Die Gartenlaube (1888)/Heft 37

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1888
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[613]
Die Alpenfee.
Roman von E. Werner.

(Fortsetzung)

Wie hat Dir Benno gefallen, Alice?“ wandte Wally sich sich an ihre Freundin, „er war ganz trostlos darüber, daß er sich so ungeschickt benommen hat bei dem ersten Besuche. Hast Du ihm das wirklich übelgenommen, wie er glaubt?“

„Vertrauenerweckend war das Benehmen Ihres Vetters allerdings nicht, Frau Doktor Gersdorf,“ bemerkte die Baronin, die den Namen diesmal merklich betonte; zu ihrer größten Bewunderung aber stieß sie bei der sonst so passiven Alice auf einen Widerspruch, die junge Dame hob den Kopf und sagte mit ganz ungewöhnlicher Entschiedenheit:

„Mir hat Doktor Reinsfeld einen sehr angenehmen Eindruck gemacht, und ich theile das Vertrauen unbedingt, das Wolfgang in ihn setzt.“

Wally sandte der alten Dame einen triumphirenden Blick zu und war eben im Begriff, das Lob ihres „Verwandten“ noch weiter zu verkünden, als dieser selbst erschien.

Benno war heute in seiner schmucken Sonntagstracht, die von der eigentliche Volkstracht nur wenig abwich und auch von den Herren hier im Gebirge vielfach getragen wurde. Die graue Joppe mit den grünen Aufschlägen und der dunkelgrüne Hut mit dem Gemsbarte standen ihm vortrefflich, seine kräftige Erscheinung kam darin zur vollen Geltung, und hier, wo ihn keine fremde Umgebung beengte, benahm er sich auch den Damen gegenüber mit ziemlicher Unbefangenheit. Er begrüßte seine Verwandten und Erna herzlich, Waltenberg freundlich, und selbst seine Verbeugung vor Frau von Lasberg fiel ganz erträglich aus. Als er aber nun vor Alice stand, da war es aus mit der bisher so tapfer behaupteten Fassung, er wurde wieder dunkelroth, schlug die Augen nieder und brachte kein Wort über die Lippen. Er vernahm auch anfangs gar nicht, was die junge Dame zu ihm sprach, sondern hörte nur die weiche, sanfte Stimme, die ihm auch heute wieder so gütig entgegenklang wie damals im „Elfenreiche“. Erst als Alice auf ihre Begleiterin deutete, kam er wieder etwas zur Besinnung.

„Die arme Frau Baronin leidet an heftigen Kopfschmerzen und hat uns doch das Opfer gebracht, mitzufahren, aber das Uebel ist dadurch schlimmer geworden. Wissen Sie kein Mittel dagegen?“

Frau von Lasberg, die eben ihr Flacon zur Nase führte, hielt plötzlich inne; die Frage kam ihr sehr unerwünscht, denn sie war durchaus nicht gesonnen, ihre kostbare Gesundheit diesem Bauerndoktor anzuvertrauen.



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Ihr Fenster

Ich weiß den Platz, da steht ein Haus,
Hat blanke Fensterlein.
Ein blaues Auge schaut hinaus,
Der Mond der schaut hinein.

5
Nun sage, wem dies Auge scheint,

Wo bleibt der Sonne Glanz?
Nun sage, wen das Auge meint –
Der hat die Wonne ganz!

Ums Fenster rankt ein Rosenstrauch

10
Und Blumen duften süß:

In meine Seele dringt ein Hauch
Aus jenem Paradies.

Klaus Groth.

[614] Reinsfeld sprach bescheiden die Ansicht aus, die Steigerung des Uebels sei wohl in dem grellen Sonnenschein und der lärmenden Umgebung zu suchen, und schlug der gnädigen Frau vor, sich auf eine Stunde in ein stilles, kühles Zimmer zurückzuziehen, das hoffentlich im Wirtshause zu haben sei. Er eilte bereitwillig fort, um die Wirthin zu rufen, die auch sogleich erschien. Ein leeres Zimmer war vorhanden, es lag nach der andern Seite hinaus, und die alte Dame, die sich in der That sehr angegriffen fühlte, geruhte, sich dieser Verordnung zu fügen, deren Zweckmäßigkeit sie einsah.

„Gott sei Dank, jetzt sind wir unter uns, jetzt gehen wir auch auf den Tanzplatz!“ sagte Wally, die sofort die Führung übernahm.

„Unter die Bauern?“ fragte Alice erschrocken.

„Mitten unter die Bauern!“ rief die kleine Frau übermüthig. „So sieh doch nicht so entsetzt aus! Du solltest Gott danken, daß Deine Frau Oberhofmeisterin Migräne hat, sonst hätte sie Dich sicher festgehalten. Benno, reichen Sie Fräulein Nordheim den Arm!“

Benno sah nicht minder entsetzt aus bei dieser Zumuthung, aber Wally hatte sich bereits ihres Gatten bemächtigt und Waltenberg Erna den Arm geboten; Alice stand allein, es blieb also dem Doktor nichts übrig, als dem Befehl nachzukommen.

„Gnädiges Fräulein – darf ich denn?“ fragte er scheu und ängstlich. Alice zögerte noch einen Augenblick, aber ob nun das lustige Gewühl da draußen sie wirklich reizte, oder die schüchterne Bitte den Ausschlag gab, sie lächelte und nahm den dargebotenen Arm an, um mit ihm den anderen, die schon außerhalb des Gärtchens waren, zu folgen.

Inzwischen machte Veit Gronau Volks- und Sprachstudien mit seinen beiden Schutzbefohlenen. Er erklärte soeben dem wißbegierigen Said das Wort „Alpenfee“, das dieser irgendwo aufgefangen hatte, in seiner drastischen Weise:

„Das ist eine Berggottheit, die aber kein Mensch zu Gesichte bekommt, weil sie immer droben in den Wolken sitzt; aber bisweilen kommt sie den Leuten doch auf die Köpfe und ruinirt ihnen Haus und Hof. Die sämmtlichen Wolkensteiner beten sie an, obgleich sie Christen sind, aber man kann ein guter Christ und doch ein Heide sein. Djelma, was sperrst Du wieder den Mund auf? Das geht wohl über Dein Begriffsvermögen? Sag’ einmal ‚Alpenfee‘!“

Djelma, der mit offenem Munde nach dem Wolkenstein hinaufguckte, begriff diese wundersame Erklärung allerdings nicht, mühte sich aber, das bezeichnete Wort nachzusprechen, was ihm nach einigen mißrathenen Versuchen auch gelang.

„Nun, es geht einigermaßen,“ sagte sein Mentor befriedigt. „Wenn Du wieder ein neues Wort hörst, dann sprichst Du es nach und übst Dich darin, sonst lernst Du niemals Deutsch. – Da kommt Herr Waltenberg mit den Damen und dem Doktor! Sie wollen wahrscheinlich auf den Tanzplatz; ich glaube, sie sind froh, daß sie die alte Schachtel auf eine Stunde losgeworden sind.“

Djelma horchte auf bei dem neuen Worte, und der eben empfangenen Weisung gemäß begann er es leise und eifrig zu üben. Gronau achtete anfangs nicht darauf; als der Malaye aber die alte Schachtel kräftiger betonte, wurde ihm klar, was er angerichtet hatte, und er fuhr den armen Jungen an:

„Hältst Du das etwa für einen Ehrentitel? O Du Schaf! Gnade Dir Gott, wenn Du das Wort jemals vor den Damen aussprichst, die gnädige Frau Baronin Lasberg heißt es!“

Djelma sah tiefgekränkt aus, er war so aufmerksam gewesen und fand das neue Wort so schön und nun verbot man ihm, es auszusprechen. Said aber sagte wichtig:

„Master Hronau, der Herr immer ist neben dem Fräulein. Er gar nicht mehr fortgeht von ihrer Seite.“

„Ja, Gott sei’s geklagt!“ brummte Veit. „Verliebt ist er bis über beide Ohren! Muß uns das in diesem verwünschten Deutschland passiren, nachdem wir alle Weltteile durchzogen haben! Ich fürchte, wenn wir wieder hinausziehen –“

„Dann wir sie nehmen mit!“ ergänzte Said, dem die Sache höchst einfach und annehmbar erschien.

„Kannst Du denn Deine afrikanischen Begriffe nicht loswerden?“ schalt Gronau. „Hier nimmt man die Damen nicht so ohne weiteres mit, dazu muß man sie erst heirathen.“

„Dann wir sie heirathen!“ erklärte Djelma, der in diesem Punkte mit seinem Kollegen durchaus einverstanden war.

„Wir!“ rief Gronau, entrüstet über diese Begriffsverwirrung. „Ihr solltet Gott danken, daß Ihr mit dem Heirathen nichts zu thun habt, denn das ist ein Schicksal, vor dem der Himmel jeden Christenmenschen bewahren möge!“

„O, Master Gersdorf auch ist verheiratet,“ sagte Said, indem er auf den Rechtsanwalt deutete, an dessen Arme die rosige, allerliebste kleine Frau hing, „und das ist serr schön.“

„Ja – serr schön!“ stimmte Djelma bei, zum höchsten Mißvergnügen des Master Gronau, der sie beide „Schlingel“ nannte und sich entschieden dies Heirathsgespräch verbat; er wußte freilich längst, wie es um Ernst Waltenberg stand.

Dieser befand sich mit Gersdorf und den beiden Damen schon mitten unter der fröhlichen Menge; Erna kannte die meisten der Leute noch von früher her, und Wally wollte auch theilhaben an diesen Bekanntschaften, sie ließ sich Alt und Jung vorstellen, plauderte mit jedem und machte die drolligsten Versuche, gleichfalls im Dialekt zu sprechen, den sie gar nicht verstand.

Benno und Alice folgten langsamer, aber der Doktor war ein stummer Kavalier, er sprach kein Wort, sondern blickte nur mit scheuer Ehrfurcht auf die junge Dame, die an seinem Arme ging, und doch erschien sie ihm heute gar nicht mehr so vornehm und unnahbar wie bei der ersten Begegnung. Sie sah in dem leichten hellen Sommerkleide und dem blumengeschmückten Strohhütchen so einfach und anmuthig aus; das war der Rahmen, der für ihre Erscheinung paßte, wenn das Gesicht nur nicht so blaß gewesen wäre. Sie war offenbar etwas ängstlich inmitten der Volksmenge, und als jetzt vom Tanzplatze helles, übermütiges Jauchzen herüberklang, blieb sie stehen und blickte zaghaft zu ihrem Begleiter auf.

„Fürchten Sie sich, gnädiges Fräulein?“ fragte dieser. „Dann wollen wir umkehren!“

Alice schüttelte den Kopf und versetzte halblaut:

„Es ist mir nur ungewohnt, die Leute sind gewiß nicht schlimm.“

„Nein, das sind sie nicht!“ fiel Benno ein. „Bei unseren Wolkensteinern ist die Rohheit nicht zu Hause, das kann ich bezeugen, denn ich habe lange genug unter ihnen gelebt.“

„Ja, seit fünf Jahren, wie Wolfgang sagt! Wie haben Sie das nur ausgehalten?“

Die Frage klang so mitleidig, daß Benno lächelte.

„O, die Sache ist nicht so schlimm, wie Sie glauben. Es ist wohl ein einsames und mitunter auch schweres Leben, aber es bringt doch auch manche Freude.“

„Freude?“ wiederholte Alice zweifelnd, während sie die Augen zu ihm emporhob, diese großen braunen Augen, die den Doktor auch jetzt wieder so in Verwirrung brachten, daß er zu antworten vergaß.

Da auf einmal kam eine Bewegung in die Menge, sie erblickte jetzt erst Reinsfeld, der vorhin durch das Gasthaus gekommen war, und sofort war er von einem dichten Kreise umgeben.

„Der Herr Doktor! Unser Doktor! Da ist er!“ rief und klang es von allen Seiten, zwanzig, dreißig Hüte flogen zugleich von den Köpfen und ebenso viel braune Hände streckten sich dem jungen Arzte entgegen. Alt und Jung drängte sich an ihn heran, jeder wollte ein Wort, einen Gruß von ihm erlangen, jeder ihm ein „Grüß’ Gott“ sagen, die Leute brachen in einen förmlichen Jubel aus, als ihr „Doktor“ sich in ihrer Mitte zeigte.

Reinsfeld blickte besorgt auf seine Begleiterin; er fürchtete, dies Herandrängen werde sie ängstigen, aber Alice schien im Gegentheil Vergnügen an der stürmischen Begrüßung zu finden, sie schmiegte sich etwas fester an seinen Arm, sah aber ungemein heiter aus.

Der Doktor hatte den Leuten kaum erklärt, daß die junge Dame dem Tanze zuzusehen wünsche, als man sich ebenso stürmisch bemühte, ihnen Platz zu machen. Der ganze Zug ging mit zum Tanzplatze, die Reihen der Zuschauenden wurden rücksichtslos durchbrochen, ein Stuhl wurde herbeigeschafft und einige Minuten später saß Alice mitten in all dem Lärm und Jubel des Johannistanzes und die Burschen hatten sich rechts und links wie eine Ehrenwache aufgepflanzt und sorgten dafür, daß die Paare nicht gar zu nahe vorüberflogen und das gnädige Fräulein streiften. Es lag eine gewisse derbe Ritterlichkeit in der Art, mit der sie sich bemühten, der Begleiterin ihres Doktors einen Ehrenplatz zu schaffen.

„Die Leute scheinen Sie sehr zu lieben,“ sagte Alice. „Ich habe nicht geglaubt, daß die Bauern ihren Arzt so zu schätzen verständen.“

„Für gewöhnlich thun sie das auch nicht,“ erwiderte Reinsfeld. „Sie sehen in dem Arzte meist nur einen Mann, der ihnen [615] Geld kostet, und sträuben sich gegen seine Hilfe. Zwischen mir und den Wolkensteinern herrscht aber ein Ausnahmeverhältniß. Wir haben schon schwere Zeiten zusammen durchgemacht und sie rechnen es mir hoch an, daß ich sie da nicht im Stiche gelassen habe und ohne Unterschied zu jedem gehe, der mich braucht, wenn mir viele auch nur ein ‚Vergelt’s Gott‘ sagen können. Es ist viel Armuth unter dem Volke, und man kann da wahrhaftig nicht immer an sich denken, ich wenigstens habe es nie gekonnt.“

„Ja, das weiß ich,“ fiel Alice mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ein. „Sie haben auch damals nicht an sich gedacht, als es sich um eine bessere Stellung für Sie handelte, Wolfgang erwähnte es ja bei Ihrem Besuche.“

In dem Gesichte Bennos stieg eine flüchtige Röthe auf bei dieser Hindeutung.

„Erinnern Sie sich wirklich noch jener Aeußerung? Ja, Wolf hat mich damals arg ausgescholten, und er hatte auch recht. Es war eine äußerst vorteilhafte Stellung an dem Krankenhause einer größeren Stadt und durch einen günstigen Zufall waren mir Fürsprache und Vorzug vor den anderen Bewerbern gesichert worden, aber ich mußte mich persönlich vorstellen bei der Wahl und sofort eintreten, das wurde zur Bedingung gemacht.“

„Und Sie hatten gerade zu der Zeit Kranke hier am Orte?“

„Nicht hier im Orte allein, überall in meinem ganzen Bezirk. Der Würgengel der Diphtheritis war ausgebrochen und suchte sich seine Opfer unter den Kindern, welche die Ansteckung wohl aus der Schule mitbrachten. Fast in jedem Hause lag eins oder mehrere und die meisten waren schlimm dran, denn die Krankheit trat sehr bösartig auf – und gerade als sie ihren Höhepunkt erreicht hatte, kam das Anerbieten! Der nächste Arzt wohnt eine halbe Tagereise entfernt und unsere vornehmen Herren Kollegen aus Heilborn kommen nicht in Sturm und Schnee herauf zu den einsamen Höfen, sie sind den Leuten auch zu theuer. Ich zögerte von Tag zu Tag mit der Abreise und Wolfgang drängte immer wieder von neuem, aber ich konnte doch nicht fort – Nazi, komm’ einmal her!“

Er winkte einem etwa sechsjährigen Buben, der sich mit vorgedrängt hatte und nun vergnügt dem Tanze zuschaute. Es war ein draller kleiner Bursche, mit flachsblonden Haaren und einem frischen, pausbäckigen Gesicht; er kam schleunigst herbei, sehr stolz darauf, daß der Herr Doktor ihn rief, und sah zutraulich zu der jungen Dame empor, der er vorgestellt wurde.

„Sehen Sie sich den Buben einmal an, gnädiges Fräulein,“ fuhr Reinsfeld fort. „Nicht wahr, man merkt es ihm nicht an, daß er vor acht Monaten auf den Tod lag? Es ist der Enkel des alten Sepp, der früher im Wolkensteiner Hofe war, und er hat noch ein Schwesterchen, das damals auch beinahe am Sterben war – die beiden haben den Ausschlag gegeben! Grade vor meiner nun endlich doch beschlossenen Abreise kam der Sepp in einer Sturmnacht, um mich zu holen, der Alte weinte bitterlich und die junge Bäuerin, die Mutter, jammerte und schrie: ‚Gehen Sie nicht fort, Herr Doktor, der Bub’ stirbt mir und das Mädel auch, wenn Sie davongehen!‘ Nun, ich wußte am besten, wie noth den Kindern ärztliche Hilfe that, ihnen und all den anderen, die ich in Behandlung hatte. Der arme kleine Bursch kämpfte so jammervoll mit der schlimmen Krankheit, sah so angstvoll bittend zu mir auf, als sei ich der liebe Herrgott selbst – da blieb ich! Ich brachte es nicht übers Herz, davonzugehen und das kleine Volk allein zu lassen in seinem Elend , um mir eine behagliche Stellung zu sichern. Ich habe es freilich gemeldet, daß und warum ich nicht kommen könne, aber darauf konnten die Herren natürlich nicht warten; es waren ja genug andere Bewerber da, die Stelle wurde vergeben.“

„Und Sie?“ fragte Alice leise.

„Ich? Nun, gnädiges Fräulein, ich habe es nicht bereut, denn die meisten meiner kleinen Patienten habe ich damals glücklich durchgebracht und seitdem gehen die Wolkensteiner für mich durchs Feuer!“

Alice antwortete nicht, sie sah nur mit großen Augen zu dem Manne empor, der das alles so schlicht und einfach erzählte, weit entfernt davon, sich ein Verdienst daraus zu machen, daß er vielleicht seine ganze Zukunft geopfert hatte; dann aber zog sie den kleinen Nazi an sich und drückte einen Kuß auf das frische Gesicht des Bübchens. Es lag etwas unendlich Liebenswürdiges in der Bewegung und Bennos Augen leuchteten auf dabei, er verstand die wortlose Anerkennung, die darin lag.

„Nun, Benno, nehmen Sie auch hier die Huldigungen des versammelten Volkes entgegen?“ rief Wally, die soeben mit ihrem Manne herantrat, und Gersdorf fügte lachend hinzu:

„Das war ja ein förmlicher Triumphzug, der Dich und Fräulein Nordheim nach dem Tanzplatze geleitete; laß uns doch auch etwas von Deiner Popularität zukommen.“

Jetzt kamen auch Waltenberg und Erna, und die ganze Gesellschaft ließ sich gemüthlich in jener Ecke des Tanzplatzes nieder. Die arme Frau von Lasberg ahnte nicht, was ihre unzeitige Migräne angerichtet hatte. Alice, die so ängstlich vor jedem Lärm, jeder unpassenden Umgebung behütete Alice, saß jetzt dicht bei der ohrenzerreißenden Musik des ländlichen Orchesters, mitten in dem Juchzen und Schreien der Tanzenden, deren nägelbeschlagene Sohlen kräftigst den Takt stampften, mitten in den aufwirbelnden Staubwolken und befand sich merkwürdigerweise ganz vortrefflich dabei. Ihre bleichen Wangen hatten sich leise geröthet, die sonst so müden Augen strahlten förmlich vor Vergnügen und Benno Reinsfeld stand neben ihrem Stuhle, stolz und glückselig, wie noch nie in seinem Leben, und benahm sich wirklich und wahrhaftig wie ein Kavalier – es geschahen Zeichen und Wunder am heutigen Tage!

Die Popularität des Doktors hatte indessen auch ihre bedenkliche Seite, das sollte sich bald zeigen. Der kleine Nazi war von seiner Mutter mit geheimnißvoller Miene vom Tanzplatze geholt worden, da man ihm eine wichtige Mission anzuvertrauen beabsichtigte. Der alte Sepp hatte damals aus der Nordheimschen Villa eine Neuigkeit mitgebracht, die der Dienerschaft bereits für ausgemacht galt, die Nachricht, daß Fräulein von Thurgau und der fremde Herr aus Heilborn ein Paar werden sollten oder es eigentlich schon seien, und daß man nur auf die Rückkehr des Präsidenten warte, um die Verlobung zu feiern.

Die junge Bäuerin, Sepps Tochter, die bis zu ihrer Heirath gleichfalls im Wolkensteiner Hofe gewesen war und die alte Anhänglichkeit bewahrt hatte, war außer sich vor Freude gewesen, als sie das gnädige Fräulein heute wiedersah und ihre beiden Sprößlinge vorstellen durfte. Jetzt sollte der Nazi der Braut den Johannisspruch aufsagen und im Verein mit seiner Schwester die Sträußchen überreichen, welche die damit Beschenkten verpflichteten, mit einander zu tanzen. Das Fräulein kannte ja die alte Sitte und war gewiß erfreut, wenn man sie und ihren „Schatz“ damit begrüßte. Aus dem großen Strauß frischer Alpenblumen, der im Gastzimmer stand, wurden die schönsten ausgewählt und in aller Eile noch eine Generalprobe veranstaltet, bei welcher Nazi trefflich bestand, und nun sollte die Sache ihren Lauf nehmen.

Auf dem Tanzplatze war gerade eine Pause eingetreten, auch die Musik schwieg, als Nazi wieder aus der Bildfläche erschien. Er hielt in der einen Hand ein Sträußchen von Alpenrosen, an der anderen sein jüngeres Schwesterchen, das ein ähnliches Sträußchen trug, und schritt ernsthaft und feierlich auf die fremden Herrschaften zu, wie man es ihm eingeschärft hatte. Die Instruktion mußte aber wohl nicht hinreichend klar gewesen sein, denn die beiden Kleinen marschirten geradeswegs auf den Doktor und Alice los, boten ihnen die Blumen und Nazi begann seinen Spruch aufzusagen.

„Jesses, Nazi, das sind ja nicht die Rechten!“ rief halblaut und erschrocken die Bäuerin, die ihnen gefolgt war, aber Nazi ließ sich dadurch nicht stören. Für ihn gab es überhaupt nur einen „Rechten“, das war der Herr Doktor, und die junge Dame an dessen Seite mußte nothgedrungen auch die Rechte sein. Er betete daher tapfer seinen Spruch herunter und schloß treuherzig:

„Weist meine Blümel’n
Nimmer zurück,
Johannissegen
Schafft Euch das Glück!“

Alice nahm verwundert, aber freundlich das Sträußchen, welches das kleine Mädchen ihr reichte, Benno jedoch, der die Bedeutung kannte, geriet in grenzenlose Verlegenheit.

„Aber Bub’ – Mädel, was fällt Euch denn ein!“ rief er und versuchte, die Kinder abzuwehren, aber Nazi ließ sich so leicht nicht abweisen, sondern drückte energisch sein Sträußchen dem Herrn Doktor in die Hand.

„So nehmen Sie doch die Blumen!“ sagte Alice unbefangen. „Aber was bedeutet denn das Ganze?“

„Es ist der alte Johannis- und Segensspruch,“ erklärte Erna lächelnd, „und die Blumen bedeuten, daß Du nun [616] unweigerlich mit dem Herrn Doktor tanzen mußt, Alice; ich fürchte, es geht nicht anders.“

„O, das ist köstlich!“ jubelte Wally, indem sie vor Entzücken in die Hände klatschte. „Natürlich muß Benno tanzen, unter allen Umständen!“

Der arme Reinsfeld wehrte sich in voller Verzweiflung, aber Waltenberg und Gersdorf nahmen lachend gegen ihn Partei und selbst Erna, die das verlegene Gesicht der Bäuerin sah und wohl ahnen mochte, wie die Sache eigentlich zusammenhing, trat für den Scherz ein.

„Du brauchst ja nur ein einziges Mal den Tanzplatz zu umkreisen, Alice,“ sagte sie. „Bringe der alten Sitte das Opfer, die Leute würden tiefgekränkt sein, wenn Du ihrem Doktor, von dem sie so viel halten, den Tanz verweigern wolltest, auf den er ihrer Meinung nach ein Recht hat. Mit dem Tanze würdest Du auch den Johannissegen zurückweisen, den sie Dir so freundlich bringen.“

Alice schien ihrerseits die Sache gar nicht so unerhört zu finden, sie lächelte nur, als sie sah, mit welcher Herzensangst der junge Arzt sich gegen den angesonnenen Tanz sträubte, und sich zu ihm wendend sagte sie halblaut:

„Wir werden uns wohl fügen müssen, Herr Doktor – meinen Sie nicht?“

Dem guten Benno, der höchstens einmal bei einem ländlichen Feste einen Tanz mitgemacht hatte, schwindelte es förmlich bei diesen Worten.

„Gnädiges Fräulein – Sie wollten –?“ fragte er.

Statt aller Antwort erhob sich Alice und legte ihren Arm in den seinigen; die Umstehenden, die das für selbstverständlich erachteten, machten schleunigst Platz, die Musik begann zu spielen und in der nächsten Minute schwebte das Paar dahin. –

Inzwischen hatte sich Frau von Lasberg einigermaßen erholt, die Stille und Kühle des abgelegenen Zimmerchens hatten ihr in der That wohlgethan; sie kam nun in voller Majestät angerauscht, fand aber zu ihrem großen Mißvergnügen den Ausgang verlegt. Auf der hohen steinernen Treppe, die zum Wirthshause führte, standen die Leute dichtgedrängt, unter ihnen auch Gronau mit Said und Djelma, selbst Wirth und Wirthin waren dabei. Alle reckten die Hälse und blickten gespannt über die Köpfe der Untenstehenden hinweg nach dem Tanzplatze, den man von hier aus übersehen konnte. Dort schien etwas ganz Besonderes vorzugehen.

Die Baronin war natürlich erhaben über eine derartige Neugierde und nebenbei entrüstet, daß niemand sie bemerkte; sie wandte sich daher an Said, der ihr am nächsten stand, und sagte befehlend:

„Said, schaffen Sie mir Platz! Die Herrschaften sind doch noch im Garten?“

„Nein – auf dem Tanzplatz,“ antwortete Said vergnügt.

Frau von Lasberg war empört, sie ahnte in dieser Unschicklichkeit wieder einen Streich dieses enfant terrible, dieser Wally.

„Und Fräulein Nordheim ist allein geblieben?“ fragte sie.

„Missis Nordheim tanzt mit Herrn Doktor!“ erklärte Said und grinste vor Freude, daß die weißen Zähne in dem schwarzen Gesichte glänzten.

Die Baronin zuckte die Achseln über das ungereimte Zeug, das dieser Mensch in seinem gebrochenen Deutsch zum Besten gab, aber unwillkürlich folgte sie doch der Richtung seiner Hand und da sah sie etwas, was sie völlig versteinerte: die kräftige Gestalt des Doktors und in seinen Armen eine junge Dame, im lichten Sommerkleide, mit einem blumengeschmückten Strohhütchen, ihren Zögling Alice Nordheim! Und die beiden tanzten miteinander! Fräulein Alice Nordheim tanzte mit dem Bauernarzt!

Das war mehr, als die ohnehin schon angegriffenen Nerven der Frau von Lasberg ertrugen, sie bekam einen Schwindelanfall. Said fing die Ohnmächtige zwar pflichtschuldigst auf, wußte aber augenscheinlich nicht, was er mit ihr anfangen sollte, und rief ängstlich:

„Master Hronau, Master Hronau, ich habe eine Dame!“

„Nun, dann behalte sie nur!“ sagte Veit, der einige Stufen tiefer stand, ohne sich umzuwenden; aber der Nothschrei Saids hatte auch den Wirth und die Wirthin aufmerksam gemacht, sie eilten herbei, um Hilfe zu leisten, all die Umstehenden kamen in Bewegung, und Djelma sprang eilig die Stufen herab und wollte nach dem Tanzplatze, als er von Gronau aufgehalten wurde.

„Halt! Wohin willst Du?“

„Holen den Doktor!“ rief der Malaye diensteifrig, aber Veit ergriff ihn am Arme und hielt ihn fest.

„Du bleibst hier!“ sagte er nachdrücklich. „Soll denn der arme Doktor gar kein Vergnügen haben? Erst laß ihn tanzen und dann kann er die alte – Djelma, Du bewegst schon wieder die Lippen, ich drehe Dir den Hals um, wenn Du das verwünschte Wort aussprichst – die gnädige Frau Baronin wieder zu sich bringen.“

Drüben war der Zwischenfall unbemerkt geblieben und das Paar tanzte weiter. Bennos Arm umfaßte die zarte Gestalt und sein Auge hing an dem lieblichen Gesichte, das jetzt nicht mehr bleich und matt, sondern rosig angehaucht von der raschen Bewegung, mit leuchtenden Augen zu ihm aufblickte, und in diesem Blick gingen ihm Oberstein und die ganze Welt unter. Oberstein aber war höchlich befriedigt von diesem Verlauf der Sache und gab seinen Beifall in der unzweideutigsten Weise kund: die Musikanten fiedelten mit doppelter Energie, die Burschen und Mädchen jauchzten, Nazi und sein Schwesterchen hüpften hochvergnügt nach dem Takte mit und dazu sangen die sämmtlichen Wolkensteiner im Chor.

„Weist meine Blümel’n
Nimmer zurück,
Johannissegen
Schafft Euch das Glück!“

(Fortsetzung folgt.)


Aus dem Reiche Emin Paschas.

Ein zeitgeschichtlicher Rückblick von C. Falkenhorst.

Das Land der schwarzen Menschen, der ägyptische Sudan, beschäftigte seit jeher die öffentliche Meinung Europas. Ein Räthsel- und Fabelland war es in früheren Zeiten, und wunderbare Nachrichten dringen zu uns auch heute aus der Hauptstadt jenes Landes; wir erfahren, daß ein tapferer Christengeneral in der Gefangenschaft des falschen Propheten das Sklavenjoch trage, dem Mohammedaner den Steigbügel halten müsse, wenn sich dieser auf sein Roß schwingen wolle; wir hören, daß gefangene Nonnen, die einst in der Mission wirkten, auf den Straßen von Chartum elend ihr Dasein fristen – Gerüchte melden, daß dort ein „weißer Pascha“ erschienen sei und auf Chartum marschire – und wir wissen, daß ein deutscher Arzt (Dr. Eduard Schnitzer), der berühmte Emin Pascha, im fernen Süden ein Land halte und vertheidige, welches die betheiligten Regierungen Aegyptens und Englands längst aufgegeben haben.

Das sind Nachklänge jener Katastrophe, welche einst die civilisirte Welt mit tiefem Schmerz erfüllte, als am 26. Januar 1885 Gordon und mit ihm Chartum gefallen war. Die europäische Kultur wurde damals in jenen Gebiete sozusagen von dem Halbmond aufs Haupt geschlagen und der ägyptische Sudan auf Jahrzehnte verloren. Wie die Hauptstadt, so fiel auch eine Provinz nach der andern in die Hände der Rebellen, nur die Aequatorprovinz wußte sich zu halten, nur am oberen Nil hielt Emin Bey die ihm anvertraute Fahne aufrecht.

Aber die, für die er stritt und litt, die Regierungen Aegyptens und Englands, hatten auch ihn aufgegeben, und von jener Seite geschah gar nichts, um ihn zu befreien.

Gleichzeitig mit Emin Pascha schwebte der bei ihm weilende Afrikaforscher Dr. Wilhelm Junker in Gefahr, und zu dessen Befreiung wurde von deutscher Seite eine Rettungsexpedition ausgerüstet. Dr. G. A. Fischer, unseren Lesern als Mitarbeiter der „Gartenlaube“ bekannt, war ihr Führer; er mußte jedoch unverrichteter Dinge heimkehren und starb bald darauf in Berlin infolge der Strapazen.

Von anderer Seite wurde inzwischen eine Befreiungsexpedition in großem Stil ausgerüstet und der berühmte Stanley übernahm die Führung derselben. Ein eigenthümliches Dunkel schwebt über den Zielen dieser Expedition, welche augenblicklich verschollen ist.

[617] 
Die Gartenlaube (1888) b 617.jpg

Chartum.
Nach einer englischen Vorlage gezeichnet von R. Püttner.

[618] Inzwischen war Dr. Junker nach Deutschland zurückgekehrt und brachte Nachrichten von unserem Landsmann; es wurde eine festere Verbindung zwischen der Aequatorprovinz und der ostafrikanischen Küste hergestellt, und wir wissen heute, was Emin Pascha geleistet, wie er sich zu halten wußte und welche Dienste er der Wissenschaft und der Kultur erwiesen.

Die „letzten Nachrichten“ aus jenem fernen Lande datiren allerdings immer um Monate zurück, und wie sich die Verhältnisse gerade in den letzten Monaten gestaltet haben, das ist uns noch völlig unbekannt. Nur die eine Annahme scheint gerechtfertigt zu sein, daß Stanleys „Befreiungszug“ mißglückt ist, und daraus ergiebt sich für die civilisirte Welt die Pflicht, auf eine andere Weise dem tapferen Emin Pascha beizustehen.

Das Gefühl dieser Pflicht ist in Deutschland besonders rege geworden. Während wir diese Zeilen schreiben, scheint das Zustandekommen einer neuen deutschen Expedition nach der Aequatorprovinz gesichert zu sein. Sie soll von der Ostküste Afrikas, von den Besitzungen der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft aus vordringen. Ihr Zweck besteht nicht in der Heimführung Emin Paschas, der auch jetzt sein Reich nicht verlassen will, sondern darin, ihn in seiner Position zu stärken und durch Gründung von Stationen ihm eine stete Verbindung mit der civilisirten Welt zu sichern.

Das Interesse an dieser Expedition ist so allgemein, die Sympathien für Emin Pascha sind überall so warm, daß unsere Leser es gewiß gern sehen werden, wenn wir im Nachstehenden jenes eigenartige Land und die aufopferungsvolle Thätigkeit Emins zu schildern versuchen.

Vor etwa zehn Jahren wurde der ägyptische Sudan, ein Ländergebiet, das in seiner Größe den Territorien von Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Frankreich gleichkommt, von Gordon organisirt und unter den Provinzen, in welche dieses Reich getheilt wurde, bildete Hat-el-Estiva, die Aequatorprovinz, die südlichste. Sie umfaßte die Gebiete, welche an dem oberen Nil, am Bahr-el-Gebel, gelegen sind. Im Norden reichte sie bis zu dem Kitschlande hinauf, im Süden erstreckte sie sich bis zu dem See Albert-Nyanza und umfaßte das Monbuttuland; im Westen grenzte sie an die Länder des Gazellenflusses. Man wird nicht zu hoch greifen, wenn man sagt, daß diese Provinz etwa so groß war wie das Königreich Preußen. Im Jahre 1878 wurde Dr. Schnitzer, damals noch Emin Effendi, von Gordon zum Mudir, das heißt Gouverneur, von Hat-el-Estiva und zum Bey befördert.

Dr. Schnitzer war schon damals kein Neuling in afrikanischen Angelegenheiten. Er ist Schlesier von Geburt und erblickte zu Oppeln am 28. März 1840 das Licht der Welt. Seine medicinischen Studien hatte er in Berlin beendet, die Sucht nach dem Unbekannten und seine Vorliebe für die Naturwissenschaften trieben ihn in die Ferne. Schon im Jahre 1864 verließ er Berlin und begab sich nach der Türkei. Hier fand er Aufnahme im Gefolge des damaligen Vali Muschir Divitschi Ismael Hakki Pascha, mit dem er die verschiedenen Provinzen des weiten türkischen Reiches, Armenien, Syrien und Arabien, bereist hat. Im Jahre 1873 starb sein Gönner und Dr. Schnitzer kehrte auf kurze Zeit nach Deutschland zurück. Aber schon im Jahre 1876 sehen wir ihn unter dem Namen Dr. Emin Effendi in Diensten der ägyptischen Regierung, welche ihn dem Generalgouverneur des Sudans zur Verfügung stellte. Ueber seinen Namenswechsel hat er bereits im Jahre 1871 aus Trapezunt an seine Schwester geschrieben: „Auch hier in Trapezunt hat mich mein Glück nicht verlassen und ich habe mir schnell als Arzt einen Ruf erworben. Dazu kommt, daß ich des Türkischen und Arabischen mächtig geworden wie selten ein Europäer, daß ich mir Sitten und Gebräuche so angeeignet habe, daß hinter dem türkischen Namen, der mich deckt (keine Furcht, es ist nur der Name und ich bin nicht Türke geworden!), kein Mensch einen ehrlichen Deutschen vermuthet.“

Gordon Pascha erkannte sofort den Werth des ihm zur Verfügung gestellten deutschen Arztes; er betraute ihn zunächst mit Inspektionsreisen durch die neu erworbenen Gebiete und mit Missionen nach Uganda zu dem berühmten König Mtesa, bis er ihm schließlich die hohe Stellung verlieh, in der sich Emin bis jetzt befindet.

Wie war das Land beschaffen, dessen Verwaltung er übernahm?

Um die Lage der Dinge, unter denen er zu wirken hatte, kennen zu lernen, müssen wir zunächst einen Rückblick auf die Vergangenheit des ägyptischen Sudan werfen.

Am Anfange dieses Jahrhunderts war jenes Land noch völlig unbekannt; allmählich wurde es von Aegypten aus entdeckt und erobert. Schon in früher Zeit fand man einen natürlichen Stützpunkt für das spätere Vordringen. Dort, wo sich der Weiße und Blaue Fluß vereinigen, lag auf einer Landspitze, die den Namen Ras-el-Chartum (Ende des Elefantenrüssels) trug, ein kleines Fischerdorf. Die vorzügliche strategische Lage des Ortes entging nicht der Aufmerksamkeit der türkischen Befehlshaber, und so wurden hier im Jahre 1823 zunächst Strohhütten für türkische Soldaten erbaut. Das Feuer verzehrte sie bald und man baute Lehmhäuser. An das Lager schlossen sich bald Bazars und Moscheen an. Chartum wuchs zu einer Stadt heran und schon im Jahre 1830 war es die Hauptstadt des ägyptischen Sudan. Es ist mit seinen 40 000 Einwohnern bis jetzt diese Hauptstadt geblieben, es war bis zum Machdiaufstande der Sitz der europäischen Kousuln und der Knotenpunkt des nordostafrikanischen Handels mit Elfenbein und Sklaven, mit Straußenfedern und Gummi und auch mit wilden Thieren für zoologische Gärten und Menagerien.

Unsere Illustration veranschaulicht uns diese Stadt zu jener Zeit, da noch Gordon in ihr residirte. Sie liegt in einer öden, strauchlosen Sandebene, von einem Erdwall umgeben und birgt große, mit Citronenbäumen und Palmen bepflanzte Gärten in ihrer Mitte. Die schmutzig grauen Häuser sind aus Luftziegeln erbaut, und von bemerkenswerthen Gebäuden sind nur zwei nach europäischer Art gebaute Regierungspaläste, eine katholische und eine koptische Kirche, eine Moschee und eine Missionsanstalt nebst Schule zu nennen.

Von Chartum aus fuhren die ägyptischen und europäischen Entdeckerbarken nilaufwärts, und namentlich war es der Weiße Nil, auf dem die meisten Fahrten unternommen wurden. Nebenströme wurden entdeckt und im Jahre 1853 befuhr J. Petherick zum ersten Male den Gazellenstrom, an dessen vielverzweigten Gewässern jetzt der „weiße Pascha“ erschienen sein soll.

Der Elfenbeinreichthum des neu entdeckten Landes hatte in früher Zeit Händler herangelockt. Anfangs gab es herrliche Zeiten für die türkischen Spekulanten. Glasperlen, Kupferplatten, Armspangen waren bei den Negern gern gesuchte Artikel, und man konnte gegen 5 bis 10 sogenannte Taubeneier (große Milchglasperlen) einen Elefantenzahn von 80 Pfund und mehr eintauschen; ja, selbst ein Sklave konnte dafür gekauft werden.

In diesen Verhältnissen trat rasch eine Aenderung ein. Der Sudan wurde mit Glasperlen etc. überschwemmt, so daß diese Artikel beinahe werthlos wurden; der Werth der Sklaven aber wuchs immer mehr und dies veranlaßte die Spekulanten, auch Sklavenhandel und Sklavenjagden einzuführen.

Bewaffnete Expeditionen drangen in das Land ein. Plötzlich wurde eine Ortschaft überfallen; die Plünderer machten alles nieder, was sich zur Wehr setzte, trieben Menschen und Vieh bis zum nächsten Stamm fort und tauschten hier die Rinder gegen Elfenbein aus, während sie die Sklaven nach Chartum führten.

1855 hatte der Vicekönig Saïd Pascha diesen Sklavenhandel verboten und dies führte zu einer neuen Organisation des Elfenbeinhandels.

Die europäischen und türkischen Spekulanten sandten Elefantenjäger nach den betreffenden Gebieten, welche hier Seriben, d. h. Handelsstationen, gründeten. Die Elefantenjagd entsprach jedoch nicht den gehegten Erwartungen, und so wurden die Seriben zu neuen Stützpunkten eines organisirten Vieh- und Menschenraubes. Man muß leider gestehen, daß anfangs die Herren Europäer den Türken und Arabern darin mit „gutem“ Beispiel vorangingen.

Die Seriben der Elfenbeinhändler, welche mit starken Palissadenzäunen oder Dornenhecken umgeben wurden, bildeten eine Art von Raubburgen und manche von ihnen waren so mächtig geworden, daß sie selbst der ägyptischen Regierung trotzen durften.

Eine der mächtigsten vielleicht war die Seriba Sibers, welche Schweinfurth in anschaulicher Weise geschildert hat.

Siber, ein Nubier von Geburt, war ursprünglich Schreiber bei einem Elfenbeinhändler, begann zunächst kleine Geschäfte auf seine eigene Hand zu treiben, hatte Erfolg auf Erfolg, legte eine Seriba nach der andern an und erlangte eine solche Macht, daß er lange Zeit der eigentliche Herrscher in den Ländern am Gazellenflusse war. Seine Hauptseriba oder Residenz hieß Dem Siber; sie lag auf einem Abhange und war von einem Pfahlwerk von 200 Schritt im Geviert umgeben. Rings um sie erhoben sich Hunderte von [619] Hütten und Gehöften, in welchen eine ägyptische Garnison lag und in denen die kleineren Sklavenhändler, die Danagla, sich unter den Augen der „Beamten“ zu sammeln pflegten, um hier ihre Geschäfte abzuwickeln. Die Zahl derselben in Dem Siber betrug im Jahre 1870 während der Anwesenheit von Schweinfurth gegen 2000! Schweinfurth selbst zog es vor, bei Siber und nicht bei dem ägyptischen Kommandanten Gastfreundschaft zu suchen.

Es ist selbstverständlich, daß die Seribenbesitzer, die ja eigentlich Räuber waren, über eine bewaffnete Macht verfügen mußten. Sie bildeten ihre Truppen aus jüngeren Negersklaven, und so entstand in dem ägyptischen Sudan ein Soldatencorps, welches unter dem Namen „Basinger“ zu einer wahren Plage des Landes wurde. Die Basinger, mit Feuerwaffen ausgerüstet, erhielten ihren „Sold“ in Naturalien und jeder von ihnen hatte seinen eigenen Hausstand, eine oder auch mehrere Sklavinnen und mitunter auch männliche Sklaven. Siber allein verfügte über eine Basingertruppe von 1000 Mann.

Die Seribenbesitzer fühlten sich als unumschränkte Herren in ihren Gebieten und legten den Negern besondere Abgaben an Korn und Nahrungsmitteln auf. Die Neger waren so zu sagen die Honigbienen, welche für die Drohnen arbeiten mußten.

Außer diesen „großen“ Sklavenhändlern gab es im Sudan eine Anzahl von kleinen Leuten, die gleichfalls vom Sklavenhandel lebten, die schon erwähnten Danagla oder Dongolaner, welche mit einem Esel, der die Waarenlast trug, das Land durchzogen und Pulver und Stoffe gegen Sklaven eintauschten. Die gastfreundliche Aufnahme, welche in den sudanischen Seriben jedem zu theil wurde, machte es ihnen möglich, weiteste Strecken zu bereisen; denn das Reisen kostete die Danagla gar nichts; überall erhielten sie freies Obdach, Nahrung für sich und Futter für ihre Esel.

Das Verbot des Sklavenhandels, welches die ägyptische Regierung erlassen hatte, wurde nur an der großen Nilstraße aufrecht erhalten. Diese wurde auch darum von den Sklavenhändlern gemieden und um so üppiger wucherte das Unkraut auf allen entfernteren Landwegen. Die Gegenwart ägyptischer Beamten verhinderte das Treiben nicht; denn diese ließen sich leicht bestechen und machten auch Sklavengeschäfte auf eigene Hand. Ja, die Danagla freuten sich, wenn sie mit solchen Beamten zusammenkamen, da sie in ihnen nur zu oft gute Käufer fanden.

Wir wollen nur einen dieser Beamten schildern, den Schweinfurth in dem ägyptischen Lager vor Dem Siber kennen lernte. Er ist eine typische Erscheinung.

Ibrahim Effendi bekleidete in dem Lager das Amt eines obersten Schreibers und Rechnungsführers. Seine Lebensgeschichte war eine fortlaufende Kriminalgeschichte; denn er hatte sich wiederholt die unglaublichsten Schwindeleien und Betrügereien zu Schulden kommen lassen. Ursprünglich ein Subalternbeamter in einem der ägyptischen Ministerien, hatte er unter Saïd Paschas Regierung das vicekönigliche Siegel gefälscht, um eine Ordre zu fingiren, welche ihn zum Chef eines neu zu formirenden Regiments in Oberägypten ernannte und der Lokalregierung alle Ausgaben behufs Aushebung und Equipirung der Truppen anbefahl. Er hatte die Frechheit, diese Ordre persönlich dem Gouverneur der Provinz zu präsentiren und sich als Regimentsoberst zu geriren. Nur wer die Unordnung und Willkür kennt, welche in allen Zweigen der Verwaltung Aegyptens unter Saïd Pascha herrschte, wird das Beispiellose dieses Betrugs für möglich halten können. Zwei Monate nach der vollzogenen Neubildung des Regiments traf es sich zufällig, daß der Vicekönig eine Nilfahrt stromaufwärts machte, und als er am Ufer so vieler Soldaten ansichtig wurde, erkundigte er sich nach der Nummer ihres Regiments und dem Zweck ihres Hierseins. Wer beschreibt die Ueberraschung Saïd Paschas, als er von einem Regimente hörte, dessen Existenz ihm bisher unbekannt geblieben! Der herbeigeholte Ibrahim warf sich dem Fürsten alsbald zu Füßen und flehte, seine Schuld bekennend, um Gnade; der gutmüthige Saïd, dessen Gewohnheit es war, sich nie zu ärgern, ließ es mit der Verbannung nach Chartum und einigen Jahren Gefängniß bewenden. Kaum aber hatte unser Held Ibrahim die Freiheit wieder, so begann er auch schon in seiner neuen Eigenschaft als Schreiber in einer sudanischen Winkelbehörde die Betrügereien und Unterschleife von neuem, ging mit Kasse und Geldern durch, wurde erwischt und nun nach Faschoda am Weißen Nil gebracht, als dem sichersten Platze des Gewahrsams für gefährliche Leute seiner Art. Es gelang ihm jedoch, wieder eine Regierungsanstellung zu erhalten, und er war bald, wie Schweinfurth sagt, auf dem besten Wege, seine alten Armeereorganisationsgelüste von neuem zu befriedigen.

Das waren die Fremden und Beamten, welche sich in diesem Lande niedergelassen hatten – ein Abschaum der ägyptischen Bevölkerung, ein Gesindel im wahrsten Sinne des Wortes.

So lagen die Verhältnisse, als Anfang der siebziger Jahre die ägyptische Regierung, um dem schmählichen Handel ein Ende zu machen, diesen monopolisirte und die Seriben auf ihre Rechnung übernahm, nachdem sie die Besitzer entschädigt hatte.

Colonel Gordon wurde nach dem Sudan geschickt, um dort Ordnung zu schaffen.

Die Zeit hat aber gelehrt, daß Gordon seine schwierige Aufgabe auf die Dauer nicht durchführen konnte. Wohl gelang es, zeitweilig die Macht der wieder aufsässig gewordenen Seribenbesitzer und der Dongolaner zu brechen, wie dies der Feldzug Gessis gegen Soliman Siber beweist; wohl hatten die Neger, von der Regierung mit Feuerwaffen ausgerüstet, mehr als einmal sich blutig an den Sklavenhändlern gerächt; aber es gährte immerfort im Sudan, die Verhältnisse waren im großen und ganzen dieselben geblieben, die ägyptischen Beamten nicht besser geworden, und mit allen diesen Schwierigkeiten hatte auch Emin zu kämpfen, als er zum Gouverneur von Hat-el-Estiva befördert wurde.

Werfen wir einen Blick auf die Landkarte des ägyptischen Sudan, so erscheint uns die Lage der Aequatorprovinz trotz ihrer weiten Entfernung besonders günstig, da sie von einem großen Strome, dem Weißen Nil, durchschnitten wird. Die Schiffbarkeit des Stromes wird jedoch von Redjaf bis Dufile durch Stromschnellen unterbrochen und von Zeit zu Zeit bilden sich auf ihm die sogenannten Grasbarren, Anhäufungen von allerlei Schilf- und Graspflanzen, welche allen Schiffen die Passage unmöglich machen. Die Bedeutung der Wasserstraße für den Verkehr wird am besten durch die Statistik klargelegt, laut welcher während sechs Jahren nur neunmal ein Dampfer von Chartum nach Ladó, der Hauptstation der Aequatorprovinz, gekommen war.

Emin Pascha war auch in seinem Bezirk auf den Transport zu Lande angewiesen, und in jenen Theilen von Afrika giebt es keine Straßen in unserem Sinne; wir finden hier nur schmale ausgetretene Pfade, auf welchen die Karawanen hin und her ziehen.

Auch Transportthiere fehlen fast gänzlich in der Aequatorprovinz; der Neger ist hier das Transportmittel, alle Waaren und Lebensmittel muß er auf seinem Rücken befördern.

Die ägyptische Regierung hatte nun auch in der Aequatorprovinz eine Reihe von Stationen errichtet, welche den Negern Schutz gewähren sollten; dafür aber mußten die Neger Abgaben zahlen, namentlich das nöthige Korn liefern. Trat nun in einer Station und deren Umgebung Mangel an Lebensmitteln ein, so mußte eine günstiger gestellte aushelfen. Da wurden so und so viele Negerträger aufgeboten, jedem wurde eine Traglast von 50 bis 60 Pfund aufgeladen, und nun mußte die Karawane oft sechs bis acht Tagemärsche zurücklegen.

Kleinere Beamte erlaubten sich bei derartigen Kontributionen Ausschreitungen. Kein Wunder also, daß die Neger auch die Aegypter verwünschten und ihre Herrschaft loszuwerden trachteten.

Emin Pascha war redlich bestrebt, diese Abgaben gerecht zu vertheilen und die Neger besser zu behandeln. Gänzlich konnte er jedoch das System nicht aufheben und von einer völligen Versöhnung der Schwarzen konnte nicht die Rede sein. Dabei hatte er nicht einen einheitlichen Stamm zu regieren. Die Völkerkarte seiner Provinz ist recht bunt; da wohnen im Norden die kriegerischen, viehzüchtenden Dinka, welche ihre Selbständigkeit niemals ganz aufgegeben hatten. Im Centrum des Reiches sitzen die Bari, welche Jahrzehnte hindurch ausgeplündert wurden und leicht zu Aufständen sich hinreißen lassen. Besser ist es im Süden bestellt, der zugleich die Kornkammer der Provinz bildet; aber auch hier begegnen wir einer ganzen Anzahl von Völkern, den Schuli, den Luri, den Monbuttu etc. Es muß in der That eine Riesenaufgabe genannt werden, in diesem Völkergemisch, welches noch von Tausenden von Danagla und Fakihs durchsetzt ist, mit Hilfe eines elenden Beamtenthums Ordnung zu schaffen!

Dank Emins Energie begannen sich die Verhältnisse aber doch zu bessern, namentlich in ökonomischer Beziehung war der [620] Zustand der Provinz ein vollkommen befriedigender geworden; da wurde seine Thätigkeit durch den Machdiaufstand unterbrochen.

Aber bevor noch die Truppen des falschen Propheten gegen Bahr-el-Ghasal und Hat-el-Estiva vorrückten, brachen in diesen Provinzen kriegerische Verwickelungen aus.

Abd-el-Kader Pascha, der Generalgouverneur vom Sudan, verlangte, da er vom Machdi bedrängt wurde, die Stellung von 7000 Negern, welche Lupton Bey, Gouverneur von Bahr-el-Ghasal, beschaffen sollte. Lupton Bey, der vor kurzem in der Gefangenschaft der Machdisten gestorben sein soll, mußte dem Befehl nachkommen. Aber welche Mittel mußten angewandt werden, um diese Zahl zu erlangen! Dr. W. Junker sah selbst in einer Station mehrere hundert dieser Unglücklichen, Knaben von 15 Jahren und ältere Männer, gekettet, in die Halsgabel eingezwängt! Eine solche „Rekrutirung“ überstieg doch wohl die gewöhnlichen Thaten der Sklavenräuber; kein Wunder, daß die Dinkaneger zu den Waffen griffen und, von den Machdisten unterstützt, die Macht Lupton Beys schwächten, bis er selbst, von seinen Soldaten verrathen, sich dem Machdistenführer Karamallah ergeben mußte. Der Aufstand der Dinka breitete sich auch auf die Aequatorprovinz aus und trug viel dazu bei, daß der Norden derselben unhaltbar wurde.

Da kam eine Hiobspost nach Ladó. Karamallah theilte Emin Bey die Gefangennahme Lupton Beys mit und forderte Emin Bey auf, seine Provinz zu übergeben und sich bei ihm in Person einzufinden. In einer Sitzung der höheren Beamten wurde die Unterwerfung beschlossen; Emin Bey wollte selbst zu Karamallah reisen und gab sogar den Befehl, sein in Makraka befindliches Maulthier direkt nach Amadi zu schicken, um es von dort reiten zu können.

Nach und nach trat jedoch eine kühlere Beurtheilung der Verhältnisse ein, und am 3. Juni 1884 verließ nur eine Kommission ohne Emin Bey Ladó, um die Unterwerfung anzuzeigen. Thatsächlich aber erfolgte diese nicht, und bald kam es im Norden der Provinz zu Kämpfen mit den Machdisten, die jedoch nach der Eroberung von Amadi wieder abzogen.

Die Geschichte dieser Kämpfe, in denen Verräther und Ueberläufer ihre Rolle spielen, in welchen Soldaten betrunkene Führer durch Tapferkeit beschämen, ist einzig in ihrer Art. Richard Buchta hat sie in dem jüngst erschienenen Werke „Der Sudan unter ägyptischer Herrschaft“ durch Mittheilung der Briefe Emin Paschas und Lupton Beys zu skizziren gesucht und auch die Berichte Emin Paschas an Schweinfurth geben ein getreues Bild derselben.[1] Nach dieser Schilderung der Verhältnisse können wir uns annähernd in die Lage Emin Paschas versetzen. Nach und nach konzentrirte er seine Macht in dem südlichen Theile der Provinz und hält augenblicklich den schmalen Streifen Landes von Redjaf bis Albert-Nyanza besetzt. Seine „Hauptstadt“ ist jetzt Wadelai, das näher der Kornkammer im Schulilande liegt als das unwirthliche Ladó, welches zuletzt ganz aufgegeben wurde.

Die schlimmste Zeit für Emin Pascha waren die drei Jahre, da er auf seinem verlorenen Posten von Europa gänzlich abgeschnitten war und nur durch Ueberläufer, Spione oder Briefe der Machdisten, die ihn wiederholt aufforderten, sich zu ergeben, Nachrichten über die Ereignisse im Sudan erhielt. Die Nachrichten waren manchmal recht eigenartig. So erzählte z. B. ein Mann, der von Kordofan gekommen war, daß vor seiner Abreise der Machdi seinen Leuten einige geschlossene Körbe gezeigt und gesagt habe, vor vier Tagen sei Gordon an der Spitze von 60 000 Mann, mit Geld und allem reich versehen, von Aegypten abgegangen und komme, um sich mit ihm zu messen. In den Körben seien die Seelen dieser 60 000 Mann – 20 000 werde die Erde verschlingen, andere 20 000 würden in die Lüfte verschwinden und der Rest sich zu ihm, dem Machdi, schlagen.

Diese Nachricht erhielt Emin im Juni 1884 und im April des nächsten Jahres empfing er Briefe vom Emir Karamallah, in welchen der Fall von Chartum und der Tod Gordons, des Feindes Gottes, gemeldet und Emin aufgefordert wurde, zu Karamallah zu kommen und ihn zu begrüßen.

Emin beeilte sich jedoch keineswegs, dieser Aufforderung Folge zu leisten, und Karamallah zog, nachdem er zum Fall Chartums 75 Kanonenschüsse abgefeuert hatte, mit vielen Tausenden von Sklaven von der Aequatorprovinz ab. Emin Bey organisirte indessen seine Provinz auf militärischer Grundlage. „Wir arbeiten,“ schrieb er, „Tag und Nacht, um das Wenige, was uns an Waffen geblieben, in Ordnung zu bringen, d. h. aus 10 alten Gewehren vielleicht 2–3 brauchbare herzustellen. Ich hoffe, in kürzester Zeit im ganzen über etwa 2500 brauchbare Gewehre verfügen zu können.“

Auch nach dem Rückzug der Machdisten gab es um Ladó Kämpfe mit den Dinka und Bari; nach und nach hatten sich jedoch die Verhältnisse geklärt, unfriedliche Elemente wurden abgestoßen oder sonderten sich selbst aus, und zwischen dem besseren Theile der Zurückgebliebenen entfaltete sich ein größeres Vertrauen.

Emin konnte im April 1887 schreiben: „Bei uns ist alles beim Alten. Wir säen, ernten, spinnen und leben in den Tag hinein, als ob das ewig so dauern könnte.… Ich verlasse keineswegs meine Leute. Wir haben trübe und schwere Tage mit einander durchgemacht, und ich hielte es für schamvoll, gerade jetzt von meinem Posten zu desertiren. Meine Leute sind trotz vieler Mängel brav und gut.“

Im März 1886 erhielt auch Emin Nachrichten von seiner ägyptischen Regierung über Sansibar. Es ist interessant, zu erfahren, wie er sich in einem Briefe an Schweinfurth darüber äußerte:

„Die ägyptische Depesche, französisch geschrieben, sagt mir, daß es dem Gouvernement unmöglich sei, uns beizustehen, da man den Sudan aufgebe, und giebt mir carte blanche bezüglich der zu ergreifenden Maßregeln, falls ich mich entschlösse, von hier fortzugehen; bewilligt mir auch Kredit beim englischen Generalkonsul in Sansibar. Eine kühle Geschäftsdepesche im vollen Sinne des Wortes – nicht ein Wort der Anerkennung für drei Jahre Sorgen und Kämpfe mit Danagla und Negern, Hunger und Nacktheit; nicht ein Wort der Aufmunterung zu der mir bevorstehenden übermenschlichen Arbeit, die Soldaten heimzuführen. Ich bin übrigens an dergleichen gewöhnt. Als ich in den Jahren 1878 bis 1880, während durch 22 Monate der Fluß verstopft war, Land und Leute zusammenhielt und zum ersten Male zeigte, daß es möglich sei, uns durch eigene Kräfte ohne jede Zufuhr von Chartum zu erhalten, als ich dem Gouvernement in jener Zeit nicht allein Ersparnisse machte, sondern auch praktisch bewies, daß die Provinz bei regelrechter Verwaltung ihre Ausgaben decken und noch Ueberschüsse liefern könne, als ich begann, Reis und Zucker zu pflanzen, die Verwaltung zu ordnen, die Provinz zu erweitern: wer hat da auch nur ein gutes Wort für mich gehabt? Passons là-dessus! Der verstorbene Serdar Ekram Omer Pascha sagte mir einst, daß man im Orient, um Anerkennung zu finden, entweder mächtige Protektionen, oder viel Geld, oder eine hübsche Frau haben müsse; sollte er recht gehabt haben?“

Auch nach der Abreise Dr. W. Junkers ist Emin nicht der einzige „Franke“ in der Aequatorprovinz unter Negern, Türken und Kopten geblieben. Der italienische Afrikareisende Casati hielt sich bei ihm auf; aber auch er verließ die Aequatorprovinz, allerdings mit der Absicht, seinem Freunde Emin zu dienen. Emin mußte alles dran setzen, um an der Südgrenze seines Reiches bessere nachbarliche Verhältnisse zu erhalten, und so ging Casati zu Kabrega, dem Herrscher von Unyoro, um an dessen Hofe sozusagen die Rolle eines Gesandten von Emin zu spielen und zugleich den Weg zur Ostküste offen zu halten.

So spielt sich, wie wir nur anzudeuten vermochten, im fernen Sudan ein Stück Weltgeschichte ab, reich an Schlachten, Siegen und Niederlagen und ebenso reich an diplomatischen Intriguen an den Höfen brauner Cäsaren. Bewundernd aber müssen wir zu dem Manne emporblicken, welcher sich selbst „Der Getreue“ (Emin) genannt hat und mit aufopferungsvoller Treue in allen diesen Wirrnissen Stand zu halten weiß.

Durch Englands kurzsichtige und engherzige Politik ist der Nordweg nach dem ägyptischen Sudan vielleicht für Jahrzehnte der Kultur verschlossen worden. Hoffen wir, daß es deutscher Thatkraft gelingen wird, von Süden her das Land von neuem zu erschließen. Hoffen wir, daß Emin ausharre, bis ihm deutsche Landsleute Hilfe bringen, und daß es uns vergönnt sein werde, einmal an dieser Stelle den frohen Augenblick zu schildern, wo unter Salven der schwarzen Karawanen die Fahnen Emins am fernen Nil die Standarten der deutschen Rettungsexpedition begrüßen!

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In der Schutzhütte.

Novellenkranz von Johannes Proelß.
(Fortsetzung.)
7. Heimkehr.

Ob die entthronte Gletscherkönigin des melancholischen Engländers, wie sie die Herzenskönigin des kühnen Alpinisten geworden, nicht schließlich doch noch seine Frau werden würde: diese für ihr echt weibliches Gemüth gar wichtige Frage wollte eben Frau Kurz zum Ausgangspunkt einer allgemeinen Betrachtung über die wunderthätige Macht des ehestiftenden Gottes machen, als sie von ihrem Gatten mild beschwichtigend unterbrochen wurde:

„Du hast ganz recht, Mutting, es ist oft wunderbar, auf wie gewundenen, auseinanderlaufenden Wegen das Schicksal die Menschen, die es für einander bestimmt hat, bis zur endgültigen Vereinigung führt; die theoretischen Erörterungen aber wollen wir lassen, da ja auch meine Geschichte und die erfreuliche Thatsache, daß wir hier sozusagen als Jubelpaar voll Heiterkeit neben einander sitzen, die Sache genugsam veranschaulichen. Es ist ohnehin spät geworden und für die Herrschaften daher schon eine Zumuthung, nach all den geistigen Genüssen, die sie gehabt, nun noch meine Geschichte mit anzuhören, und ich dächte, liebe Alte, ein Glas gut gebrauter Grog wird allen eine willkommene Aufmunterung sein. Wir haben ja dort in unserer Handtasche noch eine unangebrochene Flasche alten Cognac und heißes Wasser giebt’s in der Küche – nicht wahr, Bärbeli, Du holst uns welches herauf, auch Gläser und Löffel, wenn’s giebt – Zucker haben wir auch … also man zu! Ich muß gestehen, bei Ihrer packenden Erzählung, Herr Whitfield, mit ihren grausigen Gletscherabenteuern ist’s mir ganz eisig durch die Glieder gefahren und da muß ich schon ein bißchen nachheizen.“

Bald hatte ein jeder sein dampfendes Glas Grog vor sich stehen und alle rückten in angeregter Stimmung dichter an den Tisch, als Herr Kurz in behaglichem Tone begann:

„Wenn ich Ihnen leider auch nicht in Aussicht stellen kann, daß das Sprichwort ‚Wer zuletzt lacht, lacht am besten‘ sich an dem bewahrheiten werde, womit ich unser Quodlibet von Erzählungen nun beschließen will, so habe ich als letzter sicher den einen Vorzug, daß ich in einer wahrhaft gehobenen, durch das Vorangegangene erst erzeugten Stimmung das Wort ergreife. Wollte ich aus der Fülle meiner Reiseerlebnisse nur das ins Auge fassen, was in letzter Zeit mir begegnet, so hätte ich leichte Arbeit; ich hätte dann eben nur schlankweg zu erklären, daß der hier mit Ihnen in so anregender Weise verbrachte Abend mein schönstes Reiseerlebniß seit langer Zeit war. Dies ist kein leeres Kompliment für die Vorredner. Bunt zusammengewürfelt, vom Zufall in Gestalt widrigen Wetters hier in einer nur dürftig ausgestatteten, wenn auch gastlichen Herberge zusammengebracht, hat unser kleiner Kreis ohne Verabredung und künstlich ersonnenen Plan und nur von der Absicht geleitet, mit Hilfe schöner Erinnerungen die Langeweile zu vertreiben, etwas wie eine wohlgegliederte Symphonie hervorgebracht, deren Thema lautet: welch‘ köstlich Ding ist doch das Reisen! Welche Fülle an heiteren und großartigen Eindrücken es vermittelt, wie es beglückend, befreiend, veredelnd und stärkend wirkt, wie es die Kunst und die Wissenschaft fördert, wie es Herzen in Freundschaft und Liebe zusammenführt, Vorurtheile überbrückend und dem rein Menschlichen Geltung verschaffend, all dies haben uns die so verschiedenen Geschichten einiger weniger grundverschiedener Menschen eindringlich zu Gemüthe geführt. Ob die Musik des einen Stückes allegro oder andante klang oder sich als scherzo entfaltete, alle Melodien vereinigten sich zu einem Lobgesang auf das Reisen. Ich soll nun das Finale liefern. Es hieße, das Spiel verderben, wollte ich jetzt absichtsvoll und so gut ich’s vermöchte die bisherigen Melodien in einander zu weben versuchen zu einem kunstgerechten Schlusse. Mich drängt es, eine einzige herauszugreifen und an dieselbe eine neue anzuknüpfen; vielleicht daß dabei auch die anderen gelegentlich mit aufklingen.

Ein Gemeinsames hatten alle Ihre Geschichten: Ihre Thüringerwald-Pfingstidylle, Herr Doktor Helbig, so gut wie Ihr Abenteuer im ewigen Eise, Herr Whitfield, sie alle haben bezeugt, daß das Reiseglück die Menschen nicht nach dem Reisepaß fragt, sondern unbekümmert nur Unterschiede und Vorurtheile, die aus der Abstammung und Herkunft der einzelnen sich herleiten, seine Segnungen spendet. Was Schiller von der Freude singt:

‚Ihre Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt -‘

haben Sie alle unwillkürlich dem Reisen nachgerühmt. Der Münchener Maler, Herr Breitinger, führte, vom Reiseglück gesegnet, die holländische Kunstgenossin als Braut heim; der radikale Rheinländer knüpfte in der Freiheit der Berge sein Lebensglück an das der Tochter einer österreichischen Aristokratenfamilie; das brave Bärbeli hat bekannt, daß sie die glückliche Wendung in ihrem kleinen Liebesromane der Wirkung des Fremdenverkehrs verdankt, und Herr Whitfield kümmerte sich ebenso wenig um die Angaben des ‚Passes‘ seiner Gletscherkönigin, da sich sein Herz ihr in Liebe zuwandte, wie Herr Doktor Helbig um denjenigen der kleinen Waldnymphe, deren Herz er so schnell eroberte und so schnell vergaß.“

„Doch nicht, verehrter Herr Kurz. Vergessen hab’ ich sie nicht.“

„Um so besser paßt auch Ihr Beispiel zu dem, was ich ausführe. Dieses in unserer Zeit der Nationalitätenverhetzung besonders erhebende Vorkommniß einer Uebereinstimmung grundverschiedener Menschen in der Bethätigung echter, freier Humanität hat mich im Innersten erquickt. Denn ein Deutscher in meinen Jahren, der von Jugend auf gleich vieltausend anderen an sich selbst es erfahren hat, daß kein einzelner, kein Stamm, keine Nation für sich und durch sich existiren, sie vielmehr nur Dank dem wechselseitigen befruchtenden Verkehr mit ihrer Mitwelt leben, wachsen und gedeihen können, der muß mit tiefem Ingrimm wahrnehmen, wie die an Bildung reichsten Völker, die doch nur kraft dieses Zusammenhangs zwischen Nationen und Generationen aus Barbaren zu Kulturvölkern geworden sind, ihr höchstes Gut, eben die Humanität, mit Füßen treten und verleugnen! Man kann ja heutzutage kein Zeitungsblatt zur Hand nehmen, ohne Symptomen davon oder Klagen darüber zu begegnen. Daß das nur eine vorübergehende Krankheit ist, für die uns Deutschen, wie der verstorbene Kaiser Friedrich als Kronprinz sagte, glücklicherweise sogar die Bezeichnung fehlt, in dieser Zuversicht bestärkt mich vor allem das Bewußtsein, daß der sicherste Talisman gegen dies Uebel eben das Reisen ist und daß das Reisen, die Reiselust und das Reisebedürfniß, das Reisen zur Erholung wie im Dienst von Handel und Wandel, bei seiner steten Wechselwirkung mit der glänzenden Entwickelung der Verkehrsmittel, nur immer mehr zunehmen kann und selbst die Unbemitteltsten und am entlegensten Wohnenden mit seinen Wohlthaten berühren muß. Mein ganzer Lebenslauf, auf dessen unruhige wechselvolle Gestaltung ich jetzt aus bemoostem Schwabenalter heiter zurückblicke, war in ganz ungewöhnlicher Weise dazu angethan, diese Erkenntniß in


Die Gartenlaube (1888) b 621.jpg

Emin Pascha.

[622] mir zu nähren und zu befestigen. Wohl hat es lange gedauert, bis ich dazu kam, unter die Vergnügungsreisenden zu gehen. Unsere schönen Alpen kann ich mir z. B. erst jetzt mit rechter Muße betrachten. Und doch war von Jugend an mein Sinnen und Trachten dem Reisen zugewandt und die Reiselust hat sich frühe in mir geregt. Aber sie trieb mich nicht in die Höhe, sondern in die Weite. Und weit – weit herum in der Welt – bin ich gekommen.

Wenn es eine gute und eine schlimme Fee gäbe, eigens um für Glück und Unglück der Menschen auf Reisen zu sorgen, so müßte ich annehmen, daß an meiner Wiege beide gestanden haben. Die eine gab mir den leidenschaftlichen Reisetrieb und eine vorzügliche Gesundheit mit auf den Weg; die andere versah mich mit Eigenschaften, welche gar leicht den ersteren mir zum Verhängniß hätten werden lassen können. Viele Umstände kamen zusammen, um denselben verfrüht zum Ausbruch zu bringen. Mein Vater war ein wohlhabender Holzhändler in Stettin. Als fünfjähriger Knabe schon durfte ich ihn auf einer Seereise nach Schweden begleiten. Um Schifffahrt, Flößerei, Fluß und Meer drehten sich die Lieblingsgespräche meines Vaters bei Tisch. Ferner hatte ich einen Onkel in Amerika, der nach bewegter Vergangenheit Kapitän auf einem Mississippidampfer geworden war. Was ich von ihm hörte, wenn es auch selten Günstiges war, erregte mächtig meine Phantasie. In noch höherem Grade thaten dies einige Bücher, welche mir bald, nachdem ich lesen gelernt hatte, in die Hände kamen, Campes ,Robinson‘ und populäre Bearbeitungen einiger Romane von Cooper, dem Lederstrumpf-Autor , und Marryat, dessen ‚Peter Simpel‘ ich in jener Zeit wohl mehr als ein Dutzendmal gelesen habe. Wie dieser englische Midshipman auf See zu gehen, auch auf die Gefahr hin, gleich Robinson auf einer wüsten Insel zu stranden, oder wie Lederstrumpf in den amerikanischen Hinterwäldern als Bundesgenosse eines Chingachgook gegen Apachen oder Siouxindianer zu kämpfen und den Büffel zu jagen, dies wurden meine Knabenideale.

Das war an sich gewiß nichts Besonderes. Als ich aber über diesen und ähnlichen Büchern dann meine Schulaufgaben zu vernachlässigen begann, als ich – so oft und so lang ich konnte – mich von Hause wegstahl, um mit einigen gleichgestimmten Kameraden mich am Hafen, ja bald auch auf den dort lagernden Schiffen herumzutreiben, und mein Vater mit der herben Strenge seines Charakters dagegen seine Autorität geltend machte, wurde aus jenen Träumen allmählich der Plan, mich dem strengen Regimente und dem Schulzwang durch die Flucht zu entziehen und bei meinem Onkel auf dem Mississippi, dem ich, wie sie zu Hause sagte, ‚leider‘ nachschlug, mein Heil zu suchen. In irgend einer schwüle Gewitterstunde, in welcher das Donnerwetter von meines Vaters Munde grollte, ließ ich mich dann hinreißen, in störriger Knabenweise mit der Ausführung dieses Plans den Eltern zu drohen, und diese nahmen die Drohung ernster, als es damals nöthig gewesen wäre; ich wurde, um jedem bei der Nähe des Meeres sehr leicht auszuführende Fluchtversuch vorzubeugen, von Stettin fort in ein Knabenpensionat nach Heidelberg gethan, das wegen der in ihm herrschenden strengen Zucht wohlverdienten Rufes genoß. Ja, die Zucht war streng dort, zu streng für mein nach freier Uebung der besonderen Anlage lechzendes Naturell. Dort lernte ich zuerst den Werth der Heimath schätzen; die Welt meiner Knabenträume und Knabenspiele wurde zum Gegenstand sehnsüchtigen Heimwehs.

Als ich aber zu Weihnachten in die Ferien kam, mußte ich erkennen, daß diese Sehnsucht einem verlorenen Paradiese galt. Mein Vater hatte sich in den Kopf gesetzt, daß ich studiren sollte; sein Ehrgeiz wollte den einzigen Sohn in Amt und Würden sehen, die nur ein staatsgeprüfter Jurist erlangen kann; meine Natur aber war auf realere, praktischere Dinge gerichtet als die griechische Syntax und das Uebersetzen von Ciceros Reden, und meine Censuren, die ich heimgebracht hatte, lauteten nicht günstig. Ein Uebermaß von Nachhilfestunden, das mir nun in Heidelberg aufgebürdet wurde, machte die Sache nicht besser. Der alte Plan, nach Amerika durchzugehen, genährt durch die heimliche Lektüre von allerlei Reiseabenteuer- und Entdeckergeschichte, genährt auch durch das Gefühl, in mir schlummernde Gaben draußen in der Welt bewähren zu können, die jetzt mit aller Macht unterdrückt wurden, nahm immer mehr feste Gestalt an. Als die großen Ferien herannahten, war mein Entschluß reif. Das Geld zur Fahrt nach Stettin, das mir bei Beginn derselbe ausgehändigt werden würde, wollte ich an mich nehmen und als Zehrpfennig benutzen auf der Flucht in die weite Welt.

Wie sehr mein Geist dem Zuge nach der Fremde damals erlegen war, wurde mir erst klar, als ich viel später einmal das schöne Heidelberg wieder betrat. Für die Fülle anmuthigen erhabenen Schönheitsreizes, die das Neckarthal hier umfaßt, hatte ich damals kein Auge. Nur der Neckar selbst, der flinke Geselle, der mit brausendem Ungestüm an der Stadt vorbeieilt, dem Rheine zu, hatte mir’s angethan. Er auch bot mir das Mittel zu einer ebenso sicheren wie wohlfeilen Flucht. Wie oft hatte ich den langen mächtige Flößen nachgeschaut, welche die schnelle Fluthen des Neckars, sobald nur der Fluß vom Eise befreit war, dem Rheine alltäglich zutragen. Mit dem Vorgeben, ein armer Handwerksbursch zu sein – mit entsprechender Kleidung hatt’ ich mich vorher versehen –, der nach Holland wolle, stellte ich mich in Mannheim auf einem der großen Floßfahrzeuge ein, die dort zur Abreise bereit lagen, und gelangte so, wenn auch auf langsamem Wege, nach Rotterdam. Gerade diese Langsamkeit hielt mich den Nachforschungen der ebenso erzürnten wie erschreckten Eltern entzogen. Ich hatte ihnen einen Brief geschrieben, worin ich ihnen Mittheilung von meinem Entschluß machte und mein aufrichtiges Bedauern aussprach, ihnen Schmerz und Enttäuschung zu bereiten; um Verzeihung wolle ich sie erst bitten, wenn ich auf dem selbstgewählten Wege ein Mann geworden sei, der ohne Erröthen der Scham werde vor sie hintreten können.

Wie tief ich meine Eltern kränkte, wie groß der Kummer war, den ich ihnen bereitete, davon hatte ich damals keine Vorstellung. Ich glaubte mich an sich im Rechte; in meinem Vater sah ich den starren Gegner meines Lebensglücks; das Gefühl, einen Akt der Selbsterhaltung in allerdings sehr eigenmächtiger und waghalsiger Weise zu vollziehen, begleitete mich auf der abenteuerlichen Fahrt. Daß ich nicht aus Arbeitsscheu oder Sucht nach materiellen Genüssen dem Ort strenger Schulzucht entflohen, bethätigte ich von Beginn an. Als einer der Ruderknechte des Floßes erkrankte und in Köln ans Land gesetzt werden mußte, trat ich an seine Stelle und zeigte mich, trotz meiner halbwüchsigen Jugend, der körperlichen Anstrengung gewachsen. In Rotterdam verdingte ich mich auf ein Kauffahrteischiff, das zunächst nach Nordamerika ging, als Schiffsjunge. Trotz der Entbehrungen und Anstrengungen, ja auch Mißhandlungen, denen ich hier ausgesetzt war, fühlte ich mich auf dem Schiffe glücklicher als seit langem. Der Gedanke an meinen Onkel in Amerika gab mir Halt. Der war ja Schiffskapitän auf dem Mississippi, der werde mich schon besser zu verwenden wissen. Daß ich demselben kaum bekannt war und als Sohn meines Vaters schwerlich besonders willkommen sein konnte, diese Bedenken störten mich nicht.

Die Suche nach meinem Onkel gehört zu den romanhaftesten Kapiteln meines Lebens. Unser Familienname, so stolz mein Vater als Chef des alten Hauses Jakob Kurz und Sohn auf denselben auch war, ist nicht nur kurz, sondern auch sehr häufig. Der Mississippi aber ist länger und breiter, als ich mir selbst in meinen verwegensten Träumen vorgestellt hatte, und die Schiffe jeden Kalibers, die ihn befahren, zählen nach Tausenden. Eine nähere Adresse aber wußte ich nicht; war Onkel Richard doch nach einer heftigen Entzweiung mit meinem Vater außer alle Berührung mit der Familie gekommen. Nur daß er Kapitän auf dem Mississippi geworden war, hatte die Eltern vor Jahren zufällig von einem gemeinsamen Bekannten erfahren. Lange dauerte es denn auch, bis ich überhaupt in Erfahrung brachte, daß er zur Zeit gar nicht mehr diesem Berufe oblag. Wohl stand mein Dichten und Trachten nach den großen Uferstädten des genannten Stromes, wo ich am ehesten hoffen konnte, den Aufenthalt des Onkels auszukundschaften; aber wie hingelangen? Im Verhältniß zu heute war es ja freilich damals für eine junge kräftigen Mann von aufgeweckten Sinnen, der sich nicht scheute, da zuzugreifen, wo sich Arbeit bot, noch leicht, in Amerika sich durchzuschlagen und bei einigem Glück zu geordnetem Wohlstand zu gelangen; aber der Weg, den ich bis zu diesem Ziel zu machen hatte, war recht lang und oft recht steil, führte mich kreuz und quer und ein paar Mal auch an den Rand der Verzweiflung.

Das Erste, was mir blühte, war eine Anstellung als Hafenarbeiter. Saures Brot war’s, das ich hier erwarb, aber die [623] Zeit doch nicht verloren, denn während des Lastentragens beim Laden und Löschen der Seeschiffe wurde ich mir bewußt, wie viel natürliche Begabung für das Erfassen der Struktur jeder Art von Maschinenwerk in mir schlummere und nach Bethätigung ringe. Dies veranlaßte mich dann, eine Stelle als Werftarbeiter zu suchen, die ich endlich fand. Der Direktor des Bauplatzes wurde auf mich aufmerksam und engagirte mich für sein Bureau, wo ich allmählich Einblick in die Pläne und Berechnungen gewann, auf denen der Schiffsbau beruht, und mir theoretische Kenntnisse auf dem Gebiete der Statik und Mechanik erwarb, die ich dann abends in der kleinen Mansardenstube, die ich bewohnte, eifrig vervollständigte.

Dann aber regte sich aufs neue der Reisetrieb mächtig in mir. Ich machte das Steuermannsexamen und wurde nach einigem Suchen Steuermann auf einem Kauffahrer, der zwischen Kalifornien und New-York regelmäßig verkehrte. Jetzt hatte ich oft Gelegenheit, mich nach einem Kapitän Richard Kurz, der auf dem Mississippi fahren solle, zu erkundigen; doch niemand wußte von ihm. Auch als ich selbst an das Steuer eines sein Stromgebiet befahrenden Dampfers kam, konnte ich lange Zeit nichts von ihm erfahren, bis ich eines Tages in New-Orleans einen älteren Kapitän im Bureau einer Dampfschifffahrts-Gesellschaft traf, der den Onkel gar wohl gekannt hatte und mir mittheilte, daß derselbe schon vor mehr als zehn Jahren den Dienst quittirt habe und aus der Gegend geschieden sei. Das war ein schwerer Tag für mich damals. Den Onkel zu finden, war im Laufe der Jahre das feste Ziel meines Strebens und Hoffens geworden; auf einmal fühlte ich mich im Meere des Lebens plan- und ziellos, und was ist ein Steuermann ohne Reiseziel!

Ein Zufall war es, der mich schließlich dem Manne meiner Sehnsucht zuführte. An der Maschine unseres Dampfers waren einige Reparaturen nöthig geworden, und einige Besonderheiten in der Konstruktion veranlaßten mich, an die Schiffsbauerfirma zu schreiben, auf deren Werft die ,Minerva ‘ entstanden war. Die Antwort, die ich erhielt, trug unter dem Namen der Brooklyner Firma John Cowley u. Co. denjenigen, der mir so oft auf den Lippen schwebte: ‚Richard Kurz‘ stand in fester Handschrift darunter. Ich schrieb nun sofort einen persönlich an diesen Richard Kurz sich wendenden Brief, um die Identität mit dem gesuchten Onkel festzustellen, und richtig, er war es. Meine briefliche Darstellung, wie er in meiner Knabenzeit schon mich beeinflußt, wie der Gedanke an ihn mich nach Amerika begleitet und wie ich ihn dann so unverdrossen gesucht habe, rührten den alten wackeren Herrn, wie er mir schrieb, aufs tiefste: er lud mich ein, zu ihm zu kommen, und sobald ich meinen Steuermannsposten verlassen konnte, eilte ich nach Brooklyn. Mit Freuden stellte er fest, daß meine Eltern in der That ganz recht gehabt, als sie schon bei meinen Knabenstreichen geklagt hätten, daß ich dem schlimmen Onkel Richard nachschlüge, und daß dies nicht nur in Bezug aus den abenteuerlichen Trieb in die Ferne, sondern auch auf das Talent, das ihn nach langer Irrfahrt schließlich zum Betriebsdirektor einer der größten Schiffswerften am New-Yorker Hafen hatte werden lassen, der Fall sei. Unter Freudenthränen lachend, küßte und umarmte mich der auf den ersten Blick rauh erscheinende gute Mann; er bot mir zunächst eine Stelle als sein Privatsekretär an, damit unser Verhältniß auch Ordnung und einen Namen habe, und verschaffte mir bald einen schönen Posten im Bureau des gewaltigen Instituts, dem er als am Gewinn betheiligter Chef vorstand.

Nur in einem fand ich mich in meinen Erwartungen getäuscht, wenn auch nur auf angenehme Art. Ich hatte erwartet, den Onkel voller Antipathien gegen die Heimath und unsere Familie zu finden, die ihm ohne genügenden Grund schlimm mitgespielt hatte. Das Gegentheil war aber der Fall: meinem Vater hatte er in der Stille des Herzens das Unrecht, das ihm dieser gethan, längst verziehen. Und daß er sich so völlig entwurzelt vom Heimathboden wisse, bezeichnete er als Ursache eines tiefen Kummers, der an ihm zehre.

‚Ja, ja, mein Junge,‘ sagte er gleich am ersten Abend unseres Beisammenseins zu mir, ‚verlassen soll man das warme und bequeme Bett, das einem die Heimath bietet, bei Zeiten, in der Jugend und hinausgehen in die Welt, um die Kräfte zu stählen und mit eigener Hand sich sein Glück zu schmieden; aber man soll sie doch nur verlassen, um wieder zurückzukehren. Wenn ich nur ein wenig besser zu unserer Familie passen würde, ich wäre schon längst einmal wieder hinüber und hätte mich nach einem hübschen Platze umgeschaut an unserem Ostseestrand, am Rande der alten Buchenwälder, die so schön doch nirgends wieder zu finden sind, um mir für die Tage des Alters ein gemüthliches Nest da zu bauen. Du bist erstaunt, daß Dein see- und landfahrender Onkel so spricht? Es ist aber doch mein voller Ernst. Ganz sich loslösen von seiner Heimath kann und darf niemand, wenn er nicht an den teuersten Besitzthümern des Herzens Verlust erleiden soll. Ich bin auch hier in Amerika ein Deutscher geblieben, und wenn meine Gedanken gelegentlich nach Stettin ziehen und Einkehr im alten Vaterhaus halten, so geht auch unser guter alter plattdeutscher Spruch durch meine Seele:

‚Nord, Ost, Süd, West –
To Hus is’ best.‘

Und darum müsse er es bedauern, wenn sein Beispiel dazu beigetragen, mich auf die Dauer der Heimath zu entfremden. Daß ich fortgelaufen und auf meine Manier ein tüchtiger Mann der Arbeit geworden sei, darüber wolle er nicht mit mir rechten; daß ich aber auch wieder zurückkehre und mit den Meinen noch rechtzeitig meinen Frieden mache als vernünftiger Sohn, wie es sich gehöre, das erwarte er von mir, und es mir zu erleichtern, solle seine Sorge sein. Ich erwiderte zwar, daß ich nicht eher zurückkehren könne, als bis ich fest auf eigenen Füßen stehen werde, drückte aber dem braven Onkel, der so viel Herz sich hinter der wetterharten Brust bewahrt hatte, gerührt die Hand.

In der That fühlte sich das meine auch keineswegs von der Heimath losgelöst. In den Zeitungen verfolgte ich die politischen Wandlungen im großen deutschen Vaterlande wie irgend ein anderer stimmberechtigter Bürger. Mit Genugthuung nahm ich den Prozeß wahr des allmählichen Erstarkens und der Rückwirkung desselben auf das Ausland, das dem deutschen Namen mit wachsendem Respekt zu begegnen begann. Dann bestand aber auch noch eine direkte Beziehung zwischen mir und der Heimat. Um meinen Fluchtplan hatte ein einziges Wesen gewußt, dem ich auch den Abschiedsbrief an die Eltern anvertraut hatte, welcher erst drei Tage nach meinem Aufbruch der Post übergeben werden sollte. Dieses Wesen war ein Mädchen, das gleich mir damals in dem grünen Alter von sechzehn Jahren gestanden hatte und durch die zwischen uns in aller Stille erblühte Neigung in mehr als einen schweren Konflikt gerathen war. Denn dies treue Lining, so hieß sie und heißt sie – nicht wahr, Alte? – war die älteste Tochter des gestrengen Scholarchen, dessen allzu drückender Schulzucht ich mich so freventlich entzog. Auch sie fühlte sich nicht glücklich in einer Umgebung, die, bei aller gegenseitigen Liebe zwischen den Eltern und ihr, nicht geeignet war, frohe Stunden und heitere Eindrücke, wie sie einem jungen Mädchenherzen Bedürfniß sind, ihr zu bereiten. Der klösterliche Ton im Knabeninstitut beherrschte auch das Familienleben, andererseits war der Vater vom Stundengeben und anderen pädagogischen Geschäften und die Mutter von der Führung des großen Haushalts viel zu sehr in Anspruch genommen, als daß die Erziehung der Tochter eine gleichmäßige hätte sein können. Lina hatte schon überall mit anzugreifen, namentlich die Gartenarbeiten lagen ihr ob, und in einer von rothblühenden Bohnenranken umsponnenen Laube hatten wir uns unsere junge Liebe gestanden. Ohne die Billigung meines Fluchtplans von ihrer Seite würde ich schwerlich aufgebrochen sein. Das Vertrauen in meinen Charakter war aber in dem braven, frühreifen und über die Jahre ernsten Kinde stark genug, um mir nach längerer Ueberlegung, wenn auch unter Thränen, ihren Reisesegen zu geben. Ihr hatte ich die Sorge um den Brief an meine Eltern übergeben und sie übernahm freiwillig, an meine Mutter zu meinen Gunsten oder wenigstens zur Aufklärung über die Motive meines Handelns bald nach meiner Abreise zu schreiben.

Unsere beiden Mütter waren nämlich Freundinnen von der Schule her, und bei einem Besuche der meinen im Heidelberger Institutshaus hatte dieselbe eine warme Sympathie für das junge Mädchen bezeigt und sie eingeladen, später, wenn ich Student sei, einmal während der Ferienzeit auf unser Gut am Ostseestrand zu längerem Besuche zu kommen. Meine gute Mutter, die, wie sie in Bezug auf meine Herzenswahl denselben Geschmack mit mir theilte, auch sonst weit mehr Verständniß für meine Eigenart und den Kern [624] meines Wesens hatte, als sie unter dem Druck der Autorität meines Vaters zu erkennen gab, meine gute Mutter hatte diese Herzensregung der kleinen Freundin ihres Sohnes hoch aufgenommen und freundlich beantwortet. Dies Verhältniß hatte Dauer gewonnen, nachdem Lining einer Einladung gefolgt war, ihr an ihrer Einsamkeit Gesellschaft zu leisten. So strömten mir durch den geheimen Briefwechsel mit meinem treuen Schatz immer auch Nachrichten aus dem Vaterhaus zu, ohne daß die Eltern, die sich gewöhnten, mich gleich einem Todten zu betrauern, davon eine Ahnung hatten. Und auch sie erhielten Nachrichten auf diesem Wege von mir. Denn das schlaue Mädchen that so, als erfahre sie durch die Schwester eines meiner Schulkameraden, was ich ihr an Tatsächlichkeiten schrieb. Nur von meinem endlichen Zusammentreffen mit dem langgesuchten Onkel und allem, was damit zusammenhing, erfuhren sie auf meinen besonderen Wunsch nichts.

Meine Braut, von dem festen Vertrauen beseelt, daß ich schon rechtzeitig heimkehren werde, wenn ich’s zu etwas Tüchtigem gebracht hätte, und daß auch dies keine Ewigkeit währen könne, verschonte mich ihrerseits in rührender Weise mit naheliegenden Vorstellungen und Bitten, doch schon vorher als reuiges Kind ins Vaterhaus zurückzukehren. Aber als das dritte Weihnachten kam, das ich im fernen Auslande zuzubringen hatte, da sandte sie mir als Geschenk eine Brieftasche, in welcher vorn auf einem Seidenblatt mit seiner Perlenschrift die Worte aus Goethes ‚Iphigenie‘ eingestickt waren:

      ‚Der ist am glücklichsten, er sei
Ein König oder ein Geringer, dem
In seinem Hause Wohl bereitet ist.‘

Unter meines Onkels Leitung ging es nunmehr mit mir trefflich vorwärts. Bald erhielt ich im Laboratorium der Fabrik, das ausschließlich dem Zwecke diente, zur Vervollkommnung des Dampfbetriebs von Fahrzeugen Experimente zu machen, eine besonders gut bezahlte Stelle. Ich hatte auch hier Glück. Nach einigen Jahren gelang es mir, einige Verbesserungen zu erfinden und durchzuführen, welche die Gefahrlosigkeit hoher Fahrgeschwindigkeit bis zu einem gewissen Grad so gut wie garantirten. Die Firma nahm Patente darauf und betheiligte mich am Gewinn der Verwerthung. Der Vortheil der Neuerung war so einleuchtend, daß fast jede Maschinenfabrik sich gedrungen fühlte, ihn sich zu nutze zu machen. Das Geschäft war ein glänzendes. Unser Haus war mit mir höchlich zufrieden. Ich erhielt den Auftrag, meine Erfindung auch in Europa bekannt zu machen und patentiren zu lassen, sowie zur Einführung derselben in die dortige Fabrikation selbst hinüber zu reisen. Der Tag der Rückkehr in die Heimath war gekommen. Wie klopfte mein Herz, als ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein Schiff bestieg, ein Schiff, das das erste war, welches mich, wie Goethe in seiner ‚Italienischen Reise‘ so schön es ausgedrückt hat, ‚heimathwärts, liebewärts‘ tragen sollte!

Und ich kam nach Stettin. Ich trat ein in mein Vaterhaus. Aber nicht als Sohn klopfte ich an seine Thür. Der Vertreter der großen Brooklyner Maschinen- und Dampfschifffabrik John Cowley u. Co. forderte Einlaß im Bureau des gestrengen Herrn Jakob Kurz und wurde mit Zuvorkommenheit willkommen geheißen. Mein Vater hatte schon in den Fachzeitschrift von den Erfindungen gelesen, und dieselben für seine Schleppdampfer zu verwerthen war bereits sein Entschluß, ehe ich kam. Ich hatte mich mündlich als Vertreter meines Hauses anmelden lassen, natürlich ohne meinen Namen zu sagen. Ich wollte ohne jede Beziehung zu dem, was ich diesem theuren, trotz allem innig geliebten Manne durch die Geburt war, ihm entgegentreten, so wie ich geworden war. Mit warmem Interesse hörte er meine Auseinandersetzungen über Wesen und Werth der Erfindungen an und legte großes Verständniß für beides an den Tag.

‚Der ganze Weltverkehr gewinnt ja durch diese an sich kleinen Aenderungen, die verhältnißmäßig wenig Kosten verursachen!‘

‚Das Ei des Columbus,‘ sagte ich lächelnd.

‚Ei, nur ein Erfinder selber darf so geringschätzend von seinen Verdiensten sprechen. Ich wollte Sie schon immer fragen, habe ich denn die Ehre, den Erfinder selbst vor mir zu haben?‘

‚Freilich, verehrter Herr Kurz.‘

Der Vater erhob sich und drückte mir die Hand. ‚Und Sie besorgen persönlich die Einführung in Europa,' fuhr er fort. ‚So wird die Sache überall schnell Eingang finden. Die ganze Handelswelt ist Ihnen Dank schuldig, ja, jedermann, der reist, und wer reiste heutzutage nicht! Das Reisen ist ja das eigentliche Ferment der modernen Kultur. Nun, das Haus Cowley kann sich gratuliren, eine so frische aufstrebende Kraft sein nennen zu können.‘

‚Sie ahnen nicht, wie sehr mich Ihre Worte erfreuen. Da ich von Geburt ein Deutscher bin, möchte ich nicht ewig im Dienste des in der That bedeutenden amerikanischen Hauses bleiben. Ich würde dabei selbstverständlich nicht gleich eine ähnliche Position hier beanspruchen, wie ich sie dort aufgeben würde. Zum Beispiel, wenn Sie in Ihrem großen Holzimportgeschäft …‘

‚Aber, lieber junger Mann,‘ unterbrach mich der Vater, ‚ich falle aus den Wolken. Wie sollten Sie Ihr ganz besonderes Talent für Maschinenbau bei mir vortheilhaft verwerthen können?‘ Ein Schatten flog über sein Gesicht. ‚Sonst, ach ja, ich könnte wohl eine frische, ausgiebige Persönlichkeit voll Welterfahrung und Unternehmungsgeist auch in meinem Geschäfte brauchen. So ein ganzer Mann ist ja überall von Nutzen und Herr der Situation.‘

‚Nun denn, wenn Sie mich für einen solchen Mann halten und ihn brauchen können, so wäre ja uns beiden geholfen,‘ rief ich, ‚mein Name ist …‘

In diesem Augenblicke ging die Thür von der Wohnung zum Bureau auf und - unwillkürlich trieb es mich, der eintretenden Dame mit den trotz der grauen Haare mir gar innig vertrauten Zügen entgegenzueilen, so daß ich mich nur schwer beherrschen konnte.

Sie aber hatte diese Bewegung bemerkt, und obgleich ich bei meinem Wanderleben ein ganz anderes Aussehen wohl bekommen, als mein Knabengesicht einst hatte ahnen lassen, erkannte das treue, scharfe Auge der Mutter mich sofort und: ‚Guter Himmel, das ist ja unser Ernst‘ rufend, stürzte sie auf mich zu, dann lag sie, von einem Weinkrampf durchschüttert, mich zärtlich umfassend, in meinen Armen.

Ich küßte ihr Haar, ihre Stirn. ‚Ja, ich bin’s,‘ sagte ich und blickte zum Vater auf. ‚Du hast mich eben um meiner Persönlichkeit willen willkommen geheißen, Vater: bin ich es auch weiter, da ich Dein Sohn bin? Kannst Du dem Ausreißer vergeben, nun er auf Reisen und durch seine Begeisterung für das Reisen und die Mittel desselben das geworden ist, was Du eben einen ganzen Mann genannt hast? Bilde Dir ein, ich sei auf Deinen Wunsch fort gewesen, und nimm mich nun auf in Dein Haus und Dein Geschäft – nicht als verlornen, sondern als pünktlich wiedergekehrten Sohn!‘

Mein Vater hatte keine Worte für sein Empfinden. Er sagte nur: ‚Das unser Ernst? – Ja, Du bist es! … Gottes Wege sind wunderbar,‘ und reichte mir feierlich aufs neue seine Rechte. Nachdem er sie geschüttelt, murmelte er: ‚Es sei so, wie Du es sagtest,‘ und ging hinaus, mit dem Arm sich über die Augen fahrend, und ließ mich mit der Mutter allein.

Draußen hielt eine Droschke. Es war meine Lining, die kam. Ich hatte gleich nach meiner Ankunft in Hamburg an ihren Vater geschrieben, meine Lage ihm dargelegt und um die Hand seiner Tochter angehalten. Als Antwort im günstigen Falle solle er diese zu meinen Eltern reisen lassen, wo ich sie treffen wolle. Die Treue seiner Tochter hatte den strengen Herrn doch gerührt, zumal ihr Vertrauen zu mir sich bewährt hatte. Die Mutter war schon lange vorher von ihr eingeweiht worden in unser Geheimniß und gab nun selig der Tochter ihren Segen mit auf die Reise nach Stettin … Das war ein Wiedersehen! …“

Herr Kurz ergriff unwillkürlich sein Glas: „Nicht wahr, Mutting, das war unser schönstes Reiseerlebniß? Darauf müssen wir anstoßen!“

Mit einem verschämten Ausdruck stillen Glückes stieß die treue Gattin des Erzählers mit ihm an. Aber auch den übrigen Zuhörern, die sich erhoben, mußten sie und er Bescheid thun.

„Ja, Lining, das ist nun schon lange her … Aber es ist uns auch weiter meist recht gut gegangen … Das Reisen, meine Herrschaften, haben wir zwei in unserer gesegneten Ehe immer nach Gebühr geschätzt. Deshalb kraxeln wir in unsern alten Tagen auch noch so hoch in die Alpen hinauf, und unsern Sohn haben wir ohne Widerstreben als Freiwillige in die Marine eintreten lassen. Aber nicht minder hoch halten wir unser Heim.

[625]
Die Gartenlaube (1888) b 625.jpg

Nestlinge.
Originalzeichnung von J. R. Wehle.

[626] Und nun es Schlafenszeit ist und wir für heute auseinander gehen, lassen Sie mich diesen Abend beschließen um dem herzlichen Wunsche. Allen eine glückliche Reise –

‚Nord, Ost, Süd, West‘–

aber allen auch eine glückliche Heimkehr, denn –

‚To Hus is’ best‘.“

„Recht so! Das war ein braver Schluß! Und nun, in der That, ist es auch Zeit, die Sitzung zu schließen,“ rief mit Wärme Professor Schröder. „Mit bestem Dank gegen Sie alle lege ich mein Präsidentenamt nieder.“

„Ihnen unseren Dank! “ … „Aus Wiedersehen!“ und „Glückliche Reisen!“ – klang es noch einmal fröhlich durcheinander. Dann suchten die Ehepaare und Junggesellen ihr Lager auf. Das Bärbeli löschte die Lichter.

„Gute Nacht – Gute Nacht!“

(Schluß folgt.)




Ein Hausschatz.
Plauderei über eine Reform des Photographiealbums.
Von Oskar Justinus.

Wenn es ein sicheres Zeichen für die Höhe der Kultur ist, daß ein Geschlecht für eine möglichst lange Dauer seiner Schöpfungen Sorge trägt, dann dürfen unsere Tage sich nicht die Palme zueignen. Die Assyrer und Babylonier berechneten ihre Mittheilungen für die Ewigkeit, die ägyptischen Tempelwände melden uns mit ungeschwächter Farbenpracht die Kriegs- und Friedensthaten ihrer Könige durch in Stein gemeißelte Inschriften; von den Hellenen und Römern gilt das Wort.

„Könnte die Geschichte davon schweigen,
Tausend Steine würden redend zeugen,
Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.“

Noch das Mittelalter bewahrt uns seine eigene und die Weisheit der Alten in seinen unzerstörbaren Pergamentrollen, aber unsere Zeit, die regsamste, vielseitigste, schnelllebigste, vertraut ihre kostbarsten Resultate, ihre wichtigsten Errungenschaften dem widerstandslosesten, flüchtigsten aller Stoffe, dem Papier, ihre äußere Erscheinung der Farbenwirkung einiger photographischen Salze an, deren Beständigkeit noch gar keine Probe hat bestehen können. – Nun immerhin! mögen in 4000 Jahren die Archäologen von dem längst entschwundenen Berlin nichts mehr finden, als vielleicht einige zertrümmerte Stadtbahnbögen, ein paar Wasserleitungsröhren und vergrabene Telephondrähte, den Sockel der geborstenen Siegessäule und das Eisengestänge der Centralmarkthalle – mögen sie sich auch ein wenig ihre Köpfe zerbrechen, wie es unsere Zeitgenossen in Philae oder Mitylene thun! Aber für das lebende oder für die nächsten Paar Geschlechter, die rings umher unter unseren Augen heranwachsen, könnte man doch in seinen Einrichtungen sorgen, und daß man auch an diese nicht denkt, scheint mir namentlich dort Unrecht, wo mit einer geringen Mühe die werthloseste Spielerei zu einem werthvollen und interessanten Denkmale umgestaltet werden kann.

Sehen wir uns ein Photographiealbum an, wie es auf den Tischen unserer Salons auszuliegen pflegt, so finden wir wohl eine mehr oder minder schöne Ausstattung des schweren Leder- oder Holzeinbandes, im Innern aber ein und dasselbe sorglose Arrangement oder vielmehr ausgesprochene Systemlosigkeit. Hier wenden sich zwei Brautleute ostentativ von einander ab, dort hockt ein Großväterchen unter drei jungen Damen, die er sein Lebtag nicht gesehen, Feinde sind hier gezwungen, einander ewig anzulächeln, und Herzensfreunde werden durch ganze Geschlechter getrennt. Natürlich, nicht ihre Beziehungen zu einander oder zu uns sind ja hier maßgebend, sondern die ganz zufällige Größe des Formates, der Tag der Einreihung geben den Ausschlag. Blättern wir noch ein wenig weiter! Der Herr des Hauses, dem wir eben eine Visite machen, ist so freundlich, den Führer zu spielen; denn wie in vielen Gebirgsgegenden geflissentlich kein Wegweiser angebracht wird, um den Fremden zur Benutzung eines Führers zu zwingen, so besteht auch die ähnliche Einrichtung bei dem Album.

Die Erklärung muß durch ein Familienmitglied geschehen; keine Inschrift oder Unterschrift besteht, um uns, ohne eine derartige Hilfe, in dieser Fülle der Gesichter zurechtzufinden. Also Seite eins: ein ziemlich verwischter Herr mit Knebelbart, ganz in die Lektüre eines Buches vertieft, im Hintergrunde romantische Landschaft. Wir sehen ihn eigentlich nicht, aber wir hören, es ist Onkel Moritz, und das Bild beruhigt uns. Es folgt: eine Dame mit kaffeebraunem Teint. Hörten wir nicht, daß das ein mißratenes Bild ist, so würden wir sie für eine Mulattin halten; über ihre Züge haben wir kein Urtheil, da ein großer Sommerhut die obere Hälfte des Gesichtes verdeckt. Es bedarf der ganzen verwandtschaftlichen Liebe, um hierin Tante Annette zu erkennen. – Nun kommt ein Hund! Er gehörte einem Herrn, mit dem die Familie in einem Badeorte verkehrte, und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Er scheint sich nicht sehr behaglich in seiner Rolle zu fühlen, die zwei Hände des Photographenlehrlings krampfen sich um ihn, ihm die plastische Ruhe seines molossischen Vorbildes zu geben. – Nummer vier ist ein Kind – ein Kind von dreiviertel Jahren – es hat zwei Mündchen, vier Augen und vier ziemlich abstehende Ohren. Das kleine Wesen hat trotz der umfassendsten Vorsichtsmaßregeln mit dem Köpfchen gewackelt, und der Photograph wollte keinen dieser kostbaren Momente verlieren, so daß wir es hier doppelt sehen. Nur eine Verhärtung des Gemüthes kann nicht sofort in ihm den Spaßmacher der Familie, den heute bereits 22 Jahre zählenden Vetter Julius erkennen. – Nun kommt ein Gruppenbild von altmodisch gekleideten Damen, welche ängstlich die Köpfchen vorstreckend; die Gesichter sind verblaßt, Augen, Nase und Mund heben sich von der grauen Luft ab. Ich hielt das Ganze für eine japanische Rathsversammlung oder eine kirgisisches Hochzeitsfest, war aber glücklicherweise so vorsichtig, meine Muthmaßungen zu verschweigen; das Bild entpuppte sich als eine Selekta und meine Erklärerin befand sich darunter. – Dann wieder ein Großmütterchen vom Lande, eine thurmhohe Haube auf dem Kopfe, ein Gesangbuch krampfhaft in den Händen und den erbarmungswerthesten Blick in den Augen, als ginge es ihr ans Leben. – Dann wieder ein Herr in Uniform mit einem geschwollenen und einem abgezehrten Fuß; zu meiner Freude erfuhr ich, daß diese Fehler, die ihn dauernd militärisch untauglich gemacht hätten, auf seine Stellung bei der Aufnahme zurückzuführen seien. Nun Frau Hedwig Niemann und unmittelbar darauf ein Gruppenbild eines in allen unmöglichen Stellungen hangenden, bangenden Turnvereins, dessen Mitglieder wegen Abwesenheit des jüngsten Sohnes vom Hause nicht zu rekognosciren sind; dann ein paar junge Mädchen, Schulfreundinnen von Fräulein Elise, welche diese zu erklären herbeigeholt wird. Zum Schluß ein Nubier, schimmernd in seiner Bräune – und dahinter Barnay in der Rolle des Narciß.

Wenn ich mir auch hier ein besonders interessantes Exemplar für meine Auseinandersetzungen herausgesucht habe, an ähnlicher Buntscheckigkeit und Systemlosigkeit leidet fast jedes Photographiealbum. Und doch könnten gerade solche Albums einen wirklich werthvollen Besitz, einen wahren Hausschatz bilden. Um sie zu einem solchen zu gestalten, müßte zunächst jeder dahin streben, diese Sammlungen derartig einzurichten, daß unter jedem Bilde ein großer freier Raum bliebe, um den vollständigen Namen der Dargestellten, die Daten ihrer wichtigsten Lebenstage und sonstige biographische Notizen aufzunehmen. Durch diese Vervollständigung bekommt das Bild, das in zwanzig, dreißig Jahren, oft noch in weit kürzerer Zeit werthlos wird, weil diejenigen, welche das Original kennen, in der Welt zerstreut sind oder nicht mehr leben, einen wirklichen, dauernden Werth, und die systematische Gruppirung der Bilder von den Vorfahren, soweit man solche erreichen kann, bis auf die letzten Sprossen verschafft jeder Familie den erinnerungsvollen Eindruck von Geschlechtstafeln, wie sie jeder römische Bürger, nicht etwa bloß der aus vornehmen Geschlechtern, pietätsvoll in seinem Tablinum aufgestellt hatte. Diese sind aber um so viel interessanter und sprechender, als eine wohlgetroffene Photographie die damals üblichen Wachsmasken der Familienmitglieder an Deutlichkeit und Aehnlichkeit übertrifft. Eine solche Tafel kann photographisch vervielfältigt und dieses Bild zum Ausgangspunkt für die Fortführung durch die einzelnen Seitenlinien genommen werden. So wird es in gewissem Sinne ein Heiligthum, welches die Zusammengehörigkeit der Familien durch Wort und Bild im Gedächtniß erhält, Freude macht und vielleicht manches Gute stiftet.

Nach ähnlichem Systeme, meine ich, dürfte überhaupt eine chronologische und inhaltliche Gruppirung nebst einem erklärenden Texte den photographischen Sammlungen überall Weihe und Werth verleihen. An Stelle der Stammbücher mit ihren Sinngedichten ist das Sammeln von Photographien einerseits und von Autographen andererseits getreten. Wie interessant wäre eine Verschmelzung dieser beiden Richtungen, deren jede für sich allein trocken ist: ich meine gute Bilder berühmter Leute mit ihren Facsimile! Welche hübsche Erinnerung wäre für die ganze Lebenszeit ein Album, das ein Tagebuch aus den Studienjahren oder aus dem Pensionate, aus der Militärzeit oder von einem gemeinsamen Sommeraufenthalt enthielte und zwischen den Erzählungen die Photographie der Stätten und die Bilder der Freunde, die man dort liebgewonnen, brächte. So, meine ich, lassen sich aus allen Gebieten menschlicher Thätigkeit durch die systematische Anordnung und Verbindung von Wort und Bild ungleich harmonischere Eindrucke fixiren, und zwar weit weniger mit Kosten, als mit etwas Liebe und Sorgfalt. Darum wende ich mich mit diesem Hinweise an jene Wesen, die so gern beglücken und behufs einer Ueberraschung sich oft nicht nur ihre Köpfchen zerbrechen, sondern auch ihre Augen verderben, und bitte sie, dieser Anregung ihre freundliche Aufmerksamkeit zu schenken.

Versuchen Sie es einmal, meine Verehrte, Ihren jungen Herrn Gemahl nach diesen Andeutungen zu seinem Geburtstage durch ein Album zu überraschen, auf welchem in rosigen Buchstaben die Worte „Unsere Hochzeitsreise“ prangen und in welches Sie die Bilder aller Gegenden und aller Personen, welche Ihnen in diesen goldenen Tagen lieb und werth geworden, nebst einer kleinen Chronik des Erlebten aufnehmen. Ich möchte fast behaupten, daß es ihm mehr Freude machen dürfte, als das elfte gestickte Sofakissen, für das Sie sich bereits entschieden, oder den großen Tischläufer mit schwer zu enträtselndem gothischen Sinnspruche, zu dessen Fertigstellung Sie sich seit Wochen jeden Morgen einige Stunden in Ihr Zimmer zurückgezogen haben.

[627]
Blätter und Blüthen.

Am Todestage Theodor Körners. Zum fünfundsiebzigsten Male war am 26. August d. J. der Todestag Theodor Körners, des schwung- und gluthvollsten Dichters der Befreiungskriege, wiedergekehrt und an seinem eichenbeschatteten Grabe bei Wöbbelin wurde an diesem Tage des edlen Todten in erhebender Feier gedacht.

Eine sonnige Jugend hatte dem Dichter gelächelt, in Wien hatte er eine Stellung gefunden, die ihm zusagte, sein Dichtergenius wurde von glänzenden Erfolgen gekrönt, das Glück der Liebe erblühte ihm an der Seite einer liebreizenden Braut – die reiche Gegenwart verhieß eine noch reichere Zukunft: da brach im deutschen Vaterland die Sehnsucht nach Befreiung von der Fremdherrschaft gewaltsam sich Bahn, wie ein Mann erhob sich das Volk, und seine besten und edelsten Söhne eilten zu den Fahnen. Nichts vermochte jetzt Theodor Körner mehr in Wien zu fesseln, er verließ sein Glück und seine Liebe und gesellte fortan der Leyer das blutige Schwert. Und zu welcher Größe erhob sich nun der Dichter! Der ganze ideale, freudige, todverachtende Geist der großen Zeit fand in seinen Liedern den reinsten, markigsten, erhebendsten Ausdruck.

„Zerbrich die Pflugschar, laß den Meißel fallen,
Die Leyer still, den Webstuhl ruhig stehn!
Verlasse deine Höfe, deine Hallen: –
Vor Dessen Antlitz deine Fahnen wallen,
Er will sein Volk in Waffenrüstung seh’n.
Denn einen großen Altar sollst du bauen
In seiner Freiheit ew’gem Morgenroth;
Mit deinem Schwert sollst du die Steine hauen,
Der Tempel gründe sich auf Heldentod!“

so mahnte er beredt, begeistert und nur eine Parole gab es für ihn: fallen oder siegen!

„Das Leben gilt nichts, wo die Freiheit fällt.
Was giebt uns die weite unendliche Welt
     Für des Vaterlands heiligen Boden? –
Frei woll’n wir das Vaterland wiedersehn,
Oder frei zu den glücklichen Vätern gehn!
     Ja! glücklich und frei sind die Todten.

Drum heule, du Sturm, drum brause, du Meer,
Drum zitt’re, du Erdreich, um uns her;
     Ihr sollt uns die Seele nicht zügeln!
Die Erde kann neben uns untergehn;
Wir woll’n als freie Männer bestehn
Und den Bund mit dem Blute besiegeln.“

Und mit seinem „Blute besiegelt“ hat der Held und Sänger die Freiheit des Vaterlandes in der That! Er sah die Braut nicht wieder, die er in Wien verlassen, nicht die theuren Eltern, die klagende Schwester, die dem Gram um ihn nach kaum zwei Jahren erlag und an seiner Seite zur ewigen Ruhe gebettet ward; doch ob auch die tückische feindliche Kugel den Mund des Sängers für immer verstummen machte: unvergänglich lebt er fort in seinen Liedern, und seine Mahnung:

„Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke,
In deiner Vorzeit heil’gem Siegerglanz:
Vergiß die treuen Todten nicht und schmücke
Auch unsre Urne mit dem Eichenkranz!“

ist nicht vergebens gesprochen. Das Grab des edlen Todten von Wöbbelin wird von treuer Hand gepflegt und mit den größten und edelsten Söhnen des Vaterlandes hat Theodor Körner einen dauernden Platz gefunden im Herzen des dankbaren deutschen Volkes.
* *     

Der Athmungstuhl. (Mit Abbildungen.) Es ist kein Folterinstrument, welches unsere beiden obenstehenden Abbildungen wiedergeben. Dieser Stuhl ist nicht das Produkt des finstern Mittelalters, sondern entstanden in unserm humanen Jahrhundert. Demgemäß soll er auch Leidenden Linderung bringen.

Die Beschwerden der Athemnoth, welche das Lungenemphysem und das Asthma mit sich bringen, sind zu allgemein bekannt, als daß wir sie zu schildern brauchen. Ebenso bekannt ist es, daß die inneren Heilmittel in den allermeisten Fällen keine Hilfe gegen diese Beschwerden bringen. Man hatte in der letzten Zeit versucht, durch einen vom Arzte oder vom Gehilfen desselben auf den Brustkorb ausgeübten Händedruck die Ausathmung zu erleichtern, und diese Methode erwies sich günstig. Leider war mit ihr der Uebelstand verbanden, daß die Kraft keines Menschen ausreichte, diese sogenannte manuelle Behandlung des Brustkorbes länger als eine Viertelstunde bis höchstens eine halbe Stunde fortzusetzen und daß, wenn der Anfall plötzlich, namentlich in der Nacht, eintrat, der Gehilfe nicht gegenwärtig war. Außerdem konnte der Händedruck den Athembewegungen des Kranken nicht genau angepaßt werden.

Allen diesen Uebelständen, oder wenigstens dem größten Theil derselben, wird durch den Athmungsstuhl abgeholfen. Nachdem sich der Kranke bei eintretender Athemnoth in den Stuhl gesetzt, werden die Bänder eingehakt und schließen nun den Brustkorb und die Schultern ein. Die beiden Hebelarme sind möglichst weit zurückgestellt. Der Kranke erfaßt nun die Hebelarme mit seinen Händen und holt tief Athem (vgl. Fig. 1). Athmet er aus, so zieht er die Hebelarme zusammen, bis er die aus Fig. 2 angedeutete Stellung erreicht. Durch diese Bewegung der Hebelarme wirkt der Mechanismus des Stuhles derart, daß die Bänder auf den Brustkorb den gewünschten Druck ausüben und die Ausathmung erleichtern und verstärken. Beim weiteren Einathmen werden die Hebelarme vom Kranken wieder auseinander gestreckt und dann beim Ausathmen wieder angezogen – eine gewiß sehr einfache Thätigkeit.

Die Gartenlaube (1888) b 627.jpg

     Fig. 1.  Fig. 2.
Der Athmungsstuhl.

Prof. Dr. M. J. Roßbach in Jena hat den Stuhl in die wissenschaftliche Welt durch einen Vortrag auf dem VI. Kongreß für innere Medizin in Wiesbaden eingeführt; er ist aber nicht der Erfinder desselben. Der Stuhl ist gewissermaßen ein Werk der Selbsthilfe eines hochgradigen Emphysematikers. Prof. Roßbach berichtet darüber folgendes:

„Einer meiner Kranken, Herr Bergmeister[WS 1] Zoberbier aus Gera bei Elgersburg, hatte sich auf meinen Rath wegen hochgradigen Emphysems mit gutem Erfolge durch seine Frau manuell den Brustkorb komprimiren lassen, wurde aber in der Fortsetzung dieses Verfahrens durch eine Erkrankung der letzteren gestört. Er nahm sich daher vor, einen eigenen Apparat zu konstruiren, mit Hilfe dessen er ohne Beistand mittelst seiner eigenen Arme im Stande wäre, seinen Brustkorb rhythmisch bei jeder Ausathmung zu komprimiren. Derselbe gelang über Erwarten gut; ich habe ihn ein halbes Jahr lang auf meiner Klinik geprüft, auf Grund der gesammelten Erfahrungen nach mehreren Richtungen hin durch Herrn Zoberbier verbessern lassen und stelle ihn nunmehr in dieser verbesserten Gestalt vor.“

Dieser Stuhl wird fabrikmäßig hergestellt und ist durch Julius Zoberbier in Gera bei Elgersburg zu beziehen. Möge er recht vielen Leidensgenossen des Erfinders Linderung bringen! Wir möchten nur allen, die sich ihn anschaffen wollen, den Rath geben, die ersten Sitzungen in Gegenwart ihres Hausarztes vorzunehmen, damit die Regelung des Druckes unter sachverständiger Aufsicht geschehe; denn auch ein gutes Werkzeug stiftet Schaden in Händen, die damit nicht umzugehen wissen.
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Die Weiber von Schorndorf. Es war anfangs Dezember 1688, als der französische General Mélac zu Ehren seines allerchristlichsten Königs Ludwigs XIV. ohne Kriegsrecht mit seinen Mordbrennerhorden auch nach Württemberg vorgedrungen war und das wehrlose Land besetzte. Um Stuttgart vor Brand und Plünderung zu retten, übergab die Vormundschaftsregierung daselbst die festen Städte, welche die Franzosen begehrten. Nur Schorndorf im Remsthal, damals ebenfalls mit Wall und Graben befestigt und eine der bedeutendsten Städte des Herzogtums Württemberg, war noch übrig, und um die Franzosen auf ihr drohendes Verlangen auch in den Besitz dieser Stadt zu setzen und damit von ihren schamlosen Gewalttätigkeiten im Lande abzuhalten, begaben sich im Auftrage der Stuttgarter Regierung ein paar Beamte dorthin, welche mit dem Gemeinderath wegen Uebergabe der Stadt an die schrecklichen Bedränger unter milden Bedingungen verhandeln sollten Der wackere Kommandant von Schorndorf, Oberst Günther Krumhar, zeigte sich, obwohl er über keine nennenswerte Truppenmacht verfügte, durchaus abgeneigt, zu einem so schmählichen Handel die Hand zu bieten; aber Bürgermeister und Räthe erwiesen sich einem solchen Abkommen zugänglicher, wenn es ihnen Hab und Gut sichern würde und da ja doch ein längerer Widerstand der Stadt gegen die französische Macht nicht möglich ohne Hilfe von den entfernten Reichstruppen erschien, bei einer Erstürmung aber der Feind schonungslos gegen die Einwohnerschaft verfahren wäre.

Als die Frau Bürgermeisterin witterte, daß ihr Ehegemahl als Oberhaupt der Stadt für einen heroischen Entschluß in dieser Noth nicht fähig sein werde, faßte sie mit ihrem heißeren Blut selber einen solchen und ließ flugs, derweil der wohlweise Rath am 14. Dezember morgens mit den Stuttgarter Herren im Stadthaussaal verhandelte, in aller Heimlichkeit andere, ihr als muthig bekannte Nachbarinnen und Gevatterinnen zu sich laden. Sofort und ohne viel weibliches Gerede wurde da beschlossen, alle Weiber der Gemeinde aufzubieten, um vor das Rathhaus zu ziehen und mit schonungsloser Energie zu verhindern, daß die schwachmüthige Obrigkeit „einem liederlichen Trüpplein Franzosen“ die Ehre und die Habe, wenn nicht gar auch die Tugend der Weiber von Schorndorf feige und schmählich überliefere.

Blitzschnell wurde dieses Aufgebot verbreitet, und bald war vor dem Hause der Bürgermeisterin eine Menge von erregten Frauen versammelt, zunächst wohl älterer Jahrgänge und desto geeigneter, das große Werk zu unternehmen. Sie waren gleich in Waffen erschienen, mit Ofen-, Heu- und Mistgabeln, Bratspießen, Besenstielen, Kunkeln, Kuchel- und Stallgewehr, Hellebarden sogar und Nachtwächterpartisanen, oder wer es an dergleichen fehlte, die bekam es augenblicks. Die Anna Barbara Walch, die siebenunddreißigjährige „kleine, unansehnliche, aber äußerst tätige, muthvolle, gescheite und dabei angesehene“ Frau Bürgermeisterin übernahm selbstverständlich den Oberbefehl und führte ihre Armee, stramm in Reih und Glied geordnet, zum Rathhause. Dort soll sie vorsichtigerweise erst in den großen Kachelofen des Sitzungszimmers gekrochen sein, um zu horchen, was die Herren berathen, und, als sie sich derart überzeugt, daß ihre schlimme Befürchtung berechtigt sei, zunächst ihren Mann herausgerufen haben, um ihm zu erklären, daß sie ihn mit eigener Hand todtschlagen werde, wenn er sich unterstehe, die Stadt zu übergeben, und gleiches drohte sie dann im Saale allen verrätherisch gesinnten Vätern derselben an. Diese bewegte und höchst interessante Scene ist im Jahrgang 1867 der „Gartenlaube“ (S. 189) von der Meisterhand E. Häberlins in vortrefflicher Weise dargestellt.

[628] Die Sache war keineswegs spaßhaft für die versammelte Rathsweisheit und die Stuttgarter Herren; denn die bewaffneten Weiber hatten das Stadthaus besetzt und hielten die ganze Obrigkeit kaltherzig gefangen zwei Tage und drei Nächte lang. Derweil waren unter dem weiblichen Oberkommando die Maßregeln zur Vertheidigung der Stadt getroffen, woran natürlich Oberst Krumhar mit Leib und Seele sich betheiligte. Die anrückenden Franzosen wurden mit ihrer Forderung um Uebergabe schnöde abgewiesen, reitende Boten hatte man gen Ulm um Hilfe geschickt und richtig nahte sich dieselbe. Die Franzosen aber zogen sich davor schleunigst zurück und Schorndorf war gerettet. Seinen muthigen rebellischen Weibern war es zu danken gewesen, und ihr Verdienst war um so größer, als das Beispiel von Schorndorf den Geist des Volkes im Lande belebte und es zur Selbsthilfe gegen die schamlose Willkür des eingedrungenen Feindes in Bewegung setzte.

Und Anna Barbara Walch, die Bürgermeisterin, hatte sich in erster Reihe um ihr Schorndorf verdient gemacht. Sie wurde als Frau Künkele oder Künkelin gebührend in der Geschichte und in Dichtungen gefeiert; zur Zeit ihrer Heldenthat war sie aber, wie urkundlich in neuerer Zeit erwiesen wurde, an den Bürgermeister Walch verheirathet und erst ein Jahr danach, nachdem ihr 63jähriger Gemahl das Zeitliche gesegnet, gab ihr der Rathsherr Künkelin seine Hand und seinen Namen. Er war auch Walchs Nachfolger als Bürgermeister von Schorndorf. Seine berühmte Frau starb 90 Jahre alt erst im Jahre 1741 und daher kannten ihre Zeitgenossen sie nur als die Künkelin. Ihr und der zweihundertjährigen Jubelfeier in diesem Jahre zu Ehren hat Karl Mayer in Stuttgart ein Festspiel in fünf Akten gedichtet, das sich an die Ergebnisse der neuesten geschichtlichen Ermittelung hält und das unter vielem Beifall auch auf dem Theater in Cannstatt mehrfach zur Aufführung kam. Friedrich Lauffer hat ferner eine „Festschrift zur zweihundertjährigen Jubelfeier der Befreiung von Stadt und Festung Schorndorf im Jahre 1688“ herausgegeben, die des Interessanten viel bietet, während die Stadt selbst anfangs September in einem großartigen und sinnreichen Dank- und Freudenfest das Andenken ihrer tapferen Bürgerinnen ehrte, welche Schorndorf aus den Mordbrennerhänden Mélacs vor 200 Jahren retteten und der Welt ein Beispiel gaben, wie „die stolze französische Kriegswellen durch Weibercourage, zu ihrem ewigen Ruhmgedächtniß, der hochmüthigen Reuter aber ewigem Spott niedergeleget worden“.

Nestlinge. (Mit Illustration S. 625.) Ein allerliebstes Bildchen, das sich mehr als viele andere selbst erklärt, so „sprechend“ ist der einfache Vorgang, den es darstellt. Die alte, sauber gekleidete Bauerfrau, deren runzliges Gesicht, deren schwielige Hände von einem langen Leben voll unermüdlichem Schaffen und harter Arbeit erzählen, beschränkt jetzt ihre Thätigkeit darauf, „Nestlinge“ groß zu ziehen. Alles junge Leben im Hofe ist ihrer Sorge anvertraut, von den Enkelkindern an bis herab zu den eben ausgekrochenen „Kücken“. Und wie gern und freudig schafft Großmutter noch immer! Hände wie die ihrigen ruhen nicht eher, als bis sich der grüne Rasen über ihnen wölbt; nicht eher werden auch die treuen Augen und Lippen aufhören, den heranwachsenden „Nestlingen“ freundlich zuzulächeln.

Eines derselben, ein junges Menschenkind, naht vorsichtig mit kleinen trippelnden Schrittchen, um die schmausenden Küchlein nicht zu verscheuchen. Reizend hat der Künstler in der Haltung des Kindes die Neugier mit ein ganz klein wenig Bangen vor den gefiederten Genossen auszudrücken verstanden. Ja, in der That, unser Kindchen, obgleich schon drei Jahre alt, ist in der Entwickelung zum selbständigen Wesen noch weit zurück hinter den Thieren, die kaum eben so viel Tage zählen. Das kleine Menschenkind fürchtet sich vor den Vöglein, die es leicht in seinen Fingern zerdrücken könnte, und seit kurzem erst hat es gelernt, allein zu essen und fest auf seinen Füßen zu stehen, was die gefiederten „Nestlinge“ schon in der ersten Stunde ihres Daseins vortrefflich gekonnt haben.

Mustersammlung alter Leinenstickerei für Haus und Schule nennt sich ein neues, handliches Lieferungswerk, in Leipzig bei T. O. Weigel erschienen, welches zu den bereits bekannten Werken von Siebmacher und Lessing als werthvolle Ergänzung hinzutritt, denn in richtiger Erkenntniß vermeidet es den Versuch, jenen in ihrem eigensten Gebiete, den kunstvollen altdeutschen Mustern, Konkurrenz zu machen, vielmehr legt diese Sammlung das Hauptgewicht auf die ausländischen Gebiete, die bisher noch nicht eingehend behandelt waren, und bringt eine große Anzahl außerordentlich hübscher Muster von altfranzösischen und italienischen, russischen, slavonischen, rumänischen, altholländischen, persischen, türkischen und ungarischen Mustern. Auch die berühmten siebenbürgisch-sächsischen Stickereien sind in außerordentlich ansprechenden Mustern vertreten, an welchen jede Stickerin ihre Freude haben wird. Die altdeutschen Muster zeichnen sich fast durchweg durch zierliche Einfachheit und praktische Brauchbarkeit aus. Die der andern Nationen zeigen dagegen einen großen Reichthum prächtiger Grundmuster und Umrahmungen; besonders dürften die orientalischen Muster auch zur Ausführung in Seide und Gold geeignet sein. Wir glauben durch den Hinweis auf dieses vortreffliche Wert, welches lieferungs-, ja sogar blattweise zu billigem Preise käuflich ist, den Freundinnen der kunstvollen Leinenstickerei einen Gefallen zu erweisen.

Die Gartenlaube (1888) b 628.jpg

Japanische Bronzefigur.
Gezeichnet von Ernst Häberle.

Ein japanisches Kunstwerk. (Mit Illustration.) Das japanische Kunstgewerbe hat in den beiden letzten Jahrzehnten im christlichen Abendland eine ungewöhnliche Verbreitung gefunden, und den Erzeugnissen insbesondere der Lackmalerei, Keramik, Email- und Bronzeindustrie, der Holz-, Elfenbein- und Steinschneiderei, Weberei, Färberei etc. sind auf den verschiedenen großen Weltausstellungen erste Preise zuerkannt worden. Ueber den Werth des außerordentlichen Einflusses, den das japanische Kunstgewerbe auf unsere ganze Geschmacksrichtung ausgeübt hat, kann man indeß sehr entgegengesetzter Meinung sein, und der Behauptung, daß die übertriebene Nachahmung alles Japanischen, von der Dekoration unserer Zimmer an bis zum Mikadokopfputz der Damen, der freien Entwickelung der heimischen Kunst entschieden hinderlich sei, wird kaum ernstlich widersprochen werden können. Ebenso wenig aber ist zu verkennen, daß die japanische Kunstindustrie in der That eine hohe Blüthe erlangt hat und darum der Beachtung durchaus werth ist. Dies bestätigte auch die übersichtliche Zusammenstellung japanischer Dekorations- und Schmuckstücke, welche seiner Zeit auf der Kunstgewerbe-Ausstellung in Nürnberg die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen und unter denen namentlich eine Figur von Bronzeguß Aufsehen erregte. Diese Figur, den Wassergott darstellend, giebt unsere Abbildung wieder. Sie war von M. Marunaka in Yokohama ausgestellt, ist einen Meter und zwanzig Centimeter hoch und aus einem Stück. Die bis in die kleinsten Details feine Arbeit der Figur fand besondere Anerkennung.
* *     

Kleiner Briefkasten.
(Anonyme Anfragen werden nicht berücksichtigt.)

J. B. in Düsseldorf. Lesen Sie gefl. unseren Artikel „Briefliche Kuren“ („Gartenlaube“ 1886, S. 138), aus welchem Sie ersehen werden, daß wir in medizinischen Fragen keinerlei Rath ertheilen, als den, einen tüchtigen praktischen Arzt zu befragen, der den Kranken persönlich untersuchen und behandeln kann.

C. P. Der höchste Berg Deutschlands ist, wie Sie in der „Gartenlaube“, Jahrgang 1874, S. 245 nachlesen können, die „Zugspitze“ in Oberbayern; sie erhebt sich 2974 Meter über dem Meeresspiegel. Als höchste Erhebung Deutschlands im weiteren Sinne (das heißt: mit Hinzurechnung der Kolonien) gilt jedoch der Bergriese Kilima Ndscharo in Ostafrika, der etwa 5700 Meter hoch geschätzt wird.

A. P. in Chicago. Eine gute illustrirte und anziehend geschriebene Weltgeschichte ist diejenige von K. F. Becker. (Stuttgart, Gebr. Kröner.)


Für die nothleidenden Bewohner der von Elbe, Oder und Weichsel überschwemmten Gebiete

gingen ferner ein: Carl Kaesser in London Mark 20; J. Kritzner, Kindersäbelfabrikant in Nürnberg 10; L. Egenter, Apotheker in Altshausen 4; Marie und Emilie Klauwell in Brighton 20; Herm. Schroeder in Cedar, Texas, 10 Dollar = 41,60; Alexander Wiede in Leipzig 40; Hugo W. in Chemnitz 1: J. P., Schleswig 9; H. Krohne, Deutscher Reichsangehöriger in Orlowo 25 Rubel = 44,10; Oberförster Paulus in Oberems 5; Lehrer Wolfrum in Schwarzenbach a. W. 10; G. Reinh. Glück, Rosenthal b. Altenburg 3,50; Ergebniß einer Sammlung des Deutschen Vereins (Woolwich) durch W. Zoephel in London 150; M. und A. in Hamburg 10; die Braut eines Westpreußen in Lb. 2; „Ungenannt in Fr. b. E.“ 10 Fl. ö. W. = 16,10; M. Musmann in Wittenberg aus seiner Sparbüchse 1; Emmi in Königsberg i. d. N. 2; H. Meye in Husum, zweiter Beitrag 2; Damen-Spielkränzchen der Gesellschaft „Erholung“ in Mittweida 12,86; zuviel bezahlter Betrag eines werthen Kunden in Stützerbach, einges. durch Friedrich Wilcke in Berlin 7; aus dem Kattenbusch in Bickern 8; Familie Seiler in Luckau 3; aus Stara-Jerikla, mit dem Motto: „Gott segne es tausendfach“ 10 Rubel = 17,90; J. H. in Hamburg 10; ein Abonnent der „Gartenlaube“ in Moskau 2 Rubel = 3,65; Oskar Scharwenker in Letschin 3; G. in E. 10; G. Bieber in New Brompton 3; E. K., Poststempel Bahnpost Leipzig-Hof 1; von Julius, Max und Fanny, aus Graaff Reinet, South Afrika, durch J. Katz in Kassel 20; Robert W…d in Sachsenhausen 3; von den Schülerinnen einer Privathandarbeitsstunde durch Alw. Krüger in Dresden-Altst. 44; von der Witwe C. Binsenbruck in Burlington durch Theod. Guelich 5 Dollar = 20,65; 1. Cor. XIII v. I in W. (Holland) 4; unter einigen Freunden gesammelt durch Gustav Schmolke in Carnarvon, Kapland 60,69; Otto von Schröter in San Jose, Costa Rica 300.


  1. Vergl. „Emin Pascha“. Herausgegeben von Dr. Schweinfurth und Dr. Ratzel (Leipzig, F. A. Brockhaus, 1888).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Bürgermeister. Vgl. Kleiner Briefkasten 1888/40