Die Behandlung der Kolonisten in der Provinz St. Paulo in Brasilien und deren Erhebung gegen ihre Bedrücker

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Textdaten
Autor: Thomas Davatz
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Titel: Die Behandlung der Kolonisten in der Provinz St. Paulo in Brasilien und deren Erhebung gegen ihre Bedrücker
Untertitel: Ein Noth- und Hilfsruf an die Behörden und Menschenfreunde der Länder und Staaten, welchen die Kolonisten angehörten
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Leonh. Hitz
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Erscheinungsort: Chur
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Bericht über die missliche Behandlung der Kolonisten auf der Kaffeeplantage Ibicaba, Provinz St. Paulo, zu Handen von europäischen Behörden zwecks Hilfe
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[1]
Die
Behandlung der Kolonisten
in der Provinz St. Paulo in Brasilien
und
deren Erhebung gegen ihre Bedrücker.
Ein Noth- und Hilfsruf an die Behörden und Menschenfreunde der Länder und Staaten, welchen die Kolonisten angehörten.




Dargestellt von dem ehemaligen Kolonisten
Thomas Davatz.
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Chur 1858.
Druck von Leonh. Hitz.
[3]
Einleitung

Bekanntlich ist seit einer Reihe von Jahren die Auswanderungsfrage bei Vielen, namentlich unter den armen Bewohnern mancher europäischen Länder, zu einer Tages- und Lebensfrage geworden. Nicht ganz ohne Grund hat bei Manchen dieser Klasse der Glaube Wurzel gefaßt, es sei bei all den hiesigen Einrichtungen und Verhältnissen, die vielmehr den Reichthum des Großen, als die Wohlfahrt des Armen und Geringen zu befördern scheinen, für diesen Letztern im alten Vaterlande nicht mehr auszuhalten, und es müsse der große Schritt gewagt und der Versuch gemacht werden, in fernen, überseeischen Ländern eine bessere Existenz zu suchen. Bei dieser vielfach verbreiteten, wohl nicht ganz verwerflichen Ansicht ist es aber nicht geblieben. Schöne Beschreibungen und Schilderungen der ins Auge gefaßten Länder, einseitig und unrichtig, zuweilen vorsätzlich falsch abgefaßte, anlockende und verführende Briefe und Berichte von Freunden oder Verwandten, die Wirksamkeit mancher Auswanderungszeitungen, besonders auch die rastlose, mehr auf den eigenen Beutel, als auf das Wohl des Armen berechnete Thätigkeit vieler Auswanderungsagenten, Expedienten etc.: alle diese und noch ähnliche Umstände haben die Auswanderungsfrage in einen krankhaften Zustand gebracht, in ein Auswanderungsfieber verwandelt, von welchem nach und nach gar Viele ergriffen wurden. Und wie bei einem physischen Fieber die richtige Ueberlegung, das klare Urtheil mangelt, und dagegen allerlei falsche Vorstellungen stattfinden: so auch bei dem Auswanderungsfieber. Wer einmal von diesem ergriffen ist, träumt schlafend, ruhend und arbeitend von dem Lande der Sehnsucht, hascht nach allen Zeitungen [4] und Schriften, welche dieses Fach beschlagen, und legt auf dieselben (doch meistens nur dann, wenn sie seinen Wünschen entsprechen) ein gar großes Gewicht; die mündlichen oder schriftlichen Warnungen und Vorstellungen verständiger Männer dagegen läßt er gewöhnlich bei Seite, und so geht es, wenn die Möglichkeit dazu geboten wird, in den meistens Fällen vorwärts, bis es, ach nur zu oft, heißt: „Mer hän is g'irrt!“ oder: „Da heben mer jetzt!“ oder: „Da muoß ma zum bösa Spiel ä guots Gsicht mache!“ oder „Es reut mich so oft, als ich Haare auf dem Kopfe habe, daß ich ausgewandert bin; aber ich kanns nicht gestehen. Herr ... hat mir gesagt, wie es mir gehen werde; aber ich hab's ihm nicht geglaubt und kann ihm meinen Irrthum jetzt nicht gestehen!“ Ich rede hier nicht aus der Luft, sondern ich gebe Solches, das ich, ach leider! nur zu oft mit meinen eigenen Ohren gehört habe.

Zu den Vielen, die am Auswanderungsfieber litten, gehörte einst auch ich. Lange bemühte ich mich, nach den Vereinigten Staaten Nordamerika's ziehen zu können; allein vergeblich. Endlich ging es ganz leicht, den Weg nach den Kolonien in der brasilianischen Provinz St. Paulo zu finden. In Begleitung vieler anderer Auswanderer zog ich im Frühling 1855 nach jenem Lande, mußte dann aber bald zu der Einsicht kommen, welche bei Andern die oben angeführten Ausdrücke zu Tage förderte.

Am traurigsten ist die Wahrnehmung, die sich des Ausdrucks: „Da heben mer jetzt!“ bedienen muß, d. h. da sind wir in einer neuen Art von Sklaverei, aus welcher hinaus zu kommen, es uns fast schwerer ist, als dem schwarzen Afrikaner aus der alten Sklaverei. Je mehr sich diese Wahrnehmung bei mir gestaltete, desto mehr stieg in mir der Wunsch und der Entschluß auf, für mich und die andern armen Leute unter Gottes Beistand und Gnade Hilfe zu suchen. Mir und meiner Familie ist, Gott sei Dank, aus dieser Sklaverei nun geholfen. Es befinden sich aber noch gar viele Leute aus der Schweiz, den verschiedenen Staaten [5] Deutschlands, aus dem Holsteinischen u. s. w. in derselben. Diesen habe ich bei meinem in mancher Hinsicht schmerzlichen Abschiede von ihnen fest und heilig versprochen, für ihre Befreiung fortan, besonders nach der Ankunft im Vaterlande in demselben mein Möglichstes zu thun. Viele, theils Verwandte von Kolonisten, theils sonstige Menschenfreunde, worunter auch Mitglieder von hohen schweizerischen Kantonsregierungen, forderten mich dringend auf, dies mein Versprechen dadurch zu erfüllen, daß ich eine möglichst getreue Schilderung der Zustände und Erlebnisse der betreffenden Kolonisten durch den Druck veröffentliche.

Ich folge dieser Aufforderung und habe also dabei den Hauptzweck, auf diesem Wege so viel, als in meinen Kräften steht, dazu beizutragen, daß den armen zurückgebliebenen Kolonisten, die mir durch unsere gemeinschaftliche Noth und durch treue Unterstützung in meinen Bestrebungen sehr lieb geworden sind, aus ihrer bedauerlichen Lage geholfen werden möchte. Ein zweiter, auch sehr wichtiger Zweck dieser Schrift besteht darin, daß ich vor leichtsinnigem Auswandern möglichst warnen und zur Beschwichtigung des Auswanderungsfiebers, auch wenn dieses in Bezug auf andere Zielpunkte der Emigration (Nordamerika, Australien etc.) stattfindet, mein Scherflein beitragen und Vielen die bittere Nachreue ersparen möchte. Sollte endlich die Veröffentlichung dieser Darstellungen mir, der ich auf einem kostspieligen, schweren und gefährlichen Wege zu derjenigen Einsicht und Erkenntniß in der fraglichen Angelegenheit gekommen bin, die nun Jeder um ein kleines Geld in wohnlichen und sicheren Stuben sich verschaffen kann, auch etwelchen ökonomischen Vortheil bringen: so würde ein dritter Zweck erreicht und damit einer schwer geprüften, großen Familie ein wenig auf die Füße geholfen, aus welchem Grunde ich das Verlagsrecht dieses Schriftchens für mich behalte, so daß der allfällige Erlös mir zu gute kömmt.

Diese Zwecke möglichst sicher zu erreichen, will ich die Behandlung der Kolonisten auf den Kolonien der Provinz [6] St. Paulo in Brasilien dadurch darzustellen suchen, daß ich erzähle, wie der Kolonist unmittelbar nach der Ankunft in Santos behandelt, dann weiter geführt, wie ihm Wohnung, Nahrung, Arbeit u. s. w. zugewiesen wird: kurz ich will gleichsam einen Lebenslauf der Kolonisten geben. Nachher will ich dann zeigen, wie Hilfe gesucht wurde, und was es dieses Hilfesuchens wegen für Auftritte gab. Es ist aber nicht möglich, eine klare Anschauung von der Behandlung der Kolonisten zu bekommen, ohne etwelche Kenntnisse von den Erscheinungen, Verhältnissen, Sitten und Gebräuchen jenes Landes, des Schauplatzes meiner Darstellungen, zu besitzen; denn sie weichen von denjenigen in der Schweiz und in Deutschland sehr ab. Deßhalb ist es nöthig, dieselben in einem vorausgehenden Theile zu beschreiben. Meine Schrift zerfällt demnach in 3 Theile:

00I. Vorläufige, nöthige Erklärungen verschiedener brasilianischer Zustände;

0II. Die Behandlung der Kolonisten in der brasilianischen Provinz St. Paulo, und

III. Die Erhebung der Kolonisten gegen ihre Bedrücker.

Bevor ich aber an die Ausführung dieser 3 Punkte gehe, muß ich nachfolgende wichtige Bemerkungen machen. Vor Allem aus gebe ich die feierliche Versicherung, daß es mir ein heiliger Ernst ist, bei der reinen Wahrheit zu bleiben. Auf der einen Seite möchte ich des Hauptzweckes wegen so viel wie möglich Alles sagen, was Unrechtes gegen die armen Leute begangen wurde, und ich thue dieses selbst auf die Gefahr hin, daß man mich von Brasilien oder vielleicht auch von gewissen europäischen Orten aus der Lüge zeihen werde. Da aber die Nothwendigkeit, mit Hilfe beizuspringen, sich klar genug vor Augen stellen wird, auch ohne zu viel, ja sogar ohne Alles zu sagen, was wahr ist, und ich es wohl bedenke, daß ich einst Angesichts der Herren, deren Thun und Treiben ich zu zeichnen habe, Rechenschaft ablegen muß: so möchte ich [7] mich möglichst hüten, irgend Etwas zu viel zu sagen. In den Fällen, wo ich auf die Aussagen zweiter Personen fußen muß (und dies ist natürlich gar oft nicht auszuweichen), will ich mich so viel wie möglich bemühen, nur auf das Zeugniß glaubwürdiger Männer zu gehen. Als eine weitere Bemerkung muß ich ausdrücklich beifügen, daß unter den hilfsbedürftigen Kolonisten nicht nur Schweizer, sondern auch Deutsche verschiedener Gaue, Holsteiner etc. zu verstehen seien, weßhalb sehr zu wünschen wäre, daß dieses Schriftchen, so wenig es hinsichtlich des Styls, der Anordnung u. s. w. auf eine große Verbreitung Anspruch machen darf, doch den Weg über die Schweizergrenzen hinausfinden und auch die auswärtigen Regierungen und Völker zu einer gemeinschaftlichen Hilfe anspornen möchte. Die meisten andern Kolonisten befinden sich in ähnlicher Lage, wie die schweizerischen; die meisten haben sich auch, als wir Schweizer Hilfe zu suchen anfingen, an uns angeschlossen und uns auf alle mögliche Weise treu unterstützt; wir kannten uns nicht sowohl als Schweizer, Deutsche, Thüringer, Holsteiner u. s. w., sondern vielmehr als bedrückte brasilianische Kolonisten. Welcher wahre Menschenfreund könnte es nun am Herzen haben zuzusehen, wie die Einen vergessen und hilflos gelassen werden, während den Andern hoffentlich nun geholfen wird? Möge darum auch diese Bemerkung nicht fruchtlos ausgesprochen sein! Möge Allen geholfen werden! Geschieht dieses, so will ich Gott für die schweren Wege danken, die Er mich führte, und auf welchen ich die Lage der Kolonisten kennen lernen mußte.