Die Gartenlaube (1886)/Heft 49
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| No. 49. | 1886. | |
Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Die beiden Schaumlöffel.
Man ist eben von Großhesselohe nach Haus gekommen. Statt wie gewöhnlich voranzutänzeln, steigt Lucie langsam und träumerisch die Stufen hinter ihren Eltern hinan.
„Du willst doch nicht schon zu Bett gehen, Kind? Es ist ja kaum zehn Uhr!“ fragt Frau Dunby, als Lucie ihr die Wange für den üblichen Gutenachtkuß bietet.
„Ich bin sehr müde, Mama!“
„Ueberanstrengung, Liebling!“ klagt der besorgte Papa. „Ich habe es Dir gleich heut früh angemerkt, daß Dein Kopf nicht dafür taugt. Du sollst ja Bilder haben, Goldkind, ohne daß Du Dich damit abquälst, sie zu malen! Daß Du mir nicht krank wirst!“
Um die besorgte Miene Papa Dunby’s zu zerstreuen, dreht Lucie sich ein paarmal auf dem Absatz ihrer Stiefelchen herum, tanzt dann auf ihn zu, nimmt seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und küßt ihn herzhaft ab … so herzhaft, wie sie ihn lange nicht geküßt hat.
„Quäle Dich nicht, alter Papa! Du siehst ja, ich kann noch tanzen!“
„Eben sagst Du, Du könntest Dich nicht mehr rühren – darauf springst Du wie eine Wilde in der Stube herum!“ bemerkt Mama. „Was soll denn das heißen?“
Lucie merkt, daß sie sich auf einem Widerspruch ertappen ließ.
„Meine letzte Anstrengung, um Papa zu beweisen, daß ich nicht krank bin. Nun kann ich nicht mehr. Gute Nacht!“
„Du hast auch nichts gegessen – fast nichts!“ ruft der Vater. „Laß mich klingeln, daß sie Dir ein kaltes Hühnerflügelchen bringen! Oder hast Du Lust, ein Glas Eislimonade zu trinken, oder etwas Sherry-Cobbler? Kannst Du Sherry-Cobbler widerstehen, Liebling?“
Aber Lucie widersteht. Sie kehrt noch einmal zu Papa zurück, um sich auf die geschlossenen Augen küssen zu lassen. Dann ist sie verschwunden.
[854] Julie hat sie beim Auskleiden noch nie so geduldig, aber auch noch nie so gleichgültig und still gefunden.
Sie ist heut wahrhaftig wie ausgewechselt – denkt die Jungfer – das wahre Gotteslamm! Ob da etwa der Maler dahintersteckt?
„Ein recht netter Mensch,“ fängt sie an, während sie Lucie kämmt, „dieser Diener von Herrn Schaumlöffel … Und was Ihnen der Alles zu erzählen wußte!“ (Die Dunby’s hatten eine Deutschamerikanerin für die Reise mitgenommen.) „Was so ein Maler aber auch belagert wird!“
„Wenn Einer so berühmt ist wie Herr Schaumlöffel, reißt man sich selbstverständlich um seine Bilder!“ sagt Lucie, die nicht ohne eine gewisse Genugthuung Schaumlöffel preisen hört.
„Ach, gnädiges Fräulein – nicht bloß von Leuten, die Bilder kaufen! Da hätten Sie den jungen Menschen nur hören sollen! Sein Herr wird Ihnen von Frauen doch gar zu sehr verwöhnt! Man sollte es gar nicht denken, wenn man ihn so sieht … aber eine wahre Belagerung!“ (Fritz hatte, auch einem seiner Talente nachgebend, seines Herrn kleine Abenteuer in wahrem Jägerlatein vorgetragen und dann den ganzen übrigen Tag beim Kitten des Pfirsichzweigs vor sich hingelacht über die Verwirrung, die er damit wahrscheinlich anrichtete.) „Und er – ich meine Herr Schaumlöffel – immer ganz kalt … kalt wie Eis. Noch nicht die Rechte, wahrscheinlich! Nichts rührt ihn! Keine Pantoffelstickerei, keine Theewärmer oder Schlummerpolster – nichts! Es muß ihm ja auch wohl zuwider werden, wenn sich ihm Alles so zu Füßen wirft … bis einmal die Rechte kommt, natürlich!“
„Erzählen Sie nur der Mama nicht erst die dummen Geschichten!“
„Ach werd’ ich! Da kennen mich gnädig Fräulein aber schlecht!“
„Der alberne Mensch hat Ihnen etwas weisgemacht. Wenn sein Herr das wüßte, er schickte ihn fort! … Das Uebrige besorge ich selbst. Gute Nacht!“
„Wohl zu schlafen, gnädiges Fräulein!“ sagt Julie laut und denkt für sich: Also so steht’s! Hm – hm! Nun, mir könnte er nicht gefallen – bis auf die Augen, heißt das … Also so steht’s!
Lucie glüht vor Aufregung. Daß ein Mann von allen andern Frauen verwöhnt und angebetet wird, schadet ihm natürlich in der Schätzung derjenigen nicht, welche angefangen hat, sich für ihn zu interessiren.
„Also weil ihm Alles zu Füßen liegt, als ob er ein Prinz wäre – darum ist man so von oben herunter abgekanzelt worden! Darum muß man hören, daß man zu nichts tauge, nicht einmal einen Mann glücklich zu machen!“
Unter solchen Gedanken zieht Lucie ihr weißes Nachtkleid über und wirft sich in einen niedrigen Lehnstuhl. Die Arme über dem Kopf zusammengeschlagen, zwei winzige Füßchen, auf die sie ein Bischen und Papa sehr eitel ist, weit ausgestreckt und nachlässig gekreuzt, sitzt sie tief nachdenklich da.
Das wäre gerade ein Mann, um eine Frau recht zu tyrannisiren! Nein, ehe ich mich von einem Manne tyrannisiren lasse, werde ich eine alte Jungfer! Sich verheirathen und dann nichts sein, als so ein Gegenstand, auf den ein einfältiger Mann ein Recht hat! Wenn man gewöhnt ist, seinen eignen Willen zu haben! … Wenn ich einmal heirathe, werde ich sehr vorsichtig sein. Dann mache ich mir aus, über mein Leben ganz allein zu bestimmen … auszugeben, was ich will – mich zu kleiden, wie ich will – und wenn ich nur weiße Pekingkleider anziehen und nur weiße Hüte mit weißen Vögeln aufsetzen wollte! – Ganz wie ich will! Ausgehen, ohne gefragt zu werden, wohin! Ueberhaupt Alles, was ich will! Mich würde er nicht tyrannisiren, dieser Herr Schaumlöffel! … Da ist Papa anders! Der liebe alte Papa! Manchmal freilich ein Bischen zu … Er kann doch bei andern Menschen herzhaft seinen Willen durchsetzen, warum er mir nur immer nachgiebt! Ach – mein langweiliges Leben! Was habe ich eigentlich auf der Welt? Anzüge ausdenken und dann anprobiren, mich zu langweiligen Mahlzeiten niedersetzen und nachher manchmal von Mama gezankt werden … Etwas malen! … natürlich nur zum „angenehmen Zeitvertreib“! … Ob es überhaupt Frauen giebt, denen dieser Schaumlöffel etwas zutraut? Ich möchte nur wissen, wie er sich die Frau eigentlich vorstellt, die einen Mann glücklich macht!
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Eine Weile, nachdem Lucie sich zurückgezogen, sitzen beide Eltern schweigend am offnen Fenster einander gegenüber.
„Recht schwüler Abend,“ sagt endlich Mr. Dunby, langsam eine Rauchwolke aus seiner kurzen Pfeife ziehend. Seine Gattin erlaubte ihm nur ausnahmsweise, in ihrer Gegenwart zu rauchen. „Ich dachte, das Wetter würde heraufkommen, aber der Himmel hat sich nur bewölkt. Recht schwül, nicht wahr?“
„Ich bitte Dich, Mr. Dunby, wie kannst Du jetzt vom Wetter reden! Du denkst ja gar nicht ans Wetter!“
Selbstverständlich haben beide Eltern nur einen Gedanken: Lucie.
Er seufzt tief.
„Und so mit einem Male wie ausgewechselt, das arme Kind! Meinst Du, daß er sie heut früh beleidigt hat?“
Er weiß, daß er keinen Namen zu nennen braucht.
„Wer weiß, was er ihr in den Kopf gesetzt hat? Diese unglückselige Reise!“
„Glaubst Du, Karoline, daß es mit ihrer Passion fürs Malen zusammenhängt?“
„Ach – Malen! Ich glaube, daß sie auf dem besten Wege ist, in eine Passion für den Maler zu fallen!“
Er schüttelt den Kopf. „Ich bitte Dich! Lucie, ein halbes Kind!“
„Dieses ‚halbe Kind‘ wird Dich recht bald in Erstaunen setzen! Das halbe Kind ist von der Art, die sich ins Wasser stürzt, zum Fenster hinausspringt oder nach Gift greift, wenn man ihr nicht den Willen thut! Aber das kommt davon, weil Du sie unsinnig verwöhnt hast, Mr. Dunby!“
„Sie hat Schaumlöffel gestern zum ersten Mal gesehen, heut gar nicht viel mit ihm geredet … sie war außergewöhnlich still …“
„Gieb bei ihr nichts auf die Außenseite! Je ruhiger von außen, je stärker brennt’s inwendig.“
Es läuft dem Amerikaner eiskalt über den Rücken.
„Wahrscheinlich,“ sagt er, „hat Schaumlöffel sich in sie verliebt, und sie merkt es.“
„Gefallen wird sie ihm schon, aber das bedeutet ja noch nichts bei einem Künstler. Auf diese Menschen ist eben kein Verlaß!“
„Nein, Karoline, in Schaumlöffel irrst Du Dich! Mit dem läßt sich schon reden. Das ist Dir ein ganz ausgezeichneter Kopf und voll von gesunden Kenntnissen.“
„Das eben beunruhigt mich. Man wird aus ihm nicht klug.“
„Er hat mir heut wieder Pläne entwickelt …“
„Warum spricht er nicht von seinen Bildern? Ein Künstler, welcher weiß: da sitzt ein reicher Amerikaner neben mir, dem gefallen meine Bilder – er will auch eins oder zwei gemalt haben – nun, der greift doch zu und macht die Sache endlich sicher, wenn’s ein richtiger Maler ist! Zwanzigtausend Mark sind für den kein Pappenstiel. Sieh ihn Dir nur an!“
„Die Vielseitigkeit spricht doch für ihn …“
„Das hat Dir Lucie weisgemacht. Und wenn er nun auch so vielseitig in Bezug auf Frauen wäre? Setzt dem Mädchen erst etwas in den Kopf! Romantisch ist sie – die Malerei ihr Steckenpferd … sie fängt Feuer und dann er – holla!“
„Glaubst Du wahrhaftig, daß er sie ernsthaft interessirt? Ich fand sie gestern freundlicher – heut sogar manchmal gereizt, wenn sie mit ihm sprach …“
„Selbstverständlich. So stolz ist sie doch auch, um sich nicht einem Manne zu Füßen zu werfen! Eine Amerikanerin!“
Mr. Dunby läßt nur drei kleine Rauchwölkchen schnell hinter einander aufsteigen und sagt nichts.
„Weißt Du, was ich thun werde?“ fängt er nach einer Weile an.
„Nein, Mr. Dunby! Wie soll ich Deine Gedanken errathen?“
„Ich werde morgen früh offen mit ihm reden …“
„Nimm Dich in Acht, daß er nicht etwa denkt, wir wüßten nicht, was wir mit Lucie anfangen sollen, und trügen sie ihm auf einem Präsentirteller an!“
„Ich bitte Dich, Karoline! Lucie ist siebzehn Jahr, hübsch und unverdorben und unser einziges Kind!“
„Diese Künstler von Europa, mein lieber Mr. Dunby, haben große Rosinen im Kopfe, von denen man sich bei uns gar keine [855] Vorstellung macht! Darüber hat mir Mrs. Colver, die in Paris gelebt hat, schon eine Kerze aufgesteckt“
„Sei unbesorgt! Ich weiß, was Lucie werth ist und was ich ihrer Ehre schuldig bin! Aber ehe ich … sie vielleicht unglücklich sehe … nein – eher reisen wir ab, bis es so weit kommt. Jetzt wird sie es noch verschmerzen. Man könnte mit ihr nach Spanien gehen oder …“
„Warum nicht gar nach der Wüste Sahara! Jetzt nach Spanien, wo man in Deutschland schon schmilzt!“
„Wie Du denkst, Karoline, nach Norwegen meinetwegen! Ach, mir ist Alles Eins! Ich wollte, ich wäre erst im Klaren über den Maler, und was zu thun …“
„Die Nacht wird Rath bringen – übereilen darf man nichts!“
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Die Nacht hat sich gleich einer schweren Wolke herabgesenkt, in der die Baumgruppen wie unbestimmte, schwärzliche Schatten ruhen. Dann und wann fährt ein Windstoß dazwischen, daß sie mit leisem Stöhnen durch einander zu fließen scheinen. In einem Nachbarhause schlägt ein schlecht verwahrter Fensterladen auf und zu; der ferne Pfiff einer Lokomotive klingt manchmal dazwischen – sonst Alles still.
Oskar hatte sich angezogen aufs Bett geworfen und eine Weile vor sich hingebrütet. Dann ist er aufgesprungen und ans offene Feuster getreten. Die Arme verschränkt, starrt er hinaus, ohne nur zu versuchen, einen Gegenstand vom andern zu unterscheiden. In seinem Innern wirbeln sonderbare Bilder durch einander, bald verworren, bald klarer – immer aber sieht er Lucie an seiner Seite.
„Es darf nicht sein,“ stöhnt er leise, „es darf nicht sein!“ Und als ob er fliehen müsse, stürzt er noch einmal zum Hause hinaus; weiter und immer weiter durch die stillen Straßen. Erst gegen Morgen kehrt er zurück und sucht sein Lager auf. Aber lange noch kann er kein Auge schließen. – Beim Erwachen fühlt er sich matt, beinahe krank. So kann das nicht fortgehen!
Er kommt zu dem Entschluß, ein oder zwei Tage zu verreisen, eine Fußwanderung zu machen, gleichviel wohin, und sich brieflich von den Amerikanern zu verabschieden. Er ist Paul sehr verpflichtet, aber er kann ihm seinen inneren Frieden nicht zum Opfer bringen und durch weiteren Verkehr mit den Amerikanern sich zum Sklaven einer thörichten Leidenschaft machen.
Fritz, der sich gestern Abend überzeugt hat, daß sein Kitt nichts taugt und daß der kostbare Pfirsichzweig dahin sei, hat das böse Gewissen nicht schlafen lassen. Sobald Oskar das Haus verließ, ist er aufgesprungen, sich zu versichern, ob die Thür auch verschlossen sei: einmal aus Dienertreue, dann weil er sich vor Einbrechern fürchtet. Fritz ist kein Held. Darauf ist er in Oskar’s Zimmer geschlichen, hat die Unordnung, welche unglückliche Liebe angerichtet, mit verständnißvoller Gewandtheit beseitigt und dabei Betrachtungen über die Verschiedenheit seiner zwei Herren – des echten und des unechten – angestellt.
„Geriethe mein wirklicher Herr jedesmal in einen solchen Zustand, wenn ein hübsches Mädchen ihm gefällt, so hätten wir ihn längst auf den Kirchhof legen müssen!“ argumentirt er. „Und das wäre schade, denn wir malen wirklich charmant und werden auch charmant bezahlt. Wie der Andere sich nur anstellt! Da wollte ich zehntausendmal lieber (hier seufzt Fritz) – ich hätte mich verschossen, als daß mir der Unglücksfall mit dem Pfirsichzweig passiren mußte! Das Malheur kann mich die sichere Lebensstellung kosten. Aber ich ertrage es mit Ergebung … Vor allen Dingen muß ich diesen unechten Maler mir als Freund erhalten, damit er sich meiner annimmt, wenn’s bei meinem echten Maler losgeht!“
Nach dieser Schlußbetrachtung richtet Fritz sein Betragen ein. Er nimmt sich vor, Oskar den Tag über mit angenehmen Nachrichten über die junge Amerikanerin zu „verwöhnen“. Die Jungfer konnte ihm ja anvertraut haben, was das gnädige Fräulein über ihn geäußert hätte.
In Anbetracht, daß Oskar heute noch weniger als gestern zur Bewunderung eines Stilllebens aufgelegt sein würde, herrscht auf dem Frühstückstisch eine bequeme Behaglichkeit vor. Alles ist leicht erreichbar und mundrecht: etwas ausgeschälte Hühnerbrust steht ein paar Spiegeleiern mit gehacktem Schinken gegenüber. Eine Art Rekonvalescententisch, wie eine liebende Mutter ihn dem Sohne zurecht gestellt haben würde. Fritz beobachtet hinter einer Portière den Eindruck. Oskar sieht ernst vor sich hin, fängt aber doch, angeregt durch das bequeme Arrangement, allmählich zu essen an.
Es wird sich Alles machen! Er kommt schon wieder zur Vernunft! Wahrscheinlich noch nicht viel Uebung auf dieser Linie.
Der Brief an den Amerikaner, den er beim Decken erspäht hat, beunruhigt ihn. Was hat Oskar an Mister Dunby zu schreiben? Zum Anhalten kommt’s hier kaum! Wenigstens hat das noch gute Weile … Wenn der Brief an die kleine Miß gerichtet wäre?
Es klingelt.
Leise schleicht Fritz rückwärts aus seinem Versteck. Es hat zweimal – das zweite Mal etwas heftig – geklingelt, ehe er geht, um zu öffnen.
Der Amerikaner steht vor der Thür. Heiliger Antoni – was hat das zu bedeuten!
Mister Dunby grüßt Fritz in ähnlicher Weise wie das erste Mal.
„Wenn Herr Schaumlöffel jetzt noch nicht auf ist oder mich noch nicht empfangen will, wollen Sie fragen, um welche Zeit ich meinen Besuch wiederholen darf?“
Fritz würde Oskar sofort wecken, wenn dieser sich einfallen ließe, noch zu schlafen. Glücklicherweise ist das nicht nöthig.
„Es wird Herrn Schaumlöffel gewiß sehr angenehm sein,“ sagt Fritz laut genug, daß Oskar es hört. „Er ist hier im Speisezimmer.“
Oskar hat sich erhoben. Er hat die Stimme erkannt.
„Kein Rückfall,“ denkt er, „nur kein Rückfall!“ – aber er zittert dabei wie ein Knabe.
Fritz öffnet die Thür.
„Ich komme zu früher Stunde –“
Oskar verbeugt sich.
„Und ohne Vorwissen meiner Damen. Notiren Sie das wohl, ich bitte!“
Auch der Amerikaner kann eine gewisse Unruhe nicht verbergen, welche ihn die Aufregung Oskar’s nicht bemerken läßt.
„Wollen Sie nicht Platz nehmen?“
„Danke!“
Beide setzen sich.
„Auf die Gefahr hin, von Ihnen falsch beurtheilt zu werden … Es hört uns doch Niemand?“ Er hat eine Bewegung hinter der Thür gehört.
Fritz ist bei diesen Worten von der nur angelehnten Thür pfeilschnell verschwunden. Oskar verschließt sie und zieht noch einen schweren Vorhang sorgfältig darüber, ehe er sich dem Amerikaner gegenüber setzt. Dann macht er eine Bewegung mit der Hand, um anzudeuten, daß er bereit sei zu hören.
„Ich halte Sie für einen Ehrenmann, Herr Schaumlöffel. Trotzdem … glauben Sie mir … ist es mir peinlich … Nehmen Sie an, daß ich ein sehr vorsichtiger Mann bin … vor Allem, daß mir nichts mehr auf der Seele liegt, als das Schicksal meiner einzigen Tochter … Sie begreifen –“
„Ja – o ja!“
„Gesetzt den Fall – ich bin kein Diplomat, mein bester Herr Schaumlöffel – gesetzt, Lucie gefiele Ihnen bei näherer Bekanntschaft – sagen Sie mir ehrlich – läge irgend ein Hinderniß auf Ihrer Seite vor?“
Oskar ist noch bleicher geworden.
„Weiß Ihre Tochter –?“
„Selbstverständlich keine Silbe! Aber ich bin ein vorsichtiger Mann … sie ist etwas enthusiastisch – da wäre es nicht unmöglich. Sie werden etwa zehn Jahre älter sein als Lucie – Ihr Charakter scheint mir verträglich und – ich setze nur den Fall, daß mein Kind Ihnen ein tieferes Interesse einflößte – aber um Gotteswillen – was ist Ihnen – lieben Sie Lucie?“
Oskar ist aufgesprungen. Er hat an seine Stirn gegriffen. Das ist zu viel!
„Sie spotten meiner, Mister Dunby. Nicht weiter, ich –“
„Natürlich ist das Liebe! und welche tiefe Liebe – ach, diese deutschen Künstler!“ denkt der erstaunte Amerikaner nicht ohne Befriedigung.
„Ihr Charakter hat mir, so weit ich Sie bis jetzt kennen lernte, zugesagt. Sie haben einen Beruf, der Sie ernährt –“
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[857] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [858] „Nein,“ ruft Oskar, „was ich verdiene, kommt hier gar nicht in Betracht. Ich habe mich wohl ehrlich gequält; erreicht habe ich nichts.“
„Das ist nun doch, wie mir scheint, eine starke Uebertreibung, mein werther Herr Schaumlöffel. Ihr Vetter sagte mir schon … na, lassen wir das. Wenn ich auch zugebe, daß meine Finanzen etwas sicherer gegründet sind … indeß bei diesen Fragen stehen wir ja vorläufig noch nicht. Es ist bis jetzt – wie gesagt, von einem Gefallen von Seiten Luciens nicht die Rede; doch, ehe wir so weit – vielleicht! – kommen: sagen Sie mir ehrlich, haben Sie irgend welche Verbindung, die meinem lieben Kinde später Thränen kosten könnte?“
Mit seinen ernsten offenen Augen sieht Oskar zu ihm auf. Der Himmel wird ihm aufgeschlossen. Warum soll er nicht hineinspazieren?
„Ich versichere Ihnen, Mister Dunby, so wahr ich vor Ihnen stehe, bis jetzt hat noch keine Frau mir ein wirkliches Interesse eingeflößt – ich habe noch nie geliebt –“
„Tatata … so sprechen Alle!“
„Mister Dunby – Sie haben mein Wort.“
„Gut – gut! Es ist nur merkwürdig, wenn man sich überlegt. Sie sind jetzt beinahe dreißig Jahre … Gut, gut, ich will glauben, da Sie mir Ihr Wort verpfändet haben, daß Sie kein ehrliches Mädchen betrügen.“
„Mister Dunby!“
„Ueber diesen Punkt also wären wir im Klaren. – Haben Sie Schulden?“
„Ich hatte bis jetzt so wenig Aussicht, Schulden zu bezahlen, und da … wäre es mir nicht leicht geworden, Schulden zu machen.“
Der Amerikaner sieht ihn scharf an.
„Auch hier ist Offenheit Alles, was ich verlange. Ich bitte, setzen Sie sich in meine Lage. Ich bin hier vollkommen fremd, und das Glück meines Kindes liegt mir sehr am Herzen. Ich werde deßhalb – auf die Gefahr hin, Ihre Gefühle zu beleidigen, so viel ich kann, Erkundigungen über Sie einziehen.“
„Es wird Ihnen schwer genug werden! Sie sollten wenigstens die Rückkehr meines Vetters abwarten.“
„Lassen Sie das meine Sache sein. Ob Ihr Vetter gerade der unparteiische Richter wäre? Wir sehen uns doch heute?“
Oskar reicht ihm nur mit einer eigenthümlichen Bewegung die Hand; er hatte den Absagebrief, ehe der Amerikaner eintrat, in seine Brusttasche gesteckt. Er begleitet Mister Dunby hinaus: er fühlt den Boden kaum noch unter seinen Füßen.
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„Das ist Dir ein ganz erstaunlicher Mensch, dieser Schaumlöffel,“ sagt Dunby, als er von dem Besuch zurückkehrt, zu seiner Frau, die er in seine Stube gewinkt hat. „Daß er Lucie leidenschaftlich liebt, darüber kann gar kein Zweifel sein.“
„Er wird wohl Uebung haben!“
„Nein, Karoline, er schwört, daß sie die Erste sei.“
„Und Du hast ihm geglaubt? Einem Künstler? Mister Dunby, ich bewundere Dich!“
„Thu’ mir den Gefallen, Karoline, und mach’ mir keine Geschichten! Du hättest es mit beschworen, wenn Du dabei gewesen wärst.“
„Du warst vorher im Hofbräu?“
„Karoline!“
„Nein – Dunby! Ein Maler, der seit zehn Jahren die hübschesten bayerischen Frauen abmalt – und wäre nie ernstlich verliebt gewesen? O Mister Dunby – dieser Schaumlöffel ist Dir überlegen!“
Er hatte sich ärgerlich abgewandt; er war überzeugt, ja! Aber was seine Frau sagte, machte ihn trotzdem nachdenklich. Sie hatte eine so zuversichtliche, sarkastische Art.
„Man muß ihn scharf im Auge behalten. Künstler, das sind eben Menschen, auf die kein rechter Verlaß ist,“ sagt sie einlenkend.
„Wenn ich die Wahl hätte, wäre mir ein tüchtiger Nationalökonom auch lieber. Und wenn er sich auf die Chemie werfen wollte, könnte er steinreich werden.“
„Komme Du ihm mit solcher Arbeit! Wenn Einer einmal an das amüsante Nichtsthun gewöhnt ist – denn das Bischen Gepinsel ist ja doch keine eigentliche Anstrengung – so ist er auch für jede ernste Beschäftigung verloren … Heute Nachmittag laß ich ihn aber Luciens Profil ins Album zeichnen. Wir nehmen es mit nach Nymphenburg.“
„Und sein Vetter, der mich gewarnt hat, von der Malerei zu sprechen?“
„Ein paar Striche! Das ist ja nichts für ihn – das ist, wie wenn der Rubinstein eine Tonleiter spielt.“
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Oskar hat eine zweite Karte von Paul erhalten: „Das Portrait ist beinah beendet – Resultat zweifellos! Was macht Amerika? Sorgt Fritz, daß Du zunimmst?“
Obgleich Oskar nicht in der Stimmung ist, auch nur drei Worte zu schreiben, will er seinen Vetter doch nicht vernachlässigen. Er antwortet: „Zum Ersten meinen Händedruck. Das Zweite scheint von Deinem Namen bestochen. Das Dritte verdient Lob, obgleich ich nicht zunehme.“
Der Gedanke an Lucie übte seit der Unterhaltung mit ihrem Vater eine magische Wirkung auf Oskar. Er konnte sich nicht erklären, warum das reizende junge Mädchen sich für ihn interessire. Aber die Wahrnehmnng fing an zur Gewißheit für ihn zu werden. Das Herz fragt nicht nach Gründen, wo es überzeugt sein will – und waren hier nicht zum Ueberfluß sogar Gründe vorhanden? Hatte nicht Lucie schon an jenem ersten Abend im Löwenbräu ihm eine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet? Drückte ihr Auge nicht noch etwas mehr als den Wunsch nach Zeichenstunden aus, als sie am nächsten Morgen mit ihrer Mappe bei ihm eintrat? Und vor Allem: würde der einfache Biedermann, ihr Vater, ihm ein so umfassendes Geständniß gemacht, ja ihm die Tochter gewissermaßen angetragen haben, wenn er nicht selbst Zeichen einer erwachenden Neigung bei Lucie wahrgenommen hätte?
Gewiß – Liebe, wie das ja dann und wann vorkommt, mußte hier ein süßes Wunder bewirkt haben. Er nahm sich vor, recht vernünftig zu sein und noch keine weitern Hoffnungen daran zu knüpfen, merkte aber bald, daß er mit der Vernunft jetzt nichts mehr ausrichte. Die ganze Nacht hatte er mit festem Mannesmuth sein Herz gegen eine thörichte Leidenschaft vertheidigt. Jetzt zog die Liebe siegreich ein; sie hatte alle Schranken gebrochen. Ja – es war doch etwas Elementares in dieser Gewalt! Mit süßem Schauder gestand er es sich ein. Jetzt wäre es ihm nicht mehr möglich gewesen, seine Gedanken durch ein wissenschaftliches Problem zu fesseln. Er trug die Karte an Paul durch die ganze Stadt zur Post. Eine unwiderstehliche Neigung trieb ihn, sich zu bewegen, stark zu athmen. Als er heimkehrte, überkam ihn eine Versuchung, Luciens Mappe zu öffnen; aber er widerstand. Würde ihr lebhafter Wunsch, Talent zu besitzen, ihn nicht vielleicht beim Durchblättern parteiisch machen, sodaß er ihr auf alle Fälle Talent zuerkennte? Nein – hier sollte Paul entscheiden! Hat sie Talent, so soll ein Meister wie Paul sie leiten … Und er freute sich schon, was sie wohl dazu sagen würde, von einem solchen Lehrer zu lernen!
Eine Veränderung sprach sich in seinem ganzen Wesen aus. Von einem so reizenden, begehrten Mädchen ausgezeichuet zu werden, mußte ja auch dem Schüchternen Sicherheit geben. Er fühlte sich, Frauen gegenüber, zum ersten Mal als Mann.
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Eine volle Stunde hat’s am Vormittag „Bindfaden“ geregnet; der Staub um München ist vollkommen gelöscht. Jetzt lacht die Sonne durch die alten Eichen, welche zu beiden Seiten die Nymphenburger Chaussee einfassen.
Lucie sitzt neben der Mama in einem stattlichen Zweispänner des „Bayerischen Hofs“. Ihnen gegenüber Papa Dunby und Oskar. Frau Dunby macht Vergleiche – (die Unterhaltung hat bis jetzt merkwürdig gestockt) – zwischen der Beschaffenheit der Fahrstraßen in den Vereinigten Staaten und in Bayern. Oskar, sonst ein guter Patriot, zeigt sich etwas lau. Er schweigt.
Der Amerikaner ist ebenfalls nicht zum Reden aufgelegt. Er fühlt sich sehr ungemüthlich, Es sind ihm eben Zweifel gekommen, ob er sich in Lucie nicht geirrt habe. Der arme junge Mann! denkt er, da habe ich ihm gewissermaßen Hoffnungen gemacht! Man ist nie vorsichtig genug – und doch redete ich [859] mit ihm nur aus Vorsicht! So alt geworden – verliebt sich zum ersten Male ernstlich, und da sitzt das Mädel wie ein Eiszapfen vor ihm! Diese Frauenzimmer! Ob unser Einer sie wohl auslernt! Wenn er sich nur kein Leid anthut – exaltirter Mensch wahrscheinlich; vielleicht bringt ihn das wieder auf die Malerei – ich muß nun endlich mit ihm davon anfangen. Ist es nichts mit Lucie, bestell’ ich gleich drei Bilder. Da wird er sich trösten. Er kommt mir wahrhaftig niedergeschlagen vor!
Sicher ist der arme Oskar niedergeschlagen! Das Luftschloß baute sich so schnell diesen Morgen. Nun er der Prinzessin gegenüber sitzt, die es bewohnen soll, scheint’s ihm dem Einsturz nah. Sie vermeidet es ja fast, ihn anzusehen … geschweige, daß sie ihm einen auch nur halb so ermuthigenden Blick zuwendet wie am ersten Abend. Eine Kokette ist sie! denkt er. O, wäre ich meinem Entschluß, sie nicht wiederzusehen, treu geblieben! Wer weiß, wie oft der „vorsichtige Papa“ schon ähnliche Gänge gemacht, wie heute Morgen. Aber ahnen soll sie nicht, daß ich um sie leide! …
Lucie aber denkt darüber nach, was sie wohl eben sagen könnte – es ist recht still … etwas Ausgelassenes? Nein! Etwas das ihm zeigt, ich gehöre nicht zu Denen, die zu seiner Gnaden Füßen liegen. Ich kann ja keinen Mann glücklich machen! Wenn nur Charly hier wäre, oder Mister Bacon, oder Nils Evans … die würden ihn schon belehren! Wie ernst er aussieht! Vielleicht giebt es Jemand, der ihn nicht glücklich machen will? Wenn Einer auch gar so anspruchsvoll ist! Er sieht schon eine ganze Weile nach mir hin – aber ich werde ihm den Gefallen nicht thun, ihm noch einmal zu zeigen, wie ich mir gewünscht, ihn kennen zu lernen … das hat ein Ende! Wahrhaftig! Er sieht mich schon wieder an – er denkt wohl, ich bemerke es nicht!
„Wissen Sie, Herr Schaumlöffel,“ fängt Frau Dunby jetzt an, welche sich berufen fühlt, das stockende Gespräch auf einen andern Gegenstand zu leiten, „daß ich mein Album mitgenommen habe. Sie haben doch einen Bleistift bei sich?“
„Zu dienen,“ ruft Oskar und greift in die Tasche.
„O – jetzt nicht, später! Im Wagen inkommodire ich nicht. Da kann man ja keinen Strich machen, ohne auszufahren.“
„Zeichnen Sie auch?“ fragt Oskar erstaunt.
„Ich? Wenn man mit einem berühmten Maler eine Partie macht und erzählt ihm, daß man sein Album mitgenommen hat, so …“ sie sieht ihn dabei bedeutungsvoll an.
„Mama will Sie bitten, Herr Schaumlöffel, ihr etwas ins Album zu zeichnen,“ sagt Lucie schnell, der diese Anspielung höchst unangenehm ist. „Aber Sie brauchen es deßhalb noch nicht zu thun. Wie die Patti in Amerika war, hat sie in Gesellschaften auch nicht gesungen, wenn man sie aufforderte.“
„Sie sind sehr gütig, mich mit ihr zu vergleichen!“
„Nehmen Sie es ihr nicht übel!“ begütigt die Mama. „So eine verwöhnte Theaterprinzessin, das ist natürlich etwas Anderes… Ja, Herr Schaumlöffel, ich möchte gern von Ihnen eine kleine Zeichnung im Album haben! Ich verlange es ja nicht umsonst.“
Oskar erröthet fast. „Ich bitte,“ ruft er schnell, „davon kein Wort! Mit dem größten Vergnügen, was Sie wünschen. Ich bin im Augenblick etwas außer Uebung – indeß …“
Dunby lacht gerade aus, während er ihn auf die Schulter klopft: „Für uns reicht’s – ich denke! – Sagen Sie ’mal, Herr Schaumlöffel, sind die Münchener Künstler immer so … bescheiden?“
„Wenn sie in einer so bescheidenen Haut stecken – immer!“ antwortet Oskar – Gott, muß Paul aufgeschnitten haben!
„Ich wollte Sie bitten,“ erörtert Frau Dunby, ihrer Tochter dabei einen triumphirenden Blick zuwerfend, „mir das Profil von Lucie ins Album zu zeichnen – mit nur ein paar Strichen, wissen Sie …“
„Paul muß mich geradezu für einen Maler von Beruf ausgegeben haben – das soll er aber hören!“ denkt Oskar. „Ich werde es versuchen – sehr gern – sehr gern!“ sagt er laut.
„Sie können doch im Freien zeichnen?“
Oskar zuckt die Achseln. „Ebenso gut oder so schlecht wie im Atelier.“
„Wie sollte er’s nicht können!“ ruft Mister Dunby, „alle anderen modernen Maler arbeiten im Freien! Lächerlich!“
Lucie ist roth geworden; diese „Bettelei“, wie sie meint, ist ihr höchst peinlich.
Man ist unterdeß in dem nur eine halbe Meile von München entfernteu Nymphenburg angekommen. Selbstverständlich steigt man beim „Kalkulator“ ab und stärkt sich durch eine „Halbe“, ehe man den Schloßpark besucht. Lucie und Oskar gehen in einer der schönen Alleen den Eltern voran, ziemlich unempfänglich Allem gegenüber, was Kunst und Natur hier zur Erquickung anderer Sterblicher geschaffen.
„Es scheint mir jetzt selbst, daß sie ihm nicht gleichgültig ist,“ sagte Frau Dunby zu ihrem Gatten.
„Nun? Und heute früh thatest Du, als ob ich mein Bischen gesunden Menschenverstand in New-York gelassen hätte, als ich es behauptete.“
„Nur, weil Du Dir weismachen ließest, sie sei die Erste! Ein wirklicher Künstler ist das auch nicht, darauf will ich wetten.“
„Was denn sonst? Unsinn!“
„Ja – ich kann Dir das nicht recht erklären – aber den wirklichen Maler erkennt man eben! Da ist ein gewisser Lirum-Larum … das sieht sich anders um; das kneift die Augen zusammen; das trägt sich anders; das agirt anders mit den Händen und spaziert anders einher … es ist, als ob die Malerei auf den ganzen Menschen abfärbte. Den gewissen Chic hat der Schaumlöffel aber nicht. Da hatte unser kleiner Flat drüben noch mehr davon. Sieh’ doch nur einmal hin – nur wie er den Kopf hält!“
„Du willst immer das Gras wachsen hören, Karoline, das ist eine alte Geschichte.“
„Was das anbelangt, meine Ohren sind auch scharf genug!“
„Weißt Du, daß ich Lucie gar nicht recht aufgethaut finde, und daß es mich fast reut, heut früh bei ihm gewesen zu sein? Was er eigentlich denken muß?“
„Du hast ihm ja gesagt, daß Du Dich nur aus Vorsicht erkundigt hättest. Du hast Dich ja zu nichts verpflichtet. Wenn er sich da gleich mehr einbildet, ist es seine Schuld.“
„Der nimmt so Etwas ernst – verlaß Dich drauf!“
„Freilich, wenn sie die Erste ist, vielleicht die Einzige …“
„Spotte nicht! Das ist ein Mensch, dem ich nicht gern weh gethan oder falsche Hoffnungen erregt haben möchte … Wenn mir schon sein ‚Sommerabend‘ gefiel – der Mensch ist mir fast noch lieber als sein Bild!“
„Ich kenne Dich kaum noch, Mr. Dunby, Du wirst sentimental! … Von was die Beiden sich jetzt wohl unterhalten? – sie scheint nun aufzuthauen.“
Weihnachtsarbeiten.
Die Scene spielt um die fröhliche Weihnachtszeit, und der Ort der Handlung ist eines jener Magazine für Tapisserie und Stickereien.
„Diesen Stickrahmen also werde ich nehmen, und jetzt darf ich Sie vielleicht noch bitten, mir etwas in fertigen Stickereien zu zeigen.“
Das Ladenfräulein geleitet die junge Dame, die soeben diesen Wunsch geäußert, in das anstoßende Zimmer, welches etwas weniger hell ist und in welchem bereits eine andere junge Dame vor einem Glaskasten sitzt und sich von einem andern Fräulein Brieftäschchen, Cigarrenetuis, Skatblöcke, Reisenécessaires vorlegen läßt. Jedes Stück wird natürlich als etwas ganz besonders Reizendes empfohlen.
„Es sollte eine kleine Weihnachtsüberraschung für eine Freundin sein, für die ich etwas selbst zu arbeiten nicht mehr Zeit habe. Es soll nicht zu viel kosten und seinen Werth namentlich durch das Aparte der Handarbeit erhalten,“ fuhr die eingetretene Dame fort und betrachtete von diesem Standpunkte aus die ihr eifrig vorgelegten und vorgehaltenen Sächelchen.
Jede will etwas „Apartes“ haben. Ich möchte die Dame sehen, die nach etwas „Alltäglichem“ fragt, und im Ganzen genommen gleichen sich doch die Dinge wie ein Ei dem andern. So dachte die Verkäuferin bei diesen Worten; auf die nebenansitzende aussuchende Dame aber machten [860] diese einen andern Eindruck. Sie erröthete, dachte etwas nach und drehte dann ihr bildhübsches Gesichtchen zu ihrer Nachbarin.
„Trudchen – wie kommst Du denn hierher?“
„Ich? ich – ich – und Du, Mariechen?“
Ein Unbetheiligter hätte glauben können, daß die Kousinen sich beim Pflücken einer verbotenen Frucht ertappt hätten, daß sie gerade im Begriff standen, einer heimlichen Liebe, von der Niemand nichts weiß, den sichtbar gestickten Ausdruck der Verehrung – zu kaufen: aber die Sache war nicht so pikant. Trudchen wollte sich Mariechen, Mariechen Trudchen aufmerksam erweisen, und nun trafen sie sich bei der Besorgung der – fertigen Handarbeiten. Das wäre ja einigermaßen peinlich gewesen, wenn sie nicht Beide die Geistesgegenwart gehabt hätten, ein drittes Opfer vorzuschieben.
„Ich suchte nämlich eine Kleinigkeit für Helene Ruthard,“ begann Trudchen vertraulich.
„Das ist reizend. Ich auch!“ gab Mariechen zurück. „Ruthards waren doch immer so nett zu uns –“
„Darf ich vielleicht aussuchen helfen?“ tönte es jetzt hinter ihnen.
Es war das Opferlamm, welches sich köstlich bei diesem Abenteuer amüsirte, und die Verlegenheit schlug sofort in große Heiterkeit um. Bald waren die drei Freundinnen im besten Zuge, sich ihre kleinen Weihnachtssorgen vom Herzen zu reden, und Trudchen und Mariechen stimmten gemeinsam ein Klagelied an, daß sie daheim keinen Winkel fänden, wo sie ungestört und ungesehen die für die einzelnen Familienmitglieder bestimmten Arbeiten vornehmen könnten. Ein Zimmer für sich zu haben, war ihr heißester Wunsch, die erste Bedingung, die sie dereinst an ihren Gatten zu stellen entschlossen waren.
„Wißt Ihr was, Kinder?“ rief jetzt plötzlich Helene. „Kommt zu uns, Olga von Bredow kommt morgen Abend auch. Meine Eltern sind bei einem Festmahl, die Herren Anwälte essen einen Kollegen fort. Wir können ganz ungestört in Papas Stube arbeiten.“
Diese Idee wurde mit großem Jubel aufgenommen; es eröffnete sich hier nicht nur die Perspektive auf einen Arbeitsabend, sondern auch auf einige recht gemüthliche Plauderstunden: denn „wenn gute Reden sie begleiten, da fließt die Arbeit munter fort“. Helene fand, dank der Hilfe ihrer Freundinnen, nicht so bald, was sie zur Ueberraschung für ihre Eltern, ihren Onkel und ihre Schwesterchen suchte. Allein wäre sie natürlich schnell zum Entschlusse gekommen: aber viel Köpfe, viel Sinne, und das Besichtigen und Wählen übt auf Damen – vielleicht auch auf Herren – einen solchen Reiz aus, daß man ihnen unmöglich zumuthen kann, sich schon im ersten Laden zu entscheiden. Wenn überhaupt, wird sicher erst im letzten Geschäft gekauft – wenn ein allerletztes vorhanden ist, sogar erst in diesem.
Und das war sehr gut, denn während die Freundinnen plaudernd durch die volksbelebte, mit ununterbrochenen Wagenzügen gefüllte Leipziger Straße, die soeben plötzlich durch das Aufflammen der elektrischen Lampen sich in ein Lichtmeer getaucht hatte, den Heimweg antraten und hier vor einem chinesischen Laden, dort vor einem Schaufenster in Alfenidewaaren, Tapisserien, Spielwaaren, Terracotta, Majolika, Porcellan und Granatschmuck in dem schaulustigen Gedränge ein wenig Halt machten, stießen sie beim Betreten eines neuen Stickereimagazins auf den ziemlich beladenen Diener des Hauses Giersch, der die jungen Damen, das Zwillingspärchen Dora und Flora Giersch, hierher begleitet hatte, und feierten mit diesen Freundinnen ein unverhofftes Wiedersehen. Die beiden schönen Mädchen kamen von einer grandiosen Einkaufsreise und hatten, wie Bienchen, die aus jeder Blüthe etwas Honig mitbringen, überall, wo sie gewesen, etwas herausgefunden. Der Einkauf mußte jetzt geschlossen werden, da der Diener nur über zwei Arme verfügte und Mama ihnen eingeschärft hatte, zu große Packete nicht selbst zu tragen. Jetzt, wo man männliche Begleitung hatte, brauchte man nicht so nach Hause zu eilen. Es war ein reizender Anblick, die fünf schlanken Gestalten in ihren Winterpaletots und pelzverbrämten Jäckchen, in ihren Pelzmützchen und Stoffhüten, die schwarzen Halbschleier vor den blitzenden Augen, und die kleinen Müffe, aus denen die kleinen Einkaufspackete in Singhalesenpapier niederhingen, in hellem Geplauder an den lichtübergossenen Schaufenstern hinwandeln zu sehen; hinter ihnen der getreue Eckart im langen braunen Rock und den weißen Handschuhen. Selbstverständlich wollten auch die Fräulein Giersch an dem Arbeitsabend bei Ruthards Theil nehmen: sie arbeiteten für ihre Mama einen Riesentischläufer mit einer Inschrift in altgothischen Buchstaben, die sie sich aus einer alten Kirchenfahne des Kunstgewerbemuseums abgeschrieben hatten, und der weiße Untergrund spielte, in Folge der fortwährenden Arbeitsunterbrechung, schon ins Isabellfarbige. Also auf Wiedersehen morgen Abend!
Der Abend kam heran. Herr Justizrath Ruthard und seine Gattin rüsteten sich zu ihrem Diner; Helene hatte Papa’s Zimmer in eine etwas geniale Unordnung gebracht, um den Freundinnen zu imponiren, eben eine große Damastdecke über den Tisch geworfen und die große Lampe ausprobirt, als sie plötzlich wahrnehmen mußte, daß sie die Rechnung ohne den Wirth oder vielmehr des Wirthes Bruder gemacht hatte. Das war nämlich Onkel Eberhard, ein älterer Hagestolz, der jung seine Apotheke verkauft hatte und, da er sich vereinsamt fühlte, in die Familie des Bruders gezogen war. Das war ein sehr gutmüthiger, gemüthlicher Herr, der nur die eine Passion hatte, zu necken und zu ärgern, und da er vernahm, daß die Töchter des Hauses mit ihren Freundinnen einmal ganz allein im Hause sein wollten, hatte er natürlich Kopfweh und mußte, obwohl er den ganzen Winter hindurch keinen Abend zu Hause zugebracht hatte, das Zimmer hüten. Der Schabernak, den er den jungen Damen anthat, die Neugier, hinter ihre Geheimnisse zu kommen, die Vorfreude, den Müttern und Tanten etwas rathen und erzählen zu können, überwog seine Sehnsucht nach den drei Litern Löwenbräu. Helene wurde etwas kleinlaut, als sie von seinem Unwohlsein hörte, und Onkel Eberhard, als ihm seine Lieblingsnichte kategorisch erklärte, er dürfe sich vor ihrem Besuche nicht blicken lassen, nickte mit verstohlenem Lächeln Zustimmung.
In einer modernen Arbeitsstube, in welcher sechs Freundinnen sich „versammelt zu löblichem Thun“, herrscht freilich eine andere Stimmung, als in dem antiken Frauenhaus oder der dörflichen Spinnstube. Hier gebietet keine Penelopeia den spinnenden Mägden, und hier erzählt keine Alte gruselige Geschichten: hier herrscht Heiterkeit, hier funkelt Esprit, und das Lächeln ist in Permanenz. Da sitzen die Zwillinge; seit Dora verlobt ist, gehen die beiden sich sprechend ähnlichen Schwestern, um unliebsamen Verwechselungen vorzubeugen, stets verschieden und besticken wie die Arbeitskolonnen eines Tunnels den langen Tischläufer einander entgegen von zwei verschiedenen Enden. Olga von Bredow in der scharlachrothen Seidenblouse stickt an einem Pantoffel für Papa, und Trudchen in dem altgoldfarbigen Velourjäckchen zählt aufmerksam die Kreuzstiche auf ihrem Rahmen. Helene im taubengrauen Wollkleid reiht die Perlen auf der Börse zusammen, die sie ihrem Bräutigam, welcher Bankbeamter ist, als zarte Anspielung auf die Börse, die er besucht, verehren will, und Mariechen in der Spitzenpelerine zaubert in höchst kunstvoller Weise „kleine Blüthen, kleine Blätter“, für ein Atlaskissen hervor. Die hübschen Mündchen der Stickerinnen stehen nicht einen Augenblick still; sie beweisen, daß sie noch einen anderen Zweck des Daseins besitzen als zu küssen: die jungen Schwesterchen Pine und Hanni, stolz, in die Geheimnisse der Großen gezogen zu sein, mengen ihre hellen Stimmen in das Plaudergewirr und machen sich überall nützlich, wo man ihrer bedarf. Wie der Ball unter den Genossinnen der Nausikaa fliegt das Gesprächsthema von einer zur andern; der Faden der Unterhaltung reißt nicht ab, und wenn diese einen Augenblick unterbrochen wird, so geschieht es durch gemeinsames silberhelles Lachen. Die Braut Dora giebt der Unterhaltung stets eine Wendung, daß sie ihren Bräutigam, den Premierlieutenant, citiren kann; ihre Schwester dreht Alles nach der musikalischen Seite und trällert fortwährend den Gasparonewalzer falsch. Olga von Bredow weiß vom Hofe und aus den höchsten Kreisen zu erzählen, und Trudchen schwärmt, seitdem Herr Bildhauer Clementz ihr die Kour macht, für Plastik und verfolgt sämmtliche Ausgrabungen mit hohem Interesse. Mariechen träumt vom letzten und nächsten Juristenball und läßt auch Referendaren Gerechtigkeit widerfahren, und die Tochter vom Hause erklärt ihren Freundinnen die Reize der Börse und das Studium der Kurszettels. Die Hängelampe verbreitet einen hellen Schein über Tisch, Arbeitskörbchen und Stickereien, und Alles fühlt sich sicher und gemüthlich, Lola, das Hauspintscherchen, nicht ausgenommen, welches sich behaglich unter einem Sessel gelagert hat.
Da öffnet sich die Thür und mit dem harmlosesten Gesichte der Welt erscheint der Onkel. Er bleibt erstaunt und scheinbar erschrocken an der Schwelle stehen, sich wegen seines Négligés entschuldigend: er hatte gänzlich vergessen, daß in dem Zimmer des Bruders Besuch war. Als er sich, mit dem Versprechen, nicht mehr stören zu wollen, zurückzog, hatte er ein Drittel der Arbeiten gesehen.
Kaum hatte sich die Gesellschaft ein wenig beruhigt, da öffnet sich noch einmal die Thür und wieder ist es der Onkel. Er hatte vergessen, weßwegen er gekommen war: der dritte Theil Ranke’s war es, den er sich aus der Bibliothek des Bruders holen wollte. Als er hinübertritt, um das Bnch vom Regal zu nehmen, hat er, obwohl die Damen ihre Arbeiten möglichst versteckt halten, ein zweites Drittel entdeckt. Als er gegangen, dämmert es den Damen auf, daß Onkel Eberhard hier wohl planvoll gehandelt und hinter ihre Geheimnisse kommen wolle. Alles ist empört, und man verriegelt lachend die Thür. Dieselbe sollte sich nur für Sophie öffnen, die etwas Thee und Gebäck bringen würde. Jetzt hört man ihre Schritte.
„Wer da?“
„Sophie,“ antwortet es, und Pine und Hanni eilen ihr entgegen, um zu öffnen und das Tablett abzunehmen. Aber kaum ist der Riegel zurückgezogen, so schiebt sich von Neuem ein Käppchen, ein Arm mit einer Pfeife und das lachende Gesicht des Onkels herein. Alles schaut auf, alle Arbeiten fliegen unter den Tisch in die Tasche: aber er hat schon das letzte Drittel entdeckt. Er wollte nur mittheilen, daß auch er in Weihnachtsvorbereitungen stecke und die Damen bitte, ihn nicht etwa ihrerseits zu stören.
„Rraus mit ihm!“ erschallt es jetzt von den Lippen der gebieterisch, wie eine beleidigte Diana sich erhebenden Helene, und „raus mit ihm“ wiederholen die Kleinen, indem sie versuchen, den Eindringling mit dem Thürflügel hinauszudrängen. Lachend weicht er der Gewalt: aber er ist nun sehr guter Stimmung und im Löwenbräu, das er unmittelbar darauf trotz seiner Kopfschmerzen noch aufsucht, prahlt er mit seinen Heldenthaten. Zehn Tage sind noch bis Weihnachten, und er nützt sie redlich aus, in all den Familien, in denen er ein gern gesehener Gast ist, die Mädchen zu necken, halbe Worte zu geben und den Empfängern ihre Geschenke unter dem Siegel der Verschwiegenheit andeutungsweise zu verrathen.
Und Ueberraschungen giebt es ja immer noch. So für den Papa, der seine Füße durchaus nicht in die neuen Pantoffel zwingen kann, für die Mama, die das neunzehnte Sofakissen erhält und gezwungen ist, sich des Geschenkes wegen ein Sofa anzukaufen, und für den Bräutigam, der sein Geld in der Westentasche zu tragen pflegt und sich nun an die Börse gewöhnen muß, deren Perlen ihm immer in der Hand bleiben. Aber was die Knospe für die Blume, was der Frühling für das Jahr, was die Probe einer Dilettantenaufführung für den Abend selbst: das sind die Vorarbeiten mit ihrem erwartungsvollen, gemüthlichen und geheimnißkrämerischen Charakter für das Weihnachtsfest.
[861]
Der Spion.
Ich übergebe in Nachstehendem der Oeffentlichkeit eine Skizze, welche nach den Aufzeichnungen meines Tagebuches bearbeitet worden ist. Ich führte dieses Tagebuch, wie immer, auch während einer mehrwöchigen Fahrt in jenen österreichischen Gewässern, deren nördlichste Inseln noch bis weit über die Hälfte dieses Jahrhunderts hinaus zum deutschen Bunde gehörten.
Die Reisegesellschaft näherte sich der istrischen Küste. Kein Baum, kein Strauch erhob sich auf den Abhängen der felsigen Bucht. In Ermangelung von Blumen waren die steilen Felswände, gegen welche das tiefblaue Meer schlug, so vielfarbig, wie es nur irgendwo Blumenkelche sein können. Roth, gelb, bläulich, weiß, senkten sie sich in die Fluth hinein, von deren Wellen sie mit Schaum benetzt wurden. Im Hintergrunde der Bucht waren zwischen mächtigen Felsblöcken einige Häuser zu sehen, vor welchen sich Leute herumtrieben.
Der Kapitän, welcher sich emsig nach allen Seiten hin umschaute, ohne daß Einer aus der Gesellschaft zu enträthseln vermochte, aus welchem Grunde, theilte uns mit, daß es räthlich sei, sich hier ein paar Stunden aufzuhalten, weil man möglicherweise etwas ganz Außerordentliches zu sehen bekommen werde. Auf weitere Fragen beschränkte er sich, lächelnd zu antworten, daß er die Ueberraschung nicht verderben wolle.
Niemand von uns hatte eine Ahnung, was das zu bedeuten habe. Die Maschine stoppte, und auf die Einladung des Kapitäns begab sich die Gesellschaft im Boote ans Land.
Während ein Theil derselben eine nahegelegene Schenke aufsuchte, schlenderten andere, darunter auch ich, am Strande umher und schauten sich die dort versammelten Leute an, von denen manche wahre Schreckensgestalten zu nennen waren. Indessen wußten die Reisenden bereits aus Erfahrnng, daß es mit den Sitten und dem Benehmen dieser Männer viel besser bestellt sei, als mit ihrem Aussehen. Es waren durchgängig zuvorkommende und höfliche Menschen. Gerne hätte man mit ihnen ein Gespräch angeknüpft, aber es befanden sich nur zwei oder drei in der Gesellschaft, welche der Landessprache mächtig waren. Zu diesen gehörte Oberst Reinhold, welcher seiner Zeit in Dalmatien stationirt war. An ihn trat Einer der Leute, welchen seine Genossen Luka nannten, heran und fragte ihn bescheiden, ob derselbe seiner Zeit nicht ein dalmatinisches Regiment kommandirt habe.
Als der Oberst bejahend nickte, sagte Luka, daß er unter dem Herrn Oberst gedient und von demselben niemals eine Strafe erhalten habe.
Der Oberst belobte ihn und fragte, was er dermalen treibe.
„Ich bin Spion,“ entgegnete Luka.
Allgemeines Gelächter der Gesellschaft begleitete diese Auskunft.
„Ein schönes Handwerk für einen ehemaligen Soldaten,“ bemerkte der Oberst gleichfalls lächelnd. „Indessen,“ fuhr er zu uns gewendet fort, „ist die Sache nicht so schlimm, wie sie ausschaut. Ich weiß, was er sagen will. Von wo lugst Du denn aus, Luka?“
[862] Luka deutete auf einen vorspringenden Punkt des jenseitigen Ufers. Nunmehr erblickten wir etwas, was uns bis dahin entgangen war, weil bei der Einfahrt in die Bucht sich Aller Augen auf die Häuser des Hintergrundes gerichtet hatten.
Man sah dort große Stangen, deren Fuß tief in den Boden eingerammt war, welche sich über das Wasser hinneigten, einem Baume gleich, der vom Sturm entwurzelt und in eine schiefe Richtung gebracht worden ist.
„Das ist ein Gestell, um nach Thunfischen auszuspähen,“ sagte der Oberst, indem er sein Fernglas Einem aus der Gesellschaft überreichte. Derselbe schaute eine Weile hinein und sagte:
„Es sind zwei Stangen, welche in der Entfernung von vielleicht einem Fuß parallel neben einander in dem nämlichen Winkel aufgestellt sind. Sie sind mit einander durch Querhölzer verbunden, bilden also eine Leiter, welche sich bis zu einer Höhe von fünfzig Fuß über das Wasser hinausneigt. Die Spitze der Leiter ist mit einem langen Tau an einem erhöhten Punkte der Küste befestigt.“
„Am oberen Ende ist ein Sitz angebracht,“ fügte der Oberst hinzu, „dieser Sitz dient dem Spion zum Aufenthalt. Freilich darf er keinen Schwindel haben. Sobald er einen Fehltritt macht, stürzt er ins Meer hinunter.“
„Dafür ist es aber ein wahrer Ruheposten,“ bemerkte der Doktor, der dem Oberst sein Glas zurückgab. „Zu rühren braucht sich der Mann nicht viel, denn wenn er es thut, so zittert die Leiter.“
„Hören wir doch einmal den Luka selbst,“ entgegnete der Oberst. „Luka, warum bist Du aus Deinem Korbe herabgestiegen und gehst mit uns herum?“
„Weil es keiner länger als zehn oder zwölf Stunden aushält,“ entgegnete der Mann. „Ich hatte fast nicht mehr die Kraft, herunter zu steigen. Der Herr des Fischfanges rief mir zu, ich solle auf ein paar Stunden herabkommen und herumlaufen, damit sich mir wieder das Blut in den Beinen rühre. Dies hab’ ich gethan, jetzt aber darf ich nicht mehr zögern, meinen Sitz wieder zu besteigen.“
Die Gesellschaft erfuhr noch, daß man das Eintreffen eines Thunfischzuges mit jeder Stunde erwartete. Schon waren unten sämmtliche Boote bereit, auf den ersten Wink gegen den Eingang der Bucht hin zu fahren und die Netze einzuziehen, welche durch Kork- und Holzstücke, die auf dem Wasser schwammen, markirt waren. Diese Zeichen waren auf der Wasserfläche als lange schwarzpunktirte Linie sichtbar.
Man wollte bereits einige große Fische vom Boote aus im letzten der Netze, der sogenannten Todtenkammer, wahrgenommen haben.
Der Oberst erinnerte sich nunmehr an die Neugierde, mit welcher der Kapitän bei der Einfahrt in die Bucht um sich geblickt hatte. Offenbar waren die Vorbereitungen zum Schauspiel des Thunfischfanges von ihm bemerkt, ja vielleicht schon während der Fahrt der letzten Tage vorher gesehen worden. Letzteres war dem kundigen Seefahrer wohl zuzutrauen, und dann ließ es sich leicht erklären, daß der gefällige Lenker des Schiffes seine Reisenden mit einem solchen Schaustück hatte überraschen wollen.
Luka verabschiedete sich von der Gesellschaft, nachdem er als alter Soldat vom Oberst reichlich beschenkt worden war. Kaum eine halbe Stunde später sahen ihn die Reisenden, welche mittlerweile die Schenke aufgesucht hatten, langsam die Sprossen der überhängenden Leiter hinaufklettern.
Während wir den Malvasier kosteten, hatten wir Gelegenheit, die Aufregung zu beobachten, welche durch die eine oder andere der einlaufenden Nachrichten entstand.
Bald hieß es, es seien Leute von einer benachbarten Insel angekommen, welche offenbar nichts Anderes beabsichtigten, als bei dem gehofften großen Fange sich das Gedränge und Getümmel zu Nutzen zu machen, um Fische zu stehlen. Ein Anderer brachte die Nachricht, daß in eines der äußeren Netze oder Kammern ein Delphin, welcher vermuthlich einen Fisch verfolgte, ein Loch gebissen und dadurch einen nicht geringen Schaden angerichtet habe. Das Netz mit allen seinen Kammern stellte einen Werth von mehr als zweitausend Gulden dar. Der Delphin war von den Leuten in einem Boote mit Flintenschüssen getödtet worden.
Es wurde geschrieen und gebrüllt, gelärmt und gestritten wegen der verschiedenartigsten Dinge. Bald handelte es sich um Fässer mit Salz, welches zum Einsalzen der gefangenen Fische dient, bald um das Herbeischaffen von Oel, in welches die besseren Fleischstücke eingelegt werden, bald geriethen die von Triest angekommenen Händler an einander.
„Sie verkaufen den Pelz, ehe sie ihn haben,“ sagte scherzend der Oberst.
Die Leute mußten doch ihrer Sache ziemlich sicher sein, denn es wurden bereits alle Vorkehrungen zum Niedermetzeln der Gefangenen getroffen. Man schleppte dicke Knüppel, Haken, Beile und Eisenstangen ans Ufer. Der Herr des Fischfanges, welcher unermüdlich hin und her rannte, lief alle Augenblicke hinaus, um nach der Leiter zu sehen, auf welcher Luka saß.
Plötzlich entstand ein Geschrei, wie es nicht furchtbarer hätte sein können, wenn die Versammelten gesehen hätten, daß die ganze Küste vor ihren Augen ins Meer versänke.
Luka hatte das Signal gegeben; die Thunfische drängten sich heran.
Es entstand nunmehr ein wahres Ringen um die Boote. Der Lärm wurde so groß, daß Keiner mehr das Wort des Anderen verstand.
Die Reisegesellschaft wollte bei dieser Gelegenheit nicht zurück bleiben. Hier war es leichter, hinaus zu kommen, weil das Boot der „Sibylle“, von zwei tüchtigen Matrosen geführt, für sie bereit lag und Niemand es gewagt hätte, ihr dasselbe streitig zu machen.
Für die Fischer handelte es sich darum, immer näher mit Leinen die Ränder der Netze heran zu ziehen, in deren verschiedene Abtheilungen sich die Thune verirren. Denn diese machen es nicht anders, als fast jeder Fisch. Sie trachten, wenn sie, um zu laichen, in großen Zügen die Küste aufsuchen, immer nach vorwärts. Wie die Forelle, wenn sie laicht, wochenlang vor dem Wehr ansteht, welches sie nicht überspringen kann, so fällt es dem Thun nicht ein, daß er, wenn er mit seinem Kopf an einem Flechtwerk angestoßen ist, zurückschwimmt. Auf diese Weise geräth er immer tiefer in die verschiedenen Abtheilungen des künstlichen Netzbaues hinein, bis er die hinterste Abtheilung des selben, die sogenannte Todtenkammer, erreicht. Aus dieser giebt es kein Entweichen mehr, weil sie mit ihrem ganzen Inhalt, von allen Seiten her angepackt, in die Höhe gehoben wird.
Das Wasser war nicht nur durch die Ruderschläge der Fischer beunruhigt, sondern man nahm bald auch von unten her ein Aufwallen desselben wahr, wie wenn es kochte.
Luka schrie von seiner Leiter herab und machte die Leute bald auf diese, bald auf jene Stelle im Wasser aufmerksam. Man kümmerte sich aber nicht um ihn, sondern die Boote trachteten nur, mit ihren Haken, Eisen und Knütteln so nahe wie möglich an das allmählich herauf rückende Netz zu kommen.
Andere Boote schleiften dasselbe dem seichten Wasser unterhalb der Leiter zu.
Jetzt sah man die gelblichen Flossen und die schwarzblauen Rücken der obersten Fische. Fast alle hatten Manneslänge, einige derselben fast die doppelte. Es waren Ungethüme darunter, welche ihre vier- oder fünfhundert Kilogramm wiegen mochten. Sie glichen an Umfang den größten Menschenhaien. Auf ihre grimmigsten Todfeinde hätten die Fischer nicht mit solchem Gebrüll und solcher Wuth losstürzen können, wie auf diese Thiere. Wie sinnlos, vor Aufregung schäumend, hieben und stachen sie unter diese hinein.
Indessen ließen die Fische ihr Schicksal, welches sie zu erkennen schienen, nicht ohne Weiteres über sich ergehen. Sie schlugen mit ihren mächtigen Körpern um sich, daß der Oberst, welcher seine Genossen nicht in Gefahr bringen wollte, eiligst befahl, das Boot nach rückwärts zu rudern. Der Kapitän, welcher sich das Schaustück, dessen Zeuge er schon mehrmals gewesen sein mochte, in aller Behäbigkeit vom Lande aus ansah, rief der Gesellschaft zwar zu, sie solle sich nicht fürchten, die Fische seien ungefährlich. Aber seine Worte verhallten im Lärm des Schlachtens.
Weithin hatte sich nun das stahlblaue Wasser der Bucht roth gefärbt vom Blute der erschlagenen Ungethüme. Das Morden nahm seinen Fortgang.
Plötzlich aber ereignete sich etwas, was in des Wortes eigentlichster Bedeutung ein Zwischenfall zu nennen war.
Luka, welcher jetzt auf seinem Horste nichts mehr zu thun hatte, verließ denselben, um sich an den Sprossen der Leiter herab zu lassen. War es die Nachwirkung der Ermüdung oder irgend ein Ungefähr, er stürzte herab, mitten in das von den Fischen aufgepeitschte Wasser hinein.
[863] Sämmtliche Leute auf den Booten sahen ihn, wie er zwischen die Ungethüme hineinfiel und wieder unter ihnen auftauchte. Er schrie jämmerlich um Hilfe, aber keiner von seinen Genossen dachte daran, ihm eine Stange oder ein Ruder hinzuhalten. Keiner hatte jetzt für etwas Anderes Sinn, als für das Erschlagen der Fische. Er hätte mitten in dem Gewirre verschwinden können, für den Augenblick hätte sich Keiner einen Gedanken darüber gemacht.
Unter diesen Umständen war es für den armen Luka ein wahres Glück, daß der Zufall seinen alten Oberst an diesem Tage herbeigeführt hatte. Denn sofort flog das Boot der „Sibylle“, unbekümmert um den Strudel und all die Fischleiber, zwischen den Haken hindurch, welche die Thune auf die Fahrzeuge zerren sollten, wobei es an Droh- und Schimpfworten nicht fehlte, dem Luka entgegen, welcher sich mühsam über Wasser hielt und sich außerdem vor den Fischen ängstigte. Mit leichter Mühe wurde derselbe in das Boot herein gehoben. Der Oberst sagte: „Nun, Luka, das hätte ich wohl nicht gedacht, welchen Fisch ich bei dem heutigen Fang herausziehen würde.“
Luka wußte kein Ende zu finden für den Ausdruck seines Dankes. Alle Mitglieder der Gesellschaft bemitleideten den armen Teufel wegen des kläglichen Unfalles. Dieser aber erklärte, daß ihm Aehnliches noch nicht ein einziges Mal zugestoßen sei. Er schob die Schuld auf die ganz außergewöhnliche Aufregung, in welche er durch den Besuch des Herrn Oberst versetzt worden.
Während von dem armen Luka im Boote das Wasser herunter floß, verloren wir gleichwohl die Vorgänge außerhalb des Bootes nicht aus den Augen.
Nachdem alle die Thune getödtet worden waren, welche sich in dem emporgehobenen Theile des Netzes befanden, wurden die Kammern wieder um ein weiteres Stück gegen das Land hin geschleift und die Metzelei begann aufs Neue. Wir hatten genug von diesem Schauspiel. Das Boot kehrte ans Land und von dort zur „Sibylle“ zurück.
Nach diesem ereignißreichen Tage ankerte die „Sibylle“ beim nächsten Vorgebirge der Küste, im Schutze einer kleinen Bucht, inmitten der krystallinischen Kalkwände, welche einer großen Badewanne aus Marmor glich. Am Hauptmast war die ganze Nacht über eine rothe Laterne aufgezogen. In der Morgendämmerung meldete die Wache einen Dampfer, der, vom offenen Meere kommend, seinen Kurs in die Bucht hinein hielt.
Wenige Stunden später sah man ihn wieder zurückkommen. Man erkannte mit freiem Auge auf seinem Deck viele Reihen von Thunfischen, welche, an einem Strick befestigt, in der Luft hingen.
„Es sind auch viele eingesalzene Fische an Bord,“ sagte der Kapitän. „Eine nicht viel geringere Anzahl aber haben die Burschen wieder ins Wasser geworfen, weil es ihnen an Salz mangelte. Es ist die alte Geschichte, die sich jedes Jahr wiederholt.“
„Es ist ein Glück,“ entgegnete der Oberst, „daß das Meer noch verschwenderischer ist, als diese Menschen. Für hundert Wesen, welche vernichtet werden, erzeugt es Tausende. Wäre das nicht, so würden auch diese unermeßlichen Reiche des Lebendigen verheert sein, gleich der bewohnten Oberfläche. Hier aber bleibt die Thorheit der Menschen erfolglos.“
Sankt Michael.
Raoul war bei den letzten Worten Steinrück’s leichenblaß geworden; er wagte keinen Widerspruch, aber wenn irgend etwas seinen Haß gegen Michael noch steigern konnte, so war es diese Erklärung. Steinrück ging einige Male im Zimmer auf und nieder, als wolle er sich zur Ruhe zwingen, und trat endlich vor den jungen Grafen hin.
„Deine Verlobung ist gelöst! Nach dem, was Du mir selbst zugestanden hast, kann ich es Hertha nicht wehren, zurückzutreten. Deine Mutter wird Dir klar machen, was Du auch äußerlich dadurch verlierst. Wir sind in diesem Falle ausnahmsweise einer Meinung, und sie scheint eine Ahnung der Gefahr gehabt zu haben, die Dir von jener Seite drohte; denn sie erklärte mir noch kürzlich mit aller Bestimmtheit, daß Du auf ihr Drängen den Verkehr mit den Clermonts aufgegeben hättest. Du hast also auch sie getäuscht, wie Du mich täuschtest, und das um eines Weibes willen –“
„Das ich liebe!“ rief Raoul aufflammend. „Bis zum Wahnsinn liebe! Beleidige Heloise nicht, Großvater! Ich ertrüge es nicht, wenn ich auch weiß, daß Du sie und Henri hassest, weil sie dem Lande meiner Mutter angehören.“
Steinrück zuckte die Achseln.
„Ich dächte, Dein Oheim Montigny gehörte diesem Lande auch an, und Du weißt, daß er meine volle Achtung und Sympathie besitzt. An diesen Geschwistern aber haftet etwas Abenteuerliches, trotz ihrer Abkunft, die ja hinreichend beglaubigt zu sein scheint. Sie verkehren ohne Zweck und Ziel in der hiesigen Gesellschaft und werden vermuthlich eines Tages eben so spurlos verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Dann wird auch Dein unsinniger Roman zu Ende sein, aber er wird Dich eine glänzende Zukunft gekostet haben.“
„Wer sagt, daß er zu Ende sein wird? Wenn Hertha es wagen darf, Deinem Willen Hohn zu sprechen und alle Traditionen unserer Familie mit Füßen zu treten, so werde ich wohl auch das Recht haben, eine Frau mein zu nennen, deren Name unserem Hause mehr zur Ehre gereicht, als der eines Rodenberg.“
„Du denkst Frau von Nèrac zu heirathen!“ sagte der General mit vernichtender Kälte. „Willst Du vielleicht auf Deinen Posten im Ministerium ein Hauswesen gründen? Meine Stellung zu der Sache brauche ich Dir wohl nicht erst zu erklären. Einmal habe ich es zugelassen, daß dies fremde Element sich mit dem unsrigen einte; zum zweiten Male geschieht es nicht wieder – es hat Unheil genug gestiftet!“
„Großvater – Du sprichst von meiner Mutter!“ brauste Raoul auf.
„Ja, von Deiner Mutter, der ich es danke, daß Du mir und Deinem Vaterlande entfremdet bist, daß Du Dich mit Gleichgültigkeit, ja mit Widerwillen abwendest von dem, was Dir das Heiligste auf Erden sein sollte. Was habe ich nicht versucht, Dich diesem Bannkreise zu entreißen! Ob mit Güte oder mit Gewalt, es ist Alles umsonst gewesen! Der ärmste Bauer hängt mit größerer Liebe an seiner Scholle, als Du an Deiner Heimat, und an der Seite einer Heloise von Nérac wäre Dein Schicksal vollends besiegelt. Wenn Dich die Furcht vor mir nicht mehr in Schranken hält, nachdem ich dereinst die Augen geschlossen, so könnte es geschehen, daß der letzte Steinrück seinem Vaterlande verächtlich den Rücken kehrt und dort drüben ein Franzmann wird an Leib und Seele!“
Es lag bei allem Zorne doch ein so bitterer, qualvoller Schmerz in den Worten, daß die trotzige Erwiderung erstarb, die der junge Graf auf den Lippen hatte. Er sollte der Antwort überhoben werden, denn soeben öffnete sich die Thür, und seine Mutter trat ein.
Sie ahnte noch nichts von dem Vorgefallenen. Der General war nach der Entfernung Michael’s nur auf einige Minuten bei ihr gewesen, um ihr die Trauernachricht zu bringen. Sein Gerechtigkeitsgefühl verbot ihm, eine Anklage gegen Raoul auszusprechen, ehe er ihn selbst gehört hatte.
„Da bist Du ja, Raoul,“ sagte sie. „Ich hörte, daß der Großvater Dich rufen ließ, um Dir die Depesche aus Steinrück mitzutheilen, und komme, um zu erfahren, ob wir zusammen abreisen können oder ob Du mir erst morgen folgen wirst. Ich denke heute Abend den Kurierzug zu benutzen, um möglichst bald bei Hertha zu sein.“
Der General wandte sich anscheinend ruhig zu seiner Schwiegertochter.
„Raoul wird überhaupt nicht nach Steinrück gehen,“ entgegnete er. „Es sind Verhältnisse eingetreten, die ihn zwingen, hier zu bleiben.“
[864] Die Gräfin erschrak, aber sie war weit entfernt, den wahren Zusammenhang zu ahnen; ihre Befürchtungen nahmen eine ganz andere Richtung.
„Versagt man ihm etwa den Urlaub bei solcher Gelegenheit?“ fragte sie hastig. „Und auch Du, Papa, kannst nicht fort, wie Du sagtest? Es ist also wahr, was mir Leon schon gestern andeutete? Der Krieg ist unvermeidlich geworden?“
„Darüber kann ich Dir keine Gewißheit geben,“ erklärte Steinrück, nur die letzte Frage beantwortend. „Daß die Dinge ernst und kriegerisch aussehen, weiß ja alle Welt, und auch Raoul muß sich wie Jeder bereit halten, zu den Fahnen einberufen zu werden.“
„Einberufen?“’wiederholte die Gräfin erstaunt. „Er ist ja nie Soldat gewesen. Seine Zartheit und Kränklichkeit haben ihn stets von der militärischen Laufbahn ausgeschlossen, und auch das übliche Dienstjahr mußte ihm erlassen werden, weil sein Brustleiden noch nicht überwunden war.“
„So hieß es wenigstens! Die Aerzte haben damals eine sehr weitgehende Schonung geübt, mit der ich keineswegs einverstanden war, denn ich hielt Raoul schon damals für gesund; daß er es jetzt ist, wirst auch Du nicht mehr leugnen. Wer seinen Stolz darein setzt, der wildeste, tollkühnste Reiter zu sein; wer alle Strapazen der Hochlandsjagd erträgt, wenn es gilt, den Gemsen nachzustellen, und keine Ermüdung kennt in einem Treiben, von dem ich mehr weiß, als mir lieb ist, der wird auch wohl die Waffen im Kriege führen können.“
„Und Du könntest die Grausamkeit so weit treiben, von ihm zu fordern –“
„Was?“ fragte der General eisig. „Ah so, Du fürchtest, daß er vorläufig noch als Gemeiner eintreten muß? Das ist allerdings nicht zu ändern; aber er wird es nicht lange bleiben, und übrigens werde ich dafür sorgen, daß er in meiner unmittelbaren Nähe bleibt. Da gilt er der ganzen Umgebung für meinen Enkel und hat nur seine Soldatenpflicht zu erfüllen, wie jeder Andere.“
„Aber gegen die Meinen!“ rief Hortense leidenschaftlich. „Wenn es wirklich dazu käme – das überlebte ich nicht!“
„Man überlebt Vieles, Hortense, was noch schwerer zu tragen ist. Ich begreife, daß es Dir Thränen kosten wird, und muthe Dir nicht zu, hier in der Hauptstadt zu bleiben, wenn wirklich der Sturm gegen Frankreich losbricht. Du kannst eben unser Empfinden nicht theilen. Raoul aber ist der Sohn eines Deutschen und wird als solcher seine Schuldigkeit thun. Er war damals dienstunfähig; ich zweifle nicht, daß er jetzt vollkommen kriegstüchtig gefunden wird.“
Die Worte klangen sehr ruhig und sehr eisern. Aber Hortense lernte es nun einmal nicht, ihren Schwiegervater zu verstehen. Sie stürmte immer wieder von Neuem an gegen diesen Felsen, obgleich sie wußte, daß er nicht zu bewegen war.
„Es liegt aber in Deiner Macht, ihn davon zu befreien,“ sagte sie noch heftiger. „Es kostet Dich nur ein einziges Wort an die betreffenden Aerzte, daß Du das Leiden Deines Enkels noch nicht für überwunden hältst. Wenn der General Steinrück das erklärt, so wird es sicher Niemand wagen –“
„Ihn der Lüge zu zeihen? Gewiß nicht, aber man wagt es doch, ihm eine Lüge zuzumuthen, wie ich sehe. Ich will der Erregung, in der Du Dich befindest, Rechnung tragen, Hortense, sonst –“ er vollendete nicht, aber sein Blick ergänzte die Worte.
Raoul hatte bisher seitwärts gestanden, ohne sich an dem Gespräche zu betheiligen, und doch sah man, welchen leidenschaftlichen Antheil er daran nahm; jetzt aber trat er vor.
„Großvater, Du weißt, daß ich kein Feigling bin,“ sagte er gepreßt. „Du hast, mich oft tollkühn genannt und mich gezügelt, wo ich vorwärts wollte; aber Du wirst und mußt es begreifen, daß ich in diesen Kampf nicht gehen kann. – Die Hand erheben gegen das Volk und das Land meiner Mutter – mein ganzes Inneres empört sich dagegen.“
„Ich kann es Dir aber nicht ersparen,“ sagte Steinrück unbewegt. „In solchem Falle heißt es, Selbstüberwindung üben und unentwegt seine Pflicht thun. Wozu all die Worte! Es ist eine unbedingte Nothwendigkeit, der Ihr Euch Beide zu beugen habt – genug davon!“
„Ich will und kann mich aber hier nicht beugen!“ rief der junge Graf in steigender Erregung. „Ich habe niemals den Waffendienst geleistet, und auch jetzt wird man mich nicht rufen, wenn Du nicht darauf bestehst. Aber Du willst mich hineinzwingen in diesen Kampf gegen mein zweites Vaterland. Ich sehe es nur zu deutlich –“
Er brach ab, denn der General richtete sich so hoch und drohend empor, daß er mitten in der Rede verstummte.
„Ich dächte, Du hättest nur ein Vaterland! – Kommt Dir das nicht einmal jetzt zum Bewußtsein? Nun denn ja, Du sollst hinein in den Kampf, sollst ihn ausfechten von Anfang bis zu Ende, damit Du Dich wieder auf Dich selbst besinnst. Im Sturm des Krieges, in der Erhebung Deines ganzen Volkes lernst Du vielleicht begreifen, wo jetzt allein Dein Platz ist; vielleicht bringt Dir das die Werlorene Liebe zur Heimat zurück. Es ist noch meine einzige, meine letzte Hoffnung! Sobald die Entscheidung da ist, wirst Du Dich melden, freiwillig melden.“
Es war wieder einer jener energischen Befehle, denen sich Raoul sonst stets beugte; diesmal aber erhob er sich dagegen wit wild aufflammendem Trotz.
„Großvater, treibe mich nicht zum Aeußersten! Du hast es mir stets vorgeworfen, daß ich das Blut meiner Mutter in den Adern habe, und ich fürchte, daß Du Recht hast. Was ich jemals an Glück, an Freiheit genossen in meiner schönen sonnigen Jugendzeit, das liegt drüben in Frankreich, und nur dort erscheint mir das Leben wirklich lebenswerth. Hier in dem kalten nüchternen Deutschland bin ich nie heimisch geworden; hier wird mir jeder Tropfen der Freude karg zugemessen; hier wird mir immer und ewig das Gespenst der Pflicht entgegengehalten. Stelle mich nicht so eisern und unerbittlich vor die Wahl! Sie könnte anders ausfallen, als Du glaubst! Ich liebe Dein Deutschland nun einmal nicht, habe es nie geliebt und, komme was da will – ich kämpfe nicht gegen mein Frankreich!“
„Mein Raoul – ich wußte es ja!“ rief Hortense triumphirend, indem sie ihm die Arme entgegenstreckte.
Steinrück stand regungslos da und sah auf die Beiden. Das hatte er doch nicht erwartet! Die Furcht vor ihm hatte Raoul bisher immer noch in Schranken gehalten. Er wagte es nie, seinen innersten Empfindungen Worte zu leihen. Jetzt brach diese Schranke, und was sie entfesselte, das erschütterte selbst die eiserne Natur des alten Grafen. Seine Stimme hatte einen fremden Klang, als er endlich wieder sprach.
„Raoul – komm zu mir!“
Der junge Graf rührte sich nicht. Er blieb an der Seite seiner Mutter, die den Arm um ihn gelegt hatte, als wolle sie ihn zurückhalten. So standen sie da, Beide trotzig und feindselig. Aber der General war nicht der Mann, der in seinem Hause einen solchen Widerstand duldete.
„Hast Du meinen Befehl nicht gehört?“ fragte er. „So muß ich ihn wohl wiederholen. Du sollst zu mir kommen!“
Sein Blick und Ton übten wieder die alte Gewalt auf Raoul aus, der fast mechanisch, als weiche er einer unwiderstehlichen Macht, sich von der Mutter losmachte und dem Befehle Folge leistete.
„Du willst nicht kämpfen?“ sagte Steinrück, indem er die Hand des jungen Mannes mit so eisernem Druck umschloß, daß jener kaum einen Schmerzensschrei unterdrücken konnte, „das wird sich zeigen! Ich werde in Deinem Namen die Meldung erstatten, und bist Du erst einberufen, so wird man Dich lehren, was Disciplin heißt. Du weißt doch wohl, was dem Soldaten geschieht, der den Gehorsam verweigert, oder – dem Deserteur!“
„Großvater!“ schrie Raoul auf, der zusammengezuckt war bei dem schmachvollen Worte.
„Ich stelle Dich vor die Wahl, trotz Deiner Drohung! Und damit Du Deinen Sohn nicht zu sehr, bewunderst wegen seines Muthes, Hortense, so magst Du erfahren, was Dir doch kein Geheimniß bleiben kann: Raoul’s Verlobung mit Hertha ist gelöst, durch seine Schuld. Er hat bei Frau von Nérac Wort und Pflicht vergessen, die er seiner Braut schuldet.“
„Raoul!“ rief die Gräfin entsetzt. Es klang anders, als ihr Ruf vorhin. Der General ließ langsam die Hand seines Enkels los und trat zurück.
„Darüber magst Du mit ihm rechten! Das Zweite, Schlimmere, werde ich zu verhüten wissen. Ich will, doch sehen, ob der letzte Steinrück es wagt, seinem Namen solche Schmach anzuthun und seinem Vaterlande die Treue zu brechen, wie er sie seiner Braut gebrochen hat!“
Damit wandte er den Beiden den Rücken und verließ das Gemach.
[865]
[866] Das Zerwürfniß in der Steinrück’schen Familie lastete schwer genug auf allen Mitgliedern derselben. Hortense war allerdings abgereist, denn der General bestand darauf, daß wenigstens ein Mitglied seines Hauses die Verwandte zu Grabe geleite. Er selbst konnte in der That nicht fort, und für Raoul’s Nichterscheinen konnte man die politischen Ereignisse wenigstens zum Vorwand nehmen; die Abwesenheit Hortense’s aber hätte das Zerwürfniß sofort der Welt offenbar gemacht, und diese fügte sich um so bereitwilliger dem Verlangen ihres Schwiegervaters, als sie ihre letzte Hoffnung noch auf ein persönliches Eingreifen setzte. In der stürmischen Scene, die vor der Abreise zwischen ihr und Raoul stattgefunden hatte, war der Name Michael’s nicht genannt worden; sie wußte nichts von seinen Beziehungen zu Hertha und zu ihrer Familie überhaupt. Heloise von Nérac galt ihr als der alleinige Grund des Bruches, und deßhalb hoffte sie noch immer, daß es ihr gelingen werde, die beleidigte Braut zu versöhnen und ihrem Sohm trotz alledem das zu sichern, was er in grenzenlosem Leichtsinne mit Hertha’s Hand aufgegeben hatte.
Der General und sein Enkel hatten sich seit gestern nur auf Minuten gesehen; aber schon diese Minuten waren peinlich genug. Augenblicklich befand sich der junge Graf im Hause seines Freundes Clermont, wohin er im vollen Trotze gegangen war, um der Mutter und dem Großvater zu beweisen, daß er kein Knabe mehr sei, der sich in solchen Dingen befehlen oder verbieten lasse. Er war allein mit Heloise und hatte ihr soeben mitgetheilt, was gestern geschehen war, aber in einer so leidenschaftlichen Art, daß man deutlich sah, wie tief es ihn erregte.
„Der Würfel ist gefallen!“ schloß er endlich. „Meine Verlobung mit Hertha ist gelöst. Ich bin frei, wie Du es bist, und zu verbergen giebt es jetzt nichts mehr. Jetzt sage es mir endlich in klaren, deutlichen Worten, Heloise, daß Du die Meine werden, daß Du meinen Namen tragen willst. Noch hast Du das nie gethan.“
Die junge Frau hatte schweigend zugehört, aber zwischen ihren Brauen lag eine Falte. Es schien fast, als ob ihr dieser Ausgang nicht erwünscht sei.
„Nicht so stürmisch, Raoul!“ wehrte sie ab. „Du hast es mir eben selbst bekannt, daß Dein Großvater diese Verbindung niemals zugiebt, und Du hängst gänzlich von ihm ab.“
„Für den Augenblick! Für die Zukunft bin ich der Majoratserbe, und das kann mir kein Testament rauben. Es ist Familiengesetz in unserem Hause. Du weißt es ja!“
Heloise wußte das allerdings sehr genau, aber sie wußte auch, wie gering, ihren Ansprüchen nach, die Einkünfte dieses Majorats waren. Die Sache war ja schon vor Monaten Gegenstand einer eingehenden Erörterung zwischen ihr und dem Bruder gewesen, und das Zukunftsbild, das Henri ihr damals so schonungslos ausmalte, das Leben auf einem einsamen Gute in der Provinz, hatte wenig Verlockendes für eine Frau, die nur athmen konnte in dem glänzenden Treiben der Gesellschaft und für die Glanz und Luxus Lebensbedürfnisse waren.
„So laß uns auf die Zukunft hoffen!“ sagte sie rasch ablenkend. „Die Gegenwart ist uns feindlich genug. Nicht allein der Streit in Deiner Familie, auch die politischen Ereignisse drohen, uns zu trennen.“
„Trennen?“ fuhr Raoul auf. „Weßhalb?“
„Nun, es versteht sich doch von selbst, daß wir nicht hier bleiben, wenn der Krieg wirklich ausbrechen sollte, den auch mein Bruder für unvermeidlich hält. Sobald unsere Gesandtschaft die Stadt verläßt, ist auch unseres Bleibens nicht länger. Henri hat mir bereits mitgetheilt, daß ich mich auf eine schnelle und unerwartete Abreise gefaßt halten muß.“
„So laß Henri gehen, aber Du bleibst! Dich lasse ich nicht fort! Ich weiß, daß ich ein Opfer von Dir fordere, aber bedenke, was ich Dir geopfert habe! Dich jetzt zu verlieren, ertrage ich nicht! Du mußt bleiben!“
„Wozu?“ fragte die junge Frau herb. „Vielleicht, um mit anzusehen, wie der General seinen Willen durchsetzt, wie Du in voller Uniform abmarschirst gegen Frankreich?“
Raoul ballte die Hand.
„Heloise, treibe nicht auch Du mich zur Verzweiflung! Wenn Du wüßtest, was ich Alles habe ertragen müssen, was ich noch ertragen muß! Mein Großvater – er hat seit gestern keine zehn Worte mit mir gesprochen. Aber er hat einen Blick, einen Ton, die mein Blut zum Sieden bringen. Es liegt die vollste Verachtung darin. Meine Mutter, von der ich nie etwas Anderes empfangen habe, als Liebe und Zärtlichkeit, überschüttet mich mit Vorwürfen. Henri will fort. Jetzt sprichst auch Du von Trennung, und ich soll allein bleiben, während es von allen Seiten auf mich einstürmt – das ertrage ich nicht.“
Er warf sich in der That wie ein Verzweifelter in einen Sessel. Heloise blickte mit einem Gemisch von Mitleid und Unwillen auf den jungen Mann, der mit all seiner Ritterlichkeit und Tollkühnheit, mit seiner Verachtung jeder äußeren Gefahr, doch wie ein Rohr im Winde schwankte, sobald es sich um den moralischen Muth handelte.
„Müssen wir uns denn trennen?“ fragte sie leise. „Das steht ja bei Dir, Raoul!“
Er blickte befremdet, fragend auf. „Bei mir?“
„Gewiß. Ich kann nicht bleiben, so wenig wie Henri. Wir wissen es ja aber, daß Du im Herzen unser bist, daß nur der Zwang Dich auf der deutschen Seite festhält. Nun wohl, entreiße Dich diesem Zwange – folge uns nach Frankreich!“
„Bist Du von Sinnen?“ rief Raoul aufspringend. „Jetzt, am Vorabend des Krieges? Das wäre ja Verrath!“
„Es wäre nur ein tapferer, muthiger Entschluß, ein kühnes Bekenntniß der Wahrheit. Wenn Du hier bleibst, belügst Du Dich selbst und alle Anderen. Was giebst Du denn auf? Ein Land, in dem Du fremd geblieben bist und ewig fremd sein wirst, Verhältnisse, die Dir unerträglich geworden sind, einen Großvater, mit dem Du Dich im offenen Kampfe befindest. Die Einzige, nach der Du fragst, Deine Mutter, mag Dir jetzt grollen über das Scheitern ihrer Pläne; bei diesem Schritt grollt sie Dir sicher nicht.“
„Ich heiße Steinrück!“ sagte Raoul finster. „Das hast Du wohl vergessen, Heloise?“
„Ja, so heißest Du, aber Du bist ein Montigny, vom Scheitel bis zur Sohle. Du hast Dich dessen oft vor uns gerühmt, wozu es denn jetzt verleugnen? Soll der Name des Vaters allein Dir Dein Denken und Fühlen vorschreiben? Hat das Blut der Mutter nicht das gleiche Recht? Zu ihrem Lande, zu ihrem Volke zieht es Dich mit ganzer Seele, und man will Dir als ein Verbrechen anrechnen, was doch nur die heiligste Macht der Natur ist; man will Dich zwingen, gegen uns zu kämpfen. Das ist Verrath, und dazu wirst Du Dich nicht brauchen lassen!“
Raoul hatte sich abgewandt, als wolle er die Worte nicht hören, und doch sog er sie begierig ein. Das waren ja seine eigenen Gedanken, die ihn Tag für Tag umschlichen, die er von sich wies und die doch immer wieder kamen. Das Einzige, was ihn hätte davor schützen können, ein Pflichtbewußtsein, besaß der junge Graf nun einmal nicht. Die Pflicht war ihm stets als ein Gespenst, als ein eiserner Zwang erschienen. So stand sie auch jetzt vor ihm, aber sie schreckte ihn wenigstens noch.
„Hör’ auf, Heloise!“ sagte er gepreßt. „Ich kann, ich darf das nicht hören, und,“ er richtete sich plötzlich mit einer energischen Bewegung empor, „ich will es auch nicht hören – laß mich fort!“
Er wandte sich in der That zum Gehen, aber jetzt trat die junge Frau zu ihm und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ihre Stimme klang bittend, überredend und wieder traf ihn der weiche verschleierte Blick, den er nur zu gut kannte.
„Komm mit uns, Raoul! Du verzehrst Dich ja in diesem unseligen Kampfe mit Dir selbst. Du gehst zu Grunde daran, und ich – glaubst Du, daß ich die Trennung von Dir leicht ertrage? Daß ich weniger leide als Deine Mutter, wenn ich Dich in den Reihen unserer Feinde weiß? Folge uns nach Frankreich!“
„Heloise – laß mich!“ Der junge Graf machte einen verzweiflungsvollen, aber ohnmächtigen Versuch zu entrinnen; es war vergebens. Immer bestrickender klangen die Worte, denen er nicht entfliehen konnte; immer enger und dämonischer umwand ihn die schillernde Schlange.
„Er wird Dich zu zwingen wissen, der eiserne und unerbittliche Greis! Er hat Dich ja stets gezwungen. Entreiße Dich seiner Gewalt, ehe er seine Drohung wahr macht! Noch ist der Krieg nicht erklärt, noch darfst Du frei handeln. Verschaffe Dir einen Urlaub im Ministerium, gleichviel, auf welche Art und unter welchem Vorwande. Wenn Du fern bist, wenn Dich die Ordre nicht erreichen kann –“
„Nimmermehr!“ rief Raoul. Er fühlte, daß er im Begriff war, zu erliegen. Aber da bäumte sich noch der letzte Rest von Ehrgefühl in ihm empor. Das Bild seines Großvaters tauchte vor ihm auf, des „eisernen, unerbittlichen Greises“ mit der tödlichen Verachtung [867] im Blick; das trug den Sieg davon, selbst über den drohenden Verlust der Geliebten, und entriß ihn noch einmal der Gefahr.
„Nimmermehr!“ wiederholte er, sich losreißend. „Ich könnte nicht leben mit dem Bewußtsein, auch nicht an Deiner Seite – leb’ wohl, Heloise!“
Er eilte nach der Thür und traf dort mit Henri Clermont zusammen, der soeben von einem Ausgange zurückkehrte und ihn aufhalten wollte.
„Wohin denn so stürmisch, Raoul? Hast Du keine Minute für mich übrig?“
„Nein!“ stieß der junge Graf hervor. „Ich muß fort – augenblicklich – leb’ wohl!“
Er stürmte hinaus. Clermont sah ihm verwundert nach und wandte sich dann zu seiner Schwester.
„Was hat Raoul? Was bedeutet dies Fortstürmen?“
„Es ist seine Antwort auf meine Zumuthung, uns nach Frankreich zu folgen,“ entgegnete die junge Frau in tiefgereiztem Tone. „Du hörst es! Er sagt mir Lebewohl.“
Henri zuckte nur die Achseln.
„Für heute! Morgen wird er wiederkommen. Ich dächte, Du kenntest doch jetzt Deine Macht über ihn hinreichend. Er hat eine Hertha Steinrück aufgegeben um Deinetwillen und mit ihr ein fürstliches Vermögen; Dich giebt er niemals auf!“
Weihnachtsbüchertisch für die Jugend. Zum Glück ist nicht die Zahl der erschienenen Neuigkeiten allein maßgebend für die Reichhaltigkeit des Weihnachtsbüchertisches! Denn sonst wäre es um die Weihnachtsfreude der jugendlichen Bücherliebhaber in diesem Jahre nicht so glänzend bestellt wie früher. Aber wir können zufrieden sein: nicht die Zahl der neuerschienenen Jugendbücher imponirt in diesem Jahre, wohl aber der Werth, die innere und äußere Gediegenheit des neu Gebotenen!
Da ist zunächst ein Buch, das den Titel „Fröhliche Jugend“ (Bremen, M. Heinsius) führt und auf den ersten Blick freundlich für sich einnimmt. Dasselbe bietet hübsche Lieder von G. Chr. Dieffenbach, Melodien dazu von Karl Aug. Kern und Bilder von V. Paul Mohn. Man lese und singe nur ein paar der Lieder und betrachte nur hier und da eines der prächtigen Bilder, und man wird sicher zu der Ueberzeugung gelangen, daß dieses Buch allein für ein halbes Dutzend andere entschädigt, die es etwa in früheren Jahren mehr gegeben hat, besonders wenn eine sinnige Mutter es übernimmt, ihre Kleinen selbst in die Lieder- und Bilderschätze dieses Buches einzuführen. – Volle Anerkennung verdienen auch ein Bilderbuch von Karl Röhling: „Die Jahreszeiten“ (Leipzig, Meißner und Buch), zu welchem der bekannte Schriftsteller Heinrich Seidel ansprechende Verse schrieb, und ein solches von Julius Kleinmichel: „Aus der Jugendzeit“ (Leipzig, E. Twietmeyer), mit Gedichten von Franz Dittmar. Beide Bücher werden mit ihren leichtfaßlichen Bildern und Texten vorzugsweise da am Platze sein, wo eine besondere Unterweisung der Kleinen durch Erwachsene nicht erfolgen kann. – „Durch Wald und Flur“ (Wien, Moritz Perles), illustrirt von Th. von Pichler, bietet kleinen Naturfreunden viel Belehrendes in unterhaltender Form.
Ein heiteres Bilderbuch für geweckte Kinder ist „König Nobel“ (Breslau, C. T. Wiskott) von Julius Lohmeyer und Fedor Flinzer. Lohmeyer hat seine jungen Freunde schon öfter durch poetische Thiergeschichten erfreut, und „König Nobel“ schließt sich den früheren würdig an; die Illustrationen von Flinzer sind meisterhaft sowohl bezüglich der Zeichnung als hinsichtlich des Farbendruckes.
A. Godin, die beliebte Novellistin und Märchenerzählerin, bietet einen duftigen Strauß von „Märchen aus Feld und Wiese“ (Stuttgart, Gebrüder Kröner). Ich habe dieses Buch lange nicht aus der Hand legen können, sondern mich immer wieder in die reizenden Märchen vom Schneeglöckchen, Veilchen, Vergißmeinnicht, Heideblümchen, von der Schlüsselblume, Kornblume, Heckenrose und der Winde vertieft und mit gesteigerter Lust auch die dazu gehörigen Bilder von E. Kepler betrachtet, die mit ihrer schlichten Innigkeit so bezaubernd wirken, daß ich nicht zu viel zu sagen glaube, wenn ich dieses Buch als die schönste diesjährige Weihnachtsgabe für die Kleincn hinstelle. Ein gewichtiger Zeuge hierfür ist mir der pausbackige siebenjährige Bube einer befreundeten Familie. Er beehrt mich zuweilen mit seinem Besuch und sieht dann gern nach, „ob’s nicht was Schönes giebt“. Vor einigen Tagen fand ich ihn auf dem Teppich mitten im Zimmer liegen, vor sich die „Märchen aus Feld und Wiese“. „Nun?“ fragte ich, „was giebt’s?“ Er bedeckte das Buch der Sicherheit halber mit beiden Händen, blickte mit glänzenden Augen zu mir auf und sagte bittend: „Wie schön! Darf ich weiter lesen?“
Dic „Kinderträume“, Märchen von R. A. Lottka, illustrirt von Eugen Klimsch (Leipzig, C. F. Amelang’s Verlag), erfordern zumeist ein schon reiferes Verständniß, bieten einer verständigen Mutter aber auch für die Kleinen reichen Unterhaltungsstoff, eben so wie die unter dem Titel: „In der Geisblattlaube“ (Dresden, C. C. Meinhold und Söhne) erschienenen Märchen von Josephine Scheffel. Diese letztere, die Mutter J. V. von Scheffel’s, liebte es, wenn in der Geißblattlaube des Gartens ein vertrauter Kreis jugendlicher Freundinnen sich eingefunden hatte, den Lauschenden allerlei selbstersonnene Märchen zu erzählen, und übte dadurch auf die empfänglichen Gemüther einen nicht geringen Einfluß. Jetzt hat Alberta von Freydorf eine Reihe dieser Märchen, theils nach schriftlichen Aufzeichnungen der Erzählerin, theils nach der Erinnerung, veröffentlicht und dadurch die sinnigen Poesien der liebenswürdigen Frau in dankenswerther Weise auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht. – Als letzte schöne Gabe für die Kleinen müssen wir noch Maximilian Bern’s hübsche Gedichtsammlung „Für kleine Leute“ (Leipzig, E. Twietmeyer) nennen, die eine sorgfältige, aus alten und neuen Quellen geschöpfte Auswahl der besten Gedichte für kindliche Leser enthält und von Bürkner, Pletsch, Richter, Thumann u. A. illustrirt ist.
Vorzüglicher Lesestoff für Knaben und Mädchen verschiedener Altersstufen findet sich in der bekannten „Universalbibliothek für die Jugend“. Als die Verlagshandlang vor einigen Jahren dieses wirklich gemeinnützige Unternehmen ins Leben rief, fand sie den Beifall der gesammten Lehrerwelt, und die lebhafte Anerkennung der Vorzüge der Bibliothek ist noch von Jahr zu Jahr gewachsen. Dieselbe enthält eine große Zahl der besten älteren und neueren Jugendschriften; alle Bände sind von tüchtigen Männern bearbeitet; die sämmtlichen Gebiete des Wissens und der Unterhaltung, welche zur Förderung und Belehrung der Jugend dienen können, sind vertreten; die Ausstattung ist eine gute, der Preis ein bisher unerhört billiger. Wer also sicher sein will, seinen Kindern ein gutes Buch zu schenken, und doch zugleich auch auf den Preis sehen muß, der greife ruhig zu den hübschen rothen, schwarz- und goldverzierten Bänden der „Universalbibliothek“, die auch in diesem Jahre wieder durch eine Reihe trefflicher Schriften – „Oberou“ von K. A. Müller, „Der Jugend Räthselschatz“ von W. Werther, „Beispiele des Guten“ von G. Plieninger, „Der Knabe des Tell“ von Jeremias Gotthelf etc. – bereichert worden ist. Auch die Schul- und Bibliothekvorstände machen wir wiederholt auf das gediegene Unternehmen aufmerksam.
Ein lieber Freund für Knaben und Mädchen im Alter von 9 bis 15 Jahren ist der von O. Wildermuth begründete und von ihren Töchtern Agnes Willms und Adelheid Wildermuth fortgeführte „Jugendgarten“ geworden, der heuer nun schon zum elften Male bei allen deutschen Familien um freundliche Aufnahme bittet und sicher sein darf, eine solche zu finden. Der diesjährige, elfte Band des „Jugendgartens“ bietet abermals eine Fülle gediegenen Unterhaltungsstoffes: fesselnde Erzählungen wechseln mit lebensfrischen Geschichts-, Natur- und Reiseschilderungen; für die Feier eines der schönsten Familienfeste, den Geburtstag der Mutter, ist durch ein hübsches Festspiel gesorgt; wer Gedichte wünscht, findet deren ernste und heitere; sogar eine Handvoll kerniger Knacknüsse für den Räthselfreund ist nicht vergessen. Die Namen der meisten Mitarbeiter, wie Elisabeth Klee, Ernst Lausch, C. Michael, Luise Pichler, Gustav Plieninger, Emma Schöne, Adelheid Wildermuth, Agnes Willms u. A., haben schon lange auf dem Gebiete der Jugendlitteratur einen guten Klang. Auch der reiche und gediegene Bilderschmuck – acht farbige und zwölf Tondruckbilder –, zu welchem namhafte Künstler wie G. Hahn, E. Kepler, Herm. Vogel, J. R. Wehle u. A. beigesteuert haben, trägt in hohem Maße dazu bei, den „Jugendgarten“ zu einer Zierde für jeden Weihnachtstisch zu machen.
Von unserem geschätzten Mitarbeiter Viktor Blüthgen erschienen unter dem Titel „Zum Nachtisch“ (Stuttgart, Gebrüder Kröner) vier inhaltreiche Erzählungen, mit sechs Bildern in Farbendruck von L. Blume-Siebert. Diese Gaben des beliebten Autors bedürfen übrigens einer besonderen Empfehlung eben so wenig wie die lebenswahren, von Eugen Klimsch illustrirten Erzählungen unter dem Titel „Jugendwege und Irrfahrten“ (ebenda), mit welchen uns Julius Lohmeyer erfreut. Beider Schriften haben sich in der deutschen Familie eingebürgert und dürfen stets eines herzlichen Willkommens gewiß sein.
Oskar Höcker bietet in seiner Erzählung „Ein deutscher Apostel“ (Leipzig, Ferdinand Hirt und Sohn) ein fesselndes kulturgeschichtliches Bild aus der Zeit des heiligen Bonifacius, Karl Oppel dagegen in seinen „Städtebildern“ (Leipzig, Otto Spamer) eine ganze Reihe kulturgeschichtlicher Schilderungen aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes und aus verschiedenen Jahrhunderten. Beide Werke sind nur zu empfehlen, besonders aber das letztere. Der verdiente, treffliche Verfasser, ein im Dienste humaner Bestrebungen ergrauter Schulmann, versteht es vorzüglich, die jugendlichen Leser, insbesondere Knaben, zu fesseln und die Begeisterung für Großes und Erhebendes in ihre empfänglichen Herzen zu pflanzen. Das beweist er mit dem vorliegenden Buche aufs Neue.
Dem Namen C. Falkenhorst, den Lesern der „Gartenlaube“ wohlbekannt, begegnen wir auf dem Gebiete der Jugendlitteratur zum ersten Male. Derselbe wird jedoch durch die Erzählung „In Kamerun. Zugvogels Reise- und Jagd-Abenteuer“ (Leipzig, F. A. Brockhaus) auch auf diesem Gebiete auf das Glücklichste eingeführt. Der „Zugvogel“ ist ein junger Mann, der nicht an der Scholle kleben mochte, gleich seinen Vorfahren, sondern der sich stets mit weiten Reiseplänen trug und bereits im neunzehnten Jahre eine erste große Reise nach Afrika zur Ausführung brachte. Seine Erlebnisse auf dieser Reise, besonders in Kamerun, bilden den Gegenstand der Falkenhorst’schen Erzählung, deren Werth durch eingestreute anschauliche und fesselnde Schilderungen der Thier- und Pflanzenwelt noch wesentlich erhöht wird.
Ein herrliches Buch für die Jugend von 12 bis 16 Jahren, das andere gleichartige Werke bei Weitem überragt, ist das „Deutsche Heldenbuch“ von Richard Weitbrecht (Stuttgart, Gebrüder Kröner). Walther und Hildegund, Siegfried, Gudrun, Wieland der Schmied, Ortnit, Dietrich von Bern, Roland, Rennewart, Parzival und Lohengrin: das sind die ewig anziehenden Gestalten aus der deutschen Heldensage, welche [868] hier unserer Jugend in meisterhafter Charakteristik und Darstellung vorgeführt werden. Dazu erscheint der umfangreiche Band in einer so reichen und geschmackvollen Ausstattung, daß er sich auch äußerlich als eines der schönsten Geschenke repräsentirt. – Dasselbe gilt von „James Cook oder: Dreimal um die Erde“ (aus dem gleichen Verlage), in welchem H. Meißner ein farbenfrisches, auf sorgfältigen Quellenstudien beruhendes Lebensbild des berühmten Entdeckungsreisenden bietet.
Ein sehr willkommenes Geschenk für manche Knaben ist auch Herrmann’s „Raupen- und Schmetterlingsjäger“ (Leipzig, Gustav Gräbner), dessen zahlreiche Farbendrucktafeln den Beifall aller Kenner der bunten Welt der Schmetterlinge finden dürften.
Jetzt erübrigt noch, kurz einer Reihe von Schriften zu gedenken, welche sich fast ausschließlich an junge Mädchen im sogenannten Uebergangsalter wenden. Brigitte Augusti bietet unter dem Titel „Das Pfarrhaus zu Tannenrode“ (Leipzig, Ferdinand Hirt und Sohn) eine von W. Räuber illustrirte packende Erzählung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. – Emma Laddey bringt „für Deutschlands Frauen und Töchter“ eine Reihe von Erzählungen „Aus der Schule des Lebens“ (Stuttgart, Gebr. Kröner), in welchen sie das Hauptgewicht weniger auf romanhafte Verwicklungen legt als vielmehr auf die Schilderung der mancherlei realen Kämpfe und Anforderungen, denen sich die Frau heute nur selten zu entziehen vermag und auf die sie jedenfalls vorbereitet sein soll. – Von Helene Stökl, die schon längst als eine vorzügliche Schriftstellerin eingeführt ist, erschien ein Band feinsinniger und anziehender Erzählungen unter dem Gesammttitel „Schneerosen“ (Leipzig, J. M. Gebhardt’s Verlag). – Auch Clara Cron ist in weiten Kreisen bekannt, und ihre Erzählung „Die Freundinnen“ (Leipzig, Otto Spamer) gehört zu dem Besten, was sie geschrieben hat. – Die „Blüthen und Aehren“ (München, Richter und Kappler) von Marie Beeg sind ein empfehlenswerthes Sammelwerk, zu welchem verschiedene Autoren von Ruf Beiträge geliefert haben.
Damit bin ich am Ende meines Berichtes angelangt und habe nur noch eines Geschenkes zu gedenken, welches besonders allen Freundinnen der duftenden Blumenwelt willkommen sein wird. Ich meine das Werk „Unter blühenden Blumen“ (Leipzig, Meißner und Buch), das gegen 60 hübsche Blumenmalereien von Louise Preußer und Gräfin Olga zu Eulenburg enthält, mit poetischen Texten von Similde Gerhard. „Man freut sich an den hübschen Bildern und findet zugleich in ihnen schätzenswerthe Vorlagen,“ sagte mir eine junge Dame, die sich in ihren Mußestunden gern selbst mit Blumenmalen beschäftigt.Das Jubiläum des Berliner Hoftheaters. Es sind jetzt hundert Jahre, seitdem das Berliner Theater aus den Händen der Principalschaft befreit, unter die Oberleitung des Hofes kam. Friedrich der Große war am 17. August 1786 gestorben; sein Nachfolger, König Friedrich Wilhelm II., hatte schon bei Lebzeiten seines Oheims dem Theater rege Theilnahme zugewendet, aber auch die Mißstände wohl bemerkt, welche mit der Direktion Döbbelin eng verknüpft waren. Am 1. Oktober 1786 erklärte der König das bisherige Döbbelin’sche Theater in der Behrenstraße für ein deutsches Nationaltheater, sicherte ihm eine Unterstützung von 6000 Thalern zu, ließ von Verona Dekorationen malen und erlaubte, daß die Statistenkleider der großen italienischen Oper beim deutschen Theater gebraucht werden durften. Am 3. December wurde zum letzten Male in dem alten Theater der Behrenstraße gespielt und am 5. December das Nationaltheater in dem für französische Aufführungen bestimmten Schauspielhause eröffnet, welches der König jetzt dem deutschen Schauspiel überließ. Dieses Theater stand in der Mitte des Gendarmenmarktes zwischen den beiden Thürmen, ungefähr da, wo gegenwärtig die Freitreppe des neuen Schauspielhauses anfängt, bis zu dem Droschkenhalteplatze; es war im Jahre 1774 erbaut worden, faßte 1200 Personen, hatte 50 Fuß Theatertiefe, ein Parterre, zwei Ränge Logen und eine Galerie. Merkwürdigerweise waren die Garderoben der Schauspieler nicht hinter der Bühne, sondern hinter dem Zuschauerraume angebracht, so daß die angekleideten Schauspieler durch den Parterregang und beim Büffett vorbei mußten, um auf die Bühne zu kommen.
Eröffnet wurde die neue Aera des Schauspielhauses mit einem Prologe, einem allegorischen Ballett und einem Lustspiele von Jünger: „Verstand und Leichtsinn“; doch nicht bloß in Bezug auf die neue Verwaltung wurde eine neue Epoche eingeleitet; auch die Führung der Bühne sollte in einem neuen kunstverständigen Sinne stattfinden. Döbbelin war ein alter Theaterpraktiker im Stil unserer heutigen Bühnenpächter; er war Keiner von den Schlechtesten, und obwohl er die Grundlagen seines Geschäfts, das Singspiel und überhaupt das leichte Genre, das beim Publikum Zug hatte, keineswegs vernachlässigte, verschloß er seine Bühne durchaus nicht den Schöpfungen der jüngeren bahnbrechenden Talente. Im Jahre 1784 hatte er Schiller’s „Fiesko“ zur Darstellung gebracht, allerdings in bedauerlicher Verballhornung, aber doch durch das Spiel von Fleck mit glänzendem Erfolg: ja er hatte sich sogar an „Nathan den Weisen“ gewagt und das Stück an drei Abenden hinter einander gegeben, am 14., 15. und 16. April 1783; doch war die Aufnahme kalt und das Theater leer.
Trotz derartiger rühmenswerther Versuche, seinem Theater eine höhere geistige Bedeutung zu geben, war Döbbelin nicht der Mann, der ein neues Zeitalter der Reform hätte würdig vorbereiten können. Er wurde vom König Friedrich Wilhelm II. bald bei Seite geschoben: an seine Stelle traten die Professoren Engel und Ramler, der erstere Theaterdichter und durch seine „Ideen zu einer Mimik“ eine Autorität für die darstellende Kunst, welche durch ihn die förderlichsten Anregungen empfing. Damals schon hatte man das richtige Princip erkannt, daß die Leitung der Bühnen dramatischen Dichtern und Dramaturgen von Ruf und Beruf in erster Linie übergeben werden müsse. Engel, welcher den späteren Liebling des Berliner Publikums, Kotzebue, 1789 zuerst mit „Menschenhaß und Reue“ auf der Nationalbühne einführte und außerdem 1788 Schiller’s „Don Carlos“ in der Prosabearbeitung gab, welche der Dichter für die kursächsische Gesellschaft gemacht hatte, gestaltete das Theater durch seinen feinen Geschmack stilvoller, als es bis dahin der Fäll gewesen war. Seit 1783 besaß das Berliner Nationaltheater einen Schauspieler ersten Ranges, Fleck, einen der genialen, ihrer Inspiration folgenden Künstler mit großen Mitteln, der aber so launenhaft war, daß er dieselben Rollen sehr ungleich spielte, so daß man, wie es hieß, bald den großen, bald den kleinen Fleck zu sehen bekomme. Er war jedenfalls ein berufener Träger größerer Dichtwerke. Nachdem Engel zurückgetreten, übernahm Ramler, der sich, seiner Richtung und seinem Talent entsprechend, meistens auf die Feile des dichterischen Stils der zur Aufführung angenommenen Dramen beschränkte, die Oberleitung, bis an seine Stelle im November 1796 Jffland trat, ein Künstler ersten Ranges, dessen Direktion eine der bedeutendsten Epochen in der Berliner Theatergeschichte bezeichnet: ein Freund Schiller’s von Mannheim her, hatte er das Glück, die unsterblichen Meisterwerke des großen Dichters dem Berliner Publikum zuerst vorführen zu können.
Daß im Laufe dieses Jahrhunderts die General-Intendanz zu einer Hofcharge erhoben wurde, daß in der Bühnenleitung die Grafen Brühl und Redern und Herr von Küstner, der einzige Fachmann, der sich in Leipzig und Darmstadt als kunstverständiger Theaterdirektor einen Namen gemacht hatte, einander folgten, ist wohl noch in der Erinnerung der Zeitgenossen lebendig. Das Berliner Hoftheater beginnt sein zweites Jahrhundert unter einer neuen Leitung: hoffen wir auf einen freudigen Aufschwung der dramatischen Kunst an der am meisten begünstigten Stätte in der Hauptstadt des deutschen Reichs. †
In der Puppenausstellung. (Mit Illustration S. 853.) Kurz vor Weihnachten werden in größeren Städten Puppenausstellungen veranstaltet, die entweder in dem sogenannten Weihnachtsbazar nur die Lust zum Kaufen beim Publikum erwecken sollen, oder auch „höheren Zwecken“, das heißt der Hebung und Vervollkommnung der Puppenfabrikation dienen.
Da sehen wir „Modedamen“, Figuren von 1 Meter Höhe; bekleidet mit den kostbarsten Stoffen, Spitzen und Hüten, repräsentiren sie die neueste Pariser Mode, blicken stolz in die Welt hinein, sind aber für die Kleinigkeit von 200 bis 250 Mark verkäuflich. Ein eben so beliebter, wie vielfach vertretener Typus ist die „Braut“; sie trägt natürlich weißen Atlas, eine Schleppe, Myrthenkranz und wolkigen Schleier.
Da giebt’s ferner Gruppen wie z. B. „Brüderchens erster Geburtstag“, die ein wahres lebendes Bild darstellen. „Zu früh erwacht“ nennt sich ein plastisches Genrebild, wo ein goldlockiges Büblein am Weihnachtsmorgen neugierig aus seinem Bettchen schaut, noch ehe die Mama das Anzünden der Kerzen am Tannenbaum beendet hat.
Während die geschilderten Puppentypen im Allgemeinen dem Anschauungskreise der Kinder entsprechen, treten andere Gestalten, die jetzt Mode geworden sind, aus demselben heraus. Da steht die „Königin Elisabeth von England“ neben „Marie Antoinette“, „Prinzeß Turandot als Salonschäferin“ in trauter Gesellschaft der „Frau Rath Goethe“, der Mutter unseres großen Dichters u. s. w.: alle in historisch getreuen Trachten trefflich geeignet als Lehrmittel in der Kostümkunde, aber wohl nicht als harmloses Kinderspielzeug. Nur zögernd trennen sich die Kleinen von den Puppen; uns Großen wird der Abschied leichter, wir nehmen unsere Töchterchen bei der Hand und denken triumphirend: habt ihr doch lachende Gesichter und warmes Herzblut, während in den Bälgen eurer glasäugigen, ernsten Abbilder nur „Seelen“ von eitel Roßhaar und Sägespänen wohnen.
Frithjof und Ingeborg. (Mit Illustration S. 865.) Der Sang von Frithjof dem Kühnen, nach alter Ueberlieferung der nordisch-germanischen Urzeit von Johannes Tegnér in genialer Neudichtung behandelt, ist bereits oft ins Deutsche übersetzt worden: jetzt hat Emil Engelmann, der Bearbeiter des Nibelungenliedes, die Frithjofssage in gefälligen, wohllautenden Versen frei übertragen. Die Uebersetzung (Stuttgart, Paul Neff) ist mit anmuthenden, von dem talentvollen Maler R. E. Kepler gezeichneten Bildern ausgestattet, von denen wir eines der schönsten hier wiedergeben. Es ist eine Scene aus dem siebenten Gesang: Frithjof’s Glück. Der Held kniet neben Ingeborg, der heißgeliebten, die sich in den Tempel des Gottes Baldur geflüchtet hat. Die betreffenden Verse Tegnér’s lauten in Engelmann’s Uebertragung:
Dort steht sein Bild, er selbst ist nahe, sein Auge blickt so mild und hold,
Als Opfer er ein Herz empfahe, von Liebe heiß und treu wie Gold!
O knie’ mit mir! Es wird dem Reinen das lieblichste Gelöbniß sein,
Wenn sich zwei junge Herzen einen, so fromm und treu wie er zu sein. †
M. L. in C. Von der Tagespresse wurde neuerdings die Notiz gebracht, daß der in der „Gartenlaube“ „unvollständig“ abgedruckte Roman „Was will das werden?“ von Friedrich Spielhagen demnächst als Buch erscheinen werde. Sie erklären darauf in Ihrer an uns gerichteten Zuschrift, daß der Roman, wie wir ihn abbracht, auf Sie den Eindruck eines durchaus abgeschlossenen Kunstwerkes gemacht habe. Wir glauben, daß alle Leser unseres Blattes denselben Eindruck empfangen haben müssen; denn der Verfasser hat allerdings mit Rücksicht auf die für den Journalabdruck gebotene knappere Zusammenfassung der Handlung im Einverständniß mit der Redaktion verschiedene Kürzungen, besonders bei der Schilderung der Knabenjahre des Helden, vorgenommen; er hat aber zugleich das Gestrichene durch passende kurze Einschaltungen erklärt und so dem Leser das Verständniß des tiefdurchdachten Werkes in klarer und meisterhaften Weise ermöglicht.
Inhalt: [ Verzeichnis des Inhalts dieser Nummer, hier z. Zt. nicht dargestellt.]