubatuba gethan hat, noch Nichts von der dadurch bewiesenen Geneigtheit, in solchen Kolonisationsverhältnisse helfend einzuschreiten; sie hatten noch keine Hoffnung auf derartige Hilfe. Dagegen war die Unzufriedenheit der Kolonisten, seit sie hörten, daß von der Regierung wenig zu erwarten sei, nicht kleiner, sondern größer geworden; der Ausdruck: „Wenn Andere uns nicht helfen wollen, so wollen wir uns selbst helfen,“ wurde mehrmals gehört; kurz, eine Revolution war zu befürchten und wäre – ich kann dies sagen, ohne eitel und ruhmredig zu sein – ganz sicher losgebrochen, wenn mir etwas Schlimmes passirt wäre. Daß aber diese Gefahr vorhanden gewesen sei, konnten die Herren Abgeordneten den auf der Fazenda über mich geflossenen Ausdrücken (man nannte mich dort gewöhnlich nur den Erz-Jesuiten) wohl genug entnehmen. Kurz, wollten die Herren es nicht zum Schlimmen kommen lassen, so mußte ihnen die Nothwendigkeit eines ordnenden und helfenden Einschreitens von ihrer Seite in die Augen springen, trotz dem, daß als erste Bedingung die Satisfaktion verlangt wurde. Um die zu Ausstellung der Satisfaktion nothwendige dritte Ansicht, die Kolonisten seien in ihrer Klageschrift zu weit gegangen und haben dem Hause Vergueiro Unrecht gethan, hervorzurufen, dienten theils die nämlichen Umstände, welche die erste Ansicht erweckten, theils aber auch der Umstand, daß man den Herren eine Abschrift unserer Klageschrift, in welcher die Einleitung und der sehr wesentliche Schluß fehlten, vorgelegt und sie dadurch [183] auf einen falschen Standpunkt gestellt hat (ich komme darauf zurück).

Auf solche Weise kam die Satisfaktion vom 4. und das Abkommniß vom 9. März 1857 zu Stande.

Die sehr erheblichen Verbesserungen, die Herr Joze Vergueiro am 9. März durch die Herren Dr. Heußer und Kanzler Diethelm den versammelten Kolonisten antragen ließ, bestanden in folgenden Punkten:

  1. Die Reduktion der europäischen Schulden der Kolonisten in die brasilianische Währung wird durch eine Kommission von schweizerischen Kaufleuten in Rio de Janeiro nach den jeweiligen Geldkursen geprüft und nöthigenfalls berichtigt.
  2. Das Kommissionsgeld wird denjenigen Kolonisten, welche in ihrem Ueberfahrtsvertrag von Entrichtung des Kopfgeldes freigesprochen sind, gutgeschrieben.[57]
  3. Der bezogene Zins für die von den Heimathgemeinden unverzinslich vorgeschossenen Gelder wird den Kolonisten gutgeschrieben.
  4. Denjenigen Kolonisten, welche nach dem Kontrakte freie Wohnung hätten haben sollen, werden die unterdessen berechneten Hauszinse gutgeschrieben, und alle Häuser werden künftighin in besserm Stande erhalten.
  5. Dasjenige, was die Kolonisten für den bisher auf der Fazenda gefaßten Kaffee zu viel, d. h. mehr bezahlen mußten, als wie ihn die Direktion zu geben versprach, wird ihnen abgerechnet.
  6. Das über den bekannt gemachten Ansatz von den Kolonisten bezogene Arztwartgeld wird zurückerstattet.
  7. Alle Familien erhalten künftighin genug Pflanzland, und zwar nach einem durch Herrn Kanzler Diethelm auszumittelnden Ansatze für jedes Familienglied.

[184]

  1. Die Preise der auf der Fazenda zu fassenden Waaren sind künftighin nicht größer, als wie in den benachbarten Städten.
  2. Es wird den Kolonisten Platz zu einem freien Pasto (Weideplatz) für ihre Kühe angewiesen, den sie selbst einzäunen.
  3. Das Haus Vergueiro stellt einen Lehrer an, der den deutsch und französisch redenden Kindern Unterricht gibt.
  4. Herr Kanzler Diethelm wird als Oberdirektor für die Vergueiro’schen Kolonieen angestellt und hat darüber zu wachen, daß diese, so wie alle übrigen Kontraktbestimmungen gehalten werden.
  5. Zwei Jahre, d. h. noch bei 2 Rechnungen, hat es bei dem unterzeichneten Halbpachtskontrakte zu verbleiben. Wenn Herr Diethelm aber bis dahin sieht, daß fleißige Kolonisten bei diesem Kontrakte nicht vorwärts kommen können: so tritt dann ein von ihm aufzustellendes besseres System an die Stelle des alten.

Noch ist, wenn ich nicht irre[58], etwelche Nachzahlung des letztverrechneten Kaffees versprochen und Etwas behufs allmäliger Ansiedelung an einem andern Orte auf solchem Boden, der entweder zu kleinen Preisen zu kaufen oder jährlich zu verzinsen wäre, versprochen worden; ich kann mich aber dessen nicht mehr ganz erinnern und bemerke deßhalb davon nichts Weiteres. Die obigen 12 Punkte glaube ich ziemlich behalten und sinngetreu gegeben zu haben.

Als Gegenforderung verlangte Herr Joze Vergueiro,

  1. daß die Leute fleißiger und enthaltsamer seien, eine Forderung, die, wie ich schon mitgetheilt habe, bei einer ziemlichen Zahl von Kolonisten ihren guten Grund hatte;

[185]

  1. daß einige Kolonisten, vor Allem aus und ganz besonders ich, die[b 15] Kolonie verlassen.
Dieses Letztere wollten die Kolonisten in der Furcht, es werde damit nur die Entfernung der entschiedensten Vertreter ihrer Sache angebahnt, um nachher mit den Zurückgebliebenen um so eher thun zu können, was Herrn Vergueiro beliebe, nicht zugeben und protestirten dagegen.

Ich frug hierauf die Kolonisten: „Wenn aber die Betreffenden selbst zu gehen wünschen, erlaubet ihr es dann ihnen?“ Mit sichtlicher Bangigkeit antworteten sie, daß sie es in diesem Falle nicht verwehren können. Hierauf stellte ich ihnen in Rücksicht auf mich vor, daß ich, wie ihnen bekannt, nicht wohl gesund sei (ich litt meistens an den 2 Hauptübeln Brasiliens, Diarrhöe und Fußgeschwulst), daß ich die Lehrerstelle aus verschiedenen Gründen nicht mehr versehen könne und nur als Kolonist bei meiner großen Schuld mir nicht zu helfen wüßte, daß ich künftighin in Ybicaba für sie Nichts mehr thun könne, indem jetzt ja eine Untersuchung in erster Linie mein hauptsächlichstes Bestreben, stattgefunden habe und ich nicht Richter sei, um für sie ein günstiges Urtheil fällen zu können, daß ich hingegen hoffe, von nun an in der Ferne für sie mehr ausrichten zu können, als ich es in Ybicaba könnte, daß ich ihnen auch vor Gott heilig verspreche, Solches aus allen meinen Kräften zu thun, und, um dieses Versprechen halten zu können, auch nirgend anders wo hinzugehen, als nach dem Vaterlande, obschon ich nicht wisse, was ich dort anfangen solle.[59]

Mit thränenden Augen dankten mir nun die Kolonisten für das, was ich für sie gethan habe, und sagten, daß ich unter dieser Bedingung ziehen solle; aber, fügten sie bei, sie fordern mich heilig auf und laden es mir auf mein Gewissen, daß ich mein Versprechen halte. So wurde am 9. März 1857 am Ende der Versammlung, welche behufs des Abkommnisses veranstaltet wurde, meine und der Meinigen Ab- und Heimreise beschlossen.

[186] Ihr aber, meine werthen Leser in der Schweiz und in den übrigen betreffenden Staaten, an welche ich mich in diesem Schriftchen wende, hört und vergesset nicht, wie und warum ich mich von den armen Leuten getrennt habe, und warum ich gerade nach dem Vaterlande zurückgekehrt bin, und verzeihet mir, wenn ich mit der Bitte, die nicht mehr gar lange auf sich warten lassen wird, etwas stark anklopfe. Habet ein Herz für die armen Leute und helfet ihnen, so gut ihr es vermöget! Ja, um Gottes willen, helfet!!!

Doch bevor ich weiter gehe, muß ich noch in wenigen Worten auf das Abkommniß vom 9. März zurückkommen; es wird sich aus einer genauern Prüfung desselben zeigen, daß keine sonderliche Güte des Herrn Joze Vergueiro zu den bekanntgemachten Verbesserungen erforderlich gewesen ist.

Die 8 ersten Punkte sind nichts Anderes, als was dem Kolonisten anfänglich entweder durch den Kontrakt oder durch mündliche Zusicherungen versprochen wurde, nichts Anderes, als Zugeständnisse, daß gegen die Kolonisten gesündigt worden sei, und daß diese zu manchen ihrer Klagen Ursache gehabt haben. Warum mußten z. B. das Kommissionsgeld, die Zinse von den heimathlichen Vorschüssen, Hauszinse, Arztwartegeld etc. gutgeschrieben werden? Weil sie unrechtmäßiger Weise bezogen wurden. Zeigt sich Güte und Wohlwollen, wenn Solches am Ende einer Untersuchung, welche eben diese Ungerechtigkeiten an den Tag gestellt hat, angetragen wird?

Die übrigen Punkte sind Verbesserungen zu nennen, und zwar solche, die nach dem Kontrakte nicht gefordert werden können. Sie sind aber auch am Ende der Untersuchung und sicherlich nur in Folge derselben zu Stande gekommen. Dann ist auch nicht zu übersehen, daß ein gar wichtiger Punkt fehlt, nämlich die kontraktgemäße Bezahlung des Kaffees. Herr Joze Vergueiro wollte von der erbärmlichen Anwendung des Verhältnisses von 3 Alqueiren zu 1 Arroba schlechterdings, wenigsten für noch fernere 2 Jahre, nicht abweichen und das den Kolonisten in den frühern Jahren dadurch zugefügte Unrecht nicht gut machen. Er behauptete, [187] zu solcher Berechnung habe er das Recht. Wie es aber mit diesem Rechte aussieht, wird jeder Unparteiische, der den betreffenden Artikel des Kontrakts an der Hand meiner Darstellung (Seite 73–76) angeschaut hat, wissen.

Was ist aber auch von der Offenheit, Freundlichkeit u. s. w., die er dem Herrn Dr. Heußer und dem Herrn Kanzler Diethelm bewiesen, von den vor ihnen geweinten Thränen, von seinen Versicherungen, er habe nicht gewußt, wie die Kolonisten behandelt werden, es sei ihm leid und er meine es gut etc. zu halten? Er hat wohl gemerkt, auf welche Weise er bei diesen Herren, die einem Andern solche Verschmitzheit nicht zutrauen, weil sie sie selber nicht haben, am meisten ausrichten, am meisten für sich gewinnen kann. Wie kann er auch sagen, er habe von den an den Kolonisten begangenen Ungerechtigkeiten Nichts gewußt? Die Reduktion des Reisegeldes und das Kommisssionsgeld sind Sachen, die in seinem Hause zu Santos gemacht wurden; die niederträchtige Verkäuferei der Kolonisten an zuweilen ganz erbärmliche Herren hat er, wenigsten zuweilen, auch selbst betrieben. Er hat auch nicht nur dann Leute nach Ubatuba verhandelt, wann in Santos die Cholera herrschte (ob während der Cholerazeit, vor und nach dem Neujahr 1856, auch Schiffe mit Kolonisten nach Santos gekommen sind, weiß ich nicht); es war ihm lediglich um seine Handelschaft zu thun; wie es später den Verhandelten gehe, darum bekümmerte er sich nicht viel. Der Zins der unverzinslichen Gemeindevorschüsse, die unrechtmäßigen Hauszinse etc. konnten ihm auch nicht unbekannt sein; sie standen in den Hauptbüchern von Ybicaba. Wenn er dort nicht nachgeschaut und diese Sachen nicht entdeckt hat, so hat er wahrlich seine Chefspflichten eines so großen, ja seines Hauptgeschäftes schlecht erfüllt. Daß mir z. B. ein ganzes Schwein mit Haut und Knochen zu 280 Reis (völlig 78 Rappen) per brasilianisches Pfund – ein für jene Gegend fast beispielloser Preis – berechnet wurde, hat er selbst gesehen; er hat am 25. August 1855 meinen diesfallsigen Faßschein, auf dem dieser Preis schon aufgezeichnet [188] war, mir selbst aus den Händen genommen und ihn gelesen. Man betrachte auch recht die List, welche er anwandte, um vom Herrn Dr. Heußer die bekannte Satisfaktion zu bekommen. Schon das, daß Joze Vergueiro diejenige Klageschrift, welche wir zu Handen der, wie man uns sagte, etwas schwerhörigen brasilianischen Unterschuchungskommission und zwar unter der bestimmten Erwartung, diese werde unsere Klagepunkte nur als Anleitung ihrer Untersuchung und nicht als eine keiner weitern Prüfung bedürfenden Wahrheit annehmen und behandeln (eine Erwartung, die wir, wenn ich nicht sehr irre, im Schlusse der Klageschrift aussprachen), dem Herrn Dr. Heußer, dem zu Handen wir etwas weniger derb uns ausgedrückt hätten, zur Beantwortung vorgelegt hat, scheint mir eine große List und sogar ein Unrecht zu sein. Noch stärker leuchten die List und das Unrecht, wie mir vorkömmt, aus dem Umstande hervor, daß Herr Joze Vergueiro durch Unterbreitung einer nicht vollständigen, der Einleitung und des sehr wesentlichen Schlusses entbehrenden Abschrift unserer Einlage den Herrn Dr. Heußer auf einen falschen Standpunkt gestellt hat und ihn glauben machte, nur wir Schweizer von Ybicaba haben geklagt, und zwar nur im Blicke auf die Zustände Yibicabas, während wir doch, wie schon gesagt, unsere Klagen im Namen aller Halbpachtskolonisten und im Blicke auf alle betreffenden Kolonieen verfaßten. Dieses hatte natürlich zur Folge daß Herr Dr. Heußer in seiner Satisfaktion nur einem Theile der Klagenden antwortete und dieses that, als er nur noch wenige, zudem fast die besten der von uns im Auge gehabten Kolonieen kennen gelernt hatte. Steckt in diesem nicht eine große List und ein bedeutendes Unrecht? Kömmt dieses nicht fast der Ausstellung eines Falsums gleich? Wer wagt es nun aber auch noch, den Herrn Dr. Heußer wegen seiner Satisfaktion noch weiter mit mißtrauischen Augen anzusehen? Sein Hauptbericht beweist, daß er am Ende die Verhältnisse doch erkannt und auch geschildert hat.

Wer glaubt aber auch nicht mit mir, daß Herr Joze [189] Vergueiro gerade der schlimmste sei, weil er sich den Schein des Guten in solcher Weise geben will? Wer kann es auch den armen Kolonisten verargen, daß sie am 9. März 1857 nur sehr ungerne zu den ihnen vorgelegten Abkommnißbestimmungen und nur unter der Bedingung, daß Herr Kanzler Diethelm Oberdirektor werde, „ja“ gesagt haben? Wer kann es ihnen verargen, daß sie, wenn sich dazu irgend wie eine Möglichkeit gezeigt hätte, viel lieber aus allem und jedem Verkehr mit dem Hause Vergueiro heraus und auf Staatsländereien übergetreten wären? Wer begreift es auch nicht, daß ich, wie bald geschehen wird, auf dieses Ziel mit aller Kraft dringe, um so mehr, da aus jenem Abkommniß sehr wahrscheinlich Nichts geworden ist? Denn Herr Diethelm wurde nicht Oberdirektor, und das war die Hauptbedingung der Kolonisten, unter welcher sie auf diesen Gegenstand eintraten. – Nun folge noch etwas Geschichtliches.

Unmittelbar nach der Zeit, da mein Weggehen beschlossen wurde, glaubten die Kolonisten mit mir, daß meine Abreise etwa nach einigen Wochen erfolgen werde, und sie beriethen sich miteinander, was zu machen sei, daß ich sicher aus dem Lande hinauskomme. Aber am folgenden Morgen, den 10. März, etwa um ½10 Uhr kamen die Herren Dr. Heußer und Kanzler Diethelm in mein Haus und sagten, daß ich sogleich, noch an diesem Abende, ehe Etwas von meinem Weggehen ruchbar werde, verreisen und möglichst schnell und heimlich, mit Verschweigung meines Namens, nach Rio de Janeiro zu kommen trachten müsse. Sie wollen mir am Abend das bis dorthin erforderliche Reisegeld sammt den nöthigen Schriften und Briefen bringen, mir für einen treuen Begleiter, für ein gutes Reitthier und auch dafür sorgen, daß meine Familie, die ich, um nicht verhindert und nicht verrathen zu werden, nicht mitnehmen könne, möglichst schnell und sicher nachzufolgen im Stande sei. Das war, obschon ich an der Erfüllung des Versprechens dieser Männer nicht im geringsten zu zweifeln hatte, von allem Schweren, das [190] ich in Brasilien erlebte, nicht das Leichteste. Meine eigene Gefahr vergaß ich über dem Gedanken an die armen Meinen fast ganz; ich wußte, welch eine Reise ihnen bevorstand. Doch es mußte sein; ich sah wohl ein, daß das für mich und die Meinen der sicherste Weg sei.

Die Schriften, welche mir die beiden Herren am Abende brachten, bestanden hauptsächlich in einem Briefe des Herrn Dr. Heußer an den Herrn General-Konsul David in Rio de Janeiro und in einem Entlassungsscheine des Herrn Joze Vergueiro[60], welchen ich in Santos vorweisen mußte, um den zur Weiterreise erforderlichen Reisepaß zu bekommen. Einen solchen Entlassungsschein, in welchem es mir, wie mir ein Herr in Santos sagte, freigestellt war, den Paß nach jedem beliebigen andern Seehafen zu nehmen, bekömmt man auf den Kolonieen nur dann, wenn der betreffende Herr sich bezahlt weiß oder bezahlt betrachtet. Bei mir konnte er dies nur insoferne, als er beschlossen hatte, mir die Schuld zu schenken; und so war es wirklich. Herr Joze Vergueiro hat sich sogar zu den Herren Dr. Heußer und Kanzler Diethelm erklärt, daß er mir nicht nur meine ganze Schuld (den heimathlichen Vorschuß[61], den ganzen Zuwachs in Brasilien etc.), sondern auch das Reisegeld nach der Schweiz zurückschenken wolle. Die Schuldschenkung nahmen sie von ihm an; die Schenkung des Reisegeldes lehnten sie hingegen ab und sagten, die schweizerische Hilfsgesellschaft in Rio de Janeiro werde meine ganze Reise von Ybicaba an bestreiten. Dies geschah denn auch.

[191] Nach einem zwar kurzen, aber herzlichen und rührenden Abschiede von den Meinen und von den meisten vor meinem Hause versammelten Kolonisten trat ich, ausgestattet mit dem oben genannten treuen Begleiter, mit den genannten und noch andern Schriften, mit dem erforderlichen Reisegeld und mit einem guten Reitthier, am 10. März Abends ½10 Uhr beim hellsten Mondschein meine schwere Reise an, kam am Vormittage des 16. gesund und wohlbehalten nach Santos, mußte dort bis am Morgen des 19. auf den Abgang des ersten Dampfschiffes, „Parahybuna“ genannt, warten und erreichte mit demselben am Abend des 20. März Brasiliens Hauptstadt, Rio de Janeiro. Meine Familie, die am 15. März mit einem Vergueiro’schen Truppe, begleitet von einem Thüringer, verreiste, und zur Reise nach Santos 16 Tage brauchte, kam am 2. April gesund und wohlbehalten nach Rio de Janeiro. Von dort an konnten wir aber die Weiterreise nicht sogleich antreten. Herr General-Konsul David, welcher durch den mir mitgegebenen Brief des Hrn. Dr. Heußer an meine mündliche Berichterstattung gewiesen wurde, und der, nachdem ich ihm die Verhältnisse der Kolonieen geschildert hatte, diese Angelegenheit weiters kräftig betreiben wollte, sagte, daß ich ihm zu diesem Zwecke noch an die Hand gehen müsse. So hatte ich mit den Meinen bis am 27. Mai in jener Stadt zu verbleiben und fand unterdessen vielfache Gelegenheit, mein den Kolonisten gegebenes Versprechen zu erfüllen. Herr David gab mir am Ende mündlich und in 2 offenen Empfehlungsschreiben das Zeugniß, die Enthüllung des schändlichen Treibens der Herren der Kolonieen und die hoffentlich nun eintretende Hilfe für die Kolonisten sei mir zu verdanken. Während jenes Aufenthaltes in Rio de Janeiro fand ich aber auch vielfache Gelegenheit, Proben der sehr ins Große gehenden Gutthätigkeit, des löblichen Edelsinns der dortigen Schweizerherren[62] zu sehen. In dem Hause, [192] das sie lediglich zur Unterbringung unglücklicher Landsleute gemietet haben, waren in jener ganzen Zeit außer meiner großen Familie immer 3 bis 7 Personen da, welche nur aus den Gutthaten dieser Herren lebten; zudem befanden sich auch fast immer noch Kranke in den Spitälern, deren Bedürfnisse von ihnen bestritten wurden. Die Unglücklichen, die ohne diese Hilfe fast oder gar elendiglich umkommen müßten, sind meist solche Leute, welche entweder von gewissenlosen Agenten nur nach Rio de Janeiro, „nach Brasilien“, spedirt wurden und dort stecken bleiben mußten, oder welche den in Europa als glänzend geschilderten Verdienst gar nicht fanden oder, wenn sie auch noch Arbeit fanden, bei derselben nicht bestehen konnten, etc. Nach einem Aufenthalte von fast 2 Monaten, während welcher ich und 5 meiner Kinder ziemlich heftig vom gelben Fieber befallen, aber auch schnell wieder von ihm befreit wurden, nämlich am Abend des 27. Mai, begaben wir uns an Bord des schönen, großen Dreimasters, eines Schnellseglers erster Klasse, „Petropolis“ genannt. Es ist ein sehr gutes französisches Schiff der Paquetlinie Havre-Rio. Am 28. Mai stach es mit uns in die See und legte bei meistens widrigem Wind die ungefähr 2000 Stunden von Rio nach Havre in 44 Tagen zurück; am Abend des 11. Juli kamen wir in der Bucht von Havre an, wo wir wegen der eingetretenen Ebbe bis am folgenden Morgen liegen mußten. Am 12. Juli, ungefähr um 1 Uhr Nachmittags, setzten wir unsere Füße wieder auf festen Boden und hatten viele Ursache, Gott zu danken. Wir hatten eine sehr glückliche Seefahrt hinter uns. Auf dem Schiffe hatten wir (ich rede hier von meiner Familie) einen ziemlich großen und hellen Zwischendecksraum, erfreuten uns einer sehr freundlichen Behandlung von Seite der ganzen Seemannschaft und der übrigen Passagiere (vornehme Brasilianer und eine Schweizerfrau mit Tochter) und genoßen eine recht gute Schiffskost, und jetzt befanden wir uns wieder auf europäischem Boden. Was unsere Seereise gekostet habe, kann ich nicht sagen; die vorerwähnte schweizerische Hilfsgesellschaft von Rio de Janeiro hat sie ganz bestritten; [193] diese hat auch unsere europäische Landreise bis Basel bezahlt; Herr General-Konsul David gab mir zu diesem Zwecke ein offenes Schreiben an den Herrn Konsul Wanner in Havre, der den erhaltenen Auftrag freundlichst und bestens ausgerichtet und für unsere Weiterreise gesorgt hat. Vom späten Abend des 13 Juli brauchten wir mit dem 16stündigen Aufenthalt in Paris für die Reise von Havre bis Basel nicht völlig 2 Tage, trafen dort also am frühen Abend des 15. Juli ein. Mit den in Basel und Beuggen (dieses war mein Erziehungsort) gemachten Besuchen hatten wir noch 6 weitere Tage nöthig, um nach unserm Heimatkanton Graubünden zu gelangen. Am 21. Juli 1857 betraten wir also den Boden dieses Kantons, den wir seit dem frühen Morgen des 8. April 1855 nicht mehr unter unsern Füßen hatten. Welch ein freudiges Gefühl uns bei dem Bewußtsein erfüllte, daß wir wieder auf vaterländischem Boden, umgeben von unsern lieben Verwandten, Bekannten und Freunden, und nicht mehr im Bereiche arger Feinde seien, kann ich nicht sagen. Ja wir sind sehr verpflichtet, Gott herzlich zu danken, Ihm die Ehre zu geben und auch unser den armen zurückgebliebenen Kolonisten gegebenes Versprechen mit möglichster Treue zu erfüllen. Gott hat Großes an uns gethan und bewiesen, daß Er wunderbar, herrlich und selig führt und aus jeglicher Noth und Gefahr zu retten weiß. Auf Ihn zu bauen und Ihm unser ganzes künftiges Leben getrost anzuvertrauen haben wir, obschon wir zur Stunde, da ich dieses schreibe, uns noch keiner Anstellung und keines sichern Auskommens erfreuen dürfen, Ursache genug. Wir haben aber auch große Ursache, den vielen Freunden in Brasilien und in Europa für ihre vielen Liebes- und Freundschaftserweisungen, für ihre große Hilfe herzlich zu danken. Herzlicher Dank sei hiemit allen gesagt. Gott vergelte Allen alles uns erwiesene Gute!

[194]
Bitte und Schluß.

Meine Darstellung der Behandlung der Halbpachtskolonisten in der brasilianischen Provinz St. Paulo, sowie deren Erhebung gegen ihre Bedrücker ist nun zu Ende. Jeder billig denkende Leser urtheile nun selbst, ob Ursache zu den Schritten, die wir Kolonisten gethan haben, vorhanden gewesen sei oder nicht, ob wir eine Revolution gegen irgend eine Landesbehörde unternommen und den Weg des Rechtes verschmäht haben, dessen man uns beschuldigt. Ich will auch jedem rechtlichen Manne das Urtheil über mich, den Führer der aufgetretenen Kolonisten, ruhig überlassen und mag es wohl leiden, wenn man mich mancher Fehler beschuldigt. Die Fälle waren oft schwierig, und es war mir rein unmöglich, mich bei kenntniß- und erfahrungsreichen Männern berathen zu können. Ich bin mir nur dessen bewußt, daß ich mich möglichst bemühte, Alles das zu thun, was nach meiner Ansicht einerseits die nöthige Hilfe für alle Kolonisten herbeiführen und anderseits zur Vermeidung jeglicher Gewaltthat und jeglichen Unrechtes gegen das Haus Vergueiro und die andern Herren Fazendeiros gereichen konnte. Ich bin mir aber auch dessen bewußt, daß jeder echte Christ, der Kenntniß von der Lage der betreffenden Kolonisten erhält, mit mir denkt, da sei es eine heilige Christenpflicht, kräftigst zu helfen. Ja Hilfe thut noth. Man müht sich, und das nicht mit Unrecht, arme, schwarze Sklaven, deren Sklaverei durch die Länge der Zeit in gewisser Hinsicht zu einer rechtmäßigen geworden ist, frei und los zu kaufen: – hier handelt es sich um die Losmachung Solcher, deren Sklaverei keine rechtmäßige ist, denen man, im Falle sie nach den fraglichen Kolonieen gehen, von Freiheit, von bald zu erlangendem Eigenthum u. s. w. vorschwatzte, die nun aber so gar traurig daran sind. Man müht sich auch, und ich lobe [195] es, geborene Heiden zu Christen zu machen: – hier sind Leute, die dem Christenthume angehören, aber, wenn sie noch eine Zeit lang in ihren jetzigen Verhältnissen bleiben sollten, in das völligste Heidenthum zurücksinken müßten; hier sind, um es mit einem Worte zu sagen, Leute, die nach meiner Ansicht zu den Hilfsbedürftigsten gehören, und zudem sind es in besonderm Sinne unsere Brüder. Als Derjenige, dem es am 9. März 1857 (siehe oben Seite 185) zur heiligsten Pflicht gemacht wurde, Alles zu thun, was zur Hilfe der armen Zurückgebliebenen dienen könnte, und als Derjenige, der diese Pflicht auf sich nahm, bitte und beschwöre ich Namens mehrerer Tausende armer Kolonisten aus der Schweiz, Preußen, Baiern, Sachsen, Hanover, Baden, Holstein, Schwarzburg-Rudolstadt, Hessen-Darmstadt, Mecklenburg-Schwerin, den Fürstlich Reußischen Ländern, aus Sachsen-Altenburg und Sachsen-Weimar[63]

1) All die betreffenden Tit. Hohen Regierungen,

Daß Hochdieselben insgesammt sich ihrer Angehörigen in jenen Halbpachtskolonieen auf jede zu Gebote stehende Weise, insbesondere auf diplomatischem Wege, huldvollst und kräftigst annehmen und ihnen eine freie, bürgerliche Existenz an einem geeigneten Orte auswirken wollen.

2) All die betheiligten Völker und Nationen,

Dieselben wollen ihre armen Leidensbrüder auf den betreffenden Kolonieen nicht geistig und leiblich verkümmern und zu Grunde

[196] gehen lassen, sondern ihren Tit. Regierungen treulich durch Darreichung von milden Gaben und auf jede mögliche Weise beistehen, wenn Hochdieselben die fragliche Angelegenheit kräftigst an die Hand nehmen und ein Werk der unabweisbaren Menschenpflicht und Barmherzigkeit vollführen wollen.

Als Schweizer richte ich auch das dringende besondere Gesuch
3) An den Hohen Bundesrath der schweizerischen Eidgenossenschaft,

Hochderselbe wolle zum Behufe einer gemeinschaftlichen Hilfe für alle betreffenden Kolonisten sich mit den Tit. Regierungen derjenigen Länder, welchen die nichtschweizerischen Kolonisten angehörten, in amtliche Verbindung setzen und dieses dringende Gesuch Hochdenselben zur kräftigen Anhandnahme der betreffenden Angelegenheit unterbreiten.

4) An alle Menschenfreunde aller betreffenden Länder, insbesondere an Beamtete, Pfarrer, Lehrer, Zeitungsredaktoren, Buchhändler u. s. w., richte ich endlich das dringende Gesuch,

Daß Dieselben ihr Möglichstes zur recht vielseitigen Verbreitung dieses Büchleins beitragen möchten, damit seine Hauptzwecke, nämlich die Hilfe für die Kolonisten und die Beschwichtigung und Dämpfung des Auswanderungsfiebers, um so sicherer erreicht werden können.

Die Gewährung dieses letzten Gesuches wird den Gesuchsteller um so mehr zu innigem Danke verpflichten, als dadurch sein dritter Zweck, eine für seine Umstände nothwendige Einnahme, erzielt wird.[64]

[197] Wie aber kann geholfen werden? Als Derjenige, der mit den Wünschen und Bedürfnissen der Kolonisten, wie sie sich wenigstens bis im März 1857 zeigten, am bekanntesten sein muß, erlaube ich mir, auf diese Frage einige unmaßgebliche Antworten und Vorschläge zu geben.

Auf jeden Fall sollten die Kolonisten aus allen ihren Verhältnissen mit ihren bisherigen Herren, den Pflanzern oder den Eigenthümern der Kolonieen, herausgerissen, frei gemacht werden. Wie diese Herren mit ihren Halbpächtern bis jetzt handelten, ist bekannt, und wie sie späterhin mit ihnen handeln würden, laßt sich voraussehen, wenn man nicht außer Acht läßt, daß sie von frühester Jugend auf an die Behandlung von Sklaven gewohnt sind und gar nicht gelernt haben, einem freien Arbeiter sein ihm gebührendes Recht zu Theil werden zu lassen. In ihren Augen hat der europäische Kolonist nur deßhalb einen größern Werth, als der schwarze Afrikaner, weil ihnen die Arbeit des Europäers mehr einbringt, als die des Afrikaners, und weil sie jene zudem noch viel wohlfeiler bekommen, als diese.[65] In ihrem dummen Stolze schauen sie auch eben so verächtlich auf den europäischen Kolonisten herab, wie auf den schwarzen Sklaven, weßhalb es ihnen auch so unbegreiflich vorgekommen ist, daß wir Kolonisten uns aufgemacht und eine Untersuchung hervorgerufen haben. Für meine Befürchtung, daß die Herren [198] in Brasilien auch fürderhin nicht besser gegen die Kolonisten handeln würden, sind mir bereits Beweise genug zugekommen. Ein wackerer und rechtschaffener Mann, einer der zuverläßigsten ehemaligen Kolonisten und der einsichtsvollsten Beförderer meines Bestrebens, schreibt mir unter dem 10. Febr. 1858 Folgendes:

Diejenigen Kolonisten, welchen eigenes Land versprochen wurde,[66] erhielten später die Ordre, die Schulden zu bezahlen, oder Bürgen zu stellen und die Kolonie zu verlassen. Einige Familien (wenn ich nicht irre, so sind es 5), welche, weil sie entweder eigenes Reisegeld nach Brasilien hatten oder sonst von günstigen Umständen beglückt waren, mit Vergueiro abrechnen und, frei von Schulden, gehen konnten, wohin sie wollten, sind jetzt in den Mucury-Kolonieen, wohin ihnen aber nicht Vergueiro, sondern die Landsleute in Rio geholfen haben. Die übrigen 12 Familien, welche noch verschuldet sind und mithin nicht mit jenen 5 Familien ziehen, auch nicht Bürgen für ihre Schulden stellen konnten, wurden später unter militärischer Begleitung von Ybicaba nach Limeira geführt und in 2 Häuser einquartirt. Acht Tage darauf wurden ihnen durch militärische Gewalt ihre Kisten sammt deren Inhalt weggenommen, damit sie Nichts verkaufen und sich nicht weiter begeben können. „Jetzt stehen“, sagt … wörtlich, „diese Leute, zirka 60 Personen an der Zahl, als Bettler, wo Nichts zu bekommen und nur Vergueiro’sches Komplott ist, in Limeira.“

Ein solches Benehmen zeigt deutlich genug, was auf Vergueiros Versprechungen zu halten sei, und welches das Loos der Kolonisten auch in Zukunft wäre, wenn sie unter ihren Herren bleiben müßten. Nach meiner Meinung sollten also [199] die Kolonisten jedenfalls von ihren bisherigen Herren befreit werden, und ich bitte so eindringlich, als es mir möglich ist, daß man dieses Ziel sogleich ins Auge fasse, mögen die Herren in Brasilien auch, um Herrn Dr. Heußers, meinen und Anderer Berichte zu entkräften, und um die Leute nicht zu verlieren, unterdessen die Verhälntisse verbessert oder verschlimmert, diese und jene Kolonisten geschmiert oder gestraft haben, wie sie wollten. Sie haben lange genug die armen Leute sklavenmäßig behandelt und ihre Ungerechtigkeiten an ihnen verübt; es ist Zeit, daß die dem Brasilianer sonst in jeder Hinsicht weit überlegenen Europäer aus den Händen dieser ihrer herzlosen Bedrücker, in welche sie durch die Schlauheit und Abgefeimtheit Dieser und durch ihre eigene Arglosigkeit und Gutmüthigkeit gerathen sind, gerissen werden.

Doch nicht nur aus den Händen ihrer bisherigen Bedrücker, sondern selbst aus den Händen der Brasilianer überhaupt sollten die Kolonisten kommen. Früher glaubte ich, wie dies manchen vorausgegangenen Stellen dieses Schriftchens zu entnehmen ist, die obersten Behörden Brasiliens haben den festen Willen, die Kolonisten gut zu stellen, sie zu freien, den Brasilianern in jeder Hinsicht gleich gestellten Staatsbürgern zu machen, und sie werden, nachdem sie nun Kunde von der elenden Lage der Kolonisten erhalten haben, sich aufmachen und Anordnungen treffen, die von ihrem guten Willen Zeugniß geben und die Kolonisten auf eine ehrenhafte Stufe erheben. Nun aber vernehme ich theils aus Zeitungen, theils aus dem „offenen Briefe des Herrn Geh. Reg.-Rath S. G. Kerst von Preußen an die Redaktionen der deutschen Tagespresse“, und theils aus nicht zu nennenden, deßhalb aber nicht weniger wichtigen Quellen, daß sich die Sachen ganz anders verhalten. Anstatt daß man in Brasilien, wie es billiger Weise zu erwarten stand, das gegen die Kolonisten verübte Unrecht einsah und bekannte, hat man angefangen, die Mißhandelten zu verleumden, über Herrn Dr. Heußer und andere Berichterstatter, sogar über die Konsulen, welche ihre Pflicht gethan, herzufahren, dagegen die [200] Fehlenden, die Besitzer der Kolonieen, möglichst in Schutz zu nehmen. Einige Gesetze sind, wie den genannten Quellen zu entnehmen ist, der Art, daß der Handlungsweise der Herren Vorschub geleistet wird, daß besonders die protestantischen, theilweise aber auch die katholischen Kolonisten den Brasilianern hintangestellt werden. Der sicherlich ganz genau unterrichtete Herr Geh. Reg.-Rath Kerst sagt über diesen Punkt unter Anderem:

„Brasilien nimmt unter denjenigen Staaten Südamerika’s, in denen keine Freiheiten, keine Rechte des Ausländers einigermaßen gesichert sind, wenn sie nicht durch internationale Verträge von immerwährender Dauer klar und bestimmt garantirt sind, den ersten Rang ein. Das brasilianische Gouvernement ist aber beharrlich dem Abschluß solcher internationalen Verträge, (wie solche z. B. die Argentinische Konföderation in neuester Zeit mit den bedeutendsten Nationen abgeschlossen hat) ausgewichen, zumal mit der deutschen protestantischen Großmacht, welche in ihren Verhandlungen allerdings die ‚brasilianische Toleranz‘ auf die Probe gestellt haben würde.“ An einer andern Stelle sagt er in Bezug auf diesen und andere Punkte Folgendes:

„Welches Verhalten hat aber die brasilianische Presse gezeigt, als die von Dr. Heußer konstatirten Thatsachen allgemeiner bekannt wurden? Wie in allen frühern analogen Fällen, wo Deutsche über empörende Schurkereien und unerhörte Akte der Willkür und Gewaltthat gerechte Anklagen erhoben und Genugthuung forderten, hat sie auch jetzt die ‚Kolonisten‘ verleumdet und in ihrer wegwerfenden Art mißhandelt, die brasilianischen Betrüger und gewissenlosen Beamten aber durch lügnerische Darstellung der Thatsachen vertheidigt. Sie nennt dieses ihr Verhalten ‚der Würde der hochherzigen brasilianischen Nation‘ angemessen. Inzwischen beginnt die Furcht, daß die gemißhandelten ‚weißen Sklaven‘ mit den schwarzen Sklaven gemeinschaftliche Sache für ihre Befreiung machen könnten (und es sind mindestens [201] 1½ Millionen Köpfe, meist kräftige Männer, welche gegen Gesetz, Recht und Verträge seit 1831 zu Sklaven gemacht wurden), die menschenräuberische Gesellschaft zu beängstigen. In den neuesten brasilianischen Blättern wird in sanftflötenden Leitartikeln den Konsulen ans Herz gelegt, ja nichts zu thun, was die ‚Insubordination‘ der Kolonisten fördern könnte, d. h. zu deutsch: Wir bitten Euch, deutsche Konsulen, stellt Euch, wie bisher, taub und blind und laßt uns Eure Schutzbefohlenen kaufen, verkaufen, betrügen, beliebig mißhandeln, in erbliche Sklaverei bringen und erhalten, wegen ihrer Religion verfolgen, verspotten, sie geistiger und religiöser Verwilderung und Entsittlichung Preis geben, gewaltsam zu Katholiken machen u. s. w., denn diese Kleinigkeiten, die unser ‚gastfreundliches Brasilien‘ dem deutschen Arbeiter bietet, sind ja nicht des Redens werth. Im brasilianischen Senat aber führen die ‚Herren‘ eine Sprache gegen die Konsulen, denn hier richtete am 5. September 1857 der neue Baron de Pindarè, unter stillschweigender Billigung des ganzen Körpers, folgende Aufforderung an die Regierung: ‚Ich finde das Betragen der Konsulen‘ (er zielt zunächst auf die schweizerischen Konsulen, die so eben ihre Pflicht gethan), ‚welche sich das Recht anmaßen, in die Angelegenheiten der Kolonisten ihrer resp. Nationen zu interveniren und in dieser Weise die Insubordination pflanzen und zur Demoralisation (!!) und zum Ruin der Kolonisationsunternehmungen‘ (soll heißen brasilianischer Menschenhandel) ‚beitragen, unschicklich und sträflich (reprehensivel). Die Regierung darf die ungebührliche (indebita) Intervention dieser fremden subalternen Agenten nicht toleriren. Die Kolonisation‘ (Einfuhr weißer Sklaven, nachdem England dem Schleichhandel mit Afrikanern wirksam gesteuert hat) ‚ist eine Lebensfrage, von welcher die künftigen Geschicke des Reiches abhängen, und deßhalb ist es eine Pflicht der Regierung, alle Kräfte anzuwenden zum Zurückstoßen aller Hindernisse, welche den Strom der Einwanderung hemmen und die Einführung der [202] Armen (braços, d. h. Sklaven), die von Tag zu Tag immer mehr abnehmen, erschweren.‘“

Dieses nebst vielem Anderm, das ebenfalls sehr bezeichnend ist, sagt Herr Herst in seinem „offenen Briefe.“ Mein Korrespondent schreibt mir, daß Herr General-Konsul David von Vergueiro und auch in den Zeitungen verfolgt, und daß im Senat von seiner Wegschickung (!!) gesprochen worden sei. In einem mir vom Empfänger zur Verfügung gestellten Privatbriefe des Herrn Geh. Reg.-Rath Kerst sagt dieser, es ergebe sich aus einer Schrift des Grafen v. Rozwadowski, daß ein Verfasser einer Lobhudelschrift über Brasilien von der Regierung dieses Landes aus ihrem geheimen Fonds 20 Contos de Reis (ungefähr Fr. 56,000.–) erhalten habe, und daß gewisse Zeitungen (natürlich solche, die das brasilianische Auswanderungswesen empfehlen) aus brasilianischen Geldern zum größern oder kleinern Theile erhalten werden, ebenso auch, daß ein gewisser Beförderer des brasilianischen Menschenhandels (er nennt ihn den „Hauptseelenverkäufer“) seit vielen Jahren ansehnliche Pensionen aus brasilianischem Gelde bekommen habe u. s. w.

Ein solches Thun und Treiben, solche Reden und Verhandlungen beweisen deutlich genug, daß die elende Behandlung der Kolonisten in der Provinz St. Paulo ihren Sitz und Grund nicht nur in der Denk- und Handlungsweise der Herren Fazendeiros, der Besitzer der Kolonieen, sondern selbst in der Denk- und Handlungsweise der obersten Behörden Brasiliens hat, ja daß dieses Land Betrügereien unterstützt und indirekte selbst treibt. Wenn je ein Land allen Kredit verloren und seinen noch so schönen Berichten, gehen diese von ihm selbst oder von seinen Lohnschreibern etc. aus, zum Voraus alle Glaubwürdigkeit genommen hat, so hat es Brasilien durch dieses Benehmen gethan, und wenn irgend ein Land Strafe verdient hat, so ist es bei Brasilien der Fall, und die natürlichste Strafe für dieses Land wäre meines Erachtens, daß man ihm die Kolonisten wegnähme und seinem Menschenhandel [203] mit Europäern ein völliges Ende machte. Man könnte auch sagen, daß, wenn Brasilien so viel Geld hat, um Betrüger zu besolden, so soll es auch den hierseitigen Gemeinden ihre an die Auswanderer gemachten Vorschüsse auszahlen, um so mehr, da sich durch eine genaue Abrechnung, wobei das Kommissionsgeld, die zu hohe Reduktion der hiesigen Münzen, die ungerechten Zinse, die zu hohen Preise der Faßwaren und die viel zu kleine Kaffeebezahlung die gehörige Berücksichtigung fänden, herausstellen würde, daß die Kolonisten ihre Schulden, im Ganzen genommen, mehr als abbezahlt hätten. Sollte Brasilien es sich einfallen lassen, derartige Schritte durch Waffengewalt verhindern zu wollen, so darf ich, vorausgesetzt, daß das brasilianische Militär im Ganzen demjenigen zu vergleichen sei, das ich sah, sagen, daß diese Waffengewalt nicht im Geringsten in Anschlag zu nehmen wäre, oder daß, um mit Herrn Kerst zu reden, Brasilien den hiebei betheiligten Mächten „Nichts entgegen zu stellen vermöchte, als eine Hand voll feiges, halbverhungertes Gesindel.“ Ob dieses, wie Herr Kerst weiter sagt, „in jeder Beziehung tief unter den indischen Sepoys steht“, kann ich nicht sagen, weil ich diese Letztern nicht kenne.

Ich versichere feierlich, daß nicht Rachsucht über mir zu Theil gewordene Unbilden, sondern purer Gerechtigkeitssinn und Liebe zu den Kolonisten mich zu einem solchen Antrag treibt.

Man hält es für Pflicht, auf Unterdrückung der alten, eigentlichen Sklaverei zu dringen; ist es nicht eine noch größere Pflicht, auf Befreiung Derjenigen zu dringen, die durch solche schmähliche Betrügereien in eine neue Sklaverei geführt wurden, anstatt das ihnen in Aussicht gestellte Glück finden zu können? Und ist es nicht auch heilige Pflicht, solchen Betrügereien ein Ende zu machen und Sorge zu tragen, daß nicht noch mehr Leute betrogen und in Unglück geführt werden können?[67] [204] Ein vornehmer Brasilianer hat mir unmittelbar vor meiner Abreise von Brasilien gesagt: „Ich bin ein Brasilianer und sollte als solcher darauf hinarbeiten, daß die Einwanderung tüchtig von Statten ginge. Aber die Leute werden dadurch sehr unglücklich, und so lange die Kolonisationsverhältnisse nicht gründlich zu Gunsten der Kolonisten geändert werden, arbeiten Sie in Europa so viel wie möglich daran, daß Niemand mehr nach Brasilien wandert.“ Sollten, wenn ein Brasilianer also redet, die Europäer ruhig zusehen, wie ihre Landsleute in Unglück und Sklaverei geführt werden?

Wo aber soll man mit den schon in Brasilien leidenden Kolonisten hin? Ich habe zu sehr erfahren, wie wenig den guten Briefen, Berichten und Schilderungen dieser oder jener Auswanderungsunternehmungen zu trauen sei, als daß ich mir einen bestimmten diesfallsigen Antrag erlaubte; ich wage kaum, ein Unternehmen zu nennen, über welches ich von mehrern tüchtigen Männern (nicht Agenten) die am meisten Zutrauen weckenden Aeußerungen gehört habe, das überdies von einem Beauftragen der hohen Regierung des Kantons Bern schon untersucht und von demselben als ein empfehlenswerthes dargestellt worden ist; es ist dies Santa Fé in der Argentinischen Republik, dem südwestlichen Nachbarstaate Brasiliens. Sollte eine fernere gründliche Untersuchung dieser Kolonie das, was ich über dieselbe schon vernommen habe, bestätigen, und sollte der betreffende Staat so weit entgegen kommen, daß dort für die fraglichen Kolonisten Brasiliens und für allenfallsige spätere Auswanderer eine Heimath mit den erforderlichen kirchlichen und bürgerlichen Rechten und Einrichtungen zu Stande gebracht werden könnte: so wären dann folgende dort vorhandene Vortheile auch nicht außer Acht zu lassen: Ein kühleres, noch gesünderes Klima, als es selbst der beste Theil von Brasilien, die südlichste Gegend dieses Landes, hat; ferners ein fruchtbarer, ebener, von keinen Bäumen und Gesträuchen bewachsener Boden, der leicht zu urbarisiren ist, die Anwendung des Pfluges zuläßt und zudem zur Hervorbringung von europäischen Lebensmitteln, die den [205] fraglichen Kolonisten natürlich zuträglicher wären, als andere, sich eignet. Auf der andern Seite sind freilich die zuweilen vorkommenden Aufstände der dortigen Nation und die Nähe der Indianer etwas Unangenehmes, und diese Umstände möchten allenfalls eine gute Bewaffnung aller wehrfähigen Kolonisten und die Einführung einer regelmäßigen Wache, wie wir sie eine Zeit lang in Ybicaba gegen nächtliche Ueberfälle und gegen Ermordungsgefahr auch haben mußten, erheischen. Bei der Beobachtung dieser Vorsichtsmaßregeln hätten aber die vielen Kolonisten, welche durch das fragliche Unternehmen dorthin kämen, auch im schlimmsten Falle gar Nichts zu fürchten. Die Indianer sollen vor den gar weit herfliegenden Kugeln der guten Feldstutzer, die man jetzt hat, und mit welchen man die Kolonisten versehen müßte, gar großen Respekt haben, wenn sie dieselben auch nicht fühlen, sondern nur hören[68], und was die Aufstände der Landesbewohner, der Nachkommen der Spanier, anbetrifft, so müßten diese viel tapferer sein, als die Nachkommen der Portugiesen, die Brasilianer, wenn die große Masse der so bewaffneten Kolonisten nur das Geringste von ihnen zu befürchten hätte.

Mit meinem oben im Namen aller Kolonisten an die betreffenden Tit. Regierungen gestellten Gesuche bitte ich Hochdieselben also dringendst, sie möchten erstens auf möglichst schnellem Wege entweder an dem genannten, oder an einem andern passenden Orte eine Heimath für die Kolonisten auswirken, in welcher sie, Protestanten wie Katholiken, in kirchlicher, bürgerlicher und ökonomischer Hinsicht eine angenehme, sichere Existenz haben und für Leib und Seele das finden und einrichten könnten, was sie zu ihrem Gedeihen nach beiden Richtungen bedürfen; zweitens möchten sie Vorsorge treffen, daß die Kolonisten auf möglichst gute und zweckmäßige Weise in die gesuchte Heimath geführt werden könnten. Selbstverständlich [206] ist, daß die Gesetze des künftigen Heimathlandes der Kolonisten zu Gunsten eines derartigen Unternehmens entweder jetzt schon eingerichtet sein, oder sogleich eingerichtet werden müssen.

Da aber auch bei der größtmöglichen, sehr nothwendigen Eile eine ziemlich lange Zeit verstreicht, bevor die Kolonisten in ihre neue Heimath geführt werden können, und da zu befürchten steht, daß sie sich von Seite der Herren in Brasilien unterdessen noch gar viele Ungerechtigkeiten und Bedrückungen gefallen lassen müßten, wenn nicht zweckdienliche Vorbeugungsmittel angewandt würden: so richte ich das fernere dringende Gesuch an die Tit. Regierungen, daß Hochdieselben sogleich einen oder wegen dem weiten Auseinanderliegen der Kolonieen zwei tüchtige, energische Männer mit allen erforderlichen Aufträgen und Vollmachten nach den Kolonieen senden, welche Männer die Rechte der Kolonisten kräftig zu wahren, sie zum ruhigen Ausharren zu ermahnen und mit der Hoffnung auf baldige, gründliche Verbesserung ihrer Lage zu trösten hätten.

Der Sinn meiner im Namen der Kolonisten an die betheiligten Völker und Nationen gerichteten Petition geht dahin, daß Dieselben, nachdem ihre Tit. Regierungen den Kolonisten eine gute Heimath gesucht und durch einen eventuellen Kontrakt gesichert haben werden, nachdem so die Gewißheit wird gegeben worden sein, daß den Kolonisten zu reichende Spenden ihnen zu gute kommen, daß ihnen geholfen werden kann, – das Möglichste zur Freimachung ihrer unglücklichen Brüder, zur Tilgung der europäischen Schulden der Kolonisten (in Betreff der übrigen Schulden kann sich Brasilien als bezahlt ansehen) u. s. w. beitragen wollen. So groß diese Bitte auch ist, so hoffe ich doch, die Theilnahme an der Lage der armen Kolonisten sei in dem Grade wach geworden, daß meine Bitte nicht als eine zu große auf die Seite geschoben werde, daß vielmehr eine Kollekte oder eine Subskription in Verbindung mit theilweisem Nachlasse von Seite der frühern Heimathgemeinden der Kolonisten und vielleicht auch in Verbindung mit etwelchen Staatsbeiträgen etwas Erkleckliches [207] abwerfe. Mit diesem Gelde sollten die Gemeinden soweit, als möglich, ausgerichtet und die europäischen Schulden der Kolonisten theilweise, lieber ganz getilgt, auch ihnen die Möglichkeit verschafft werden, nach der für sie gesuchten neuen Heimath zu ziehen und dort sich einrichten zu können. Davon aber, daß auf diesem Wege alle europäischen Schulden der Kolonisten getilgt werden, ist das ganze Unternehmen nicht abhängig zu machen. Einmal zu freien, selbstständigen Besitzern von tüchtigen und guten Ländereien gemacht, können die Kolonisten nach einigen Jahren den Rest ihrer europäischen Schulden selbst zahlen. Die meisten Kolonisten werden dieses auch willig thun, und die übrigen muß man durch die Direktion, die ihnen behufs der ordentlichen und geregelten Durchführung eines solchen Vorhabens jedenfalls zu geben ist, zu einer solchen Abzahlung anhalten lassen[69]. Mit dieser Bemerkung will ich aber Niemand veranlassen, die Sache des Loskaufs der Kolonisten auf die leichte Achsel zu nehmen und weniger dazu beizutragen, als er es ohne diese Bemerkung gethan hätte; ich will damit nur sagen, es sei besser, wenn die Kolonisten auch noch mit einem Theile ihrer Schulden aus ihren unglücklichen Verhältnissen befreit und zu Eigenthümern von guten Ländereien gemacht werden können, als wenn sie in ihrer alten Sklaverei bleiben müßten. Mehr als Dieses will ich mit obiger Bemerkung durchaus nicht gesagt haben; ich glaube vielmehr, der Schuldendruck mit seinem die Gleichgiltigkeit, die Verschwendung und andere Laster vergrößernden Einflusse sei nun lange und schwer genug auf den armen [208] Leuten gelegen, und es sei ihnen herzlich zu gönnen, wenn sie endlich davon möglichst befreit werden.

Nun habe ich, man verzeihe es mir, meinen unmaßgeblichen Antrag gestellt. Ich füge aber sogleich die Erklärung hinzu, daß, wenn das gleiche Ziel: – die Erlösung der Kolonisten aus ihrer Sklaverei, die Uebersiedlung auf eigene Ländereien in dem hiezu passendsten Staate und die Erwerbung einer ordentlichen Existenz in möglichst schnell einzurichtenden, gesetzlichen Bürger-, Kirch- und Schulgemeinden – auf einem andern, als dem von mir bezeichneten Wege besser erreicht werden kann, ich damit herzlich zufrieden bin. Wird nur dieses Ziel erreicht, so will ich – es sei dieses wie am Anfange, so auch am Ende meines Schriftchens gesagt – Gott für die schweren Wege danken, die Er mich führte, und auf welchen ich die Lage der Kolonisten kennen lernen mußte (im entgegengesetzten Falle müßte ich wünschen, noch unter den Kolonisten zu sein, damit ich durch Zusammenhaltung und Leitung derselben manches seither entstandene Uebel vielleicht hätte verhindern können); dann werden sich auch die Kolonisten in ihrer großen Mehrzahl sehr glücklich schätzen, sich nicht mehr nach Europa zurückwünschen[70] und in einer Weise, wie man es vielleicht von Manchen nicht erwartet, die Hand ans Werk legen. Das Bewußtsein: „Jetzt [209] sind wir aus armen, betrogenen Sklaven freie Leute geworden, haben eine Heimath, und was wir erarbeiten, ist unser und unserer Kinder,“ dieses Bewußtsein wird bei manchen Kolonisten, die jetzt noch der Trägheit und andern Untugenden verfallen sind, einen wohlthätigen und bessernden Einfluß ausüben.


Hiemit könnte ich schließen, wenn ich meinem Schriftchen nicht auch den Zweck gegeben hätte, das Meinige zur Beschwichtigung des Auswanderungsfiebers beizutragen. Es wird zwar bei denen, welche dieser getreuen Schilderung Glauben schenken, kaum mehr nöthig sein, vor der Auswanderung nach Brasilien zu warnen; denn alle diese werden, mochten sie früher auch noch so sehnsüchtig an dieses Land gedacht haben, nun sagen: „Behüte mich Gott vor der Sklaverei in Brasilien!“ Manche werden aber hinzufügen: „Aber in Nordamerika, in Australien, in Kalifornien etc., da ist es besser; da wird man nicht Sklave, sondern ist frei; da darf man auch schreiben, wie man will; da hat man Mehl, Brot u. s. w. wie in Europa; daher sind von diesem oder jenem Bruder, Vetter, Freund etc. so und so gute Berichte eingetroffen; da muß ich nicht mehr hungern und darben, wie in Europa; dahin gehe ich.“

Euch, ihr Theuern, die ihr also denket, sind diese wenigen Schlußworte hauptsächlich gewidmet, und glaubet mir, daß sie aus eben so treuem, liebendem und wohlmeinendem Herzen kommen, als meine obigen Bitten um Hilfe für die Kolonisten. O ihr Theuern, laßt euch, ich bitte euch dringendst zu euerm eigenen Wohle, ein wenig belehren; laßt euch euer Auswanderungsfieber, an welchem ihr meistentheils leidet, ein wenig dämpfen und betrachtet den wichtigen Schritt, ehe ihr bereits den Fuß dazu gehoben habet, mit ruhiger, kalter Ueberlegung, ohne immer zum Voraus die guten Vorurtheile für dieses oder jenes Land auf die Auswanderungs-Waagschale [210] zu legen. Ich bin weit entfernt, irgend eines der genannten Länder, besonders Nordamerika, auf dieselbe Stufe stellen zu wollen, wie Brasilien, und wahr ist es, daß ihr dort nicht Gefahr laufet, Sklaven zu werden. Allein dieses und noch vieles Andere zugegeben, ist es in jenen Ländern gewiß in gar vielen Punkten ganz anders, als es sich die meisten Auswanderungslustigen vorstellen. Wer z. B. nach der Ankunft in einem nordamerikanischen Landungshafen nicht noch eine beträchtliche Summe Geldes hat, um nach dem tiefen Innern oder Westen dieses Landes reisen und sich dort ein wenigstens theilweise schon urbarisirtes und eingerichtetes Heimwesen kaufen zu können; oder wer durch die entsetzlich vielen und den neuen Ankömmlingen meistens viel zu listigen Gauner um sein Geld kömmt und aus diesem oder einem andern Grunde in die große Klasse der in den dortigen Straßen herumziehenden arbeits- und brotlosen Menschen fällt, der ist wahrlich nicht viel besser daran, als der arme, zum Sklaven gemachte Halbpächter in Brasilien. Und diese Gefahr liegt gewiß sehr nahe; Hunderte haben es schon erfahren. Auch der ist seines Glückes wegen nicht im Geringsten zu beneiden, der zwar noch ein unkultivirtes, aber in bedeutender Ferne von guten Freunden liegendes Heimwesen kaufen kann (die Heimwesen liegen dort weiter auseinander, als man es sich vorstellt, und die nahe bei den Städten liegenden kosten große Summen), dann aber von Klimakrankheiten befallen wird, vielleicht auch Glieder seiner Familie wegsterben sieht, und bei diesem Allem noch die Folgen seiner Unkenntniß in der Behandlung des dortigen Bodens, in der Pflanzweise, in der Anschaffung dieses und jenes Nothwendigen u. s. w. u. s. w. erfahren und dulden muß. Es ist auch auf die allenfalls vorhandene Nähe von Freunden und Verwandten nicht gar große Hoffnung zu setzen; diese müssen nebst einem ordentlichen Vermögen einen mehr als gewöhnlichen Grad von Liebe und Güte besitzen, wenn sie dem neu Angekommenen so lange und so kräftig helfen sollen, als dieser es bedarf. Bauet auch, ihr Auswanderungslustigen, nicht zu fest auf die [211] guten und einladenden Berichte dieser oder jener Briefschreiber, sondern denket daran, wie vielen Briefschreibern es auch in Nordamerika etc. an der Fähigkeit gebrechen mag, die dortigen Verhältnisse allseitig und klar zu erkennen und richtig darzustellen; denket auch an den schon zweimal angeführten Ausspruch eines meiner Freunde: „Es reut mich so oft, als ich Haare auf dem Kopfe habe, daß ich ausgewandert bin; aber ich kanns nicht gestehen. Herr … hat mir gesagt, wie es mir gehen werde; aber ich hab’s ihm nicht geglaubt und kann ihm meinen Irrthum jetzt nicht gestehen.“ Denket daran und glaubet mir, daß es auch in Nordamerika und an andern Orten Vielen an der Selbstüberwindung und an der Demuth mangelt, um das, wie sie meinen, sich selbst entehrende Geständniß: „Ich habe mich geirrt, habe es anders gefunden, als ich mir vorstellte; ich habe mich und die Meinen unglücklich gemacht; ach wäre ich wieder daheim in meinen alten Verhältnissen! u. s. w.“ herauszubringen, sich eine solche Blöße zu geben. Daß es auch in Nordamerika und anderwärts Vielen an der zu solchen Geständnissen nöthigen Selbstüberwindung und Demuth mangele, schließe ich nicht nur so ins Ungewisse hinein; ich schließe es aus sichern, bestimmten Thatsachen. Am Anfange dieses Jahrzehends hat mir ein zuverläßiger Mann, der nicht mit geschlossenen Augen in Nordamerika war, das mir damals unglaublich Scheinende gesagt, daß N. und N., von welchen kurz zuvor günstige Berichte nach Europa gekommen waren, sich sehr in ihre alte Heimath und in ihre alten Verhältnisse zurückwünschen, daß es überhaupt mit dem Glücke der dort Angesiedelten lange nicht so gut aussehe, wie man sich vorstelle. Ich weiß auch von andern sehr wackern Leuten, welche aus Nordamerika Folgendes schrieben: „Wenn alle frühern Berichterstatter so die Wahrheit geschrieben hätten, wie wir, so wären wir nicht hier.“ Aehnlich lauten noch viele andere Ausdrücke. Männer, welche in einem großen Theile von Nordamerika waren und dieses Land genau kennen, haben mir dasselbe in Brasilien durch dortige Beispiele und Verhältnisse geschildert und mich [212] dadurch, ohne daß sie es wollten, zu der festen Ueberzeugung gebracht, daß auch in Nordamerika gar Vieles von dem, was glänzt, nicht einmal Silber, geschweige denn Gold ist; daß auch dort die Ausdrücke „gut“, „schön“, „angenehm“ etc. gar oft zur Bezeichnung solcher Zustände gebraucht werden, welche man hier mit „schlecht“, „häßlich“, „unangenehm“ etc. zu bezeichnen pflegt. Z. B. unter gutem Brot, schönem Haus u. s. w. versteht man dort gar oft solche Sachen, vor denen man hier schaudern würde. Bei dem vielen und großen Lande, bei den vielen Kühen, Hühnern, Schweinen etc., bei den großen Vorräthen an Lebensmitteln und auch selbst an baarem Gelde hat man dort gewiß gar oft, wenn man Alles ins Auge faßt, kaum ein so angenehmes Leben, als es hier im gewohnten Lande ein armer Tagelöhner hat. Man muß dort meistens viel strenger arbeiten, als in Europa, wenn man bestehen will, und im besten Falle zum Mindesten gar viel Angenehmes, Gewohntes, das einem so zu sagen zur Natur geworden ist, von welchem man hier oft gar nicht einmal weiß, daß man es besitzt, missen und dagegen viel Saures, Fremdes und, wie man meint, ganz Widernatürliches sich gefallen lassen. So groß die Entfernung jener Länder von den hiesigen ist, so verschieden sind auch jene Verhältnisse, Sitten und Gebräuche von den hiesigen. Denket, meine lieben Auswanderungslustigen, die ihr noch immer nicht glaubet, daß ihr euch in euern Erwartungen und Hoffnungen von jenen Ländern, namentlich von Nordamerika, trügen könnet, an die vielen und großen Hindernisse, die euerm Glücke von einer großen Partei systematischer und vorsätzlicher Gegner der nordamerikanischen Einwanderung in den Weg gelegt werden; denket an die erbärmlichen sozialen Zustände, in welche die Zeitungen oft durch Mittheilung von entstandenen Räuberbanden, von ungestraft verübten Betrügereien, Diebstählen, selbst in Eisenbahnwagen und in großen Versammlungen vorgefallenen Duellgeschichten u. s. w. einen Blick eröffnen, und glaubet nicht, daß ihr dort bei dem Richter so gut Schutz und Hilfe findet, wie es hier meistens der Fall [213] ist. Denket an dieses Alles mehr, als ihr es gewöhnlich thut. Gewiß haben die deutschen Gesellschaften in den Hafenstädten Nordamerikas nicht umsonst dringend vor der Auswanderung dorthin gewarnt und allen Auswanderungslustigen das Wort der Bibel zugerufen: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“

Mit diesem Allem will ich, noch einmal sei es gesagt, nicht behaupten, daß Nordamerika und auch einige andere Auswanderungsziele auf dieselbe Stufe zu stellen seien, wie Brasilien, oder daß nach meiner Meinung die Auswanderung ganz aufhören solle. Ich möchte nur die irrige Ansicht, als ob man in diesem oder jenem fernen Lande ein halbes Paradies finde und dem meisten Schweren entrissen werde, möglichst bekämpfen, an dem so oft vorhandenen Auswanderungsfieber dämpfen und möglichst Vielen die bittere Nachreue ersparen. Mein wohlgemeinter und auf viele Erfahrungen gegründeter Rath an alle armen Auswanderungslustigen[71] ist daher der:

So lange ihr in Europa im Stande seid, euer, wenn auch spärliches, von manchen Entbehrungen gedrücktes Leben auf ehrlichem Wege fristen zu können: so lange unternehmet nicht die große, beschwerliche und oft gefährliche Reise, um vielleicht am Ende in ein noch schwereres und entbehrungsvolleres Leben, als wie ihr es hier habet, zu kommen; wandert wenigstens [214] nicht so planlos, so ins Ungewisse, nur nach dem ganzen Amerika, Australien u. s. w., nicht bloß auf Briefe und Einladungen dieser oder jener Freunde und Bekannten, auch namentlich nicht bloß auf pompöse, von Agenten, Auswanderungszeitungen etc. ausgehende Anpreisungen dieser oder jener Länder und Auswanderungsgelegenheiten aus, sondern wartet, bis entweder ein jetzt schon bestehendes überseeisches Ansiedlungsunternehmen durch eine genaue, gründliche und unparteiische Untersuchung sich als ein gutes, den Ansiedler in Hinsicht auf seine geistigen, wie auch seine leiblichen Bedürfnisse gehörig versorgendes und schützendes, als ein in jeder Rücksicht empfehlenswerthes dargestellt und bewährt hat, oder bis ein oder mehrere solcher Unternehmungen durch Behörden oder echt gemeinnützige Gesellschaften neu erstellt worden sind. Bis dahin wartet, und wenn dann nach euerer innigsten Ueberzeugung euere Auswanderung durchaus nöthig und in Uebereinstimmung mit Gottes Willen ist, und wenn ihr Muth und Kraft zur Ueberwindung aller überwindbaren Hindernisse und Beschwerlichkeiten besitzet: so ergreifet dann im Vertrauen auf Gott und mit ernstlichem Flehen um seinen Schutz und Beistand, um seine Gnade und Hilfe einen solchen Auswanderungsanlaß, wo man euch, so viel Menschen möglich, vor Betrügereien, vor Schaden und Unglück schützen und zu geistigem, wie leiblichen Emporkommen und Gedeihen Gelegenheit und Mittel bieten wird.

Das ist, ihr lieben Auswanderungslustigen, mein Rath an euch, den ich euch in der guten Absicht ertheile, euch möglichst vor vielem Ungemach und vor bitterer Reue zu schützen. [215] Damit er aber auch befolgt werden könne, richte ich noch folgende dringende Bitte an die Tit. Hohen Regierungen oder, wenn diese mit der Auswanderung sich nicht in solcher Weise befassen zu können glauben, an echt gemeinnützige und christliche Gesellschaften,

Daß Hochdieselben doch entweder durch den Anschluß an ein schon bestehendes, empfehlungswerthes Auswanderungsunternehmen oder durch Neubildung eines oder mehrerer solcher Anlässe den fernern Auswanderern eine Heimath bereiten möchten, wo sie nicht, wie es bisher so oft geschehen ist, nach Leib und Seele zu Grunde gehen müssen, sondern wo sie, Protestanten wie Katholiken, Kirchen und Schulen mit beide Konfessionstheile gleich schützenden und gleich ehrenden Gesetzen, wo hilfsbedürftige Waisen, Gebrechliche und Kranke die nöthige Versorgung und Pflege, kurz wo Alle eine möglichst gute Heimath finden und haben können.

Die für ein solches Unternehmen geeignetste Gegend möchte nach meiner Meinung ebenfalls in Santa Fè zu suchen sein; doch will ich nicht behaupten, daß ein anderes Land und eine andere Gegend nicht eben so passend sei; eine sehr sorgfältige und auf vielseitigen Kenntnissen beruhende Wahl ist hier durchaus nöthig. Ich bin auch nicht der Ansicht, daß nach Auffindung und Einrichtung einer solchen Heimath alle armen Auswanderer gezwungen werden sollen, nach diesem Orte zu wandern. Jedem muß es freigestellt werden, ob er von einem solchen Anlasse Gebrauch machen wolle oder nicht. Wie Mancher würde einen solchen Anlaß aber benützt haben und vielem Jammer und Elend entgangen sein, wenn derselbe geboten gewesen wäre? und wie Mancher wird sich noch in ein ähnliches Elend fast hineinstürzen müssen, wenn nicht eine derartige Vorsichtsmaßregel getroffen wird? Dieses Letztere [216] zu verhüten, thue man, was man kann! Man macht sich in seiner Heimath keine Vorstellung von dem, was es heißt, in fernen Landen, anstatt sein Glück gefunden zu haben, im Elend schmachten zu müssen!

Nun glaube ich, in dieser wichtigen Angelegenheit so viel gethan zu haben, als mir bisher möglich war. Kann ich später noch Weiteres und Wirksameres thun, so wird es mich herzlich freuen. Jeder, weß Standes, Amtes und Berufes er sei, thue nun das Seine, und dann wird, wie schon vieles Große und Rühmliche zu Stande gebracht worden ist, auch dieses wichtige Werk vollführt und damit einer großen Schaar unserer Brüder aus herzzerreißendem Elend geholfen und auch vielen Andern der Weg in solches Unglück verrammelt werden. Gott gebe es und verleihe zu diesem Ende hin diesem Büchlein seinen Segen!




[217]
Beilagen.[72]

Beilage Nr. 1.

„Kontrakt auf halbe Rechnung
zwischen
der Gesellschaft Vergueiro und den unterzeichneten Kolonisten,
abgeschlossen durch Vermittlung
des
Herrn Dr. F. Schmidt in Hamburg
im Namen und Auftrag
der Eingangs erwähnten Gesellschaft.“


„Art. 1. Der Kolonist   dessen Ehefrau und
 Kinder, aus   und
verpflichten sich aus freiwilligem Entschlusse auf dem Schiffe
 Kapitain   am   im Hafen
von Hamburg, eingeschifft und nach Santos, Provinz St. Paulo in Brasilien übersiedelt zu werden.“

„Art. 2. Herr M. Valentin in Hamburg übernimmt die Beförderung der erwähnten Kolonisten von Hamburg nach Santos, mit Inbegriff der Verpflegung zu folgenden Preisen:

a) Für jede erwachsene Person, männlichen oder weiblichen Geschlechts, über zehn[73] Jahre   Piaster gleich Fr.

[218]

b) Für jede unerwachsene Person, männlichen oder weiblichen Geschlechts, unter zehn Jahre   Piaster gleich Fr.
c) Kinder unter einem Jahre sind frei.“

„Art. 3. Sobald die im Art. 1. erwähnten Kolonisten im Hafen von Santos angekommen sind, haben sie sich zur Verfügung der Gesellschaft Vergueiro zu stellen, welche sie zu empfangen, zu verpflegen und an ihren Bestimmungsort zu bringen hat.“

„Art. 4. Die Gesellschaft Vergueiro übernimmt folgende Verpflichtungen:

  1. Den betreffenden Kolonisten den Vorschuß von … … der[b 16] zur Ueberfahrt von Hamburg nach Santos in der Provinz St. Paulo nöthigen Summe zu geben.
  2. Jedem der benannten Kolonisten gleich nach Ankunft daselbst das zu ihrem Unterhalte und Transporte nach einer der Kolonieen der „Gesellschaft Vergueiro“ Erforderliche abzureichen, und damit so lange, wie auch mit Anweisung von Arbeit fortzufahren, bis sie im Stande sind, das Nöthige durch sich selbst zu erlangen.
  3. Jedem Familienvater diejenige Zahl Kaffeebäume zu übertragen, welche er bebauen, pflücken und pflegen kann.
  4. Dem Kolonisten auf einem dazu tauglichen Boden und an dem dazu bestimmten Orte den Anbau der zu ihrem Unterhalte nöthigen Lebensmittel zu ermöglichen.“

„Art. 5. Dagegen verpflichten sich die vorerwähnten Kolonisten zu Folgendem:

  1. Sich friedfertig zu betragen und weder die Ruhe ihrer Nachbarn noch die der Kolonie zu stören oder zu benachtheiligen.
  2. Die ihnen übertragenen Kaffeebäume, wie es gebräuchlich ist, zu bebauen und zu pflücken und den gepflückten Kaffee an dem dazu bestimmten Orte an den Empfänger der Pflanzung abzuliefern.“

[219]

  1. Gemeinschaftlich und im Verhältniß zu der abgelieferten Quantität Kaffee an der Zubereitung Theil zu nehmen, bis er zu Markt gebracht werden kann.
  2. Für jede den Kolonisten gehörende Arrobe Kaffee, nach dem Verhältniß von drei gestrichenen Alqueiren in der Hülle, Vierhundert Reis und zwar so lange zu bezahlen, bis die im vorstehenden Artikel erwähnte Arbeit, gemeinschaftliche Arbeit, einen geregelten Gang genommen hat.
  3. Ausfallende Bäume in der ihnen anvertrauten Abtheilung der Pflanzung auf ihre Kosten zu ersetzen.
  4. Der Gesellschaft Vergueiro den Belauf der Passagegelder, des Unterhaltes und der Aushülfe zur Arbeit mit dem gesetzlichen Interesse von sechs Prozent vom Tage der Auslage an zu verzinsen, solidarisch dafür behaftet zu bleiben und zur Tilgung dieser Schuld mindestens die Hälfte des jährlichen Gewinnes zu verwenden.
  5. Die Kolonisten haben sich den auf der Kolonie bestehenden Anordnungen zu fügen.“

„Art. 6. Nach geschehenem Verkaufe durch die Gesellschaft Vergueiro gehört ihr die eine Hälfte des reinen Ertrages und die andere Hälfte den Kolonisten.“

„Art 7. An den von den besagten Kolonisten erzielten und von ihnen verzehrten Nahrungsmitteln hat die Gesellschaft Vergueiro keinen Antheil, verlangt aber die Hälfte von denjenigen, welche verkauft werden.“

„Art. 8. So lange der Kolonist getreu seine Verpflichtungen erfüllt, kann auch die Gesellschaft Vergueiro die Erfüllung der ihrigen nicht unterlassen, doch steht es dem Erstern frei, aus der Kolonie zu scheiden, sobald er seine Schuld getilgt und ein Jahr zuvor schriftliche Anzeige an die Gesellschaft Vergueiro gemacht hat, unter Verwirkung einer Strafe von 50 Milreis auf den Kopf, wenn der Austritt vor Bezahlung der Schuld und ohne vorherige Anzeige dieser Absicht geschieht.“

[220] „Art. 9. Alle Zweifel, welche zwischen den Kolonisten und der Gesellschaft Vergueiro entstehen könnten, werden durch Schiedsrichter vor den dazu befugten Behörden des Landes geschlichtet, und zwar ohne weitere Förmlichkeit und Appellation.“

„Art. 10. Die Gesellschaft Vergueiro kann diesen Kontrakt mit allen darin enthaltenen Verbindlichkeiten auf jeden andern entsprechenden Gutsbesitzer zur Erfüllung übertragen, vorausgesetzt, daß erwähnter Kolonist   keine gerechte oder begründete Ursache habe, in dessen Dienst nicht einzutreten.“

„Art. 11. Die unterzeichneten Kolonisten erklären, daß sie mit den in vorstehenden §§ festgesetzten Bedingungen einverstanden und vorläufig für die Summe von   Piastern für   Personen ihrer Familie behaftet sind.“

(Hier folgen Ort und Datum der Unterzeichnungen und die Unterschriften des Hauptagenten und der Kolonisten.)

„Nachtragsartikel.“

„1.   erkennt von seiner Gemeinde   erhalten zu haben zu seiner Ausrüstung, zur Reise nach Hamburg und zu seiner Seereise   Frs.   Cts. mit Worten Franken   gleich   Piaster.“

„2. Zur Tilgung der laut §1 der Nachtragsartikel kontrahirten Schulden der Gemeinde   gegenüber bleibt die unterzeichnete Familie solidarisch verpflichtet, und zwar soll diese Tilgung innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren geschehen, nämlich daß vom zweiten Jahre an in jährlichen Raten der vierte Theil der betreffenden Summe abgezahlt wird, zu welchem Zwecke der Kontrakt zwischen den kontrahirenden Theilen auf fünf Jahre abgeschlossen worden ist.“

„3. Die laut obenstehender Rechnung an die Gemeinde   jährlich auszukehrende Summe verpflichtet sich Vergueiro und Comp., vom halben Ertrage der von der unterzeichneten Familie jährlich gewonnenen Kaffee-Ernte [221] oder andern Produkten (siehe § 6 und 7) einzubehalten und für Rechnung besagter Gemeinde, gleich nach geschehenem Verkaufe an Herrn   mit dem Auftrage auszubezahlen, die betreffende Summe an die Gemeinde   gelangen zu lassen, zu welchem Zwecke dem erwähnten Herrn   die nöthige Vollmacht auf offiziellem Wege, abseiten der erwähnten Gemeinde ertheilt werden soll.“

„4. Die unterzeichneten Auswanderer erklären, daß sie die in den vorhergehenden §§ auseinandergesetzten Bedingungen annehmen und für die Summe von   Frs.   Cts. sage mit Worten Franken   für   Personen behaftet bleiben.“

(Hier folgen die Unterschriften der Kolonisten, des Gemeinderathes, des Beauftragten in Hamburg, des brasilianischen und des schweizerischen Konsulates. Die Unterzeichnung des Beauftragten in Hamburg lautet wörtlich also: „Im Namen und Auftrag der Herren Vergueiro und Comp. in Santos unterzeichne und hafte ich vorläufig für die Ausführung des vorliegenden Kontraktes

Hamburg, den
Dr. F. Schmidt.“)

Beilage Nr. 2.

„Instruktion für Hrn. Lehrer Thomas Davatz bei seiner Uebersiedlung nach St. Paulo in Brasilien, behufs Berichterstattung über die dortigen Zustände.“


„Herr Lehrer Thomas Davatz von Fanas im schweizerischen Kanton Graubünden erhält hiemit von den unterzeichneten Gemeindevorständen Auftrag bei seiner Uebersiedlung nach Brasilien über folgende Fragen möglichst genauen, umfassenden und gewissenhaften Bericht zu erstatten und denselben auf geeignetem Wege hieher gelangen zu lassen. Bei dieser Berichterstattung wird Herr Davatz lediglich und ausschließlich [222] Treue und Wahrheit im Auge behalten und ohne Rücksicht auf eigenes oder Anderer Interesse nur dasjenige berichten, was er vor seinem Gewissen und einst vor Gott als Wahrheit bezeugen kann. Referent wird dabei sich angelegen sein lassen, nur aus zuverläßigen Quellen zu schöpfen und so viel möglich durch Selbstanschauung von der Richtigkeit seiner Aussagen sich zu überzeugen.“

I.
„Im Allgemeinen.
  1. Was ist für die Reise Warnendes und Empfehlendes für spätere Auswanderer zu bemerken?
  2. Was soll der Auswanderer an Kleidungsstücken, an Geräthschaften und Handwerkszeug mitnehmen?“
II.
„Hinsichtlich des Kirchen- Schul- und Armen-Wesens.
  1. Ist Garantie vorhanden für religiöse Freiheit (Bibellesen, Bibelverbreitung und andere religiöse Hülfsmittel)?
  2. Ist Vorsorge getroffen, daß beide Konfessionen ihre religiösen Bedürfnisse befriedigen können, und wie?
  3. Sind öffentliche Schulen vorhanden, oder ist das Schulwesen der Privatthätigkeit überlassen; wird dabei auf Eine Sprache hingewirkt, oder kann jede Sprache in Anwendung kommen?
  4. Sind Lehrmittel vorhanden und welche?
  5. Wird den Auswanderern, wenn sie Geistliche und Schullehrer anstellen wollen, irgend Beihülfe bezüglich des Gehaltes derselben von der Gesellschaft oder vom Staate geleistet?
  6. Steht das Gebiet von St. Paulo unter irgend einer kirchlichen Oberaufsicht, unter einer bischöflichen Gewalt, und welche ist diese?

[223]

  1. Wenn öffentliche Schulen vorhanden, wie ist ihre Organisation und was wird darin vorzüglich gelehrt?
  2. Sind Geseze in Beziehung auf eheliche Verhältnisse vorhanden und welche?
  3. Wie steht es mit den Kolonisten im Falle der Verarmung? sind Anstalten oder Einrichtungen für Pflege und Versorgung, so wie gegen eintretende Verarmung (Bevogtungen) vorhanden?
  4. Welchen sittlichen und religiösen Charakter zeigt die bisherige Kolonistengesellschaft?“


III.
„In politischer Beziehung.
  1. In welchem Verhältnisse steht die Provinz St. Paulo zum Staate hinsichtlich der Gesezgebung, Justizverwaltung, Polizei, Sanitätswesen, Militärverpflichtung, Abgaben, Zoll- und Handelswesen?
  2. Sind Gemeinds- oder Provinzialbehörden vorhanden, und von wem werden dieselben gewählt?
  3. Welche Kompetenz haben dieselben?
  4. Haben die einzelnen Gemeinden auch Gemeindseigenthum, oder können sie solches erwerben?
  5. Wer hat die Verwaltung desselben?
  6. Sind Polizeianstalten vorhanden und wem steht die Handhabung der Polizei zu?
  7. Wie verhält es sich mit der Gesezgebung, sei es für den Gesammtstaat, die einzelnen Provinzen und Gemeinden, und welchen Behörden steht die Handhabung derselben zu? Bestehen richterliche Behörden und welche? Welches ist ihre Kompetenz?
  8. Ist auch Vorsorge in sanitarischer Beziehung getroffen, sei es für ärztliche Hülfe und Krankenpflege, sei es für Aufsicht über die Aerzte?
  9. Sind die Kolonisten auch militärpflichtig, wie lange und unter welchen Bedingungen?

[224]

  1. Haben die Kolonisten Abgaben an den Staat, die Provinz oder Gemeinde zu entrichten, und welche?
  2. Sind Verordnungen über Zölle und Handel vorhanden, und welche, und wem steht die Handhabung derselben zu?
  3. In welchem Verhältnisse stehen die Herren Vergueiro zum Staate, in welchem zu den Kolonisten?
  4. Sind die Kolonisten in politischer, polizeilicher und gerichtlicher Beziehung den Bürgern des Staates oder der Provinzen gleichgestellt; sind diesfalls schützende Geseze vorhanden?
  5. Bestehen gesezliche Bestimmungen hinsichtlich der Naturalisation und Einbürgerung der Kolonisten, und welche?
  6. Wie ist das Verhältniß der Kolonisten zu den benachbarten Bevölkerungen?“
IV.
„In ökonomischer Beziehung.
  1. Wie ist die Beschaffenheit des Bodens? ist die Kultur desselben mit Schwierigkeiten verbunden, und wie ist das Verhältniß der Ertragsfähigkeit des Bodens zur verwendeten Arbeit?
  2. Welches sind die vorzüglichsten und einträglichsten Produkte? Ist der Absaz derselben leicht?
  3. Welche Handwerke werden vorzüglich betrieben, welche sind größtes Bedürfniß, oder an welchen ist Mangel vorhanden?
  4. Wird Viehzucht getrieben? auch Schaaf- und Schweinezucht?
  5. Wie verhält es sich mit dem Absaz des Viehes und der davon abfließenden Produkte? Läuft das Vieh das ganze Jahr im Freien oder ist Stallfütterung eingeführt?
  6. Sind gute Straßen und andere Verkehrsmittel vorhanden?

[225]

  1. Welches sind die vorzüglichsten, welches die wohlfeilsten Baumaterialien?
  2. Ist Quellwasser vorhanden? Sind auch Wasserkäfte zur Anlegung mechanischer Werke vorhanden?
  3. Welches sind die vorzüglichsten Lebensmittel; welches die dem Europäer am zuträglichsten?
  4. Welches sind die dortigen laufenden Preise von Vieh, Butter, Käse, Fleisch, Korn, Kartoffeln, Mais und anderer Früchte im Verhältniß zu den Preisen bei uns?
  5. Was für Kleidungsstoffe sind die gebräuchlichsten, und welche Preise haben sie?
  6. Was muß der Kolonist an Kleidung und Nahrungsmitteln kaufen?
  7. Was kann eine erwachsene Person, und was ein Kind bis auf 10 Jahre jährlich verdienen, und mit welcher Arbeit?
  8. Besteht eine Kontrolle über Arbeit, Thätigkeit und Häuslichkeit der Kolonisten und welche?
  9. Wie hoch stellt sich der jährliche Unterhalt eines Kolonisten, und zwar
  1. eines Erwachsenen, und
  2. eines Kindes bis auf 10 Jahre?
  1. Wie sind die Wohnungen eingerichtet? Bieten sie Schuz gegen Regen, Wind, Hize und Kälte?
  2. Wie ist das Klima in der Provinz St. Paulo? Leidet der Europäer nicht von der Hize oder dem Temperaturwechsel?
  3. Wie hoch stellt sich der Preis eines schweizerischen Juchart (zu 40000 ☐′) Bodens?“

„Referent wird über alles was ihm irgend erheblich erscheint, und hier nicht als Frage gestellt ist, möglichst genau und umfassend wenn thunlichst bis spätestens Ende dieses Jahres berichten, und den Bericht an den schweiz. Bundesrath oder an den Kleinen Rath des Kantons Graubünden adressiren.“

[226] (Anmerkung. Diese Instruktion wurde von den Vorständen der oben Seite 123 genannten Gemeinden amtlich unterzeichnet und besiegelt, ebenso auch von der Standeskanzlei des Kantons Graubünden legalisirt. Daß ich mich bei meiner obigen Darstellung nicht an die Instruktion gehalten habe, wird man mir um so mehr verzeihen, als ich, wenn es die Verhältnisse erheischen, von ihr abgehen und mich frei bewegen dürfe.)

Beilage Nr. 3.
„Abkommniß.

Die unterzeichneten Kolonisten behaupten, daß sie hier lange nicht das Gute erhalten, was man ihnen in Europa von hier versprochen hat, glauben auch, daß ihnen mancherlei Unrecht geschehe, und fühlen sich überhaupt in eine Lage versetzt, in der sie vielmehr zu bedauern, als zu beneiden sind. Sie haben sich nun fest entschlossen, auf dem Wege des Rechtes und durch die Behörden, durch welche sie ihr Ziel am ehesten zu erreichen glauben, ihr Recht zu suchen und auf Untersuchung der ganzen Sache durch eine kompetente Behörde zu dringen. Sie verpflichten sich dabei, keine Gewaltthätigkeit und kein Unrecht gegen ihren Herrn und dessen Direktion begehen, auch, so lange sie hier als Kolonisten zu verbleiben haben, ihre Pflichten als solche getreulich erfüllen zu wollen. Dabei erwarten sie auf das Bestimmteste, daß ihnen von Seite der Direktion und des Herrn Vergueiro dasjenige zu Theil werde, was sie laut Akkord verlangen können, ebenso auch, daß an keinem Einzigen eine Gewaltthat durch Wegweisung, Einkerkerung u. s. w. verübt werde. Dafür zu sorgen, daß dieses gegen Jeden pünktlich vollzogen werde, soferne er nicht durch irgend strafbare Frevel und Missethaten sich die Strafen einer rechtmäßigen Landesbehörde zuzieht; verbinden [227] sich alle Unterzeichneten solidarisch, wie sie sich überhaupt verpflichten, gemeinschaftlich die ganze Sache durchfechten, sich den Beschlüssen der Mehrheit unterziehen und auch allenfallsige Spesen nach gleichmäßigem Ansatze bestreiten zu wollen.

Ybicaba, 22. Dez. 1856
Thomas Davatz.

Johann Krättli. Heinrich Ryffel. Georg Meyer. Felix Hoffmann. Melchior Nufer. Franz Volkart. Joh. Eichenberger. Johannes Schlittler. Leonhard Christ. Lorenz Krättli. Jakob Krättli. Johann Barandun. Johannes Blumer. Jakob Stauffacher. Jakob Leonz Huber. Joh. Schatzmann. Anton Berchthold. Johann Jakob Bart. Peter Ignatz Berchtold. Ulrich Ryffel. Kaspar Märki. Ciprian Bayon. Jakob Ungricht. Balz Buck. Jakob Märki. Kaspar Schlittler. Johannes Gottschall. Johann Jakob Hofmann. Christoph Blumer. Heinrich Altman. Jakob Karrer. Jakob Sommerhalder. Heinrich Geiger. Leonhard Gottschall. Jakob Volkart. Jakob Blumer. Friedolin Glarner. Samuel Dössekel. Heinrich Schlittler. Joseph Meier. Friedolin Blumer. David Marti. Johs. Schmid. Dietrich Altmann. Jak. Hoffmann. Balth. Geiger. Johs. Eichenberger.[74] Maria Blumer, Wittwe. Joh. Rud. Krättli. Nik. Lang. Barthol. Kunz. Chrispinus Zinsli. Joh. Krättli.[74] Rud. Blumer. Joh. Ruppert. Karl Waldmeier. Felix Disch. Alex. Bonadurer. Georg Hug. Johs. Kunz. Johann Jakob Roos. Philipp Zumkeller. Jakob Volkart. Adam Forster. Marc Rossier. Jakob Blumer, Ringen. Johannes Bolliger. Pierre Debieux. Jean Jos. Pesse. George Peclat. Karl Graner. Johann Köhn. Karl Breternitz. Johann Heinrich Jäcksch. Christian Möller. Heinrich Rost. Franz Holle. Michael Holle. Julius Breternitz. Gottfried Obstfelder. Friederich Harz. Heinrich Morgenroth. Nikolaus Arnold. Christian Jäcksch. Bankratz Barandun. Nikolaus Neubauer. Bernhard Holle. Joseph Müller [228] Johann Christoph Salutz. Heinrich Meier. Friederich Hartung. Wilhelm Rauche.“


Beilage Nr. 4.

 „Herrn Davatz. Ibicaba
Ich bringe Ihnen hiemit zur Nachricht daß gegen Ihnen hauptsachlich sowohl wie gegen der ganzen Coloni ein Nächtlicher Handstreich beabsichtigt wird dieses aus sicherer Quelle mir zugebrachter Plan ist faktisch In folge deßen rathe ich Ihnen als unbekanter Freund Ihre Maßregeln darnach zu treffen

Verbleibe stets mit hochachtung

Ihr ergebenster
       N. N.“

(Anmerkung. Dieses Briefchen erhielt ich durch einen guten Freund am 6. Januar 1857, an welchem Tage es auch geschrieben wurde.)


Beilage Nr. 5.

„St. P. 12. Jan. 57.

 Herrn Christ. Salutz Limeira
Sagen Sie den Leuten von der Colonie des Hrn. Verg. das übermorgen 14 vom Präsidenten aus 2 Leute geschickt werden zur untersuchung allein wie es mir scheint wollen sich diese Leute nicht befeinden mit Hrn. Vergueiro –

Daher nur eine feste Zusammenhaltung und vergrößerung ihrer Gleichgesinnten kann Sie bei ruhigem energischem Auftreten und Handeln zum Ziele führen lassen Sie sich nicht einschüchtern noch viel weniger glauben Sie an vorläufige [229] Versprechungen Einigkeit macht Stark und mit Ruhe und Entschlossenheit gehandelt

Dies wünscht

Ihr Freund 
N. N.“ 

(Anmerkung. Dieses allerdings manche Fehler enthaltende Schreiben scheint dessen ungeachtet von einem gewandten Schreiber herzurühren. Die Schrift ist eine ganz ausgebildete und feste.)


Beilage Nr. 6.
„Erklärung.

Die unter sich verbundenen Kolonisten von Ybicaba haben sich dahin vereiniget, an die gestern hier erschienene Untersuchungskommission folgende geziemende Erklärung gelangen zu lassen:

In Erwägung,
  1. daß die genannte Untersuchungskommission nach ihrer eigenen Aussage schon im April 1856, also bevor von uns ein Gesuch um eine Untersuchung gestellt wurde, von der Kaiserlichen Regierung den Auftrag erhalten hat, die hiesigen Zustände zu untersuchen, somit dieser Auftrag mit unsern diesfallsigen Schritten in keiner Verbindung steht;
  2. daß diese Untersuchungskommission nicht, wie es in zivilisirten Staaten üblich und gesetzlich ist, gehörig ausgefertigte und gesiegelte Vollmachten von Seite der auftraggebenden Behörde, sondern nur eine Kopie von einer Schrift, die man uns nicht übersetzte, vorweisen konnte;
  3. daß der Herr Dolmetscher, wie wir nicht zweifeln zu müssen glauben, auch ein ähnliches Geschäft treibt und führt, wie das Haus Vergueiro, möglichen Falls

[230] also Geschäftsfreund dieses Hauses und mitinteressirt, deßhalb wohl nicht unparteiisch, wahrscheinlich auch nicht beeidiget ist;

  1. daß Herr Ullmann, ein Angestellter des Hauses Vergueiro, als Schreiber oder als ein Glied der Untersuchungskommission figurirt, anstatt daß er, soferne er sich bei der Sache betheiligen zu müssen glaubt, rechtmäßiger Weise mit uns vor den Schranken stehen sollte;
  2. daß der schweizerische General-Konsul und die Kaiserliche Regierung, an welche Behörden wir uns wiederholt und dringend mit der Bitte um eine Untersuchung gewandt haben, uns keine abweisende Antwort sandten, ebenso auch keine Anzeige machten, daß wir die gestern erschienene Untersuchungskommission als die von uns gesuchte anzusehen haben;
  3. daß es endlich uns gestern von der hier erschienenen Kommission selbst frei gestellt worden ist, unsere Klagen etc. ihr vorbringen, oder auf die spätere, von uns gewünschte Untersuchung, an welcher hoffentlich die wichtigsten Sachen auch vorgebracht werden dürfen, versparen zu können, –

wollen die Kolonisten ihre Klagen jetzt für sich behalten und erst dann vorbringen, wann die uns in Aussicht gestellt schweizerische Abordnung und die von uns dringendst gesuchte Untersuchungskommission erschienen sein wird.

Mit obiger Erklärung wollen die Kolonisten durchaus keiner Landesbehörde irgendwie entgegentreten, auch nichts Beleidigendes gegen diesen oder jenen Herrn der gestrigen Untersuchungskommission ausgesprochen haben.

Ybicaba, 30. Januar 1857.

Die Mitglieder der von den Kolonisten     
gewählten Kommission: 
Thomas Davatz. 

Felix Hoffmann. Kaspar Märki. Franz Holle. Johs. [231] Schlittler. Heinrich Ryffel. Georg Meyer. Johann Krättli. Heinrich Altmann. Friedolin Glarner.“

Beilage Nr. 7.
„Erklärung.

Auf die heute uns durch den gegenwärtig in Limeira weilenden Herrn Lieutenant J. Caitano d’Oliveira Rocha zu Theil gewordene amtliche Anzeige, daß der vorgestern auf hiesiger Kolonie erschienene Herr Brigadier Machado d’Oliveira wirklich von Sr. Exzellenz, dem Herrn Präsidenten von St. Paulo, bevollmächtigt und beauftragt worden sei, die Zustände der hiesigen Kolonie zu untersuchen, erklären die hiesigen Kolonisten, daß sie genannten Herrn Brigadier Machado d’Oliveira gerne und mit Dank gegen die Regierung als Untersuchungsrichter anerkennen, mit welcher Erklärung sie jedoch die geziemende Bitte verbinden, daß ein vertrauenswürdiger, gewissenhafter Mann als Dolmetscher an die Stelle des vorgestern erschienen Herrn Kleinschmitt trete.

Dankbar gegen den Herrn Lieutenant J. Caitano d’Oliveira Rocha, der einzig um uns diese Anzeige zu machen sich von Limeira hieher bemüht hat, zeichnet Namens aller Kolonisten von hier hochachtungsvollst

Ybicaba, 31. Januar 1857.

Thomas Davatz.“ 
Beilage Nr. 8.
„Klageschrift der Kolonisten.

„Art. 1. Die Gesellschaft Vergueiro reduzirt denjenigen Kolonisten, welche mit Vorschuß ihrer Gemeinden und mit Kontrakt auf diese Gesellschaft hieher wandern, ihre heimathliche [232] Schuld in hiesige Währung und macht dabei solche Ansätze, wodurch die Kolonisten meistens sehr benachtheiligt werden. Der französische oder schweizerische Franken wurde Manchem zu 377 Reis, Andern noch bedeutend höher, wieder Andern auch niedriger, wohl Allen aber zu hoch angesetzt. Vergueiro und Comp. übervortheilt also die armen Leute, welche sie unter den Vorspiegelungen, sie hier glücklich machen zu wollen, hieher verlockt, und behandelt sie dabei noch ziemlich ungleich. Diese Reduktion wäre gar nicht nöthig. Die Gesellschaft Vergueiro muß den europäischen Darlehern nur in den Münzsorten entsprechen, welche den Kolonisten ausgehändigt wurden, muß meistentheils den diesfälligen Darlehnern auch keinen Zins bezahlen, und wo sie einen solchen geben muß, kann sie ihn vom Verdienst des Betreffenden abziehen, ohne das Kapital zu reduziren, und ohne hinter dem Rücken des Kolonisten sich als Schuldner der Gemeinden und als Gläubiger des Kolonisten darzustellen.“

„Art. 2. Wenn ein Kolonist mit Schulden hieher kömmt und bezahlt mit solchen Münzen, in welchen seine Schulden ursprünglich ausgedrückt sind, so wird ihm seine bezahlte Münze niedriger angeschlagen, als bei der Reduktion die schuldige, 1 Franken z. B. nur zu 320 Reis.“

„Art. 3. Ein ziemliches Unrecht beging die Gesellschaft Vergueiro namentlich gegen den Töpfer Forster in hier, der auf Vorschuß der Gesellschaft die Seereise machte und einen fixen Jahresgehalt schon in Europa sich ausbedungen und gehörig verschrieben hatte. Reduktion seiner Schuld und seines Gehalts wurde so verschieden gemacht, daß er sehr zu Schaden kam; zudem hat man ihm von seinem Jahresgehalt so viel abgezogen, als es auf die Sonn- und Feiertage trifft, welche doch auch zum Jahre gehören.“

„Art. 4. Die Gesellschaft Vergueiro rechnet solchen Kolonisten, die das Reisegeld von ihren Heimathgemeinden unverzinslich erhalten, von Anfang an den Zins zu 6 Prozent an. Sie kassirt also fremde Zinse für sich ein und übervortheilt arme Leute.“ [233] „Art. 5. Die Gesellschaft Vergueiro läßt in Europa durch ihren Agenten oder durch die Ueberfahrtsverträge sagen, daß bei der Ankunft in Amerika kein Kopfgeld bezahlt werden müsse, und bemerkt Nichts von einem zu entrichtenden Kommissionsgelde, belastet aber hier jede Person über 8–10 Jahren, und je zwei Kinder unter diesem Alter bis hinunter auf 1 Jahr mit 10 Milreis, die sie Kommissionsgeld nennt.“

„Art. 6. Die Gesellschaft Vergueiro rechnet den Kolonisten für die Reise von Santos nach der Kolonie meistens zu hohes Reisegeld an, was besonders dann als ein Unrecht sich qualifizieren würde, wenn, wie wir hörten, die Kolonisten von Santos nach der Kolonie unentgeltlich transportiert werden sollten. Von einem solchen Reisegeld steht in unserm Kontrakte nichts.“

„Art. 7. Die Gesellschaft Vergueiro nimmt jährlich für ein schlechtes Haus, an dem der Bewohner gar oft und viel ohne Bezahlung bessern und flicken muß, wenn es nicht größtentheils zusammenfallen soll, und in dem bei starkem Regen gar keine trockene Stelle zu finden ist, 12 Milreis Zins ab. Diesen Zins rechnet sie auch solchen an, denen im Kontrakt freie Wohnung versprochen ist. Die neuen Kolonisten müssen oft lange auf eine Wohnung warten und unterdessen bei ältern Kolonisten, besonders im Schullokal neben 3, 6 bis 10 Familien eingepfercht sein und sich dabei Krankheiten und Seuchen aussetzen. An solchen Wohnungen, für welche der obige Hauszins bezahlt werden muß, hat der Kolonist Alles zu machen, was über die 4 Wände, das Dach, 2 Thüren und 2 Fenster hinausgeht. Dahin gehört die Wegräumung des Grases und der Gesträuche aus dem Hause, die Ausebnung des Bodens, die Aufrichtung von Zwischenwänden, eines Herdes u. s. w. Stall und Zaun sind auch nicht vorhanden, und wo sie sind, muß sie der Betreffende theuer bezahlen.“

„Art. 8. Die Gesellschaft Vergueiro verspricht, den Kolonisten auf einem dazu tauglichen Boden und an dem dazu bestimmten Orte den Anbau der zu ihrem Lebensunterhalt [234] nöthigen Lebensmittel zu ermöglichen. Den neuen Kolonisten wird nun oft, wie es scheint mit Vorsatz, erst zu der Zeit Pflanzland angewiesen, wo die Pflanzarbeit nicht mehr recht verrichtet werden und die Frucht auch nicht mehr recht gedeihen kann. Kein Kolonist hat so viel Pflanzland, daß er daraus alle zu seinem Unterhalt nöthigen Lebensmittel ziehen und bestreiten kann; viele können nicht einmal hinreichend Mais, Reis und Bohnen pflanzen, und wenn etwa ein Kolonist Etwas von einem solchen Artikel oder auch ein groß gezogenes Schwein verkauft, um aus dem Erlöse andere nöthige Lebensmittel, als: Salz, Zucker, Rindfleisch etc. kaufen zu können, so daß er also nur einen Taschhandel treibt, so hat Herr Vergueiro schon einige Male die Hälfte des Erlöses für sich genommen. Viel Pflanzland ist auch sehr wüst, steinig und schlecht; und viel schlimmer, als es in Bezug auf das Pflanzland jetzt schon ist, wird es bis spätestens in 2 Jahren werden, bis wohin der weitaus größte Theil des gegenwärtigen Pflanzlandes wegen dem darin gepflanzten Kaffee nicht mehr zur Produktion von Lebensmitteln benutzt werden kann.“

„Art. 9. Die Gesellschaft Vergueiro gibt den Kolonisten bei weitem nicht die Hälfte des Reinertrages vom gepflückten Kaffee. 3 Alqueiren Kaffee in der Hülse geben, wie Proben und Aussagen anderer Kaffeepflanzer beweisen, eher 2 als bloß 1 Arroba Gewicht, und doch wird uns nur 1 Arroba bezahlt, und wahrscheinlich nicht einmal diese ganz; denn wir sind fest überzeugt, können es jedoch wegen Ermanglung der nöthigen Beweismittel nicht darthun, daß uns ein viel kleinerer[s 7] Kaffeepreis verrechnet werde, als der wirkliche ist. Die Gesellschaft fügt ihrer im Auszug vorgelegten Rechnung keine Belege bei. Wir wissen nicht, was für allerlei Spesen in Abrechnung kommen; denn wir können bei der Abrechnung nicht zugegen sein, müssen selbst unsere Rechnungsbüchlein, unsere einzigen Rechts- und Wehrmittel im Rechnungswesen, für einige Wochen aus den Händen geben und empfangen diese erst dann, wenn wir insgesammt zu dem Herrn Direktor [235] gehen, von ihm unsere meist schrecklichen Schulden vernehmen und die von uns ungeprüften Rechnungen im Hauptbuche unterschreiben müssen, wobei man denn auch, wie letztes Jahr inne werden kann, daß man eine viel kleinere Bezahlung des Kaffees erhält, als versprochen wurde. Von einer Verkaufsprovision, welche die Gesellschaft Vergueiro nimmt, steht in unserm Kontrakt nichts; dort heißt es einfach in Art. 6: Nach geschehenem Verkauf durch die Gesellschaft Vergueiro gehört ihr die eine Hälfte des reinen Ertrages, und die andere Hälfte den Kolonisten. – Wie wir fest überzeugt sind, bringt Herr Vergueiro auch einen zu großen Kaffeetransport in Abrechnung. So kam es, daß am 31. Juli 1856 der im Jahr 1855 gepflückte Kaffee nur mit 467 Reis per Alqueiro bezahlt wurde, anstatt daß uns, wie wir glauben dürfen, ungefähr 1 Milreis gebührt hätte.“

„Art. 10. Wir können es zwar nicht beweisen, sind aber fest überzeugt, daß die nicht geeichten Maaße, womit unser Kaffee gemessen wird, zu groß sind; wenigstens mußte in der letzten Kaffeepflückzeit von einem solchen Maaße, nachdem es schon lange Zeit gebraucht worden, abgeschnitten werden, um es nur den andern Maaßen, die wahrscheinlich auch zu groß sind, gleich zu machen. Die Waage, womit uns die Fazenda bisher den Speck, Zucker und Kaffee zuwog, ist einer Federwaage, oder wie wir fast glauben, eine alte, zu leichte englische Schiffswaage.“

„Art. 11. Die Gesellschaft Vergueiro hat sich im Kontrakt verpflichtet, jedem Familienvater diejenige Zahl Kaffeebäume zu übertragen, welche er bebauen, pflegen und pflücken kann. Kaffeebäume verpflichtet sich die Gesellschaft anzuweisen, und nicht solche Pflanzungen, in denen stückweise kaum der zwanzigste Theil der Bäume, dagegen eine Unmasse von kleinen und großen Steinen, in welchen auch oft ganz kleine, noch fast nicht tragbare Bäume sich befinden. Und solcher Kaffee ist im Jahr 1855 an neue Kolonisten ziemlich viel ausgetheilt worden. Einer dieser Kolonisten hat in dem letzten sehr guten Kaffeejahr aus einem Stück, das [236] nahe an 3500 Bäume haben sollte, 329½ Alqueiren Kaffee gepflückt, für den er nach den bisherigen Kaffeepreisen bei der künftigen Rechnung etwa 140–145 Milreis Bezahlung erhalten hätte. Die Hacken, die er in den schrecklich vielen Steinen dieses Kaffees zerschlagen hat, und die zum Pflücken nöthigen Tücher, Körbe u. s. w. kamen ihn aber mindestens auf 20 Milreis zu stehen.“

„Art. 12. Die Gesellschaft Vergueiro kann nach dem Kontrakt bloß die Hälfte unsers Verdienstes, mit welchem sie die heimathliche Schuld bis zu Ende des 5. Jahres tilgen zu wollen versprochen hat, uns zurückbehalten, die andere Hälfte sollte sie uns behändigen. Sie schreibt uns nun freilich unsern Verdienst, doch erst ungefähr ein Jahr nach verrichteter Arbeit, zu gut, zahlt uns ihn aber nicht aus, sondern gibt uns bloß alle Monate einige wenige, d. h. 2, 5 bis 10 Milreis, die wir aber verzinsen müssen. Auf diese Weise kann sich die Gesellschaft Vergueiro noch einen Zins unsers Verdienstes aneignen und uns hindern, die Anlässe zu viel wohlfeilerm Ankauf von Lebensmitteln zu ergreifen, dagegen uns nöthigen, solche auf der Fazenda zu fassen.“

„Art. 13. Auf der Fazenda sind aber die Lebensmittel oft viel theurer als anderwärts. Eine ziemliche Zeit konnte man z. B. die Arroba Zucker anderwärts zu 2560 bis 2880 Reis kaufen, während er auf der Fazenda 5120 Reis kostete. Fleisch, Speck und Knochen wurden hier mit 240 Reis berechnet, während in St. Joao purer Speck zu 120 Reis verkauft wurde, und während ein hiesiger Kolonist, der das nöthige Geld besaß, außerhalb Ybicaba ein fettes Schweizn so kaufte, daß ihn das Pfund nicht über 60 Reis zu stehen kam. Vor ungefähr 1½ Jahre verkaufte die Fazenda ganze Schweine zu 280, Speck zu 320 Reis per Pfund. Das Salz war hier eine Zeit lang auch viel theurer als in Limeira. Seitdem die Rede von einer Untersuchung entstanden ist, haben einige Artikel bedeutend abgeschlagen; während dieser Zeit soll Herr Vergueiro, wie ziemlch stark vermuthet wird, sich auch einen von 5 Kaufmännern seiner politischen Farbe [237] unterzeichneten Schein zu verschaffen gewußt haben, worin bezeugt sei, daß die Lebensmittelpreise in den Städten immer so groß gewesen seien, als auf seiner Fazenda. Es würde aber nicht schwer werden, durch wahrhafte Männer das Gegentheil zu beweisen.“

„Art. 14. Die Gesellschaft Vergueiro verlangt, daß die Kolonisten keinen Kaffee für ihren Hausbedarf aus der Pflanzung nach Hause nehmen, hat aber versprochen, ihnen solchen und zwar von der schönsten Qualität zu den gleichen Preisen zu geben, wie ihnen der gepflückte Kaffee bezahlt wird. Nun aber schreibt sie ihnen per Pfund 90 bis 110 Reis in ihre Schuld, was auf die Arroba eine Summe von 2480 bis 3120 Reis nach Berechnung (Abzug) der Reinigungsgebühr, welche die Kolonisten übrigens gar wohl selbst verdienen könnten, gibt. Somit trifft es auf den Alqueiro, auch wenn deren 3 für ein Arroba nöthig wären, 826 bis 1040 Reis. So verkauft Herr Vergueiro seinen Kaffeepflückern den Kaffee, und zwar solchen, von dem man zuweilen die Hälfte wegwerfen muß; bei der Bezahlung des von den Kolonisten gelieferten Kaffees läßt er es dann mit 405 bis 467 Reis, wie es die zwei letzten Rechnungen ausweisen, bewenden.“

„Art. 15. In einigen Rechnungsbüchlein von Kolonisten finden sich mitunter Posten, die entweder keinen oder einen solchen Namen haben, dessen Bedeutung man nicht kennt, und wohl werden sich auf der Kolonie viele Rechnungsbüchlein mit größern oder kleinern Fehlern finden.“

„Art. 16. Denjenigen Kolonisten, welche am 8. Juli 1855 hier ankamen, wurde gesagt, wenn sie 6 Milreis für einen Arzt zahlen, so seien die Gänge und Bemühungen eines solchen für 1 Jahr berichtigt. Wer damals auf diesen Antrag einging, hat jetzt 2 mal 6 Milreis in sinem Büchlein als diesfällige Schuld, trotz dem, daß seit der ersten Hälfte des Sept. 1856 kein Arzt mehr da war. Einigen sollen die 6 Milreis eingeschrieben worden sein, obgleich sie sich nie für einen Arzt erklärten, und wenigstens eine Familie ist mit diesen 6 Milreis bedacht worden, trotzdem daß kein Arzt auf der Kolonie war, so lange dieselbe sich hier befindet.“

[238] „Art. 17. Joseph Meier aus der Schweiz kam am 26. Nov. 1856 mit einem Kontrakte hieher, der viel günstigere Bedingungen enthielt, als die andern Kontrakte. Hier wollte man ihn nöthigen, auf seinen Kontrakt, den er mit den Herren Steinmann und Drevet in Antwerpen geschlossen hatte, zu verzichten und den hiesigen gewöhnlichen Kontrakt zu unterzeichnen, oder aber an einen Ort zu gehen, wo keine Kolonisten sind, der ferne von andern Ortschaften ist, wo er in Krankheitsfällen keinen Nachbar um Rath und Beistand hätte rufen, Niemand hätte fragen können, wann und wie diese oder jene Frucht gepflanzt und behandelt werden müsse, wo er auch nie und nimmer in den Fall gekommen wäre, seine Kinder nur einigermaßen unterrichten lassen zu können. Da er auf diese beiden Zumuthungen nicht eintreten konnte, wollte man ihn nicht als hiesigen Kolonisten anerkennen, und so ist er bald 2½ Monate hier, ohne Wohnung, ohne Pflanzland und ohne Kaffeepflanzung erhalten zu haben, und ohne noch voraussehen zu können, wann dieser sein Zustand enden werde. Hilfe thäte hier sehr Noth. Hier zeigt sich, daß die Gesellschaft Vergueiro von der Heilighaltung eines in ihrem Namen geschlossenen Kontraktes wenig weiß.“

„Art. 18. Aus zwei Nachtragsartikeln unsers Kontrakts, von denen der eine den Kolonisten verpflichtet, seine Schuld an die Gemeinde in 5 Jahren abzutragen, und der andere die Pflicht der Gesellschaft Vergueiro enthält, diese Rückzahlung mit der Hälfte vom Kaffeeverdienst des Kolonisten zu bewerkstelligen, darf geschlossen werden, der Kolonist könne in höchstens 5 Jahren schuldenfrei werden. Eine Stelle eines in dem Büchlein: „„Die Auswanderung als öffentliche Wohlthat, Lichtensteig, gedruckt bei J. M. Wälle. 1854““ geschriebenen Briefes lautet also: „„Im Allgemeinen genommen kann der Ansiedler mit Familie, welcher alle erwähnten Vorschüsse (Ueberfahrtsgeld, Vorschuß von Lebensmitteln etc.) erhalten hat, binnen drei Jahren mit Bequemlichkeit schuldenfrei sein.““ – Auf solche Weise macht man die Leute glauben, daß sie hier in glückliche Umstände gerathen und der Schuldenlast [239] bald frei seien. Nach 3jähriger strenger Arbeit ist es aber gewöhnlich der Fall, daß die Schulden 2 bis 3 mal so groß sind, als anfänglich, und wer vor 3 Jahren schuldenfrei nach Santos kam und noch eine schöne Summe Geld auf die Kolonie brachte, ist jetzt desselben baar oder gar tief in Schulden. Der Anfang zu solchem Rückschritt wird schon damit gemacht, daß man den neuen Einwanderer Kaffee für 160 Reis per Alqueiro pflücken macht, auch dann, wenn im betreffenden Stück der erste Kaffee schon gepflückt ist, und wenn es schon hohe Zeit zur Bestellung seines Pflanzlandes wäre.“

(Anmerkung: Wie oben Seite 173 gesagt, fehlt mir eine genaue Abschrift der Originals unserer Klageschrift vom 5. Febr. 1857, und ich habe diese 8. Beilage dem Berichte des Herrn Dr. Heußer entnommen, dem aber, wie oben auch gesagt, eine unvollständige Abschrift des Originals behändigt wurde. An einigen Orten finden sich offenbar Fehler. Diese schaute ich auszuweichen; ich habe auch einige wenige, den Sinn nicht störende Aenderungen anderer Stellen, die vielleicht mit dem Original harmoniren, angebracht, was man mir nicht verargen wird.)


Beilage Nr. 9.

„Herrn Lehrer Thomas Davatz, Ybicaba.
Lieber, geehrter Freund!

Befremden Sie sich nicht über das zutrauliche Wort in der Ueberschrift, denn als solchen betrachte ich Sie. – Doch zur Sache! Um über eine wichtige Sache in Ihrem Interesse zu deliberiren, wünschte ich angelegentlichst eine Unterredung mit Ihnen unter uns zweien, jedoch heute noch, und bitte Sie, mir Zeit und Ort anzugeben, wo dies ungehört geschehen kann. Ich hoffe soviel Vertrauen von Ihrer Seite zu verdienen, daß Sie mich nicht für fähig halten, irgendwie [240] das Ihrige zu mißbrauchen. Es betrifft blos uns nur Sie, über was ich mit Ihnen zu sprechen wünsche, und zwar je eher, desto besser wird sich handeln lassen, wenn Sie mit meinen Ansichten erst vertraut und von der Richtigkeit überzeugt seyn werden.

Ohne weitere Worte erwarte ich Ihre Nachricht und bin inzwischen, wie immer

Ihr
ergebener Diener und Freund
H. Ullmann.“

Ybicaba, 2. Febr. 1857.


Beilage Nr. 10.

„Ybicaba 12. März 1857. 
Herr Lehrer Thomas Davatz!
Theurer Freund!

Die Unterzeichneten fühlen sich verpflichtet, Ihnen Werthester, schriftlich nochmals den Dank auszusprechen, für Dasjenige, was Sie insgesammt für alle Colonisten in der Provinz St. Paulo gearbeitet und gewirkt haben. Ihre Abreise hat hier manches Herz weich gemacht, und Ihr Verlust bei uns ist kaum mehr zu ersetzen. Schon manche Thräne ist wegen Ihnen geflossen. Doch wir hoffen, durch das Versprechen der Herren Dr. Heußer und Diethelm, werde das Joch der Colonisten so erleichtert, daß solche Auftritte, wie jüngst unter den Colonisten entstanden, nicht mehr geschehen werden. Unser aller Wunsch ist, daß der Allmächtige Sie und Ihre werthe Familie glücklich ins alte Vaterland zurückbringe, und Sie zeitlebens segnen werde. Ihre Hingebung für’s Wohl der Colonisten, durch welche Sie viele Wochen lang der Lebensgefahr ausgesetzt, sowie Ihr Charakter, welchen Sie nicht um schnödes Geld verkaufen wollten, ist und bleibt uns immer im Andenken, und wir können nur mit Schmerzen [241] an Ihre Abreise denken. – Gott wird Sie segnen, was Sie an uns gethan. Wir hoffen, Sie werden im Vaterland wieder eine Anstellung finden, daß Sie Ihre werthe Familie gut ernähren können, damit Sie nie mehr an Auswanderung denken müssen. Auch glauben wir, die Herren Dr. Heußer und Diethelm haben ihren Charakter so weit erprobt, daß Sie, ohne daß wir Ihnen schmeicheln, Sie den alten Eidgenossen gleichstellen können. Wir hoffen, unsere an Sie gerichteten Wünsche mögen in Erfüllung gehen, und glauben, durch den Beweis, den Sie hier als Mann geleistet haben, wird man Sie in unserm Vaterland wissen zu würdigen. Es thut uns sehr leid, daß Sie ihrer Leistungen (behufs Erleichterung der amen Colonisten) von uns nicht besser unterstützt werden konnten, wir hoffen aber, daß die liebe Schweiz, unser Vaterland,“ (hier folgt ein mich nicht betreffender Satz, den zu verschweigen ich für besser halte) „und insbesondere diejenigen Kantone, welche am meisten durch ihrige Angehörige hier vertretten sind, selbige Landesregierungen, Sie als Retter ihrer bedrängten und betrogenen Brüder eingedenke, und Ihnen die neue Laufbahn, in die Sie jetzt wieder versetzt werden, erleichtere. Auch zweifeln wir keinen Augenblick, daß Sie auch das Ihrige zur Erleichterung der Colonisten beitragen.

Nochmals zollen wir Ihnen den wärmsten Dank, und sagen Ihnen ein herzliches Lebewohl

Ihre verbündeten Freunde
Daniel Schlittler

Johannes Schlittler. Heinrich Schlittler. Jak. Leonz Huber. Johann Ruppert. Felix Disch. Valz Buck. Jos. Meier. Jakob Märki. Jakob Krättli. Johann Eichenberger. Leonhard Gottschall. Joh. Heinrich Ryffel. Felix Hoffmann. Kaspar Märki. Johann Barandun. Kaspar Schlittler. Pankrazius Schlittler. Fridolin Glarner. Ziprian Baion. Dietrich Altmann. Johann Rudolf Krättli. Ulrich Riffel. Carl Waldmeier. Samuel Märki. Philipp Zumkeller. Eduard Forster. Christof Blumer. Forster Adam. Jakob Volkart. Joh. Jakob Hofmann. pr. Heinrich Geiger. Marc [242] Rossier. Jakob Hoffmann Zimmermann. Samuel Dössekel. Johannes Bolliger. Georg Meier. Für sämmtliche Thüringer-Colonisten unterzeichnet Franz Holle.“

(Anmerkung: Mit obigem Schreiben wollte ich nicht nur den Beweis leisten, daß die 19 Thüringer-Kolonisten, die ohne unsere Einladung, aus eigenem, freien Entschlusse sich an uns Schweizer anzuschließen wünschten und uns auch um den Anschluß baten, mir, dem Leiter der aufgestandenen Kolonisten, warm zugethan waren und das wahrscheinlicher Weise ihnen verfertigte Schreiben an Herrn Luiz Vergueiro, in welchem ihrer 14 sich als von den Schweizern Verführte darstellen, Luiz Vergueiro ein gutes Zeugniß ausstellen u. s. w. (siehe: Neues schweizerisches Auswanderungsblatt Nr. 7, Jahrg. 1857. Lichtensteig bei J. M. Wälle.), aus irgend welchen Nebenabsichten unterzeichnet haben mußten; sondern ich möchte mit diesem Schreiben auch zeigen, daß die Kolonisten das, was man für sie thut, erkennen und sich dankbar dafür zu zeigen wissen, daß ihnen mithin um so mehr eine ganze, völlige Hilfe zu gönnen ist.)




[243]
Druckfehler.

Man bittet, folgende Fehler vor dem Lesen dieser Schrift zu verbessern:

Seite 26, Zeile 7 von oben lies: 107904 Q.-F. anstatt 108904 Q.-F.
”    32 ”    11   ”       ”       ” lustig lästig.
”    49 ”    18   ”       ”       ” man sich zu diesem man zu diesen.
”    61 ”      5   ”       ”       ” Sitienbauern Sitienbauer.
”    63 ”    20   ”       ”       ” kann könnte.
”     ”   ”    21   ”       ”       ” schöne schone.
”    71 ”    19   ”       ”       ” 390 Reis 350 Reis.
”     ”   ”    20   ”       ”       ” 320 Reis 300 Reis.
”     ”   ”     ”     ”       ”       ” 30 Rp. 24 Rp.
”    74 ”    21   ”       ”       ” 521/12 52½.
”    78 ”    19   ”       ”       ” zum Theil theils.
”    95 ”      9    ”       ”       ” kam kann.
”  118 ”    26   ”       ”       ” kein großes Unrecht kein Unrecht.
”  176 ”    32   ”       ”       ” und die Sache nirgends und nirgends.
”  185 ” 1 u. 2   ”       ”       ” besonders ich, die besonders die.
”  218 ”    12   ”       ”       ” von … … der von der.



  1. Man kann noch mitunter am Boden liegende Bäume mit 7–9 Fuß Durchmesser finden.
  2. Man hat seiner Zeit vorgegeben, daß das Pflanzen in Brasilien nur eine leichte Gartenarbeit sei und keinen Pflug, sondern nur eine Hacke bedürfe. Man müßte aber wahrhaftig noch lange aufs angestrengteste an einem solchen Garten arbeiten, bis man nur einen Pflug darin gebrauchen könnte.
  3. Von den ältern und größern Mandioccas habe ich selbst keine gesehen, sie mir aber von Mehreren also beschreiben lassen.
  4. Laut Gesetz soll der Alqueiro gleich 40 Litre, mithin gleich 2⅔ neue Schweizerviertel (à 15 Litre) sein.
  5. Wenn durch starken Regen und Wind vor dem Pflücken viel Kaffee von den Bäumen geschlagen wurde, so legt man dann keine Tücher mehr unter dieselben, sondern pflückt Alles an den Boden. Beim Zusammennehmen mengen sich dann natürlich Steine und Erdknollen unter den Kaffee. Das Herauswischen unter den Bäumen ist überall nöthig; denn mehr oder weniger Kaffee liegt immer schon am Boden.
  6. 1 Arroba hat 32 brasilianische Pfunde. Das brasilianische Pfund hat 459 Gramm, kömmt also 29,376 (nicht völlig 292/5) Schweizer-Loth gleich.
  7. 1000 Reis sind ein Milreis, die dortige Einheit. Im alltäglichen Leben gilt ein Milreis 3 Franken; sein gesetzlicher Werth möchte Fr. 2.80 Rp. ziemlich gleich sein.
  8. Die Brasilianer brennen (rösten) den Kaffee mit Zucker, socken (stampfen) ihn dann fein und füllen einen Kaffesack mit einem hinlänglichen Quantum solch gesockten Kaffees. Durch diesen Kaffeesack wird dann mit vielem Zucker gekochtes Wasser geseihet und dann die Flüssigkeit noch einmal zum Kochen gebracht. Einige sollen dabei noch etwas Schnapps zugießen. Solcher brasilianischer Kaffee ist sehr stark und gut.
  9. Es wird hier wie auf dem Schiffe die Grenze zwischen erwachsenen und unerwachsenen Personen bei 8 oder 10 Jahren gemacht.
  10. Bei uns bestanden diese Lebensmittel in frisch geschlachtetem Rindfleisch, Reis, Bohnen, Kaffee, Zucker, Salz, Speck und, so lange noch vorhanden war, in Schiffszwieback. Bei andern Transporten soll es der Fall gewesen sein, daß fast kein Fleisch verabreicht worden sei.
  11. Daß das hier ausbedungene Reisegeld weiter gelte, als bis nach Santos, hat Herr Benedict mir nicht gesagt, er hat vielmehr im Hinblick auf die Bedürfnisse der brasilianischen Landreise ein Taschengeld für die Auswanderer verlangt. Sicherlich hat er aber selber geglaubt, daß diese Landreise nur eine Kleinigkeit koste, und wird dieses, wie ich auch, von Herrn Paravicini vernommen haben.
  12. So viel ich mich noch erinnere, war der Präsident derjenigen Obrigkeit, welche diesen Strafakt vollzog, der nämliche Herr (ein Doctor juris), der auch 2 Kolonieen hat und von seinen Kolonisten eben solche Frohndienste verlangte.
  13. Man braucht den Ausdruck „Kaffee“ oft für „Kaffeepflanzung“. Geschieht dieses auch da oder dort in dieser Schrift, so wird doch jeder Leser gleich merken, ob die Kaffeepflanzung oder der Kaffee als Frucht gemeint sei.
  14. Die Wände eines Stalles sind gute, durchsichtige Zäune; ein Dach von Reisstroh oder sogenanntem Schneidgras soll das Durchdringen des Regenwassers verhindern.
  15. Es ist dieses der Unterdirektor H. Schmid, der Schreiber eines gegen mich gerichteten, im Kolonisten Jahrgang 1857, Nr. 16 und vielleicht noch in andern Blättern erschienenen Briefes.
  16. Möglichst schnell nach der Ankunft erhält der Kolonist ein in Oktav zusammengelegtes, geheftetes Rechnungsbüchlein, worin auf der linken Seite, der Debitseite, das reduzirte Reisegeld (Gemeindevorschuß), das Kommissionsgeld, der ganze Betrag der brasilianischen Landreise und alles Uebrige schon eingetragen ist und Alles, was er weiter erhält, nach kaufmännischer Weise eingeschrieben wird; die rechte Seite ist zur Eintragung allfälliger Guthaben des Kolonisten eingerichtet.
  17. Einige von denen, welche das unverdauliche Fubabrod nicht genießen können, essen zum Kaffee trockenen Farinho mit etwas darunter gerührtem Zucker. Man muß aber beim Essen dieser brasilianischen Speise den Mund gut schließen, sonst bekommen die Köpfe der Umsitzenden mehr davon, als der eigene Magen.
  18. Woher die Neger die Bohnen, welche sie nach der Kolonie brachten, gehabt haben, und ob ihre Preise irgend wie maßgebend seien, kann ich nicht sagen.
  19. Auch hier sind Geld, Gewicht und Maaße in die neu-schweizerischen reduzirt.
  20. Versetzung und spätere Behandlung soll großentheils durch die Neger des Herrn Vergueiro erfolgt sein.
  21. Man wolle es mir zu gute halten, daß ich meinen Kaffee und später meine Pflanzländer und nicht die eines andern Kolonisten als Muster aufstelle. Diese sind mir natürlich am bekanntesten. Wo ich Abweichungen von andern Kolonisten gehörenden Gegenständen derselben Art weiß, will ich sie getreulich angeben und deßhalb hier sagen, daß mein Kaffee, den ich nun etwas näher zeichne, zum schlimmern gehört hat.
  22. Diese 2 Artikel sind, abgesehen von allen marktschreierischen Anpreisungen des dem Kolonisten harrenden Glückes, recht geeignet, die Leute in ihrer Heimath zu verblenden und sie glauben zu machen, daß sie, um glücklich zu werden, nur nach jenen Kolonieen wandern müssen.
  23. Herr Dr. Heußer konnte keine solche Proben anstellen, wie wir gethan haben, weil während seiner Anwesenheit kein reifer Kaffee an den Bäumen hing.
  24. Von einer Verkaufsprovision steht im Kontrakt gar Nichts. Transport und Zoll sind durch den Ausdruck „reiner Ertrag“ gerechtfertigt.
  25. Ein portugiesischer Kolonist weigerte sich, seine Rechnung vor ihrer Prüfung zu unterzeichnen, und kam deßwegen mit dem Direktor in heftigen Wortwechsel, in welchem er dann den Befehl erhielt, sich zu packen.
  26. Nach den Nachtragsartikeln 2 und 3 des Kontrakts meint man schließen zu dürfen, daß die Kolonisten die Hälfte ihres Verdienstes bei der Rechnung in baar erhalten. Davon ist aber keine Rede. Auch als ich später Lehrer war und einen Lehrergehalt zu beziehen hatte, bekam ich gewöhnlich nur meine monatlichen 5 Milreis. Dieser Fall war auch bei einem Handwerker, der einen großen Lohn hatte, vorhanden, obwohl er nach seinem Kontrakt nur einen Viertheil seines Lohnes auf die Tilgung seiner Schuld zu verwenden pflichtig war und drei Viertheile hätte beziehen sollen. Der Kolonist soll sich eben nicht frei regen und rühren können, sondern in Allem an seinen Herrn gebunden sein.
  27. Diese Familie gehört namentlich zu den allerfleißigsten und hat überdies noch eine schöne Summe Geld auf die Kolonie gebracht und dort möglichst vortheilhaft angewandt; von diesem Gelde war aber jetzt auch Nichts mehr vorhanden.
  28. Bei solchen Anlässen werden oft etwas besser eingerichtete Häuser leer und von neuen Kolonisten zu kaufen gesucht, um nicht selbst ihre Wohnungen ausbauen zu müssen.
  29. Die meisten Kolonisten wußten früher ihre Briefe nicht anders zu versenden, als durch ihren Herrn oder Direktor.
  30. Von Basel an bestand unsere ganze Reisegesellschaft, wenn ich nicht sehr irre, aus 266 Personen, zu denen in Hamburg noch 9 Passagiere aus Preußen hinzu kamen.
  31. Ich würde, wie ich es früher gethan habe, den Namen dieses Mannes verschweigen, wenn er von Andern nicht schon öffentlich genannt worden wäre.
  32. Dieser Oswald ist ein in der Stadt St. Paulo niedergelassener Schweizer. Er soll mit einigen andern Herrn unserer Karavane bei deren Hinaufreise nach den Kolonieen ein Stückweit vor die Stadt hinaus entgegen gekommen sein und Manche zu bewegen gesucht haben, nicht nach den Vergueiro’schen Kolonieen hinauf zu gehen. Als sehr kränkelnder Fußgänger kam ich erst dann an den Ort des Zusammentreffens, als unser ganzer Transport weiter geführt wurde, und ich wußte nicht, wer dort gewesen sei, weiß auch noch nicht, ob ich den Oswald gesehen habe oder nicht; gesprochen habe ich mit keinem der noch anwesenden Herren. Erst einige Wochen nach meiner Ankunft in Ybicaba, nachdem ich recht zu merken anfing, wie es auf den Kolonieen aussehe, und nachdem mir von Mehreren gesagt wurde, dass Herr Oswald das Kolonisationswesen genau kenne und gegen die armen Kolonisten gut gesinnt sei, richtete ich einen Brief an ihn, in welchem ich zu merken gab, daß ich es auf den Kolonieen nicht finde, wie ich erwartet habe, und in welchem ich, so viel ich mich noch erinnere, verschiedene Fragen über Kolonieen, die in andern Provinzen liegen, über Landesgesetze u. s. w. an ihn richtete. Ob er diesen meinen Brief erhalten habe, oder ob dieser irgendwo hängen geblieben sei, weiß ich zur Stunde noch nicht; aber das weiß ich, daß ich keine Antwort erhielt und auch nie mehr an ihn geschrieben habe. Das ist der ganze Verkehr, in welchem ich während meines ganzen Lebens mit Herrn Oswald stand, so sehr mich auch verschiedene, sogar amtliche Berichte zum verführten Werkzeuge dieses „von zerrüttenden und kommunistischen Ideen beherrschten“ Mannes stempeln wollen.
  33. Die Betreibung eines Geschäftes, bei dem das Leben von Hunderten und Tausenden armer, geraubter Afrikaner ganz auf das Spiel gesetzt oder gar hingemordet werden muß, soll also keine Schlechtigkeit sein!
  34. Wo mag also mein Brief an Herrn Oswald hängen geblieben sein?
  35. Wahrscheinlich wäre mein Bericht nicht nur in den prätigauischen Gemeinden als ein offizieller angeschaut, sondern auch in öffentlichen Blättern als ein solcher bekannt gemacht worden.
  36. Wie ich den ersten Brief versandt habe, ist schon gesagt. Den zweiten hat mir ein in einem Handlungshause angestellter Freund petschiert, adressirt und auf die Post befördert, so daß er noch mehr, als der erste, als Handelsbrief lief. Für den dritten und die folgenden ließ ich mir von der Post Empfangsscheine geben, ein Weg, den ich mit den frühern Briefen nicht deßhalb nicht einschlug, weil ein solcher Schein Fr. 2.80 Rp. kostet und der einfache Brief überdies mit 34 Rappen frankirt werden muß, sondern weil ich nicht wußte, daß dieser Weg auch in Brasilien gebahnt sei.
  37. Es war am 24. August ein fast erwachsener Jüngling desjenigen Kolonisten zu beerdigen, der seit Pflingsten 1856 an den Sonntagen Predigten und bei Beerdigungen Leichengebete und etwa ein Begräbnißlied vorlas. Bei diesem Falle redete er lieber nicht selber und bat mich, seine Stelle zu übernehmen. Ich hielt dabei nebst der Verlesung eines liturgischen Leichengebetes eine Ansprache, eine Art Leichenrede, an die ziemlich große Versammlung, und diese Ansprache hat, wie es scheint, auf Obere und Untergebene einen guten Eindruck gemacht.
  38. Wie schon einmal bemerkt, hat man früher etwa zwei Male angefangen, Schule zu halten. Bei einem derartigen Versuche wurde eine Schulkommission, bestehend aus 4 Männern, ernannt, die das Gleiche war, was ein Schulrath.
  39. Was für ein Lärm in Europa aus solchen Berichten gemacht, und wie viele arme Leute dadurch zur Auswanderung verleitet worden wären, läßt sich denken.
  40. Die Statuten räumten dem Präsidenten das Recht ein, nöthigenfalls den Männerchor auch außerordentlich zu Gesangübungen und zu Berathungen einzuberufen; daß er aber auch das Recht habe, den Männerchor zu Festlichkeiten, zu einem Ständchen, wie die verlangte Gesangaufführung offenbar gewesen wäre, zu versammeln, davon wußten die Statuten Nichts, zumal wenn der Versammlungsort ein außergewöhnlicher war.
  41. Damit sagte er also selbst, daß wir im Unglück seien; sonst wollte er uns immer glauben machen, wir seien glücklich.
  42. Zu der Frage, wie die Herren wissen können, was ich an den Oswald geschrieben habe, ließ man mir keine Zeit.
  43. Daß ich dieses auf der Fazenda nicht sagte, war gut, denn sonst wäre die Wuth der schon sehr empörten Herren vielleicht zu groß geworden.
  44. Die genaue Beschreibung der Begebenheiten des 24. Dez. des unruhvollsten Tages von Ybicaba, wird jedem Leser zeigen, daß, wie ich am Anfange dieses dritten Theiles sagte, wir Kolonisten keine Revolution, sondern nur eine Untersuchung wollten.
  45. Dieses war das Schreiben, welches, wie ich im ersten Theile sagte, von 2 Thüringern mit ziemlich großer Gefahr nach St. Paulo getragen wurde.
  46. Solche Maßregeln gingen aber nicht von dem oben genannten Chef, sondern von der Behörde des betreffenden Ortes aus, welche ganz unter dem Einflusse von Vergueiro und anderer Fazendeiros stand.
  47. Wir hatten uns gleich von Anfang an vorgenommen, die Ansiedler aller übrigen Kolonieen, von denen wir wußten, daß sie es meistens schlimmer haben, als wir, und welche ohne ihre Schuld, nur vermöge der Verkäuferei der neu angekommenen Kolonisten an diese schlimmern Orte gekommen seien, bei all unsern Schritten eben so sehr zu berücksichtigen, als uns selbst. Bei Abfassung unsers Schreibens mußten wir dies um so mehr thun, da unterdessen, wie später noch gesagt werden wird, von den meisten Kolonisten entweder Deputirte oder Briefe mit der dringenden Bitte, daß wir sie ja in keiner Hinsicht zurücksetzen möchten, und mit dem Anerbieten alles möglichen und nöthigen Beistandes bei uns eingetroffen waren.
  48. Den am 5. Januar von Herrn Gustav Lutz erhaltenen Brief brachte uns Herr Joh. Christoph Salutz von Limeira, an welchen er laut Auftrag auch adressirt war. Dieser theilte mir bei diesem Anlasse mit, der Posthalter in Limeira habe ihm und dem Herrn Apotheker Dürr (beides Schweizer) gesagt, es sei mit dem obigen noch ein an mich adressirter, aber zerrissener Brief angekommen. Er habe ihn dem Boten der Fazenda Ybicaba, einem Neger, übergeben wollen, dieser aber habe sich anfänglich geweigert, diesen zerrissenen Brief anzunehmen, ihn aber endlich doch angenommen. Auf dieses hin ging ich zu Herrn Direktor Jonas und frug ihn nach diesem Briefe. Er wollte Nichts von ihm wissen, versprach aber, dafür sorgen zu wollen, daß ich ihn erhalte, wenn er gekommen sei. Am folgenden Morgen soll dann, wie mir Kolonisten gesagt haben, der fragliche Bote nach der Kolonie geritten sein und gesagt haben, er müsse zu mir. Ich sah ihn aber nie; er mußte zuerst zum Direktor Jonas. Ich bekam auch nie Etwas von diesem Briefe zu sehen. Daß er aber doch nach der Fazenda gekommen sei, muß ich um so eher annehmen, als Albrecht Blasi Bühler, Ladendiener in einem Hause zu Limeira, ehe er etwas Weiteres von dem Schicksal meines Briefes wußte, einem Kolonisten von Ybicaba erzählte, er habe in den Händen des Fazenda-Boten einen an mich adressirten, zerrissenen Brief gesehen, und als er noch später zu der Wahrheit dieser seiner Erzählung stand, – Einige Tage nach diesem Vorfalle mit meinem Briefe soll Herr Luiz Vergueiro dem Posthalter in Limeira den Befehl ertheilt haben, alle Briefe, die an Kolonisten kommen, ihm zuzuschicken und den Adressaten, auch wenn diese selbst auf die Post kommen, nicht zu übergeben. Etwas später soll aber Herr Vergueiro diese Verordnung selbst wieder aufgehoben haben, und was sonst noch geschehen ist, weiß ich nicht; der Posthalter soll später nicht mehr recht zu seinen frühern Worten gestanden sein.
  49. Es gibt in der Provinz St. Paulo noch andere Kolonieen, die aber zu ferne von Ybicaba lagen, als daß ihre Bewohner nur Etwas von uns wissen, viel weniger daß sie mit uns in Verbindung treten konnten. Erst auf meiner Heimreise in Rio de Janeiro bekam ich Kunde von solchen, bekam aber auch davon Kunde, daß sie ähnlich behandelt werden, wie wir auf den hintern Kolonieen; sie bedürfen also auch der Hilfe eben so sehr wie die andern Kolonisten.
  50. Zuerst wurde unser Abkommniß von 46 Männern unterzeichnet; am 24. Dezember trug es 85 Unterschriften, und bis zum Beginne der Untersuchung waren wir unser 93 Unterzeichner von Ybicaba, unter welchen sich auch Herr Joh. Christoph Salutz von Limeira befand.
  51. Fragen und Antworten wurden nämlich in gehöriger Form in beiden Sprachen aufgeschrieben.
  52. Wahrscheinlich haben die Herren seiner Zeit auch von den Grausamkeiten, die wir an der Familie Vergueiro verübt haben sollten, erzählen gehört und jetzt die Statuirung eines Exempels derselben befürchtet.
  53. Es hat uns geschienen, diese Ausscheidung der Schweizer von Ybicaba von den übrigen Kolonisten sollte Uneinigkeit und Trennung unter uns bringen und so dem Hause Vergueiro die Möglichkeit verschaffen, seine Absichten zu erreichen. Diese Absicht schien uns um so deutlicher hervorzuleuchten, als Herr Luiz Vergueiro früher denselben Zweck dadurch zu erreichen suchte, daß er zu mehreren Kolonisten gesagt hat, sie sollen doch mir nicht trauen und sich nicht an mich hängen; ich sei ein Erz-Jesuit und wolle sie alle nur ins Unglück führen; er aber meine es gut mit ihnen und wolle sie alle glücklich machen.
  54. Ungefähr zur selben Zeit und aus dem nämlichen Grunde, wie ich Lehrer wurde, machte man genannten Daniel Schlittler zum Unterdirektor. Die Kolonieverhältnisse gefielen ihm nämlich auch nicht, und er äußerte dieses ziemlich laut. Nun wollte man ihn auf solche Weise zufrieden stellen und unschädlich machen, ein Plan, der aber auch nicht gelang. Er hat mir, herzlicher Dank sei ihm dafür gesagt, nicht nur bei dieser Schreiberei, sondern auch bei vielen andern Anlässen viel geholfen und manches Unwesen ungescheut aufgedeckt; ihm war es darum zu thun, daß nicht noch mehr arme Leute ins Unglück kommen, und daß denen, die schon darinnen steckten, daraus hinaus geholfen werde, und dadurch hat er sich als das gerade Gegentheil von seinem Kollegen Heinrich Schmid erwiesen. Bald nach meiner Entfernung von Ybicaba mußte auch er fort; er ging aber nicht auf eine andere Kolonie, sondern in ein Städtchen. Wo er jetzt ist, und was er treibt, weiß ich nicht.
  55. Von diesem Mulaten hat man ganz bestimmt Folgendes behauptet: 1) Er habe selbst gesagt, daß er schon Leute getödtet habe; 2) er habe die für den Oswald bestimmten 35 Milreis (s. Seite 129) verdienen sollen, sei zu diesem Zwecke nach St. Paulo hinunter gereist gewesen, aber dann von Oswald als ein Verdächtiger angesehen und ausgewichen worden; 3) er habe auch gesagt, für 2 Flaschen Wein wolle er nach unserer Fazenda gehen und den Herrn erschießen.
  56. Mir hat Herr Luiz Vergueiro (s. Seite 128) gesagt, er verwalte nicht fremdes Gut, sondern Eigenthum; er habe Macht. Gegen einen Andern soll er geradezu gesagt haben, daß er seit 2 Jahren Theilhaber des „Hauses Vergueiro“ sei.
  57. Ueberall, wo Gutschreibungen oder Rückzahlungen nothwendig wurden, sollten nach gegebenem Versprechen auch die unterdessen aus den betreffenden Summen entstandenen Zinse gutgeschrieben werden.
  58. Nachdem die Untersuchung den Anfang genommen hatte, machte ich fast keine Aufzeichnungen, weil ich wußte, daß Herr Dr. Heußer dieses thue. Vorher schrieb ich das Meiste ziemlich brühwarm auf.
  59. Darauf sprach Herr Dr. Heußer die Hoffnung aus, daß im Vaterland für mich gesorgt werden werde.
  60. Es war dem Herrn Joze Vergueiro am Ende nicht nur darum zu thun, daß ich fortkomme, sondern auch, daß ich sicher fortkomme. Er wußte wohl, daß, wenn mir irgend Jemand Leides zufüge, es seinem Hause angerechnet werde. Um diesem Schimpfe zu entgehen, war er sehr behilflich, mich sicher fortzuschaffen, gab mir unter Anderm einen seiner Schmiedarbeiter, Jakob Stucki aus Neunforn, Kt. Thurgau, als treuen Begleiter mit.
  61. Herr Vergueiro hat mir den Gemeindevorschuß geschenkt, ohne die Gemeinde anzufragen, ob diese ihn seiner Rückzahlungspflicht entledigen wolle. Ich bin ihm auch nicht entlaufen, sondern er hat mich geschickt. Er ist deßhalb schuldig, meiner Gemeinde den mir gemachten Vorschuß zu erstatten, wie wenn ich ihm die ganze Schuld ausbezahlt hätte.
  62. Es besteht in Rio auch eine deutsche Hilfsgesellschaft für Hilfsbedürftige aus ihren Vaterländern. Mit dieser bin ich aber nicht bekannt geworden.
  63. Aus all diesen Staaten sind Kolonisten auf jenen Halbpachtskolonieen, und zwar möchten es nach meiner ungefähren Schätzung 4000–5000 sein. Ob auch noch Leute aus andern deutschen Staaten dort als arme Ansiedler sich befinden, kann ich nicht sagen. Viele Kolonisten sind auch aus Portugal und etwelche aus Belgien; aber mit den Angehörigen dieser beiden Länder standen wir in keiner nähern Verbindung. Könnte indessen auch diesen Leuten durch ihre Regierungen und Völker geholfen werden, so bedürften sie es nicht weniger, als die übrigen Kolonisten.
  64. Daß ich meinem Schriftchen auch diesen dritten Zweck gegeben habe, wolle man mir nicht verargen. Ich kann versichern, daß es mir sehr schwer fällt, für mich Hilfe suchen zu müssen. Doch wünsche ich noch jetzt nicht mich dieses Hilfesuchens dadurch überhoben zu haben, daß ich die mir aufgetragene (s. Seite 177), „glänzende, ganz sichere Existenz für mich und meine Nachkommen in Amerika oder in Europa“ angenommen, damit aber die armen Kolonisten verlassen und in noch größeres Elend verkauft hätte. Ich bin auch überzeugt, daß die Tit. Hohen Regierungen und die betreffenden Nationen mir viel lieber ein solches Hilfesuchen zu gute halten werden, als wenn ich dasselbe durch jenes schmähliche Vorgehen unnöthig gemacht hätte; ich hoffe deßhalb auch, daß man mir eine derartige Nachhilfe, sowie Beiträge an die Druckkosten dieses Schriftchens gerne gönnen und zukommen lassen werde.
  65. Es braucht eine sehr große europäische Familie, deren Reisegeld auf die Summe von 4200–5600 Franken steigt, und so viel kostet jetzt ein einzelner schwarzer Sklave, wenn er gesund, kräftig und noch jung ist.
  66. Wie oben Seite 184 bereits angedeutet, wurde am 9. März 1857 von Vergueiro das Versprechen gegeben, einer Anzahl Kolonistenfamilien an einem geeigneten Orte eigenes Land zu verschaffen. Wie ich dem erhaltenen Schreiben entnehme, haben sich dann ungefähr 17 Familien für die Uebersiedlung auf solch eigenes Land gemeldet. Anstatt daß ihnen aber das gegebene Versprechen gehalten wurde, geschah ihnen, was nun mitgetheilt wird.
  67. Daß diese Betrügereien noch immer vorwärts gehen, beweist der Umstand, daß erst neulich 520 Tiroler trotz der mit Opfern verbundenen schriftlichen Warnungen des Herrn S. Benedict, in Genua die Reise nach Brasilien angetreten haben.
  68. Karavanen von 30 und mehr bewaffneten Männern können in Brasilien ohne Gefahr durch Indianer-Gegenden reisen.
  69. Dafür sollte durchaus gesorgt werden, daß die Gemeinden, soweit sie ihren Ausgewanderten die Schulden nicht freiwillig erlassen, wenn auch nicht zur festgesetzten Zeit, so doch möglichst schnell bezahlt werden. Ich kann zwar nicht sagen, aus was für Gründen all die betreffenden Gemeinden ihren Leuten das Auswanderungsreisegeld vorgeschossen haben; ich weiß aber, daß meine Heimathgemeinde Fanas dies in guter Absicht gethan hat, und glaube, daß sie hierin nicht einzig da stehe. Ich weiß auch, daß es Gemeinden gibt, die schlechterdings zu Grunde gerichtet würden und für ihre hiesigen Armen nicht mehr sorgen könnten, wenn sie ihre diesfallsigen Vorschüsse nicht mehr erhielten. Dahin gehört Fanas ebenfalls.
  70. Jedermann wird leicht errathen, warum ich nicht darauf hinarbeite, daß den Kolonisten nach Europa zurückgeholfen werde; Jedermann wird mir aber auch die Aeußerung des Wunsches zu gute halten, daß es meiner Schwägerin und ihrer ganzen, jetzt wahrscheinlich 4 Personen zählenden Familie möglich gemacht werden möchte, wieder nach Europa zu kommen. Der Umstand, daß ich, was ich sonst bei keinen Auswanderern that, die Schwägerin zur Auswanderung eingeladen habe, drängt mich zur Aeußerung dieses Wunsches. Daß sie jetzt nicht wieder mit mir nach Europa gekommen ist, hat darin seinen Grund, daß sie sich, bevor noch Jemand an die Möglichkeit meiner Heimreise glaubte, mit David Marti von Engi, Kt. Glarus, verheirathete und also später nicht mehr zu meiner Familie gehörte, deßhalb nicht von ihren Schulden befreit und auch nicht in den Stand gesetzt wurde, heimreisen zu können. Bei meiner Abreise von Brasilien war diese mir verschwägerte Familie in Ybicaba; später befand sie sich nach meines Freundes Schreiben unter den geächteten und ausgestoßenen Familien zu Limeira.
  71. Die Reichen, welche sich in Nordamerika und anderwärts allerdings etwas Schönes, doch kaum ein so angenehmes Leben, wie es in Europa möglich ist, verschaffen können, soferne sie Glück haben, gesund bleiben und die zur Ueberwindung vieler Widerwärtigkeiten erforderliche Kraft besitzen, habe ich bei diesen meinen Vorstellungen und Rathertheilungen nicht im Auge, obschon die Gefahren des gänzlichen Ruins bei einem derartigen Schritte auch ihnen nahe genug kommen können; eben so rede ich auch nicht zu jungen, rüstigen, ledigen Männern, welchen, wenn sie genug moralischen, christlichen Halt haben, eine solche Reise nützlich werden kann. Meine Vorstellungen und Räthe gelten hauptsächlich der großen, einer tüchtigen Verbesserung der ökonomischen Lage bedürftigen Klasse von Hausvätern, in welcher bekanntlich die Auswanderungslustigen größtentheils zu suchen sind.
  72. In allen Beilagen halte ich mich in Betreff der Orthographie, Interpunktion u. s. w. genau an die Originale. Die in den Klammern () enthaltenen Anmerkungen sind von mir.
  73. Bei dem mit mir verreisten Transporte wurde die Grenze zwischen erwachsenen und unerwachsenen Personen bei 8 Jahren gemacht.
  74. a b Es gibt in Ybicaba mehrere gleichnamige Kolonisten.
Berichtigungen
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Anmerkungen Wikisource
  1. Vorlage: „da“ mit gedrehtem „d“
  2. Vorlage: ersten
  3. In der Vorlage fehlt hier der Punkt als Satzschlußzeichen.
  4. Vorlage: Alqueiren maaße
  5. In der Vorlage fehlt das einleitende Anführungszeichen; das Zitat von Art. 4, litt. 2 lautet wörtlich: „das Nöthige durch sich selbst zu erlangen“.
  6. Vorlage: Marro
  7. Vorlage: kleinere