Die Frauenbewegung in Deutschland

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Textdaten
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Autor: F. v. D.
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Titel: Die Frauenbewegung in Deutschland
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 817–819
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Frauenbewegung in Deutschland.

Es war in den dreißiger und vierziger Jahren unseres Jahrhunderts, als das Wort „Frauen-Emancipation“ in mannigfach frappirenden Tonarten zu uns herüberschwirrte. Wie alles oder vieles Neue kam es damals aus Paris und war aus den eigenthümlichen Rissen und Brüchen des dortigen Gesellschaftsbodens hervorgewachsen. Das Wort entbehrte nicht eines gewissen poetischen Zaubers, aber es fehlte ihm der anfrischende Reiz eines jungen Gedankens. Sein Athem war heiß und seiner Bewegung entströmten berauschende Gluthen. Auch war es in der That keine neue Wendung, die mit dem Ausdruck bezeichnet wurde. Die Umwälzung der geschlechtlichen Beziehungen, welche er herbeiführen wollte, war vielmehr thatsächlich schon vor der großen Revolution von 1789 in den höheren Pariser Gesellschaftsclassen sehr durchgreifend vollzogen worden, und sie hatte sich in den Zeiten nach der Revolution mit ansteckender Gewalt auch über andere große Schichten jener Bevölkerung verbreitet. Wer hat nicht gehört oder gelesen von diesem bacchantischen Kriege des Blutes gegen den Zügel der Pflicht, von dieser umsichgreifenden Lockerung oder Abwerfung der Ehe- und Familienbande, diesem offenen oder geheimen Hinaussetzen der Leidenschaft und des persönlichen Gelüstes über das zwingende Gesetz der Sitte? Diesem Kriege und dieser Befreiung wollten die neuen Emancipationsapostel zu öffentlicher Geltung verhelfen. Was aber, ihren Lehren nach, das Weib nicht mehr sein sollte, eine treue und wachsame Hüterin der sittlichen Schranken, das war es in weiten Kreisen des französischen Lebens schon längst nicht mehr gewesen. Hat doch einer der Hauptpropheten des modernen Frankreich, der Philosoph und Geschichtschreiber Michelet, in einem seiner neueren Bücher („La femme“) das schmerzliche Geständniß abgelegt, daß der Ehebruch leider in Frankreich eine „National-Institution“ geworden und das Institut der Ehe überhaupt im Absterben begriffen sei!


Die Gartenlaube (1871) b 817.jpg

Auguste Schmidt und Louise Otto-Peters,
die beiden Vorsteherinnen des deutschen Frauenvereins.


Auch Deutschland hatte gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, in der sogenannten Sturm- und Drangperiode seiner Dichtung, sowie noch später zu verschiedenen Malen einen Befreiungsantrieb ähnlicher Art sich regen sehen. Es waren dies aber rein literarische und dichterische Bewegungen, die keiner gesellschaftlichen Fäulniß entwuchsen, sondern nur von oben her einen Strom befruchtender und befreiender Gedanken in das stockende Volksleben sandten, ohne die Gesundheit seiner wesentlichen Grundlagen erschüttern zu können. Das innerste Wesen des deutschen Hauses, der deutschen Frau, Ehe und Familie blieb vielmehr unter allen wechselnden Strömungen des neueren Culturumschwunges, was es immer gewesen. Wie die Angriffsversuche eigener Dichter und Schriftsteller über diese geschützten und geheiligten Grenzen nicht hinauszudringen vermochten, so waren an ihnen auch die entzündlichen Einwirkungen französischer Emancipationslehren und ihrer Poeten und Philosophen spur- und folgenlos vorübergegangen. Damit soll nicht gesagt sein, daß sie bei uns nicht hier und dort verwirrendes Unheil angerichtet und einige unerquickliche Frauenerscheinungen zu Tage [818] gefördert hätten. Aber gerade diese Beispiele vermehrten die abschreckende Wirkung und hatten einen tiefen Ekel, einen gründlichen und allgemeinen Widerwillen zur Folge.

Welcher Vernünftige hätte das nicht als ein Zeichen von Gesundheit betrachten, hätte nicht über die spottende Entrüstung sich freuen sollen, mit der auch alle hellen und freisinnigen Richtungen eine so zweideutige Emancipationssucht von sich wiesen? Und dennoch hatte diese grundsätzliche Abwendung auch ihre schädliche Seite. Man schüttete das Kind mit dem Bade aus, und indem man von dem ganzen „Weiberkram“ nichts mehr wissen und hören wollte, schaffte sich die Meinung Raum, daß es in Bezug auf die Stellung und Lage der Frauen überhaupt nichts mehr zu ändern, zu bessern und zu fragen gäbe. So stand die Sache in den Jahren, welche der Revolution von 1848 folgten. Es waren das für Deutschland Jahre der Schmach und der unsäglichen Trübsal, aber auch Jahre des Reifens und Besinnens, der Klärung und Ernüchterung, die manchen bisher verirrten und in’s Blaue Schweifenden Drang auf einen soliden Boden zu stellen und auf ihr „Körnchen“ berechtigter Wahrheit zurückzuführen wußten. Abgedrängt vom politischen Gebiete wandten sich damals viele denkende Geister der Nation mit emsigem Eifer den großen Humanitätsbestrebungen zu, und aus der Reihe von ernsten und dringenden Aufgaben, die auf diesem Felde ihren Blicken sich zeigten, streckte ihnen bald auch eine Frauenfrage sicht- und greifbar die flehende Hand entgegen.

Jawohl, es gab und giebt eine Frauenfrage. Unverkennbar und ohne allen Zweifel offenbart sie sich, aber nicht in einer angeblichen Knechtung und Rechtlosigkeit, sondern in einer fast durchweg vernachlässigten und unzureichenden Geistes- und Charakterbildung des weiblichen Geschlechts, in einem Mangel an geistiger und praktischer Ausrüstung für die Kämpfe des Lebens, in einer allzugroßen Beschränkung der weiblichen Berufs- und Erwerbskreise und in der unermeßlichen Fülle von Thorheit und Unglück, von Schmach, Versunkenheit und erbarmungswürdigem Elend, welche aus allen jenen Mängeln erzeugt und geboren werden. Wie so viele andere Uebel waren freilich diese Zustände schon immer und überall eine der traurigen und bösen Kehrseiten unserer gesellschaftlichen Oberfläche gewesen, aber erst die modernen Culturverhältnisse haben sie zu schlimmster, massenhaftester, das Wohl der Gesammtheit sehr ernstlich gefährdender Entfaltung gebracht. Mit declamatorischen Tiraden und philosophischen Speculationen, mit Gewährung von politischen Rechten und einem Verrücken der ehelichen Grundlagen ist hier nicht zu helfen. Soll vielmehr eine Heilung der furchtbaren Uebel möglich sein, so muß eben zu ihren eigentlichsten Quellen zurückgegangen, so müssen ihre Wurzeln mit scharfem Auge und kräftiger Hand erfaßt und bloßgelegt, so muß die Frauenfrage von allen unreinen, phantastischen und verwirrenden Zuthaten befreit und in den Augen aller Zeitgenossen das werden, was sie mit vollem Rechte ist und sein darf: eine volksthümliche Erziehungs- und Bildungs-, eine Erwerbs- und Berufsfrage.

Das erkannte man in Deutschland, und als es erkannt war, fanden sich auch begeisterte Männer und Frauen – unter ihnen voran der unvergeßliche Präsident Lette –, welche in Schrift und Wort, in Versammlungen und in der Presse mit aufopfernder Unermüdlichkeit für ihre Erkenntniß zu wirken begannen. Binnen Kurzem waren denn auch an verschiedenen Orten schon Vereine in’s Leben gerufen, deren Zweck und Aufgabe nicht allein in einer eifrigen Propaganda, sondern auch in einem praktischen Eingreifen, in persönlichem Bemühen und in der Herstellung von Instituten und Organisationen zur Verbesserung des Frauenlooses bestand. Veredelung und Vertiefung der weiblichen Erziehung und Bildung in allen Volksclassen, Ausbildung und Kräftigung der Fähigkeiten zur Selbsthülfe in den Schulen sowohl als später in Lehrerinnenseminaren, Gewerbs- und Fortbildungsschulen, Erweiterung und Vermehrung der Erwerbszweige, Forthülfe und Schutz für die verlassenen und vereinsamten Frauen durch Gründung von Verkaufs- und Vermittlungsstätten für weibliche Arbeiten, Zufluchtsstätten für alleinstehende Frauen etc. – das ungefähr sind die Losungsworte, um welche die neue Bestrebung bisher sich bewegte. Daß sie gänzlich freigeblieben von hohler Phrase, von dilettantischer Hereinziehung der hohen Socialpolitik, von unberechtigter Eitelkeit, die sich bemerkbar machen will, möchten wir nicht behaupten. Es trifft das aber nicht die Vereine als solche, deren Thätigkeit im Ganzen sich als eine durchaus segensreiche bewährt und erwiesen hat. In stiller Arbeit und unter großen Anstrengungen haben sie fortwährend viel guten Samen ausgestreut und hier und dort, z. B. in Berlin, eine Reihe von wahrhaft vortrefflichen und lebenskräftigen Humanitätsinstituten wie z. B. den Victoriabazar und das Victoriastift, die Volksküchen, Volkskindergärten, für ihre engeren und weiteren Zwecke geschaffen. Dieses Wirken aber konnte doch immer nur ein locales bleiben und mit seinen Erfahrungen und Leistungen für die Gesammtheit unseres Vaterlandes nicht recht nutzbar gemacht werden, so lange jeder Verein nur auf sich selber angewiesen und nicht durch ein geistiges Band, einen gemeinsamen Mittelpunkt mit allen anderen verbunden war. Der Mangel stellte sich vielfach als ein sehr fühlbarer heraus und es wurde ihm deshalb bereits im Jahre 1865 abgeholfen, wo in Leipzig die verschiedenen Localvereine zu einer neuen Bundesorganisation, einem „Allgemeinen deutschen Frauen-Verein“ sich aneinander schlossen.

Es ist hier nicht unsere Absicht, eine Geschichte dieser nunmehr sechs Jahre bestehenden Centralisation und eine Beschreibung der Einrichtungen zu bieten, durch welche sie den Zusammenhang vermittelt, einen Einfluß auf die Localvereine übt und von ihnen aus wiederum belebende Anregung empfängt. Wer das eingehender kennen lernen will, der möge sich einen Einblick in die mehrfach darüber erschienenen Schriften, in die Statuten der Vereinigung und in die sechs Jahrgänge der von ihr herausgegebenen vortrefflichen Zeitschrift „Neue Bahnen“ verschaffen. Daß aber das hier vertretene und geförderte Streben sich in der That auf einem gesunden und richtigen Wege befindet und daß es – trotz der leider noch verhältnißmäßig sehr geringen Betheiligung großer, zur Mitwirkung berufener Kreise – in einer beachtenswerthen und lebenskräftigen Entwickelung begriffen ist, wird manchen Fernstehenden erst vor Kurzem durch einen ebenso denkwürdigen, als erfreulichen Eindruck klar geworden sein. Nachdem die vierte Generalversammlung des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins“ im Jahre 1870 hatte ausfallen müssen, wurde sie am letzten 29. und 30. October in Leipzig abgehalten. Aus den verschiedensten, zum Theil sehr entfernten Gegenden und Städten hatten sich die Ausschußmitglieder und sonstige Teilnehmerinnen sehr zahlreich eingefunden und an den beiden Sitzungstagen war der geräumige Saal der Buchhändlerbörse von einer dichten, mit gespannter Aufmerksamkeit den Verhandlungen folgenden Zuhörermasse erfüllt. Die bekannte, um die Frauensache sehr verdiente Schriftstellerin Frau Louise Otto-Peters führte den Vorsitz mit Würde und Umsicht. Neben dem Rechenschaftsbericht und einer warmen Ansprache der Präsidentin drehte sich das Programm der Versammlung nur um volksthümliche Humanitäts- und Bildungsfragen, die von sieben oder acht Frauen in gediegenen und anziehenden, nach Inhalt und Form sogar vielfach ganz vorzüglichen Vorträgen behandelt wurden. (Von besonders praktischer Bedeutung erschien uns namentlich ein interessanter Vortrag der Frau Dr. Herz in Altenburg über weibliche Heilgymnastik.) In allen diesen Vorträgen zeigte sich aber nicht blos Talent, Wissen und Bildung, sondern auch voller Herzens- und Charakterernst, verbunden mit echter Weiblichkeit, die nur in einem einzigen Falle an fern liegende Emancipationsgebiete streifte.

Bei der großen Verschiedenartigkeit der Gegenstände ist es uns leider unmöglich, Einzelnes zu berühren. Sollen wir aber wenigstens den bedeutsamsten Glanz- und Schwerpunkt dieser fesselnden Verhandlungen hervorheben, so lag er unstreitig in der Rede des Fräulein Auguste Schmidt über „Das Wesentliche und Unwesentliche der Frauenfrage“. Nicht blos in der anmuthigen rednerischen Kraft ersten Ranges, durch welche diese Meisterin des Wortes schon ganze Männerversammlungen ergriffen und hingerissen hat, sondern auch in der schönen und ruhigen Klarheit der Beweisführung und des Gedankens, in dem hohen Aufschwung unerkünstelter Wärme und Innerlichkeit der Ueberzeugung, welche hier ihrer Erscheinung und Rede nicht zum erster Male etwas wirklich Apostelhaftes gab. Wer noch mit Zweifeln in die Versammlung gekommen, der wird wohl schon durch diesen so anspruchslosen und doch so achtunggebietenden Ausdruck überzeugt worden sein, daß das Streben der Frauenvereine ein echtes und daß es von einem Hauch sittlicher Weiblichkeit durchwärmt und gefördert wird. Wir glaubten deshalb unseren Leserinnen gefällig zu sein, indem wir neben das in dieser Nummer mitgetheilte [819] Portrait der Präsidentin auch das Bildniß der weithin verehrten Leipziger Erzieherin und Mitherausgeberin der „Neuen Bahnen“ setzten.

Wo aber solche Kräfte mit so viel begeisterter Tüchtigkeit und rastloser Anstrengung zu gemeinsamem Wirken sich vereinigen, da sprechen sie schon durch sich selber und ihr uneigennütziges Thun und Schaffen für die Reinheit und den Ernst ihrer Sache. Möchten darum alle Wohldenkenden im Publicum und namentlich in der Frauenwelt endlich ihre Pflicht thun und diese wichtige Bestrebung mit ihren Geist- und Geldmitteln kräftiger unterstützen, als es bisher geschehen ist. Was die Frauenvereine ihrem Wesen nach sind, das zeigt sich ja am deutlichsten an der Art ihrer entschiedenen Widersacher. Ihr Gegner ist nicht blos die gedankenlose Trägheit und stumpfsinnige Bequemlichkeit, sondern auch aller wüste Emancipationsschwindel, alle herausgeputzte Rohheit platter Männer- und Weiberseelen, in erster Reihe aber die professionirte Frömmelei, welche die Frauen gern durch das Diaconissenwesen in den Dienst des finsteren Muckerthums und der Inneren Mission ziehen, d. h. für ihre reactionäre Propaganda dressiren will. Werden die Frauenvereine zu einem durchgreifenderen Aufschwunge befähigt, so wird damit diesem Beginnen des rauhhäuslerischen Pietismus ein starker Gegensatz geschaffen.
F. v. D.