Die Elektrizität als Heilmittel (Die Gartenlaube 1877/34)

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Textdaten
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Autor: Reginald Henry Pierson
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Titel: Die Elektrizität als Heilmittel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 569–571
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Elektricität als Heilmittel.
Von Dr. med. Pierson.


Es ist wohl schon manchem unserer Leser passirt, daß ihm von dem Hausarzte, den er wegen eines hartnäckigen Nervenschmerzes (Neuralgie) oder irgend eines anderen Nervenleidens befragt hatte, der Rath gegeben wurde, er solle sich „elektrisiren“ lassen. Gewöhnlich ist der Patient von diesem Ansinnen wenig erbaut, denn bei dem bloßen Worte „elektrisiren“ taucht in ihm eine dunkle Vorstellung von einem heftigen Schlage auf, den er einmal in der Schule, bei Gelegenheit der Erklärung der Elektrisirmaschine, oder auch auf einem Jahrmarkte erhalten hatte, wo ein solcher Apparat der schaulustigen Menge gezeigt wurde und wo schließlich auch bei unserem Patienten die Neugierde den Sieg über eine gewisse heimliche Furcht davongetragen und er an seinem eigenen Körper die Wirkungen der Elektricität in der angegebenen Weise erprobt hatte. Natürlich sind derartige Reminiscenzen wenig geeignet, das Vertrauen des Publicums zu der Heilkraft der Elektricität zu erwecken, indessen hoffen wir durch die nachfolgenden Zeilen unsere Leser zu überzeugen, daß die Furcht vor einer elektrischen Cur, wenn sie von einem gebildeten Arzte vorgenommen wird, vollständig unbegründet ist; ehe wir jedoch zur Besprechung unseres eigentlichen Themas übergehen, möchten wir noch darauf hinweisen, daß das sogenannte „Magnetisiren“ mit der medicinischen Wissenschaft im Allgemeinen und der elektrischen Heilmethode im Besonderen nicht das Geringste zu thun hat; letztere beruht auf wohlbegründeten physikalischen Gesetzen, der thierische Magnetismus aber ist lediglich Sache des Glaubens, nicht des Wissens, und liegt deshalb gänzlich außerhalb des Bereiches einer wissenschaftlichen Erörterung.

Betrachten wir nunmehr die verschiedenen Elektricitätsquellen, so haben wir zunächst die bereits erwähnte Reibungselectricität zu nennen, welche in der bekannten, von dem Magdeburger Bürgermeister Guericke im Jahre 1671 construirten Elektrisirmaschine durch Reibung einer Glasplatte an einem mit einem Reibstoff bestrichenen Lederkissen erzeugt wird. Man nimmt nun an, daß durch diese Reibung die in allen Körpern schlummernde Elektricität in der Weise vertheilt wird, daß auf der Glasscheibe die sogenannte positive, auf dem Reibzeuge negative Elektricität sich entwickelt. Setzt man die eine der beiden Elektricitäten durch einen leitenden Körper, z. B. einen Metalldraht, mit dem Erdboden in Verbindung, so häuft sich die entgegengesetzte Elektricität auf der Maschine an und kann durch eine geeignete Vorrichtung, den Conductor, auf den menschlichen Körper übertragen werden. Unser Körper gehört nämlich zu den die Elektricität leitenden Stoffen, wenn er auch ein weit weniger guter Leiter ist, als z. B. die Metalle; man hat berechnet, daß der Widerstand, den der Körper eines einzigen Menschen der Elektricität entgegensetzt, zwei Mal so groß ist, als der des gesammten transatlantischen Kabels; hieraus ergiebt sich, daß die Elektricität einen hohen Spannungsgrad haben muß, um diesen Widerstand zu überwinden, und es erklärt sich somit auch die Erschütterung, welche unser Organismus durch die Einwirkung der mit einer bedeutenden Spannung versehenen Reibungselektricität erfährt.

Eine bedeutend stärkere Wirkung läßt sich durch die sogenannte „Leydner Flasche“ erzielen. Dieselbe stellt ein in- und auswendig nicht ganz bis zum Rande mit Staniol belegtes Glasgefäß dar; der innere Beleg wird durch einen am oberen Ende mit einem Knopf versehenen Messingdraht mit dem Conductor (Leiter) einer Elektrisirmaschine, die äußere Fläche mit dem Erdboden in Verbindung gebracht; es sammelt sich alsdann positive Elektricität auf der Innenfläche, negative auf der Außenfläche der Flasche an. Wird nun dem Knopfe positive oder negative Elektricität mitgetheilt, so verbreitet sich dieselbe über den inneren Ueberzug und in Folge dessen wird an dem äußeren Ueberzug die entgegengesetzte Elektricität entwickelt; die Flasche ist nunmehr geladen; die Entladung findet statt, sobald zwischen Knopf und äußerem Ueberzug eine Verbindung hergestellt wird, wobei unter Funkenbildung die beiden entgegengesetzten Elektricitäten sich vereinigen. Lassen wir also die Entladung durch den menschlichen Körper bewerkstelligen, so erhält man den eingangs erwähnten „elektrischen Schlag“, dessen Heftigkeit von der Stärke der Ladung und der Größe der Oberfläche der Flasche abhängig ist. Kleine Thiere kann man durch eine solche Entladung tödten, aber auch beim Menschen hat man durch die Einwirkung einer Batterie von Leydner Flaschen Lähmungserscheinungen, ja selbst den Tod in ganz derselben Weise und mit demselben Leichenbefunde eintreten sehen, wie man ihn nach Blitzschlag beobachtet. Zu medicinischen Zwecken wurde die Reibungselektricität in früherer Zeit vielfach verwendet, allein wegen der Gefährlichkeit und Umständlichkeit des Verfahrens kam man später mehr und mehr davon ab, zumal da die beiden anderen, gleich zu erwähnenden Formen der Elektricität viel wirksamer und bequemer für die ärztliche Anwendung sind.

Unsere zweite Elektricitätsquelle ist die von dem Italiener Galvani im Jahre 1789 zufällig entdeckte Berührungselektricität, nach diesem später Galvanismus genannt. Dieselbe wird gewöhnlich dadurch erzeugt, daß man zwei durch einen Draht verbundene Metallplatten, z. B eine Zink- und eine Kupferplatte (statt des einen Metalles nimmt man auch häufig ein Stück Kohle) in eine Flüssigkeit, z. B. verdünnte Schwefelsäure, eintauchen läßt. Es entwickelt sich nun auf der Zinkplatte positive Elektricität, welche durch die leitende Flüssigkeit zum Kupfer geht; die negative Elektricität des Kupfers dagegen strömt durch den Draht zu der Zinkplatte. Auf diese Weise entsteht ein continuirlicher [570] elektrischer Strom, der so lange andauert, bis das eine Metall von der Flüssigkeit total aufgelöst ist. Es giebt nun verschiedene Vorrichtungen dieser Art, die man nach ihren Erfindern als Daniell’sches, Bunsen’sches, Grove’sches Element bezeichnet; durch Verbindung mehrerer solcher Elemente erhält man die galvanischen Batterien.

Unsere dritte Elektricitätsquelle ist die von dem großen englischen Physiker Faraday im Jahre 1831 entdeckte Inductionselektricität, die man zu Ehren ihres Entdeckers auch Faradismus nennt. Dieselbe beruht auf der Beobachtung Faraday’s, daß ein galvanischer Strom im Moment seines Entstehens und Vergehens in einem benachbarten, ebenfalls die Elektricität leitenden Körper, z. B. einem Kupferdraht, elektrische Ströme zu erzeugen im Stande ist. Wenn man also z. B. einen auf einer Holzspule aufgewickelten übersponnenen Kupferdraht mit einer galvanischen Batterie verbindet und in diese Spule eine ebenfalls mit Kupferdraht umwickelte Rolle hineinschiebt, so entsteht in dem Augenblicke, wo der galvanische Strom geschlossen wird, das heißt wo die beiden entgegengesetzten Elektricitäten Gelegenheit finden, sich zu vereinigen, ein momentaner elektrischer Strom in dem Drahte der innern Rolle, ebenso in dem Augenblicke, wo der galvanische Strom wieder unterbrochen wird. Man kann die Wirkung dieses „inducirten“ Stromes dadurch erhöhen, daß man in die Rolle einen Eisenstab einlegt; derselbe wird nämlich durch den elektrischen Strom magnetisch und wirkt in Folge der in diesem Zustande zwischen Magnetismus und Elektricität bestehenden eigenthümlichen Wechselbeziehungen wieder verstärkend auf den Strom zurück.

Man kam nun bald dazu, eine Vorrichtung zu ersinnen, mittelst deren auf einfache Art ein galvanischer Strom in rascher Aufeinanderfolge unterbrochen und wieder geschlossen werden kann, und da der ursprüngliche Strom durchaus nicht stark zu sein braucht, um Inductionsströme zu erzeugen – ein bis zwei Elemente genügen vollständig – so gelang es den Bemühungen der Mechaniker sehr schnell, handliche Apparate zur Erzeugung des Faradismus zu construiren; es ist deshalb auch begreiflich, daß die Inductionselektricität rascher zu allgemeiner medicinischer Anwendung kam, als der über vierzig Jahre früher entdeckte Galvanismus.

Wenden wir uns nun zu den Wirkungen, welche der elektrische Strom auf den gesunden menschlichen Körper ausübt, so müssen wir als die auffälligste die schon von Galvani an einem Froschschenkel beobachtete Zusammenziehung der Muskeln bezeichnen. Am deutlichsten zeigt sich diese „elektrische Muskelcontractilität“, wenn man den einen Pol einer galvanischen Batterie oder eines faradischen Apparates mit einem Bewegungsnerven, den anderen mit dem zugehörigen Muskel in Verbindung bringt; es entsteht sodann bei Schluß des Stromes eine lebhafte Zuckung, eine schwächere bei Oeffnung desselben; so lange der Strom ununterbrochen fließt, wird keine Muskelzusammenziehung wahrgenommen, wenn nicht ein ganz enorm starker Strom angewendet wird; in diesem letzteren Falle tritt eine anhaltende, krampfartige Zusammenziehung des Muskels ein. Je rascher man den Strom unterbricht, desto energischer fallen die Zuckungen aus, weshalb auch der faradische Strom mit seinen fortwährenden Unterbrechungen zur Hervorrufung von Muskelbewegungen besonders geeignet ist. Durch den Willenseinfluß lassen sich diese künstlich erzeugten Bewegungen bis zu einem gewissen Grade unterdrücken, doch gehört schon eine große Willensanstrengung dazu, der Wirkung eines starken faradischen oder galvanischen Stromes erfolgreichen Widerstand zu leisten.

Neben diesem Bewegungsphänomen machen sich aber auch Wirkungen auf die Haut bemerklich, und zwar sind diese um so bedeutender, je trockner die Haut ist. Der galvanische Strom erzeugt bei mittlerer Stärke ein gelindes Brennen, der faradische eine mehr prickelnde Empfindung; gleichzeitig wird die Haut geröthet. Will man nun hauptsächlich auf die in der Haut verbreiteten Gefühlsnerven wirken, so leitet man den Strom durch Vermittelung metallischer Conductoren auf die trockne Haut; sollen dagegen die tieferen Theile, namentlich die Muskeln, von der Elektricität beeinflußt werden, so überzieht man die Conductoren mit nassem Schwamm oder Leder und sorgt für gute Durchfeuchtung der Haut, am besten mit warmem Salzwasser; es wird alsdann die schmerzhafte Hautreizung fast ganz vermieden. Mit diesem einfachen Verfahren ist es dem genialen französischen Arzt Duchenne von Boulogne gelungen, den elektrischen Strom genau auf diejenige Stelle des Körpers zu „localisiren“, welche der Behandlung bedürftig erscheint, und er gründet hierauf sein System der localisirten Faradisation, welches von ihm im Jahre 1850 veröffentlicht wurde.

Faraday’s Entdeckung stellte die Errungenschaften des galvanischen Stromes auf dem Gebiete der Heilkunde, welche wir A. von Humboldt, Hufeland und Anderen zu danken haben, gänzlich in den Hintergrund, um so mehr, als durch Duchenne der Nutzen der Inductionselektricität zu Heilzwecken in so glänzender Weise dargethan wurde. Als daher in der Mitte der fünfziger Jahre der geistvolle Berliner Arzt Robert Remak es unternahm, den galvanischen Strom wieder in die ärztliche Praxis einzuführen, stieß er überall auf Unglauben und Widerspruch, und es blieb erst dem letzten Jahrzehnt vorbehalten, die Angaben Remak’s einer genaueren Prüfung zu unterziehen, seine Versuche sorgfältig zu wiederholen und so allmählich die Grenzen der Wirksamkeit des faradischen sowohl, als des galvanischen Stromes festzustellen.

Nach dem jetzigen Standpunkt können wir sagen, daß Dank den Forschungen Remak’s beide Formen der Elektricität gleichberechtigt neben einander stehen, indem die Faradisation hauptsächlich für die Behandlung der Empfindungs- und Bewegungsnerven, die Galvanisation wesentlich für die des Centralnervensystems (Gehirn, Rückenmark und sympathischer Nervenstrang) und der Sinnesorgane sich eignet.

Während ferner die Inductionselektricität einen mehr anregenden, reizenden Einfluß hat, übt der Galvanismus auf solche Theile, die sich im Zustande krankhaft gesteigerter Reizbarkeit befinden, eine beruhigende Wirkung aus.

Ehe wir jedoch zu der Anwendung der Elektricität gegen Krankheiten übergehen, müssen wir in Kürze noch die Erscheinungen betrachten, welche der galvanische Strom im gesunden Organismus hervorruft, abgesehen von den bereits erwähnten Wirkungen auf Haut und Muskeln, die er mit dem Faradismus theilt.

Leitet man einen etwas starken galvanischen Strom durch Anwendung der Conductoren am Kopfe zum Gehirn, so entsteht sehr bald ein Gefühl von Schwindel; gleichzeitig bemerkt man ein deutliches Schwanken des Kopfes nach der Seite, an welcher sich der positive Pol befindet. Nicht selten tritt während oder nach der Galvanisation des Gehirns Schläfrigkeit, manchmal wirklicher Schlaf ein.

Sehr lebhaft werden die Sinnesnerven von der galvanischen Elektricität erregt. Kommt man mit einem Conductor in die Nähe des Auges, so treten verschiedene subjective Lichterscheinungen, Blitzen, Bilder von verschiedener Farbe u. dgl. ein. Bei Galvanisation der Gehörnerven entstehen je nach der Stärke und Dauer des Stromes Klingen, Pfeifen, Sausen und ähnliche Geräusche. Am Geschmacksorgane äußert sich die Wirkung der Galvanisation durch eine eigenthümliche metallische Geschmacksempfindung. Die Wirkungen der Elektricität auf die sonstigen inneren Organe sind noch nicht so genau studirt, jedoch ist kein Zweifel, daß sie alle von dieser mächtigen Kraft mehr oder weniger beeinflußt werden.

Wenn wir nun zu der eigentlichen Elektrotherapie, das heißt der Verwendung der Elektricität zur Heilung von Krankheiten kommen, so können wir im Allgemeinen sagen, daß die Krankheiten des Nervensystems den wichtigsten Gegenstand der elektrischen Heilmethode abgeben und zwar sind hier in erster Linie die Lähmungen zu nennen[WS 1]. In der That giebt es kein Mittel, welches bei dieser Bewegungsstörung so erfolgreich wirkt, und wenn wir auch zugeben müssen, daß in manchen Fällen auch die Elektricität erfolglos bleibt, so namentlich oft bei der durch Schlagfluß entstandenen halbseitigen Lähmung, so können wir doch die für die betreffenden Kranken freilich nicht sehr trostreiche Behauptung aufstellen, daß alsdann mit anderen Mitteln auch nichts zu machen ist. Immerhin läßt sich durch eine sorgfältig geleitete elektrische Behandlung auch in diesen Fällen fast immer ein gewisser Grad von Beweglichkeit herstellen, der anderweitig nicht zu erzielen ist.

Nächst den Lähmungen sind viele Krampfzustände der elektrischen Behandlung zugänglich; so z. B. kennt man verschiedene Fälle des früher für unheilbar gehaltenen Schreibekrampfes und ähnlicher durch einseitige Ueberanstrengung gewisser Muskelgruppen entstandener Zustände, wozu unter Anderm der sogenannte [571] Clavierspielerkrampf gehört, welche durch Elektricität geheilt worden sind. – Eine wichtige Rolle spielt auch die Elektrotherapie bei vielen Krankheiten der Gefühlsnerven, namentlich bei den verschiedenen Neuralgien, die als Gesichtsschmerz, Hüftweh, Gürtelschmerz etc. im Publicum unliebsam bekannt sind. Selbst ganz veraltete Fälle dieser Art werden manchmal durch wenige elektrische „Sitzungen“ geheilt; freilich setzen diese Zustände auch bisweilen die Geduld des Patienten wie des Arztes auf eine schwere Probe. Organische Hirn- und Rückenmarkskrankheiten werden nur ausnahmsweise durch die Elektricität geheilt, wohl aber häufig gebessert und aufgehalten; sehr erfolgreich wirkt die Elektricität bei nervösem Kopfschmerz, namentlich bei der sogenannten Migräne, dieser Plage des weiblichen Geschlechts; ebenso in vielen Fällen von Hysterie und beim Veitstanz.

Außer den Krankheiten des Nervensystems sind noch besonders die verschiedenen Rheumatismen als eine Domäne der Elektrotherapie zu nennen. Die elektrische Behandlung des Muskelrheumatismus datirt schon aus ziemlich früher Zeit; dagegen haben wir erst ganz neuerdings die Elektricität als ein vortreffliches Mittel gegen Gelenkrheumatismus kennen gelernt; die heftigen Schmerzen, welche eine Haupterscheinung dieses Leidens bilden, können durch Anwendung von Faradisation rasch und dauernd beseitigt werden; indessen sind freilich für die Heilung der Krankheit selbst in der Regel noch andere Mittel erforderlich.

Es giebt nun noch eine ganze Reihe von Krankheitszuständen, bei welchen die Elektricität theils als wesentliches Mittel, theils in Verbindung mit anderen Heilmethoden in Anwendung gebracht wird; wir müssen indessen doch zugestehen, daß wir in dem oben Gesagten das Gebiet der Elektrotherapie in der Hauptsache abgegrenzt haben. Es erübrigt noch zu bemerken, daß die Faradisation der Zwerchfellsnerven vielfach mit schlagendem Erfolg zur Wiederbelebung von Scheintodten, so namentlich bei Kohlenoxydgasvergiftung angewendet worden ist; der Vollständigkeit halber erwähnen wir schließlich die in der „Gartenlaube“ erst kürzlich besprochene Verwendung des elektrischen Stromes zur Nachweisung des Todes; die elektrische Muskelerregbarkeit erhält sich nämlich noch einige Zeit nach erfolgtem Ableben, nimmt alsdann rasch ab und ist nach spätestens drei Stunden vollständig erloschen; da nun bekanntlich die meisten der gewöhnlich als „sichere Zeichen des eingetretenen Todes“ angeführten Merkmale theils unzuverlässig, theils erst längere Zeit nach erfolgter Auflösung zu constatiren sind, so läßt sich auch in diesem Punkte die hohe Bedeutung der elektrischen Untersuchung nicht verkennen.

Das Princip der Arbeitstheilung macht sich, wie in allen anderen menschlichen Bestrebungen, so auch in der Medicin mehr und mehr geltend; zu den vielen schon bestehenden „Specialitäten“ ist neuerdings auch die Elektrotherapie gekommen, was großentheils daher rührt, daß die Anwendung der Elektricität gewisse technische Schwierigkeiten mit sich bringt und sich in Form von Pillen oder Pülverchen nun einmal nicht verabreichen läßt. Indessen fängt man von allen Seiten an, für die Verbreitung der Elektrotherapie in weiteren ärztlichen Kreisen zu wirken. So hat man ganz neuerdings an der Universität Leipzig eine selbständige Professur für diesen jungen Zweig der Heilkunde errichtet, um den angehenden Aerzten Gelegenheit zur Ausbildung in der Elektrotherapie zu geben und es kann nicht fehlen, daß die übrigen deutschen Hochschulen diesem Beispiele folgen werden. Hoffen wir, daß nun auch das Publicum seine alten, heutzutage durch nichts mehr begründeten Vorurtheile gegen ein Mittel aufgebe möge, welches, zu rechter Zeit und in richtiger Form angewendet, als eine der mächtigsten Waffen gegen das uns allseitig bedrohende Heer von Krankheiten bezeichnet werden muß.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. ergänzt nach: Heft 44, S. 748