Die Blumen des Paradieses

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Autor: Dr. A. Nagel
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Titel: Die Blumen des Paradieses
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Blumen des Paradieses.

Von Dr. A. Nagel.0 Mit Abbildungen von Emil Schmidt.


Im farben– und formenreichen Hofstaate Floras beanspruchen die Orchideen eine besonders ausgezeichnete Stellung. Mit Recht, denn keine andere Familie vereinigt in sich soviel des Schönen und Merkwürdigen in Gestalt, Färbung und Duft wie diese. Man hat die Falter wohl „fliegende Blüthen“ genannt – „erstarrte Schmetterlinge“ könnte man nicht unpassend zahlreiche Orchideenblumen nennen, bunte Gaukler der Lüfte, die, aus fröhlichem Getümmel herab auf die schwanken Zweige sich niederlassend, plötzlich durch den Zauberspruch einer geheimnißvollen Macht hier festgebannt wurden und seitdem nur noch eine Art Traumleben führen wie das Dornröschen des deutschen Märchens. Die stets geschäftige Volksphantasie geht noch weiter: da sollen einige Blüthen Fliegen und Mücken, andere wieder Bienen und Spinnen täuschend ähneln, sogar Vögel werden zum Vergleich herangezogen. Ein „Botaniker“ der alten Zeit, Hieronymus Bock, sagt in seinem 1552 erschienenen „Kreutterbuch“ von einer Ophrys-Art, der „Stendelwurz“, hinsichtlich ihrer Blüthe: „Das unterst Theil vergleicht sich einer Horneß oder Bremmen, das oberst sicht gleich einem Vögelin mit seinem Haupt und aufgethonen Flügelen.“ Bei diesem Vergleiche läßt unser alter Kräutermann es aber nicht bewenden, allen Ernstes behauptet er, die genannte Pflanze leite ihren Ursprung nicht etwa aus Samen, sondern – worauf räth man wohl? – von den Drosseln her! Einige Orchideen, unter ihnen das seltsame „Vogelnest“ (Neottia nidus avis), galten im Mittelalter für sichere Mittel, sich unsichtbar zu machen, die Wurzelknollen anderer wieder schützten, in die Kleidung eingenäht, ihren Träger vor dem gefürchteten „bösen Blick“ oder erwarben ihm die Zuneigung seiner Mitmenschen. Auch in den Religionsbräuchen einzelner Völker spielen die Orchideen eine Rolle. Bei den alten Griechen war eine Art, Kosmosandalon genannt, der Demeter heilig und wurde bei den sommerlichen Festen der Göttin von den andächtigen Wallern als Kranz getragen; im Vaterlande der schönsten Orchideen, in Mexiko, schmückten die Eingeborenen ihre Tempel und Götterbilder mit den herrlichen Blumen. Dort waren überhaupt von jeher diese Pflanzen beliebt, während es im alten Indien dem Volke untersagt gewesen sein soll, Orchideen zu besitzen und sich mit deren prächtigen Blüthen zu bekränzen! Der Herrscherfamilie sowie der höchsten Aristokratie habe dies Recht allein zugestanden.

Daß man von altersher besonders den stark duftenden Arten unter den Orchideen Geschmack abzugewinnen gesucht hat, versteht sich von selbst. So dienen die getrockneten Knollen einer Anzahl europäischer wie asiatischer Gattungen seit lange zur Gewinnung des, wenigstens früher, sehr geschätzten „Salep“, einer Art nahrhaften Mehls. Die getrockneten Blätter einer auf der Insel Mauritius heimischen Orchidee, Augraecum fragrans, die sich durch starken Wohlgeruch auszeichnet, liefern ein angenehmes Aufgußgetränk, den „Fahamthee“, der eine Zeitlang sogar zu den immer wieder auftauchenden „unfehlbaren Mitteln“ gegen die Schwindsucht zählte. Keine Gattung aber hat als Genußmittel eine solche Bedeutung gewonnen wie die Vanille. Die schotenförmigen Früchte der in Mexko einheimischen Vanilla planifolia gehören ja zu den beliebtesten, aromatischesten aller Gewürze. Das Gewächs, von den alten Azteken mit dem anmuthigen Namen tlilxochitl belegt, gehört zu den Kletterpflanzen und gedeiht daher nur dort, wo recht hohe weitverzweigte Bäume ihm Gelegenheit geben, dem angeborenen Triebe zu genügen. Von Mittelamerika wurde die Vanille nach Java verpflanzt, wo sie zwar üppig gedieh, aber anfänglich keine Schoten erzeugen wollte. Lange suchte man vergeblich nach der Ursache hiervon, bis man fand, daß sie im Fehlen gewisser Insekten auf Java liege, die in der Heimath die Blüthen der Vanille [172] aufsuchen. Diese geflügelten Boten verschleppen die stark klebrigen Pollenstaubmassen der einen Blüthe auf die Narbe einer andern und bewirten dadurch die Fruchtbildung. Es blieb nichts anderes übrig, als diesen Vorgang durch die Uebertragung mittels eines feinen Pinsels künstlich nachzuahmen, und seitdem erzeugt die Pflanze auch auf Java die geschätzten aromatischen Schoten.

Bis zum Beginne dieses Jahrhunderts wußte man von der Pracht tropischer Orchideen so gut wie gar nichts. Erst durch A. von Humboldts und Bonplands berühmte Reisen in Süd- und Mittelamerika wurde eine eingehendere Kenntniß dieses Gebietes der Pflanzenkunde angebahnt. Die englischen Botaniker Brown und Lindley namentlich, in Deutschland Endlicher und

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Cattleya citrina

Reichenbach, wandten den wunderbaren Blüthen ihr Interesse zu, aber erst Darwin gelang es vor beinahe dreißig Jahren, das Geheimniß der Orchideenblumen völlig zu enträthseln.

Während im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts etwa hundert Arten bekannt waren, zählt man heute über sechstausend, und noch werden alljährlich neue Formen entdeckt. Und nicht allein die feuchtheißen Urwälder der Tropen liefern ihren Beitrag, auch dort, wo niemand die farbenglühenden Blüthen mehr vermuthen würde, in den Anden, 4000 m hoch und darüber, gedeiht eine Anzahl Arten. Auch in Afrika birgt die kältere Hochlandsregion prächtige Orchideen, vor allem die herrliche brennendrothe Disa grandiflora vom Tafelberge.

Die nebenstehende Abbildung, einem Verzeichnisse der Landauer Firma Seeger und Tropp entnommen, führt uns eine schöne, beliebte Treibhaus-Orchidee vor, die auf Bäumen lebende Cattleya citrina mit ihren herrlichen leuchtend gelben Blumenglocken. Bei Phalaenopsis Schilleriana, von welcher wir ebenfalls eine Ansicht beifügen, fällt neben der wundervollen Blüthe die hübsche Zeichnung der Blätter angenehm ins Auge.

Die schönste aller bisher bekannten. Orchideen muß den Schilderungen derjenigen zufolge, welche Gelegenheit hatten, die Blume in ihrer Heimath zu sehen, die Sobralia macrantha sein. Diese herrliche Orchidee Süd- und Mittelamerikas, palmbaumschlank an Wuchs, sendet Schafte bis zu 6 m hoch empor, die über und über mit den großen rosigen Blumen vom köstlichsten Wohlgeruch bedeckt erscheinen. Einer Fee der bergigen Einsamkeit gleich, wiegt sie sich über dem jähen Abgrunde. So führt sie in erhabenster Umgebung, unberührt vom alltäglichen Getriebe, in stets sich erneuernder Frische und Schöne in der That ein Paradiesesleben, und „Flor del Paradiso nennen auch die Bewohner des Landes bewundernd die Blume.

Auf diesem naiven Standpunkte der Freude an Farben und Formen, nicht der Orchideen allein, sondern auch aller anderen blühenden Gewächse, verharrte die Mehrzahl der Botaniker vergangener Jahrhunderte. Die bunten Blüthen schienen einzig dazu da, das Auge des Menschen zu erfreuen – ob die glänzende Färbung nicht vielleicht auch zum Leben der Pflanze in irgend einer Beziehung stehen möchte, diese Frage tauchte unter den damaligen Forschern nur höchst vereinzelt auf. Warum schmücken die schlechthin „Blumen“ genannten Gewächse sich mit prächtigen Farben? Würden nicht etwa grünliche, den Laubblättern ähnliche Blüthen dieselben Dienste thun? Weshalb verhauchen viele von ihnen uns angenehme, andere wieder geradezu abscheuliche Düfte? Warum sondern solche Blüthen oft reichliche Mengen süßen Saftes ab? Einen bedeutungsvollen Versuch, diese und ähnliche Fragen zu lösen, unternahm vor nun, mehr beinahe hundert Jahren ein deutscher Botaniker, Christian Konrad Sprengel, Rektor zu Spandau (1750–1816), in seinem von großer Beobachtungsgabe und liebevoller Hingebung an den Gegenstand zeugenden Werke „Das entdeckte Geheimniß der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“, Berlin 1793. Sein Forschereifer führte ihn bis hart an die Pforte des Blumengeheimnisses, diese selbst zu öffnen, war einem Größeren vorbehalten.

Charles Darwin hat zuerst, 1860, in dem umfassenden Werke „Ueber den Ursprung der Arten“ auf Grund zwanzigjähriger sorgfältiger eigener wie fremder Beobachtungen den Satz ausgesprochen, „daß kein organisches Wesen eine unbegrenzte Reihe von Generationen hindurch sich selbst befruchtet, sondern daß eine Kreuzung mit einem andern Individuum gelegentlich wenn auch vielleicht oft erst nach langen Zeiträumen – unerläßlich für das Fortbestehen der betreffenden Art ist.“ So zeigt sich bei den Blumen, daß die Befruchtung einer Blüthe mit dem Blütenstaub (Pollen) einer andern derselben Art kräftigere und keimfähigere Samen erzeugt, als wenn die Narbe jener Blüthe mit dem Pollen ihrer eigenen Staubgefäße (Antheren) belegt wird. In den weitaus meisten Fällen vermeidet sogar, um mich bildlich auszudrücken, die Natur mit aller Sorgfalt ein gleichzeitiges Reifen der männlichen und weiblichen Blumenorgane, um Eigenbestäubung nach Möglichkeit zu verhindernd. Demselben Zwecke dient auch die ganze Gestaltung der meisten Blüthen, im besonderen der Orchideen. Ja, hier geht in manchen Fällen die Abneigung der Natur gegen die Selbstbefruchtung so weit, daß der eigene Pollen einer Blüthe auf ihre Narbe wie ein tödliches Gift wirkt; sie verschrumpft, von ihm berührt, rasch und die ganze Blume stirbt ab!

Ist somit der Vortheil der Kreuzbefruchtung dargethan, so

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Pholaenopsis Schilleriana.

schließt sich daran naturgemäß die Frage, welche Kräfte denn in der Natur die Uebertragung des Blütenstaubes von einer Blume zur andern bewirken, und die Antwort darauf lautet: die geflügelten Insekten. Die auffallende Färbung, der starke Duft, oftmals beides im Verein lockt die honigsuchenden hungrigen Kerfe, Schmetterlinge, Bienen, Hummeln etc. zu den Blüthen hin, wo, ohne ihr Wissen und Wollen, sich ihren bepelzten Leibern eine gewisse Menge des befruchtenden Pollenstaubes anheftet, den sie alsbald, eine andere Blüthe aufsuchend, auf deren Narbe abstreifen. Blumenfarben wie -düfte sind also von höchster Bedeutung für die Pflanzen, welche zu erfolgreicher Bestäubung des Insekenbesuchs nicht entbehren können. Völlig überflüssig aber würden glänzende Tinten und große Blüthenhüllen dort sein, wo große Mengen trockenen, leicht verstäubenden Pollens gebildet und vom Winde den weiblichen Organen zugeführt werden. Daher suchen wir umsonst bei den Gräsern, den Nadelhölzern, der Hasel, der Eiche etc. nach wirklichen Blumen – sie würden hier gar nicht in Wirksamkeit treten können, denn was sollen dem Winde Farben und Duft? So ergiebt sich naturgemäß die Unterscheidung der blüchentragenden Gewächse nach „Insektenblüthlern“ (Entomophilen) und „Windblüthlern“ (Anemophilen).

Die Orchideen sind ausgesprochene Insektenblumen. Viele von ihnen haben sich bis zu dem Grade ganz bestimmten Kerbthieren bezüglich ihrer Blütheneinrichtung nach Form, Farbe und Umfang angepaßt, daß ein plötzliches Aussterben jener Geschöpfe dort mit Bestimmtheit den allmählichen Untergang der betreffenden Pflanzen nach sich ziehen würde!

Zur Veranschaulichnng des Gesagten wollen wir auf die Blütheneinrichtung des auch bei uns, besonders in Thüringen, heimischen „Frauenschuhs“ (Cypripedium calceolus) etwas näher eingehen.

Unsere Abbildung zeigt links die Blüthe des „Frauenschuhs“ in ihrer natürlichen Stellung am Schafte, von vorn und oben her gesehen. Die drei Kelchblätter sind mit s (sepala), die beiden seitlichen Blumenblätter mit p (petala) bezeichnet. Der wichtigste Theil ist p’, das zu einer großen, plump schuhförmigen Lippe (labellum) aufgeblasene untere Blumenblatt von gelblicher Färbung, während die Hüllblätter röthllch braull tingirt sind. Das Labell ist für sich allein im Längsschnitt in 2 noch einmal dargestellt. Es ist bei den Orchideen im allgemeinen der Nektarbehälter, hier führt es zwar keinen eigentlichen Honig, doch sondern die auf der Unterseite stehenden feinen Härchen kleine Tröpfchen einer etwas klebrigen Flüssigkeit ab, die den die Blume besuchenden Insekten immerhin von einigem Werthe sein muß. Im Gegensatz zu anderen Orchideen sind hier die drei Narben oder Stigmen (st) sämmtlich entwickelt, wenn schon sie so miteinander verschmolzen auftreten, daß nur ein Organ der Art vorhanden zu sein scheint. Wie aus 1 und 2

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Die Blütheneinrichtung des „Frauenschuhs“.

[174] ersichtlich ist, besitzt das Labellum bei i eine ziemlich weite Oeffnung, welche zum kleineren Theil von einem eigenthümlich gestalteten, in 3 besonders – von unten her betrachtet – abgebildeten Organ überdeckt wird, das der Träger der Narben (st) und der beiden, symmetrisch dazu gelegenen Antheren oder Staubbeutel (a a) ist.

Der obere schildförmige Theil a’ wird entwickelungsgeschichtlich als ein rudimentäres, verkümmertes, funktionslos gewordenes Staubgefäß aufgefaßt, die beiden andern Staubbeutel dagegen erzeugen reichliche Mengen von Pollen, dessen einzelne Körner (Zellindividuen) mit einer klebrigen Feuchtigkeit überzogen sind.

Die Narbe besitzt hier ausnahmsweise keinen Klebstoff.

Neben den beiden Staubbeuteln a a befinden sich zwei andere kleinere Oeffnungen im Labellum, deren eine im Durchschnitt in 2 sichtbar ist (ex). Rückwärts setzt die Narbe sich fort in das Ovarium oder den Fruchtknoten (ov), in welchem nach erfolgter Bestäubung die Samen sich entwickeln. Da die Ränder der Oeffnung i umgebogen sind, so stellt das Labellum eine Art konischer Falle vor, die nur durch die seitlichen Löcher ex sparsames sames Licht erhält.

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Sehen wir nun, wie diese Vorrichtung wirkt. Eine Gattung kleiner Bienen, Andrena, namentlich die A. parvula, gehört zu den Hauptbesuchern der Frauenschuhblüthe. Die gelben und purpurnen Farben der Blume locken den kleinen Honigsucher herbei, der süße Duft aus dem Innern zeigt ihm den einzuschlagenden Weg. Mit einiger Mühe hat das Thier den Eingang zum Nektarkeller bewerkstelligt, um sich vorläufig hier als – Gefangenen festgehalten zu sehen. Denn vergeblich versucht die Biene, nachdem sie von den erwähnten Tröpfchen geschlürft, denselben Weg zurück zu nehmen: die Wände ringsum sind viel zu glatt, um ein Aufklettern zu gestatten, zudem verschließt der umgebogene Rand die Eintrittsöffnung nur allzu sicher.

Was thun? Nachdem die Eingekerkerte sich längere Zeit vergeblich abgemüht hat, beschließt sie, dem schwachen. Lichtschein zu folgen, der von den kleinen Oeffnungen (ex) her in das Dunkel dringt, und in dieser Absicht unterstützt die Blüthe sie kräftigst. Denn die Behaarung des nach hinten führenden Wegs erleichtert dessen Verfolgen seitens der Biene in hohem Grade.

Dabei kann sie aber zweierlei nicht vermeiden: zuerst ein Anstreifen mit dem bepelzten Rücken gegen die Narbe (st), die etwas in das Labellum hinabgedrückt ist; sie überwindet das kleine Hinderniß und schickt sich nun an, durch eine der Kellerluken das Freie zu gewinnen. Dann aber muß das Insekt notwendigerweise unter einem der beiden Staubbeutel (a) durchkriechen und sich so mit dem leicht anklebenden Pollen desselben behaften. Wahrscheinlich kümmert aber diese Beschmutzung ihres Haarkleides die Biene ebenso wenig wie einen entsprungenen Gefangenen sein zerrissener Rock – genug, kaum von der einen Blüthe entlassen, sucht sie eine zweite auf, und das geschilderte Spiel wiederholt sich, – aber jetzt mit dem Unterschiede, daß die Narbe mit dem fremden, eingeschleppten Pollen beim Anstreifen belegt und so die Befruchtung eingeleitet wird.

Die Gattung „Franuenschuh“ stellt in ihrer einfachen Bestäbungseinrichtung wahrscheinlich annähernd den Urzustand der großen. Orchideenfamilie dar; weit umständlicher sind schon die

Verhältnisse bei der Gattung Orchis und leicht an den schönen rothen Blumen der weitverbreiteten Orchis maculata an Orchis mascula und Orchis pyramidalis zu beobachten. Hier, wie auch vielfach anderwärts. sind die Pollenkörner nicht lose, sondern zu gestielten Organen miteinander verbunden, den sogenannten „Pollinien“, die mittels besonderer Klebscheiben den besuchenden Insekten an den Kopf oder Saugrüssel, sogar auf die Augen sich heften, um nach andern Blüthen verschleppt zu werden, ein Vorgang, der bei den genannten Arten sich recht anschaulich durch Einführen eines spitzen Bleistiftes in den Blumenschlund nachahmen läßt.

Wir wenden uns nun einem recht verwickelten Beispiele zu, welches der in den Tropen heimischen Gruppe der Catasetideen, nach Darwin der merkwürdigsten aller Orchideen, entnommen ist. Die Gattung Catasetum enthält ausschließlich männliche Blüthenformen, da die Narbe durch allmähliche Verkümmerung im Laufe zahlloser Generationen funktionslos geworden ist; wir kommen weiter unten auf diese Eigenthümlichkeit zurück. Vorläuflg soll der Leser mit dem wunderbaren Bau der Blüthe von Catasetum saccatum bekannt gemacht werden. Unsere Abbildung derselben giebt in B eine Seitenansicht der Blüthe, von welcher die das besuchende Insekt bloß anlockenden, aber nicht unmittelbar mitwirkenden Kelch- und Blumenblätter abgetrennt sind.

Beginnen wir von unten herauf, so zeigt sich uns zuerst der rudimentär gewordene, schraubig gedrehte Fruchtknoten, an dessen oberen Ende die übrigen Blüthen- theile haften, nach links hin, horizontal ausgestreckt, das dem „Schuh“ des Cypropedium vollkommen entsprechende Labellum das unterste Blumenblatt. Es ist, wie man sieht, hohl und führt an der Oberseite eine große klaffende Oeffnung, die absonderlich gestaltet und an den Rändern von Leisten eingefaßt ist. Das Innere des Labellums erzeugt ebenfalls keinen eigentlichen Nektarsaft, aber die Wände der Höhlung bestehen aus einem fleischigen dicken Zellgewebe von süßlichem Geschmack und werden, wie dies hier gleich hervorgehoben sein mag, von den Insekenbesuchern benagt.

Das freie Ende der Lippe verläuft in ein seltsames, bartähnliches, gefranstes Anhängsel, das dem anfliegenden Thiere einen sichern Landungs- und Ruheplatz darbietet.

Senkrecht zum Labellum erhebt sich ein anderes, in dem einfachen Blütenbau des „Frauenschuhs“ nicht vorkommendes Gebilde. Es ist das „Säulchen“ (columna), ein in den verschiedensten Formen auftretendes und für die Orchideenfamilie charakteristisches Organ. In A ist es von vorn gesehen dargestellt. Der allgemeine Eindruck seiner Gestalt ist ein recht wunderlicher, die schöpferische Natur scheint hier seiner krausen Laune nachgegeben zu haben – wie wundervoll indeß dieser kleine Apparat arbeitet, wird sich alsbald zeigen. Verfolgen wir von dem spitzen Zipfel des Säulchens abwärts unsern Weg, so treffen wir bei a zuerst auf ein Paar kugeliger Vorwölbungen, hinter deren Wandungen sich die zu rundlichen Körpern der,. einigten Pollenmassen verstecken. Darunter liegt eine andere Kugelung pd, in welcher der gemeinsame Stiel oder Fuß der beiden Pollenkörper verborgen liegt, der in die etwas tiefer postirte Klebscheibe (bei d) endigt. Ein derartiges Organ wird, wie schon bemerkt, Pollinium genannt. Wir haben dasselbe, losgelöst aus dem Gesammtverbande, nach besonders abgebildet. Die etwas [175] schematisirte Zeichnung links zeigt die Lagerung des Polliniums innerhalb des Säulchens. Der Stiel ped ist dabei stark gebogen, während er nach dem Freiwerden gerade gestreckt ist. Die Scheibe des Stieles ist durch ein biegsames Gelenk mit demselben verbunden, der bandartige Stiel rollt, nach dem Entferntwerden aus dem Säulchen, seine Ränder einwärts und die Pollenballen führen auf ihrer Unterseite zwei Längsspalten, durch die der befruchtete Blütenstaub auf die Narbe entlassen wird. Die dicke klebrige Fußscheibe (d) liegt, wie aus der Durchschnittsfigur ersichtlich, in der als Narbe funktionslosen Höhlung s und wird hier beständig feucht erhalten. Dies ist von großer Bedeutung, da ohne diesen Umstand der Klebstoff sehr rasch erhärten und damit untauglich werden müßte.

Die sonderbarsten und bei keiner andern Gattung sich wiederfindenden Organe aber sind die beiden langgeschwänzten Fühler oder Antennen des Säulchens (an). Sie namentlich verleihen, im Vereine mit der trüben kupferigen und orangefleckigen Färbung, dem bizarr geformten Labell und seiner rachenähnlichen Oeffnung, der Catasetum-Blüte das „fremdartige, düstere und fast reptilienartige“ Ansehen.

Fühler heißen sie mit Fug und Recht, denn sie leisten der Blume denselben Dienst wie die gleichnamigen Organe der Käfer und Schmetterlinge ihren Besitzern. Wenigstens gilt dies genau von der einen, weit vorgestreckten Antenne. Die Blüthe ist nämlich gegen Berührungen von einer gewissen Stärke, die diesen Fühler treffen, sehr empfindlich, sie ist reizbar wie die Fiederblättchen der Mimosa pudica. Und nicht mechanische Erschütterung allein, auch andere Einflüsse verursachen das gleich zu beschreibende überraschende Gebaren dieser Orchidee, so eine plötzliche Temperaturerhöhung oder die Einwirkung von Chloroformdämpfen auf die Blüthe. Die ganze Einrichtung wie die bedeutende Größe der Blume führt zu dem durch Beobachtungen bestätigten Schlusse, daß nur große, kraftolle Insekten regelmäßige und – für die Pflanze nützliche Besucher sein können.

Densen wir uns nun einen solchen Kerf, etwa einen der großen tropischen Käfer, der angeflogen ist und auf dem herabhängenden, gefransten Theil des Labellums sitzt! Er rückt gegen die Oeffnung vor, die ihm Hoffnung auf Honigschmaus macht, schon will er den Kopf hineintauchen, da – „zwischen Lipp’ und Kelchesrand“ – stößt er wider den Zipfel der vorgestreckten Antenne, und die bis dahin gleichsam schlummernde Blüthe bekundet ihr Erwachen in sehr derber Weise. Das Pollinium nämlich reißt sich plötzlich vom übrigen Zellgewebe des Säulcheus los und schnellt sich mit großer Kraft, indem es sich gewaltsam geradestreckt, die Klebscheibe voran, dem Störenfriede an den Kopf, wo es, Dank dem schnell erhärtenden Klebstoffe der Scheibe, augenblicklich festhaftet. Erschrocken sucht der so heimtückisch aus dem Hinterhalt Angeschossene augenblicklich das Weite, den Polliniumpfeil auf der Stirn. So bedeutend ist die durch den Reiz ausgelöste Energie, daß oft der ganze obere Theil (f) des Säulcheus mit abgerissen wird und das Pollidium, falls die Reizung künstlich herbeigeführt wurde, seines natürlichen Zieles bar gegen einen Meter weit fliegt! Dabei kommt, außer der Längs-Geradestreckung als verstärkend auch noch die plötzliche Einrollung der Ränder des Stieles ins Spiel, eine Erscheinung, wie sie z. B. eine gespaltene Federpose zeigen würde, die matt auf einen stärkeren Bleistift zu klemmen versuchte. Darwin ahmte die Mechanik des betriebenen Ates sehr anschaulich in der Art nach, daß er ein feines Fischbeinstreifchen, welches an einem Ende der Scheibe entsprechend etwas beschwert war, um einen cylindrischen Gegenstand herumbog, gleichzeitig das obere Ende mit einem Nadelkopfe leicht festhaltend. Ließ er nun den untern Theil plötzlich frei, so schnellte regelmäßig das Ganze ab mit diesem beschwerten Ende voran.

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„Das Pollinium.“

Wir haben das Catasetum als eine rein männliche Orchidee kennengelernt – welches ist nun die weibliche zugehörige Pflanze, auf welcher durch die Vermittellung des pollenbehafteten Insektes die Fruchtbildung zustande kommen solle. Schon längere Zeit kannte man zwei in denselben Gegenden wie Catasetum einheimische, im Aussehen von diesem vollkommen verschiedene Orchideen, die man mit den Gattungsnamen Monachanthus und Myanthus belegte. Niemals konnte man bei Catasetum Samenbildung beobachten, während die Monachanthus-Arten große Fruchtkapseln hervorbrachten. Da machte unser Landsmann Sir Rob. Schomburgk, der 1865 gestorbene berühmte Reisende und Forscher, die merkwürdige Beobachtung, daß die genannten drei Gattungen, anscheinend völlig von einader unabhängige Gewächse, auf einem und demselben Pflanzenexemplar vorkommen können. Catasetum tridentatum blühte mit Monachanthus viridis und Myanthus barbatus auf einer Pflanze! Später beobachtete man im botanischen Garten zu York eine Catasetum-Art, welche neun Jahre lang Blumen wie die oben beschriebenen erzeugte, dann aber plötzlich einen Schaft mit Myanthus-Blüthen trieb. Wie bei Catasetum die weiblichen, so sind natürlich bei Monachanthus die männlichen Organe verkümmert, nur die Myanthus-Form enthält beide vollkommen funktionsfähig, bildet also eine Art Vermittlerin zwischen jenen Extremen.

Die Stellung des Polliniums auf dem Körper des Insektes ist gerade eine solche, daß beim Besuche der weiblichen Blüthenform die Pollenballen die stark klebrige Narbe berühren und einen Antheil des befruchtenden Elements dort zurücklassen müssen. Natürlich wird nicht allemal das Thier nach dem Besuch des Catasetum sogleich zum Monachanthus eilen, oft genug wird es mehrere Blumen der ersten Art nach einander aufsuchen und so förmlich mit Pfeilen gespickt werden, bevor es sich entschließt, einmal eine Abwechselung eintreten zu lassen -- für das Schlußergebniß kommt dies indeß auf eins hinaus.

Ich habe im Vorstehenben eine Skizze aus dem Leben der wunderbarsten aller Blumen zu geben versucht. – Sollte es mir gelungen sein, bei dem Leser ein Interesse für dies „wunderlich Kapitel“ zu erwecken, so kann ich ihm als eine vortreffliche Anleitung zum Selbstbeobachten derartiger Vorgänge außer dem schon angeführten Buche Darwins das Werk des leider allzufrüh verstorbenen Herm. Müller, „Die Befruchtung der Blumen durch Insekten“ (Leipzig 1873), desselben Verfassers Untersuchungen über die Alpenblumen, sowie das kleine Buch I. Lubbocks, „Blumen und Insekten in ihren Wechselbeziehungen“ (1877), empfehlen.

Mancherlei Fragen knüpfen sich für den Naturfreund unwillkürlich an diese Vorgänge. Namentlich die: wie weit reicht die Beseelung? Sollen wir die Pflanzen nur als eine Art von lebenden Maschinen auffassen, wie es seinerzeit der Philosoph Descartes mit den Thieren that, oder sind sie doch vielleicht etwas mehr? Welche Kräfte leiten die gegenseitige Anpassung ein und vollenden sie?

Im Treibhause fällt uns eine herrliche Orchideenblüthe ins Auge, deren Labell in einen spannenlangen Sporn ausgezogen ist. Welches Insekt mag in der Heimath der Blume ihr Gast und Liebesbote sein? Die Antwort giebt die Blüthe selbst: nur einer der gigantischen Schmetterlinge, wie sie die üppige Tropennatur gebiert, kann der Befruchter sein, Riesen, deren Saugrüssel eine Länge von zwanzig und mehr Zentimetern erreicht. Dem kleineren unberufenen Kerfengesindel versagt die Blume den am Grunde des Sporns verborgenen Honigtrank. Der Schmetterling bedarf der Pflanze, die Pflanze des Schmetterlings, in ihrer Vereinigung erst bilden sie das wahre Wesen, die Goethschen Worte bestätigend:

„Kein Lebend’ges ist ein Eins,
Immer ist’s ein Vieles.“