Die Gartenlaube (1856)/Heft 11

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1856
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[141]

No. 11. 1856.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.

Das lebendig vergrabene Kind.
Vom Verfasser der schwarzen Mare
(Schluß.)

Der Wachtmeister ging, in dem doppelt erhebenden Gefühl seiner Amtswürde und einer guten That, und die Frau weinte.

Mare Müller wischte sich mit den magern Händen den Angstschweiß aus dem bleichen Gesichte. Bald darauf trat der Bauer mit zornglühendem Gesichte zu ihr.

„Stehe auf und mache Dich fort mit Deinem Balg!“

„Du hattest ihr ja Frist gegeben bis morgen, Väterchen,“ wiederholte ihm seine Frau.

„Schweig, Weib, keine Stunde mehr!“

„Bitte, laß sie doch hier, bis ihr Bräutigam kommt!“

„Wozu? Er darf sie ja nicht heirathen. Hast Du das nicht gehört?“

„Er wird schon für sie sorgen.“

„Er ist selbst ein Bettler. – Iß, Dirne, und dann packe Deine Sachen zusammen.“

„Die Arme,“ sagte die Frau bitter. „Sie soll ihre Sachen packen; sie hat ja nichts, als die paar Lumpen, die sie auf dem Leibe trägt, und das Kind dort.“

„Was geht mich das an!“

„Und wohin soll sie in diesem Lande, wo sie keinen Menschen kennt?“

„Ueber die Grenze muß sie, wie der Wachtmeister befohlen.“

„In dieser Kälte? Es friert, daß der Schnee pfeift.“

„Soll ich zum Bettler werden für sie?“

Er verließ zornig die Pirte. Die Bäuerin setzte sich zu der Kranken.

„Iß Deine Suppe, Mare,“ sagte sie, „und verliere nicht Deinen Muth. Fort mußt Du von hier; der Gospadorus hat es befohlen, aber ich bringe Dich zu meinem Schwager Siporis in Laudszen; da bist Du dicht an der Grenze, und dort wird man Dich nicht finden. Du kannst da bleiben, bis Dein Bräutigam zurückkommt, wo wir dann das Weitere überlegen.“

Die Kranke hatte Hunger, denn ihre Krankheit bestand wohl nur meist aus Schwäche wegen Mangels an hinreichender Nahrung. Die Trostworte der gutmüthigen Bäuerin schienen sie etwas beruhigt zu haben, denn sie verzehrte anscheinend gefaßter ihre Suppe.

Die Bäuerin hatte sie verlassen, kam aber schon nach kurzer Zeit zurück, und zwar mit einem verstörten Gesichte. In ihrer Begleitung war ein alter Litthauer.

„Mann, sprich Du zu dem Mädchen, ich kann es nicht,“ sagte sie zu dem Litthauer. „Das ist die Mare Milleris.“

„Mare Milleris,“ wandte sich der Litthauer an die Kranke; „ich habe Dir einen Gruß zu bringen von dem Martin Jurrot.“

Mare Müller fuhr lebhaft und freudig erregt auf; freudig, trotz dem verstörten Gesichte der Dienstfrau, das ihr nicht entgangen war.

„Dein Bräutigam ist er nicht mehr, Mare Milleris,“ erwiederte der Litthauer.

Der Kranken entfiel der hölzerne Löffel, mit welchem sie den Rest der dünnen Hafersuppe zu verzehren im Begriffe stand; sie sah starr, sprachlos den alten Litthauer an.

„Sein Vormund und das Gericht,“ fuhr der Bote des Unglücks fort, „wollten ihm nicht die Einwilligung geben zu der Heirath mit Dir. Das Gesetz gestatte es nicht, gaben sie ihm zum Bescheid; er sei arm, und Du desgleichen. Und dazu seiest Du eine Ausländerin, die ohne Erlaubniß der preußischen und russischen Regierung gar nicht hier in das Land hinein heirathen könne. Die Obrigkeit müsse Dich über die Grenze zurückschaffen, so wie man erfahre, daß Du mit einem Kinde angekommen seiest. Unter solchem Bescheid wurde das Herz des armen Burschen sehr traurig, und da hat er sich davon gemacht in die weite Welt; er sagte, er wolle nach Memel gehen auf ein fremdes Schiff. Mich schickt er, Dich und das Kind zu grüßen. Geld könne er Dir nicht schicken, er selber habe nichts.“

Mare Müller war auf ihr Lager zurückgesunken.

Der Hausherr trat wieder in die Pirte. Sein Gesicht zeigte noch mehr Härte als zuvor.

„Bist Du noch hier?“ fuhr er die Kranke an. „Du hast von dem Boten gehört, daß auch Dein Bräutigam Dich verlassen hat!“

„Soll sie denn von aller Welt verlassen werden?“ fragte die Frau weinend ihren harten Mann. „ Mag sie sehen, wer sich ihrer annimmt. Komm, Weib, manche Arbeit wartet auf Dich, und Du, Mann, folge mir, damit Du noch einen Schnaps trinkst, ehe Du den Rückweg antrittst. Dirne, Dir rathe ich, daß ich Dich nicht wiedersehe.“

Er zog die Frau gewaltsam mit sich fort aus der Pirte; und der alte Litthauer folgte ihm eben so schnell in Erwartung eines Schnapses. Mare Müller war wieder allein mit ihrem Kinde. Sie gehörte, wenn auch nicht zu den stumpfen, doch zu den stilleren, ruhigern Menschen, die lebhafter, und mit seltenen Ausnahmen auch starker Gefühle nicht fähig sind. Aber welche Gefühle mochten in diesem Augenblicke in ihrem Busen stürmen!

[142] Sie richtete sich von ihrem Lager auf; sie hatte keine Thränen und keinen Schweiß zu trocknen; ihre Augen brannten, ihr blasses Gesicht glühete, ihre Lippen zogen sich verdorrt zusammen.

Sie stand auf von ihrem Lager, zog die Marginne fester um ihren Leib, knöpfte das graue Wamms von oben bis unten zu, zog an ihre Füße ein paar Bastschuhe, die hinter ihrem Lager standen, und machte sich so fertig zu ihrer Abreise. Noch einmal blickte sie in der Hütte umher, ob sie noch etwas mitzunehmen habe. Ihre Dienstfrau aber hatte Recht gehabt, sie hatte nichts zu packen, es war nichts mehr da, was ihr gehörte; auch der alte Pelz, der ihr zur Decke gedient hatte, war nicht ihr Eigenthum, ihr blieb nichts als – ihr Kind.

Sie hob das Kind auf; es schlief; sie wickelte es fester und tiefer in die alte Marginne, in die es eingehüllt war. So nahm sie es in ihren Arm, und verließ mit ihm die Hütte, den Hof, das Dorf; sie ging still, ohne sich umzusehen. Es war ein kalter, rauher Wintertag, und der ganze Himmel war mit dichten Schneewolken überzogen. In Ragnit hatte damals, wie später ermittelt wurde, der Thermometer acht Grad Kälte nach Réaumur gezeigt, und da mochte es wohl in den Pirten des Kreises Heidekrug wahrscheinlich noch kälter gewesen sein. Unter dem fünfundfunfzigsten Grade der nördlichen Breite, zumal in jenem Osten an der russischen Grenze, pflegt auch im März der Winter noch sehr kalt aufzutreten.

Mare Müller zog der russischen Grenze zu, denn wo sollte sie anders bleiben, als in der Heimath! In Preußen kannte sie Niemanden weiter, als ihre Herrschaft, von der sie nun verstoßen war. Seit zwei Jahren hatte sie von ihren frühern Dienstherrschaften nichts mehr gehört; sie war, als Szamaitin, bei ihnen überall nur kurze Zeit im Dienste gewesen und hatte sie sämmtlich insoweit kennen gelernt, um überzeugt zu sein, daß sie, zumal mit ihrem Kinde, bei keiner ein Unterkommen finden werde. Und nun hatte sie heute auch von mehreren Seiten vernommen, daß sie in Preußen nicht ferner geduldet werden dürfe. Vertraute sie sich wieder Jemandem an, so hatte sie zu befürchten, mit Gensd’armerie über die Grenze transportirt zu werden; dann wäre sie den Grenzkosaken übergeben worden, und Mißhandlung, Plünderung bis auf ihr Hemd, und zuletzt Gefängniß standen ihr in sicherster Aussicht.

Sie war auch in der Heimath fremd, und dazu ihre Mutter arm; ja sie wußte nicht einmal, ob dieselbe noch am Leben war. Andere Verwandte hatte sie in Rußland nicht. Sonach war auch dort nur wenige, fast gar keine Aussicht, ein Unterkommen für sie und ihr Kind ausfindig zu machen. Doch wohin sollte sie? Es blieb ihr keine Wahl; keine andere als zwischen Rückkehr in die Heimath mit oder ohne Gensd’armen, mit oder ohne Mißhandlung und Plünderung und Gefängniß. Sie nahm den Weg nach der Heimath.

Es war etwa ein Uhr Mittags, als sie das Dorf Trokseden verließ. Nicht weit von dem Dorfe kam sie auf die große Landstraße, die von Heidekrug zur russischen Grenze nach Russisch-Neustadt führt. Die Grenze ist von Trockseden über anderthalb Meilen entfernt und eine kleine halbe Meile jenseits der Grenze liegt Russisch-Neustadt.

Mare Müller ging langsamen, aber festen Schrittes; ihre innere Aufregung schien den kranken Körper wunderbar gestärkt zu haben; selbst die große Kälte, in der sie ging, schien sie nicht zu fühlen.

Ihr Kind hatte sie vollständig in die alte Marginne eingewickelt, und nur eine kleine Oeffnung zum Athemholen gelassen; die Oeffnung selbst hatte sie nach ihrer wärmenden Brust zugekehrt.

Die Landstraße führte sie an mehreren Dörfern vorbei. Zweimal war sie in Bauernhäusern eingekehrt, um darin bei behaglicher Wärme dem Kinde die Brust zu reichen. Sie konnte später die Dörfer nicht benennen und die Häuser nicht bezeichnen. Man hatte die kranke, blasse Frau mit dem Säugling mitleidig aufgenommen, ihr auch Essen und Trinken gegeben; Quartier hatte man ihr aber nicht angeboten, weil sie um keins gebeten.

So war der Abend herangekommen, als sie in der Nähe des preußischen Dorfes Kullerspiszken die russische Grenze erreichte.

An der großen Landstraße befindet sich dort auf der Grenze ein russisches Grenzzollhaus. Von den russischen Grenzbeamten wird Niemand in das Land hineingelassen, außer wer sich durch hinreichende Papiere zu legitimiren vermag. Mare Müller wußte das, wie es in jenen Gegenden fast jedes Kind weiß. Sie verließ die Landstraße und ging seitab in ein Fichtengebüsch, von wo sie sich vorsichtig unmittelbar der Grenze nahete, die sie auch unbemerkt erreichte. Die russische Grenze wird durch einen Graben bezeichnet, hinter dem, schon auf russischem Gebiete, sich ein hoher breiter Wall befindet. Auf dem Wall patrouilliren zur Bewachung der Grenze beständig Grenzkosaken zu Pferde auf und ab. Mare Müller wartete daher, bis der Wall frei war, wo sie dann glücklich durch den zugefrorenen Graben über den Grenzwall gelangte, und so ihr Heimathland betrat.

Sie suchte bald wieder die Landstraße auf, und ging nun unbehindert auf dieser nach dem Städtchen Russisch-Neustadt.

Es herrschte völlige Dunkelheit in den engen schmutzigen Gassen des Städtchens, das meist nur von armen Ackerbürgern und armen mitunter allerdings auch reichen Handelsjuden bewohnt wird.

Mare Müller kannte die Straßen in der Dunkelheit alle noch, denn sie hatte ja hier bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahre gelebt. Kein Haus, kein Fenster war ihr unbekannt; jeden Stein, auf den ihr Fuß trat, hatte sie schon früher betreten, wer weiß, wie oft. In einem solchen kleinen, von dem großen Verkehr abgelegenen Landstädtchen ändert das Aeußere sich oft in funfzig, in hundert Jahren nicht, geschweige in fünf Jahren. Alles weckte in ihr die traurigen Erinnerungen an ihre Jugend, an ihre Kindheit wieder auf, sie hatte von früh auf nur mit dem Elende kämpfen müssen, war von ihrer Kindheit an schwerer, harter Arbeit bestimmt gewesen. Das war der geringe und doch so inhaltvolle Verlauf ihrer Jugenderinnerungen; und doch hing ihr Herz daran, an allen jenen Entbehrungen und Mühen. Sie hatte die Heimath verlassen müssen, weil die Mutter kein Brot mehr für sie hatte, und weil sie in dem armen Städtchen keine Gelegenheit mehr fand, ihren Lebensunterhalt zu verdienen; war nicht mit frohen, lachenden Aussichten in die Fremde gegangen, sondern nur mit der Hoffnung, sich satt essen zu können für schwere, saure Tagesarbeit, die sie in der Heimath nicht fand. Das Loos der Armen ist ein trauriges und man kann es nicht genug wiederholen, wie bedauerungswürdig sie ein ganzes Leben unter Kummer und Sorge dahin wandeln müssen.

Und wie kam jetzt unsere Mare zurück. Ihre Hoffnung, jene geringe menschliche Hoffnung auf ein Stück Brot für saure Arbeit, war zerstört; sie fand auch in der Fremde kein Brot mehr, und kehrte jetzt zurück an den Ort, wo sie keins hatte finden können.

Und nicht für sich allein fand sie nichts mehr; noch ein zweites Wesen hungerte mit ihr, ging mit ihr zu Grunde, wenn sie nichts fand, und das war ihr eignes Fleisch und Blut.

Sie ging leise und still durch die dunklen einsamen Gassen des Städtchens, denn Niemand begegnete ihr. So gelangte sie am Ende desselben in jener schmutzigeren Gegend an, wo die ärmsten Juden des Orts wohnen, an ein krummes, enges Gäßchen. Hier wohnte ja ihre Mutter, hier hatte diese wenigstens vor fünf Jahren gewohnt. Und es entstand nun in ihr die Frage: wohnt diese noch dort? War sie überhaupt noch am Leben? Und wenn, in welcher Lage, in welchem Zustande befand sich diese arme, alte Frau?

Als Mare Müller vor fünf Jahren Nowemiasto verließ, hatte ihre damals schon betagte Mutter, zu anderen schweren Arbeiten nicht mehr fähig, sich nur dadurch kümmerlich das Leben fristen können, daß sie des Sonnabends bei einigen Juden des Städtchens häusliche Dienste verrichtete. Sie war so nur bei wenigen, und nur bei den ärmeren Juden beschäftigt gewesen, die sich nicht für beständig christliche Dienstboten halten konnten. Somit hatte die alte Frau nur einen spärlichen Verdienst gehabt, und war meist mit den Ueberbleibseln der Mahlzeit der Juden bezahlt worden; dazu erhielt sie etwas trockenes Brot und ein paar Kopeken, um Schnaps zu kaufen, ein Gegenstand, der schon früh für diese Frau ein unentbehrliches Lebensmittel geworden war. Armuth, Elend, jene Beschäftigung, und die rohe, übermüthige Behandlung, mit der die Juden sich an der armen, elenden, christlichen Sabbatsdienerin rächten, dazu der gemeine Geist des Schnapses, hatten die Frau gemein gemacht.

Was hatte also die arme, elende Tochter mit ihrem Kinde zu erwarten, wenn sie die Mutter noch lebend fand? Und wohin sollte sie, wenn die alte Frau todt war? Noch weniger als in Preußen, kannte sie in der russischen Stadt nicht einen einzigen Menschen, dem sie sich hätte anvertrauen, von dem sie Aufnahme und Hülfe hätte erwarten können. Die Straßen, die Häuser waren ihr nicht fremd geworden; den Menschen war sie, sie war ihnen fremd.

[143] In der dunklen Gasse war es leer und todt; es begegnete ihr Niemand, an den sie sich mit einer Frage nach ihrer Mutter hätte wenden können, und so ging sie auf das Haus zu, in welchem sie vor fünf Jahren von der Mutter sich getrennt hatte. Es war kein Haus zu nennen, nur eine elende, von altem baufälligem Holz zusammengefugte Hütte. In dieser Hütte hatte ihre Mutter einen kleinen, dunklen Raum, keine Stube, aber ein Loch, bewohnt, zu ebener Erde, halb in der Erde gelegen, mit Wänden blos von zusammengelegten Holzbohlen, mit einem Estrich von feuchtem Lehm, mit einem schmalen niedrigen Fenster von sechs kleinen trüben Scheiben, von denen mehr als die Hälfte zerbrochen und mit Papier verklebt war.

Mare Müller erreichte das Haus; sie erreichte es mit ängstlich klopfendem Herzen, und blieb an dem kleinen schmalen Fenster stehen. Das Fenster war dunkel, in dem Raume, zu dem es gehörte, war kein Licht; sie horchte an demselben; keine Bewegung darin war bemerkbar. Ihr Herz klopfte stärker, sie zitterte heftig, drückte das Kind fester an sich, um ihre Kräfte mehr zusammenzunehmen, dem Zittern ihres Körpers mehr zu wehren.

So trat sie in die Hütte, kam in einen engen dunklen Eingang, wo ihr noch Alles heimisch bekannt war; sie fand sich zurecht trotz der völligen Dunkelheit. Mare trat zu der Thür der Wohnung ihrer Mutter; dieselbe war, wie sie wußte, nur einzuklinken; sie fand die Klinke, öffnete die Thür, und trat in einen Raum, der vollkommen eben so dunkel war, als der Eingang, aus dem sie trat.

Aus einer Ecke des Raumes ertönte eine Stimme.

„Wer ist da?“

Mare Müller erkannte die Stimme ihrer Mutter.

„Ich bin da, Mutter, die Mare.“

„Bringst Du Geld mit?“

„Nein, Mutter!“

„Was willst Du denn da hier?“

Das war der Empfang der Tochter in dem Mutterhause nach fünfjähriger Trennung.

Mare Müller konnte sich nicht mehr aufrecht halten; sie suchte und fand im Dunklen eine alte zerbrochene Bank noch auf ihrer alten Stelle. Sofort ließ sie sich darauf nieder, und während sie sich setzte, erwachte ihr Kind, welches auch sofort schrie.

„Du hast ein Kind mitgebracht?“ rief zornig und höhnend die alte Frau. „Darum bist Du gekommen?“

Die Stimme der Mutter kam noch immer aus der Ecke des dunklen Loches, noch immer hatte sie sich nicht vom Platze gerührt, auch jetzt blieb sie in derselben Situation. In dem Raume war es kalt, die alte Frau lag in ihrem Bette, um sich da gegen die Kälte zu schützen; in ihrem Bette, wenn man ein Lager von roh zusammengeflickten, und wieder tausendfach zerrissenen Lumpen ein Bette nennen kann.

„Und was willst Du hier mit dem Kinde?“ wiederholte höhnischer ihre Mutter.

Mare Müller erzählte in gedrängter Kürze ihre Geschichte, ihr Unglück, ihr, Elend.

Sie fand kein Wort des Mitleids, des Trostes, der Aufrichtung; anstatt all´ diesem nur neuen Hohn.

„Wo Du das Kind geholt hast, da kannst Du es wieder hinbringen.“

Sie bat die Mutter, ihr etwas zu essen zu geben.

„Essen? Ich habe kein Stück Brot im Hause.“

Es war auch in der That so, denn die alte Frau lebte noch in ihrer früheren Lage; sie ernährte sich noch immer als Sabbatsdienerin bei den ärmern Juden; sie fristete womöglich noch kümmerlicher das Leben als früher, denn sie war älter und schwächer geworden, und konnte nur wenig schaffen, wurde daher auch schlechter behandelt und kärglicher besoldet. Ihre Leidenschaft für den Schnaps hatte zugenommen; sie lebte mehr von diesem als von Brot. Schnaps hatte sie im Hause, aber kein Brot.

Mare Müller hatte noch einige Brotkrusten aufbewahrt, die sie von den mitleidigen Leuten auf ihrem Wege erhalten hatte und damit stillte sie ihren Hunger, wenn auch nur kaum zur Hälfte. Nahrung für das Kind konnte sie der vertrockneten Brust dadurch nicht verschaffen.

Ihre Mutter bekümmerte sich nicht weiter um sie, vielmehr schlief das alte Weib bald ein, gefühllos, halb berauscht.

Mare Müller war mit ihrem Kinde sich selbst überlassen. Das hungrige Kind schrie, und die Unglückliche hatte nichts, seinen Hunger, sein Schreien zu stillen, was die ganze Nacht hindurch währte.

Buchstäblich so ist dies später zu den Acten festgestellt.

So kam der Morgen. Es mußte eine fürchterliche Nacht für die Unglückliche gewesen sein, denn über den Zustand ihres Innern während jener Stunden konnte sie später nicht die geringste Auskunft geben; kein Gefühl, kein Gedanke kam in ihre Erinnerung zurück. Vielleicht hatten auch Elend, Ermüdung, Hunger, Krankheit, das Schreien ihres Kindes, sie zuletzt völlig abgestumpft, so daß sie eines nur irgend klaren Gedankens oder Gefühles nicht mehr fähig gewesen war. Und somit wird auch ihre spätere That sich leichter erklären lassen.

Die alte Frau, als sie am andern Morgen erwachte, war ganz dieselbe geblieben. Ihre erste Bewegung war nach der Schnapsflasche, dem Einzigen, was sie außer den alten Lumpen noch besaß. Sie erklärte ihrer Tochter noch einmal, daß sie sie nicht bei sich behalten könne.

„Du hast Dir in Preußen „das Ferkel“ geholt, Du mußt damit nach Preußen zurück.“

Sie drängte sie, auf der Stelle aufzubrechen. Mare Müller war völlig stumpf und willenlos geworden; sie hockte ihr Kind auf, um sich damit wieder zu entfernen.

Da schien auch das Herz der alten Frau milder gestimmt zu werden; denn sie gegenredete:

„Stärke Dich erst durch einen Schluck Branntwein.“ Sie hielt ihr ihre Schnapsflasche hin. Mare Müller trank daraus, gleichfalls bewußtlos, willenlos; es wurde später sogar festgestellt, daß sie nur wenig getrunken hatte. Nun ging sie, und zwar mit dem schreienden Kinde.

Als sie die Schwelle des Hauses verließ, rief ihr die Mutter nach: „Wenn ich ein solches Ferkelchen hätte, so wüßte ich wohl, was ich thäte; ich schmisse es in den Dreck und träte es mit den Füßen.“ So hatten ihre Worte gelautet, wörtlich nach der in den Acten niedergelegten Uebersetzung aus dem Litthauischen.

Dies war der kurze Abschied zwischen Mutter und Tochter.

Ohne nur die Hand der Mutter berührt zu haben, ohne ein anderes Wort als das des Zornes und Hohnes von derselben mit auf den weiten Weg zu nehmen, schied die Tochter hungrig, erfroren, krank, elend, aber auch völlig stumpf, völlig todt in ihrem Inneren.

Darüber, was bei und nach der Trennung von ihrer Mutter in ihr vorgegangen war, konnte sie später niemals Auskunft geben; sie wußte nur, daß sie Neustadt wieder verlassen, und zu der preußischen Grenze zurück gekehrt sei. Auch Eins noch konnte sie versichern: sie hatte, seitdem sie das Haus ihrer Dienstherrschaft in Trockseden verlassen, nicht weinen können; keine einzige Thräne hatte ihr Herz erleichtert.

Wohin sie wollte, was sie ferner beginnen, was aus ihr und ihrem Kinde werden solle, über das Alles hatte sie nicht die geringste Vorstellung gehabt.

Hungrig, ohne ein Stückchen Brot, ohne ein Stückchen Geld, das weinende Kind an der Brust, in der Kälte eines strengen Wintermorgens in jenem Norden, ging sie mechanisch weiter.

Sie erreichte die Grenze in der Nähe des preußischen Dorfes Szlomiszken. Sie überschritt sie, ohne angehalten zu werden. Der Zufall hatte sie begünstigt, daß kein Grenzbeamter bei ihrem Herannahen an die Grenze sie bemerkt hatte; aber ein anderer Zufall führte einen Grenzkosaken herbei, als sie eben die Grenze überschritten hatte und schon auf preußischem Boden angelangt war.

Der Kosak sah sie. Sie trug ihr Kind in ihre alte Marginne gewickelt; es war eben so kalt, wie am gestrigen Tage, daher hatte sie dasselbe wieder fest eingehüllt und ruhig in ihrem Arm liegen; der Schnaps, den sie genossen, hatte, wahrscheinlich durch die Muttermilch betäubend auf das Kind eingewirkt. So sah sie der Kosak; er glaubte, sie trüge Salz, das bekanntlich häufig aus Rußland, wo es wohlfeiler ist, von preußischen Unterthanen nach Preußen eingeschmuggelt wird.

Der Kosak stürzte hinter ihr her. Solche Verletzungen des preußischen Gebiets von Seiten russischer Beamten fallen dort fast täglich vor. Der Kosak erreichte sie; er hielt sie fest, er riß ihr das Kind aus dein Arme, ehe sie nur seine Absicht ahnen, ehe sie nur daran denken konnte, sich zur Wehre zu setzen. Sie stand bestürzt, im ersten Augenblicke fassungslos. Der Kosak sprang mit seiner Beute zurück, über den Grenzgraben auf den Grenzwall. [144] Hier öffnete er das Paquet und fand statt des erwarteten Salzes das abgemagerte Kind. Er wurde wüthend darüber, riß dasselbe aus der Marginne, in die es eingewickelt war, warf es oben von dem Grenzwalle in den Grenzgraben, die Marginne aber behielt er zurück; ohne alle Beute wollte er nicht bleiben. Der Kosak mußte noch mehr haben; auch Rache für die erlittene Täuschung bemächtigte sich seiner.

Mare Müller war ihm unbewußt, unwillkürlich gefolgt; sie trat in den Grenzgraben, um ihr Kind aufzuheben; sofort sprang der Kosak zu ihr herunter, ergriff sie wieder, schlug und mißhandelte sie mit seinen Fäusten, bis er müde war; hierauf verschwand er mit der Marginne auf der anderen Seite des Grenzwalles.

Die Unglückliche nahm ihr Kind; es schrie, vor Hunger wieder, und jetzt auch vor Kälte. Der schützenden Marginne beraubt, war es nur noch von den alten, dünnen leinenen Windeln umgeben, und die waren doch wahrlich kein Schutz gegen jene strenge Kälte. Mare legte es fest an ihre Brust, aber dieselbe war selbst kalt; sie wickelte es in ihre Marginne, die sie an ihrem Leibe trug, ihren einzigen Rock; und sie hatte ja auch nichts Anderes, womit sie das Kind gegen die Kälte schützen konnte.

So ging sie weiter, selbst halbnackt, nur um ihr Kind zu bedecken, und gleichwohl war dasselbe kaum halb bedeckt.

Das kleine Wesen schrie fortwährend vor Hunger und vor Kälte; und auch die Mare war bis zum Tode erschöpft, und vor Kälte fast erstarrt.

Sie ging weiter in Preußen hinein.

So war sie in der Nähe des Dorfes Szlomiszken (sprich: Schlomischken) angelangt. Sie hätte dort bei mitleidigen Menschen Brot und, wenn auch nur auf eine Stunde, eine warme Stube finden können, daran aber dachte sie in ihrer Seelenangst nicht; sie ging vielmehr an dem Dorfe vorbei, seitab, auf die Landstraße nach Heidekrug zu. Welches Ziel verfolgte sie? Das wußte sie jetzt selbst nicht; kein einziger klarer Gedanke beherrschte sie, es war völlig wirr in ihrem Inneren. Sie konnte später in den Verhören nur Auskunft über die Thatsache geben, daß das Kind ohne Aufhören geschrieen und daß sie sich vergeblich bemüht habe, es zu beruhigen; daß sie sich mehrmals ermüdet habe niedersetzen müssen, und daß sie auf der Landstraße immer weiter fortgegangen sei.

So erreichte sie die Gegend des Dorfes Laudszen; hier war sie so ermüdet, daß sie gar nicht mehr weiter konnte. Das Kind war endlich eingeschlafen, die Schmerzen des Hungers und der Kälte hatten seine Kräfte erschöpft und waren dann dieser Erschöpfung gewichen. Am Rande der Landstraße ließ sie sich nieder. Dieselbe war dort zu beiden Seiten von Heideland umgeben, in der Heide selbst standen nur hin und wieder einzelne verkrüppelte Fichten; neben der Landstraße lief ein kleiner, schmaler Graben, der damals zugefroren war. Hier suchte die Mare Ruhe, ihr Kind aber legte sie vor sich auf ihren Schooß. Es schlief noch.

Und nun auf einmal kam wieder Bewußtsein in ihre Seele, aber ein Bewußtsein, das sie zu einer entsetzlichen That treiben sollte. Ihre Lage, ihr Schicksal trat vor sie. Verlassen und verstoßen von aller Welt, saß sie da mit dem armen Wesen in ihrem Schooße, das ohne sie gleichfalls von aller Welt verlassen und verstoßen war. Bei ihrer alten Mutter hatte sie keine Hülfe gefunden, keine Hülfe finden können; nicht einmal eine armselige Kruste trocknen Brotes; zu ihrer früheren Herrschaft konnte sie nicht zurück; ihr Bräutigam war fort, sie wußte nicht einmal wohin, und in der großen weiten Welt kannte sie keinen einzigen Menschen, der ihrer, der kranken, elenden Person, mit dem hülflosen Säugling, auch nur auf einen einzigen Tag sich angenommen, ihr Speise und Aufenthalt gegeben hätte. Und hatte sie nicht noch auf lange Zeit fremde Hülfe, Speise und Aufenthalt für sich und das Kind von Nöthen? Wohin? Wohin?

Dabei quälten sie Hunger und Frost, und schmerzte ihr noch die Mißhandlung des Kosaken.

Da kamen ihr die Worte in den Sinn, die ihre Mutter ihr zum Abschiede zugerufen hatte: wenn ich ein solches Ferkelchen hätte, so wüßte ich wohl, was ich thäte, ich schmisse es in den Dreck und träte es mit den Füßen.

Der Rand des Grabens, auf dem sie saß, bestand aus loser, sandiger Erde, der Schnee hatte sich an dem fast senkrechten Walle nicht festsetzen, der Sand war zu lose, als daß er hätte fest frieren können.

Als sie plötzlich der Worte der Mutter gedachte, kam ihr eben so unerwartet der Gedanke in den Sinn, in dem Walle des Grabens ihr Kind zu vergraben. Sofort schritt sie zur Ausführung. Ueber das, was sie that, über ihr Sinnen und Empfinden während der That kann keine Erzählung bessere Auskunft geben, als das mit ihr aufgenommene gerichtliche Verhörsprotokoll, in welchem in möglichst treuer Uebersetzung aus dem Litthauischen ihre eigenen Worte hier wieder gegeben sind.

Auf die Frage (des Inquirenten), was sie damals in ihrem Sinne gedacht habe, antwortet sie:

„Ich dachte über mein Schicksal nach, daß ich noch so jung und schon so unglücklich wäre, weil mich Niemand mit dem Kinde nehmen werde. Dabei schmerzte mich auch die Mißhandlung des Grenzkosaken, und es fiel mir wieder ein, was meine Mutter mir von dem Kinde gesagt hatte. Da nahm ich mir vor, mich des Kindes zu entledigen und es in der Erde zu vergraben, damit es sterben sollte und ich wieder frei würde. Aber sofort überkam mir auch eine solche Angst, daß ich dachte, ich müsse mir mit dem Kinde das Leben nehmen; es war mir, als wenn ich nur halb klug wäre; zuletzt hatte ich blos noch den Gedanken, daß ich das Kind vergraben und dann wieder einen Dienst suchen wolle. In solchen Gedanken saß ich wohl eine halbe Stunde da, dann stieg ich in den Graben an der Landstraße, kratzte in den Wall ein Loch mit der Hand, ungefähr so wie die Hunde die Erde aufzuwühlen pflegen, mit der andern Hand hielt ich unterdeß das Kind. In das Loch wollte ich das Kind legen.“

Auf eine nochmalige Frage nach ihrer damaligen Gemüthsstimmung sagt sie:

„So wie ich den Gedanken hatte, daß ich das Kind begraben wollte, war ich ganz dumm (sie sagte wörtlich „ganz dämelig“) und es war mir nur immer, als wenn ich das Kind jetzt vergraben müßte. An etwas Anderes dachte ich gar nicht mehr, und ich sah nur immer in den Graben, ob ich da nicht ein Loch fände. Als ich das Loch kratzte, war es mir ganz wunderlich; es war mir immer als wenn sich vor meinen Augen etwas in der Erde rührte.“

Sie fährt dann in ihrer Erzählung fort:

„Das Loch, das ich kratzte, war so groß, daß ich bequem das Kind hineinlegen konnte. Es war so tief, wie ein großer Mannesfuß lang. Ich legte das Kind hinein, mit den Lumpen, in die es gewickelt war; legte es auf die rechte Seite mit dem Gesichte nach dem Felde hin, dann warf ich den ausgekratzten Sand auf das Kind, bis es damit über und über bedeckt war. Das Kind weinte und wimmerte die ganze Zeit über.“

Auf die Frage, warum sie das Kind auf die rechte Seite gelegt, sagt sie:

„Ich dachte, wenn ich es so legte, so würde es noch länger leben, als wenn ich es auf den Bauch oder auf den Rücken legte. Es that mir leid, daß es so geschwinde sterben sollte; ich mußte auch viel weinen, als ich es hineinlegte, und ich küßte es noch einmal vorher.“

Sie wird gefragt, ob sie mit dem weinenden und wimmernden Kinde gar kein Mitleid gehabt habe.

Sie antwortet darauf unter heftigem Weinen nur:

„Wenn Einem der Teufel schon einmal im Rücken sitzt.“

Sie erzählt weiter:

„Als ich das Kind ganz zugedeckt hatte, setzte ich mich auf den Rand des Grabens und weinte. Und das arme Kind that mir sehr leid, auch dachte ich viel darüber nach, ob ich·es wieder herausnehmen oder liegen lassen sollte. So saß ich lange, bis ich einen Mann und eine Frau auf der Landstraße daher kommen sah; da lief ich fort. Das Kind wimmerte noch in der Erde, als ich mich entfernte. Ich dachte aber doch, es könne nicht mehr am Leben bleiben, weil es schon so lange gelegen hatte. Ehe ich die Leute kommen sah, wollte ich es wieder herausnehmen und sehen, ob es noch am Leben wäre; denn es that mir gar zu leid; ich hatte gerade diesen Vorsatz gefaßt, als ich die Leute kommen sah.“

Auf die Frage, ob sie nach dem Zukratzen des Kindes, als sie auf dem Walle gesessen, nicht daran gedacht habe, welch ein empörendes Verbrechen sie begehe? antwortet sie:

„Ich dachte wohl daran, daß ich eine große Unthat beginge, und ich sagte laut: mein Gott, was muß ich jetzt thun!“

So weit das Verhörsprotokoll.

Dazu nur noch eine Bemerkung:

Die ersten Thränen, die die Unglückliche seit ihrer Verstoßung

[145]
Die Gartenlaube (1856) b 145.jpg

Schneeglöckchen und Schneeflöckchen.


Schneeglöckchen steht im Wasserglas,
Es hängt das Köpfchen müde,
Hat längst satt vom lauen Naß,
Hoch, läutet es zum Liede: –

„Ich habe mich durch Frost und Schnee
Gar mühsam durchgewunden!
Ich habe werder Ach noch Weh
Noch Herzensqual empfunden.
Zum Winterhimmel habe ich
Das Haupt emporgehoben,
Und wollt´ den Himmel hoch und blau
Mit keuschen Lippen loben.
Nun hat man mich als Stubenzier
Geknickt und dann gebrochen,
Bewundert und beäugelt schier,
Gepflückt, befühlt, berochen. –
Zu warm ist mir’s am Fenster hier,
Verdirbt mir Duft und Farbe schier,
Ich muss in Wasserfluthen
Verschmachten und verbluten!“ –

Da kräuselt sich und wirbelt sich
Der Schnee in tausend Flocken
Und an den Scheiben draußen schwirrt’s,

Und d’rinnen tönt’s wie Glocken.
Es treibt der Schnee die Flocken weiß,
Die pochen an das Fenster leis’
Und drehen sich im Kreise
Und flirren flüsternd hin und her
Ganz sacht nach Flocken Weise:

„Du wurdest von der Mutterbrust
Ach, schon so früh getrieben,
Du fandest nach so kurzer Lust
Den Tod statt treuen Lieben.
Wir aber sind vom Himmelssaum
Verlassen und verstoßen –
Uns giebt nich Erd’ noch Himmel Raum!
Wir sind die Heimatlohsen!!
Wir haben weder Zweck noch Ziel,
Rauh treibt mit uns der Wind sein Spiel!“

Da öffnet sich das Fenster leis’ –
Ein Kopf mit blonden Locken
Und eine Hand, so duftig weiß
Wie Schnee und Blumenflocken,
Schau’n in die kühle Luft hinaus
Und weh – es sinkt hernieder.

[146]

Der halbgewelkte Blumenstrauß –
Das Fenster schließt sich wieder. –
Da kommen denn Schneeflöckchen all’,
Schneeglöckchen zu bestatten
Und breiten sich in sanftem Fall
So lustig, leis’ wie Schatten
Auf ihrer Schwesterblume Grab –
Und hinter hellen Scheiben
Schaut froh ein lockig Kind herab,
Belacht das Flockentreiben. –
Noch ahnt es nicht, noch weiß es nicht
Von Welken und Verbluten –
Daß bald vielleicht sein Herz auch bricht
An Schicksals-Schnee und -Gluten.

Lina.


aus dem Hause ihrer Dienstherrschaft vergießen konnte, waren die, als sie das Kind küßte, um es lebendig in sein Grab zu legen.

Hier zugleich folgende actenmäßige Notizen über sie: Mare Müller war in der evangelischen Religion eingesegnet, aber sie hatte nie Religions- oder auch nur Schulunterricht genossen; sie konnte weder lesen noch schreiben; das Vaterunser hatte sie gelernt, aber sie hatte es längst vergessen; die zehn Gebote waren von ihr nie gelernt worden; sie war unbeschreiblich beschränkt und unwissend, hatte sich aber stets gut betragen und ein stilles Leben geführt; daß sie gutmüthig und sanften Charakters war, ist schon oben von uns bemerkt worden.

So war sie von dem lebendig vergrabenen Kinde fortgelaufen, querfeldein.

Es war an demselben Tage (11. März 1835) Jahrmarkt in Heidekrug. Von diesem selbst war schon zeitig eine Bauersfrau aus Szlomszken heimgekehrt; sie war aber bei dem Dorfe Laudszen von einem Manne, eingeholt worden, der desselben Weges ging. Beide waren Litthauer; sie setzten zusammen ihren Weg fort, sprachen von dem Jahrmarkte in Heidekrug, und daß er alle Jahre an Besuch und an Bedeutung abnehme. Auch sprach man darüber ziemlich klug; sie kamen auf die schlechten Zeiten überhaupt zu sprechen, und wie es mit jedem Jahre schlechter werde, und die Schuld davon besonders die Grenzsperre und die Kosaken trügen. So gingen sie auf der Landstraße weiter, bis sie zu der Stelle gelangten, wo Mare Müller ihr Kind vergraben hatte. Sie hörten hier plötzlich ein Geräusch neben sich; es kam aus der Erde, aus dem Wallgraben an der Landstraße. Sofort hielten sie ihre Schritte an.

„Hörst Du es nun auch, Mann?“

„Ich höre es, Frau.“

„Was mag das sein, Mann?“

„Ich weiß es auch nicht, Frau.“

„Es kommt mir vor, wie das Quieken von Mäusen. Man findet sie in der Heide in ziemlicher Menge.“

„Aber nicht im Winter, Frau. Ich habe einen anderen Gedankens“

„Welchen Gedanken hättest Du!“

„Hast Du schon von den Barstukken gehört?“

„Nein, Mann.“ „ Das sind kleine Erdmännchen, Frau, die unter der Erde wohnen; viel findet man sie in Preußen und in Litthauen; man sieht sie nur des Nachts im hellen Mondschein. Dann tanzen sie auf der Heide herum, kommen auch wohl des Nachts zu den Menschen, absonderlich zu den Kranken, die sie hegen und pflegen; auch tragen Sie dem, dem sie gut sind, Korn und andere Sachen zu, aus den Scheuern und Speichern anderer Leute, die undankbar gegen sie gewesen waren. Man muß sie deshalb verehren, wenn sie einmal in ein Haus eingekehrt sind, und muß des Abends einen Tisch zurecht setzen, den muß man mit einem sauberen Tischtuch bedecken, und darauf muß man Brot, Käse, Butter und Bier stellen, und sie laut zur Mahlzeit einladen. Ist nun am andern Morgen nichts mehr auf dem Tische zu finden, dann ist dies ein gutes Zeichen, daß sie ferner helfen und wohlthun werden; ist aber die Speise unberührt geblieben, dann sind sie entwichen von dem Hause, um nicht wieder zu kommen, oder nur Böses zu thun.“

„Was willst Du hier mit dieser Geschichte, Mann?“

„Frau, wenn das in der Erde da von den kleinen Barstukken herkäme? Es lautet so, wie ein Wimmern; wenn nun so einem kleinen unterirdischen Männchen ein Unglück begegnet wäre, und es läge da hilflos und jammerte?“

„Du träumst Thorheiten, Mann. Es sind Mäuse, die hier ihr Unwesen treiben.“

„Sage das nicht, Frau.“

„Wir werden sehen.“

„Wir werden ja das bald!“

Sie gingen an den Rand des Grabens, hörten das Winseln in der Erde und fanden auch sofort das frisch gegrabene Loch.

„Frau, das sind keine Mäuse.“

„Aber auch keine Barstukken.“

„Hast Du die Frau gesehen, die eben in die Heide hineinlief?“

„Ich habe das! Hier, vermuthe ich, ist etwas Erschreckliches geschehen.“

Sie wühlten die Erde auf, kratzten den Sand bei Seite und fanden das vergrabene Kind. Es lag noch auf der Seite, wie die Mare Müller es gelegt hatte; ja es lebte sogar noch; es wimmerte und winselte noch immer, freilich immer schwächer und schwächer.

Sie hoben das arme Wesen aus seinem Grabe heraus.

„Frau, wo ist jenes Weib geblieben?“

„Ich weiß es nicht!“

„Wir müssen ihr nachsetzen, der Verbrecherin, der Kindesmörderin.“

„Mann, wir müssen zuerst das Kind retten.“

Das Kind war ganz blau im Gesichte; es schien vor Kälte erstarrt zu sein, und gab nur noch wenige Lebenszeichen von sich, konnte auch nur noch äußerst schwach ächzen.

Die beiden Leute eilten mit dem Kinde nach dem Dorfe Laudszen zurück, und brachten es in das nächste Haus des Dorfes.

Der Zufall hatte es gewollt, daß in dasselbe Haus Mare Müller gegangen war, willenlos, nur mit dem einen Gedanken, Wärme gegen die Kälte und ein Stück Brot gegen den Hunger zu suchen.

Die beiden Litthauer traten mit dem Kinde in die Stube, in der die Unglückliche am Ofen saß.

Sie sah das Kind. Sie sprang auf.

„Das ist mein Kind,“ rief sie. Sie riß es an sich, in ihre Arme, an ihre Brust, an ihre Lippen; sie konnte nur laut und heftig weinen.

Für das Kind wurde ein warmes Bett bereitet, worauf es sich sehr bald erholte.

Mare Müller gestand sofort ihre That ein und darauf hin wurde sie sofort auch verhaftet.

Ihr Geständniß hat sie später nie widerrufen und zeigte stets die größte Aufrichtigkeit und Reue. Ihre Angaben über die Umstände, die ihrer That vorhergegangen waren, wurden überall bestätigt.

Das Kind blieb am Leben; erst später, während der Untersuchung, starb es, wie der Gefängnißarzt erklärte, blos weil ihm die durch die Gemüthsbewegung der Mutter verdorbene Milch schädlich gewesen sei.

Mart Müller hatte sich von dem Kinde nicht trennen wollen, ja sie widmete ihm während ihrer ganzen Haft unausgesetzt die größte Liebe und Pflege, und war untröstlich, als es starb.

Sie wurde von dem ersten Richter – dem Oberlandesgerichte zu Insterburg – „wegen unternommener Tödtung ihres zwei Wochen alten Kindes“ zu einer zwölfjährigen Zuchthausstrafe verurtheilt. In der zweiten Instanz – vom Tribunal zu Königsberg – wurde das erste Erkenntniß bestätigt.

Beide Richter fanden es nicht bedenklich, daß die Angeschuldigte im Zustande des vollen Bewußtseins den Entschluß zu ihrer That, der Tödtung ihres Kindes, gefaßt und ausgeführt habe. Sie gingen nur darüber auseinander, ob Versuch des Mordes oder des Todtschlages vorliege. Mord und Todtschlag unterscheiden [147] sich bekanntlich strafrechtlich dadurch, daß bei jenem der Thäter mit voller Ueberlegung gehandelt hat, beim Todtschlage dagegen in einem Affekte, der die Ueberlegung ausschloß. Der erste Richter führte für seine Annahme aus: „Kurz nach ihrer von dem Grenzkosaken erlittenen Mißhandlung und dem Verlust ihrer Marginne überfiel sie Kummer und Sorge über ihren und ihres Kindes Zustand. Ihr ward sehr angst, so daß sie sich oder dem Kinde das Leben nehmen will. Da erwacht auf einmal der Gedanke in ihr, das Kind zu vergraben; sie denkt nun an nichts weiter und spähet nur an der Landstraße, ob sie nicht ein Loch finde, wohin sie das Kind legen könne. Ihr ist dabei ganz „dämelig“, wie sie ihren Zustand nennt, und ihr Blut ist bei Verrichtung der That so in Wallung, daß es ihr vorkommt, als wenn sich vor ihren Augen in der Erde etwas rege; Hiernach war sich Inquisitin zwar wohl ihres Verbrechens und des Zweckes desselben bewußt, aber eine wirkliche Ueberlegung, d. h. Abwägung der Verhältnisse und der Mittel zum Zwecke, fand bei ihr nicht statt.“

Der zweite Richter berechnete aus den Acten, daß die Angeschuldigte eine volle Stunde mit dem Gedanken, ihr Kind umzubringen, sich herumgetragen habe; und deducirte dann:

„In dieser Zeit überlegte sie wiederholentlich ihre und des Kindes trostlose Lage, und blieb nach allem Erwägen bei dem Vorhaben stehen, sich und dem Kinde durch dessen Tod zu helfen, und führte denselben trotz aller Bewegung ihres Herzens aus.“

Nach dieser Deduction hätte sie, wenn das Kind durch ihre Handlung getödtet worden wäre, laut des Allgemeinen Landrechts, Theil zwei, Titel zwanzig, §. 874, wegen Verwandtenmordes die Strafe des Rades von unten herauf mit Schleifung zum Richtplatze verwirkt. Da das Kind aber nicht getödtet war, konnte nur eine außerordentliche Versuchsstrafe gegen sie ausgesprochen werden, die auch vom zweiten Richter auf zwölf Jahre Zuchthaus bemessen wurde.

Es war dabei nur ein erheblicher Zweifel entstanden. Der §. 838 des Allgem. Landr. an der benannten Stelle verordnet:

„Ist die Absicht zu tödten schon in äußerliche Handlungen ausgebrochen, dadurch aber noch kein Schade verursacht worden, so hat der Thäter vier- bis sechsjährige Festungs- oder Zuchthausstrafe verwirkt.“ Der Paragraph wurde indeß darum beseitigt, weil im vorliegenden Falle wirklich ein Schade verursacht worden sei. Denn: „das Kind war, als man es fand, ganz blau im Gesichte, durch die Kälte erstarrt, es ächzte nur noch schwach und gab wenige Lebenszeichen von sich. Diese Verschlimmerung seines Gesundheitszustandes ist ein, durch die That seiner Mutter ihm zugefügter Schade.“

Darum sechs Jahre Zuchthausstrafe mehr!

Es kann hier nicht Aufgabe sein, näher in eine Kritik der erlassenen Strafurtheile einzugehen. Ich hielt die Strafe für zu hart, wie ich sie noch für zu hart halte. Das legte mir in meiner damaligen amtlichen Stellung zwar nicht die Amts-, aber die Gewissenspflicht auf, ein Begnadigungsgesuch für die Verurtheilte zu entwerfen. Diesem wurde nicht unmittelbar stattgegeben, aber der König befahl, daß nach sechsjähriger Strafzeit über das Betragen der Verurtheilten Bericht erstattet werden« solle.

Bis zum Jahre 1836 hatte die Verurtheilte in dem Zuchthause zu Insterburg sich zur vollen Zufriedenheit der Beamten geführt. Ich wurde damals aus der Provinz Litthauen in die Provinz Sachsen versetzt, und hatte später keine Gelegenheit, Nachricht über Mare Müller zu erhalten.

Kriegsbilder aus der Krim.
Nach den Tagebüchern eines Offiziers der Chasseurs d’Afrique, mitgetheilt von Julius von Wickede.
(Fortsetzung.)

Wenn der Adjutant auch sonst noch so viel Eile, zu haben schien, so viel Zeit hatte er dennoch, um den Inhalt des großen Punschglases, das Alphons ihm hinhielt, mit einem Zuge hinunter zu stürzen, dann rief er uns ein „Adieu, Kameraden!“ zu und brauste auf seinem Falben dahin.

So wie Alphons, der die zwei schon ungemein zusammengeschmolzenen Zuaven-Kompagnieen, die hier lagen, kommandirte, diesen Befehl des Adjutanten „Les Zouaves aux armes“ gehört hatte, sprang er sogleich mit lautem Jubelruf auf und ließ sich kaum noch so viel Zeit sein Glas zu leeren. „Hoffentlich giebt’s etwas Tüchtiges diese Nacht, Kameraden, es sind so schon vierzehn Tage her, daß wir mit den Russen zusammenstießen, und seit dieselben an der Tractir-Brücke so gewaltige Schläge bekamen, wollen sie gar nicht mehr recht anbeißen,“ rief er jubelnd aus, und war im nächsten Augenblick schon bei dem ersten Zelt seiner Kompagnie, was ungefähr einige dreißig Schritte von unserem Trinktisch lag. Diese Zuaven sind das gewaltige Bombardement bereits so gewöhnt, daß, trotz des heutigen Gekraches, Alles ruhig in den Zelten lag und so fest schlief, als befände man sich in der besten Kaserne der guten Stadt Algier. Auch kein einziger der Schlingel hatte es nur der Mühe für werth gehalten, den Kopf deshalb aus der Zeltthür zu stecken, mochten die Kanonen noch so arg krachen. Sie waren erst am Morgen vom vierundzwanzigstündigen Trancheendienst abgelöst worden, und der greift an und macht die Knochen müde, so daß man nachher gewiß einen festen Schlaf hat.

Kaum hatte Alphons aber die erste Zeltthür aufgerissen und mit seiner mächtigen Baßstimme sein „Zouaves aux armes, aux armes“ hineingebrüllt und war dann zu den nächsten Zelten geeilt, dort ein Gleiches zu thun, als es lebendig ward.

Vite, vite aux armes, allons donc“, rief es in den Zelten, und kaum einige Minuten vergingen, da stürzten die ersten Zuaven, zwar so viel man bei einigen Kienfackeln erkennen konnte, die wir Offiziere unterdeß angezündet hatten, in äußerst nachlässiger Adjustirung, wie es überhaupt so gern die Sitte dieser Schlingel ist, aber sonst vollständig mit Wehr und Waffen ausgerüstet aus den Zelten.

Aux armes, aux armes,“ brüllten sie laut und vor Freude, bis Alphons ihnen einen zornigen Fluch zurief und befahl, sie sollten ihre losen Mäuler halten und nicht mehr unnützen Lärm machen wie nöthig wäre. Als wenn die Bienen aus einem Bienenkorbe schwärmen, so eilten jetzt die Soldaten aus ihren Zelten. Die zuletzt Kommenden wurden mit tüchtigen Flüchen von den Korporals begrüßt und nicht wenig von ihren Kameraden als Faulthiere und Schlafratten verspottet, und kaum fünf Minuten waren vergangen, da standen die beiden Kompagnieen, freilich nicht viel stärker mehr wie eine einzige Kompagnie betrug, als sie sich in Algier einschiffte, völlig marschfertig da. Und wie jubelten diese Zuaven und freuten sich, daß sie jetzt wahrscheinlich Hoffnung hätten, mit den Russen recht bald in ein blutiges Handgemenge zu kommen, gerade wie die pariser Grisetten es thun, wenn ihre Liebhaber sie nach dem Ball Mabille mitnehmen wollen. Unter Lachen und Scherzen und Witzeleien ging es nun im Schnellschritt fort; Alphons, dem die Freude über das hoffentlich bald zu erwartende Gefecht so recht aus dem Gesicht leuchtete, stürzte noch im Vorbeilaufen an unserm Tisch sein Glas Punsch aus, rief „auf Wiedersehen, Kameraden, morgen bin ich todt oder eine Stufe wieder näher zum Colonel,“ und sprang dann seinen Leuten, die unterdeß schon fort getrabt waren, in eiligen Sätzen nach.

Dieser Aufbruch von Alphons und den anderen Zuaven-Offizieren hatte uns die Lust geraubt, um noch weiter ruhig an unserm Trinktisch sitzen zu bleiben; zudem war unser Feldkessel mit Punsch leer und zu einer zweiten Füllung desselben, wie wir sonst wohl gethan hätten, fühlten wir keine Neigung mehr. Als daher Einer der englischen Husaren-Offiziere, wirklich ein Prachtmensch, der verdiente, daß er bei uns Chasseurs d’Afrique dienen könnte, den Vorschlag machte, ob wir nicht auch nach dieser Batterie, die so heftig im Feuer war, hingehen wollten, um uns die Sache etwas näher mit anzusehen, nahmen wir diesen Vorschlag Alle mit lautem Jubel auf. Nur die sardinischen Offiziere, die von den Bersaglieris waren, durften sich nicht so weit von den Lagerplätzen ihrer Truppen entfernen, da sie am Ende auch noch hoffen konnten, in dieser Nacht allarmirt zu werden; wir Uebrigen von der Kavallerie hatten so leicht keine Aussicht dazu und konnten uns daher immer den [148] Spaß machen. Als wir bei der Batterie ankamen, die noch fortwährend in voller Thätigkeit war und feuerte, daß die Erde zitterte, wollten uns die Wachen in den Trancheen, die aus Soldaten von der deutschen Fremdenlegion bestanden, zuerst gar nicht das Weitergehen gestatten.

„C’est l’ordre on ne passe pas ici“, antwortete mir stets der den Posten befehligende Korporal, ein echtes deutsches Gesicht, und wie Einer der englischen Offiziere, der etwas angetrunken war, fluchte und doch weiter gehen wollte, fällte er das Bayonnet gegen ihn, und drohte mit einem tüchtigen deutschen Fluch, den ich nicht verstand, er würde ihn auf der Stelle über den Haufen stoßen, wenn er noch einen Schritt weiter ginge. Der Korporal hatte Recht und verstand seinen Dienst, dies muß ich sagen, obgleich wir uns in dem ersten Augenblick nicht wenig über seine Halsstarrigkeit ärgerten, und besonders der eine Engländer dem der Punsch etwas zu sehr in den Kopf gestiegen war, eine wahre Unmasse aller möglichen englischen und französischen Flüche aussprudelte, was indeß den Legionssoldaten des Pikets, die sich um ihren Korporal gesammelt hatten, und den Legionärs vielen Spaß zu machen schien. Es waren Grenadiere einer Elitekompagnie der Fremdenlegion und dies sind immer fast nur bewährte Feldsoldaten, die sich nicht so leicht verblüffen lassen und wenn der Teufel selbst in höchsteigener Person so etwas versuchen wollte. Auf meinen Befehl schickte übrigens jetzt der Korporal eine Ordonnanz an den in diesen Trancheen kommandirenden Kapitain vom Geniekorps, damit der uns die Erlaubniß zum Weitergehen ertheilen möchte. Glücklicherweise war dies ein persönlicher Bekannter von mir aus Algerien und so gab er denn die Erlaubniß sogleich, und führte uns selbst in die Batterie, die ebenfalls ein guter Bekannter von mir, der Kapitain Z. kommandirte. Der eine englische Offizier, der jetzt, nachdem sein Zorn verraucht war, sich schämen mochte, daß er vorhin gar so arg getobt hatte, schenkte dem Legionskorporal zwei blanke Napoleons, damit er für das Geld mit seiner Mannschaft auf seine Gesundheit trinken möge. Wenn diese Legionssoldaten Geld zum Vertrinken bekommen können, so sind sie stets vergnügter Dinge, und so machten sich diese Mannschaften denn jetzt den Spaß und riefen immerwährend vive Mylord, vive Mylord, ah vous êtes un brave Officier, Mylord. Plötzlich kam in all diesem Jubel eine russische Bombe, die zu weit links geflogen war, angesaust und schlug kaum fünf Schritte von uns in den Boden. Garde à vous Monsieur, rief der Korporal dem Engländer zu, der in dem ersten Augenblick ganz verdutzt dastand, und wie dieser noch eben sich umschauen wollte, gab er ihm einen Stoß, daß er der Länge nach hinflog.

Auch die Soldaten des Postens und wir übrigen Offiziere warfen uns sogleich platt auf den Boden, und so zersprang die Bombe und die Stücke flogen über uns weg, ohne weiter uns zu verletzen, was jedenfalls geschehen wäre, wenn wir stehen geblieben. Verteufelt schmierig sahen wir aber aus und besonders der eine Engländer, der gerade mit dem Gesicht in eine Pfütze gefallen war, als der Korporal ihn so niedergestoßen hatte, triefte förmlich von Schmutz.

„Sehen Sie, daß ist der Genuß in den Trancheen,“ lachte der Geniekapitain als er wieder aufstand.

„O, es kommt oft noch viel toller,“ und auch die Soldaten der Wache lachten und suchten den beschmutzten Engländer, der ebenfalls gute Miene zum bösen Spiel machte und lachte, unter allerlei Witzeleien und Scherzen in ihrer deutschen Sprache, die ich nicht verstand, wieder abzutrocknen.

Bei Gott, in der Batterie, wohin wir denn bald kamen, sah es aber schauerlich aus. Da es ziemlich warm war, und das Laden der großen Mörser eine sehr anstrengende Arbeit ist, die viel Schweiß kostet, so hatten die Artilleristen alle ihre Uniformsstücke bis auf die Hosen abgeworfen. Viele hatten gar keine Hemden mehr an, sondern ihr ganzer Oberkörper war nackt, und von dem Pulversatz in den Geschützröhren und von dem Schlamm auf dem Boden, denn sie hatten sich oft niederwerfen müssen, um nicht von zerspringenden Bomben verwundet zu werden, sahen Alle im Gesicht und auf der Brust und den Armen so schwarz und schmutzig wie die Schornsteinfeger aus. Um den Leib hatten alle ein Tuch oder auch nur eine Säbelkuppel fest wie einen Gürtel geschnürt, da sie behaupteten, daß dies davor schütze sich einen Bruch zu heben, was sonst beim Einbringen der schweren Bomben in die Haubitzmündungen leicht geschehen könne.

Auch der Kapitain Z. und seine zwei Lieutenants, die hier kommandirten, sahen wahrlich nicht aus, als ob sie auf einem Hofball in den Tuilerien hätten sonderlich gefallen können. Sie hatten ihre alten über und über beschmutzten schwarzen Uniformsröcke an, deren Schöße schon so sehr zerrissen und verbrannt waren, daß kein Trödler einen Frank für den ganzen Anzug geboten hätte.

Kapitain Z. ein alter Bekannter von mir, der vor mehreren Jahren die Expedition nach der Kabylie mitmachte, und viele Nächte bei uns Chasseurs d’Afrique auf den Vorposten zubrachte, riß zwar anfänglich ganz verwundert die Augen über unseren Besuch auf, meinte dann aber lachend, „wir sollten ihm immerhin willkommen sein, wenn wir als Freiwillige mithelfen wollten, viel Amusement könne er uns aber nicht versprechen und ein freundlicher Salon sei seine Batterie wahrlich auch nicht.“ Darin hatte er Recht, denn der Ort sah schauerlich aus, soviel man bei dem Schein der großen Laternen, die an mehreren Stellen befestigt waren, damit die Artilleristen beim Laden ihrer Geschütze sehen konnten, zu erkennen vermochte.

Der Boden war von den russischen Bomben ganz aufgewühlt und zerfurcht, und überall lagen Trümmer und Splitter von früher zerschossenen Lafetten umher, die man noch nicht hatte fortbringen können; auch ein ganz zerrissener Menschenkörper lag in der einen Ecke der Batterie, denn vor einer halben Stunde war ein Kanonier so von einer feindlichen Kugel zerschmettert worden, daß seine Glieder nach allen Seiten umherflogen. Zwei andere Kanoniere lagen schwer verwundet in einem Winkel und beim Schein einer Laterne knieete ein Arzt vor ihnen, um sie nothdürftig so weit zu verbinden, daß sie den Weitertransport in die Ambulance aushalten konnten. Der eine dieser Kanoniere, dem ein Stück der Kinnlade von einem Bombensplitter fortgerissen war, stöhnte fürchterlich und bat in fast unverständlichen Tönen, man möge ihn doch nur auf der Stelle erschießen, damit seine Leiden ein Ende erreichten. Sein Kamerad, ein alter Graubart, dem ein Fuß am Knöchel abgeschossen war, lag ganz ruhig und rauchte seine Pfeife, als habe er weiter keinen Schmerz.

Und nun welch’ ein Höllenlärm war noch dazu in dieser Batterie, so daß man in dem ersten Augenblick, wenn die Haubitzen derselben losgefeuert waren, stocktaub zu werden glaubte. Dazwischen das heisere Kommandorufen des Kapitains Z., der von dem vielen Schreien und dem Pulverdampfe fast schon die Stimme verloren hatte, und wie ein Rabe krächzte; das Rasseln der Ketten und Klappern der Bomben, wenn die nackten Artilleristen mit größter Anstrengung dieselben in die Mündungen der Haubitzen hineinrollen ließen. In der Luft dröhnte, zischte und pfiff es von den russischen Geschossen, die fortwährend von dem Malakoffthurm auf unsere Trancheen geschleudert wurden und rechts und links über unsere Köpfe hinwegsausten. Dabei wieder das Jubeln und Singen und Lachen dieser geschwärzten Artilleristen, die in dieser Nacht so recht in ihrem Berufe zu sein schienen.

Helas, mon Capitain,“ rief mir ein alter Artillerist zu, der mich von Algerien her noch persönlich kannte, „das ist eine heiße Nacht, und es giebt andere Arbeit hier, als wenn wir damals mit unsern leichten Berggeschützen auf diese räuberischen Kabylen feuerten. Wie gefallen Ihnen diese blauen Bohnen, die wir den russischen Herren dort drüben zusenden?“ und damit wies er auf eine Bombe, die so eben von zwei Artilleristen mit äußerster Mühe aufgehoben ward. „Gelt, das sind andere Pillen, als wie Ihre Chasseurs d’Afrique in ihre Karabiner laden können. — Doch, aufgepaßt, die russische Bombe wird bei uns einschlagen!“ rief er laut aus, und in demselben Augenblick warfen sich alle Artilleristen platt an den Boden, längst der Brüstung der Batterie nieder. Die russische Bombe schlug ein, wühlte sich tief in die Erde, platzte aber nicht, so daß nach einigen Augenblicken des Wartens alle Artilleristen lachend wieder aufsprangen und an ihre Geschütze eilten.

„Sind ungeschickte Teufel da drüben, mein Kapitaim und verstehen ihr Handwerk nicht — Wart, wir wollen versuchen, es ihnen besser zu zeigen,“ spottete damals mein alter Artillerist und trat an seinen Mörser, der unterdeß geladen war, um ihn abzufeuern. Ich war unwillkürlich näher herangetreten, um die Handgriffe beim Richten und Abfeuern besser mit anzusehen, aber der Knall war so groß, daß ich einen stechenden Schmerz in den Ohren fühlte, und mir das Blut aus denselben tröpfelte.

[149] „Helas, mon Capitaine, das knallt Ihnen wohl zu sehr — ja, man muß das Ding schon gewöhnt werden, sonst springt das Blut leicht heraus,“ schmunzelte der alte Kanonier.

Doch in demselben Augenblick zeigte ein Flammenblitz und ein Knall aus den russischen Werken, daß der Schuß des Alten große Verwüstungen in denselben angerichtet haben müsse.

Ein lautes vive la France, vive l’empereur aller Kanoniere der ganzen Batterie erscholl über diesen glücklichen Schuß, und der geschickte Artillerist, der ihn gethan, war nicht wenig erfreut darüber, rieb sich seine schwarzen Fäuste und meinte wohlgefällig: „Ja, ja, mein Kapitain, der alte Mathieu versteht’s schon, und nicht umsonst hat vor zwanzig Jahren der Sergeant mir in der Citadelle von Straßburg das richtige Zielen beigebracht.“

Dieser glückliche Schuß, der den Russen vielen Schaden zugefügt haben mußte, denn aus der Stelle, wohin derselbe gerichtet gewesen, ward ihr Feuer jetzt merklich schwächer und unsicherer wie vorhin, hatte die Artilleristen der Batterie in eine besonders gute Laune versetzt. Mitten in dem Kanonengebrüll und dem Getobe und all’ dem Gelärme um sie herum, versuchten dieselben die Marseillaise anzustimmen, und wenn auch die Hälfte der Strophen unverständlich blieb, und von dem Donner der Geschütze übertönt wurde, so klangen doch einzelne Worte dieses Schlachtgesanges desto lauter hindurch.

„Die Marseillaise ist jetzt eigentlich nicht mehr gestattet bei uns, mein Kapitain, und wenn man in gewissen Kreisen in Paris diesen Gesang hörte, würde man gewiß ziemlich schiefe Gesichter dazu schneiden,“ meinte einer der Lieutenants scherzend zu dem Kapitain Z., wie so eben in einer augenblicklichen Pause des Geschützdonners der Chor recht deutlich und hörbar wurde.

„Was kümmert’s mich?“ antwortete der. „Laßt diese vornehmen Herren aus Paris hierher kommen, und diese Batterie selbst bedienen. So lange meine Kanoniere nur noch im russischen Geschützfeuer des Malakoffthurmes singen mögen, ist es mir gleich, was für einen Gesang sie sich wählen, und mit diesen die Marseillaise singenden Kanonieren schießen wir doch Sebastopol zusammen, mögen die Russen sich auch noch so sehr vertheidigen. Es hilft ihnen nichts, unsere Fahne muß auf dem Malakoff wehen.“

In demselben Augenblick, als der Kapitain Z. diese Worte so zuversichtlich sprach, kam eine russische Vollkugel angesaust und riß dem neben ihm stehenden Kanonier, der sich etwas über die Brüstung gelehnt hatte, den Kopf ganz glatt vom Rumpfe fort, so daß das Blut dem Kapitain im dicken Strahl förmlich in das Gesicht spritzte.

„Ach, das ist kein angenehmer Geschmack,“ rief dieser aus, denn er mußte von dem warmen Blut viel in den Mund und in die Nase bekommen haben, und wischte sich mit dem Taschentuch sein Gesicht ab, welches ganz roth gefärbt aussah. Gleich darauf befahl er aber in so ruhigem Tone, als wenn nicht das Mindeste vorgefallen sei, den Körper des Getödteten, der bei der Haubitze lag, in einen Winkel zu tragen, und rief dann die nächste Nummer der Reservemannschaft, die etwas geschützt neben der Brustwehr sich zusammengekauert hatte, um etwas von der gehabten Anstrengung auszuruhen, herbei, die Stelle des Erschossenen einzunehmen.

Durch diesen so plötzlichen Tod des Kanoniers, der mit einer der Vorsänger gewesen war, erschüttert, hatten die übrigen Artilleristen für den Augenblick ihren Gesang eingestellt.

„Donnerwetter, warum singt Ihr denn nicht weiter. Ihr werdet Euch doch nicht durch diese Russen in Eurem Vergnügen stören lassen? Das wäre denselben doch zu viel Ehre erwiesen!“ rief Kapitain Z. „Es lebe die Parisienne!“ und damit fing er mit seiner krächzenden Stimme an:

Par la voix du canon d’alarme,
La France appelle ses enfants.

und jubelnd fielen die Artilleristen in den Gesang ein, und mochten nun die russischen Kanonen des Malakoff auch noch so viel gegen diese vorgeschobene Batterie donnern, und es in der Luft von Bomben und Raketen zischen und pfeifen, als hätte die Hölle ihre Janitschaarenmusik angestimmt, der Gesang der Kanoniere ward dadurch nicht weiter unterbrochen. Ja, unsere französische Artillerie ist ein stolzes, prächtiges Korps, und hat sich den hohen Rang, den sie im Heere einnimmt, stets mit ihrem Blute erkauft, das habe ich während dieser Nacht in der Batterie wieder so recht erprobt. Wahrlich, wäre ich nicht Kapitain bei unsern Chasseurs d’Afrique, ich möchte wohl bei der Artillerie dienen.

Mitten in diesem schweren Geschützfeuer, welches die Erde erdröhnen machte, konnte man aber bisweilen auch die einzelnen scharfen Schüsse der Miniébüchsen knattern hören. Eine Tirailleurkette von unseren Chasseurs à pied war vor die Batterieen gegangen, oder richtiger wohl auf dem Bauche gleich den Schlangen fortgekrochen, um sich so weit den russischen Werken zu nähern, daß sie mit ihren wohlgezielten Schüssen in die Schießscharten derselben hineintreffen konnten. Zu solchen sehr gefährlichen Expeditionen, die zwar den Feinden großen Schaden zufügen, denn durch solche wohlgezielte Büchsenkugeln, die in die Schießscharten hineinfliegen, wird die Bedienungsmannschaft der Geschütze ungemein belästigt und am sicheren Schießen behindert, werden nur Freiwillige genommen. Es müssen sehr gewandte, muthige Leute sein, die auch vortrefflich zu schießen verstehen, denn sonst würde ihr Feuer wenig nützen. Die Russen haben ebenfalls derartige Abtheilungen, die aus freiwillig sich dazu meldenden, besonders gewandten Scharfschützen gebildet werden, und die ganz auf gleiche Weise gegen unsere Batterien zu operiren versuchen. So entspinnt sich neben diesem Geschützkampf auch zugleich ein lebhaftes Tirailleurgefecht, das schon manchem tapferen französischen Soldaten das Leben gekostet hat. Alle Augenblicke blitzte es rechts und links und vorwärts von unserer Batterie von derartigen Büchsenschüssen auf, was ganz eigenthümlich aussah. Die Russen ließen mitunter Leuchtraketen steigen, und bei dem Schein derselben konnte man dann auf Augenblicke erkennen, wie unsere Chasseurs, in ihre grauen Kapotmäntel gekleidet, gleich Eidechsen vor uns auf dem Boden herumkrochen.

Wohl eine Stunde mochten wir schon in der Batterie gewesen sein, und da wir blos müssige Zuschauer sein konnten, und es ganz unnütz war, daß wir uns einen so gefährlichen Platz auserwählt hatten, so war das ganze Schauspiel, was sich uns hier darbot, doch viel zu imposant und interessant, als daß wir uns sobald davon hätten losreißen können.

Besonders der eine englische Offizier, der erst vor wenigen Wochen aus Ostindien gekommen und dem ein solches Bombardement noch eine ganz neue Erscheinung war, jubelte laut, und half in seinem Eifer sogar einigen Kanonieren die Bomben aus dem Munitionsbehältniß, welches tief in die Erde gegraben war, herbeischleppen. Unsere Artilleristen, die nie eine Gelegenheit vorübergehen lassen können, ohne ihre Witze und Späße zu machen, hatten ihre Freude an diesem so eifrigen Engländer, nannten ihn „Camerad Mylord“ und tranken ihm sogar aus ihren, mit sehr schwachem kalten Grog gefüllten Feldflaschen zu, was diesem sehr vornehmen Engländer großes Vergnügen gewährte.

Die Morgendämmerung war im Anbrechen und ein schwacher rosiger Schein verkündete bereits die Nähe des erhofften Tages, als die russischen Batterien für den Augenblick ihr bisheriges Feuer wo möglich noch zu verdoppeln suchten. Von allen Seiten krachte und blitzte es, und hätten die Russen ebenso geschickt gezielt wie sie schnell abfeuerten, da hätte es unserer Batterie schlimm ergehen müssen. Glücklicherweise war dies nicht der Fall, und eine große Zahl von Bomben, deren Zünder zu kurz, und die nicht richtig berechnet waren, platzte ziemlich unschädlich in der Luft. Eine Viertelstunde schon mochte dies entsetzliche Bombardement, wo es ganz unmöglich war nur seinen Nebenmann zu verstehen, gedauert haben, als plötzlich dasselbe schwieg, aber eben so plötzlich auch eine starke Kolonne russischer Infanterie in vollem Lauf aus dem feindlichen Werk herausbrach und ohne sich mit anderweitigen Schüssen einzulassen, mit dem gefüllten Bayonnet gegen unsere Batterie anstürmte. In demselben Augenblick brachen aber auch unsere Wachen, die bisher in einigen Vertiefungen hinter unserer Batterie ziemlich geschützt gelegen hatten, mit lautem „en avant, en avant — vive l’empereur,“ gegen die Russen vor.

Voran wie bei allen derartigen Gelegenheiten waren die Zuaven unter dem Befehl unseres Alphons, ihnen eben so schnell folgten einige Kompagnieen der Fremdenlegion und eine eines französischen Linienregiments. Dieser Anblick war zu verführerisch für uns; schnell riefen wir dem Kapitain Z. noch ein eiliges, herzliches Adieu zu, sprangen in möglichst schnellen Sätzen aus der Batterie heraus, um uns den anstürmenden französischen Truppen mit anzuschließen.

(Schluß folgt.)
[150]
Aus der Kinderstube.
Von Auguste Herz.
III.[1]

Meinem Kindergarten wurde als Zögling ein 41/2jähriger Knabe zugeführt, von dem mit aufrichtig besorgtem Herzen die Mutter mir nachfolgende Charaktereigenthümlichkeit schilderte. Der Knabe (dies waren ihre eigenen Worte), käme ihr oft vor, als würde er von einem bösen Dämon beherrscht, der ihn zu Handlungen antriebe, die mit seiner Liebe zu ihr und seinem eigentlichen Wesen in offenbarem Widerspruche stünden. Während sein ganzes Verhalten ihr gegenüber Folgsamkeit und Liebe zeige, könne er es doch nicht lassen, bisweilen und zwar immer bei derselben Gelegenheit grausam zu handeln. Sobald der Knabe nämlich irgend wen schlafen sähe, es sei ein Kind oder Erwachsener, ja selbst seine Mutter, so schliche er sich dann auf die heimlichste Weise zu dem Schlafenden hin, um ihn durch Kneipen mit den Nägeln zu einem plötzlichen Erwachen zu bringen. Je besser es ihm geglückt, durch den unerwarteten Schmerz den Schläfer zu erwecken, um so größer sei dann des Kindes Freude. So habe sie, die Mutter, die Gewohnheit, nach Tisch eine kurze Mittagsruhe zu halten. So oft bei dieser Gelegenheit das Kind im Zimmer sei, wiederhole sich auch an ihr das eben geschilderte grausame Treiben desselben.

Sie habe das Kind, weil sie sich nur schlafend gestellt, auf das Sorgfältigste beobachtet, könne aber durchaus zu keiner Erklärung dieser naturwidrigen Neigung kommen. Auch an Strafen habe sie es nicht fehlen lassen, aber es sei ihr dann immer vorgekommen, als verstünde das Kind gar nicht, weshalb es geschlagen worden sei, und es habe sogar während der Strafe immer geschrieen: „ich habe ja nur Spaß gemacht.“ Trotz der Strafe habe aber auch dieselbe Ursache immer wieder dieselbe Folge gehabt.

Nachdem der Knabe Zögling meiner Anstalt geworden war, wurde er von mir auf das Sorgfältigste beobachtet. Aber alles was ich an ihm wahrnahm, stand nur im offenbaren Widerspruche mit der mir von der Mutter mitgetheilten Neigung zu Schadenfreude und Grausamkeit, das Kind war höchst gutmüthig, voll kindlicher Zuneigung zu mir und freundlich im Umgange mit den andern Kindern. Kirschen, welche es zu seinem Frühbrot mitgebracht, vertheilte es auf die liebenswürdigste Weise unter seinen Gespielen, Allen schloß er vertraulich sich an, und schon fühlte er sich ganz heimisch in der Anstalt und noch hatte ich an ihm Nichts von Herz- oder Gefühllosigkeit, noch weniger von seinem Hange zur Grausamkeit beobachtet.

Eines Tages aber wurde ich doch von der Wahrheit der Erzählung der Mutter überzeugt. Ein kleiner Knabe seines Alters, der neben Robert, so hieß der kleine Sünder, saß, hatte sein Köpfchen auf den Tisch gelegt und war so eingeschlafen. Ich hatte die Müdigkeit jenes Kindes rechtzeitig bemerkt, um meine Beobachtung dorthin richten zu können. Robert hatte kaum bemerkt, daß sein Nachbar schlafe, als er auch mit zwei Fingern des Kindes Ohrläppchen erfaßte und so stark in dasselbe knipp, daß tiefe Nägelspuren sichtbar waren.

Natürlich schrie das so unsanft aus dem Schlafe geschreckte Kind laut auf, und Robert lachte darüber so herzlich, daß ich sofort zu der Ueberzeugung kam, das Kind denke nicht daran, ja wisse nicht einmal, welchen Schmerz es seinem Nachbar bereitet habe, und diese Ansicht bestimmte mich auch, von einer augenblicklichen Strafe abzusehen und in anderer Weise das Kind zu erfassen.

Ich nahm für diesen Zweck einen andern ältern Zögling meiner Anstalt zu Hülfe, einen Knaben, der für sein Alter sehr verständig war und vorzüglich einen kräftigen Willen besaß. Diesen unterrichtete ich über Robert´s üble Neigung und erklärte ihm, daß ich mir dächte, Robert thue dies nur, weil er nicht wisse, wie großen Schmerz er Andern dadurch bereite. Wenn er dies durch eigene Erfahrung erkannt haben würde, werde er von seiner üblen Gewohnheit gewiß ablassen. Zu diesem Zweck forderte ich den Knaben auf, sich neben Robert zu setzen und sich schlafend zu stellen. Der Knabe zeigte sich hierzu gern bereit und führte seine Rolle über Erwarten gut aus.

Kaum merkte Robert, daß sein Nachbar schlafe, so knipp er denselben auch schon in den Arm. Weil aber Fritz, der den Schmerz sich nicht merken ließ, anscheinend fortschlief, wiederholte Robert das Kneipen mehre Male, und immer stärker, bis endlich der so Gepeinigte laut aufschrie.

Ruhig trat ich nun zu Robert und sagte: „Siehe nur, jetzt hast Du dem armen Fritz wehe gethan, so daß er schreit und weint. Du scheinst nicht zu wissen, daß das Kneipen Schmerz macht, darum will ich Dir jetzt einmal gerade so thun, wie Du Fritz gethan hast!“ hierbei legte ich den Arm Fritzens neben den seinigen und knipp ihn selbst so stark, bis dieselben Flecke an seinem Arm sichtbar wurden, wie an Fritzens Arm. Dies geschah meinerseits natürlich mit der größten Ruhe und Leidenschaftslosigkeit. – Robert schrie sehr, und als ich nach Kurzem von Ferne die Kinder beobachtete, sah ich, wie er den Arm seines Nachbars Fritz streichelte und immer in ächt kindlicher Sprache „hride“ dazu sagte. Nach mehreren Tagen wiederholte ich das erste Experiment, daß ich Fritz neben Robert setzte; aber der Knabe und jeder andere Nachbar saß und ruhte jetzt sicher und nie wieder zeigte sich Robert in der Weise wie früher grausam.

Natürlich unterrichtete ich auch die Eltern über jenen Vorgang und forderte vorzüglich die Mutter auf, im Hause den Knaben auch selbst auf die Probe zu stellen; aber auch hier bestand er die Prüfung und die Eltern wie ich waren beruhigt und zufrieden über die schnelle und glückliche Heilung jener sonderbaren Neigung des Kindes.

Längere Zeit war vergangen und weder ich noch die Eltern hatten über das Kind zu klagen. Da geschah es, daß die Mutter abermals ganz außer sich zu mir kam und mir versicherte, der Knabe scheine nach ihrer Ueberzeugung doch einen angeborenen Trieb zur Grausamkeit zu haben; denn jetzt habe sie ihn im Garten beobachtet, da sei er den Schnecken nach geschlichen, habe jede, die er gefunden, plötzlich von oben mit zwei Fingern in die Haut gefaßt, in die Höhe gehoben und dann den armen Thieren dasselbe gethan, mit demselben Ausdruck der Schadenfreude, wie früher den Menschen. Nachdem mir die Mutter des Kindes jene Mittheilung gemacht hatte, gestehe ich, daß ich selbst anfangs mir keine Erklärung finden konnte, und wirklich rathlos war. Aber nach längrem Nachdenken traf ich, weniger zwar durch klare Berechnung, als vielmehr durch eine glückliche Eingebung zur rechten Zeit das rechte Mittel. Ich pflegte die erste Stunde des Morgens zu einer belehrenden Unterhaltung mit meinen Kindern zu verwenden, wozu mir dann das Leben der Kinder selbst, die Natur, oder sonst welches Ereigniß den Stoff bot. So sprach ich, angeregt durch das vorausgegangene Gespräch mit Robert´s Mutter, am nächsten Morgen ernster und eindringlicher wie je, mit meinen Kindern über den Sittenspruch: „Quäle nie ein Thier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.“ Da plötzlich, als ich mit lebhafter Farbe die Angst und Pein der gemarterten Thiere schilderte, sprang Robert auf und sagte „aber manche Thiere fühlen keinen Schmerz, die darf man kneipen; die Schnecken, Regenwürmer und Fliegen, die schreien nicht.“ Dieser Ausspruch des Kindes überraschte mich und unterrichtete mich sofort, daß dasselbe bei seinen neuerdings begangenen Grausamkeiten in Erinnerung an die an sich selbst gemachte Erfahrung ordentlich beobachtend verfahren war. Er hatte die Thiere förmlich belauscht und folgerichtig zuletzt nur mit solchen sich beschäftigt, welche lautlos seine schlimme Behandlung duldeten. In ihrem Stummsein hatte er eine Bürgschaft dafür erkannt, daß sie keinen Schmerz empfänden. Durfte man nun wohl sagen, der Knabe habe aus Wohlgefallen an dem Schmerze Anderer, oder aus einem angeborenen Triebe zur Grausamkeit wie die Mutter meinte, Thiere und Menschen gequält?

Nein! Er wußte nicht, wie schmerzhaft für Andere sein Spiel sei; das bewies der Vorfall mit dem Knaben Fritz; – er suchte und wollte nicht Schmerz bereiten, nachdem er die Erfahrung an sich selbst gemacht hatte, das bewies die veränderte Richtung seiner Neigung, indem er nur solche Thiere aufsuchte, die nach seiner Idee wirklich keinen Schmerz empfänden; er war somit in Absicht [151] auf den Beweggrund zu seiner Handlungsweise wirklich unschuldig zu nennen. Ein Spiel, das für ihn einen andern Reiz als den, welchen der Anblick des Schmerzes Anderer gewährt, haben mußte, nur ein Spiel konnte somit in dieser bisher geübten Gewohnheit gefunden werden.

Aber damit war freilich noch nicht die Ursache gefunden und erklärt, welche Veranlassung zu dieser ungewöhnlichen Neigung gegeben haben mochte, und für die Beurtheilung ähnlicher Fälle blieb es wünschenswerth, hierüber eine genügende Aufklärung zu erhalten. Eine von mir zufällig an der Mutter Robert’s im Umgange mit ihrem Dreivierteljahr alten Kinde beobachtete Spielweise leitete mich auf die richtige Spur. Die Mutter holte oft selbst ihren Robert aus der Anstalt ab, und brachte dann immer ihr kleines Kind mit. Wenn sie nun mit diesem scherzte und spielte, stellte sie sich gewöhnlich auch, als ob sie schliefe. Das Kind gab sich nun alle Mühe, die Mutter zu erwecken; wenn ihm dies nach langem Bemühen endlich gelang, so erschrak die Mutter scheinbar und that entweder, als fiele sie vom Stuhl, oder zeigte sonst welche Ueberraschung, was das Kind natürlich immer zum Lachen reizte. Oft, wenn das Kind die Mutter zu solchem Spiele durch Geberden aufforderte, diese aber vielleicht nicht eben Neigung zeigte, auf das kindliche Verlangen einzugehen, dann schlug die kleine Hand des Kindes nach der Mutter, worauf diese das Gesicht mit den Händen bedeckend sich weinend stellte, und sich geberdete, als empfinde sie großen Schmerz. Dem kleinen Herzen that dies natürlich leid und das Kind versuchte durch Gutmeinen, Streicheln und Wegziehen der Hände vom Gesicht der Mutter diese wieder zu beruhigen. Die Mutter aber ließ regelmäßig dies nicht früher gelingen, bis das arme Kind selbst zu weinen begann. Dann erst entfernte sie ihre Hände vom Gesicht und suchte nun ihrerseits das Kind zu beruhigen, und durch Lachen demselben zu beweisen, daß der Schmerz, den sie gezeigt, nur ein Scherz gewesen sei.

Dieses Spiel nun, von der Mutter, wie sie mir selbst zugestand, früher auch mit Robert ebenso ausgeführt, erklärte deutlich genug die Entstehung jenes vermeintlichen Grausamkeitstriebes. – Das scheinbar grausame Treiben Robert’s war offenbar nichts Anderes, als eine harmlose Fortsetzung jenes früher von der Mutter ihm gelehrten und mit ihr täglich gespielten „Schlafen und Erschrecken.“ Gewiß wurde die Mutter damals schon von der kleinen Hand geknippen oder geschlagen, aber das Kind lernte ja dabei keinen wahren, nur verstellten Schmerz kennen, die Mutter versicherte ihm selbst, wenn es weinen wollte: es habe ja nicht weh gethan, es seien ja ihre Thränen nur Scherz gewesen; um so fröhlicher wurde nun das Kind bei dem Spiele, um so gespannter seine Erwartung, wie es die Mutter nun machen werde, wenn sie wieder von ihm erweckt und erschreckt würde. – Was Wunder, wenn in der Folge, wo die Mutter nicht mehr Schlafen nur spielte, sondern wirklich schlief, das Kind in der ihm aufgedrungenen Täuschung befangen blieb, und immer wieder des alten lieben Spiels sich erinnerte, wenn er die Mama schlafen sah? Wie ungerecht, wie unverdient war die Strafe, welche der arme Kleine dafür empfing, daß er Wahrheit und Lüge, Ernst und Spiel, Lust und Schmerz nicht zu unterscheiden vermochte. Gestand nicht die Mutter selbst, daß er ihr, wenn sie ihn schlug, ganz mit denselben Worten: „ich habe ja nur Spaß gemacht,“ antwortete, die sie einst zu ihm redete, wenn er über den Schmerz, den er ihr mit seiner Hand verursacht zu haben glaubte, zu weinen begann? Er erwartete ja nun nicht mehr wirklichen Schmerz, sondern nur das heiter lächelnde Gesicht der Mutter zu sehen, wenn er sie aus dem Schlafe erweckte, oder wenn er die Hände ihr von den Augen zog, mit denen sie Weinen gespielt hatte.

Ich habe dieser Erzählung nur noch wenig beizufügen. Der kleine Robert wurde von mir nach jenem eben erwähnten Ausspruche über Schnecken und Fliegen etc. eines Andern belehrt. Ich zeigte ihm, wie diese armen Thiere, wenn auch nicht durch Schmerzenslaute, doch auch auf eine deutlich sprechende Weise uns anzeigten, wenn sie bei einer Berührung ihres Körpers Schmerz empfänden, und suchte ihm dann verständlich zu machen, daß diese Thiere unseres Mitleids und unserer Schonung um so mehr bedürften, je weniger sie in ihrer Hülflosigkeit durch Geschrei oder andere natürliche Waffen, durch Flügel, wie die Vögel, durch flüchtige Füße, wie die Hunde, Katzen etc. sich selbst vor drohenden Gefahren und Schmerzen schützen könnten. Der Knabe hörte mit Aufmerksamkeit und ohne eine neue Gegenbemerkung meine Belehrung an, und ich hatte die Freude, meine Worte mit dem besten Erfolge belohnt zu sehen. Der Knabe war nach jenem Vorfalle wohl noch zwei Jahre in der Anstalt, und nie wieder, weder bei mir noch im Elternhause gab er Veranlassung zu einer Klage über Rückkehr zu der alten üblen Gewohnheit.

Das Beispiel dieses Knaben ist lehrreich durch sich selbst, und enthält des Stoffes zu ernstem Nachdenken genug. Das hier besprochene Spiel zwischen Mutter und Kind wird in unzähligen Familien gespielt werden, und erscheint auf den ersten Anblick ganz unschuldig; nicht in allen Fällen wird auch dieselbe Ursache dieselben Folgen haben, eine Menge Nebenumstände können hier Anderes, Schlimmeres, bald Besseres bewirken. In jedem Falle aber steht fest, daß Eltern beim ersten Auftreten übler moralischer Erscheinungen an ihren Kindern zuerst ihre Umgangsweise mit den Kindern und ihre eigenen schlimmen Gewohnheiten gewissenhaft prüfen und bedenken müssen, ehe sie zu einem harten Urtheil oder zu Tadel und zu Strafe ihre Zuflucht nehmen. Denn ein ungerechtes Urtheil, eine unverdiente Strafe bewirken wie eine falsche Medizin in der Regel gerade die Fehler, welche zu heilen sie bestimmt waren. – Leider aber sind Eltern immer geneigt, die Verantwortung für das an ihren Kindern hervortretende von sich ab, das Verdienst an dem Besseren sich zuzuwenden. In beiden Fällen gewiß so lange mit Unrecht, als sie vor ihrem Gewissen sich nicht sagen können, daß sie beim Geschäft der Erziehung ihrer Einsicht und verständigen Liebe mehr, als dem Zufall und ihrer Launen gefolgt seien. –




Blätter und Blüthen.

Die physische Geographie des Meeres. Der Titel „Landratten“, womit Seeleute uns Binnenlandsmenschen beehren, darf uns wirklich nicht eben groß verdrießen, wenn wir bedenken, nicht nur wie wenig Kurage dazu gehört, auf zwei stämmigen Beinen über den Erdengrund hinzuschreiten, sondern wie wir auch über dem trocknen Drittel unseres Wohnplatzes die nassen zwei Drittel beinahe ganz und gar vergessen, sie wenigstens so schlecht kennen, daß wir uns in jeder Unterhaltung mit einem Seemann arge Blößen geben. Die Worte Nord- und Süd-Passat, Monsun, Calmen, Golfstrom sind uns zwar mehr oder weniger geläufig, aber gar Mancher würde in arge Verlegenheit kommen, wenn er über die Dinge, welche von diesen Namen bezeichnet werden, Rechenschaft geben sollte. Das Logbuch kennen wir zwar aus Marryat’s und Cooper’s Seeromanen als ein Buch, in welches der Seemann allerlei Bemerkenswerthes hineinschreibt, aber wie Wenige ahnen die großartige Bedeutung desselben für Wissenschaft und Wohlfahrt der Menschen. Klingt es doch vielleicht Vielen wie Uebertreibung, wenn man ihnen sagt, daß sie mit ihrem Wohl und Wehe in hohem Grade von den physischen Eigenschaften des Meeres abhängen, daß das Meer geradehin der große Regulator der Bedingungen alles organischen Lebens auf Erden ist.

Breite Landstraßen und schmale Pfade, bewegungslose Binnengewässer und mächtige Ströme, Berge und Thäler, den Kontrast warmer und kalter Landstriche dicht bei einander, scharfe Abgrenzung der Thier- und Pflanzenwelten nach ihren Wohnungsgebieten – dies Alles glauben wir nur auf dem Lande und doch finden wir es eben so gut auf dem offenen Meere. Neben den noch unentdeckten Central-Gebieten Afrika’s, Neuhollands und den ungeheuren brasilischen Waldflächen stehen noch viel umfänglichere Gebiete des Meeres, wohin noch kein Kiel gedrungen ist. Wie Viele aber glauben an ein buntes Durcheinander und über Kreuz und Quer der Schifffahrt. Haben wir auch eine Ahnung, ich rede nicht von den wenigen durch einschlagendes Wissen bevorzugten Landratten, von den wunderbaren Wegweisern den Kompas voran, die der Seereisende mit sich führt, während die unserigen fest an den Kreuzwegen stehen - haben wir auch eine Ahnung von ihnen, so staunen wir dennoch, wenn uns die Logbücher beweisen, daß kürzlich zwei amerikanische Klipperschiffe, ohne jemals Land zu sehen, den 7000 Meilen langen Weg vom Cap Horn bis Californien so genau und übereinstimmend steuerten, obgleich das eine dem andern um acht Tage in der Zeit nachfolgte, daß beide Reisen nach den Angaben der zwei Logbücher auf eine Karte gezeichnet zwei einander beinahe deckende Linien ergeben würden. Sie reisten nach Windkarten, wie wir nach Landkarten.

Kurz, das weite wüste Meer, das „große Geheimniß“, verdient diesen dichterischen Namen nicht blos in Beziehung der von ihm bedeckten ihm eigenen oder uns geraubten Schätze, sondern auch hinsichtlich unserer Unkenntniß von ihm.

Und dennoch lockt wie jedes Geheimniß so auch dieses unsere Neugierde, die sich zu edler Wißbegierde verklärt, mächtig an. Darum ist [152] unter den vielen Einzelgebieten der Naturwissenschaft die physische Geographie des Meeres unbedenklich als ein solches zu bezeichnen, welchem die eifrigste Theilnahme sich zuwenden wird, wenn es einmal mit gründlicher Sachkenntniß und in ansprechender Form für den großen Leserkreis aufgeschlossen werden wird.

Zu dieser Ansicht fühlt man sich wahrhaft hingerissen schon bei der flüchtigen Durchsicht der neuesten Schrift über die physische Geographie des Meeres von M. F. Maury, Marinelieutenant der Vereinigten Staaten, deutsch bearbeitet von Dr. Böttger (Leipzig bei G. Mayer). Ist das Buch auch nicht für den großen Leserkreis, sondern für den theoretischen und praktischen Fachmann bestimmt, so ist es dennoch im Ganzen so klar und lichtvoll geschrieben, daß jeder gebildete Leser darin eine Quelle von einem Wissen erkennen wird, von welchem an sich und von dessen außerordentlicher Bedeutung für Jedermann er bisher vielleicht kaum eine Ahnung gehabt hatte.

Die Wissenschaft in dieser Anwendung zieht das ferne Meer, welches Millionen Binnenlandbewohner nie sehen, in unsere unmittelbare Nähe. Wind und Wellen, die Sinnbilder regelloser Unbeständigkeit, verlieren durch die physische Geographie des Meeres diesen Charakter und gewinnen eine Stetigkeit, eine Festigkeit, daß wir sie mit Staunen als die sichere Grundlage unserer Klimate erkennen und sie die einförmige Wasserwüste in ein von Straßen und Strömen durchschnittenes Reiseland verwandeln. R.




Ein Schilling und ein Gulden, oder so tilgt man seine Schulden. Eines Tages, nach aufgehobener Tafel, stand der greise Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin vor dem Logirhause im Bade Dobberan und sah den burlesken Späßen des Policinello zu.

Unweit des Großherzogs befand sich ein Trupp Studenten, unter denen sich Einer durch Figur und Tracht besonders auszeichnete.

Er war auffallend klein, und die Natur hatte ihn obendrein mit dem stiefmütterlichen Geschenke eines ansehnlichen Höckers begabt. Was aber kleinen Musensohn vollends entstellte, so daß er einen höchst komischen Anblick gewährte, war seine Kleidung. Er war angethan mit kalbledernen Hosen, die, enganschließend, um so mehr den unvortheilhaften Bau zweier spindeldürren Beine hervorhoben; hohe Kanonenstiefel reichten hinauf bis zur halben Lende und schlotterten um die Beine wie Butterfässer; eine Schnürjacke umschloß den Leib und ein rothes Cerviskäppchen balancirte keck auf dem Haupte, von dem ein langes struppiges Haar auf die unbeneidenswerthe Erhöhung des Rückens herabflog. –

Der Großherzog musterte den kleinen Studenten von Kopf bis zu Fuß und sagte lächelnd zu seinem Kammerherrn: „Ein verteufeltes Kerlchen, das!“

In demselben Augenblicke trat ehrerbietig ein Orgeldreherweib zu ihm heran mit den Worten: „Königl. Hoheit, wenn ich um eine kleine Gabe bitten dürfte für meinen Policinello.“

Der Fürst, der eben noch mit Betrachtung des kleinen Musensohnes beschäftigt war, antwortete lachend: „die kleine Lederhose da wird für mich bezahlen.“

Die Virtuosin des Leierkastens machte eine ungläubige Miene. Der Herzog, dies bemerkend, sagte bestimmt: „Geh Sie nur hin, das Männchen bezahlt.“

Das Orgeldreherweib trat verlegen an den buckligen Studio, hielt ihr Tambourin hin und sprach: „Königl. Hoheit sagten mir so eben, Sie würden für ihn bezahlen.“ –

„Mit Vergnügen!“ rief der Musensohn, „hier hat Sie einen Schilling für den Großherzog von Mecklenburg, und hier einen Gulden für einen rostocker Studio.“

„Ein witziges Kerlchen!“ schmunzelte der Herzog, der genau des Studenten Rede verstanden hatte, „den muß ich näher kennen lernen; rufen Sie den kleinen akademischen Bürger zu mir!“ befahl er seinem Kammerherrn.

Nach einigen Augenblicken stand unser Bruder Studio vor dem Fürsten.

„Königl. Hoheit haben befohlen –“

„Gefällt mir, hast Dich gut aus der Affaire gezogen - ganz charmant - wahrhaftig. – Was studirst Du?“

„Theologie.“

„Theologie? O weh, wirst schwerlich Dein Glück machen.“ – Bei diesen Worten sah der Fürst lächelnd auf den Buckel des Musensohnes.

„Königliche Hoheit meinen vielleicht, diese überflüssige Erhöhung könnte mir in meinem Fortkommen hinderlich sein? – Ich denke künftig einmal eine Predigt zu halten, daß man den äsopischen Hügel darüber vergessen soll.“

„Meinst Du?“ fragte der Herzog. „Nun gut, die Gelegenheit, Dein Talent zu zeigen, will ich Dir geben. Melde Dich, wenn Du Deine Studien absolvirt hast; sollst dann bei der nächsten Vacanz mit zur Probepredigt gelassen werden. Heute Abend aber komme mit Deinen Commilitonen zur Table d’hôte, könnt Euch ’nen vergnügten Abend machen!“ –

„ Bin gerne vergnügt, Königl. Hoheit, nie aber vergnügter gewesen, als in diesem Augenblicke, wo ich das Glück gehabt habe, vor den Augen meines gnädigen Landesvaters Gnade zu finden!“ –

Am Abend saß das muntere Studentenvölkchen im Logirhause an der Tafel.

Alle Badegäste sahen lächelnd auf den Kleinen und flüsterten untereinander: Das ist der kleine Witzbold, der sich heute Mittag so allerliebst aus der Sache gezogen hat. Still! er disputirt mit dem Kellner.

Letztgenannter hatte eben einen Korb Champagner gebracht, der von dem kleinen Studio bestellt worden war. „Nun, worauf warten Sie noch?“ frage er den zögernd dastehenden dienenden Geist.

„Auf Bezahlung. Wollten Sie die Gefälligkeit haben?“

„Auf Bezahlung?“ lachte der Musensohn „da wenden Sie sich an unseren guten Landesvater, heute Mittag bezahlte ich für ihn, heute Abend ist’s billig, daß er für mich bezahlt.“

Der Kleine ist jetzt Prediger einer größeren norddeutschen Stadt. -




Zwei merkwürdige religiöse Sekten. Wie in der Türkei überhaupt, so herrscht in der Moldau und Walachei ein buntes Sektenwesen. Die merkwürdigsten unter den in diesen Ländern vorhandenen Sekten sind unstreitig die sogenannten Starowierczi (Altglauber) und Skopitzi (Hämmlinge). Die Starowierczi, d. h. Altgläubge oder Roskolniki, stammen aus Rußland. Sie schieden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus der orthodoxen griechischen Kirche, weil sie sich mit der von dem moskauer Patriarchen Nikon vorgenommenen Revision der alten Gebetbücher nicht einverstanden erklärten, die neuverbesserte Bibelübersetzung verwarfen, und nur die Schriften der älteren Patriarchen anerkannten. Sie scheiden sich in zwei Sekten: die Philipponen und Lippowaner. Erstere erkennen keinerlei geistliches Oberhaupt der Kirche an und haben keine ordinirten Priester. Die Taufe verrichtet der Vater des Kindes. Die Ehe wird durch eine vor Zeugen abgegebene Erklärung geschlossen. Die übrigen gottesdienstlichen Handlungen verrichtet der sogenannte Starik, eine Art von Presbyter. Ihren Namen haben die Philipponen von einem ihrer Alten, Philipp Postoswiat, um welchen sie sich schaarten, als sie aus Rußland vertrieben wurden. Die Lippowaner, welche übrigens in ihren Religionsgrundsätzen mit den Philipponen übereinstimmen, haben ihre eigenen Priester, daher sie auch in Rußland geduldet werden. Die Ableitung ihres Namens ist nicht bekannt. Die in Ibraila ansässigen Altgläubigen sind sämmtlich Lippowaner. Sie haben eine Kirche, eigene Geistliche, und ihr Ritus ist fast ganz jener der orthodoxen griechischen Kirche. Sie stimmen auch mit dieser Kirche in Betreff der Fasten und der Feiertage überein. Als besondere Eigenthümlichkeiten treten bei ihnen hervor: das Verbot der Ehescheidung und der Nichtgebrauch der Aerzte. In Bezug auf letztere Vorschrift antwortet ein Daskal (Lehrer) auf die an ihn deshalb gerichtete Frage: „Domnezer a dat, domnezer a hrat“ (der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen). Von den Philipponen und Lippowanern verschieden sind die sogenannten Skopitzi. Diese sondern sich von Andersglaubenden besonders streng ab. Es herrscht bei dieser Sekte, die nur aus männlichen Mitgliedern besteht, der sonderbare Gebrauch der Entmannung. Sie meiden die Gesellschaft der Weiber und leben immer zu 4 bis 6 Personen in einem Hause zusammen. Die Bewohner eines Hauses nennen sich Brüder und scheinen in einer Art von Gütergemeinschaft zu leben. Stirbt einer von ihnen, so bleibt das Vermögen desselben den übrigen Bewohnern des Hauses, die sich durch Proselyten wieder ergänzen. Durch Versprechungen und selbst durch Gewalt suchen sie Proselyten zu machen. Unrichtig scheint die häufig gehörte Behauptung, daß sie eine Zeit lang in der Ehe leben und sich erst nach einer bestimmten Zeit oder nach Erzeugung von zwei Kindern entmannen. So viel man hat ermitteln können, tritt die Entmannung sofort nach der Aufnahme in die Sekte ein und die Skopitzen als solche kennen die Ehe nicht. Ueber ihre gottesdienstlichen Gebräuche hört man, daß sie bei ihren Zusammenkünften sich mit langen weißen Hemden bekleiden und ähnlich wie die tanzenden Derwische so lange herumspringen, bis das Hemd von Schweiß trieft. Stirbt ein Skopitz, so wird er in aller Heimlichkeit begraben, ohne daß die Andersglaubenden erfahren, wo der Leichnam bleibt. Die Skopitzen schlafen nicht auf Polstern, rauchen nicht, genießen weder geistige Getränke noch Fleisch und leben nur von Thee, Eiern, Milch u. s. w.• Eigentliche Feste halten sie nicht. In Jassy und Bukarest kommen sie in größerer Zahl vor.


Für die Kurzeit empfehlen wir:

Anleitung und Ausübung der Wasserheilkunde
für Jedermann, der zu lesen und zu denken versteht.
<Von J. H. Rausse.
3 Abtheilungen mit dem Portrait des Verfassers.
Leipzig. E. Keil. Geh. 2 Thlr. 28 Ngr.

Mit diesem Buche in der Hand wird jeder Freund der naturgemäßen Wasserheilmethode im Stande sein, ohne besondere ärztliche Andeutung sich und die Seinigen in vorkommenden Fällen wasserärztlich zu behandeln, oder, falls er Kurgast in einer der vielen deutschen Wasserheilanstalten ist, zu beurtheilen, ob er wirklich gut und richtig von seinem Arzte berathen wird.

Die erste Abtheilung (2. Aufl.) enthält die Lehre von den Heilapparaten der Wasserheilkunde und deren Anwendung; die zweite Abtheilung (2. Aufl.) die Behandlung der akuten Krankheitszeichen und die dritte Abtheilung die Behandlung der chronischen Krankheiten.


Aus der Fremde“ Nr. 11 enthält:

Haiti und sein Kaiser Faustin I. – Lebensläufe in der Fremde. I. Ein Bayer in der Fremdenlegion. II. Heinrich Thoreau, der amerikanische Diogenes. – Der Adel in der Wüste. Von dem General Daumas. (Schluß.) - Aus allen Reichen: In Cairo. – Der Hundehandel in New-York. – Allerlei Neues aus Amerika.


  1. Die frühern Aufsätze s. Nr. 37. Jahrg. 1855