Die Entdeckung der Nilquellen und Stanleys jüngster Afrikazug

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Autor: C. Falkenhorst
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Titel: Die Entdeckung der Nilquellen und Stanleys jüngster Afrikazug
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 16–19
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Entdeckung der Nilquellen und Stanleys jüngster Afrikazug.

Ein geschichtlicher Rückblick von C. Falkenhorst.


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Denkmünze auf James Bruces
„Reisen zur Entdeckung der Quellen des Nils
in den Jahren 1768-1773“.

Aber wenn auch ein noch so tapferer Muth in meiner Brust glüht, eine noch so große Liebe zur Wahrheit, so giebt es doch nichts, was ich lieber kennen lernen möchte, als die so viele Jahrhunderte lang verborgenen Anfänge des Stroms und seine unbekannte Quelle; man eröffne mir die sichere Aussicht, die Nilquellen zu sehen, und ich will vom Bürgerkriege ablassen.“

Diese Worte legt der römische Dichter Lucan in seinem Epos „Pharsalia“ Julius Cäsar in den Mund, und sie bezeichnen treffend das Interesse, welches von den Völkern des Alterthums der Nilforschung entgegengebracht wurde. Den Forschern der damaligen Zeit erschien der gewaltige Strom, der, aus fernem Süden und wüsten Ländern kommend, zur bestimmten Zeit alljährlich aus seinen Ufern trat, als ein großes Geheimniß der Natur, dessen Enthüllung seit Anbeginn der geographischen Wissenschaft von den hervorragendsten Gelehrten angestrebt wurde. Schon Herodot sammelt im 5. Jahrhundert v. Chr. Nachrichten über die Quellen des Nils, ohne zu einer entschiedenen Meinung zu gelangen. In späteren Werken, namentlich bei Eratosthenes (3. Jahrhundert v. Chr.), taucht die Meinung auf, daß der Nil fern im Süden aus Seen entspringe, und diese Ansicht wird am klarsten von Ptolemäus ausgesprochen. Laut den Nachrichten, die er arabischen Kaufleuten verdankte, entspringt der Nil südlich vom Aequator auf den nördlichen Abhängen des Mondgebirges. Sechs kleinere Flüsse ergießen sich zunächst in zwei im Osten und Westen von einander gelegene Seen; aus jedem derselben entspringt ein Flußarm und beide vereinigen sich ein wenig nördlich vom Aequator. Ein dritter kleinerer See liegt nordöstlich von den beiden zuerst erwähnten unter dem Aequator selbst, und er nährt den Blauen Fluß oder den Nil Abessiniens.

Dies war der Stand der Wissenschaft im 2. Jahrhundert nach Christi Geburt, eine Darstellung der Nilquellen, die in großen Zügen durchaus zutreffend ist und die durch die rastlose Forscherarbeit unseres Jahrhunderts nach 1700 Jahren zu Ehren gebracht wird. Die Entdeckung der südwestlichsten Nilquellen ist das große geographische Ergebniß der letzten Expedition Stanleys; die endgültige Lösung eines Räthsels, das 24 Jahrhunderte die Menschen beschäftigte.

Die Expeditionen zur Entdeckung der Nilquellen beginnen schon frühzeitig. Die Stromschnellen bei Assuan, das eigentliche Thor Aegyptens, wurden überschritten, und Kaiser Nero sandte eine Expedition unter zwei Centurionen aus, um das „Haupt des Nils“ (Caput Nili) zu finden. Sie drangen weit nach Süden vor, bis sich der Fluß in großen Sümpfen verlor, in denen es nur schmale Wasserrinnen gab, kaum für die kleinsten Kähne fahrbar. Die Centurionen nahmen eine Karte jener Gegend auf und kehrten zurück, um Nero den Bericht abzustatten. Wir wissen heute, daß auch diese Schilderung auf Wahrheit beruht. Der Weiße Nil wird oft durch das „Sett“ oder die Grasbarre verstopft. Der klassische Papyrus, das wunderbare, in der Regenzeit mit ungeahnter Schnelligkeit emporwachsende Ambatschholz und ein scharfes, mit weißlichem Flaum bedecktes Gras, welches die Araber die „Mutter der Wolle“ nennen, bilden hier an der Oberfläche des Stromes Wiesen, auf denen mitunter Rinder grasen können, und verstopfen den Fluß, daß er nur schmale Rinnen der Schiffahrt offen läßt, oder verstopfen ihn ganz und gar, daß die Barken ruhig liegen müssen und keine Macht sie vorwärts bringen kann.

Das Mittelalter brachte keinen Fortschritt der Nilforschung. Die Araber waren die Geographen Afrikas in jener Epoche; sie verwirrten das Bild des Ptolemäus, indem sie unter den Aequator nördlich von den beiden Nilseen des Ptolemäus noch einen dritten runden See setzten, aus dem nicht nur der Nil, sondern auch die andern damals bekannten großen Flüsse Afrikas, der Senegal und der Juba, entspringen sollten.

Jahrhunderte vergingen, bis europäische Reisende in die Gebiete der Nilquellen eindrangen. Der erste, der sich rühmte, die Nilquellen gesehen zu haben, war Pero Paez, der während seines [17] Aufenthaltes in Abessinien im Anfange des 17. Jahrhunderts an die Quellen des Blauen Nils gelangte - eine Entdeckung, die von Jerome Lobo, der 1625 bis 1632 Abessinien bereiste, bestätigt wurde. Beider Angaben fanden jedoch nicht den genügenden Glauben, und 1768 bis 1773 unternahm der Schotte James Bruce von Kinnaird eine Reise nach Abessinien, besuchte den Tanasee, dem der Blaue Nil entströmt, und wurde zu dem Nilbrunnen geführt, den er folgendermaßen beschreibt:

„Ich kam an die Raseninsel, welche die Gestalt eines Altars hatte und offenbar ein Werk der Kunst war, und stand voll Entzücken an der stärksten Quelle, die in der Mitte entspringt. Man kann sich nicht denken, was in diesem Augenblicke in meiner Seele vorging; ich stand an der Stelle, welche seit beinahe dreitausend Jahren sich dem Geiste und der Forschung der ausgezeichnetsten Männer entzogen hatte.

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Vorläufige Skizze der Nilquellen nach den neuesten Angaben Stanleys.

Könige hatten an der Spitze ihrer Heere diese Entdeckung versucht, aber ihre Versuche unterschieden sich nur von einander durch die größere oder geringere Zahl von Menschen, welche dabei zu Grunde gingen. Reichthum, Ehre und Ruhm waren seit einer Reihe von Jahrhunderten demjenigen geboten, der diese Aufgabe lösen würde, und es fand sich keiner, der die Neugierde der Fürsten zu befriedigen, die Wünsche der Geographen zu erfüllen und diesen Flecken von der Thatkraft der Menschen abzuwischen vermochte. Ich triumphirte hier als ein einfacher britischer Privatmann über Könige und ihre Heere und jede Vergleichung machte mich stolzer."

Zu Ehren Bruces wurde in England eine Medaille geschlagen, auf welcher ein weiblicher Genius die Hülle von dem Haupte des Flußgottes hebt, während die Inschrift lautet: "Niemand war es bis jetzt gelungen , dieses Haupt zu schauen!" Es fanden sich auch Kritiker, welche das Verdienst Bruces nicht anerkennen wollten. Außerdem blieb lange Zeit unentschieden, welcher der beiden Flüsse, der Weiße oder der Blaue Nil, der Hauptarm des Nilstromes sei.

Die Frage kam von neuem in Fluß, als zu Anfang dieses Jahrhunderts die ägyptischen Paschas den Nil entlang auf Eroberungen auszogen. Längs des Stromes wurden türkische Forts errichtet und eines derselben, gerade an dem Zusammenflusse der beiden Nilarme, Chartum, schwang sich schon im Jahre 1830 zu einer Handelsmetropole von Nordostafrika empor. Im Jahre 1838 besuchte Mehemet-Ali seine neugewonnenen Länder. Als er den gewaltigen Weißen Nil erblickte, begann er sich von neuem für die uralte Frage des Caput Nili zu interessiren, und da er hörte, daß die weiterhin nach Süden gelegenen Länder nicht nur an Elfenbein, sondern auch an Gold reich sein sollten, beschloß er, Expeditionen zur Erforschung des Weißen Nils und seiner Nebenländer auszurüsten. Alle diese Unternehmungen erreichten nicht das gesteckte Ziel und kamen über den 4° n. Br. nicht hinaus. Die Nachrichten aber, welche über den ägyptischen Sudan verbreitet wurden, lockten nicht nur Naturforscher, sondern auch Händler dorthin; ein Strom von Elfenbeinhändlern, die später Räuber und Skavenhändler wurden, bemächtigte sich des unglücklichen Landes. Es waren das Leute, mit denen später Gordon und Emin zu kämpfen hatten.

Den Fluß hinauf sollte man jedoch die Nilquellen nicht entdecken; auf einem anderen Wege wurde das uralte Räthsel gelöst.

Deutsche Missionäre, die in englischen Diensten in Mombasa an der Ostküste von Afrika thätig waren, brachten die überraschende Kunde von schneebedeckten Bergen, die sie in Aequatorialafrika entdeckt hatten. Der Kilimandscharo und der Kenia bestätigten die Angaben des Ptolemäus von den Schneebergen an den Quellen des Nils und außerdem berichteten Krapf, Rebmann und Erhardt, daß sie von arabischen Handelsleuten, die mit dem Innern bekannt wären, Mitteilungen von einem oder mehreren großen Seen erhalten hätten. Erhardt fertigte sogar eine Karte dieser Seen an, die in den Verhandlungen der Königl. Geographischen Gesellschaft zu London 1856 veröffentlicht wurde. Dieser Anregung folgten die Forschungsreisenden Burton und Speke und erblickten und entdeckten am 13. Februar 1858 den Tanganikasee. Während nun Burton nach verschiedenen Fahrten auf dem See, dessen Ende nicht erreicht wurde, auf seinen Lorbeeren ausruhte, unternahm der ihm untergebene Lieutenant Speke auf eigene Faust einen Forschungszug nach Norden. Am 30. Juli 1858 kam er an das Südende eines Sees, welchen die Eingeborenen „Nyansa“, d.h. See, die Araber „Ukerewe“ nannten. Von einem 200 Fuß hohen Standpunkt überblickte er nothdürftig die ungeheure Wasserfläche und war fest überzeugt, daß der See zu seinen Füßen die Geburtsstätte des Nilstromes sei. Er kehrte zu Burton zurück, dieser aber trat seltsamerweise der Meinung seines Untergebenen nicht bei, erklärte vielmehr, daß der See, den Speke Viktoria Nyansa getauft hat, nur aus einer Reihe von Tümpeln und Teichen bestehe, und vertrat diese Ansicht auch nach der Rückkehr nach Europa aufs leidenschaftlichste. Die „Royal Geographical Society“ entsandte infolge dessen Speke zum zweitenmal nach Afrika, und dieser trat in Begleitung Grants die denkwürdige Reise an, auf der er durch die Gebiete, die heute Deutsch-Ostafrika bilden, an den Kitangele, den mächtigsten westlichen Zufluß des Ukerewe, und an diesen selbst gelangte. Er befand sich hier im Gebiete Mtesas, des mächtigen Herrschers von Uganda, an dessen Hofe er allerlei Erlebnisse zu bestehen hatte. Es gelang ihm jedoch, sich den Durchmarsch nach Norden zu erzwingen, und am 21. Juli 1862 stand er endlich am Ufer des Nils und erreichte die Stelle, wo dieser den großen Nyansa bei den Riponfällen verläßt. In seinem Tagebuch schildert Speke den denkwürdigen Augenblick wie folgt. „Wir waren gut belohnt; denn die ‚Steine‘, wie die Waganda die Fälle nennen, waren [18] weitaus der interessanteste Anblick, den ich in Afrika entdeckt habe. Alle meine Leute rannten sofort, sie zu sehen, obgleich der Marsch lang und ermüdend gewesen war, und selbst mein Skizzenstuhl kam in Thätigkeit. Obgleich sehr schön, so war die Skizze doch nicht so, wie ich erwartet hatte, denn die breite Fläche des Sees war durch einen Bergausläufer von der Ansicht ausgeschlossen und die ungefähr 12 Fuß hohen Fälle, 400 bis 500 Fuß breit, waren durch Felsen gebrochen. Doch war es ein Anblick, der stundenlang fesseln konnte. Das Getöse des Wassers, die Tausende von wandernden Fischen, die mit aller Gewalt aus den Fällen heraussprangen, die Wasoga- und Wagandafischer, die mit ihren Booten herauskamen und sich auf den Felsen mit Ruthen und Haken postirten; die Krokodile und Hippopotamus, die schläfrig auf dem Wasser lagen; die Fähre, die oberhalb der Fälle im Gange war; Rinder, die zum Trinken an den Rand des Sees getrieben wurden: dies alles zusammen mit dem hübschen Rahmen des Landes – kleinere mit Gras gegipfelte Berge und Bäume in den Einsenkungen und Gärten an den unteren Abhängen – machte das Bild zu einem so interessanten, wie man es nur zu sehen wünschen konnte.

Der Zweck der Expedition war nun erreicht. Ich sah, daß der alte Vater Nil ohne Zweifel in dem Viktoria Nyansa entspringe, und daß, wie ich vorhergesagt hatte, jener See die große Quelle des heiligen Flusses sei.“

In Unjoro brachte Speke in Erfahrung, daß sich im Westen noch ein zweiter See befinden solle, war aber verhindert, dem Lauf des Nils zu folgen, und wandte sich direkt nach Norden. Am Weißen Nil traf er mit dem ihm entgegengesandten Baker zusammen und veranlaßte ihn, weiter nach Süden vorzudringen. Der Erfolg dieses Zuges war die Entdeckung des kleineren Sees Luta oder Muta Nsige, welcher zu Ehren des Gemahls der Königin Viktoria der Albert Nyansa genannt wurde. So wurden die Nilseen entdeckt, und wenn auch die Schneeberge des Kilimandscharo und des Kenia dem Quellgebiete des Nils ihre Hauptwasser nicht zusandten, so fand man etwas, was auch an die Mondberge der Alten erinnerte: das Land Unyamwesi in dem Seengebiet bedeutete in der Landessprache das Mondland. Die Einzelheiten waren allerdings noch nicht klar, die Größe der Seen war nicht einmal annähernd bestimmt; Livingstone hatte indessen westlich vom Tanganika einen neuen Riesenstrom, den Lualaba, entdeckt, und bis Nyangwe verfolgt. Von dort floß dieser nach Norden. War auch dieser ein Quellfluß des Nils?

Zur Lösung dieser Frage wurde der durch die Auffindung Livingstones berühmt gewordene amerikanische Journalist Henry M. Stanley ausgesandt. Auf seiner großen Reise durch den dunklen Welttheil 1874–1877 stellte derselbe bekanntlich fest, daß der Lualaba der Kongo sei. Was die Nilquellen anbelangt, so bestätigten seine Untersuchungen zunächst die Richtigkeit der Entdeckungen Spekes, die durch Stanleys Aufnahmen vervollständigt wurden. Zum ersten Male wurde von ihm der Viktoria Nyansa umsegelt und als der größte See Afrikas erkannt. Unter den dunklen Punkten, die noch nach dieser Expedition über die Quellen des Nils übrig blieben, war namentlich einer von hervorragender Bedeutung, der Albertsee, über dessen Ausdehnung keine genaueren Nachrichten vorlagen.

Um diesen zu erforschen, sicherte sich der kühne Reisende den Beistand des Königs Mtesa von Uganda. Da die Bewohner um den Muta Nsige sehr kriegerisch waren, erwirkte er sich von Mtesa ein Begleitcorps von 2000 Mann, mit dem er in Uzimba einrückte. Er kam glücklich an den See. „Er lag wie eine ungeheure Spiegelfläche, ruhig und blau, unter uns, nur an der Küste bemerkte man eine schmale, weißliche, von der aufspritzenden Brandung gezeichnete Linie. Die gegenüberliegende Küste war der hohe Bergrücken von Usongora, der nach meiner wegen Unklarheit der Atmosphäre etwas unsicheren Schätzung ungefähr 23 km entfernt lag.“ Mehr konnte Stanley von dem See aus eigener Anschauung nicht berichten, da die Eingeborenen ihm eine Kriegserklärung überbrachten und die Soldaten Mtesas, sowie die der Expedition zum Rückzug drängten. Von einer Anhöhe hatte Stanley nördlich von dem Muta Nsige einen etwa 4500 m hohen Berg erblickt, den er Gordon Bennett nannte, und außerdem eigenartige Nachrichten von dem gebirgigen Lande Gambaragara und dessen Einwohnern gesammelt. Hier sind die Wohnsitze der hellfarbigen Völker, deren Hautfarbe ursprünglich weiß war. Die Rasse ist zwar sehr heruntergekommen, die jüngste Durchforschung des Landes verspricht jedoch interessante anthropologische Aufschlüsse.

Zu derselben Zeit wurde im Norden der Albertsee von Romolo Gessi, einem der Offiziere Gordons, umfahren und viel kleiner, als man glaubte, gefunden. Stanley hatte somit in Erfahrung gebracht, daß zwischen dem Tanganika und Albertsee noch ein anderer See vorhanden sei, welcher von nun als der Muta Nsige auf den Karten verzeichnet wurde, bis ihn Stanley neuerdings „Albert–Edwardsee“ taufte.

Seit Stanleys Anwesenheit am Muta Nsige im März 1876 hat kein Europäer jene Gegend besucht und es blieb unentschieden, in welchen Strom sich der Muta Nsige entleere, in den Nil oder in den Kongo. Emin hatte zwar am Südende des Albertsees einen Zufluß, den Kakibbi, entdeckt, glaubte aber, daß dieser Fluß von den Bergen von Usongora komme. Auf seinem Zuge zu Emin Pascha entdeckte Stanley zwischen dem Albertsee und Muta Nsige einen neuen hohen, mit ewigem Schnee bedeckten Berg, den Ruwenzori, und in seinen Briefen, die er aus Innerafrika durch Vermittlung Tippu-Tips nach Europa gesandt hatte, war er nach seinem ersten Aufenthalte bei Emin der Meinung, daß eben wegen dieser hohen Berge zwischen den beiden Seen keine Verbindung bestehe und der Muta Nsige dem Kongobecken zuzuzählen sei.

Erst als Stanley mit Emin den Rückzug antreten mußte, nahm er den Weg über jenes Gebirgsland zwischen den beiden Seen und nun begannen die überraschenden Entdeckungen. Es wurde der Kakibbi oder Semliki verfolgt und als Verbindungskanal zwischen dem Muta Nsige und Albert Nyansa erkannt. Gegen fünfzig Flüsse, die von den Bergen kommen, führen ihm große Wassermassen zu, und die Berge des Ruwenzori, die schneebedeckte Gipfel haben, sollen in der Sprache der Eingeborenen wirklich „Mondberge“ heißen!

So haben wir endlich nach Jahrtausende langer Forschung die südwestlichsten Quellen des heiligen Stromes entdeckt und das bestätigt gefunden, was die alten Geographen berichteten. Was noch zu thun übrig bleibt, das ist nur die Feststellung von Einzelheiten. Das allein stempelt die jüngste Expedition Stanleys zu einer der denkwürdigsten aller geographischen Reisen. Allem Anschein nach wird aber auch die Anthropologie von ihr großen Nutzen ziehen. Das wilde Zwergvolk, von dem schon Homer gesungen und von dem uns Schweinfurth die erste sichere Kunde gebracht hat, war bis jetzt nur als ein nomadisirender Jägerstamm bekannt, der auch im südlichen Kongobecken anzutreffen war. Stanley hat in den Waldwildnissen des Aruwimi gegen 150 Dörfer dieser Zwerge berührt und deren Geschicklichkeit im Pfeilschießen bitter empfinden müssen. Die Leute Emins erkannten in ihnen die „Akkas“ Schweinfurths, die Zwerge selbst aber nannten sich „Batua“ – ebenso wie die Zwergstämme, die in den Waldwildnissen des südlichen Kongobeckens leben!

Den düstern Urwäldern von Uregga, die wir aus den Schilderungen Stanleys auf seiner ersten Kongofahrt kennen, steht jetzt der Wald vom Aruwimi zur Seite. Stanley schildert ihn in einem seiner Briefe: „Stellen Sie sich einen dichten Wald Schottlands vor, der das Unterholz eines Hochwaldes von 30 bis 45 m Höhe bildet, ein unlösbares Gewirr von Dornsträuchen, in welches niemals das Sonnenlicht dringt; Bäche, die träge in dem Schilfdickicht dahinfließen; von Zeit zu Zeit einen tieferen Strom. Stellen Sie sich vor, diese wunderbare Vegetation in den verschiedenen Epochen ihrer Entwickelung in üppigem Wachsthum oder düsterm Zerfall; die jungen frischen Lianen einen todten Riesen des Waldes umschlingend.... Das Summen allerlei geflügelter Insekten begleitet das Geschrei der Affen und der Vögel. Von Zeit zu Zeit zeigt sich eine Herde Elefanten und verschwindet sofort in den Tiefen des Waldes. Manchmal lauert ein häßlicher Zwerg in dem Dickicht und schnellt gegen uns den vergifteten Pfeil ab, oder ein athletischer Eingeborener steht da, mit erhobenem Speer, unbeweglich wie eine Bildsäule und verfolgt unsern Marsch mit stummen Blicken. . . . Strömender Regen, eine unreine, Fieber und Ruhr erzeugende Luft – und die Nacht, die ewige Nacht, die uns wie ein Mantel umhüllt. . . . Das war der Schauplatz unseres Daseins während fünf Monate!“

Auf dem ersten Marsche durch diesen Wald verlor Stanley die Hälfte seiner Mannschaft, und die Schwierigkeiten und Kämpfe, die er zu bestehen hatte, als er seinen Nachtrab mit den Munitionsvorräthen wieder nach dem Albertsee führte, sollen die größten gewesen sein, die er auf seinen Reisen erlebt hatte. Doch die Einzelheiten dieses Zuges sind ja durch die Tagespresse zur Genüge bekannt. Emins Provinz, ein Bollwerk der Kultur, ist gefallen, aber wir können uns aufrichtig freuen, daß die tapferen Männer aus dem Herzen Afrikas wohlbehalten die Küste erreicht haben [19] und daß Emin sich von den Folgen des schweren Sturzes wenn auch langsam erholt. Aus Stanleys Berichten erkennen wir, daß die arabischen Sklavenjäger den Aruwimi entlang immer weiter sengend und mordend gegen den Albertsee vordringen, und so werden die Aegypter, die noch im Sudan geblieben sind, bald aufgerieben werden. Vielleicht haben sich schon heute die Araber des Nordens und des Südens die Hand gereicht und herrschen unumschränkt von den Grenzen Aegyptens bis zum Nyassasee. In der Nähe des Mondgebirgs ist ein herrliches Land entdeckt worden, Weiden, deren Anblick die amerikanischen Hirten mit Neid erfüllen würde. Leider ist nur der Augenblick, in welchem dem Entdecker der Kulturträger folgen könnte, in unbestimmte Fernen entrückt! In den Annalen des menschlichen Wissens wird aber diese Expedition unvergeßlich bleiben, denn durch sie ist die Arbeit von Jahrtausenden gekrönt - von dem "Haupt des Nils" der letzte Schleier gehoben warben.