Die Gartenlaube (1874)/Heft 28

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[443]

No. 28.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Gesprengte Fesseln.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Werner.


(Fortsetzung.)


„Kommen Sie in’s Freie, Ella!“ sagte Hugo, der urplötzlich an ihrer Seite stand. „Das war ja eine Folterqual.“

Er zog ihren Arm in den seinigen und führte sie hinunter, durch den nächsten Ausgang auf die Straße. Erst hier in der scharfen, kühlen Abendluft schien Ella wieder zur Besinnung zu kommen; sie schlug den Schleier zurück und athmete auf, als sei sie dem Ersticken nahe gewesen.

„Hätte ich ahnen können, daß meine Warnung Sie hierher treiben würde, sie wäre unterblieben,“ fuhr Hugo vorwurfsvoll fort. „Ella, um Gotteswillen, welche unglückselige Idee!“

Die junge Frau zog die Hand von seinem Arme zurück. Der Vorwurf schien ihr wehe zu thun.

„Ich wollte sie doch wenigstens einmal sehen,“ entgegnete sie leise.

„Ohne selbst gesehen zu werden,“ ergänzte der Capitain. „Ich wußte Das in dem Augenblicke, als ich Sie erkannte; deshalb schwieg ich auch gegen Reinhold. Aber wie auf Kohlen habe ich hier unten gestanden, während der ganze kritische Cirkel da oben vor Ihrem Zufluchtsorte tagte und seinen liebevollen Gesinnungen und Bemerkungen freien Lauf ließ. Ich kann mir ungefähr denken, was Sie da Alles anzuhören bekamen.“

Er hatte während der letzten Worte einem Kutscher einen Wink gegeben, ihm Straße und Hausnummer zugerufen und seiner Schwägerin beim Einsteigen in den Wagen geholfen; als er aber Miene machte, an ihrer Seite Platz zu nehmen, wies sie ihn sanft, aber entschieden zurück.

„Ich danke Ihnen. Ich fahre allein.“

„Auf keinen Fall!“ rief Hugo beinahe ungestüm „Sie sind furchtbar aufgeregt, halb ohnmächtig; es wäre unverantwortlich, Sie in diesem Zustande allein zu lassen.“

„Sie sind doch nicht verantwortlich dafür, was aus mir wird,“ sagte Ella mit aufquellender Bitterkeit. „Und Andere – kümmert Das ja nicht. Lassen Sie mich allein nach Hause fahren, Hugo! Ich bitte Sie darum.“

Ihre Augen sahen ihn durch den Thränenschleier bittend an. Der Capitain sagte kein Wort weiter; er schloß, gehorsam den Schlag und trat zurück; aber er sah dem fortrollenden Wagen nach, bis dieser verschwunden war. –

Mitternacht war längst vorüber, als Reinhold zurückkehrte und, ohne seine Wohnung zu betreten, sich sofort nach dem Gartenzimmer begab. Das Haus und die Nebengebäude lagen still und dunkel da; nichts regte sich mehr in dem ganzen Umkreise. Was hier lebte und schaffte, war gewohnt, den Tag für die Arbeit zu benutzen, und forderte dafür Nachts seine ungestörte Ruhe. Es war ein Glück, daß das Gartenhaus so fern und einsam lag, sonst wären die Hausgenossen und die Nachbarschaft wohl noch unduldsamer gewesen gegen den jungen Componisten, der es nun einmal nicht lassen konnte, so spät er auch oft nach Hause kam, stets noch seinen Flügel aufzusuchen, und den oft genug der lichte Morgen in seinen musikalischen Phantasien überraschte.

Es war eine stille und mondhelle, aber scharfe und rauhe nordische Frühlingsnacht. In dem dämmernden Lichte sahen diese Mauern und Giebel, die den Garten einengten, noch düsterer und gefängnißartiger aus als am Tage; die Fluth des Canals erschien noch schwärzer in dem blassen Mondstreif, der darüber hin zitterte, und die noch kahlen, blattlosen Bäume und Gesträuche schienen zu leben und zusammenzuschauern in dem kalten Nachtwinde, der erbarmungslos darüber wegfuhr. Man befand sich bereits im April, und doch zeigten sich kaum die ersten Knospen. „Dieser armselige Frühling mit seinem mühseligen Wachsen und Gedeihen, seinen grauen Regentagen und kalten Winden!“ Das hatte Reinhold erst vor wenigen Tagen aussprechen hören, und dann war eine glühende Schilderung jenes Frühlings gefolgt, der wie mit einem Zauberschlage auf den Fluren des Südens emporblüht, jener Sonnentage mit dem ewig blauen Himmel und der tausendfachen Farbenpracht der Erde, jener Mondscheinnächte voll Orangenduft und Liederklang. Der junge Mann mußte wohl noch Kopf und Herz voll haben von diesem Bilde; denn er blickte noch verächtlicher als sonst auf die dürftig kahle Umgebung und schob ungeduldig einen Fliederzweig zur Seite, dessen braune eben erst aufbrechende Knospen seine Stirn streiften. Er hatte keinen Sinn mehr für die Gaben dieses armseligen Frühlings und keine Lust mehr, so mühselig zu wachsen und zu gedeihen wie die Knospen hier, ewig im Kampfe mit Reif und Wind. Hinaus in die Freiheit, das war der einzige Gedanke, der ihn jetzt noch erfüllte.

Reinhold öffnete die Thür des Gartenzimmers und fuhr wie in plötzlichem Schrecken zurück. Es dauerte einige Secunden, ehe er in der Gestalt, die da an seinem Flügel lehnte, hell beschienen vom Mondlichte, das durch durch das Fenster fiel, seine Gattin kannte.

„Du bist es, Ella?“ rief er endlich rasch eintretend. „Was giebt es? Ist etwas vorgefallen?“

[444] Sie machte eine verneinende Bewegung. „Nichts! Ich wartete nur auf Dich.“

„Hier? Und zu dieser Stunde?“ fragte Reinhold auf’s Aeußerste befremdet. „Was fällt Dir denn ein?“

„Ich sehe Dich ja fast nie mehr,“ war die leise Antwort, „höchstens noch bei Tisch in Gegenwart der Eltern, und ich wollte Dich einmal allein sprechen.“

Sie hatte bei diesen Worten die Lampe angezündet und auf den Tisch gestellt. Die junge Frau trug noch das dunkle Seidenkleid, das sie heute Abend im Theater getragen; es war freilich auch schmucklos und einfach genug, aber doch nicht so derb und unkleidsam wie ihre gewöhnlichen Hausanzüge. Auch die sonst immer unvermeidliche Haube war verschwunden, und jetzt, wo sie fehlte, sah man erst, welch ein seltener Reichthum sich unter ihr geborgen hatte. Das blonde Haar, das sonst immer nur in einem schmalen Streifen sichtbar wurde, ließ sich kaum bergen in den schweren Flechten, die sich jetzt ist ihrer ganzen prachtvollen Fülle zeigten; aber dieser natürliche Schmuck, mit dem wohl jede andere Frau geprunkt hätte, wurde hier beinahe ängstlich Tag für Tag versteckt, bis ein Zufall ihn enthüllte, und doch schien er dem Kopfe ein ganz anderes Gepräge zu geben.

Reinhold hatte wie gewöhnlich kein Auge dafür; er sah die junge Frau kaum an und hörte nur flüchtig und zerstreut auf ihre Worte. Es lag auch nicht die leiseste Spur eines Vorwurfs darin, aber er mußte doch so etwas herausfühlen, denn er sagte ungeduldig:

„Du weißt doch, daß ich gerade jetzt von allen möglichen Seiten in Anspruch genommen werde. Meine neue Composition, die in den letzten Wochen vollendet wurde, ist heute Abend zum ersten Male in die Oeffentlichkeit getreten –“

„Ich weiß es,“ unterbrach ihn Ella, „ich war im Theater.“

Reinhold stutzte. „Du warst im Theater?“ fragte er rasch und scharf. „Mit wem? Auf wessen Veranlassung?“

„Ich war allein dort. Ich wollte –“ sie stockte und fuhr dann zögernd fort: „ich wollte doch auch einmal Deine Töne hören, von denen alle Welt spricht, und die nur ich nicht kenne.“

Ihr Gatte schwieg und sah sie forschend an. Die junge Frau verstand sich schlecht auf die Verstellung, und die Lüge wollte nicht über ihre Lippen. Sie stand vor ihm, todtenblaß, bebend an allen Gliedern; es bedurfte keines besonderen Scharfblickes, um hier die Wahrheit zu errathen, und Reinhold errieth sie sofort.

„Und allein deshalb gingst Du?“ sagte er endlich langsam. „Willst Du mich täuschen mit dem Vorwande oder vielleicht Dich selber? Ich sehe, das Gerücht hat bereits bis zu Dir seinen Weg gefunden, Du hast mit eigenen Augen sehen wollen – natürlich! Wie konnte ich auch glauben, daß es mir und Dir erspart bleiben würde!“

Ella blickte auf. Das war wieder die finster umschattete Stirn, die sie stets an ihren Gatten zu sehen gewohnt war, der Blick düsterer Schwermuth, der Ausdruck eines trotzig niedergehaltenen Leidens, kein Hauch mehr von jenem strahlenden Triumphe, der vor wenig Stunden seine Züge so verklärte; das war ja draußen gewesen, fern von den Seinen; für die Heimath blieb nur der Schatten übrig.

„Warum antwortest Du nicht?“ begann er von Neuem. „Denkst Du, ich wäre Feigling genug, die Wahrheit abzuleugnen? Wenn ich sie Dir bisher verschwieg, so geschah es aus Schonung für Dich; jetzt, wo Du sie kennst, werde ich Dir Rede stehen. – Man hat Dir von der jungen Künstlerin erzählt, der ich die erste Anregung zum Schaffen, meinen ersten Erfolg und den heutigen Triumph danke. Man hat Dir das Verhältniß zwischen uns, Gott weiß wie, geschildert, und Du hältst das nun natürlich für ein todeswürdiges Verbrechen.“

„Nein. Aber für ein Unglück.“

Der Ton dieser Worte hätte wohl Jeden entwaffnet; auch Reinhold’s Gereiztheit hielt nicht Stand davor. Er trat ihr näher und ergriff ihre Hand.

„Armes Kind!“ sagte er mitleidig. „Ein Glück war es freilich nicht, was der Wille Deines Vaters Dir bestimmte. Du mehr als jede Andere bedurftest eines Gatten, der Tag für Tag im ruhigen Kreislaufe der Alltäglichkeit wirkt und schafft, ohne auch nur mit einem Wunsche darüber hinauszureichen, und gerade Dich hat das Schicksal an einen Mann gekettet, den es gewaltsam fortreißt auf andere Bahnen. Du hast ganz Recht: das ist ein Unglück für uns Beide.“

„Das heißt: ich bin es Dir,“ ergänzte die junge Frau tonlos. „Sie freilich wird es wohl besser verstehen, Dir Glück zu geben.“

Reinhold ließ ihre Hand fallen und trat zurück. „Du bist im Irrthum,“ versetzte er beinahe rauh, „und verkennst vollständig das Verhältniß zwischen Signora Biancona und mir. Es ist ein rein ideales gewesen vom ersten Augenblicke an, und ist es noch bis zu dieser Stunde. Wer Dir etwas Anderes gesagt hat, ist ein Lügner.“

Es schien, als wolle Ella aufathmen bei den ersten Worten; aber bei den nächsten schon zog sich ihr Herz wie im Krampfe zusammen. Sie wußte, daß ihr Gatte keiner Lüge fähig sei, am wenigsten in solchem Augenblicke, und er sagte ihr, das Verhältniß sei ein ideales. Noch war es das, daran zweifelte sie nicht, aber auf wie lange? Sie hatte heute Abend im Theater selbst die dämonischen schwarzen Augen leuchten sehen, denen so leicht nichts widerstand, hatte gesehen, wie jene Frau in ihrer Rolle die ganze Stufenleiter der Empfindungen bis zur höchsten Leidenschaft hinauf durchlief, wie diese Leidenschaft das Publicum zum Beifallssturme fortriß, und sie konnte sich unschwer sagen, daß, wenn es der Italienerin beliebt hatte, bisher nur die beglückende Muse zu sein, die den jungen Tondichter an ihrer Hand in das Reich der Kunst einführte, wohl die Stunde kommen werde, wo sie ihm etwas Anderes sein wollte.

„Ich liebe Beatrice,“ fuhr Reinhold mit einer Aufrichtigkeit fort, von deren Grausamkeit er in der That keine Ahnung zu haben schien, „aber diese Liebe kränkt und verletzt keines von Deinen Rechten. Sie gilt der Musik, als deren verkörperter Genius sie mir entgegentrat, gilt dem Besten und Höchsten in meinem Leben, dem Ideale –“

„Und was bleibt dann noch für Dein Weib übrig?“ unterbrach ihn Ella.

Er schwieg betroffen. Die Frage, so einfach sie war, klang doch eigenthümlich in dem Munde seiner für so beschränkt gehaltenen Gattin. Es war ja selbstverständlich, daß sie sich mit dem begnügen mußte, was noch übrig blieb, mit dem Namen, den sie trug, und dem Kinde, dessen Mutter sie war. Sie schien das seltsamerweise gar nicht begreifen zu wollen, und Reinhold verstummte völlig vor dem ruhigen und doch vernichtenden Vorwurfe dieser Frage.

Die junge Frau stützte die Hand auf den Flügel. Sie kämpfte sichtbar mit der Furcht, welche sie von jeher vor ihrem Manne gehegt, dessen geistige Ueberlegenheit sie tief empfand, ohne gleichwohl je den Versuch zu wagen, sich zu ihm zu erheben. In dem Bewußtsein, daß er hoch über ihr stehe, hatte sie sich ihm stets unbedingt untergeordnet, ohne damit jemals etwas Anderes zu erreichen, als eine Duldung, die nahe an Verachtung streifte. Jetzt, wo er eine Andere liebte, hörte die Duldung auf; die Verachtung war geblieben – das fühlte sie deutlich aus seinem Geständnisse heraus, das er so ruhig, so sicher that; seine Liebe zu der schönen Sängerin „kränkte und verletzte ja keines von ihren Rechten“; sie hatte ja überhaupt kein Recht an sein geistiges Leben. Und diesen Mann sollte sie festhalten, jetzt, wo ihm die Liebe einer schönen, von aller Welt gefeierten Künstlerin, wo ihm der Zauberschein Italiens, wo ihm eine Zukunft voll Ruhm und Glück winkte, sie, die nichts zu geben hatte, als sich selber – Ella fühlte jetzt erst das Unmögliche der Aufgabe, die man ihr zugewiesen.

„Ich weiß es, Du hast nie zu uns gehört, nie Jemand von uns lieb gehabt,“ sagte sie mit stiller Resignation. „Gefühlt habe ich es wohl immer; klar geworden ist es mir erst, seit ich Deine Frau bin, und da war es zu spät. Aber ich bin es doch nun einmal, und wenn Du mich und das Kind verlassen, aufgeben willst um einer Anderen willen –“

„Wer sagt das?“ fuhr Reinhold mit einer Entrüstung auf, die ihn freisprach von dem Verdachte, daß ein solcher Gedanke wirklich schon in seine Seele gekommen war. „Verlassen? Dich und das Kind aufgeben? Niemals!“

Die junge Frau richtete das Auge fragend auf ihn, als verstehe sie ihn nicht.

„Du sagtest doch soeben, Du liebtest Beatrice Biancona?“

„Ja, aber –“

[445] „Aber? So mußt Du auch wählen zwischen ihr und uns.“

„Du entwickelst ja auf einmal eine ganz ungewöhnliche Bestimmtheit,“ rief Reinhold gereizt. „Ich muß? Und wenn ich es nun nicht thue? Wenn ich diese ideale Künstlerliebe für vollkommen vereinbar halte mit meinen Pflichten, wenn –“

„Wenn Du ihr nach Italien folgst,“ ergänzte Ella.

„Also auch das weißt Du schon?“ fuhr der junge Mann heftig auf. „Du scheinst ja so vortrefflich unterrichtet zu sein, daß mir nur noch übrig bleibt, die Nachrichten, die man Dir so freundlich zugetragen, zu bestätigen. Es ist allerdings meine Absicht, in Italien meine Studien fortzusetzen, und wenn ich dort Signora Biancona begegnen sollte, wenn ihre Nähe mir neue Begeisterung zum Schaffen giebt, ihre Hand mir die Künstlerwelt öffnet, so werde ich nicht der Thor sein, das Alles zurückzustoßen, blos weil ich nun einmal das Schicksal habe – eine Frau zu besitzen.“

Ella zuckte zusammen bei der schonungslosen Härte dieser letzten Worte.

„Schämst Du Dich dieser Frau so sehr?“ fragte sie leise.

„Ella, ich bitte Dich –“

„Schämst Du Dich meiner so sehr?“ wiederholte die junge Frau scheinbar ruhig, aber es war ein seltsamer, nervendurchzitternder Klang in ihrer Stimme. Reinhold wendete sich ab.

„Sei nicht kindisch, Ella!“ erwiderte er ungeduldig. „Glaubst Du, daß es für einen Mann wohlthuend oder erhebend ist, wenn er von seinen ersten Erfolgen nach Hause kommt und findet hier Klagen, Vorwürfe, kurz, die ganze nüchterne Prosa der Häuslichkeit. Du hast mich bisher damit verschont und solltest das auch in Zukunft thun. Du könntest sonst die Erfahrung machen, daß ich nicht der geduldige Ehemann bin, der dergleichen Scenen widerstandslos über sich ergehen läßt.“

Es bedurfte nur eines einzigen Blickes auf die junge Frau, um die grenzenlose Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs zu erkennen. Sie stand da, nicht wie eine Anklägerin, sondern wie eine Verurtheilte, fühlte sie doch, daß in dieser Stunde das Urtheil ihrer Ehe und ihres Lebens gesprochen wurde.

„Ich weiß wohl, ich bin Dir nie etwas gewesen,“ sagte sie mit bebender Stimme, „habe Dir nie etwas sein können, und wenn es sich jetzt nur um mich handelte, so ließe ich Dich gehen, ohne ein Wort, ohne eine Bitte weiter. Aber das Kind steht ja noch zwischen uns, und da“ – sie hielt einen Augenblick inne und athmete tief auf – „da wirst Du es wohl begreifen, wenn die Mutter Dich noch einmal bittet – daß Du bei uns bleibst.“

Die Bitte kam scheu, zaghaft heraus; man hörte ihr die Ueberwindung an, die es sie dem Manne gegenüber kostete, in dessen Herzen auch nicht mehr eine Stimme für sie sprach, und doch bebte in den letzten Worten ein so rührend angstvolles Flehen, daß es nicht ganz ungehört an dem Ohre ihres Gatten verhallte. Er wandte sich wieder zu ihr.

„Ich kann nicht bleiben, Ella,“ entgegnete er milder als vorhin, aber doch mit kühler Bestimmtheit. „Es handelt sich um meine Zukunft. Du ahnst nicht, was in dem Worte für mich liegt. Begleiten kannst Du mich nicht mit dem Kinde. Abgesehen davon, daß dies bei einer Studienreise unmöglich ist, würdest Du Dich bald genug unglücklich fühlen in einem fremden Lande, dessen Sprache Du nicht verstehst, unter Verhältnissen und Umgebungen, denen Du auch nicht entfernt gewachsen bist. Du wirst Dich jetzt überhaupt gewöhnen müssen, mich und mein Leben mit einem andern Maßstabe zu messen, als mit dem des engherzigen Vorurtheils und der kleinbürgerlichen Beschränktheit. Du bleibst mit dem Kleinen hier im Schutze Deiner Eltern; in spätestens einem Jahre kehre ich zurück. In diese Trennung mußt Du Dich fügen.“

Er sprach ruhig, freundlich sogar, aber jedes Wort war eine eisige Zurückweisung, ein ungeduldiges Abschütteln der ihm lästigen Bande. Hugo hatte Recht: er lag bereits zu tief im Banne der Leidenschaft, um noch auf irgend eine andere Stimme zu hören – es war zu spät. Ein kaltes, mitleidloses „Du mußt Dich fügen“ war die einzige Antwort auf jene rührende Bitte.

Ella richtete sich mit einer ihr sonst fremden Entschlossenheit empor, und es war auch ein fremder Klang in ihrer Stimme; es lag etwas darin von dem Stolze des Weibes, der, jahrelang getreten und unterdrückt, sich endlich doch aufbäumte, als man ihm das Aeußerste bot.

„In die Trennung, ja!“ erwiderte sie fest. „Ich bin ja machtlos dagegen. Aber nicht in Deine Rückkehr, Reinhold. Wenn Du jetzt gehst, mit ihr gehst, trotz meiner Bitte, trotz unseres Kindes, so thue es – aber dann gehe auch für immer!“

„Willst Du mir Bedingungen stellen?“ rief Reinhold auflodernd. „Habe ich es nicht jahrelang getragen, dieses Joch, das die sogenannten Wohlthaten Deines Vaters mir aufzwangen, das meine Kindheit verbittert, meine Jugend vernichtet hat und mich jetzt an der Schwelle des Mannesalters zwingt, mir das erst in endlosen Kämpfen zu erobern, was ein Jeder als sein natürliches Recht beansprucht, die freie Selbstbestimmung? Ihr habt mich losgelöst von Allem, was Anderen Freiheit und Glück heißt, habt mich festgekettet an eine verhaßte Lebenssphäre mit allen nur möglichen Banden und glaubtet nun Eures Eigenthums sicher zu sein. Aber endlich ist doch für mich die Stunde gekommen, wo es beginnt, zu tagen, und wenn es dann auf einmal wie ein Blitz in die Seele niederschlägt und in flammender Klarheit das Ziel zeigt und den Preis am Ziele, dann erwacht man aus dem jahrelangen dumpfen Traume und findet sich – in Fesseln.“

Es war ein Ausbruch der wildesten Leidenschaftlichkeit, des glühendsten Hasses, der schrankenlos hervorbrach, ohne danach zu fragen, ob er sich über Schuldige oder Unschuldige ergoß. Das ist ja eben das furchtbar Dämonische der Leidenschaft, daß sie den Haß gegen Alles kehrt, was sich ihr entgegenstellt, und träfe dieser Haß auch die nächsten und heiligsten, träfe er auch die selbstgeknüpften Bande.

Es folgte eine lange, todtenstille Pause. Reinhold hatte sich, überwältigt von der Aufregung, in einen Sessel geworfen und die Hand über die Augen gelegt. Ella stand noch an demselben Platze wie vorhin; sie sprach nicht, regte sich nicht; selbst das Beben, das so oft während der Unterredung sie durchzitterte, hatte aufgehört. So vergingen mehrere Minuten, da endlich näherte sie sich langsam ihrem Gatten.

„Das Kind läßt Du mir doch wohl?“ sagte sie mit zuckender Lippe. „Dir würde es nur eine – Last sein in Deinem neuen Leben, und ich habe ja sonst nichts weiter auf der Welt.“

Reinhold sah auf und sprang dann plötzlich empor. Es waren nicht die Worte, die ihn so seltsam erschütterten, auch nicht die todtenstarre Ruhe ihres Gesichtes; es war der Blick, der sich auch ihm jetzt so unerwartet und überraschend entschleierte, wie einst seinem Bruder. Zum ersten Male sah auch er in dem Antlitze seiner Gattin die „schönen blauen Märchenaugen“, die er so oft an seinem Knaben bewundert, ohne je danach zu fragen, woher sie stammten, und diese Augen waren jetzt groß und voll auf ihn gerichtet. Es stand keine Thräne darin, auch keine Bitte mehr, aber ein Ausdruck, dessen er Ella nie für fähig gehalten, ein Ausdruck, vor dem sein Auge zu Boden sank.

„Ella,“ sagte er ungewiß. „Wenn ich zu heftig war – was hast Du, Ella?“

Er wollte ihre Hand ergreifen; sie wich zurück.

„Nichts. Wann gedenkst Du zu reisen?“

„Ich weiß nicht,“ antwortete Reinhold immer mehr betreten. „In einigen Tagen – oder Wochen – es eilt nicht.“

„Ich werde die Eltern benachrichtigen. Gute Nacht!“ Sie wandte sich, um zu gehen. Er that ihr heftig einen Schritt nach, als wolle er sie zurückhalten. Ella blieb.

„Du hast mich mißverstanden.“

Die junge Frau richtete sich hoch und fest auf. Sie schien auf einmal eine Andere geworden zu sein; diesen Ton und diese Haltung hatte Ella Almbach nie gekannt.

„Die ‚Fessel‘ soll Dich nicht länger drücken, Reinhold. Du wirst ungehindert Dein Ziel erreichen und Deinen – Preis. Gute Nacht!“

Sie öffnete rasch die Thür und trat hinaus. Das Mondlicht fiel hell auf die schlanke Gestalt ist dem dunklen Kleide, auf das starre blasse Antlitz und die blonden Flechten. Im nächsten Augenblicke schon war sie verschwunden. Reinhold stand allein.




„Das ist jetzt ein Elend hier im Hause!“ sagte der alte Buchhalter im Comptoir, indem er die Feder hinter das Ohr steckte und das Rechnungsbuch zuklappte. „Der junge Herr seit drei Tagen fort, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben, ohne nach Frau und Kind zu fragen – der Herr Capitain setzt den Fuß nicht mehr [446] über die Schwelle – der Principal geht in einer Wuth herum, daß man es kaum wagt, ihm nahe zu kommen, und die junge Frau Almbach sieht aus, daß Einem das Herz in der Brust weh thut, wenn man sie nur anschaut. Weiß der Himmel, was aus dieser unglückseligen Geschichte noch werden wird!“

„Aber wie ist denn der Bruch nur so plötzlich gekommen?“ fragte der erste Commis, der gleichfalls – es war der Schluß der Comptoirstunde – seine Schreibereien bei Seite legte und sein Pult verschloß.

Der Buchhalter zuckte die Achseln. „Plötzlich? Ich glaube kaum, daß er Einem von uns unerwartet kam. Das hat ja wochen- und monatelang gewühlt in der Familie; es fehlte nur noch der Funke in all dem Zündstoffe, und der ist schließlich auch gekommen. Frau Almbach brachte aus einer Damengesellschaft die Neuigkeit mit nach Hause und so erfuhr denn auch ihr Mann, was bereits die halbe Stadt weiß, und was nun freilich Keiner gern von seinem Schwiegersohne hört. Sie kennen ja den Principal und wissen, mit welchem Widerwillen er von jeher diese ganze Künstlergeschichte angesehen, wie er dagegen gekämpft hat, und nun noch diese Entdeckung! Er ließ den jungen Herrn rufen, und da gab es einen Auftritt – ich habe ihn theilweise im Nebenzimmer mit angehört. Hätte Herr Reinhold sich wenigstens noch vernünftig benommen und nachgegeben, hier, wo er doch wahrhaftig nicht schuldlos war, die Sache wäre vielleicht noch beigelegt worden, statt dessen aber setzte er seinen ärgsten Trotzkopf auf, sagte dem Schwiegervater in’s Gesicht, er wolle nicht länger Kaufmann bleiben, wolle nach Italien gehen, Musiker werden, er habe die Sclaverei hier lange genug ausgehalten, und was dergleichen Dinge mehr waren. Der Principal kannte sich nicht mehr vor Wuth; er verbot, drohte, beleidigte endlich, und da freilich war’s aus. Der junge Herr brach los mit einer Wildheit, daß ich glaubte, es würde ein Unglück geben. Wie wahnsinnig stampfte er mit dem Fuße und rief: ‚Und wenn die ganze Welt sich dagegen setzt, es geschieht doch. Ich lasse mich nicht länger knechten, lasse mir mein Denken und Fühlen nicht vorschreiben.‘ Und in dem Tone ging es fort; eine Stunde darauf stürmte er aus dem Hause und hat noch nichts wieder von sich hören lassen. Gott bewahre einen Jeden vor solchen Familienscenen!“

Der alte Herr legte die Feder bei Seite, verließ seinen Sitz und wünschte den übrigen Herren einen guten Abend, während er zugleich Anstalt machte, das Comptoir zu verlassen. Er hatte aber kaum einige Schritte in den Hausflur hinaus gethan, als er dort mit Hugo Almbach zusammentraf, der rasch von der Straße her einbog. Der Buchhalter schlug im freudigen Schreck die Hände zusammen.

„Gott sei Dank, daß wenigstens Sie sich wieder sehen lassen, Herr Capitain!“ rief er. „Es thut uns wahrlich Noth hier im Hause.“

„Steht das Thermometer immer noch auf Sturm?“ fragte Hugo, mit einem Blicke nach dem oberen Stock hinauf.

Der Buchhalter seufzte. „Auf Unwetter! Vielleicht bringen Sie uns Sonnenschein.“

„Schwerlich!“ sagte Hugo ernst. „Augenblicklich suche ich Frau Almbach. Sie ist doch zu Hause?“

„Ihre Frau Tante ist mit dem Herrn Principal ausgegangen,“ berichtete Jener.

„Nicht doch. Ich meine meine Schwägerin.“

„Die junge Frau? Du lieber Gott, die haben wir in den drei Tagen kaum zu Gesichte bekommen. Sie wird wohl oben im Kinderzimmer sein; sie geht jetzt kaum eine Minute mehr weg von dem Kleinen.“

„Ich werde sie aufsuchen,“ erklärte Hugo, mit flüchtigem Gruße die Treppe hinaufeilend. „Guten Abend!“

Der Buchhalter sah ihm kopfschüttelnd nach. Er war es so gar nicht gewohnt, daß der junge Capitain ohne irgend einen Scherz, ohne eine Neckerei an ihm vorüberging, und er hatte auch die Wolke bemerkt, die heute auf der sonst so hellen Stirn des jungen Mannes lag. Er schüttelte noch einmal den Kopf und wiederholte seinen Stoßseufzer von vorhin. „Weiß der Himmel, wie die Geschichte enden wird!“

Hugo hatte inzwischen die Wohnung seiner Schwägerin erreicht. „Ich bin’s, Ella,“ sagte er eintretend. „Habe ich Sie erschreckt?“

Die junge Frau war allein; sie saß am Bettchen ihres Knaben. Der jugendlich rasche Schritt draußen und das schnelle Oeffnen der Thür mochten sie wohl über den Kommenden getäuscht haben, sie hatte sicher einen Anderen erwartet. Das bewies ihr jähes Auffahren und die Gluth in ihrem Antlitz, die urplötzlich einer tiefen Blässe wich, als sie in dem Eintretenden ihren Schwager erkannte.

„Der Onkel treibt die Ungerechtigkeit so weit, auch mir sein Haus zu verbieten,“ fuhr dieser fort, indem er näher trat. „Er hält nun einmal fest an dem Gedanken, daß auch ich einen Antheil an dem unglückseligen Zerwürfniß habe. Ich hoffe, Ella, Sie sprechen mich frei davon.“

Die junge Frau hörte kaum auf die letzten Worte. „Sie bringen mir Nachricht von Reinhold?“ fragte sie rasch mit fliegendem Athem. „Wo ist er?“

„Sie haben doch wohl nicht erwartet, daß er selbst kommt,“ fragte der Capitain ausweichend. „Welche Schuld er auch bei der ganzen Sache tragen mag, die Behandlung von Seiten des Onkels war derart, daß sich ein Jeder dagegen erhoben hätte. In dem Punkte stehe ich ganz auf seiner Seite und begreife es vollkommen, daß er mit der Absicht ging, nicht zurückzukehren. Ich hätte es auch gethan.“

„Es war ein furchtbarer Auftritt,“ versetzte Ella, die hervorbrechenden Thränen niederkämpfend. „Die Eltern erfuhren von anderer Seite, was ich ihnen um jeden Preis verbergen wollte, und Reinhold war entsetzlich in seiner wilden Gereiztheit. Er verließ uns, aber ein Wort hätte er mir in den drei Tagen doch zukommen lassen können, wenigstens durch Sie. Er ist doch bei Ihnen?“

„Nein,“ erwiderte Hugo kurz, beinahe herb.

„Nicht?“ wiederholte Ella, „er ist nicht bei Ihnen? Ich nahm es als selbstverständlich an, daß er dort sei.“

Der Capitain sah zu Boden. „Er kam zu mir, und zwar in der Absicht, zu bleiben, aber es stellte sich eine Differenz zwischen uns heraus. Reinhold ist maßlos heftig, wenn ein gewisser Punkt berührt wird; ich konnte und mochte ihm meine Ansichten darüber nicht verhehlen, und wir geriethen zum ersten Male in unserem Leben ernstlich in Streit. Er verweigerte es daraufhin, mein Gast zu sein; ich habe ihn erst heute Mittag wiedergesehen.“

Ella erwiderte nichts. Sie fragte auch nicht, was den Anlaß zum Streite gegeben, fühlte sie doch nur zu gut, daß sie in dem für so leichtsinnig, übermüthig und herzlos gehaltenen Schwager den energischsten Schutz ihrer Rechte gehabt hatte.

„Ich habe noch einmal das Aeußerste versucht,“ sagte er dicht an ihre Seite tretend, „obgleich ich wußte, daß es umsonst sein werde. Aber Sie – Ella? Konnten Sie ihn nicht halten?“

„Nein,“ entgegnete die junge Frau. „Ich konnte nicht – und ich wollte auch nicht mehr.“

Statt aller Antwort wies Hugo nach dem schlafenden Kinde hinüber; sie schüttelte heftig den Kopf.

„Um seinetwillen habe ich mich überwunden und den Mann, der sich um jeden Preis von mir losreißen wollte, gebeten zu bleiben. Ich wurde zurückgewiesen; er ließ es mich fühlen, welch eine Fessel ich ihm bin – so mag er denn frei werden!“

Hugo’s Blick ruhte forschend auf ihrem Antlitz, das wieder jenen Ausdruck von Energie zeigte, der diesen Zügen einst so fremd gewesen war, langsam zog er ein Billet hervor.

„Wenn Sie denn vorbereitet sind – ich habe Ihnen einige Zeilen von Reinhold zu bringen. Er übergab sie mir vor einigen Stunden.“

Die junge Frau fuhr zusammen. Die eben noch gezeigte Festigkeit wollte nicht Stand halten, als sie auf dem Couvert die Handschrift ihres Gatten erblickte, nur seine Handschrift, wo sie sich mit Todesangst an die Hoffnung geklammert, er werde selbst kommen und wäre es auch nur, um Abschied zu nehmen. Mit bebender Hand nahm sie den Brief und erbrach ihn; er enthielt nur wenige Zeilen.

„Du bist Zeugin des Auftrittes zwischen Deinem Vater und mir gewesen und wirst es daher begreifen, daß ich sein Haus nicht wieder betrete. An meinem Entschlusse ändert jene Scene nichts; sie beschleunigt nur meine Abreise, denn die Tactlosigkeit Deiner Eltern hat der Sache eine Oeffentlichkeit gegeben, die es mir nicht wünschenswerth erscheinen läßt, auch nur eine [447] Stunde länger in H. zu bleiben, als unbedingt nothwendig ist. Ich kann Dir und dem Kinde nicht persönlich Lebewohl sagen; denn ich setze nicht wieder den Fuß über die Schwelle, von der man mich in solcher Weise fortwies. Meine Schuld ist es nicht, wenn die zeitweise Trennung, die ich erzwingen wollte, jetzt zu einer dauernden wird und sich im gewaltsamen Bruche vollzieht. Du warst es, die mir die Bedingung stellte, entweder zu bleiben, oder für immer zu gehen. Nun denn, ich gehe! Vielleicht ist es das Beste für uns Beide. Lebe wohl!

(Fortsetzung folgt.)




Die Gartenlaube (1874) b 447.jpg

Ein Grüß-Gott im Vorbeigehen.
Originalzeichnung von L. Braun.


Im Vorbeigehn.

Grüß Gott, im Vorbeigehn!
Das trifft sich ja gut:
So ein Gruß giebt zum Jagen
Gar fröhlichen Muth.

5
„Jawohl, im Vorbeigehn

Drückst Du mir die Hand –
Und steigst in die Berge
Zur schwindelnden Wand.“

Dort denk’ ich an Dich,

10
Und da geb’ ich schon Acht;

Hab’ allweil im Vorbeigehn
deinen Gruß Dir gebracht.

„Und hat das Vorbeigehn
Niemalen ein End’,

15
Daß man endlich für immer

Beisammen sein könnt’?“

Ja, Schatz, wenn Du Das willst,
So woll’n wir’s all’ Zwei –
Und da ist’s ja gleich mit dem

20
Vorbeigehn vorbei!




Die Kaninchen-Zucht in Deutschland.


Von Prof. Dr. Friedrich Anton Zürn.


(Schluß.)


Frankreich producirt jährlich achtzig bis fünfundachtzig Millionen Kaninchen, von denen etwa drei Millionen jährlich in Paris consumirt werden; die übrigen werden in anderen Theilen Frankreichs verzehrt oder in das Ausland geschafft. Der Erlös aus diesen Kaninchen ist, wie bereits erwähnt, mit einhundertneunzig bis zweihundert Millionen Franken mindestens anzuschlagen. Namentlich sind es die kleinen bäuerlichen Wirthe, welche die Kaninchenzucht treiben, freilich meist nur für den [448] eigenen Bedarf; ferner die Gärtner, welche ihre Etablissements in der Nähe größerer Städte haben; sie sind es, welche viele Kaninchen zum Verkaufe bringen. Im südlichen Frankreich, in Belgien und Holland werden massenhaft die „lapins“ gezogen und nach dem Auslande geschafft. So wurde mir versichert, daß in Flandern ein Ort Roulers sei, in welchem Kaninchenschlächtereien zu finden, die im Winter wöchentlich sechszigtausend Stück dieser Thiere nach London liefern, und ebenso ist es bekannt, daß von Ostende aus im Winter wöchentlich fünfzig- bis hunderttausend Stück nach London geschafft werden. Durch eine im englischen Oberhause gehaltene Rede des Lord Malmesbury wissen wir, daß nach England jährlich ein und eine halbe Million Kaninchen importirt, daß im genannten Lande zweiunddreißigtausendfünfhundert Tonnen (à zwanzig Center) Kaninchenfleisch verzehrt werden und daß die ärmere Bevölkerung der Stadt Nottingham allein wöchentlich dreitausend Stück Kaninchen consumirt. Das sind Zahlen, die wahrlich allein sprechen.

Das wilde Kaninchen wiegt ein halbes bis zwei Kilogramm, der gewöhnliche deutsche Stallhase zwei bis zwei und ein halbes Kilogramm, das englische Hängeohrkanin drei und ein halbes bis fünf Kilogramm, der Lapin ordinaire – wenn er sechs bis acht Monate alt ist und angemästet wurde – drei und ein halbes bis fünf Kilogramm, der Lapin bélier sieben bis neun Kilogramm (neun Kilogramm als Seltenheit).

In Belgien zahlt man für ein gemästetes, sehr schweres, sogenanntes Lapin fort (das Thier wird stark gefüttert, in engen Bretterverschlägen oder in hölzernen Kasten gehalten, damit es sich nicht viel bewegen kann, und wird dadurch bis acht Kilogramm schwer) höchstens fünf bis sechs Franken. In Frankreich giebt man auf dem Markte für ein halb- oder dreivierteljähriges etwa vier Kilogramm schweres Kaninchen dreieinhalb bis fünf Franken. Für das Fell können im Durchschnitt einhalb bis dreiviertel Franken erzielt werden. Das Pfund Fleisch kostet in Frankreich durchschnittlich sechszig Centimes oder etwa nach unserem Gelde fünf Silbergroschen; für fette, ganz besonders gute Waare wird jedoch auch achtzig Centimes pro Pfund bezahlt. Das Fleisch ist also keineswegs ein allzu billiges.

In Deutschland sind die Preise sehr viel geringer. Die deutsche landwirthschaftliche Zeitung giebt in ihrem Marktberichte an, daß in Berlin im Monat Februar dieses Jahres das deutsche Kaninchen pro Stück mit sechs bis zwölf Silbergroschen fünf Pfennige, Lapins aber mit zehn bis zweiundzwanzig Silbergroschen fünf Pfennige bezahlt worden seien.

Das Fleisch der Kaninchen kann sich nur als sehr billiges herausstellen, wenn man die Thiere zum eigenen Bedarf selbst gezogen hat und zwar in kleineren ökonomischen Wirthschaften, in Gärtnereien und dergleichen, wo sonst nicht verwerthbare Abfälle genug vorkommen, die als Nahrungsmittel für Kaninchen benutzt werden können.

Die hier in Frage stehenden Geschöpfe nützen uns aber nicht nur durch ihr Fleisch, sondern auch durch ihr Fell und ihre Haare. Die Winterkaninchenfelle kommen zunächst als Pelzwerk in Betracht. Schwarze Kaninchenhäute werden zu Trauerpelzwerk, weiße zu sogenannten imitirten Hermelin (hauptsächlich für Kinderpelzwaaren) verwendet. Weiße Kaninchenpelze kommen hauptsächlich als sogenannte „Lissakanin“ in den Handel. Von Polnisch-Lissa aus werden große Mengen dieser Felle in die Welt geschickt und man zahlt gewöhnlich acht bis zwanzig Thaler, ausnahmsweise für ganz schöne Waare dreißig Thaler pro hundert Stück. Keineswegs aber stammen diese Felle von dem in Polen und Rußland heimischen Himalayakanin allein, sondern es scheint häufig vorzukommen, daß man überall gesammelte weiße Kaninchenfelle nach Lissa schickt, um sie dort durch die in der Zubereitung der Felle sehr geschickten Kürschner zurichten zu lassen, und dann kommen die Häute, welche in Lissa durch die Hand der Kürschner gegangen sind, als Lissakanin in den Handel.

Was die sonstigen Preise der Felle anderer Kaninchen anlangt, so würde zu erwähnen sein, daß der Pelz des englischen Silberkanin eine sehr gesuchte Waare abgiebt. Echte, große, englische Silberkaninhäute bezahlt man bis zu vierzig Thaler für das Hundert. Die Bälge der gewöhnlichen englischen oder australischen Silberkaninchen gelten fünfzehn bis fünfundzwanzig Thaler das Hundert. Die Häute der gewöhnlichen deutschen Stallhasen scheinen nur geringen Werth zu haben; man versicherte mir, daß selten mehr als ein bis drei Silbergroschen für das Stück gezahlt werde. In Belgien kostet das Fell eines außergewöhnlich großen und mit feinen Haaren versehenen Lapin einen, höchstens zwei Franken, im Durchschnitt wird für die Haut eines sehr großen Kaninchens neunzig Centimes ausgegeben; große und kleine Bälge im Gemenge kosten nicht mehr als vierzig bis fünfzig Franken das Hundert.

In Belgien und Frankreich existiren eine große Anzahl von Fabriken, welche in wirklich meisterhafter Weise Kaninchenfelle zu färben verstehen. In der Stadt Gent allein werden über zweitausend Kaninchenpelzfärber beschäftigt. Eine der bedeutendsten derartigen Fabriken ist die Teinturerie De Peaux De Lapins von Chr. Zurée und Compagnie in Gent. Sie wurde 1867 gegründet; in ihr arbeiteten anfangs nur sehr wenige Arbeiter; sie hatte damals keine Dampfmaschine und gab sich nur mit Schwarzfärben der Felle ab. Gegenwärtig beschäftigt Chr. Zurée und Compagnie in einem sehr stattlichen vierstöckigen Gebäude zweihundertsechszig Arbeiter. Eine Dampfmaschine von fünfundfünfzig Pferdekräften, sowie eine Menge zweckmäßiger Maschinen, welche zur Zubereitung der Häute dienen, sind im Betriebe. Das Etablissement liefert jede Woche zwölfhundert Dutzend in verschiedener Weise zugerichteter und gefärbter Kaninchenfelle. Gerade diese Fabrik versteht es, nicht nur sehr schöne schwarzgefärbte Waare zu liefern, sondern auch Bälge, welche, wie es in einem Geschäftsberichte dieser Firma heißt, „die Färbung der kastanienbraunen Felle (nachgeahmte Fischotter) und der hellbraunen (nachgeahmter Marder), die Appretur der natürlichen Felle, sowohl der blauen, der weißen, wie der silberfarbigen etc.“, die zu jener Zeit sehr in Aufnahme waren, in täuschendster Weise vor Augen führen.

Ja, ja, geehrte Leserin! Gar manche Dame trägt Pelzwerk, das angeblich Feh, das heißt das kostbare Fell des grauen Eichhorns sein soll, oder aber Fischotter- oder Marderpelz, und es ist doch nichts weiter als geschickt gefärbter Kaninchenbalg. Auch der Stoff zu den in neuester Zeit in England so vielfach getragenen „Seehundjäckchen“ ist weiter nichts als gefärbter Kaninchenpelz. In Gent oder in Frankreich werden die einfach gefärbten Kaninchenfelle das Dutzend mit zweiundzwanzig bis sechsundzwanzig Franken bezahlt. Trotzdem in Deutschland einzelne Kaninchenpelzfärbereien vorhanden sind, schickt man doch meistentheils aus unserem Vaterlande die ausgezeichneteren Kaninchenbälge nach Gent oder nach Frankreich, angeblich weil dort das Färben besser und billiger ausgeführt wird. Der Mangel einer größeren Zahl gut eingerichteter Färbereien in Deutschland dürfte zwar mit einer regeren und gesteigerten Kaninchenproduction wegfallen, immerhin ist dieses Moment gegenwärtig als ein Hinderniß für die genügende Verwerthung der Felle bei eintretender Massenproduction von Kaninchen anzusehen.

Die Kaninchenhaare werden ferner zur Fabrikation von Hüten verwendet. Fast alle in Frankreich producirten Kaninchenhäute gehen zunächst nach Paris, wo sie sortirt werden. Die meisten werden dann in besonderen Etablissements geschoren, die einzelnen ausgezeichneten Bälge aber den Pelzfabriken abgelassen. Der Umsatz von Kaninchenfellen für die Hutfabrikation in Frankreich wird auf circa fünfunddreißig Millionen Franken, der für Pelzwerk auf acht bis zehn Millionen Franken angegeben. Die Felle der grauen englischen Gehegekaninchen und die der wilden Kaninchen aller Länder werden von dem deutschen Hutmacher, nach mir gemachten Angaben, besonders bevorzugt. Hundert Stück Felle von deutschen wilden Kaninchen wurden im vorigen Jahre bei uns mit neun oder zehn Thalern, hundert Stück von englischen grauen wilden oder von den Gehege-Kaninchen aber mit zehn oder elf Thalern bezahlt. Haare erster Qualität (vom Rücken) kosteten das Pfund drei Thaler bis drei Thaler zwanzig Groschen, solche zweiter Qualität (Haare vom Rücken und den Seitentheilen der Kaninchen) das Pfund zwei Thaler zwanzig Groschen. Die Haare vom Bauche, von den Keulen und vom Schwanz sollen die wenigst werthvollen und demgemäß die billigsten sein. In Oesterreich zahlen die Hutmacher für das Pfund zur Filzfabrikation geeigneter Kaninchenhaare jetzt durchschnittlich etwa sechs Gulden. Hundert kleine Kaninchenbälge geben etwa vier bis fünf Pfund Haare, während zehn gute große Hasenfelle ein Pfund für den Hutmacher brauchbare Haare liefern sollen. Die geschorenen Felle werden in Leimsiedereien verwerthet. Wie man früher ganz besonders die Haare des [449] Angorakaninchens zu sehr feinem Garn spinnen ließ, aus dem Strümpfe, Handschuhe u. dgl. gefertigt wurden, so finden jetzt die feineren, weichen Kaninchenhaare, entweder für sich gesponnen oder mit Wolle, Baumwolle oder Seide zusammengewebt, ihre Verwendung. Kaninchenwolle ist leider nur viel zu theuer, um vortheilhaft in Gespinnstproducten verwerthet zu werden.

In Großenzersdorf bei Wien hat Herr Alfred Russo eine große Kaninchenzucht. Genannter Herr hat sich das große Verdienst erworben, die Kaninchenzucht in Oesterreich eingeführt und gezeigt zu haben, daß Kaninchenhaare außer zu feinen Hüten, auch in gesponnenem Zustande vielfach zu verwerthen sind. Sehr feine und zarte, dabei haltbare Kaninchenhaar-Gespinnste und Strickwaaren, sowie Kaninchenwollstoffe, welche Herr Russo fertigen ließ, fanden allgemeine Anerkennung und wurden auf der Wiener Weltausstellung prämiirt.

Wie zu Gespinnsten, so benutzt man diese Haare auch zur Erzeugung sehr feiner Filzwaaren, z. B. zur Herstellung von Filzpantoffeln, Filzröcken etc.

Vergessen darf endlich nicht werden, daß der Kaninchendünger – besonders für Gärten – werthvoll ist.

Das bisher Mitgetheilte hat jedenfalls bewiesen, daß das Kaninchen ein sehr fruchtbares und in verschiedener Beziehung sehr nutzbringendes Hausthier genannt werden muß. Da dasselbe mit verhältnißmäßig wenigen Unkosten groß zu ziehen ist, ferner die Zucht dieser Thiere auch im kleinsten Maßstabe, also von ärmeren Leuten, betrieben werden kann, Franzosen, Engländer und Belgier aber uns gezeigt haben welches gewaltige Capital in und mit der Production von Kaninchen in Bewegung gesetzt wird, so muß ganz entschieden mit Freude begrüßt werden, daß sich jetzt auch in Deutschland das Interesse für die Zucht dieser Thiere gehoben hat und daß namentlich sich mehrfach (z. B. in Hildesheim, in Hannover und an anderen Orten) Kaninchenzüchtervereine gebildet haben.

Ganz besonders wünschenswerth ist es, daß der ärmere Mann, sofern seine Verhältnisse es gestatten, die Zucht der Kaninchen zum eigenen Bedarf ausübt, insbesondere in solchen Gegenden, wo die Bedingungen zur Haltung dieser Thiere auch günstige sind und notorisch die ärmere Bevölkerung der Fleischnahrung mehr oder weniger entbehren muß. Ich meine z. B. den Thüringer Wald, den Harz, das Erzgebirge. Wenn die Zahlen, welche uns die Statistik über den Fleischverbrauch in den verschiedenen Ländern des deutschen Reiches geliefert hat, auch nicht vollkommen zuverlässig sind, so bezeugen sie doch, wie nothwendig es ist, Alles zu unterstützen, was die Production eines für Menschen genießbaren und zuträglichen Fleisches heben und fördern kann. Nach Hausner beträgt der jährliche Fleischverbrauch pro Kopf der Bevölkerung in Baiern 34, Baden 25, Würtemberg 22, Preußen 19 und Sachsen 17 Kilogramm.

Könnte man ermitteln, wie sich z. B. der in Sachsen auf den Kopf der Bevölkerung kommende jährliche Fleischconsum von siebenzehn Kilogramm vertheilt auf den Reichen und den Armen, so würde entschieden ein Erstaunen erregendes Resultat über die Geringfügigkeit des jährlichen Fleischquantums, welches auf den Kopf der armen Bevölkerung kommt, zu Tage treten.

So sehr nun auch die Kaninchenzucht, namentlich für kleinere Leute auf dem Lande, empfohlen werden darf und es gewiß an der Zeit ist auch Versuche mit der Zucht dieser Thiere im Großen zu machen, trotzdem die bisherige Erfahrung lehrt, daß letzteres ein äußerst mühevolles Unternehmen ist, so ist es doch Pflicht vor allzustarken Illusionen über die Rentabilität dieses Erwerbszweiges nachdrücklich zu warnen.

Wer da glaubt Kaninchen in irgend einem beliebigen, dunklen, feuchten Stallwinkel halten zu können, wer da meint, daß diese Thiere eine besondere Aufmerksamkeit seitens des Besitzers nicht bedürfen, nicht gut gepflegt und abgewartet werden müßten, der irrt sich so sehr, wie Derjenige, der den marktschreierischen Reclamen gewisser Züchter Glauben schenkt und überzeugt ist durch die Kaninchenzucht in wenigen Jahren ein reicher Mann zu werden. Die Kaninchen bedürfen einer besonders aufmerksamen Pflege, wenn sie etwas einbringen und nicht ein bloßes Spielzeug für Kinder sein sollen; sie verlangen gut ventilirte reinliche, trockene Ställe; sie wollen einen öfteren Wechsel in der Nahrung, denn sie sind kleine Näscher; die trächtigen und säugenden Mutterthiere sind unverträglich und müssen meist isolirt werden; manche sind so beißsüchtig, daß sie die junge Zucht zerstören. Wenn den Kaninchen nicht recht genügende Abwartung zu Theil wird, verfallen sie leicht in Tod bringende Krankheiten, namentlich auch in durch Parasiten bedingte (z. B. die sogenannte Psorospermienkrankheit oder Gregarinose; die durch die erbsenförmigen Finnen – Vorstufen des im Hundedarme hausenden gesägten Bandwurms – hervorgerufene Krankheit; die Räude etc.).

Wer auf die große Fruchtbarkeit des Kaninchens pocht, der wolle bedenken, daß man zweckmäßiger Weise – um recht große und kräftige Nachkommen zu erzielen – das Weibchen im Jahr vielleicht nur vier bis fünfmal befruchten läßt, und ein solches am besten in einem Alter von acht Monaten zum ersten Male zur Zucht verwendet, über vier Jahre alte Exemplare aber von der Zucht ganz ausschließt.

Ueber die Kosten der Aufzucht und der Ernährung hat man sich auch vielfältig eine falsche Anschauung gebildet. Hochstetter behauptet in seiner vortrefflichen Broschüre „Das Kaninchen“ (Stuttgart bei Schickhardt und Ebner), „daß ein Kaninchen vom Tage der Geburt bis zum Alter von sechs Monaten etwa neun Silbergroschen zu erhalten koste, daß dieser Betrag aber wesentlich geringer sich stelle bei der Aufzucht solcher Thiere in kleineren ökonomischen Wirthschaften, in Gärtnereien etc.“

Kann man nicht darauf rechnen, daß theilweise sonst werthlose Abfälle zur Verwerthung kommen, so stellen sich die Erhaltungskosten bestimmt wesentlich höher. Bei allen Thieren, deren Benutzung in erster Linie auf Fleischproduction gerichtet ist – also auch bei den Kaninchen – muß auf gute Ernährung von erster Jugend an Bedacht genommen werden. Eine landwirthschaftliche Autorität ersten Ranges, welche sich auch praktisch mit der Züchtung größerer ausländischer Kaninchen beschäftigt hat, hatte die Güte mir mitzutheilen, daß im Durchschnitt ein Kaninchen, welches dergestalt ernährt worden sei, daß es nach Vollendung des ersten Halbjahres neun Pfund lebendes Gewicht aufzeigte, 1655/100 Silbergroschen zu erhalten gekostet habe. Rechnet man den Werth eines solchen Thieres so hoch, wie in Frankreich auf dem Markte für dasselbe gern gezahlt werden würde, nämlich vier bis fünf Franken, gleich einen Thaler zwei Silbergroschen bis einen Thaler zehn Silbergroschen, so wäre immerhin ein recht hübscher Gewinn erzielt. Ist der Preis freilich nicht höhere als er z. B. im Februar dieses Jahres sich in Berlin herausgestellt hat, nämlich zehn Silbergroschen bis zweiundzwanzig Silbergroschen fünf Pfennige, so würde entweder bedeutend zugesetzt oder doch nur wenig gewonnen worden sein.

Dazu kommt, daß die Interessen für das Anlagecapital häufig gar nicht in Anschlag gebracht werden. – Gewiß hat man aber auch daran zu denken, daß der Preis der Bälge und Haare von Kaninchen bei einer eintretenden Massenproduction dieser Thiere und einem daraus resultirenden vermehrten Angebote sinken wird. –

Der Verkauf von Zuchtkaninchen bei den bisher üblichen Preisen hat sich freilich als recht rentabel herausgestellt. Lapin ordinaire oder Lapin de garenne bester Qualität wird das Stück nicht unter sechs bis fünfzehn Franken, gleich einem Thaler achtzehn Silbergroschen bis vier Thalern, zu haben sein; Lapin bélier wird und zwar das Paar junger Thiere mit zwanzig bis vierzig Franken, gleich fünf Thalern zehn Silbergroschen bis zehn Thalern zwanzig Silbergroschen, das Paar zuchtfähiger Widderkaninchen aber mit sechszig bis hundert Franken, gleich sechszehn Thalern bis sechsundzwanzig Thalern zwanzig Silbergroschen, bezahlt. Diese hohen Preise haben nun auch manchen in- und ausländischen Speculanten veranlaßt, Zuchtkaninchen zu erziehen und durch marktschreierische Reclame an den Mann zu bringen. Betrügereien der mannigfachsten Art wurden ausgeführt. Bestellt man in Frankreich Lapin bélier, so bekommt man sehr häufig nur Lapin ordinaire; die Leporiden werden als echte Hasen-Kanin-Bastarde bezeichnet und als solche verkauft; alte, vollkommen werthlose und abgenutzte Zuchtthiere werden als durchaus zuchtfähig versendet u. s. f. Mancher Arme hat sein mühsam erspartes Geld dahingegeben, um aus dem Auslande recht schöne und brauchbare Zuchtkaninchen zu acquiriren, und ist abscheulich betrogen worden.

Deshalb ist es gewiß zweckmäßig, sich an bekannte ehrenwerthe deutsche Züchter zu wenden, um geeignetes Material zu [450] erhalten, oder sich bereits bestehenden Züchtervereinen anzuschließen. Auch bin ich überzeugt, daß die Redaction der „Blätter für Kaninchenzucht“ jederzeit in der Lage und bereit ist, geeignete billige und reelle Bezugsquellen anzugeben. Schließlich sei erwähnt, daß, wenn man französische Kaninchenracen zu uns verpflanzen will, der Lapin de garenne und der Lapin ordinaire, in zweiter Linie der sogenannte Leporide, der Vorzug verdienen. Das Widderkanin scheint nicht für unser Klima geeignet zu sein; die Nachzucht von demselben ist fast immer bei uns nur gering, die Kränklichkeit und Sterblichkeit der in Deutschland aufgezogenen jungen Lapin béliers aber stets eine große; Degenerationen dieser Thiere – namentlich nach der dritten bei uns gezüchteten Generation – sollen ungemein häufig sein; es bedürfen diese Thiere ganz besonders viel Pflege und gutes Futter; die Ausgabe für das erste Zuchtmaterial ist dabei keine geringe. Bei den in Deutschland weitergezogenen Leporiden kommt es häufig vor, daß sie nicht treu ihre Farbe vererben; schwarz oder gelb gefärbte Junge sind keine Seltenheit. – Es ist aber auch meine feste Ueberzeugung, daß, so gut es die Franzosen vermochten, den Lapin ordinaire in’s Leben zu rufen, wir aus dem in Deutschland heimischen gewöhnlichen Kaninchen durch sorgfältige Auswahl, Pflege und Ernährung einen Kaninchenschlag heranbilden können, der allen billigen Anforderungen entspricht und dessen Glieder sich nicht – wie die aus dem Auslande importirten Thiere – an neue Existenzbedingungen anzupassen und den Kampf mit denselben aufzunehmen haben.

Bei dem verhältnißmäßig hohen Preise, welchen die weißen Felle haben (siehe oben unter Lissa-Kanin) dürfte der Zucht weißer Kaninchen vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken sein.

In vielen Gegenden Deutschlands hat man, wie erwähnt, noch ein ganz unmotivirtes Vorurtheil gegen den Genuß des allerdings etwas süßlich schmeckenden Kaninchenfleisches. Daß durch geeignete Zubereitung letzteres recht schmackhaft werden kann, ist erwiesene Thatsache; vortreffliche Anweisung, Kaninchenfleisch auch für verwöhnte Gaumen genießbar zu machen, giebt die Broschüre: „Receptbuch für Kaninchen- (Lapin-) Fleischbereitung“, welche im Verlag von Ch. Stahl in Neu-Ulm erschienen ist.




Aus deutschen Gerichtssälen.


Nr. 5. Des Meineids angeklagt.


Während der letzten Schwurgerichtssession in L. in der Provinz S. beanspruchte eine Anklage auf Meineid ungewöhnliches Interesse. Sie richtete sich gegen ein junges Mädchen, das jahrelang die Stelle als Erzieherin in einem vornehmen Hause bekleidet hatte und über seine Führung und Fähigkeiten die glänzendsten Zeugnisse beibringen konnte. In einem gewöhnlichen Civilstreite war sie als Zeugin vorgeschlagen worden und hatte die übliche Generalfrage nach einer etwaigen Vorbestrafung verneinend beantwortet. Später wurde durch Zufall entdeckt, daß sie vor Jahren eines Diebstahls wegen mit vier Wochen Gefängniß bestraft worden, und die Anklage auf Meineid erhoben, da sich der geleistete Zeugeneid auch auf die allgemeinen Fragen erstreckt. Weniger diese falsche Aussage als der Diebstahl, von einem Mädchen begangen, welches sich, wie das Gerücht ging, durch Schönheit und Bildung auszeichnete, lockte eine zahlreiche Zuhörerschaft in den Gerichtssaal. Ich sah mich durch ein unerwartetes Hinderniß aufgehalten, so daß ich erst gegen Ende der Verhandlung zur Stelle war.

Der Vertheidiger hatte sich zur Schlußrede erhoben. Er war ein würdiger, alter Herr, gewöhnlich etwas steif, seine Stimme gemessen; heute zitterte sie wie in verhaltener Bewegung.

„Meine Herren Geschworenen,“ so begann er, „ich habe unzählige Male als Anwalt hier gestanden, aber nie mit so schwerem Herzen wie heute. Nie bin ich fester von der Unschuld meiner Schutzbefohlenen überzeugt gewesen, nie aber auch von der Schwierigkeit, ja ich muß sagen von der Unwahrscheinlichkeit einen günstigen Spruch zu erlangen.

Die Angeklagte ist Waise; der Tod ihrer Eltern hat sie früh genöthigt, bei fremden Menschen Unterhalt zu suchen; eine reiche Bildung befähigte sie zu der Stellung einer Erzieherin. Zwei Jahre hat sie in demselben Hause gewirkt, stets thätig, einfach in ihrem Auftreten und bescheiden in ihren Ansprüchen, ohne daß sich der Schatten eines Verdachtes gegen ihre Redlichkeit erhoben, da auf einmal wird sie des Diebstahls beschuldigt und überführt. Sie hat mir versichert, daß sie unschuldig verurtheilt worden. Ich stehe fünfzig Jahre im Justizdienste; eine lange Erfahrung hat mich gegen Thränen und schöne Worte stumpf gemacht; hier, meine Herren, flossen keine Thränen. Die Worte waren einfach, aber sie überzeugten mich. Die Angeklagte hat den Diebstahl nicht begangen, und sie konnte mit gutem Gewissen die Frage nach ihrer Vorbestrafung mit Nein beantworten, denn sie hat nach ihrer Auffassung keine Strafe erlitten, sondern ein bitteres Unrecht.

Freilich verhehle ich mir nicht, daß diese meine Ansicht kaum in’s Gewicht fallen kann; denn Sie haben ein zu Recht bestehendes Urtheil vor sich. Die Vertheidigung muß, so schwer ihr dies wird, sich auf den Boden der Thatsachen stellen, sie muß das objective Vorhandensein des Meineides zugeben. Aber ich bitte Sie, meine Herren, sich in die Seele der Angeklagten zu versetzen. Wieder hatte sie in einer neuen Stellung, wo man nichts von der früher verbüßten Strafe wußte, mehrere Jahre mit ähnlichem Erfolge und unter allseitiger Anerkennung gewirkt, da sollte sie um einer Sache willen, die ihr völlig fremd war, vor ihren Bekannten, vor ihrer Principalität die dunkle Vergangenheit an’s Licht ziehen, sich selbst das Brandmal aufdrücken und sich damit aus einer sicheren Existenz hinausstoßen in die öde Fremde. Werden Sie es unbegreiflich finden, wenn die Lippen des jungen Mädchens sich auf die Frage: ‚Sind Sie bestraft?‘ nicht öffnen wollten, wenn die furchtbare Seelenqual ihnen endlich ein Nein erpreßte? Werden Sie nicht glauben, daß ein solcher Moment die Sinne berücken, die Vernunft trüben kann?

Die Ungewöhnlichkeit des Falles mag es entschuldigen, wenn ich zu einem Mittel greife, welches ich sonst zurückweise und zurückweisen muß. Ich mache Sie auf die hohe Strafe aufmerksam, welche Ihr Schuldig für die Angeklagte zur Folge haben wird. Ein junges Mädchen, welches sich ein Mal im Leben – und nach meinem festen Glauben auch das nicht – einen Fehltritt hat zu Schulden kommen lassen, welches diesen Fehltritt durch lange Jahre tadelfreien Verhaltens gesühnt hat, soll mit dem Auswurfe des Menschengeschlechts zusammengebracht werden? Nein, nimmermehr! Bisher war ihre Seele rein, wie ein heller Spiegel – nach der Rückkehr aus dem Zuchthause, wird sie das Gift des Lasters eingesogen haben.

Ich weiß nichts mehr zu sagen; ich bitte um den Spruch auf Nichtschuldig.“

In tiefem Schweigen waren die Anwesenden der Rede des Vertheidigers gefolgt. Sie war kurz, aber um so wirkungsvoller; Aller Antlitz zeigte Ergriffenheit; die Frauen weinten. Auch mich überkam das Gefühl mächtiger Rührung, aber es theilte sich mit einem andern. Ich sah auf das angeschuldigte Mädchen; eben reichte sie mit einem dankenden Blicke ihrem Anwalte die Hand. Wo hatte ich dieses schöne, bleiche Gesicht mit dem dunklen Haar und den tiefen Augen schon früher erblickt? Es war mir, als hätte jener Mund in einer Stunde sonnigen Glückes für mich eine Geschichte schweren Leidens erzählt. Ich preßte die Hand gegen die Stirn, um die unstäten Gedanken zu sammeln, die schlummernde Erinnerung wach zu rufen. Umsonst.

Der Vorsitzende begann die übliche Zusammenstellung. Sein Vortrag verrieth menschliches Empfinden, aber er zeigte auch die Thatsache in ihrem klaren Lichte, in ihrem für die Angeklagte erdrückenden Gewicht; das Hervorheben der günstigen Umstände legte eben blos seine Theilnahme an den Tag. Er wies auf der Angeklagtem freudlose Kindheit, auf ihren so lange reinen Lebenswandel hin.

„Drei Jahre,“ sprach er, „hat sie nach jenem Vergehen unbescholten gelebt, denn der Diebstahl wurde am 5. April 1871 verübt.“

Bei diesem Worte ging es wie ein Blitz durch meine Seele. [451] Eine Fluth von Erinnerungen stieg herauf und mit ihr die beglückende Gewißheit, daß die Angeschuldigte frei sei, frei durch mich, daß ich ein junges, vielversprechendes Leben vom geistigen Tode zu erretten vermöge. Neben mir saß der Berichterstatter eines Localblattes; vor ihm lag ein Bogen mit Aufzeichnungen über das Vorleben der Angeklagten, über den erwähnten Diebstahl, die ihm wahrscheinlich ein gefälliger Schreiber aus den Acten verschafft hatte. Ich erbat mir das Papier auf einen Augenblick und überflog es mit fieberhafter Hast, denn das Resumé des Präsidenten war zu Ende, schon verließen die Geschworenen ihre Plätze, um sich in’s Berathungszimmer zurückzuziehen.

Ich hatte gefunden, was ich suchte, und erhob mich von meinem Platze. Einer der Beisitzer des Gerichtshofs bemerkte es und machte den Präsidenten darauf aufmerksam.

„Sie wünschen, mein Herr?“ fragte dieser herüber.

„Ich bitte als Zeuge vernommen zu werden; ich habe eine Aussage zu machen, die für die Entscheidung vielleicht von Wichtigkeit sein wird.“

„Wollen Sie sich vor die Schranken bemühen. Die Herren Geschworenen ersuche ich einstweilen, ihre Plätze wieder einzunehmen.“

Ich kam der Aufforderung nach und trat in den Zeugenraum. Die große Aufregung, welche meine Worte hervorgerufen hatten, war durch einen Zwischenfall noch vergrößert; als die Angeklagte mich erblickte, meine Stimme hörte, stieß sie einen Schrei – man konnte nicht unterscheiden, ob des Schreckens oder der Freude – aus und verlor das Bewußtsein. Sie kam bald wieder zu sich und lauschte mit gesenktem Blicke und gefalteten Händen meiner Darlegung.

Die Personalien waren rasch erledigt, da ich mit einem der Richter persönlich bekannt war. Ich leistete den Zeugeneid und hob an:

„Gestatten Sie mir zunächst einen kurzen Ueberblick der Umstände, welche den Diebstahl begleiteten; der Herr Vorsitzende mag an der Hand der Voracten meine Aussage controliren.

Die Angeklagte trat im Jahre 1869 bei dem Herrn v. Y. ein und übernahm Mutterstelle bei seinen verwaisten Kindern. Zwei Jahre hat sie diese Stelle mit seltener Pflichttreue ausgefüllt, die Kinder hingen mit Liebe an ihr. Herr v. Y. war zufrieden. Da nahm sie am 5. April 1871 auf einen Tag Urlaub, um Verwandte in einer nahegelegenen Stadt zu besuchen; gegen Mittag verließ sie das Schloß. Um vier Uhr machte der Gutsherr einen Spaziergang durch den Park; als er nach einer halben Stunde zurückkehrte, fand er die Thür seines unverschlossenen Secretärs offen; aus einem Schubfache, welches nur von kundiger Hand geöffnet werden konnte, waren ein Ring mit Brillanten und zwei Geldrollen von je hundertzwanzig Guldenstücken entwendet. Die alsbald vorgenommene Haussuchung erstreckte sich auch auf das Zimmer der Gouvernante; auf dem Grunde eines Korbes fand sich, unter Wäsche versteckt, der Ring und die eine Rolle; die andere fehlte.

Gegen neun Uhr Abends kehrte die Angeklagte in einer Miethskutsche zurück; auf Befragen nach ihrer Schuld leugnete sie dieselbe. Auch vor Gericht blieb sie bei ihrem Leugnen; sie stellte die nicht seltene Behauptung auf, der Gutsherr habe unsittliche Anträge an sie gewagt; sie habe dieselben entschieden zurückgewiesen und ihr Verhältniß als Erzieherin seiner Kinder gekündigt; die Anklage auf Diebstahl solle einen Druck auf sie ausüben. Noch im letzten Augenblicke habe Herr v. Y. sich bereit erklärt, die Anzeige zu unterlassen, wenn sie sich füge.

Der Gutsherr, der sich allerdings in sittlicher Hinsicht nicht des besten Rufes erfreute, bestritt entrüstet diese Behauptung, und es ließen sich keine weiteren Beweise für sie auffinden. Sonst waren alle Umstände gegen die Angeklagte. Sie war um halb ein Uhr mit dem herrschaftlichen Wagen in der Stadt eingetroffen und hatte ihn von dort zurückgesandt, da sie die Bahn zur Weiterfahrt benutzte; Abends gegen acht Uhr war sie wieder in der Stadt und miethete sich ein Lohnfuhrwerk. Ihre Angabe, sie habe sich bei ihren Verwandten aufgehalten, erwies sich als unwahr; nach der Anklage war sie insgeheim zum Schlosse zurückgekehrt und hatte dort den Diebstahl ausgeführt. Niemand hatte sie in der Zeit von ein Uhr Mittags bis acht Uhr Abends gesehen. Ein Alibi, das sie zu führen versuchte, mißlang. Sie wurde verurtheilt.

Jetzt, meine Herren, komme ich zu meiner Betheiligung an der Sache. Es war ein sonniger Frühlingstag, als ich von einem Spaziergange nach der Stadt zurückkehrte. Ich war glücklich wie nie; heute hatte ich es zum ersten Male gewagt, dem Mädchen, welches ich liebte, offen vor ihren Eltern einen Beweis meiner Zuneigung zu geben: ich hatte ihr einen Strauß Blumen und Heine’s Buch der Lieder zum Geburtstage gesandt, und sie hatte die Gabe mit freundlichem Danke entgegengenommen.

Ich kam am Friedhofe vorüber. Es ist eigen, gerade in jener Stunde höchsten Glückes fühlte ich mich von der Stätte ewiger Ruhe angezogen. Ich betrat den Raum; er war menschenleer. Erst nach längerm Hin- und Herwandeln entdeckte ich in der fernen Ecke eine weibliche Gestalt. Sie knieete, ganz nach vorn gebeugt. Ich ging hinzu und fand die Dame ohnmächtig. Schnell eilte ich nach Wasser; als ich zurückkehrte, war sie bereits wieder zum Bewußtsein gekommen. Ich kann mir die Wiederholung aller Worte ersparen; ich erzählte ihr von meinem Glücke; sie vertraute mir ihren Schmerz an. Ohne Namen zu nennen, theilte sie mir mit, daß sie einen jungen Kaufmann lieb gewonnen habe, daß sie hoffen konnte, einst sein Weib zu werden. Da kam das Jahr 1870 und mit ihm die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit. Der junge Mann verwarf sie; er wollte seiner alten Religion treu bleiben. Von da ab begann eine unendliche Kette von Verfolgungen; mächtige Mitglieder der papistischen Partei wußten seinen Credit zu untergraben, alle seine Unternehmungen scheitern zu machen. Er fühlte in dem vergeblichen Ringen seine Kräfte schwinden; nach wenigen Monaten legte er sich auf das Krankenlager, von dem er sich nicht wieder erhob. Die christliche Gesinnung des katholischen Geistlichen gönnte ihm einen Ruheplatz in der Armensünderecke des Friedhofes.

‚Heute,‘ sagte die junge Dame, ‚feiere auch ich einen Geburtstag, den meines Bräutigams; ich wollte ihn nicht vorübergehen lassen, ohne einen Kranz auf sein Grab zu legen. Meine Verwandten, die einzigen Freunde, welche ich noch auf der Welt habe, dürfen davon nichts erfahren; sie würden sich von mir lossagen, wenn sie von meiner Liebe zu einem Abtrünnigen wüßten. Darum bin ich heimlich hierhergekommen; ich habe die Landstraße vermieden und Waldwege aufgesucht; ich glaube, außer Ihnen hat mich Niemand gesehen.‘

Ich habe nicht das Recht,“ schloß ich meine Rede, „mehr von dem Geheimnisse eines fremden Herzens zu enthüllen, als unbedingt nothwendig ist; ich führe nur Das an, was zur Erläuterung meiner Versicherung dient: Auf meine Ehre und auf mein Gewissen, jene Begegnung fand über zwei Meilen von dem Gute des Herrn v. Y. statt. Das Mädchen, von dem ich gesprochen, war die Angeklagte, Tag und Stunde der 5. April 1871, Nachmittags gegen vier Uhr.“

Ich schwieg. Die Dame, die bis dahin gefaßt dagesessen, brach jetzt in Thränen aus. Selbst Männer sah ich weinen.

„Sie kennen die Dame bestimmt wieder?“ fragte der Vorsitzende.

„Ja. Sie mögen sich selbst überzeugen. Das Mädchen auf dem Friedhofe trug dicht unter dem rechten Ohr ein dreieckiges, etwa erbsengroßes Mal.“

Richter und Staatsanwalt schauten auf die Angeklagte hin und nickten beistimmend.

„Aus den Acten ist ersichtlich,“ fuhr der Vorsitzende fort, „daß die Dame bei ihrer Vernehmung nach anfänglichem Zögern eine Aussage gemacht hat, welche mit der Ihrigen übereinstimmt. Es ist daraufhin durch die öffentlichen Blätter ein Aufruf an den unbekannten Herrn erlassen, mit dem sie auf dem Friedhofe zusammengetroffen. Darf ich fragen, warum Sie sich nicht gemeldet haben?“

„Wenige Tage nach der Begegnung warf mich eine schwere Krankheit darnieder, in der ich wochenlang mit dem Tode rang. Wohl zwei Monate hindurch habe ich keine Zeitung zu Gesicht bekommen.“

Der Staatsanwalt erhob sich.

„Ich stelle den Herren Geschworenen anheim, ob Sie nach dem eben Gehörten sich der Auffassung der Vertheidigung anschließen wollen, daß die Angeklagte bei dem Eide die vier Wochen Gefängniß nicht als Strafe, sondern als ein ihr zugefügtes [452] Unrecht angesehen hat. In diesem Falle beantrage ich ebenfalls Freisprechung.“

Die Geschworenen kehrten nach wenigen Minuten zurück; ihr Spruch lautete auf „Nichtschuldig“. – –

An die Schilderung dieses Ereignisses, welches ich zu den glücklichsten meines Lebens zähle, erlaube ich mir eine Frage zu schließen, die bei der Berathung über die großen Reichsjustizgesetze vielleicht Erwägung finden wird.

Mancher hat ein Vergehen gegen das Gesetz und die Sitte durch ein langes schuldfreies Leben gesühnt; er hat vielleicht, um seine Schuld ganz der Vergessenheit zu überliefern, den Wohnsitz gewechselt, da fällt es Jemandem ein, ihn als Zeugen vorzuschlagen. – Ist es gerecht und nothwendig, daß er seine Bestrafung wieder hervorzuziehen, sich selbst bloßzustellen hat, daß ihm die ungeheure Versuchung zum Meineide so nahe gelegt wird? Und wenn es nothwendig ist, kann nicht diese seine Aussage ein Geheimniß zwischen ihm und dem Richter bleiben?

P.




Ein unvergeßliches Schwesternpaar.


Zugleich ein Blick in den „patriarchalischen“ Staat.


Am 15. December 1793 notirte der Thorschreiber des unteren oder Römhilder Thores zu Hildburghausen unter Anderm: „Seine Herzogliche Durchlaucht Prinz Karl von Mecklenburg nebst zwei Prinzessinnen Töchtern.“ Dies waren Louise und Friederike von Mecklenburg-Strelitz, welche ihrem Glücke entgegenfuhren, indem auf den Weihnachtsabend die Feier ihrer Doppelhochzeit zu Berlin festgesetzt war. Die jugendlichen Schwestern hatten bei einer Begegnung zu Frankfurt am Main die Herzen eines fürstlichen Brüderpaares gewonnen, welches die der französischen Revolution folgenden kriegerischen Ereignisse dahin gerufen.

Louise oder Keine sonst auf Erden,“ so tönte es wider in dem Herzen des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, während sein jüngerer Bruder Ludwig sich zu Friederiken hingezogen fühlte. Nachdem König Friedrich Wilhelm der Zweite zu Darmstadt die Geschwisterpaare verlobt hatte, reisten die Bräute in Begleitung ihres Vaters nach Hildburghausen, um ihre Schwester Charlotte zu besuchen, welche mit dem dort residirenden Herzog Friedrich vermählt war.

Während Louise als Königin von Preußen zur Zeit der tiefsten Erniedrigung des Staats und zugleich der höchsten Erhebung des Volksgeistes durch ihre Größe im Unglück die gefeiertste Frau ihrer Zeit wurde, blieb Charlotte, die gleichbegabte und gleich ausgezeichnete Schwester, an die Unbedeutendheit eines kleinen Hofs gefesselt, der noch außerdem nach einer kaum, und zwar durch eine kaiserliche Debitcommission, beseitigten Ueberschuldung des Ländchens, auf eine Einnahme angewiesen war, welche heute die erste beste Primadonna verschmäht. Daher ist ihr Name neben dem ihrer königlichen Schwester in der großen Oeffentlichkeit kaum genannt worden. Dieses Unrecht des Schicksals auszugleichen, die ihrer Zeit nur in beschränkten Kreisen würdig verehrte Herzogin Charlotte vollbürtig neben ihre Schwester Louise vor das Auge der lebenden Generation zu stellen, ist der Zweck dieses Artikels.

Charlottens Gemahl, der durch übel geleitete Erziehung wenig gebildete, aber talentvolle und wohlmeinende Herzog Friedrich, begann seine Regierung damit, daß er seine Hofhaltung möglichst einzuschränken suchte. Für das geistige Wohl des Volkes sorgte die Herzogin; mit ihrem Erscheinen durchwehte ein neuer, frischer Geisteshauch die Residenz an der Werra. Ja, es erscheint als ein Glück dieser Ehe, daß die Erziehung der Herzogin ebenso trefflich, wie die des Herzogs verwahrlost gewesen war. Ihr Vater, der damalige Erbprinz und spätere Herzog und Großherzog Karl von Mecklenburg-Strelitz, der zur Zeit ihrer Geburt, den 17. November 1769, als Gouverneur und Befehlshaber der englisch-hannöverischen Truppen in Hannover residirte, hatte nach dem Tode seiner Gemahlin Friederike Caroline Louise von Hessen-Darmstadt seinen sechs Kindern, deren ältestes, Charlotte, erst dreizehn Jahre alt war, in der Schwester der Verstorbenen, Charlotte Wilhelmine Christiane, eine zweite Mutter gegeben; sie gebar ihm den Prinzen Karl, einen Helden auf dem Schlachtfelde wie auf der Bühne, auf letzterer nicht nur als Schauspieler in seiner Darstellung des Mephisto, sondern auch als Dichter des Lustspiels „die Isolirten“ von Bedeutung, welches er unter dem Namen Weißhaupt erscheinen ließ.

Ein Mann von hoher Geistesbildung, Menschenkenntniß und Welterfahrung und erfüllt von den Ideen des Philanthropismus, überwachte der Vater auf das Sorgfältigste die Erziehung seiner Kinder, welche ein Fräulein von Wolzogen leitete, eine mit hervorragenden Geistesgaben ausgestattete Dame, die namentlich den Sinn für Poesie und Musik frühzeitig zu wecken verstand und somit zuerst die Bahn vorzeichnete, die namentlich Charlotte mit großem Eifer und Erfolg beschritt. Auch die Großmutter, Wittwe des Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt, nahm sich der Enkel liebreich an und sah sie oft an ihrem Hofe.

Am ersten September 1785 zog die Sechszehnjährige, schön wie ein Maimorgen, in ihrer neuen Heimath Hildburghausen ein, geleitet von ihren Eltern und Geschwistern Therese Amalie, nachherigen Fürstin von Thurn und Taxis, Friederike, die sich nach dem frühen Tode ihres ersten Gemahls mit Friedrich von Solms-Braunfels, dann mit Ernst August von Hannover vermählte, Georg, welcher im Jahre 1860 als Großherzog von Mecklenburg-Strelitz starb, und der elfjährigen Louise.

Die Neuvermählten, die sich vorher nie gesehen hatten, faßten eine innige Zuneigung zu einander, und bald äußerte sich ein sehr wohlthuender Einfluß der jungen Frau auf ihren äußerst gutherzigen und bildsamen Gemahl, dessen Schwächen sie mit feinem Tacte zu übersehen verstand. Während sie sich nicht direct in die Regierungsangelegenheiten mischte, wußte sie doch durch Vermittelung ehrenhafter Männer, die ihr volles Vertrauen besaßen, auf den Herzog einzuwirken, wenn es das Wohl des Landes galt.

Dreizehn Kinder, von denen jedoch sechs früh starben, entsproßten der glücklichen Ehe. Aber nicht nur ihren Kindern, deren Erziehung sie selbst mit äußerster Sorgfalt leitete, auch den Bewohnern des Ländchens war Charlotte eine wahre Mutter. Noch lebende Zeugen wissen nicht genug zu rühmen, wie sie, wenn es noth that, überall, auch persönlich, helfend und fördernd sorgte, soweit es die freilich mitunter sehr knappen Geldverhältnisse erlaubten. Eine Reihe von Schul- und Wohlthätigkeitsanstalten hat Stadt und Land ihrem Einflusse und der jugendlichen Energie des von Pestalozzi unterrichteten „Educationsrathes“ Dr. L. Nonne (nachmaligen Begründers der „Dorfzeitung“) besonders zu verdanken.

Für ihre weiteren Bestrebungen fand sie in Hildburghausen einen gut vorbereiteten Boden. Bald schaarte sich ein Kreis edler, für Wissenschaft, Ton- und Dichtkunst begeisterter Männer um die liebenswürdige Fürstin, die wie ein geschickter Bühnenleiter es meisterhaft verstand, einem Jeden die passendste Rolle zuzutheilen.

So übertrug sie die poetische Inscenirung der damals sehr beliebten theatralisch-musikalischen Feste, die nicht nur im Schlosse, sondern auch in Wald und Flur, namentlich bei der malerischen Ruine Straufhain, dem einstigen Sitze hennebergischer Grafen, und in dem nahe daran gelegenen herzoglichen Landsitze Seidingstadt veranstaltet wurden, dem Dichter Johann Christian Wagner. Einer Enkelin desselben verdanken wir die Mittheilung des schönen Pastellbildes, nach welchem unser Holzschnitt gefertigt ist, der die Herzogin in ihrer Jugendblüthe darstellt. Er war ein Hofpoet im edelsten Sinne des Wortes. Jenen Festen, vorher in langweilig verzopftem Damon- und Galatheastil, wußte er größeres Interesse, geschmackvollere Form und tiefern Gehalt zu geben. Besonders liebte es die Herzogin, solche Rollen zu wählen, die ihr Gelegenheit gaben, durch launige und witzige Worte oder durch heitern Scherz die Versammlung anzuregen. So liegt uns ein nettes Gedichtchen vor, welches sie als Milchmädchen recitirte. Alte Leute gedenken noch mit Freuden, wie einst der ganze Hof in Bauerntracht am sogenannten Eichelsbrunnen lagerte, wobei die [453] Hofmusici in Gestalt einer Zigeunerbande lustig aufspielten. Da nahte gravitätischen Zuges die ganze Gemeinde des nahen Dorfes Häselrieth und begrüßte unter Vortritt des Schulzen an ihrer Flurgrenze die neuen Standesgenossen, die sich durch eine reichliche Bewirthung revanchiren mußten.

Verbunden mit Wagner durch gleiches poetisches Schaffen war der Superintendent Christian Hohnbaum, der Rodacher Patriarch, „ein lebender Mann und doch ein Gedicht“, dessen Lebensbild C. Kühner in seinem Buche „Dichter, Patriarch und Ritter“ mit Meisterhand gezeichnet. Oft zog ihn die Herzogin in ihre vertrauten Kreise und veranlaßte ihn, ihre sinnigen Feste durch seine Lieder zu verherrlichen. Frisch sprudelte in den Hofcirkeln der Quell seines Witzes, und vor seinem freimüthigen und treffenden Worte hatte nicht nur manches schnippische Kammerkätzchen und üppige Hofjunkerchen, sondern sogar der Herzog selbst großen Respect. Dieser hatte dem Superintendenten einen „Gaul“ versprochen, der aber durchaus nicht kommen wollte. Da gab es einst an der Hoftafel sogenannte „Windbeutel“.

„Echtes Hofgebackenes,“ meinte Hohnbaum.

„Wie so?“

„Verspricht viel und hält wenig.“

Der Herzog nahm sich Das zu Herzen, und heimgekehrt fand Jener ein stattliches Pferd im Stalle. – Einmal sprach der Fürst bei dem Pfarrer Kühner zu Eishausen, dem Lehrer seiner Töchter, ein, wo Hohnbaum gerade anwesend war. Bei einem Gespräche über den großen Wildstand, der dem Bauer das Feld verwüste, entfiel diesem das Wort: „Ich glaube, Durchlaucht haben Ihre Hirsche lieber als Ihre Bauern.“ Da verließ der hohe Herr ohne Gruß das Zimmer und ging zornig im Garten auf und ab, mächtige Wolken aus seiner Meerschaumpfeife blasend. Bald war aber der Zorn verraucht, und er rief dem Superintendenten zu: „Brauchen nicht gleich so grob zu sein! Aber da, da, da – hab’ grad weiter nichts zum Verschenken, da nehmen Sie Das!“ Sprach’s, nahm seine Pfeife aus dem Munde und schenkte sie dem Freimüthigen.

Auch der „letzte Ritter des Frankenlandes“, wie ihn Jean Paul nennt, Freiherr Christian Truchseß von Wetzhausen auf Bettenburg, wie mit so vielen literarisch und poetisch thätigen Zeitgenossen, so auch mit der Herzogin Charlotte in regem Ideenaustausche, war ein Hauptmitglied an der Tafelrunde der Ritter vom Geiste zu Hildburghausen. Eine Strecke in dem die Bettenburg umgebenden prächtigen Parke, wo die Nachtigallen am schönsten sangen, nannte der Freiherr mit sinniger Anspielung auf die herrliche Stimme der Herzogin „Charlottenplatz“.

Wo Patriarch und Ritter weilten, durfte der Dritte im Bunde nicht fehlen; auch des Dichters Spuren finden sich in Hildburghausen: Friedrich Rückert verfaßte hier im Jahre 1808 seine ersten Jugendgedichte; auch im Jahre 1810 verweilte er daselbst einige Monate bei einem Oheim. Konnte auch den in der Stille Schaffenden das geräuschvolle Leben am Hofe nicht anziehen, so gelang es eifrigen Bemühungen doch, seine Muse dahin zu citiren. Davon zeugen drei liebliche Gedichte; das eine verfaßte er, als Prinzessin Theresa dem Kronprinzen von Baiern die Hand reichte, die beiden andern verherrlichen die Festlichkeit, als sich Prinzessin Louise drei Jahre später mit dem Erbprinzen von Nassau vermählte. Und als im Jahre 1814 einem aus Frankreich zurückkehrenden preußischen Kürassierregimente in Hildburghausen ein feierlicher Empfang zu Theil wurde, da rief Rückert den Tapfern mit Bezug auf die von einer am Regierungsgebäude angebrachten Tribüne herabschauende Fürstin zu:

Seht ihr sie wieder?
Kennt ihr sie schon?
Eure Louise,
Die euch zur Schlacht
Vom Paradiese
Lenkte mit Macht!
Denkt ihr der Theuern?
Sehet, der Euern
Schwester ist diese;
Naht mit Bedacht!

Unter denen, welche diese Truppen begrüßten, befand sich auch der vom Feldzuge glücklich heimgekehrte älteste Sohn der Herzogin, Erbprinz Joseph. Während Rückert mit seinem zurückhaltenden, mitunter schroffen Wesen dem Hofe fern blieb, hatte dagegen ein anderer Dichter mit demselben im intimsten Verkehre gestanden, unter dessen Aegide man Hildburghausen sogar zu einem Werra-Athen zu machen gedachte, nämlich Jean Paul, der von der gesammten gefühlsseligen Frauenwelt angebetete Lieblingsdichter Charlottens. Mit offenen Armen von seinen Verehrern und Verehrerinnen empfangen, saß er hier bald „recht weich“. Hören wir, wie er in einem Briefe an seinen Freund Otto die Herzogin portraitirt: „Erstlich denke Dir, male Dir die himmlische Herzogin mit schönen, kindlichen Augen, das ganze Gesicht voll Liebe und Reiz und Jugend, mit einer Nachtigallenstimmritze und einem Mutterherzen; dann,“ fährt er fort, „denke Dir die noch schönere Schwester, die Fürstin von Solms, und ebenso gut, und die Dritte, die Fürstin van Thurn und Taxis, welche Beide mit mir an einem Tage mit den gesunden und frohen Kindern ankamen. … Diese Wesen lieben und lesen mich, und wollen nun, daß ich noch acht Tage bleibe, um die erhabene schöne vierte Schwester, die Königin von Preußen, zu sehen, Gott wird es aber verhüten.“ Dies ist jedenfalls so zu verstehen, als graue ihm, wie vor der Götter Neide, vor so einem außerordentlichen Glücke. In der überschwenglichsten Weise aber feiert er die Schwestern in der Vorrede zu dem ihnen gewidmeten „Titan“, was wir dort nachzulesen bitten.“*[1]

Wie der Dichter für die Herzogin schwärmte, sehen wir ferner aus einem anderen Briefe vom 27. October 1799, wo es heißt: „Ich wußte voraus, daß der Hof in Seidingstadt war, wo ich heute auf eine Nacht hinfuhr. Die schöne Herzogin war gerade bei meinem Einfluge hier und ließ mich sogleich auf ein paar Minuten vor dem Einsteigen kommen. Außer einer Geliebten weiß ich nichts Schöneres als diese süße Gestalt. Hätt’ ich nur Zeit und Wetter, eine Woche lang blieb ich unter ihrem Dache. In Seidingstadt logirt’ ich im Schloß – die Herzogin sang, sowie man sie besingen sollte – ich las ihr vor. Sie und der Mann nöthigten mich zum zweiten Tag und sie fuhr im regnerischen Abende mit mir in eine zwei Stunden ferne schöne Gegend.“

Der Mann, das heißt der Herzog, hatte nämlich mit ihm zuerst nicht viel Wesens gemacht, merkte aber bald, daß der Dichter auch in materiellen Dingen kein Kostverächter war; er sah mit Betrübniß, daß er sich nicht genug Spargel genommen, und pries ihm das zarte Fleisch eines Hirschkalbes an, das der leckere Gourmand aber nicht sonderlich fand. Im Eifer der Unterhaltung soll der Verehrer von Frau Rollwenzel’s trefflichem Gebäcke einst an der Hoftafel sämmtlichen Johannisbeerkuchen aufgezehrt haben, so daß nichts mehr da war, als er weiter gereicht werden sollte. Ueberhaupt wirkt der Gegensatz von sphärenhafter Ausdrucksweise, gefühlsseliger Schwärmerei und materieller Gesinnung in Jean Paul höchst komisch. Wir sind nämlich so indiscret, aus seinen Briefen zu verrathen, wie er unmuthig darüber war, daß, was er sich durch den Hof an Gasthofessen und Trinken erspare, der Bader wieder forttrage, da er sich den „verdammten Kinn-Igel“ öfter scheeren lassen müsse.

Schließlich machte ihn sein Wohlgefallen an einem guten Tropfen Hildburghäuser und Ilmenauer Bier bei Hofe unmöglich; denn derselbe böse, dem Gerstensaft entstiegene Dämon, der ihn einst beim „Hofbüttner“ auf das Bett warf, so daß er, zu Hofe befohlen, nicht in der Verfassung war, zu erscheinen, packte ihn zu Ilmenau mit eiserner Faust und verhinderte ihn, in die Arme seiner Geliebten, Caroline von Feuchtersleben, zu eilen, mit der ihn Herder, nebst Wieland auch ein gern gesehener Gast Charlottens, verloben wollte. Es scheint, als ob die Lösung dieses Herzensbundes dem Dichter nicht viel Schwierigkeiten bereitet habe; er wandte sich nach Meiningen, von Herzog Georg auf das Wärmste empfangen, und später nach Coburg. Aber weder hier noch dort hielt der flatterhafte Liebling der Musen lange Stand; doch zog es ihn immer wieder nach Hildburghausen zu der angebeteten Herzogin zurück.

Wenn diese auf dem Gebiete der Poesie zwar anregend, doch nicht selbst schaffend wirkte, so leistete sie dagegen in musikalischer Hinsicht ganz Außerordentliches. Und da mag Jean Paul in seiner Schwärmerei kaum übertrieben haben, wenn er sagt, sie singe „wie eine Himmelssphäre, wie ein Echo, wie aus Nachtigallen gemacht“; denn sie war nicht etwa Dilettantin, sondern Virtuosin, ja, wir können kühn behaupten, eine der größten Sängerinnen ihrer Zeit. Von der Natur mit einer silberreinen, volltönenden

[454]
Die Gartenlaube (1874) b 454.jpg

Herzogin Charlotte von Hildburghausen.
Nach einem Pastellbilde aus dem herzoglichen Schlosse.


und sehr biegsamen Stimme begabt, erhielt sie ihre erste musikalische Bildung durch den Italiener Giuliani in Hannover und übte, als dieser Unterricht mit ihrer Vermählung aufhörte, ihre Kunst unter anderen Meistern rastlos weiter. Auch ihren Gemahl, der sie in den Hofconcerten mit der Violine zu begleiten pflegte, wußte sie dafür zu begeistern. Ihre Lieblingscomponisten waren Sarti, Martini, Paisiello, Cimarosa, Graun und Mozart, dessen „Titus“ und „Entführung“ sie wieder besonders bevorzugte. Mit dem Sänger und Componisten Righini aus Bologna, der italienische und deutsche Musik vortrefflich zu vereinigen verstand, sang sie in Berlin oft Duette, wenn sie dort zum Besuche bei ihrer königlichen Schwester war. Und nicht nur ein begünstigtes Publicum bei Hofe durfte ihren Tönen lauschen, auch den geringsten Bürger der Stadt erfreute sie wenigstens einmal im Jahre mit ihrem Gesange, indem sie die Sopransoli in Graun’s „Tod Jesu“ übernahm, ein Oratorium, welches während der Charwoche alljährlich in der Stadtkirche zu Hildburghausen aufgeführt wurde. Ohrenzeugen wissen namentlich die feierliche Rührung ihres Vortrages der Recitative und Arien nicht genug zu preisen. „Mit jedem Tone,“ sagt der berühmte Componist Goethe’scher, Schiller’scher und Klopstock’scher Gedichte, der preußische, dann westphälische Capellmeister Joh. Fr. Reichardt, in seinem „Musikalischen Wochenblatt“, „schien sie ihr eigenes, begeistertes Gefühl auf die Zuhörer zu übertragen, und keiner erschien als leerer, bedeutungsloser Klang; alle sprachen sie in ihrer Silberreinheit, gleich einer Sprache höherer Wesen, zum Herzen und erregten bei dem empfänglichen Zuhörer dasselbe hohe Gefühl, welches in ihr selbst lebte.“ Auch spielte sie gut Clavier, wobei sie ihr Gemahl mit der Violine oder der bedeutendste aller Clarinettisten, der sondershäusische Capellmeister Hermstedt, mit seinem Instrumente begleitete, dessen bevorzugter Schüler, der noch lebende hochbetagte Kammermusikus Mahr, [455] uns manch schätzenswerthe Erinnerung aus jenen Zeiten mitgetheilt hat.

Zum letzten Male, es war im Jahre 1816, sang die Herzogin in Schiller’s Glocke von Romberg, der sein und des Dichters Werk selbst dirigirte. Denn viele musikalische Größen genossen die Gastfreundschaft des Hofes. Da entzückte das herrliche Violin- und Harfenspiel des Spohr’schen Ehepaares die Hörer, abwechselnd mit Methfessel’s lustigen und feurigen Weisen. Auch Ludwig Böhner, der musikalische Ahasver, schlich öfter, das Notenpacket unter dem Arme, um das Schloß herum und fand trotz seines gar nicht hoffähigen, abgeschabten Fräckleins gute Aufnahme, er, der ein thüringer Mozart hätte werden können, wenn nicht seine vielfachen Schrullen und üblen Angewohnheiten uns diesen Stolz geraubt hätten.

Die Hofcapelle, deren wirklicher Intendant die Herzogin war, erfreute sich in der musikalischen Welt eines guten Klanges und zwar unter der Direction des jugendlichen Johann Lorenz Schneider aus Burgpreppach in Franken, der später für Coburg gewonnen wurde, wo er als hoher Neunziger starb. Namhafte Mitglieder waren unter Andern der Componist von „Dein Wohl, mein Liebchen“, Johann Andreas Zöllner, der als Oboist und Contrapunktist bekannte Heuschkel aus Harras, der Lehrer Carl Maria’s von Weber, welcher hier einige Zeit wohnte, und des Cellovirtuosen Dotzauer aus Häselrieth.

Auch der dramatischen Kunst wandte die Herzogin ihre volle Theilnahme zu. Man spielte bei Hofe oder im Hoftheater, wozu ein früherer kunstsinniger Fürst ein ehemaliges Ball- und Fechthaus, das mit den Schloß-Parkanlagen in Verbindung stand, hatte herrichten lassen. Jetzt spottet man freilich über das verwetterte Gemäuer an der Werra, mit seinen zugigen Logen, kellerartigem Parterre und der halsbrechenden, mehr einem Tartarus als einem „Olymp“ ähnelnden Gallerie, Alles das umhangen von einigen ornamentalen Pappen- und Lappenfetzen, die von früherer Herrlichkeit zeugen. Man soll aber nicht vergessen, daß zu einer Zeit, da viele andere deutsche Städte und Residenzen, die jetzt mit herrlichen Gebäuden prunken, nicht im Entferntesten daran dachten, sich einen derartigen Raum zu beschaffen, derselbe zur Hebung und Belebung des Kunstgeschmackes vortreffliche Dienste geleistet hat.

Der Herzog verschrieb, freilich für theures Geld, Sänger, Schauspieler und Tänzer in Ueberfluß nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Frankreich und Italien. Decoration und Garderobe waren prächtig. Da sah man die Meisterwerke des Corneille, Racine und Voltaire in Reifröcken, himmelhohen Frisuren, Schuhen mit kothurnähnlichen Absätzen als Costüm einer Dido oder Iphigenie in italienischer und französischer Sprache aufführen. Doch treffen wir bereits auch Spuren von „Herrn Lessing“, und von da an brach sich die deutsche Kunst auch hier mit Macht Bahn.

Unter den berühmten Operncomponisten, die auch hier ihren Tactstock schwangen, heben wir besonders Ditters von Dittersdorf hervor, den echten Volkstondichter, der hier die lustigen Weisen seines „Doctor und Apotheker“, „Hieronymus Knicker“ und „Orpheus der Zweite“ ertönen ließ.

Rührend ist es, zu vernehmen, wie die Muse der Tonkunst tröstend und ermuthigend selbst noch am Sterbelager der Herzogin weilte. Sie hatte, um ihre bereits wankende Gesundheit zu stärken, eine Reise nach der Schweiz gemacht; bald nach der Rückkehr wurde sie auf ihr letztes Krankenlager geworfen. In Trauer umstanden dasselbe die Verwandten, welche von überall herbeigeeilt waren, in Rathlosigkeit die Aerzte. Da kam das Gerücht, Hermstedt sei angekommen, und bald ertönte im Nebenzimmer sein herrliches Spiel.

„Das ist mein bester Arzt,“ äußerte freudig überrascht die Kranke und fühlte sich wunderbar gestärkt.

Aber auch dieser konnte nicht helfen. Sie starb am 14. Mai 1818. Ihre entseelte Hülle deckt auf dem Friedhof zu Hildburghausen – denn unter ihren Mitbürgern wollte sie ruhen – eine kolossale eherne Leuchte, das rechte Bild ihres Lebens und Strebens.

Wie innig die Liebe war, die sie mit ihren Geschwistern und vor Allem mit der Königin Louise verband, dafür zeugt noch heute ein vergessenes Denkmal, dessen Abbildung die nächste Nummer der Gartenlaube bringen soll.

Dr. L. Grobe.




Eine Leipziger Musikgröße.*[2]


Von La Mara.


Leipzigs Musikleben und die Kunst im Allgemeinen haben einen empfindlichen, in gewissem Sinne sogar einen unersetzlichen Verlust erlitten, als Ferdinand David, der große Geigenkünstler, durch einen jähen Tod abberufen ward aus diesem Dasein. Mit ihm ging der letzte jener großen Namen dahin, an die sich Leipzigs glorreichste Musikepoche knüpft; mit ihm, dem Freunde Mendelssohn’s, dem Genossen Schumann’s, Hauptmann’s, Moscheles’, ward diese selbst nun ganz und für immer zu Grabe getragen. Vorüber ist die Zeit, da Leipzig die musikalische Suprematie in Deutschland behauptete, da ihm in Sachen der Tonkunst eine erste Stimme zuerkannt werden mußte in Europa, ja in der ganzen gebildeten Welt. Es braucht sich dessen vielleicht nur bewußt zu werden, um sich zu erneutem Aufschwunge aufzuraffen – an Kraft dazu wird es ihm nicht gebrechen. Aber wir erinnern uns der Worte Mendelssohn’s beim Tode seiner Schwester: „Ein großes Capitel ist nun eben aus und von dem nächsten ist weder die Ueberschrift, noch das erste Wort bis jetzt da.“

In den geweihten Kreis der Todten, deren Cultus sein künstlerisches Wirken vorzugsweise gewidmet war, ist jetzt auch Ferdinand David eingegangen. Es bedurfte dessen nicht zur Besiegelung seiner Meisterschaft in den Augen seiner Zeitgenossen. Was vom Künstler im Allgemeinen gilt, das litt auf ihn keine Anwendung. Nicht karg an Gunst, sondern reich an Sympathie, Dankbarkeit und Anerkennung hat sich ihm die Mitwelt erwiesen; eine Ausnahme, wie sie sich noch am ehesten beim reproducirenden Künstler findet. Daß selbst die große kunstfremde Masse der Bedeutung seines Genius Rechnung trug, daß er, der doch immerhin exclusive Künstler, einer weitgehenden Schätzung seiner Verdienste, einer unleugbaren Popularität genoß, das bezeugte die Theilnahme der Tausende, die sich versammelten, um ihm nahe zu sein auf jenem letzten Gange, von dem Keiner wiederkehrt.

Ferdinand David ward am 19. Januar 1810 zu Hamburg geboren, als Sohn eines Kaufmanns, der ihn dem eigenen Berufe zuzuführen gedachte. Statt irgend welcher kaufmännischer Talente machte sich indeß eine auffallende künstlerische Begabung schon frühzeitig an ihm bemerkbar, und zwar eine zweifache, die ihn gleicher Weise zum Maler wie zum Musiker bestimmt erscheinen ließ. Er portraitirte namentlich mit großem Geschicke, sodaß man eine Zeitlang schwankte, ob man ihn nach dieser Richtung hin ausbilden sollte, und seine Lehrer sogar darüber in Streit geriethen. Doch überwog am Ende der Drang zur Musik. Schon als zehnjähriger Knabe erregte er durch sein Geigenspiel die Bewunderung der Concertbesucher. In seinem dreizehnten Jahre bereits fand ihn Spohr, der berühmte Casseler Meister, zur Genüge gereift, um ihn unter seine Schüler aufzunehmen, unter denen er später die hervorragendste Stelle einzunehmen berufen war. Nur eines dreijährigen gründlichen Studiums bedurfte es unter der Obhut des Lehrers; dann entließ ihn dieser, damit er, selbstständig geworden, seine eigenen Bahnen weitergehe.

Den Lehrjahren ließ er nun nach Virtuosenart die Wanderjahre folgen. Meist in Gemeinschaft mit seiner jüngeren Schwester [456] Louise – der nachmaligen Hofpianistin der Herzogin von Kent, Frau Dulken – trat er bald hier, bald dort concertirend auf. Auch Leipzig hörte damals (28. December 1825) seinen Ferdinand David, auf dessen Besitz es später stolz sein durfte, zum ersten Male. Kaum sechszehn Jahre alt gelangte er zu Amt und Würden, indem er im Orchester des Königsstädtischen Theaters (nicht als Concertmeister, wie irrig verbreitet) in Berlin eine Anstellung fand. Im November 1829 vertauschte er seinen dasigen Wirkungskreis mit einem anderen, der sich ihm in Dorpat eröffnete. Als erster Violinist und Leiter eines Privatquartetts war er daselbst sechs Jahre hindurch (bis Ende 1835) im Hause des livländischen Landmarschalls, Baron von Liphart, thätig.*[3] In dessen schöner und geistreicher Tochter, Sophie, seiner Schülerin, fand er die geliebte Gefährtin seines Lebens, mit der er sich in December 1836 in Berlin vermählte.

Eine dauernde Heimstätte hatte sich ihm inzwischen in Leipzig aufgethan, wo Mendelssohn, der ihm von Berlin her Befreundete, mit dem October 1835 die Leitung der Gewandhausconcerte überkommen hatte. Er rief den kaum nach Deutschland Zurückgekehrten als ersten Concertmeister an seine Seite (Februar 1836) und gewann in ihm nicht allein eine künstlerische, sondern gleichzeitig eine bildende Kraft allerseltenster Art, mit der vereint es ihm gelang, das altrenommirte Concertinstitut zu höchstem Ruhm und Glanz emporzuführen. Bekannt ist, was Mendelssohn dem Musikleben Leipzigs gewesen und wie ihm dieses seine Weltstellung als Metropole der Tonkunst vor Andern dankt. An den schönen Erfolgen der Mendelssohn’schen Thätigkeit aber gebührt Ferdinand David gewiß ein nicht zu unterschätzender Antheil. Von der Sorge um das Technische insbesondere befreite er seinen genialen Freund. Die berühmt gewordene Präcision des Gewandhaus- und Theaterorchesters, die Sicherheit und Gewissenhaftigkeit, der ernste Ordnungsgeist in den technischen Ausführungen desselben sind David’s Verdienst. Er war die Seele des herrlichen Instrumentalkörpers, ein strenger, gefürchteter und doch äußerst geliebter Führer. Keinerlei Nachlässigkeit entging seiner Rüge, doch freudig erkannte er auch jegliche gelungene Leistung an. Den Enthusiasmus, der ihn selbst erfüllte, und der ihn sich jeder Aufgabe mit wahrem Feuereifer widmen ließ, erwartete er auch von seinen Schülern und Genossen – Lauheit galt ihm als schwerstes Vergehen in Sachen der Kunst.

So wirkte sein Beispiel zündend und begeisternd; die Leistungen des Orchesters belebten sich unter seiner schonungsvollen Führerschaft und athmeten ein oft unvergleichliches künstlerisches Feuer. Er war eben, wie Schumann sagt, das Muster eines Concertmeisters, ja als solcher wohl sogar unerreicht. Sein Schüler Wilhelmj, gegenwärtig einer unserer ersten Geiger, bezeugt: „Er verstand es oft besser, dem Orchester die Absichten des Dirigenten zu interpretiren, und so zur Ausführung zu bringen, als dieser selbst.“ Gleichwohl war er als eigentlicher Dirigent weniger glücklich, eine Thatsache, die sich während seiner zeitweiligen Uebernahme des Capellmeisteramtes herausstellte.

Wie hoch er übrigens in seiner Eigenschaft als Concertmeister auch außerhalb Leipzigs in Ansehen stand, bewies man ihm unter Anderm gelegentlich des Weimarer Beethovenfestes (1870), wo unter einer Elite anerkanntester Geigenkünstler Franz Liszt ihn an die Spitze der Streichinstrumente stellte. Die Wiedergabe gewisser Werke, wie der Beethoven’schen Symphonien, der Cherubini’schen und Mendelssohn’schen Ouverturen, unter seiner Mitwirkung, die auch nach Mendelssohn’s frühzeitig erfolgtem Tode besten Geist und Auffassung im Orchester lebendig erhielt, ward lange Zeit als die einzig mustergültige angesehen. Die von seiner Hand herrührenden Vortragsbezeichnungen und Ergänzungen in den einzelnen Orchesterstimmen, die theils ein genauestes Zusammenspiel der Geiger bezwecken, theils (wie in den Blasinstrumenten) den Fortschritten der modernen Instrumentenbaukunst entsprechen sollten, waren allgemein als so werthvolle anerkannt, daß sie von andern Orchestern für Musteraufführungen häufig entliehen und copirt wurden.

Von der Mitwirkung bei der Oper hatte er sich in den letzten Jahren mehr und mehr zurückgezogen, sich nur noch einige wenige, vorzugsweise classische Werke vorbehaltend. Häufig und gern betheiligte er sich dagegen an Kirchenconcerten. Sein Vortrag des Violinsolos in Beethoven’s Missa solemnis, in Bach’s Matthäuspassion z. B. wird Allen, die ihn gehört, unvergeßlich bleiben.

Nicht minder, als durch seine Thätigkeit als Orchesterführer gereichte er als Quartettspieler und Virtuos dem Leipziger Musikleben zur Zierde. Die von ihm im Gewandhaussaale allwinterlich veranstalteten Kammermusikunterhaltungen galten unsern Kunstfreunden als Hochgenüsse, und keiner der berühmtesten Quartettvereine, weder der Florentinische, noch der Müller’sche oder Hellmesberger’sche und wie sie alle heißen, welche die Welt von sich reden machten, hat den Ruhm des von David geleiteten Quartetts in Schatten zu stellen vermocht. Als Virtuos durfte er, in seiner Blüthezeit zumal, die Rivalität der Besten nicht scheuen. Auf deutschem und fremdländischem Boden (namentlich in England) hat er sich verdiente Lorbeeren gepflückt, und neben den glänzenden Namen Paganini, Lipinski, Ernst, Vieuxtemps, Spohr wird der seine eine bleibende Stelle finden. Nachdem er den Erstgenannten zum ersten Male gehört, hatte er – so erzählt Wilhelmj – das Violinspiel ganz aufgeben wollen. Doch ward zum Heile der Kunst dieser Entschluß nicht zur That; denn geradezu epochemachend wurde sein Wirken für die Geschichte des Violinspiels dadurch, daß er, das breite, sogenannte deutsche Spiel Spohr’s weiter ausbildend, die Errungenschaften eines Paganini mit dem classischen alten Geigenspiele in Einklang zu bringen und eine Verschmelzung beider anzubahnen suchte. Solchergestalt ward er zum Reformator, ja, wie Wilhelmj ihn bezeichnet, zum „Vater der modernen deutschen Geigerschule“.

Fragen wir doch die jüngeren unserer Violinkünstler, was sie ihm nicht Alles danken! Nicht nur die Schaar seiner Schüler, auch Die, welche nie in persönliche Beziehung zu ihm getreten sind, müssen sich durch seine pädagogische Kraft gefördert bekennen. Seiner Studienwerke, namentlich der unübertroffenen Violinschule, in der er die Summe seiner Erfahrungen niederlegte, kann heutigen Tages Keiner mehr entbehren, der eine höhere Stufe im Violinspiel erstrebt, und wo wäre der Geiger, der nicht wenigstens einzelne seiner fünf Concerte, seiner kleineren Charakterstücke, wie die „Bunte Reihe“, „Dur und Moll“, „Aus der Ferienzeit“, zu seinen beliebtesten Repertoirestücken zählte? Als eine Fundgrube werthvollster Musik sind ferner seine Bearbeitungen älterer Werke, die theils in seiner „Hohen Schule des Violinspiels“, theils separat gedruckt erschienen, in Aller Händen. Vergessene oder bisher ungedruckte Compositionen Bach’s, Händel’s und namentlich der alten Italiener (Corelli, Nardini, Locatelli u. A.) brachte er in ihnen wieder an’s Tageslicht und zu neuer Geltung. Als Tonsetzer mit unglaublicher Schnelligkeit und Leichtigkeit producirend, bethätigte er sich nach den verschiedensten Seiten hin; denn auch Concerte und Stücke für andere Instrumente, Lieder, Psalmen, Quartette und Symphonien, ja sogar eine komische Oper, „Hans Wacht“, wurden von ihm geschrieben, ohne es jedoch zu einem gleichen Erfolge wie seine Geigencompositionen zu bringen. Im Laufe des letzten Sommers bereitete er noch eine Suite Händel’scher Streichconcerte, elf an der Zahl (ein dazugehöriges zwölftes ist schon früher erschienen), in neuer Bearbeitung, mit Vorzeichnungen versehen, zur Herausgabe vor. Den weiteren Plänen, mit denen er sich trug, hat der Tod ein Ende gemacht, und zahlreiche Manuscripte liegen nun in seinem Nachlasse begraben.

So vielseitig Ferdinand David demnach an der Förderung der Tonkunst Antheil genommen und seine Kräfte in ihren Dienst gestellt, der Schwerpunkt seiner künstlerischen Bedeutung lag gewiß auf pädagogischem Gebiete. Darum preist auch der Berufenste unter Denen, die der Trauer über seinen Hingang Ausdruck gegeben, sein Lehrgenie als die reichste der reichen Gaben und Eigenschaften des seltenen Meisters. Seit Gründung des Leipziger Conservatoriums (Ostern 1843) als erster Lehrer des Violinspiels daselbst angestellt, hat er dreißig Jahre lang zum Ruhme der Anstalt und als einer ihrer stärksten Magnete gewirkt. Die Zahl und der Ruf seiner in aller Herren Ländern verbreiteten Schüler, die ersten unserer jetztlebenden Violinvirtuosen, Joachim und Wilhelmj an ihrer Spitze, legen Zeugniß ab, wie geläufig ihm die schwere Kunst des Bildens und Schulens jugendlicher Talente gewesen. Mit dem ihm eigenen scharfen Beobachtungssinne erkannte er die individuelle Begabung jedes Einzelnen und machte deren planmäßige Ausbildung zu einer Hauptaufgabe des [457] Unterrichts. Anregend und anfeuernd wirkte er auf alle, auch auf kühlere Naturen; die ihn selbst durchglühende Begeisterung für alles Schöne, für Kunst und Künstlerberuf verstand er in einem Jeden zu erwecken. Allerdings erwuchs ihm aus dieser seiner Lehrthätigkeit der unberechenbare Vortheil, daß er, wie bekannt, das Orchester nach und nach mit Violin-Künstlern zu besetzen vermochte, die er sich selbst herangebildet hatte. Wie hat er aber auch sein Lehramt auf seinem Herzen getragen und ihm mit unablässiger Treue obgelegen! Wie vielen Unbemittelten auch erwies er unentgeltlich die Wohlthat seines Unterrichts!

So vielverzweigt seine Thätigkeit war, die Pflicht gegen seine Schüler ging Allem voran, selbst der Rücksicht auf seine in den letzten Jahren in Folge eines Herzleidens erschütterte Gesundheit. Nimmer, ob er auch rastlos schuf und strebte, that er sich selbst genug; in ununterbrochener Folge sollte, so forderte er, die ihm eingeborene eiserne That- und Willenskraft sich bewähren. „Er verlor nie eine Minute,“ rühmt Ferdinand Hiller in seinem schönen Nachrufe von ihm. In den freien Augenblicken der Conservatoriumsprüfungen z. B. zeichnete er, wie er denn niemals aufhörte, die von Kindheit an geübte Kunst zu pflegen. Während einer gemeinsamen Rückreise von Prag spielte er seinem Freunde Moscheles im Eisenbahnwagen auf der Geige vor, und hatte er sein Instrument aus der Hand, die Feder bei Seite gelegt, „war ihm die allerbeste Lectüre gerade gut genug“. Auch für Alles, was außerhalb seiner Kunst Bedeutendes geschah und geschrieben wurde, gab er das lebhafteste Interesse kund. So zählte die Leipziger geographische Gesellschaft ihn zu ihren eifrigsten Mitgliedern; in ihren Sitzungen hat man ihn kaum je vermißt. Voll Geist und schlagenden Witzes, lebendigen, ja feurigen Naturells, sah man in ihm den willkommensten Gesellschafter, wo er auch erschien. Den Seinen war er der treueste Gatte und Vater, seinen Kunstgenossen ein heiterer Gastfreund, ein gewissenhafter Berather, je nachdem man das Eine oder Andere bei ihm zu suchen kam.

Trotz alledem hat es ihm ebensowenig an Gegnern gefehlt, wie den meisten künstlerischen Größen. Sein nervöses Temperament und der damit zusammenhängende häufige Wechsel seiner Stimmungen, sein energisches, vielleicht nicht immer gemäßigtes Auftreten in künstlerischen Angelegenheiten haben ihm manchen Feind geschaffen. Er war ja eine so unmittelbare, impulsive Natur, daß die Eindrücke, welche er empfing, sympathische und antipathische, sich offen und unzweideutig von seinem Aeußeren ablesen ließen.

Auch für die oppositionelle Haltung der Gewandhausdirection gegenüber mehreren der bedeutendsten neueren Kunsterscheinungen hat man ihn vorzugsweise verantwortlich gemacht. Mit Unrecht, wie Wilhelmj meint, der im Gegentheil die Vielseitigkeit und Unbefangenheit seines Urtheils anerkennend hervorhebt. Es ist gewiß, seine Kunstideale lagen diesseits der classischen Richtung, und mit Vorliebe hat er ihr immerdar seine Kräfte gewidmet; doch sollte ihm billig kein Vorwurf daraus erwachsen, daß er, dessen Entwickelungs- und Blütheperiode einer früheren Zeit angehörte, das Banner derselben hochgehalten und seinem Bekenntnisse treu geblieben bis zum letzten Athemzuge.

So unausgesetzt, Jahrzehnte hindurch, treuester Berufserfüllung hingegeben, hat Ferdinand David manchen Wechsel in den Musikverhältnissen Leipzigs mit ansehen müssen. Dem frühen Tode Mendelssohn’s folgte Schumann’s Weggang; dann gingen Hauptmann und Moscheles schlafen – er war der Letzte, der als thätiger Zeuge einer großen Vergangenheit übrig blieb. Wohl klopfte im Herbste des Jahres 1872 der Tod auch an seine Thür – doch ging er noch einmal vorüber: der schwer erkrankte Meister gesundete wieder und ward mit Jubel in Gewandhaus und Conservatorium als genesen begrüßt. Der Arzt hatte gewünscht, er solle dem Kunsttreiben entsagen; aber das konnte er nicht. „Ohne meine Kunst zu leben, wäre ja erst mein Tod,“ meinte er. Als er im neunzehnten Abonnementconcert das von ihm selbst bearbeitete Bach’sche D-moll-Concert spielte, wollten die Aeußerungen der Dankbarkeit kein Ende nehmen; sein großer edler Ton, der wundervolle Gesang, das jugendliche Feuer seines Vortrags entzückte uns Alle – und eben da nun haben wir ihn zum letzten Male gehört.

Am 14. Juni 1873 verließ er Leipzig, um, wie er dies seit 1870 alljährlich zu thun pflegte, in Tarasp und Klosters in der Schweiz die Badecur zu gebrauchen. Zwei seiner Töchter (er hinterließ deren fünf) und sein in England als Musiklehrer lebender Sohn begleiteten ihn. Wenige Stunden vor seiner Abreise noch versammelte er seine Schüler im Conservatorium zum Unterrichte um sich. „Ich muß doch ordentlich Abschied nehmen,“ entgegnete er einer Freundin, die ihm besorgt davon abrathen wollte. Heiter und anscheinend wohl, erfreute er sich in Tarasp viel am Verkehr mit Berthold Auerbach, dem er schon früher befreundet war. Ohne Musik verging ihm kein Tag; sein Sohn mußte auf dem Clavier sein Spiel begleiten. So probirten Beide in Klosters, wohin David mit den Seinen am 7. Juli übersiedelte, noch das letzte Manuscript, das er daselbst beendete, eine Uebertragung Chopin’scher Mazurken für Violine, und begeistert lauschten die anwesenden Curgäste allabendlich dem Klange seiner Geige. Sie überboten sich in Aufmerksamkeiten für den berühmten Meister und hatten noch für den Tag, an dem er der Welt entrissen ward, ein Ständchen als Ueberraschung für ihn vorbereitet. Täglich auch wurden Spaziergänge in die herrliche Umgebung gemacht. Während eines solchen Ausflugs, auf dem Wege nach der Clubhütte am Silvretta, traf ihn plötzlich der Tod. „Da hinauf möchte ich nicht und wenn die zehnte Symphonie von Beethoven im Manuscript oben läge,“ hatte er, auf den Silvrettagletscher deutend, wenige Minuten zuvor gesagt. Trotz der Anstrengung des Steigens aber fühlte er sich frei und leicht. „Du glaubst gar nicht, wie wohl mir heute ist,“ versicherte er noch seiner jüngsten Tochter, die an seiner Seite ging. Einige Augenblicke später sank er neben ihr zusammen und hauchte in ihren Armen seinen letzten Seufzer aus. Er hatte geahnt und prophezeit, daß es einmal so kommen würde; Vater und Geschwister waren ihm in ähnlich unerwarteter Weise vorangegangen. Noch kurz vor seiner Abreise hatte er sich während seines liebsten Ganges auf den Kirchhof ein „einfaches schwarzes Kreuz mit seinem Namen“ als dereinstigen Grabschmuck erbeten, wie er ihm nun auch geworden ist. Drauf lesen wir noch die Worte des von ihm componirten Psalms: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hülfe kommt“, dieselben, welche Pastor Ahlfeld auch als Text seiner Rede am Sarge wählte. „Zu den Bergen“ hatte er ja in Wahrheit sterbend seine Augen aufgehoben.

Eine marmorne Gedenktafel, in einen Felsblock eingelassen, von einigen mit ihm gemeinsam in Klosters gegenwärtigen Züricher und Baseler Familien pietätvoll errichtet, bezeichnet die Stelle, wo Ferdinand David am 18. Juli 1873 gestorben. Dieselbe liegt achttausend Fuß hoch am Fuße des Silvrettagletschers, unterhalb der Hütte des Schweizer Alpenclubs. Nicht in fremder Erde jedoch sollte er ruhen – seine Kinder haben ihn wieder heimgebracht. Am Nachmittag des 24. Juli ward er unter Theilnahme der gesammten Einwohnerschaft Leipzigs begraben, mit Ehren, wie man sie nur den Großen dieser Welt erweist. Neben Moscheles, dem Freund, der ihm im Leben nahe gestanden, schläft er nun. Im Herzen des dankbaren Leipzigs aber leben sie Beide fort, vereint und unvergessen.




Blätter und Blüthen.


Ein Wunder aus Feldkirch. „Nichts macht den Menschen einfältiger und blinder als fanatischer Glaube,“ meinte mein Freund X. „Das habe ich als Zögling des Jesuitenklosters in Feldkirch oft genug erfahren; am drastischsten aber beweist die Wahrheit dieses Satzes ein toller Steich, den ich meinem Mitschüler, einem Berliner mit Namen W…dorf, gespielt habe, Dieser W…dorf war im ganzen Kloster wegen seiner übergroßen Frömmigkeit bekannt und stand fast im Geruche eines halben Heiligen. Man wußte, daß er Abends in seiner Zelle noch stundenlang auf den Knieen lag, ehe er sich endlich unter ascetischen Seufzern zur Ruhe begab. Um nun diesen Jugendübungen ein besseres Relief zu geben, verfiel ich mit einem ebenso weltlich gesinnten Complicen auf die Idee, in W…dorf’s Zelle eine übernatürliche Erscheinung zu veranstalten. Zum bessern Verständnisse schalte ich ein, daß unser gemeinschaftlicher, sehr großer Schlafsaal aus zwei Reihen Betten bestand, welche rechts und links an den Wänden standen und so in der Mitte einen freien Gang offen ließen. Getrennt waren die Betten durch spanische Wände und die so gebildeten Zellen nach dem Mittelgange durch eine Gardine verschließbar, Eines Abends schrieb ich nun auf die dieser Gardine gegenüberliegende Wand mit Phosphor die Worte:

‚W....dorf, Du bist heilig!‘


Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.

[458] Dann öffnete ich die nach dem Gange führende Gardine und ließ das Licht von diesem in die Zelle strömen, wodurch die entstandene Flammenschrift verschwand.

Wenige Minuten später erschien W…dorf in der Zelle, und kaum hatte derselbe die Gardine geschlossen, so trat ihm die zitternde Flammenschrift entgegen. Er stürzte sofort auf die Kniee und sah unter inbrünstigen Gebeten und frommen Schauern die ihn heilig sprechenden Buchstaben langsam verflackern. Nach einer schlaflosen Nacht meldete er die Erscheinung dem Pater Präfect. Der überlegt sich die Sache und ermahnt den angehenden Heiligen, im Gebete wohl darüber nachzudenken, was die Erscheinung zu bedeuten habe, aber auch wohl zu erwägen, daß dies vielleicht eine Versuchung des Bösen sei, dem oft viele Macht über den Menschen gegeben.

Am folgenden Abend wurde dieselbe Erscheinung mit gleichem Effecte in Scene gesetzt. Der arme W…dorf hatte eine noch unruhigere Nacht als die vergangene, und auf seinen neuen Bericht erklärte der Präfect, daß man nach einer dreimaligen Wiederholung an der Göttlichkeit des Wunders nicht mehr zweifeln dürfe. Obwohl nun am dritten Tage die Zelle scharf bewacht wurde, gelang es mir Abends dennoch, in dieselbe zu schlüpfen und die dritte Erscheinung vorzubereiten.

Zitternd vor Aufregung betrat bald darauf W…dorf in Begleitung des Pater Präfecten die Zelle. Aber, o Entsetzen, statt der heiligsprechenden Worte war da zu lesen:

‚W…dorf, Du bist ein Esel!‘

Mit der Göttlichkeit des Wunders war es natürlich vorbei. Eine eingeleitete Untersuchung blieb lange ohne Erfolg, bis später durch einen Zufall ich und mein Mitattentäter entdeckt und empfindlich bestraft wurden.“

So mein Gewährsmann. Derselbe blieb nach jener Geschichte nicht lange mehr in Feldkirch. W…dorf aber ist Jesuit geworden und soll sich jetzt als Missionär unter den Wilden befinden.

Z.




Reise-Institute. Das Institut der „Gemeinschaftlichen Excursionsreisen“, wenn wir nicht irren, deutschen Ursprungs, ist in England in noch weit praktischerer Form in’s Leben getreten. Den Einrichtungen dieses neuen Instituts gemäß, kann der Reiselustige eine beliebige Tour wählen und kommt obendrein mit erheblich reducirten Kosten weg. Er erhält ein Certificat, welches von den bedeutenderen Verkehrsanstalten respectirt wird; er erhält eine Liste der Hôtels, in denen er wohnen und speisen kann, ja sogar für Trinkgelder, Gebühren für Lohnbedienten und Führer, für Lohnkutscher und alle anderen gewöhnlichen Ausgaben eines Touristen ist gesorgt. Er braucht sein Portemonnaie wenig oder gar nicht zu öffnen, und vermittelst des papierenen Talismans, den er sich für verhältnißmäßig billiges Geld von dem besagten Institute erworben hat, findet er überall sein „Tischlein deck’ dich“ und seine „dienstbaren Geister“. Der Preis eines solchen Talismans richtet sich natürlich nach der Route, nach der Zeit, welche auf die Reise verwendet werden soll, und nach anderen Umständen, und kommt auf zweihundertfünfunddreißig bis sechshundertfünfzig Dollars (in Gold) für eine Reise durch den europäischen Continent zu stehen. Für achthundertfünfzig bis tausend Dollars kann man sogar ein solches Certificat zu einer äußerst interessanten Reise um die Welt kaufen. Gegenwärtig durchziehen bereits mehrere Partien englischer Gentlemen und Ladies nach diesem Plane die Vereinigten Staaten von Nordamerika und besuchen die bedeutenderen und interessanten Plätze der „Neuen Welt“.

D.




Das Aquarium in der Volksschule. Es giebt kein besseres Mittel, den naturkundlichen Unterricht in der Volksschule interessant zu machen, als die Anschauung; daher habe ich auch schon seit längerer Zeit mein Augenmerk auf das Aquarium gerichtet und dabei immer gedacht, daß es besonders dazu geeignet sei, unsern Kindern die Natur so lieb zu machen, daß sie ihnen nicht zu einem Tempel der Schrecken, sondern, wie Roßmäßler sagt, zu einer schönen, mütterlichen Heimath wird.

Das Aquarium hat sich in der neueren Zeit sehr viele Freunde erworben; es verschönt unsere Wohnungen und bietet uns eine lehrreiche Unterhaltung dar; wer sieht diesen Wasserbewohnern nicht gerne zu und freut sich nicht an ihrem muntern Spiele? Wem es die Verhältnisse erlauben, der sollte sich in seiner Wohnung sowohl zu eigener Freude, wie zur Unterhaltung und Belehrung seiner Kinder ein Aquarium einrichten.

Ganz besonders sollte es in der Schule nicht fehlen; die Schüler haben eine ungemein große Freude daran; sie verkehren sozusagen im Zimmer mit der Natur, und der Lehrer hat gar oft Gelegenheit, manches deutlich und anschaulich zu machen, was er ohne das Aquarium nicht einmal erläutern könnte. Welche Furcht haben unsere Kinder vor den Amphibien! Sie unterstehen sich nicht, selbst nicht in vorgerücktem Alter, eine Eidechse, Blindschleiche oder auch nur einen Frosch anzugreifen. Die Ursache dieser Erscheinung liegt nicht weit: diese Thiere kommen ihnen wenig zu Gesichte und zudem werden sie ihnen schon in den ersten Jahren mehr oder weniger als Schreckensgestalten gemalt. Das Aquarium hilft dieser falschen Vorstellung in kurzer Zeit ab, weil die Kinder sehen, daß diese Thiere nicht so gefährlich sind, wie man ihnen sagte und wie sie glaubten.

Ich halte diese Sache für wichtig genug, sie öffentlich anzuregen, und alle Lehrer und Freunde der Jugendbildung zu bitten, sich derselben anzunehmen; der Erfolg wird gewiß befriedigend sein.

Ph. R.




Frauenarbeit. Aus Washington wird geschrieben: „In beinahe allen Regierungsabtheilungen in Washington, mit Ausnahme einiger militärischen und des Staatsdepartements (Ministerium des Auswärtigen) arbeiten die Frauen mit Erfolg, und der Einfluß auf die Verfeinerung der Sitten der Männer, mit denen dieselben arbeiten, ist auffallend. Vieles Rohe und Wüste, welches man früher antraf, fällt jetzt ganz weg, und überall, wo Frauen untermischt mit Männern arbeiten, beobachtet man eine Galanterie der Sitten, die auch dem Publicum zu gute kommt, wie dies bei der amerikanischen gesellschaftlichen Rücksicht auf die Frauen nicht anders zu erwarten war. Die Frauen zeichnen sich überall durch Ordnung, Genauigkeit und Pünktlichkeit und häufig durch Scharfsinn und große Fertigkeit in Geschäften aus.

Nur wo keine Frauen in den Zimmern sind, beobachtet man noch bei der Arbeit den alten Schlendrian, die gemüthliche Stummelpfeife oder den Kautabak, Barschheit, Langsamkeit, Faulheit und rohe oder anzügliche Redensarten. Es ist zu erwarten, daß demnächst auch die Frauen in die klösterlich feierliche Citadelle des Staatsdepartements einziehen und von da in den diplomatischen Dienst übergehen werden. Im Consulatfache würden sich Manche derselben gewiß mehr auszeichnen, als verschiedene unserer gegenwärtigen männlichen Agenten.“

D.




Carl Durban, Sohn des Oberbauraths Durban in Freiburg, ist im Jahre 1856 nach Amerika gegangen und hat seine Angehörigen seitdem ohne Nachricht gelassen. Falls er noch leben sollte, wird er dringend um Angabe seines jetzigen Aufenthaltes und um Rückkehr nach Deutschland gebeten, wo sowohl sein alter Vater wie seine Geschwister ihm herzliches Willkommen und, wenn es nöthig sein sollte, einen ausreichenden Unterhalt bieten werden. Alle, die drüben Carl Durban gekannt, werden dringend um Nachricht ersucht, welche von der Redaction der Gartenlaube gern weiter besorgt werden wird.




Kleiner Briefkasten.

Herrn Richard R. in Berlin. Ob der Todte bei der Reclam-Siemens’schen Feuerbestattung in einem Holzsarge verbrannt, ob er nur in einem solchen herabgelassen oder ob er ohne Sarg, in Leintücher gehüllt, bestattet werden soll, haben lediglich die Hinterbliebenen zu bestimmen. Für den Vorgang der Verbrennung ist es gleichgültig.

Herrn W. K. in M. Sie wünschen den „Kostenpreis eines Verbrennungs-Apparates für Feuerbestattung“ zu wissen. Der neue vereinfachte Apparat wird von Herrn F. Siemens in Dresden für etwa zweitausend Thaler hergestellt. Für diesen Preis können Gaserzeuger, Generator, Verbrennungsraum und Esse erbaut werden. Kleine Gemeinden, welche den Apparat seltener brauchen, können schon für etwa 1200 Thaler einen solchen sich anschaffen. Durch diesen geringen Preis wird der Einführung der Feuerbestattung wesentlicher Vorschub geleistet. Die „Leichenhalle“ ist in obigen Kostenanschlägen nicht inbegriffen; sie kann ein Bretterschuppen oder ein prachtvoller Kuppelbau sein.

B. Y. Geldvorschüsse leistet jeder Vernünftige nur solchen Petenten, welche seines Vertrauens würdig sind. Sie stellen sich uns als B. Y., also mit völlig geschlossenem Visir, vor – und fordern unser Vertrauen, indem Sie uns um Gotteswillen um Bezahlung Ihrer Schulden bitten. Das ist naiv. Leider haben Sie so zahlreiche Collegen, daß, wollten wir die Bitten Aller erhören, wir in einigen Jahren selbst betteln gehen müßten. Daher und weil dem Einem recht, was dem Anderen billig ist, erweichen Bittsteller, wenn sie sich in den Mantel der Anonymität hüllen, niemals unser Herz.




Berichtigung. Das Bild „Gang zur Beichte“ in Nr. 25 unseres Blattes wurde irrthümlich als Originalzeichnung von M. Ulffers in Düsseldorf bezeichnet, während der Antheil dieses Künstlers an dem Bilde sich auf die Ueberzeichnung desselben auf Holz beschränkt. Der eigentliche Maler des „Gang zur Beichte“ ist Ludwig von Rößler in Düsseldorf.




Herman Schmid’s gesammelte Schriften.


Volks- und Familienausgabe.


Zweite Auflage in Heften à 3 Sgr.


Dieselbe bringt im 59. und den folgenden Heften die in der ersten Auflage nicht enthaltenen neueren Erzählungen des beliebten Verfassers:


Die Gasselbuben – Das Münchener Kindel – Der Bergwirth – Die Zuwiderwurzen – Der Loder,


und bildet demnach von diesem Abschnitte an ein Supplement zur ersten in 27 Bändchen erschienenen Ausgabe, auf welches die Besitzer derselben nicht versäumen wollen zu subscribiren.

Die Verlagshandlung von Ernst Keil in Leipzig.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. * Auch mitgetheilt im Jahrg. 1860 der Gartenl., S. 213. D. Red.
  2. * Wir wollen den in die nächste Woche fallenden Jahrestag des Todes (18. Juli) unseres um das deutsche Musikleben so hochverdienten, unvergeßlichen David nicht vorübergehen lassen, ohne dem Verblichenen durch den Abdruck des obigen aus berufener Feder geflossenen Artikels auch unsererseits den verdienten Zoll der Anerkennung und Dankbarkeit darzubringen und uns damit den Stimmen anzuschließen, die in der deutschen und außerdeutschen Presse zu Ehren des Meisters so zahlreich laut wurden.
    D. Red.
  3. * Die Angabe, daß er gleichzeitig als Dirigent eines Musikvereins gewirkt, ist unrichtig.