Die Gartenlaube (1856)/Heft 43

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[577]
Die Rechte des Herzens.
((Schluß.)


IX.


„Mein Kind, ich habe Sie lieb gewonnen,“ begann Henriette bewegt; „und der letzte Dienst, den Sie mir durch die rasche und heimliche Herstellung jenes Trauerkleides erwiesen, hat mich zu Ihrer dankbaren Schuldnerin gemacht. Ich werde mich bemühen, Ihnen nach Verdienst zu lohnen.“

Dem jungen Mädchen traten die Thränen in die Augen.

„Wollte Gott,“ rief es aus, „daß ich Ihnen bei einer frohen Gelegenheit hätte dienen können! Glauben Sie es nur, ich habe Sie während der Arbeit innig bemitleidet!“

„Sie haben mich bemitleidet, und kennen nicht einmal meinen Schmerz in seinem ganzen Umfange!“ sagte Henriette mit einem kummervollen Lächeln. „Ach, wohl bin ich des Mitleides werth! Doch, sprechen wir jetzt von Ihnen, mein liebes Kind!“

„Von mir, Madame?“

„Ich will wissen, wie ich mich Ihnen am Nützlichsten zeigen kann!“

„Sie haben ja meine geringe Arbeit so überschwenglich belohnt, daß es unbillig wäre – –“

Henriette ließ die Stickerin nicht ausreden; mit freundlicher Gewalt zog sie sie zu der Ottomane. Beide saßen nebeneinander. Henriette betrachtete in großer Bewegung das schöne, blühende Gesicht Melanie’s; sie schien eine wehmüthige Freude bei diesem Anblicke zu empfinden.

„Ich erinnere mich, daß auch mir der Spiegel einst ein so frisches Gesicht zeigte, ein lachendes Auge, einen lachenden Mund. Die Zeit liegt noch nicht so weit hinter mir – und doch ist mein Gesicht heute blaß und welk, mein Haar beginnt zu bleichen!“

„Ach, Madame,“ rief Melanie, „Sie sind ja so gut und freundlich, daß der gerechte Himmel sie wieder glücklich machen muß!“

Henriette schüttelte schmerzlich das Haupt.

„Besitzen Sie nicht Alles, um jeden Ihrer Wünsche zu erfüllen?“ fragte Melanie. „Hat die Vorsehung nicht das Füllhorn des Glückes über Sie ausgeschüttet? Fassen Sie Muth, und vertrauen Sie auf Gott!“ rief das unschuldige Kind, um die leidende Dame, die sie innig bemitleidete, zu trösten.

„Sie haben den Luxus im Auge, der mich umgibt; diese Ansicht verräth mir, daß die Armuth zwischen Ihnen und einem Ziele steht, nach dessen Erreichung sich Ihr Herz sehnt. Sie schlagen die Augen nieder – ich habe Recht, nicht wahr, ich habe Recht? Sie beklagen Ihre Armuth, und vielleicht auch die Ihres Geliebten?“

„Madame, Sie lesen in meiner Seele!“ stammelte Melanie verwirrt.

„Dies kann mir nicht schwer werden, da ich mich einst in derselben Lage befunden habe. Ich war arm und schön, wie Sie, mein Kind – ich liebte einen jungen Mann, der mich anbetete – ich schwor ihm ewige Treue, obgleich er arm war – da erschien ein Mensch, der mich mit seinem Reichthums verblendete – ich opferte mein Herz dem Verstande, und ward eine reiche, vornehme Dame. Aber das Herz ist mächtiger als der Verstand, es läßt sich wohl auf kurze Zeit unterdrücken, aber nicht besiegen. Ich habe gefehlt, und büße meinen Fehltritt durch eine Reue, die mir das Herz zernagt. Sie beneiden mich um meinen Reichthum – o, mein Gott, wie gern gäbe ich ihn hin, könnte ich die beiden letzten Jahre meines Lebens damit zurückerkaufen. Er ist mir lästig, er ist mir unnütz doch nein, nein, fügte sie hastig hinzu, ich kann ihn zu Ihrem Wohle verwenden – ich weiß jetzt, wie ich mich Ihnen dankbar erweisen kann! Sie lieben einen armen Mann?“

Melanie nickte tief erröthend mit dem Kopfe.

„Lieben Sie ihn, lieben Sie ihn, bleiben Sie ihm treu, mein armes Kind! Sie sind schön, wie ich einst schön war – die Versuchung wird ihren Arm nach Ihnen ausstrecken; Sie sind jung und eitel, wie ich es einst war – die Eitelkeit wird der Versuchung den Sieg erleichtern: lassen Sie mich Ihr schützender Engel sein, lassen Sie mich durch eine gute That mein begangenes Verbrechen sühnen, und nehmen Sie von mir die Aussteuer, die Sie Ihrem armen Geliebten bringen. Dann hat mein kummervolles Leben doch einen Zweck gehabt, und ich habe mich Ihnen dankbar bewiesen, wie ich es gewollt und gewünscht habe.“

Henriette stand hastig auf, holte ein mit Banknoten gefülltes Taschenbuch, und drückte es der erstaunten Melanie in die zitternden Hände. Dann küßte sie ihr die reine, jungfräuliche Stirn.

„Sie haben mir eine schöne Stunde bereitet, indem. Sie mir Gelegenheit gaben, mein Herz auszuschütten. Außer Ihnen kennt Niemand mein Geheimniß.“

„Madame,“ rief Melanie schluchzend, „ich werde Ihr Vertrauen zu würdigen wissen!“

„Und meinen Rath?“

„Werde ich befolgen.“

In dem Vorzimmer ließ sich ein leises Geräusch vernehmen.

Henriette hatte es gehört.

„Still!“ flüsterte sie.

[578] Beide standen auf.

„Es ist Zeit, daß wir uns trennen!“ fuhr Henriette leise, aber eifrig fort. „Man beobachtet mich mit argwöhnischen Blicken. Da ich Ihnen vertraue, bitte ich Sie um den letzten wichtigen Dienst.“

„Zählen Sie auf mich, Madame, ich schwöre Ihnen, Ihre Aufträge gewissenhaft zu vollziehen.“

Henriette gab ihr den Brief, den sie kurz zuvor geschrieben hatte.

„Hören Sie mich an,“ sagte sie leise und mit zitternder Stimme. „Dieser Brief ist an meinen Vater gerichtet; ich spreche darin von Dingen, die morgen oder übermorgen in Erfüllung gehen werden, wie ich allen Grund zu vermuthen habe. Sind sie in Erfüllung gegangen, so werde ich behindert sein, meinem Vater Nachricht davon zu geben, und doch muß er sie wissen.

Habe ich bis übermorgen den Brief von Ihnen nicht zurückgefordert, so lassen Sie ihn durch die Post abgehen. Und nun leben Sie wohl, meine liebe Freundin – wir haben uns heute das letzte Mal gesehen. Denken Sie meiner, wie einer geschiedenen Freundin.“

„Ich werde Sie segnen, und für Sie beten!“ stammelte Melanie, die vor ihr niedersinken wollte.

Henriette verhinderte sie daran.

„Mein liebes Kind,“ flüsterte sie noch einmal in einem mahnenden Tone, „bleiben Sie stets dem Manne ihrer ersten Liebe getreu – eine Untreue bereuet man zu spät, wenn das Herz seine Rechte fordert.“

In dem Augenblicke, als sie die Thür öffnete, erschien Otto.

„Besorgen Sie meine Aufträge pünktlich!“ sagte Henriette kalt und gefaßt. „Vergessen Sie nicht, daß ich keine Kosten scheue!“

Melanie verneigte sich, und verließ eilig das Zimmer.

„Wer ist jenes junge Mädchen?“ fragte der Kommerzienrath.

„Meine Putzmacherin.“

„Gut, Henriette, das habe ich gern! Denken Sie an die Freuden des Lebens, an Ihren Stand und an meinen Reichthum.

Der Fürst tritt übermorgen seine Reise an – wir werden morgen Abend das Fest geben.“

„Morgen Abend?“

„Ich bewillige Ihnen zweitausend Francs zur Vervollständigung Ihrer Toilette.“

„Sie wird vollständig sein!“ antwortete die bleiche Gattin mit Bestimmtheit.

„Wie ich es wünsche?“ fragte Otto, sie scharf ansehend.

„Wie es meine Ehre erfordert?“

„Sie werden mit mir zufrieden sein.“

Otto küßte die Stirn seiner Frau. Henriette zitterte bei diesem Kusse.

„Man muß sie überwachen!“ dachte der mißtrauische Kommerzienrath, indem er sich dem Anscheine nach beruhigt entfernte, um die Befehle zu den Vorbereitungen des Festes zu geben.

Henriette blieb den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Außer Lisa hatte keine Person Zutritt zu ihr. Der Kommerzienrath fuhr noch einmal nach der Stadt. Als er Abends zurückkehrte, ließ er die Kammerfrau kommen.

„Wie benimmt sich meine Frau?“ fragte er.

„Sie spricht zwar wenig, aber sie ist ruhiger geworden, Herr Kommerzienrath.“

„Womit beschäftigt sie sich?“

„Mit Lesen. Außerdem hat sie mir Auftrag gegeben, eine rothe Camelie zu besorgen, die Sie morgen Abend als Haarputz tragen will.“

„Ueberwache die Toilettengegenstände, die die Putzmacherin bringt, Lisa! Sorge dafür, daß Deine Herrin glänzend und in heitern Farben erscheine. Die wunderliche Grille meiner Frau wird vorübergehen, und Du kannst Dich meiner Dankbarkeit versichert halten. Nimm als Abschlagszahlung diese Goldstücke.“

Lisa wartete vergebens auf die Putzmacherin; Melanie erschien nicht wieder.



XII.


Der Kommerzienrath hatte einen kleinen, aber ausgewählten Zirkel in seinem Landhause versammelt, dessen Mittelpunkt der russische Fürst war: Die Gesellschaft bestand aus acht Herren und sechs Damen. Alle waren reiche Leute, die den Sommer an den herrlichen Gestaden des Genfer See’s verbrachten, und zum Winter in ihre Städte zurückkehrten. Die Gesellschaft befand sich in dem großen Saale des Erdgeschosses, dessen Glasthüren, die zu einer Terrasse führten, geöffnet waren. Otto hatte die letzten Gäste empfangen, aber immer noch fehlte Henriette; er bereuete, das Fest veranstaltet zu haben, denn es drängte sich ihm die Befürchtung auf, daß sein Vertrauen auf die Fügsamkeit seiner Frau zu groß sei. Die Abreise des Fürsten, mit dem er in Bankgeschäften stand, hatte ihm einen passenden Vorwand zu der Strafe gegeben, die er Henrietten zugedacht. Otto war ein energischer, harter Charakter, der nichts begann, ohne ein Resultat zu erlangen. Henriette selbst sollte diesen Abend über ihr Schicksal entscheiden. Und sie entschied darüber.

Otto befand sich in einer sehr gereizten Stimmung, die dadurch um so peinlicher ward, daß er sie den Gästen gegenüber verbergen und den feinen, taktvollen Wirth spielen mußte.

Die Damen verlangten nach der Frau vom Hause.

„Man meldete mir so eben,“ antwortete entschuldigend der Wirth, „daß meine arme Frau durch ein plötzliches Unwohlsein an der Vollendung ihrer Toilette behindert gewesen sei. Das Unwohlsein ist vorüber und sie wird nicht lange auf sich warten lassen.“

„Eine Dame von Welt muß die Toilette sehr ernst nehmen!“ sagte Frau von Luceval, eine Pariserin. „Madame Winter besitzt einen bewunderungswürdigen Geschmack, und ich verzeihe ihr gern die Verzögerung, da sie in untadelhafter Toilette erscheinen wird. Zürnen Sie ihr deshalb nicht,“ fügte sie bittend hinzu, als sie sah, wie der Kommerzienrath seine Lippen zusammenbiß. „Madame Winter weiß, daß sie, bezüglich der Toilette, vor strengen Kritikern zu erscheinen hat!“

Die Pariser Dame nahm sich Henriettens auf eine Weise, an, welche die Gereiztheit Otto’s erhöhete; er begriff, daß er durch die Entschuldigung die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Punkt gelenkt hatte, der ihm die größte Sorge machte und unter den kritischen Verhältnissen hätte unberührt bleiben müssen. Henriette’s verzögerten Erscheinen ließ auf eine Demonstration schließen, und er hätte sich gern entfernt, um zu untersuchen, ob seine Befürchtungen gegründet seien; es war unmöglich, der Anstand fesselte ihn an die Gesellschaft. Er verwünschte das gewagte Spiel mit der überspannten Närrin, und seine Ungeschicklichkeit dazu. Es kostete ihm Mühe, sich zu beherrschen.

In diesem Augenblicke öffnete ein Diener die Flügelthür, und Henriette erschien. Otto erbleichte, er war keines Wortes mächtig – seine Frau trug ein prachtvolles Trauerkleid. Sie war bleich wie der Tod, und ein unheimliches Feuer sprühete aus ihren Augen. Hals, Schultern und Arme waren marmorweiß, es schien, als ob alles Leben, alles Blut daraus gewichen sei.

Henriette bot einen Anblick, der die Gäste in sprachloses Erstaunen versetzte.

„Sie ist wirklich krank!“ flüsterten die Damen nach einer Pause, in der sich die trauernde Frau grüßend nach allen Seiten verneigt hatte.

„Ja sie ist krank!“ rief Otto, vor Wuth seiner Sinne kaum noch mächtig.

Dann sprang er auf, reichte ihr den Arm, und wollte sie aus dem Saale führen. Henriette machte schwankend einige Schritte, dann brach sie ohnmächtig zusammen. Man brachte die leblose Frau auf ihr Zimmer. Die Gäste drückten ihr Bedauern aus, verabschiedeten sich, und verließen das Landhaus, in dem für dieses Mal kein Vergnügen mehr zu erwarten stand.

Otto hatte nach der Stadt zu einem Arzte geschickt. In einer unbeschreiblichen Verfassung ging er in dem Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit einen Blick nach dem Bette werfend, auf dem Henriette in ihrem Trauerkleide lag. Sie athmete nicht, ihre Augen waren geschlossen. Die Kammerfrau lag auf den Knien und betete.

„Wie ist meine Frau zu dem Trauerkleide gekommen?“ fragte er hastig.

„Ich weiß es nicht, Herr!“

„Du hast meine Befehle nicht beachtet!“

„Ich schwöre zu Gott, daß kein Mensch bei Madame gewesen ist!“ rief die weinende Lisa.

[579] „Und wer ist ihr bei der letzten Toilette behülflich gewesen?“

„Madame hat in dem verschlossenen Zimmer ohne Hülfe Toilette gemacht. Es war unmöglich, mir Eingang zu verschaffen. Als sie die Thür öffnete, erschien sie in Trauer und schritt, ohne mich anzusehen, die Treppe hinab in den Saal. Gleich darauf trug man sie leblos in das Zimmer zurück.“

Der Kommerzienrath befahl der Kammerfrau, sich zu entfernen. Dann betrachtete er schweigend eine Zeit lang die bleiche Gattin. Zum ersten Male empfand er Mitleid; aber es war nur das Mitleid mit der zerstörten Schönheit. Henriette war auch jetzt noch schön wie eine Heilige.

„Sie hat mich nie geliebt!“ murmelte er. „Unsere Verbindung war eine Geschäftssache, und keine Herzensangelegenheit. Von allen meinen Unternehmungen ist dies die einzige, die mir fehlgeschlagen. Das Weib bleibt Weib!“ fügte er mit Bitterkeit hinzu. Henriette regte sich; sie fuhr mit der Hand nach der Stirn und öffnete die Augen. Dann stieß sie einen tiefen Seufzer aus.

„Henriette!“ rief Otto.

Sie sah ihn starr und regunglos an. Dann erhob sie mühsam den Kopf und nahm eine sitzende Stellung ein. Otto wollte sie unterstützen – sie wehrte ihm durch eine Bewegung der Hand.

„Lassen Sie die Kammerfrau kommen!“ flüsterte sie kaum hörbar.

„Ich habe zu einem Arzte geschickt; er kann nicht lange mehr bleiben.“

„Die Hülfe des Arztes bedarf ich nicht. Ich will keinen Arzt!“ fügte sie hastig hinzu.

„So mag die Kammerfrau eintreten. Die Unterredung, die Ihr rücksichtsloses Benehmen nothwendig gemacht hat, kann stattfinden, wenn Sie sich erholt haben!“ sagte Otto kalt. Dann wollte er die Glocke ziehen.

„Bleiben Sie! Bleiben Sie!“ rief sie mit gewaltsamer Anstrengung. „Sie haben mit mir zu reden – ich fühle mich stark genug, Sie anzuhören. Vielleicht habe auch ich Ihnen noch etwas, zu sagen. Führen Sie mich zu dem Sessel am Fenster dort.“

Henriette saß an dem Fenster, dessen Flügel offen stand. In langen Zügen athmete sie die frische Luft ein, die vom See herüber kam. Die Abendröthe beschien ihr todtbleiches Gesicht, dessen Muskeln von Zeit zu Zeit wie im Krampfe zuckten. Ihre großen, trockenen Augen schwammen in einem seltsamen Glänze. Der aufgeregte Otto gewahrte diese verhängnißvollen Zeichen nicht, er dachte nur daran, seinen Groll auszulassen.

„Madame, trotz Ihrer Schwäche haben Sie es gewagt, mich in den Augen jener ausgewählten Gesellschaft zu compromittiren – ich kann Ihrem Zustande kein Mitleiden zollen, denn sie haben mit einer Berechnung gehandelt, die einen hohen Grad von Bosheit voraussetzen läßt.“

Die bleiche Frau lächelte wie eine Wahnwitzige.

„Ihre Voraussetzung ist nicht falsch!“ flüsterte sie. „Sie haben Recht, wenn Sie meinen festen Willen Bosheit nennen. Bin ich Ihre Sklavin? Sind Sie mein unumschränkter Herr? Es steht Ihnen frei, mich zu hassen, selbst mich zu verachten – aber Sie haben nicht das Recht, mich zu mißhandeln. Ehe ich diese Welt verlasse, wollte ich Ihnen zeigen, daß ich Charakter besitze. Jetzt geben Sie Auftrag, daß man mich in das Irrenhaus schafft. Man wird Ihnen glauben, daß ich wahnsinnig bin – Sie können sich jener Herren und Damen aus der großen Welt, die mich in dieser Trauertoilette gesehen, als Zeugen bedienen. Was wollen Sie mehr? Komme ich Ihrem Wunsche nicht entgegen? Als Sie mich von meinem Vater kauften, war ich eine ebenso folgsame Tochter, als ich heute eine fügsame Gattin bin, wo Sie sich meiner wieder entledigen wollen. Um den Kaufpreis sind Sie betrogen, Herr Kommerzienrath; man zahlt Ihnen für eine zerstörte Schönheit nichts zurück.“

„Unglückliches Weib, wer hat diese Gedanken in Ihnen angeregt?“

„Sie, mein Herr, Sie, und Ihr trauriger Reichthum! Hätten Sie Ihr goldenes Netz nicht ausgespannt, ich wäre heute ein glückliches Geschöpf, und der arme betrogene Mann wäre nicht auf dem Schaffotte gestorben. Sie haben ihn, Sie haben mich gemordet!“ rief sie in einer furchtbaren Aufregung. „Und nun verlassen Sie mich, daß ich ruhig sterben kann!“

„Jetzt begreife ich Alles!“ murmelte Otto erschüttert vor sich hin.

Henriette hatte die Hände gefaltet, und bewegte wie betend die Lippen. Zwischen den kleinen weißen Händen, die heftig zitterten, hielt sie das Medaillon mit der verwelkten Rose. Dem Kommerzienrath schien es, als ob sie, trotz der erschrecklichen Leichenblässe, so schön sei, wie sie noch nie gewesen. Die rothe Camelie, das schwarze üppige Haar, die Blässe des Gesichts und das Trauerkleid bildeten schneidende Kontraste. Otto ward von Befürchtungen und Mitleiden ergriffen. Das schöne Geschöpf, an dessen Seite er glänzen und sich beneiden lassen wollte, war rasch wie eine Blume vergangen.

Der Arzt erschien. Henriette sah ihn mit einem schmerzlichen Lächeln an, als wollte sie sagen: jede menschliche Hülfe ist vergebens; sie entzog sich jedoch einem Examen nicht, und antwortete auf alle an sie gerichteten Fragen. Der Doktor forderte, daß die Kranke zu Bett ginge, und schrieb ein Recept.

„Ich komme morgenfrüh wieder!“ sagte er. Dann entfernte er sich. Otto begleitete ihn bis in das Vorzimmer, wo er ihm die letzten Vorgänge mittheilte. Dann forderte er einen unumwundenen Ausspruch des Doktors.

„Madame ist sehr krank!“ antwortete er. „Es verbindet sich ein moralisches Leiden mit einem physischen, die, Beide vereint, rasche Fortschritte gemacht haben.“

„Ist sie noch zu retten? Was ist zu thun?“

Der Arzt zuckte die Achseln.

„Lassen Sie diejenigen meiner Collegen kommen, denen Sie das meiste Vertrauen schenken – ich kann mich irren. Madame ist jung und scheint eine große Nervenstärke zu besitzen.“

Nachdem der Doktor dringend Ruhe anempfohlen, entfernte er sich mit dem Versprechen, am nächsten Morgen zwei Collegen zu einer Berathung mitzubringen.

Otto kehrte zu seiner Frau zurück, und bat sie, zu Bett zu gehen; sie weigerte sich, blieb in dem Lehnstuhle am Fenster sitzen, und fuhr fort, andächtig den Sonnenuntergang zu beobachten. Die Bergen jenseits des See’s glüheten im ersten Abendröthe. Die abendliche Stille des Gartens unter dem Fenster ward nur durch den Gesang einzelner Vögel unterbrochen. Otto war unschlüssig, was er beginnen sollte. Die Kranke schien sich seiner Anwesenheit nicht bewußt zu sein, sie richtete keinen Blick auf ihn. Die Sonne verschwand hinter den Bergen, und das Zimmer ward dunkel. Auf den Befehl des Herrn kam die Kammerfrau mit Licht. Die rasch eintretende Abendkühle machte die Kranke frieren, sie zitterte am ganzen Körper. Trotzdem weigerte sie sich noch immer, zu Bett zu gehen; sie schloß das Fenster und ließ sich von der Kammerfrau zu dem Divan führen. Die arme Frau war so schwach geworden, daß sie sich nur mühsam fortschleppen kannte. Aus ihren Befehl mußten noch die Kerzen eines dreiarmigen Leuchters angezündet werden, das Zimmer war ihr nicht hell genug.

„Ihr Verstand hat wirklich gelitten!“ dachte Otto. „Ich kann nicht mit ihr rechten.“

Er empfahl der Kammerfrau die größte Aufmerksamkeit, und wollte sich entfernen, da ihm der Anblick der Kranken peinlich ward. Kaum hatte er das Vorzimmer betreten, als er auf dem Korridor das Geräusch hastiger Schritte und die Stimme seines Kammerdieners hörte, die einem Ankommenden den Eintritt zu weigern schien.

„Wo ist Herr Winter?“ hörte man eine Stimme rufen.

„Bleiben Sie, ich werde Sie melden!“ antwortete der Diener, indem er die Thür öffnete und eintrat.

Ein bleicher junger Mann mit langen schwarzen Haaren folgte ihm auf dem Fuße.

„Hier ist mein Herr!“

Der Kommerzienrath wich bestürzt zurück.

„Was ist das? Was ist das?“ murmelte er, indem er den mit Schweiß und Staub bedeckten jungen Mann anstarrte. „Adolf Mölling!“

„Erbeben Sie vor einem Todten, den Sie als Verbrecher auf dem Schaffotte sterben ließen?“ rief Adolf mit durchdringenden Stimme. „Die Todten, mein Herr, verlassen ihre Gräber nicht, aber die Lebenden kommen, um ihre Ehre zu rächen!“

„Nicht weiter!“ rief der Kommerzienrath, der seine Fassung wiedergewonnen hatte. „Hier waltet ein Mißverständniß ob – folgen Sie mir in mein Zimmer, wir werden uns erklären!“

„Zählen Sie darauf, daß ich mich Ihnen erkläre!“ rief Adolf, dessen Augen glüheten. „Zuvor aber werde ich einer Sterbenden Verzeihung bringen, wenn es nicht zu spät ist.“

[580] „Wie, mein Herr, Sie wissen –?“

„Wo ist Henriette? Wo ist Henriette? Im Namen Gottes, mein Herr, führen Sie mich zu ihr!“ rief Adolf, indem er flehend die Hände ausstreckte. „Sie muß wissen, daß ich kein Verbrecher bin, daß ich der Liebe, die sie mir bewahrt hat, stets würdig gewesen!“

Der Kommerzienrath biß sich in die Lippen, seine Hände zuckten krampfhaft zusammen.

„Fragen Sie morgen die Aerzte!“ murmelte er mit eisiger Kälte, um seine Verachtung auszudrücken. „Man leuchte dem Herrn die Treppe hinab!“ befahl er dem Diener. „He, Bediente, alle meine Leute sollen kommen!“ fügte er im Tone des Mannes hinzu, den der Reichthum mächtig macht.

„O, mein Herr, ich begreife Sie!“ sagte Adolf mit unbeschreiblicher Bitterkeit. „Ihr Stolz duldet nicht, daß ein armer Künstler die letzten Liebesworte eines Herzens hört, nach dessen Besitze Sie vergebens strebten. Hinweg, oder ich bahne mir mit Gewalt einen Weg, um meine Ehre bei einer Sterbenden zu retten!“

Ein durchdringender Schrei ließ sich in dem angrenzenden Boudoir vernehmen. Adolf riß, ohne daß man es zu verhindern suchte, die Thür auf – Henriette lag wie leblos auf der Schwelle. Wimmernd sank Adolf neben ihr nieder, und bedeckte ihre kalten Hände mit heißen Thränen und Küsten.

„Henriette, Henriette, höre mich; ich bin kein Verbrecher!“ rief er in herzzerreißenden Tönen aus. „Ich wähnte Dich treulos, aber ich bewahrte meine Liebe zu Dir und meine Ehre! Man hat uns Beide verrathen! Siehst Du noch, daß ich lebe? Hier, hier ist die Rose, das Pfand Deiner Liebe – ich trug sie stets auf meinem Herzen! Henriette, scheide nicht von dieser Erde, ohne noch einmal mir in’s Angesicht §u sehen! Du mußt wissen, daß ich lebe, daß Du mich nicht verachten darfst!“

Starren Blickes und mit angehaltenem Athem lag er auf den Knien, und wartete auf die Wirkung seiner Worte. Da schlug die bleiche Henriette noch einmal die Augen auf. Der junge Mann stieß einen lauten Schrei aus. Dann legte er sanft ihren Kopf in seinen Arm.

„Ich liebe und achte Dich!“ flüsterte sie leise. „Sieh, ich trauere um Dich, weil ich Dich achte! Im Trauerkleide wollte ich aus dieser Welt scheiden. Ich habe viel gelitten – das Herz war stärker als die Eitelkeit und der Verstand – Adolf, kannst Du mir verzeihen?“

„Ich verzeihe Dir, armes, armes Opfer!“ rief er überwältigt aus.

Ein seliges Lächeln schwebte über Ihre bleichen Züge.

„Dank, Dank!“ hauchte sie kaum vernehmbar. „Nun sterbe ich zufrieden, und Gott wird mir verzeihen! Auch Ihnen, Otto, verzeihe ich – Adolf, achte die Rechte des Herzens – mein Gott, ich komme – zu dir!“

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust – sie war verschieden. Eine peinliche Stille herrschte in den prachtvollen, hell erleuchteten Räumen. Der Kommerzienrath lehnte mit verschränkten Armen in einer Fenstervertiefung, während Adolf die leblose Hülle Henriettens auf das Bett trug, die kalten Lippen noch einmal küßte, die Vorhänge zusammenzog und dann das Vorzimmer wieder betrat. Mit ihm zugleich erschien der Kammerdiener, der seinem Herrn ein Zeitungsblatt überreichte. Otto gab Adolf das Blatt.

„Lesen Sie, mein Herr!“ sagte er kalt. „Jede weitere Erklärung wird dann unnütz sein.“

Adolf las: „Rotterdam … Heute fand die Hinrichtung des Giftmischers Adolf Mölling statt. Der junge Verbrecher war ein deutscher Musikus aus D.; er leugnete die schreckliche That nicht, und bekannte offen, daß er sich rasch in den Besitz des Vermögens seines geizigen Vetters habe setzen wellen, um seine Braut heimzuführen, die ohne Reichthum nicht zu erlangen gewesen sei. Sein Rechtsbeistand hatte ihm gerathen, die Gnade des Königs anzuflehen, da die Leidenschaft, die ihn zu der That verleitet, ein Milderungsgrund sei; Mölling aber hatte sich geweigert, indem er gesagt: da ich das Mädchen nicht besitzen kann, das ich liebe, denn es ist in der Zeit meines Prozesses die Gattin eines Andern geworden, so ist mir der Tod willkommen. Der junge Schwärmer bestieg mit einer Ruhe das Schaffot, die das allgemeine Interesse für ihn erweckte.“

Adolf gab erschüttert das Blatt zurück.

„Henriette hat Ihnen verziehen,“ sagte er zu dem Kommerzienrathe, „ich habe Ihnen nichts mehr zu verzeihen. Jener Verbrecher führte zufällig meinen vollständigen Namen und übte die Kunst, die ich übe – vielleicht war dies eine Fügung der Vorsehung.“

Er verließ das Landhaus und ging träumend und langsam nach Genf zurück. Es war Mitternacht, als er sein kleines Stübchen betrat.

Wir haben den Lesern zu erklären, wie Adolf von den Vorgängen in dem Landhause unterrichtet wurde. Melanie hatte, wie wir wissen, den Brief Henriette’s zur Besorgung übernommen. Dieser Brief fiel Mutter Collin, die das Zimmer ihrer Tochter durchsuchte, in die Hände. Da die Adresse deutsch geschrieben war, und die gute Alte nur französisch verstand, ging sie zu ihrem Miethsmanne und bat ihn, ihr die Worte zu übersetzen.

Man denke sich das Erstaunen des armen Adolf, als er den Namen F. Wilda von der Hand Henriette’s geschrieben erblickte.

Die bleiche Dame, die so viel Kummer zu leiden schien; das Trauerkleid, das Melanie für sie gestickt hatte; eine gewisse Hoffnung, die plötzlich in ihm aufstieg – Alles dies versetzte ihn in eine Aufregung, daß er, seiner selbst nicht mächtig, zum größten Schrecken der Alten den Brief erbrach, und folgende Zeilen las:           „Mein Vater!

„Sie haben mich verkauft, Sie haben mich unglücklich gemacht, und mit mir den armen Adolf, den braven jungen Mann, der in seiner Verzweiflung ein Verbrechen begangen hat, und auf dem Schaffotte gestorben ist. Er ist durch mich, durch Sie gestorben! Meine Ehe, die der Verstand geschlossen, war eine unglückliche; aber vielleicht würde ich sie dennoch ertragen haben, wenn die Nachricht von Adolf’s schrecklichem Tode mich der Verzweiflung nicht preisgegeben hätte. Das Leben ist mir eine Last, ich werfe sie ab und zerreiße das Band, das Sie um mich und den reichen Mann geschlungen. Gehen Sie sparsam mit beifolgender Summe um, denn sie ist die letzte, die Ihnen aus dem Heirathsgeschäfte wird. Während ich diese Zeilen schreibe, beginnt das Gift, das ich genommen, seine Zerstörung – nehmen Sie mit Gewißheit an, daß ich bei dem Manne meiner ersten Liebe bin, wenn der Brief in Ihre Hände gelangt. Leben Sie wohl, mein Vater, und beklagen Sie – Ihre

unglückliche Henriette.“

Adolf hatte den Brief auf den Tisch geworfen, die Wohnung verlassen und eine Stunde später das Landhaus betreten, in dem sich nun die Scenen ereignet, die wir bereits geschildert haben.

Die erschreckte Alte glaubte, ihr stiller Miethsmann sei plötzlich wahnsinnig geworden. Sie ging zu ihrem Manne und erzählte, was geschehen. Vater Collin schüttelte den Kopf, verbarg den Brief und sagte:

„Wir müssen warten!“

Gegen Abend kam Melanie nach Hause; sie war so erschöpft, daß sie Kopfschmerzen vorschützte, und zeitig zur Ruhe ging. Um Mitternacht hörten die beiden alten Leute auch den Musiker sein Zimmer betreten. Beruhigt legten sie sich schlafen. Am nächsten Morgen ließ Vater Collin den Musiker ersuchen, in sein Zimmer zu kommen. Adolf, der die Nacht wachend verbracht, erschien bleich und mit trüben Augen.

„Mein Herr,“ sagte der Blinde, „bekennen Sie offen, daß Sie meine Tochter nach Moskau entführen wollen!“

Der Geiger antwortete lächelnd:

„Wahrlich, nein, Herr Collin! Ich beabsichtige zwar, nach Moskau zu gehen, aber Melanie wird mich nicht begleiten.“

Nun erzählte er mit der größten Offenheit seine Lebensgeschichte.

„Um Sie zu beruhigen, habe ich Ihnen nichts, verschwiegen!“ schloß er. „Urtheilen Sie, ob ich je in der Verfassung gewesen bin, mich Ihrer Tochter zu nähern.“

„Warum aber erschrak Melanie, als sie hörte, daß Sie uns für immer verlassen wollten?“

„Darauf kann ich Dir Antwort geben!“ rief Mutter Collin, die eintretend diese Frage gehört hatte.

„Was ist Dir, Frau? Du bist aufgeregt, Du weinst –?“

„Die arme Melanie ist krank, sie hat mir Alles gestanden.“

„So erkläre Dich endlich!“ rief der ungeduldige Collin.

„Ach, das ist eine Unglücksgeschichte!“ schluchzte die Alte. „Unsere Tochter hat den Secretair des russischen Fürsten kennen

[581]
Die Gartenlaube (1856) b 581.jpg

Christian Rauch.




gelernt – und liebt ihn! Morgen oder übermorgen reist der Fürst ab, und die arme Melanie – –“

In diesem Augenblicke ward die Glocke an der Thür gezogen. Mutter Collin eilte hinaus, und ließ gleich darauf den Fürsten eintreten. Mit der ihm eigenen Leutseligkeit grüßte er.

„Herr Mölling hat sich nicht erklärt,“ sagte er lächelnd; „ich nehme an, daß mein Wunsch nicht in Erfüllung geht.“

„Gnädiger Herr, ich stand im Begriffe, Ihnen meine Dienste anzubieten!“ rief Adolf lebhaft. „Verfügen Sie über mich – ich kann heute, in dieser Stunde noch abreisen!“

[582] „Gut, so ernenne ich Sie zu meinem Kapellmeister! Finden Sie sich in meinem Hotel ein, mein Secretair wird Ihnen den Kontrakt vorlegen und das Weitere mittheilen.“

Adolf verneigte sich und trat zurück, als er sah, daß der Fürst sich zu dem Blinden wenden wollte.

„Mein lieber Freund,“ begann er, „vielleicht gelingt es mir, auch mit Ihnen ein Engagement abzuschließen.“

„Du lieber Gott, Sie wollen doch meinen Mann nicht etwa in Ihrer Kapelle anstellen?“ sagte Mutter Collin, die vor Verwirrung kaum noch wußte, was sie that. „Er hat früher einmal Flöte geblasen, aber seitdem er blind ist – –“

„Nein, nein, gute Frau,“ antwortete lächelnd der Fürst;’ „die Flöte ist in meiner Kapelle vorzüglich besetzt. Aber meinem Secretair, einem rechtschaffenen, braven jungen Manne, den ich wie einen Sohn liebe, ist ein großes Unglück begegnet; er hat sich in eine schöne Genferin verliebt, und gestern Abend hat er es mir mit Thränen in den Augen gestanden.“

„Auch das junge Mädchen liebt ihn!“ rief Adolf eifrig.

„Ich weiß es, und darum habe ich es übernommen, die Verbindung des jungen Paares zu fördern. Melanie Collin willigt ein, wenn ihr Vater – –“

„Gnädiger Herr!“ riefen Vater und Mutter zugleich.

„Mein Secretair Casimir hat ein jährliches Einkommen von zwölfhundert Rubeln; ich erhöhe diese Summe, in Anbetracht der vermehrten Ausgaben, auf fünfzehnhundert Rubel. Was hat mir Herr Collin auf meine Bewerbung zu antworten?“

„Gnädiger Herr, das Glück meiner Tochter liegt mir am Herzen, und ich begreife, daß sie unter Ihrer Obhut wohl versorgt ist; aber in diesem Augenblicke – –“

„Kann ich meinem Secretair sagen, daß die Unterhandlungen eröffnet sind?“

„Vater, begehe keine Thorheit!“ flüsterte Mutter Collin.

Der alte Uhrmacher verbeugte sich.

„Gut, so ist meine Sendung erfüllt! Mein Secretair bleibt noch zwei Monate in Genf, um einige wichtige Geschäfte zu ordnen. Dieser Zeitraum wird wohl genügen, daß Sie sich mit ihm verständigen können. Hoffentlich sehen wir uns in Moskau wieder!“

Der Fürst grüßte und entfernte sich. Melanie’s Mutter begleitete ihn zur Thür.

„Herr Collin,“ rief Adolf, „Melanie liebt, ich weiß es – zerstören Sie das Glück, das Leben Ihrer Tochter nicht! Die Rechte des Herzens muß man hochachten!“

„Herr Mölling, bringen Sie mir den Secretair!“ rief Vater Collin.

Drei Tage später reiste Adolf Mölling, nachdem er noch einmal Henriettens Grab besucht hatte, im Gefolge des Fürsten ab, um in der Ausübung seiner Kunst den Schmerz zu bekämpfen, der an seinem Herzen nagte. Der Secretair des Fürsten wandte seine Zeit gut an; er wußte die Einwilligung der Eltern seiner Geliebten zu erlangen, trat mit Melanie vor den Altar, und reiste mit seiner jungen Gattin und seinen glücklichen Schwiegereltern nach Moskau.

Otto Winter ging nach Paris. Noch in demselben Jahre verheirathete er sich mit einer pariser Salondame, die das große Vermögen des deutschen Kommerzienrathes besser zu würdigen verstand, als die unglückliche Henriette.






Ein Besuch beim Bildhauer Rauch.
(Mit Portrait.)


In einem alten Gebäude, das früher zu merkantilischen Zwecken diente, und auf einer ziemlich öden Straße Berlins, der Klostergasse liegt, hat der berühmteste Bildhauer der Gegenwart seine Werkstatt aufgeschlagen. Wir treten in hohe, weite Säle, die durch Oberlicht magisch beleuchtet werden, und erblicken Gestalten, Gruppen und Büsten, die das Bossirholz bildete, oder die aus blendendem Carara-Marmor entsprangen, den die kunstreiche Hand des Altmeisters mit Hammer und Meisel in die edelsten Formen umschuf.

Wandelt uns schon ein gewisser Respekt an, stehen wir im Atelier eines großen Malers, so ziehen wir unwillkürlich den Hut, befinden wir uns in Räumen, die Werke plastischer Kunst bergen. Hier liegt Alles offen und klar vor uns, nichts versteckt sich vor dem forschenden Blicke des Auges – es ist eben plastische Kunst, die uns mit ihrem imposanten Wesen entgegentritt, das die menschliche Gestalt, das menschliche Antlitz vollständig wiedergibt, das jede Willkür des Künstlers verbietet, das niemals duldet, wollte der Mensch mit seinen Künsteleien die ewigen Schönheiten und Regeln der Natur verbessern, oder von ihnen abweichen. Lächerlich ist daher der eitle Ausspruch, wenn über etwas Schönes für oder wider gestritten wird, und zuletzt Der oder Jener sagt: „Ach, der Geschmack ist verschieden!“ Allerdings, verschieden mag er sein – weicht er aber von, guten, einzig richtigen Geschmacke ab, so ist er höchstens unreif oder ungebildet. Wer mit seiner Geschmacksrichtung – besser – mit dem wahren Sinn für das Schöne, im Unklaren ist, der betrachte ausgezeichnete Bildhauerwerke, diese treuesten Kopien des Gewaltigsten, was die Schöpfung hervorbrachte, und er wird erfahren, was „schön“ bedeutet. Er sehe die Werke der alten oder neuen Kunst, einen Apollo, eine Venus, oder die anmuthigsten Jungfrauen- und Jünglingsgestalten eines Canova, Thorwaldsen oder Rauch, und nie möge er dabei vergessen, daß all’ die Meister, des Alterthums wie der Jetztzeit, für ihre Werke das Vollkommenste zum Vorbilde nahmen, was ihr geläuterter Blick, ihr nur für das Vollendetste empfängliche Gemüth aus der Natur erfaßte.

Während draußen der Lärmen geputzter Sonntagsleute an unser Ohr schlug, durchwanderten wir die einsame Werkstätte Rauch’s. In einem Seitenflügel steht die letzte seiner größeren Schöpfungen im Modell, die colossale Mosesgruppe, welche für den König von Preußen in Marmor ausgeführt wird, und die wir zuerst betrachteten. Der Prophet von Israel, inmitten zweier jüdischer Männer, fleht Jehovah um Schutz und Hülfe an für sein Volk, das gegen die Amalekiter streitet. Mächtig wirkt die Hauptfigur, welche auf einem Felsen sitzend, mit vorgebeugtem Oberkörper und hoch erhobenen Armen, Demuth und inbrünstige Bitte auf dem Antlitz, ihr Gebet gen Himmel sendet. Die Genossen zu beiden Seiten scheinen den greisen Propheten in seiner fast emphatischen Situation zu unterstützen, und blicken dabei voll Ehrfurcht zu ihrem Gebieter auf. – Die Neugier des Publikums in einem Atelier ist immer ziemlich vorherrschend und vielleicht eben so verzeihlich. Man möchte wissen, was dieser neidische Vorhang, jene spanische Wand verbirgt – und so entdeckten wir auch in einer verschleierten Ecke des Saales, unter mehren andern Gypsabgüssen einen Kopf von historischer Bedeutung, der über die Natur geformt war. Wir betrachteten mit seltsamen Gefühlen diese Züge, die eben so großartig wie klassisch in ihrer Reinheit waren, bis auf den rechten Mundwinkel, der leicht verzogen, auf Spuren von Todeskampf deutete. Vor diesem Kopfe, den wir jetzt ungescheut berühren durften, zitterte noch vor Kurzem halb Europa – aus dieser Stirn entsprang der Entschluß zu einem Kriege, der mehr als eine Million Menschen hinraffte – an dem Scheitern seiner Pläne brach endlich – doch wer erräth hier nicht bereits? Wir hielten die Maske des Kaisers Nikolaus in der Hand – und legten sie nach langem, ernstem Anschauen stumm wieder in ihre bescheidene Ecke.

In den drei folgenden Sälen drängt sich nun Alles bunt durch einander – Antikes wie Modernes, Statuen, Büsten lebender und todter Personen – Allegorie und Mythe stehen neben diesem oder jenem großen Feldherrn der so klassischen Geschichte, selbst der tiefsinnige Kant, der bald in sein Königsberg versetzt werden wird, darf es nicht verschmähen, sich im Bereiche einer leichtgeschürzten Diana zu befinden. Am Fuße der lebensgroßen Reiterstatue Friedrichs II. steht das Brustbild Borsig’s, der als ein armer Schlossergeselle nach Berlin kam, und als einer der ersten Fabrikanten des Landes starb. Rings an der Wand zieren die schönsten Modelle, die geistreichsten Skizzen in Thon das [583] Simswerk, und kaum werfen wir einen Blick in den nächsten Saal, begegnen uns schon wieder zwei Riesengestalten grauer Vorzeit, die Standbilder der Polenkönige Miezyslaw und Boleslaw Chrobri.

Vor diesen Gestalten längst modernder Helden aber steht die ihres Herrn und Meisters in vollster, wärmster Lebenskraft, wenn auch auf dem Haupte Silberhaar glänzt, wenn auch ein Mann vor uns steht, der uns an Alter und Würde an einen Thorwaldsen erinnert, der ein Jünglingsherz im Greisenkörper trägt, dessen Hand noch mit der Sicherheit eines dreißigjährigen Mannes den Meisel führt, der mit dem Aufgang der Sonne seine Werkstatt betritt und sie mit dem Scheiden derselben erst wieder verläßt. Wahrlich, es ist ehrfurchtgebietend, einen fast achtzigjährigen Künstler mit dieser Kraft, dieser Energie arbeiten zu sehen – es ist bewunderungswerth, daß man diesen Arbeiten nicht das Alter ihres Schöpfers anmerkt, wie das ja in ähnlichen Fällen so oft vorkommt, und auf den sinnigen Beschauer tief verstimmend wirkt. Vor dem Kopfe einer Victorie, die auf einem Gestelle ruht, steht der greise Meister, prüfend und corrigirend, mit einer Sinnigkeit des Gefühls, die wir leider bei der anstrebenden Jugend nur zu oft vermissen. Der Zufall, erfinderisch wie immer, konnte uns kein schöneres Bild, keinen glücklicheren Kontrast zeigen – den würdevollsten Greisenkopf neben der Victorie, dem Abglanz der Jugend und weiblichen Anmuth.

Rauch hat sein langes, ruhmvolles Leben hindurch gearbeitet, wie Wenige – und sein Wahlspruch trägt den Stempel eines tiefempfundenen Bewußtseins und ehrlichster Selbstkenntniß, indem er lautet: „Meine Werkstatt, meine Heimath!“ Mehr wie hundert Büsten führte er mit eigner Hand in Marmor aus, unzählige Statuen von ihm zieren die Plätze und Museen der ersten Städte Europa’s, und mit dem Standbilde Friedrichs des Großen in Berlin, das in seiner Art zu den berühmtesten Monumenten der Neuzeit gehört, setzte er sich selbst den Lorbeerkranz unvergänglichen Ruhmes auf.

Scheiden wir von dem ehrwürdigen Künstler mit dem Wunsche, seine Tage mögen noch lange nicht gezählt sein – noch lange möge er als ein leuchtendes Beispiel von Kraft und Ausdauer unter uns leben – fern möge die Zeit fein, zu der es einst heißen wird, einer der seltensten Menschen athmet nicht mehr! – Ewige Jugend, Schönheit und Grazie werden dann trauern an seiner Ruhestätte, denn sie haben an ihm ihren Meister verloren, - - und der Hammer, mit dem er den letzten Schlag auf den Meisel führte, wird eine Reliquie sein für Alle, welche die Kunst üben – und sie lieben!




Flüchtige Reisebriefe aus der Schweiz.
Von E. A. Roßmäßler.


Palais des Unteraargletschers.
Den 7. September 1856.

Wie ich zu meinem heutigen Briefe außerhalb des Briefpapierbereiches bin, so bedarf ich auch der Phantasie dazu nicht, weil meine gegenwärtige Lage Dem, der sie nicht mit mir theilt, auch bei der nüchternsten Schilderung phantastisch genug vorkommen wird.

Um sechs Uhr pflückte ich noch einige Alpenblumen vor dem Palais und jetzt, um acht Uhr, liegt bereits zehn Centimeter Schnee, und der tiefe Abgrund vor demselben ist in das leuchtende Dunkel einer Alpenschneenacht gehüllt.

Das „Palais“, von dem ich rede, und in welchem sein Besitzer und Erbauer, Herr Dollfus aus Mühlhausen (im Elsaß), auf dem Heulager bereits im ruhigen Schlummer des Gletschersteigers liegt, ist ein kleines aus Steinen roh zusammengefügtes Haus, 7212 par. Fuß (genauer 2404 Meter) über dem Meere gelegen. Die Tricolore flattert im Schneewinde auf seinem Dache, und nur sie kann morgen, wo Alles unter der Schneedecke begraben sein wird, einem einsamen Wanderer das Dasein des „Palais“ verrathen. Der Wanderer könnte aber höchstens ein Ziegenhirt oder ein passionirter Gletscherbesucher sein, denn andere Menschen kommen wohl niemals hierher.

Aus dem Grimselhospiz (1563 F. tiefer), wo mich mein Reiseglück mit einem heimathlichen Bekannten und dessen Frau zusammenführte, war ich heute Morgen sieben Uhr ausgezogen, um den Unteraargletscher zu besuchen. Kein Gletscher der Welt trägt einen so berühmten Namen, denn auf ihm sind fast alle die Untersuchungen und Beobachtungen angestellt worden, welche das räthselvolle, fast dämonisch zu nennende Walten der Gletscherthätigkeit in neuerer Zeit so sehr aufgehellt haben. Er ist zugleich einer der imposantesten und lehrreichsten, denn alle, sonst nicht bei allen Gletschern immer zusammentreffenden Eigenthümlichkeiten finden sich auf ihm vereinigt.

Am Gletscherfuße angekommen, wo die Aar als geduldiger, vielfach getheilter Bach unter dem furchtbaren Eismeere auf eine weite, vollkommen ebene, von himmelhohen Felsen umstarrte Fläche, den Aarboden, hervorquillt, erwartete uns ein Ziegenhirt, den sich mein Führer als Aushelfer seiner Ortsunkenntniß bestellt hatte. Nun ging es zunächst an das mühevolle Erklimmen der Endmoräne, ein furchtbarer etwa 300 Fuß hoher und noch viel breiterer Wall von Felsentrümmern, welche der abschmelzende Gletscher beiderseits an seinem Ende abladet, Zehrpfennige, welche dem Gletscher von den Zinnen seiner Uferberge mit Donnergepolter zugeworfen werden. Beim Ueberschreiten des Gletschers in seiner ganzen Breite, etwa eine Viertel-Wegstunde, erkannte ich an der geognostischen Beschaffenheit genau die granitische oder Gneißnatur der weiter oberhalb liegenden Uferberge, denn der Gletscher sammelt alle auf ihn fallenden Blöcke an seinen beiden Rändern, und bildet so die Seitenmoränen. Auf der großen Mittelmoräne befestigten eben drei Arbeiter des Herrn Dollfus eine Signalstange genau in der Linie, welche zwei beiderseits an den Uferfelsen angemalte weiße Kreuze bezeichneten. Die Stange soll als Signal zum Abmessen des „Marschirens“ des Gletschers dienen. Die Signalstange, welche genau an demselben Punkte vor 13 Monaten aufgesteckt worden war, sahe ich jetzt ungefähr 300 Fuß weiter unten stehen. Um so viel also ist in der angegebenen Zeit der Gletscher abwärts gerückt. Unser Führer Ziegenhirt führte uns nach etwa halbstündigem Klettern auf der Moräne nach rechts auf den Gletscher selbst, wo ich mit wissenschaftlichem Behagen alle die Dinge mit Augen sah, die ich bisher blos aus Büchern kannte. Jetzt darauf näher einzugehen, würde meinen Brief zu einer wissenschaftlichen Schilderung machen, welches nicht in meinem Plane liegt. Das Gehen auf dem Gletschereise fand ich nicht sehr beschwerlich, weil dieses rauh ist, und dem Fuße ein ziemlich sicheres Auftreten erlaubt. Wir kamen bald an eine in den Gletscher ziemlich weit vorspringende Felsenecke, welche diesen genöthigt hatte, in eine Menge tiefe Spalten und Schründe zu bersten, aus denen uns himmelblaue Abgründe entgegengähnten. Die schmäleren wurden übersprungen, die tieferen umgangen, und so gelangten wir nach beinahe zwei Stunden an dem Palaisfelsen an. Noch 300 Fuß des schwindelfreien Blick und feste Kniee erheischenden Kletterns an der beinahe senkrechten Felswand hinauf, und wir standen vor dem Palais, einem kleinen ehrwürdigen Tempel der Natur, wo seit vierzehn Jahren die Verkünstelung noch keinen Eingang gefunden hat. In der kleinen aus Steinen roh zusammengefügten Küche, wo ein Knecht eben das Mittagsessen für Herrn Dollfuß bereitete, begann ich mit erstarrten Fingern diese Gletscherepistel, und versuchte nachher mit noch geringerem Erfolge, ein Stück Oberfläche des unter mir liegenden Gletschers zu zeichnen. Quer vor mir lag das geheimnißvolle Gletscherfeld und jenseits desselben ragten die gewaltigen Zacken des Grünbergs, der Eschenhörner, des Scheuchzerhornes, Grunerhornes, Oberaarhornes, Altmanns, Studerhorns, des gewaltigen, über 13,000 F. hohen Finsteraarhornes empor. Dann kam der Abschwung, ein Ausläufer der Schreckhörner, an dessen beiden Seiten der Finsteraar- und der Lauteraargletscher aus ihren erhabenen Geburtsstätten herabsteigen, und von hier an zum Unteraargletscher zusammenfließen. Die Linie ihres Zusammenflusses ist von einer mächtigen Mittelmoräne bezeichnet, welche genug Steine bieten würde, um daraus eine kleine Stadt zu erbauen. Ganz rechts endlich schlossen [584] die Hugihörner, die Lauteraarhörner und die Schreckhörner das majestätische Panorama.

Unweit des Abschwunges bezeichnete man mir die Stelle auf der Mittelmoräne, wo einst 1842 das kleine Stegreifhäuschen, Hôtel des Neuchatelois gestanden hatte, (seitdem jedes Jahr 80 Meter vorgerückt), und weiter unten auf derselben den Hugiblock, denn die ungeheure Größe mancher Moränenblöcke berechtigt zu dieser namengebenden Auszeichnung, wie man auch recht gut auf Jahre lang voraus berechnen kann, wann er am Fuße des Gletschers anlangen und dann vielleicht unter dem Chaos kleinerer Blöcke für alle Ewigkeit tief begraben sein wird. Das Abschmelzen des Gletschers an seinem Ende hält am Unteraargletscher nicht Schritt mit dessen Vorrücken, und so tritt dieser schleichende, aber unaufhaltsam vordringende Berggeist immer tiefer in das Thal herab. Aber ein Menschenalter gehört dazu, um es auffallend zu finden. Zwischen mehren der genannten mir gegenüberliegenden Berge stiegen kleinere Gletscher in starker Neigung herab, um sich unten, wie Bäche mit dem Strome, mit dem Unteraargletscher zu vereinigen, der seinerseits, in der Mitte gegen 1000 Fuß dick, auf fast wagerechter, oder wenigstens nur wenig geneigter Fläche ruht. Diese kleineren Gletscher sind der Zinkengletscher, der Grünberg-, Thierberg. und der Silberberggletscher.

Gegen ein Uhr kam Herr Dollfus mit seinem Sohne und einem Diener von einer Gletscherwanderung an, und ihre drei Menschengestalten dienten mir lange als Maßstab für die ungeheure Eisfläche, auf der ich sie nach den Fingerzeigen der übrigen Bewohner des Palais lange Zeit nicht finden konnte. Bald befand ich mich, wenn auch kein Gletscherkundiger, dennoch in vertrauter Berufsnähe an seiner Seite; denn was führt die Menschen schneller aneinander, als gleiche hingebende Liebe zur Natur und ihrer Wissenschaft? Ich theilte im feldlagerartigen Häuschen das kunstlose Mahl, und dann erschloß mir Herr Dollfus in mehrstündiger unterhaltender Belehrung den reichen Schatz seiner Gletscherbeobachtungen, worin es ihm schwerlich Jemand gleich thut.

Das Gemach, zu welchem den Winden, welche hier oben Herren sind, der Zugang nicht ängstlich gewehrt ist, zeigte ein buntes Durcheinander von den Bedürfnissen des Alpenreisenden und des gelehrten Forschers, obgleich Herr Dollfus von Beruf Fabrikant ist. Während der Unterhaltung zeichnete er gelegentlich atmosphärische Beobachtungen in seine Tabellen. Die letzte war, daß von sechs bis acht Uhr Abends zehn Centimeter Schnee gefallen war und das Thermometer genau auf Null stand. Es muß jetzt noch tiefer stehen, denn obgleich ich meine Füße in eine wollene Decke gewickelt und innerlich zweimal durch einen Schluck Kirschwasser einzuheizen versucht habe – denn das Feuer im kleinen Ofen ist längst ausgegangen – so sind mir doch die Finger nachgerade beim Schreiben steif geworden. Ich lege mich darum als Dritter im Bunde auf die Streu, und wahrscheinlich träume ich bald von der Möglichkeit (die ich jetzt noch nicht recht begreife), im tiefen Schnee morgen, früh wieder hinunter auf den Gletscher und vom Gletscher auf das Hospiz zu kommen.






Alte Spuren der Gletscherwirkung.
Wabern bei Bern, den 13. Sept. 1856.

Neben dem Genuß an der landschaftlichen Schönheit wird dem Schweiz-Reisenden noch der Gewinn tieferen Erfassens, sobald er in der Naturwissenschaft einigermaßen bewandert ist. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß nur der Naturforscher von Beruf den wahren Reisegenuß habe, wenn auch nicht in Abrede gestellt werden soll, daß mit dem Grade naturwissenschaftlicher Bildung der Genuß an einer Reise in der Schweiz zunimmt. Wohl aber will ich damit sagen, daß mir die Verschuldung unseres naturwissenschaftlichen Schulunterrichts niemals größer erschienen ist, als auf meinen Wanderungen durch das Berner Oberland, wenn ich den Troß der Touristen achtlos an den stummen Zeugen von den gewaltigen Vorgängen früherer Erdzeiten vorbeigehen sah und wenn ich andererseits so glücklich war, Reisegenossen, welchen mich die Laune des Reisezufalles zugesellt hatte, mit wenigen Hindeutungen hier und da ein tieferes Verständniß dessen zu eröffnen, was ohne diese entweder blos den Vorzug des landschaftlich Schönen oder Frappanten oder vielleicht selbst nicht einmal diesen gehabt hätte.

Zu solchen Gedanken gab mir fast Schritt für Schritt der Weg vom Grimselhospiz bis herab in das Haslithal Veranlassung, ein Weg der auch sonst zu den schönsten Tagemärschen des Berner Oberlandes gehört. Diesen Weg in der Zeit von etwa zehn Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends, denn diese Zeit erfordert er, bei hellem sonnigen Wetter gemacht zu haben, so daß der gewaltige Aarfall bei der Handeck seinen leuchtenden Regenbogen um die Mittagszeit vor dem trunkenen Blick des Wanderers ausspannen konnte: dies wird jedem Touristen ein unvergänglicher Erinnerungsschatz bleiben.

Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen etwas von diesem Schatze, wenn auch nur in den blassen Farben einer flüchtigen Schilderung mittheile. Ich knüpfe dabei noch etwas über der Grimsel an und dehne meine Schilderung unten bis an das Ufer des Brienzer Sees aus, um den ganzen ersten Lebensabschnitt der Aar, ihre wilde Kindheit, zu umfassen, von ihrem Austritt aus dem Unteraargletscher bis zu ihrem Einfluß in den Brienzer See. Dabei beschränke ich mich jedoch auf eine Schilderung der diesen ganzen Weg entlang sichtbaren Spuren ehemaliger Gletscherwirkung.

In meinem letzten Briefe erzählte ich Ihnen schon, daß ich am Unteraargletscher den berühmten Gletscherforscher, Herrn Dollfus-Ausset aus Mühlhausen, in seinem „Pavillon“ antraf und daß mir nach dem etwa eine halbe Elle betragenden frischen Schneefall schier etwas bange wurde um den Heimweg nach dem Grimselhospiz, denn dieses war in jenen Tagen meine Reiseheimath. Doch ging alles gut von statten. Der Vormittag des 8. Sept. verging mit Einpacken von hunderterlei Geräthschaften, welche der wissenschaftliche Einsiedler während seines Aufenthaltes zu seiner leiblichen und geistigen Nothdurft gebraucht hatte und um zwölf Uhr setzte sich unser Zug von zehn Personen in Bewegung. Zu Herrn Dollfus-Ausset nebst Sohn und mir war noch ein Vierter gekommen, ein kühner Gletscherwanderer, den am vorhergehenden Tage der Schneefall unter dem gastlichen Dache des Pavillon zurückgehalten hatte. Die übrigen Sechs waren die Träger und Palastbediensteten des Gletschermannes, alle mit centnerschweren Packen beladen. Das Hinabsteigen nach dem Gletscher war weniger gefährlich, als mir Abends zuvor erschienen war, denn es wurde dafür ein anderer Abhang gewählt und auf dem Gletscher selbst fand ich meinen Marsch sogar ziemlich sicher, aber – tertianermäßig. Indem ich Schritt für Schritt in die Fußtapfen des letzten der hintereinander gehenden Träger trat, von denen also nur der erste seine heile Haut für alle hinter ihm Gehenden zu Markte trug, fiel mir unwillkürlich die lateinische Redensart „vestigia legere“ ein, denn ich blickte unverwandten Blickes aus die vestigia meines Vorgängers, wie man die Worte „liest.“ Mancher tiefe mit Schnee zugewehte Schrund wurde überschritten oder mit Hülfe des Alpenstockes übersprungen. Ein langes Seil war immer in Bereitschaft, um aus der Noth zu helfen, wenn vielleicht Einer in die Tiefe hinabfahren sollte. Es blieb aber glücklicherweise unbenutzt. Der Gang über das Ende der linken Seitenmoräne war zwar bis auf einen möglichen Beinbruch ungefährlich aber im höchsten Grade anstrengend. Nach beinahe zweistündiger Wanderung auf Gletschereis und Moränenblöcken standen wir endlich unten am Gletscherfuße auf dem „Aarboden,“ einer etwa eine halbe Stunde langen und eine kleine Viertelstunde breiten vollkommen ebenen Fläche, über welche die in viele geschlängelte Arme sich theilende Aar durch niedrige Gletscherthore aus den, von feinem Schutt fast schwarzgefärbten, gegen 200 Fuß hohen Eismassen hervortritt.

Hier glaubt nun der gewöhnliche Tourist am Ende des Gletschers zu sein. Er ist es auch, wenn er nicht daran denkt, daß jeder Gletscher, der eine mehr der andere weniger ersichtlich, blos die Gegenwart, der letzte Zeitabschnitt einer ungeheuer langen Periode der Erdbildung an seiner Stelle ist.

Es fiel mir hier auf, daß die Volkssprache der Schweizer einige Ausdrücke hat, welche unverkennbar darauf hinweisen, daß im Volke ein tieferes Erfassen der Gletscher liegt, als ein blos auf die gegenwärtige Thätigkeit derselben sich beschränkendes. Das Volk, nicht die Wissenschaft, hat den Namen Aarboden, Grimselboden, Rätterichsboden, Hasliboden (letztere drei der ersten ganz gleiche Ebenen) erfunden. Diese Flächen sind unverkennbar in früheren Jahrtausenden „Boden“flächen des Aargletschers gewesen. Das Volk pflegt doch sonst ähnliche Ebenen nicht „Boden“ zu nennen! Unweit dem Austritte der Aar aus dem [585] Gletscher nahe dem rechten Ufer liegen auf dem Aarboden drei „Rollen,“ ein Wort welches nach K. Vogt’s gegen mich ausgesprochener Meinung aus Knollen entstanden ist. Es sind dies freistehende Felsen, von denen der eine mehrere hundert Fuß hoch war und in Norddeutschland ein Berg genannt werden würde. Sir sind in der Richtung der Gletscherbewegung (daß sich jeder Gletscher vorwärts bewegt, habe ich schon früher gesagt) länglich abgerundete, im großen Ganzen halbkuglige oder halbeiförmige, Felsen, welche überall geglättet und abgeschliffen sind. Diese Abrundung und Abschleifung ist das Werk des Gletschereises, welches, wie der Edelsteinschleifer des Smirgels, sich des Schuttes und Sandes bedient. In früheren Zeiten ging der Gletscher über diese Rollen hinweg. Diese drei Rollen, denen theils an der linken, theils an der rechten Seite der ehemaligen Gletscherbahn vor dem Hospiz viele andere folgten, werden an Größe weit überboten von der „Grimsel-“ oder „Spittelnolle.“ So heißt der große kuppelförmige Berg, an dessen Fuß das Hospiz liegt; er ist von anderen Bergen kesselförmig umgeben, und ebenfalls bis auf seinen Gipfel vom Eise abgeschliffen und aller Ecken und Kanten beraubt. Doch ich sollte am andern Morgen vor meinem Hinabsteigen in das reizende Haslithal diese „Eis- oder Gletscherschliffe“ an noch viel höher gelegenen Punkten sehen. Mit äußerster Ausnutzung der Zeit unternahm ich mit fünf anderen Reisenden am Morgen des 9. Sept. von 7 bis 11 Uhr früh noch eine Besteigung des Sidelhornes, welches sich dicht neben der Grimsel bis auf 8525 Fuß erhebt. Es besteht aus einem schönen meist röthlich gefärbten Granit und nach dem Gipfel hin aus einem schwarzgrauen, leicht verwitternden Glimmerschiefer. So weit der Granit reichte und bis höchstens 800 Fuß unter dem Gipfel, den wir des immer dichter werdenden Nebels wegen unerstiegen ließen, fand ich an vielen Stellen den vollkommensten Eisschliff, d. h. große abschüssige Felsflächen, welche vollkommen glatt geschliffen und stellenweise glatt polirt waren. Also bis zu dieser bedeutenden Höhe hat einst die Gletscherbildung ihre glättende Thätigkeit erstreckt! Man wundert sich Anfangs darüber, daß im Verlauf der Jahrtausende diese Flächen, die in der Sonne wie Spiegel glänzten, durch die Verwitterung nicht angefressen oder rauh geworden sind. Allein sie liegen ja den größten Theil des Jahres unter Schnee begraben, und ihre Glätte erlaubt in der übrigen Zeit des Jahres dem Wasser nicht, lange darauf zu haften. Es fließt schnell davon ab, und die Luft trocknet sie schnell wieder.

Nach 12 Uhr hatten wir das Hospiz nicht nur wieder erreicht, sondern auch in der Schnelligkeit nun erst das Frühstück eingenommen, um dann in rüstigem Schritt mit der stürzenden Aar um die Wette thalabwärts zu steigen. Das aufmerksame Auge erkannte unter dem sich bald unterhalb der Grimsel einstellenden Knieholze hier und da mächtige Rollen und an den ungeheuren Granitwänden, die als breite Koulissen in das Aarthal vorspringen, zeigten sich oft die ausgedehntesten Eisschliffe. Bald war der Rätterichs-Boden erreicht, wo die Aar, die jetzt rechts von ihm im tiefen Felsenbette schäumt, einen kleinen See zurückgelassen hat, wie sich ein solcher größerer auch oben neben der Grimselnolle findet. Hölzerne und steinerne Brücken führten uns mehrmals von einem Ufer der Aar auf das andere und immer noch zeigte sich die Aar als „Gletscherbach,“ der sie ja ist, trüb und milchig von dem außerordentlich feinen schlammartigen Sand, den sie mit sich führt. Dieser ist natürlich das Erzeugniß der reibenden Gewalt unter der ungeheuren Eislast des Gletschers. Herr Dollfus theilte mir mit, daß seinen genauen Berechnungen nach die Aar bei großem Wasser, d. h. bei starkem Abschmelzen des Gletschers, in 24 Stunden 5600 Ctr. Schlamm fortführt, was also weit über 200 Pferdelasten zu 25 Ctr. auskragt. Doch ich darf mich nicht so weit von meinem Thema entfernen und ich komme daher zu der „hellen Platte.“ Dies ist eine vielleicht 25,000 Geviertfuß große sanft geneigte Felsenfläche, welche sich als der unverkennbarste Eisschliff zu erkennen gibt. Nicht nur daß sie vollkommen aller und jeder Ecken und Kanten, die jede andere eben so große Felsenwand haben würde, beraubt ist, sondern sie ist auch in der Richtung des Thales, in der sich hier einstmals der Gletscher abwärts bewegt hat, mit dichter oder weitläufiger stehenden Furchen bedeckt, die Spuren der zuletzt darauf hingeschleiften, unter der Wucht des Eises eingeklemmten oder im Eise eingefrornen Steine. Für von dem darüber fließenden Wasser ausgewaschene Rinnen kann man diese Furchen deswegen durchaus nicht halten, weil sie gerade rechtwinkelig auf die Richtung stehen, welche Wasserrinnen haben müßten. „Agassiz’ Eisschliff 1842,“ in den Stein der hellen Platte eingegraben, bezeichnet sie als ein Eigenthum der Wissenschaft. Auch der Achtloseste kann die helle Platte nicht ansehen, ohne nach der Entstehung dieser wie von Menschenhand abgemeiselten und polirten Felsenwand zu fragen. Die eingemeiselte Inschrift sagt es ihm und er versteht diese, wenn er von dem geheimnißvollen Walten der Gletscherbildung wenigstens einige Kunde hat.

Auf der Tschingelbrücke machte ich meine Begleiter auf einen sogenannten „Riesentopf“ aufmerksam. Die Aar stürzt mit betäubendem Getöse durch den hohen Bogen der Brücke, eingeengt von beiden Seiten und in ihrem Bett durch ungeheure Blöcke eines schönen fast weißen Graniten. Einer dieser Blöcke, mit dem rechten User gerade unter der Brücke an der Seite noch zusammenhängend, gleicht einem ungeheuern Topfe von etwa sechs Fuß Durchmesser. Solche Riesentöpfe entstehen durch die Gewalt des Wassers, welches im Wirbel Steine darauf herumdreht und sie so nach und nach aushöhlt, wobei die Steine als Bohrer dienen. Dem fertigen Riesentopf gegenüber steht ein kleinerer, der noch in der Arbeit ist. Die jetzt kleine Aar stand tief unter der nur erst etwa eine Elle tief ausgehöhlten Oberfläche, in welcher der reibende Stein auch noch lag. Ein wenig oberhalb der Brücke war das etwas breitere Aarbett, in welchem sie unbändig schäumte und tos’te, mit großen Granitblöcken erfüllt, an welchen die unablässig leckende Zunge des Wassers dergestalt gewirkt hatte, daß sie runde muschelförmige Flächen zeigten und schmelzenden Eisklumpen glichen, wozu auch die weiße Farbe nicht wenig beitrug.

Wir kamen zur Handeck, einem von wenigen Sennhütten gebildeten Weiler. Hier stürzt die Aar Arm in Arm mit dem von links herkommenden wasserreichen Aerlenbache 200 Fuß tief in eine enge von senkrechten Felsenwänden gebildete Schlucht, deren Boden von den dichten Wasserstaub-Wolken des zerpeitschten Wassers dem schwindelnden Blicke völlig verhüllt ist. Ueber dem Tosen des fürchterlichen Kessels schwebte friedlich der brillanteste Regenbogen, den ich je gesehen, in dem hochaufsteigenden Wasserstaube, Wir waren hier bis auf die Höhe von 4373 Fuß abwärts gekommen. Bald ändert sich mit der Gebirgsart der Charakter der Landschaft. Der Granit wich unter Gutanen dem Gneiß und mit diesem, dessen Schichten stark geneigt und oft fast auf den Köpfen standen, wurden die Felsformen wilder und zackiger. Je weiter wir abwärts kamen, desto mehr erkannte man eine allmälige Klärung des Wassers der Aar, obgleich es noch weit davon entfernt war, die lufthelle Klarheit eines Gebirgsbaches anzunehmen, deren doch unzählige von rechts und links her bemüht waren, den Gletscherursprung der Aar durch ihre eigene Klarheit zu verwischen. Klar wird sie erst bei Thun, nachdem sie in den beiden großen Abklärungsbecken des Brienzer- und Thunersees all’ ihren Gletscherunrath abgesetzt hat, in der bis 2000 Fuß betragenden Tiefe dieser herrlichen Landseen. Ob es gleich nicht eigentlich zu dem Thema meines Briefes gehört, so muß ich doch als einer der Gletscherwirkung ebenbürtigen Erscheinung der ungeheuren Schutthalden gedenken, welche von den Lauinen von rechts und von links her in das enge felsige Aarthal hinabgeführt waren. Dies geschieht in dieser Ausdehnung nur im Frühjahr und Vorsommer und dennoch fand ich an einer Stelle den Lauinenschnee noch nicht ganz weggeschmolzen, sondern einen gewölbten Brückenbogen über die Aar hinweg bildend. Diese Lauinenbahnen sind meist tiefe Felsenschlüchte, ob denen oft der Fuß eines Gletschers oder wenigstens eines mächtigen Schneefeldes herabdroht. Was auf dieser Bahn liegt und nicht niet- und nagelfest ist, muß mit fort, und wären es haushohe Blöcke.

Die Spuren des Gletscherschliffes verließen uns auch unterhalb Gutanen im Gneißgebiete nicht, ja selbst noch tiefer unten fehlten sie nicht, wo mächtige Bänke eines schönen schwarzen weißgeaderten Marmors (der Juraformation angehörend) sich über den Gneiß gelagert finden und zuletzt allein die hohen Felswände bilden; obgleich wegen der größeren Verwitterbarkeit des Kalksteines die Schliffflächen weniger gut erhalten sind.

Von sechsstündigem Herabsteigen auf dem oft äußerst holperigen Saumpfade tüchtig zusammengestaucht kamen wir im Hasliboden, dem unteren Ende des Oberhaslithales an und man erkennt in ihm leicht einen ehemaligen Gletscherboden. Anfänglich [586] sieht man sich verblüfft nach einem Ausgangspunkte der Aar um, denn quer vor das an den Hasliboden sich anschließende Unterhaslithal legt sich ein mächtiger mehre Hundert Fuß hoher Wall, an welchem eine neue in weitausgreifender Zickzacklinie gelegte Straße hinüber nach Meiringen führt, dem Hauptorte des Unterhaslithales. Die Aar hat sich durch diesen Wall an dessen rechter Seite, wo er an die rechte Thalwand sich anschließt, eine tiefe enge Schlucht gewaschen, die „finstere Schlauche“ genannt. Der Wall selbst gibt sich dem aufmerksamen Auge leicht als eine alte Endmoräne von ungeheurer Ausdehnung, und als eine Gruppe von Rollen zu erkennen, über welche einst der Gletscher noch tiefer hinausgegangen ist. Wenn man diesen Wall überschritten hat, welcher rechts vom Hasligrund auch dem Gadmenthal und dem Genthal ein Halt gebietet, in denen ohne Zweifel früher ebenfalls Gletscher ihren langsamen Marsch machten und mit dem Aargletscher zusammen den Wall theils bildeten, theils überwanden, so blickt man in die tischgleiche Ebene des reizenden Unter- oder kurzweg sogenannten Haslithales, welches etwa eine Viertelstunde breit sich 2 1/2 Stunde lang bis Brienz ausdehnt, neben welchem die Aar ihr immer noch nicht völlig entfärbtes Wasser in den See ausgießt. Auch an den himmelhohen Kalkwänden des Haslithales kann man noch leicht die „alten Spuren der Gletscherwirkung“ wahrnehmen, und es war mir, gestützt auf die vor Augen liegenden Erscheinungen, leicht geworden, meine Begleiter davon zu überzeugen, daß sie mit mir von dem Kamme des Sidelhornes bis hinunter in das Haslithal auf der Bahn eines ehemaligen Gletschers gewandert waren. Diese Bahn wird in ihrer oberen Hälfte alljährlich gewissermaßen wieder hergestellt, indem im Winter die wenigen Wanderer, welche über Furca und Grimsel aus dem Wallis nach Meiringen und Brienz gehen, nicht den tief unter Schnee begrabenen Saumpfad wie wir einschlagen, sondern hoch über dem Aarbett über den gefrornen Schnee, welcher dann die Sohle des ganzen so jäh abfallenden Thales ausfüllt, einen geraderen Pfad wählen, so daß dann tief unter ihren Füßen die wilden Wasser der Aar wie eine unterirdische Wasserleitung im Verborgenen sich abwärts wühlen.

Man kann nicht leicht einen lehrreicheren Weg als den eben beschriebenen machen. Mit nur einiger Kenntniß von der Natur der Gletscher gewinnt man durch ihn die Ueberzeugung, daß die Gletscherthätigkeit einen großen Antheil hat an der Oberflächengestaltung der Erde, selbst an solchen Orten, die jetzt weitab liegen von dem beschränkteren gegenwärtigen Schauplatze dieses mächtigen Wirkens der Natur.






Zwei Züge aus Washington's Leben.


Washington war noch ein junger, bildschöner Mann, als er einst auf einer Reise durch Virginien in der Nähe einer Farm anlangte, die, im Walde liegend, ihm und seinem müden Rosse Erquickung zu bieten verhieß. Näher herzugekommen, fand er zu seiner Verwunderung eine festlich gekleidete Versammlung. Die Feier oder was es sonst war, wurde, wie er auch abwehrte, von dem alten Farmer, einem wahren Originale, unterbrochen, um die Pflichten der Gastfreundschaft zuerst an dem müden Gaste zu erfüllen. Es entging Washington’s scharfem Blicke nicht, daß diese Unterbrechung theils willkommen, theils höchst unwillkommen war. Was es aber galt, blieb ihm ein Räthsel, zumal die Hauptperson die festlich geschmückte, liebreizende Tochter des Farmers war, deren Züge Spannung, Kummer und Sorge ausdrückten.

Als George Washington seinen Hunger und Durst gestillt hatte und sich wieder vollkommen auf dem Damme befand, fragte er seinen Wirth, der ihm alle erdenklichen Aufmerksamkeiten erwies, nach der Veranlassung des Festes.

„Ihr werdet erstaunen, wenn ich Euch das erzähle, Herr,“ sprach der dicke Farmer, „aber man muß sich aus einer Verlegenheit in der glimpflichsten Weise zu ziehen suchen, so hab’ ich’s auch vor und Ihr mögt Zeuge sein, wie es mir gelingt.

„Seit zwanzig Jahren wohne ich hier so glücklich, als Einer in den vereinigten Staaten, denn mir gehet nichts ab und mit meinen zwei nächsten Nachbarn lebe ich wie ein Bruder mit seinen Brüdern nur immer leben kann und soll. Wir sind fast gleichzeitig hierher gekommen, haben uns gegenseitig in Leid und Freude brüderlich beigestanden und sind so in rechter Liebe und Treue zusammengewachsen. Nun sind unsere Kinder zusammen herangewachsen. Meine Nachbarn haben jeder einen erwachsenen, heirathsfähigen Sohn und ich eine Tochter, meine gute Lucy, Ihr habt sie wohl gesehen?“

Washington bejahte mit einem wohlverdienten Lobspruch auf ihre seltene Schönheit.

„Ja,“ sagte der Farmer mit behaglicher Freundlichkeit, „Ihr habt Recht, Herr, Lucy ist schön, wie ihre Mutter war, die ich frühe betrauern mußte; aber das ist ihr geringster Vorzug; sie ist ebenso züchtig, fleißig, reinlich und wirthlich, als sie schön ist, und ich will jedem verwittweten alten Vater eine pflegende Tochter wünschen, wie sie mir der Herr geschenkt hat.“

„Ehre dem Märchen,“ rief Washington aus, „dem ein solches Zeugniß von dem redlichen Vater gegeben werden kann, und Ehre dem Vater, der sie erzog!“

Der alte Farmer lächelte in sich vergnügt bei diesen Worten seines Gastes, und, indem er die duftigen Wolken seiner Pfeife hinausblies, strich er mit der Rechten gemüthlich über den ansehnlichen Umfang seines Bauches.

„Gerade wie Ihr die Sache anschaut, Herr, so betrachten sie auch meine braven Nachbarn und ihre ebenso braven Söhne William Brown und John Clifford,“ fuhr der Farmer fort. „Sie sind mit Lucy aufgewachsen und werben Beide um sie. Da sitze ich mitten drinnen in der Patsche, Herr, und weiß nicht, wem ich sie geben soll?“

„Aber hat denn das schöne Mädchen nicht entschieden? In diesem Alter, meine ich, müßte das ja doch zu merken sein?“ sagte Washington.

„Freilich,“ versetzte der Farmer und runzelte dabei die Stirn.

„Sie hat William Brown sehr lieb und er sie; aber sie ist auch dem braven John Clifford nicht böse und achtet ihn hoch, wie er es verdient. Damit ich nun nirgend anstoße und Niemandem wehe thue, habe ich die Väter und die Söhne zu mir kommen lassen, wie Ihr sie im Garten, an der Fenze lehnen sehet, und Ihnen ein Gottesurtheil vorgeschlagen. Welcher von Beiden den weitesten Sprung thut, der soll sie haben. Beide sind tüchtige Springer.“

Ueber Washington’s Antlitz zuckte es, wie ein Blitz, aber lächelnd und sogar etwas schelmisch.

„Ist das Wort fest, Herr, was Ihr da sagtet: wer den weitesten Sprung thut, dem gehört das Mädchen als Gattin?“

„In ganz Virginien hat kein Mensch jemals mein Wort in Zweifel gezogen,“ sagte fest, vielleicht etwas verletzt der Farmer.

„Vergebt, wenn es den Anschein hätte, als ob ich das thäte,“ sagte Washington in einer so herzgewinnenden Weise, daß aufkeimender Groll auf der Stelle vergehen mußte. „Ich fragte nur, weil – ich um das Mädchen mitspringen will!“

„Ihr?“ fragte erstaunt, betroffen und verlegen der Farmer, und dehnte das Wort in ungebührliche Länge.

„Ja,“ sprach Washington fest, „ich halte Euch beim Worte. Meine Stellung ist so, daß ich meine Frau ernähren kann, und Euch keine Schande machen werde. Das noch, – nach der Entscheidung nenne ich meinen Namen und Stand, und Ihr habt das Recht, wenn Euch ein Bedenken kommt, mich ohne Weiteres zurückzuweisen.“

„Topp!“ rief der Farmer, dem der prächtige Mensch ungemein gefiel, ergriff seine Hand und führte ihn heraus zu den im Garten wartenden Gästen und Prätendenten.

Die schöne Lucy, welche mit beifälligen Blicken den Fremden musterte, erglühte wie eine Purpurrose, die beiden Prätendenten erbleichten beim Anblicke des schlanken, sichtlich sehr gewandten Körpers des Fremden, als der Farmer ihnen den Inhalt des Gespräches mit dem Gaste und sein gegebenes Wort mittheilte.

Eine Einrede konnte nicht erhoben werden, und so wurde denn sogleich das Mahl festgestellt und der Sprung begann. Ein kurzer Anlauf war gestattet.

[587] John Clifford war der Erste. Er. sprang und blieb eine gute Elle hinter dem Ziele zurück. Ein Strahl der Freude blitzte über das bleiche Gesicht des schönen Mädchens. Ein unaussprechlicher Blick traf William Brown. John Clifford einsehend, daß sich das Schicksal gegen ihn entschied, schien sich mit ziemlicher Ruhe drein zu ergeben. Sein Vater sah mürrischer aus, als er.

William Brown nahm den erlaubten Anlauf und sprang und erreichte das Ziel fast. Etwa einen Fuß breit weiter zurück zeigte sich der Abdruck seines Fußes im Boden, der absichtlich feucht gemacht war. Jetzt trat Washington vor.

„Soll ich’s wagen, da William Brown gesiegt hat?“ – fragte er.

„Ihr müßt!“ rief der Farmer und die reizende Lucy mußte sich an den Stamm des Baumes lehnen, an dem sie mit einigen kaum minder hübschen Mädchen stand, die Schwestern von William Brown und John Clifford waren. Einem scharfen Beobachter würde es nicht entgangen sein, daß Mary Brown. Williams Schwester, erbleichend ihre Hände gefaltet hatte, als John Clifford den Sprung wagte und daß sie freudig zusammenzuckte, als er so weit vom Ziele blieb.

Washington trat an, nahm den Anlauf und – weit über das Ziel sprang er mit wunderbarer Leichtigkeit. Ein Ach, ob der Freude oder des Unwillens? – entfuhr den Zuschauern und das schöne Mädchen wankte. Eben so flüchtig, wie er gesprungen war, stand Washington bei ihr und fing sie auf. „Seien Sie ruhig, Miß Lucy,“ sagte er leise zu ihr, „ich sprang nur mit, um im Nothfalle Sie an William Brown abtreten zu können. Ich bin glücklicher Gatte!“

Das Mädchen starrte ihn ungläubig an, aber sein Ton war so fest, daß kein Zweifel blieb.

Jetzt wandte er sich gegen die Männer.

„Ich bin George Washington,“ sagte er lächelnd, „und habe mir einen kleinen Scherz erlaubt, den Ihr, theure Mitbürger, mir vergeben werdet, wenn ich Euch den Grund enthüllt haben werde. Der wackere Vater dieses trefflichen, liebreizenden Mädchens hatte mir die Lage der Sache mitgetheilt, als er den Gast speiste und tränkte; mein Blick bestätigte meine Vermuthung, daß eine innige Liebe William Brown mit Lucy verbindet, während der sehr ehrenwerthe John Clifford vielleicht mehr dem väterlichen Wunsche bei seiner Bewerbung folgte. Für William Brown ist bereits entschieden gewesen, als Ihr mich zum Sprunge zwangt. Die liebliche Braut ward mein, aber ich bin glücklicher Gatte und trete sie, da sie mein ist, an William Brown ab, an den ich sie unter allen Umständen abgetreten haben würde.“

Alle standen da, wie Bildsäulen; nur William Brown stürzte auf Washington zu und drückte stürmisch seine Hand. „Wie soll ich Euch danken?“ rief er aus.

„Hoch lebe Washington!“ erschallte es jetzt im Chöre und John Clifford war der Erste, der den Ruf ausbrachte. Alle umringten den Helden jetzt und der alte Farmer bat flehentlich, er möge seinem Hause das Glück gewähren, bei Lucy’s Vermählung zugegen zu sein.

„Wenn ich wüßte,“ sagte Washington lächelnd, „daß es eine Doppelhochzeit gäbe“ – und dabei sah er John Clifford an, der ihn mit begeisterten Blicken betrachtete.

„Wollt Ihr mein Freiwerber werden?“ fragte der Jüngling.

„Mary Brown, Williams liebliche und brave Schwester wäre die, um die ich jeden Sprung wagte.“

Washington trat zu dem alten Clifford. „Master Clifford,“ sagte er, seine harte, derbe Hand kräftig fastend’, „habt Ihr das gehört?“

„Ich habe es gehört,“ erwiederte der alte, biedere Virginier, „und wenn mein lieber Nachbar Brown denkt wie ich, so ist Eure Werbung schnell am Ziele.“ Der alte Brown lächelte dazu und meinte, „da bliebe ihm ja nichts übrig, als ja zu sagen, wenn Mary wolle.“ Aber John und Mary, Lucy und William nahten schon, um den elterlichen Segen zu erbitten.

Washington konnte dennoch nicht bleiben. Er mußte, wichtiger Geschäfte willen weiterreisen. Das betrübte Alle aufrichtig. Als er schied, küßte er die erröthende Lucy auf die reine Stirn, wünschte beiden Paaren Glück, und als William den Blick sah, den Lucy dem edeln Manne nachsandte, als er unter den Bäumen verschwand, die den Weg beschatteten, den Blick, in dem ein paar krystallne Tröpflein glänzten, da sagte er, die theure Braut schalkhaft anblickend: „Ich bin eigentlich recht froh, daß er weggeritten ist.“ Lucy trocknete das Auge, reichte William ihre weiße Hand und entgegnete lächelnd und doch so ernst: „William, scherze nicht. Er ist der Gründer unseres Glückes. Gott segne ihn!“




Eines Tages ging ein Mann durch eine der abgelegeneren Straßen von Philadelphia, dessen Haltung und äußere Erscheinung auf eine bedeutende Person schließen ließ. Es war früh am Morgen und der Verkehr belebte die Straße noch wenig. Plötzlich trat ein Jüngling an ihn heran mit bleichen, kummervollen Zügen, schüchtern, furchtsam, ja zitternd und ohne ihn anzublicken, bat er leise um eine Unterstützung. Der Mann sah ihn scharf an, aber der Blick wurde milder nach dieser prüfenden Beobachtung, denn der Ausdruck des jungen Menschen, die zitternde Stimme, die ganze Haltung zeigten ihm, daß er keinen Bettler von Profession hier vor sich habe, sondern im vollen Sinne des Wortes einen Unglücklichen.

„Sie sehen mir nicht aus, wie Einer, der an’s Betteln gewöhnt ist. Was nöthigt Sie zu diesem Schritte? Seien Sie offen und ehrlich, sagen Sie mir die volle Wahrheit, aber auch nur Wahrheit, denn davon wird meine Hülfe abhängen!“ – So sprach mild und Zutrauen einflößend der Angeredete.

„O, das will ich,“ sagte mit einem tiefen Seufzer und nun erst den Blick zu dem Gesichte des Mannes aufschlagend der junge Mensch. „Wohl bin ich nicht in den Verhältnissen geboren, wie die sind. in denen Sie mich finden. Die Unfälle, die meinen armen Vater trafen, das namenlose Unglück, in dem sich meine gute Mutter befindet, nöthigen mich zu dem Schritte, den ich mit zagendem Herzen, mit großer Ueberwindung gethan habe.“

„Wer ist denn Ihr Vater?“ fragte der Mann weiter und erfuhr nun, daß er ein wohlhabender Kaufmann gewesen, den der treulose Bankrott eines Geschäftsfreundes völlig zu Grunde gerichtet und bettelarm gemacht hatte. Der Kummer über dieses unverschuldete Elend half den Keim einer tiefer liegenden Krankheit rasch entwickeln und nach wenigen Monaten starb er, und sein Tod brachte das Maß des Unglückes der Familie zum Ueberfließen. Die Mutter, der junge Mensch und ein jüngerer Knabe versanken in die tiefste Armuth. Ein Freund seines Vaters gab dem jungen Menschen Unterkommen in seinem Hause; die Mutter suchte durch Arbeit sich und den jüngeren Bruder zu ernähren; aber in der letzten Nacht wurde sie von einer heftigen Krankheit befallen, die ihr Leben in Gefahr brachte. Der junge Mensch hatte keinen Kreuzer, um ärztliche Hülfe und Arzneimittel zu beschaffen. „Ach,“ schloß er, „ich habe den Muth nicht, unsere Bekannten aufzusuchen und um ein Almosen zu bitten. Die Reichen darunter sind hart; die Armen, die ein Herz haben, können nicht helfen, wenn sie auch wollten. Darum –“

Der Herr hatte ihm mit inniger Bewegung zugehört. Das war die Stimme der Wahrheit, wenn sie irgendwo zu finden war, das sagte ihm das Herz.

„Nun – fahren Sie, fort,“ sagte er mild zu dem jungen Menschen. –

„Darum,“ fuhr dieser fort, und zwei heiße Thränen rollten ihm über die Wangen, „faßte ich ein Herz, Sie, den Fremden, anzureden und überwand die Scham, die sich mit Macht dagegen erhob. Ach, erbarmen Sie sich meiner armen Mutter!“

„Wohnt Ihre Mutter weit von hier?“ fragte der Mann, dem das Herz weich wurde.

„Im letzten Hause dieser Straße, links, im dritten Stockwerke,“ sagte der junge Mensch, ihn flehentlich ansehend.

„Und einen Arzt haben Sie noch nicht? Nun, hier sind einige Dollars. Eilen Sie, einen Arzt zu holen.

Der junge Mensch ergriff seine Hand und benetzte sie mit seinen Thränen. Reden konnte er nicht, nur die Worte brachte er heraus: „Gott segne Sie!“ dann eilte er von dannen mit einer Hast, daß er zu fliegen schien.

Der Mann sah ihm einen Augenblick nach, dann schüttelte er den Kopf, und sagte leise zu sich: „Nein!“ Darauf schritt er dem bezeichneten Hause zu, und war bald an der Thüre der Wittwe, wo er leise anklopfte. Ein kleiner, schöner Knabe, dessen Auge in Thränen schwamm, öffnete die Thüre, und er trat ein. Sein scharfer Blick musterte das Stübchen schnell. Da stand ein alter tannener Tisch, zwei Stühle von eben dem Ansehen, wie der Tisch, ein alter Schrank und auf dem Tische einige weibliche [588] Handarbeiten unvollendet. Ueberall herrschte Ordnung und Reinlichkeit, aber die größte Dürftigkeit. In einem armseligen Bette lag die Kranke, deren Fieberzustand sich deutlich zu erkennen gab.

Diese äußeren Umstände bewegten ihn noch mehr. Er trat zum Bette und befragte die Kranke über ihren Zustand, daß sie ihn für einen Arzt hielt. Sie sagte ihm, was er wissen wollte, dann setzte sie hinzu, wie unglücklich sie sei, und wie für sie der Tod das beste Heilmittel sein würde, wenn er ihr nicht dadurch schrecklich erschiene, daß sie ihre beiden Söhne im hülflosesten Zustand zurücklassen müßte; das zerreiße ihr Herz.

Der vermeintliche Arzt spricht ihr Trost ein und die Art, wie er dies thut, ist so wohlthuend und Vertrauen erweckend, daß sie ihm ihr Herz erschließt, und alle die Schläge des Unglücks ausführlich erzählt, welche der Sohn auf der Straße ihm nur angedeutet hatte. Er horchte ihr mit bewegtem Herzen, tröstete sie dann und redete ihr inniglich zu, dafür zu sorgen, daß ihr theures Leben für ihre Kinder erhalten bliebe. Darauf bat er sie um etwas Papier. Aber das fehlte der Armuth. – Auf dem Bette lag ein Gebetbuch, der Wittwe Trost. Er nahm es in seine Hand, und sagte: „Das weiße Blatt hier ist überflüssig, und reicht mir aus.“ Er löste es ab und der Knabe reichte ihm sein Tintenfäßchen und seine Feder. Der vermeintliche Arzt setzte sich an den Tisch und schrieb. Darauf drückte er der Kranken die Hand, sprach noch im liebevollsten Tone Worte des Trostes und ging.

Kurze Zeit darauf kam der älteste Sohn zurück.

„Liebe Mutter,“ rief er freudig, „Gottes Gnade verläßt uns nicht! Ein großmüthiger Fremder hat mir fünf Dollars gegeben. Gott segne ihn! Nun wird der Arzt gleich kommen, und ich hoffe auf Gottes ferneren, gnädigen Beistand! Fassen Sie Muth!“

Die Mutter zog ihre Kinder an ihr Herz und betete über sie. Dann sagte sie:

„Du riefst einen Arzt? Seltsam, er ist schon dagewesen!“

„Unmöglich!“ sagte der Sohn verwundert.

„Doch, Kind,“ versetzte die Mutter, „und er ist auch ein rechter Arzt für die Seele. Ach, wie liebevoll tröstend waren seine Worte. Dort liegt das Recept, das er geschrieben hat!“ – Sie deutete nach dem Tische, wo das beschriebene Papier lag. Betroffen eilt der junge Mensch zum Tische, liest das, was der Fremde geschrieben hat, und beginnt zu zittern.

„Mutter,“ ruft er, „es ist kein Recept! Hören Sie!“ Und er liest eine Verschreibung auf eine sogleich zu erhebende, sehr bedeutende Summe.

Die Mutter richtet sich voll freudigen Schreckens auf. „Die Unterschrift, mein Sohn, die Unterschrift!“ ruft sie aus.

„George Washington!“ liest der junge Mensch – „Präsident des Congresses!“

Da sinkt die Kranke ohnmächtig zurück. Zum Glücke für die trostlosen Söhne, die glaubten, ihre Mutter sei gestorben, kommt der Arzt, und es gelingt ihm, die Mutter bald wieder zu beleben. Es war ein edler Mensch, und auch er liest mit tiefer Bewegung die Schrift Washingtons.

Der edle Mann ließ es dabei nicht bewenden. Nach einigen Tagen kam er wieder und fand zu seiner Freude die Wittwe auf dem Wege der Genesung. O, wie waren sie dankbar! Wie ergriff es ihn, als die Kinder sich seiner Hände bemächtigten und sie mit Küssen bedeckten, mit Thränen benetzten! Was er brachte, war noch mehr. Er hatte bei einem ihm befreundeten wackern Kaufmanne dem ältesten Sohne eine Lehrlingsstelle ausgemacht, in die er sogleich eintreten konnte, und dem Jüngsten hatte er den Eintritt in eine tüchtige Schule erwirkt. Die Gabe aber setzte die Wittwe in den Stand, in ihren bescheidenen Verhältnissen ohne Mangel zu leben. Und unter dem sorgenvollen Werke seines hohen Berufes behielt er noch Zeit, sich nach seinen Pflegebefohlenen zu erkundigen, und der Wittwe seine fortdauernde Fürsorge zuzuwenden, was er bis zu der Zeit getreulich getreulich that, daß der Aelteste, der das volle Vertrauen seines Prinzipals rechtfertigte, eine Stellung in dem Handelshause gewann, die ihn in den Stand setzte, reichlich für die Mutter und für die Bildung und das Fortkommen des jüngsten Bruders zu sorgen.

Als die Dankbarkeit das auferlegte Geheimniß brach, da war in ganz Philadelphia nur eine Stimme: „Gott segne den edeln Retter des Vaterlandes und der Unglücklichen! Gott segne Washington!“




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das ist ein Mann, in dessen Adern kein falscher Blutstropfen rinnt, der nie das Gold der Dichtkunst zu schnödem Götzendienste gemißbraucht, ein treues Herz, reich begabt mit himmlischem Gold und Perlen – denn die Treue, die Redlichkeit und Gabe der Dichtkunst wohnen in ihm.

Der ganze Ertrag der Schriften kömmt allein dem wackern Verfasser zu Gute.

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Leipzig, im Oktober 1856.

Ernst Keil.


Aus der Fremde Nr. 43 enthält:

Aus dem westlichen Farmerleben. – Land und Leute in Afrika. – Beckwourth’s Abenteuer. – Aus allen Reichen: Yadace. – Neueres von Australien. – Neueres von den Sandwichinseln. – Aus Sonora.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.